Documenta 2017, eine Enttäuschung

20170613_192156 (800x732)

Alle fünf Jahre findet in Kassel die große Kunstschau Documenta statt, alle fünf Jahre pilgere ich hin. Beim letzten Mal, im Herbst 2012, schrieb ich begeistert : „Diese Documenta wird mir lange in Erinnerung bleiben. Jede Menge Aura, Magie, Poesie, auch im Schrecklichen.  … Sehr menschenfreundlich und hoffnungsvoll.“

Dieses Jahr kann ich sagen: All das ist die aktuelle Documenta auf jeden Fall nicht.  Nach stundenlangem gelangweilten Durchwandern halbdunkler Räume und Herumirren in tristen Kasseler Straßenzügen hätte ich mich am liebsten in die Betonröhren-Installation von Hiwa K hineingelegt und geschlafen. Von Kunstschülern schön eingerichtet, sollen die Röhren an Flüchtligscamps in Griechenland erinnern.

20170613_132435 (800x600)

Dieses Werk hat mich ausnahmsweise berührt, anders als zum Beispiel die Großinstallation daneben, der Parthenon der verbotenen Bücher.

IMG_20170613_235003_663 (800x800)

Die Konstruktion sieht auf Fotos toll aus, aber von Nahem besehen sind das nur unendliche Mengen an Plastikfolie. Immerhin können Schulklassen sich nun darüber unterhalten, warum da neben Kafka auch Harry Potter hängt.

Auch wenn ich enttäuscht war, will ich euch meine Fotos von (irgendwie) textilen Funden nicht vorenthalten.

20170613_131441 (800x551)

In koreanische Bettüberwürfe gewickelte Gebrauchtkleidung (Komsooja), die Idee wäre gut zuhause mit eigenen Kleiderbergen umzusetzen.

20170613_150425 (800x595)

Von Navayo-Weberin Marilou Schultz gewebte Schaltkreise, (rechts in Auftrag gegeben von Intel Corp, 1994).

20170613_150951 (800x600)

Schlüpfer in Metall gegossen (Sprinkle/Stephens).

20170613_124818 (800x546)

Halbfertige Stickbilder (Bertille Bak). Ich habe vergeblich versucht herauszufinden, was es damit auf sich hat. Die Künstlerin ist noch nicht einmal im Künstlerverzeichnis der Documenta gelistet. (Edit: Wahrscheinlich weil das Werk im Fridericianum hängt, wo die Sammlung des Athener Kunstmuseums EMST ausgestellt wird, also nicht direkt „Documenta -Kunst“?) Sympthomatisch, vieles in den Räumen wirkt beliebig irgendwo hingestellt, Informationen gibt es kaum, zum Teil sind sie falsch übersetzt.

20170613_152405 (800x660)

Bei diesen Collagen mit Ausschnitten aus Handarbeitsanleitungen (Katalin Ladik) habe ich erst jetzt gemerkt, dass eigentlich Tonspuren dazugehörten.

20170613_181316 (663x800)

Schreibmaschinenkunst – erinnerte mich an Strickmuster.

20170613_181850 (800x489)

Performance auf einem schön flauschigen rosa Teppich. Für das bisschen Sinnlichkeit und Lebendigkeit war man gleich ganz dankbar.

20170613_181542 (800x493)

Bilder von Zeltaufbauten über Autodächern (Edi Hila) – auch die haben mir gut gefallen.

Auf die mit Jutesäcken verhüllten Torhäuser (Ibrahim Mahama) hatte ich mich gefreut, aber irgendwie sprang auch hier kein Funke über, alles schlaff, grau, langweilig.

20170613_160937 (800x756)20170613_161138 (800x600)

20170613_161052 (600x800)

Jutesäcke, Rohstoffhandel, Nord-Süd, Ausbeutung, Kolonialismus, diese Symbolik kann man sich schnell übersehen, besonders wenn sie einem in der Documenta-Halle als Maluntergrund noch extra ins Gesicht gedrückt wird.

20170613_134238 (600x800)

20170613_135457 (800x600)

Unmotiviert hingen auch die langen roten Wolltücher der Chilenin Cecilia Vicuña herum, zu nah an dem langen feingestickten Schneebilderband der Schwedin Britta Marakatt-Labba, das viel Interesse fand.

20170613_135440 (600x800)

Wie schön, dass so ein recht konventionell gearbeitetes Textilstück Aufnahme bei der Documenta finden konnte – wohl weil es um die Kultur und Geschichte der Sami geht.

20170613_134444 (800x600)

20170613_134614 (800x600)

Einiges zu erzählen gäbe es über die Indigo-Kunst des Afrikaners Aboubakar Fofana. Leider erfährt man vor Ort in der Ausstellungshalle kaum etwas zu den Pflanzen und Textilien. Wahrscheinlich genügte auch hier das Auswahlkriterium „exotisch, hat irgendwie mit Unterdrückung und Vertreibung zu tun“. Echtes Interesse sieht anders aus.

IMG_20170614_000253_910 (800x800)

Nachträglich fand ich die kurze ARD-Reportage Der Magier des Indigo-Blau , in dem Fofana die Stoffbahnen für die Documenta färbt.

ard magier

Zu sehen sind dort auch die 54 blaubgefärbten Schafe, die Fofana an den zweiten Documenta-Schauplatz in Athen mitgebracht hatte – für jedes afrikanische Land eins, natürlich als Symbol für Flucht und Migration. (Wegen der Schafe hat Fofana in Athen nun mit Tierschützern ordentlich Ärger bekommen – sie sehen die Tiere „erniedrigt“, ein schöner Dreh in der Sache).

20170613_192540 (800x600)

Nach all dem tat es gut, abends im Kasseler Bahnhof vor der Rückfahrt nach Berlin ganz normale Alltagstauben zu beobachten. Fazit des Tagesausflugs: Einiges Interessantes habe ich gesehen, aber das war keinesfalls sechs Stunden im Zug wert. Schade! Das nächste Mal lese ich erst die Besprechungen, dann überlege ich, ob ich mich auf den Weg mache. Falls jemand von euch noch hinfährt oder schon da war: Es würde mich freuen zu hören, wie ihr es empfunden habt.

20 wunderbare Funde aus dem MKG Hamburg – #gemeinfreitag

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat einen Teil seiner Sammlung ins Internet gestellt und damit öffentlich zugänglich gemacht. Viele dieser Digitalisate hat das Museum der Public Domain zugeordnet, sie sind ohne Einschränkungen nutzbar – in Deutschland ist das für ein Museum ein ziemlich einzigartiger Schritt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, kann ich doch bisher mangels gemeinfreier Bilder nur wenig über deutsche Themen berichten.  Und was für wunderbare Aufnahmen ich schon bei einer ersten Durchsicht der Hamburger Sammlung gefunden habe! Nachfolgend eine kleine Auswahl.

„Frauen in schwedischer Turnkleidung“

Schwedische Turnkleidung? Das „schwedische Turnsystem“ brachte Geräte wie die Sprossenwand nach Deutschland, die damals noch „schwedische Rippenwand“ hieß. Schnürleiber wurden weggelassen, aus Röcken wurden Pumphosen, schwedische Turnhosen genannt.

„Pferd Pyramiden der Mädchen“

„Dunkelbraunes handgestricktes Kostüm. Darunter eine rosa Toilebluse. Weinroter Filzhut.“

 „2 Badeanzüge aus reiner Wolle / getr. v. Leila Diane und Tamara […?] / Modelle: Roeckl, Berlin“. Fotografin Yva,

„Island / 1906 / Große Wäsche in den heißen Quellen bei Reykjavik. Das heiße dampfende Wasser ist übergittert. Links kaltes fließendes Wasser.“

„Hamburg Hafen 1889. Jan Maat mit seinen Leuten, trocknen die Wäsche“

„Dorfkinder, um 1886“

„Hamburg / 1908 Breitergang / Produktenhändler“

Heute würden wir sagen: Recyclingbetrieb. Der Händler auf diesem Foto handelt offenbar mit Rohprodukten, nämlich Lumpen, die für die Papierherstellung nötig waren. Aus 1,5 kg Lumpen konnte 1 kg Papier gewonnen werden.

„D45 Second-Hand Clothes Store“

Gebrauchkleiderhandlung in Japan, 1880 – 1890.

„Illegale Einwanderer in einer Familienunterkunft in Ellis Island“

Vielen Dank an das MKG für den Schritt, die Aufnahmen ohne Einschränkungen nutzbar zu machen! Nur so war es mir möglich, die Bilder hier im Blog zu zeigen und zu verbreiten. Einen weiteren großen Schatz der Sammlung muss ich noch heben: Hunderte Daguerrotypien warten darauf, durchforstet zu werden. Ich liebe ja die Porträtaufnahmen aus den Anfängen der Fotografie, die die Menschen viel menschlicher wirken lassen. Dazu folgt dann noch eine Fortsetzung.

Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.

 

Kurzwaren Nummer 22 – Ausstellungstipps für den Sommer

Schluchz, jetzt wäre ich ja gerade auch gern bei der Eröffnung der Balenciaga-Austellung im V&A in London. Mit einem London-Trip wird es aber wohl nichts, daher habe ich lieber mal wieder nach neuen Ausstellungen im deutschsprachigen Raum geschaut. Und tatsächlich, auf der Sommerreiseroute Richtung Süden wären so einige Kultur-Zwischenstopps möglich, zusätzlich zu denen, die schon in den letzten Kurznachrichten aufgelistet waren.

Ausstellungshinweise

Ausflugstipp Berlin

Wer in Berlin ist, kann sich nach Westend aufmachen –  zu Skulpturen im Georg Kolbe Museum. Allein schon der schöne Ort ist den Weg wert, dazu kommt jetzt noch die Ausstellung Alfred Flechtheim – Kunsthändler der Moderne. Das ehemalige Haus des Bildhauers Georg Kolbe aus den 20er Jahren liegt sehr idyllisch unter hohen Kiefern. Ich war dort bei einem Tweetup, einer Führung für Twitterer dabei und sehr beeindruckt.

Flechtheim war in der Weimarer Republik ein schillernder Kunstförderer, Netzwerker, Händler und Verleger. Die Ausstellung versammelt Skulpturen der Bildhauer, für die er sich einsetzte. In den Räumen des ehemaligen Ateliergebäudes Georg Kolbes kommen die Kunstwerke sehr gut zu Geltung. Dieser Beitrag im rbb gibt einen guten Eindruck.

Da steht man dann plötzlich vor Marlene Dietrich (von Ernesto de Fiori) und meint ihre Präsenz unmittelbar zu fühlen.

Gleich musste ich an die Dokumentation Das letzte Kleid der Marlene Dietrich denken. Marlene wollte unbedingt ein beleuchtetes Kleid – das klappte damals nicht. Heute kann man LEDs einfach einsticken, so dass Marlenes Wunsch nun posthum erfüllt und die Geschichte im Film festgehalten wurde.

Ein Raum ist dem Sport gewidmet, unter anderem mit Skulpturen von Renée Sintenis. Voller Bewegung, bis in den Poloschläger.

Renée Sintenis ist die, die auch den Berliner Bären gestaltet hat.

Munich Berliner Bär Memorial 01Oliver Raupach, Munich Berliner Bär Memorial 01, CC BY-SA 2.5

Sie war eine große, schöne, androgyne Frau, im Künstlerkreis gern fotografiert.

Die Ausstellung erinnert außerdem an das von Flechtheim herausgegebene Zeitgeistmagazin Querschitt (online einsehbar).

Die Geschichte des Sammlers endet wie bei so vielen Künstlern und Intellektuellen der Weimarer Republik:  Als Förderer „entarteter“ Kunst und aufgrund seiner jüdischen Abstammung muss Flechtheim vor den Nazis flüchten, 1937 stirbt er im Exil. Seine Frau nimmt sich vor ihrer Deportation in Berlin das Leben.

Die bronzenen Werke erinnern an eine bessere Zeit, an das legendäre Berlin der 20er Jahre, an eine blühende Kunstszene.

Neben dem Museum liegt dann noch das Café K im ehemaligen Wohnhaus Georg Kolbes.

Es hat unglaublich viel Flair, drinnen wie draußen.

Alles dabei also, für einen Himmelfahrtsausflug ins Grüne des Berliner Westens.

Ein schönes langes Wochenende!

Unentdeckte Textilmuseen – Industriedenkmal Nordwolle #perlenfischen

DSC09823

Blick in das Turbinenhaus auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst bei Bremen. Hier ist eines der größten Industriedenkmäler Europas zu besichtigen.

Nach Museumsperlen fischen – dazu hat der Blog Museumsperlen aufgerufen. Anlass für mich, endlich einmal vom Besuch eines untergegangen Textilstandorts in Niedersachsen zu berichten. In dem Industriekomplex zwischen Bremen und Oldenburg wurde früher Wolle aufbereitet und Garn gesponnen.

DSC09795

Das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur bietet einen sehr fundierten Einblick in die Firmengeschichte der Nordwolle. Man bekommt ein Gefühl für Arbeit und Leben in einer Fabrik über hundert Jahre hinweg, von 1880 bis 1980.

DSC09964

Zu den besten Zeiten der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei arbeiteten auf dem Gelände 4.000 Menschen. Das Gebiet war eine Stadt in der Stadt mit Arbeiterhäusern, Krankenanstalt, Speisehaus und Badeanstalt.

DSC09792

DSC09884

Der Zylinder für den Chef, die Melone für den Angestellten, die Mütze für den Arbeiter – nur drei Exponate, und die Hierarchie in der Fabrik ist geklärt.

DSC09827

Als ob der Bürostuhl nur kurz verlassen wurde.

DSC09843

Gang durch die Produktionsschritte.

DSC09867

Maschinen in Aktion: Das Spinnen ist unglaublich laut.

DSC09874

DSC09876

„Ein Kopftuch ist kleidsam und schützt vor Gefahr“.

DSC09838

„Ordnungssinn bringt Gewinn“.

Ganz nebenbei erzählt der Rundgang auch ein Geschichte von Gastarbeit und Einwanderung.

NWK = Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei

Gegründet hat das Textilimperium die Bremer Kaufmannsfamilie Lahusen. Das Museum erzählt auch die Geschichte vom Aufstieg und Fall dieser Unternehmerdynastie, Räume sind anschaulich nachgebaut.

DSC09860

Der Zusammenbruch des größen europäischen Woll-Imperiums nach Bilanzbetrügereien war ein Skandal. Die Pleite im Jahre 1931 riss mehrere Banken mit in den Abgrund, weltweit verloren 20.000 Menschen ihre Arbeit und viele Sparer ihr Geld.

DSC09856

Zu diesem Aspekt hat Radio Bremen gutes Material zusammengetragen. In einer ARD-Doku der wird der Fall spannend erzählt: Der große Crash Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland. Aus den Akten des Prozesses um die Pleite entwickelte die Bremer Shakespeare Company ein Theaterstück.

DSC09942

Die Nordwolle konnte sich in Nachfolgegesellschaften noch bis in die 1980er Jahren halten, gab dann aber auf. Textilien waren in Asien längst günstiger zu produzieren, die Arbeitsplätze in Delmenhorst fielen der Globalisierung zum Opfer. Der Stadt ging es nicht besonders gut, auch während meiner norddeutschen Kindheit hatte sie nicht den besten Ruf. Umso überraschter war ich, inzwischen dort heute so eine Sehenswürdigkeit zu finden. Das Museum bietet auch Führungen und Aktionen an, das Stadtmuseum nebenan bringt zusätzliche Einblicke in die Geschichte Delmenhorsts.

Das Gelände gehört zur Europäischen Route der Industriekultur und ist auf jeden Fall einen Abstecher wert. Bis zum 20. August 2017 läuft außerdem eine Sonderausstellung mit textilen Schätzen chinesischer Bergvölker.

Danke für die Blogparade #perlenfischen vom Infopoint Museen & Schlösser in Bayern – ohne diesen Anstupser hätten es meine Fotos und mein Bericht vielleicht nie in den Bog geschafft.

Nach dem Museumsbesuch noch schnell ein Gang in eine andere unerwartet schöne Ecke der Stadt, die Graftanlagen – dazu läuft „Delmenhorst“ von Element of Crime.

DSC09785
Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

DSC09982

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

DSC09990

Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 

Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

Kurztrip nach Kopenhagen

Messingtürgriff

In Kopenhagen findet man viele schöne Sachen, stilvolle Türdrücker zum Beispiel.  Wir waren gerade mal wieder kurz in der Stadt und ich teile hier gern ein paar Tipps und Erfahrungen, falls ihr mal hinfahren wollt.

Was unternehmen?

Meine Besichtigungspläne sind immer ziemlich museumslastig, daher waren wir dieses Mal zum Ausgleich auch im Tivoli. Der Freizeitpark mitten in der Stadt ist schon über 150 Jahre alt und hat viel Flair, vor allem abends, wenn die Lichter angehen.

Die Fahrgeschäfte kann man sich eigentlich sparen, aber das Riesenrad finde ich ganz ulkig.

Nun aber zu den Museen, die ich bisher kenne:

Mein absoluter Liebling, das Louisiana Museum of Modern Art, liegt eine halbe Stunde nördlich von Kopenhagen, gut per Bahn zu erreichen. Tolle Architektur, direkt an der See gelegen.

Immer gute Ausstellungen, die sich auch Skeptikern der modernen Kunst ohne Vorwissen erschließen.

(2014)

Eine der aktuellen Ausstellungen ist dem Architekten Wang Shu gewidmet, der traditionelle chinesische Herstellungsmethoden in seine Bauten einfließen lässt. (Z.B. oben Abdruck einer Bambusmatte in Beton, unten Glasurproben).

In Kopenhagen selbst gibt es aber auch viele interessante Häuser:

  • Carlsberg Glyptoteket mit tollem Palmeninnenhof,  Skulpturen, skandinavischer und französischer Malerei.

(Rauchen verboten, eleganter Hinweis)

  • David Collection – Unter anderem große Sammlung islamischer Kunst, auch mit Textilien, in einem schönen alten Haus. Eintritt frei.

Im Park neben der David Collection waren die Bäume kurz vorm Ausschlagen, ein schöner Anblick im Abendlicht.

Zu anderen Textilorten kann ich gar nichts sagen, aber vielleicht weiß jemand empfehlenswerte Adressen und meldet sie in den Kommentaren? Kostüme soll es im Nationalmuseum geben, aber dorthin konnte ich den Familientross nicht dirigieren. Sehr interessant hörte sich auch Brede Works an, eine frühere Textilfabrik.

Ein sehr schönes Kino ist das Grand Teatret. Wir haben dort Manchester by the Sea gesehen, das war für mich der beeindruckendste Film aus dem letzten Jahr. (Die meisten Filme laufen in der Originalversion mit dänischen Untertiteln).

Was kaufen?

Im Louisina Museum gibt es einen großen Museumsshop mit toller Auswahl – hier zum Beispiel Querbinder bzw.Fliegen, aus Wax-Print-Stoffen.

Auch im Kaufhaus Illum ist viel dänisches Design zu finden. Und natürlich überall in der Stadt, die sich zu Fuß gut erkunden lässt.

Wo essen?

Essen war immer sehr lecker, ich liebe ja vor allem die Smörrebröd (Smørrebrød, Butterbrot, „Schmierbrot“), die Schwarzbrote, kunstvoll belegt mit Beef, Ei, Lachs… Und genauso das Wienerbröd, süße Plunderteilchen oder Kranzkuchen. Die Markthalle nahe der Norreport Station war ein Ess-Paradies, aber auch das Café Norden und die Cafeteria im Louisiana Museum sind sehr zu empfehlen (man muss nur antizyklisch essen, sonst ist es zu voll). Die Gerichte waren meist sehr instagramtauglich angerichtet.

Klassischer sahen die Smørrebrød bei Slotskaelderen aus, das habe ich nur durchs Fenster gesehen und merke es mir für das nächste Mal.

Wo schlafen?

Wir waren nun schon zweimal im Ibsens Hotel. Dänisches Design auch im Hotel Alexandra. Das Somandshjemmet Bethel ist gut in Wassernähe gelegen.

Wie teuer?

Ziemlich teuer. Ich schätze mal, die Restaurants und Cafés berechnen ca. ein Drittel mehr als in Berlin. Dafür schien Trinkgeld unüblich zu sein. Ich fand es sehr interessant, dass wir fast immer das Essen am Tresen bestellen mussten – so spart man Personal. Ich kann mir vorstellen, dass sich das bei uns auch bald verbreiten wird, denn in Berlin sehe ich überall Aushänge, mit denen Servicepersonal gesucht wird. Beim Beim Klamotten-Shoppen konnte man schön die Preise vergleichen, wenn auf den Etiketten für den europäischen Vertrieb sowohl Dänische Kronen als auch Euro ausgzeichnet waren. Manches war in Kronen günstiger, manches teurer.

(C.W. Eckersberg, Carlsb. Glypt.)

Soweit mein kleiner Erfahrungsbericht. Natürlich freue ich mich insbesondere auch über eure Empfehlungen, denn es gibt noch viel mehr zu entdecken. Wie immer würde mich vor allem interessieren, welche Orte sich für textilbegeisterte Menschen lohnen, ob Ausstellung oder Stoffparadies.

Vielen Dank für jeden Hinweis, nutzt ja dann allen!

Notizen aus New York

3771477058493070-640x480

Ganz spontan mal eben nach New York – das geht, wenn man erst günstige Flüge ergattert und dann auch noch ein nettes Airbnb-Zimmer findet. Es hat mir gut getan, meine Bequemzone zu verlassen und mich ohne große Vorplanung ins (vermeintliche) Abenteuer zu stürzen. Hier nun ein paar Tipps, fast alle kostenlos.

20161026_120222-640x360

Flug, Zimmer und Nahverkehr

Dank des Bordprogramms mit hunderten Filmen und Serien zum Auswählen lässt sich der lange Flug gut überstehen. Wenn man  dann auch noch im Nähzimmer einer New Yorkerin übernachten kann, ihre Küche benutzen darf und für 30 Dollar eine Wochenkarte Nahverkehr kauft, sind die wesentlichen Grundbedürfnisse erfüllt. (New York hat die Vermietung ganzer Wohnungen über Airbnb zwar verboten, Privatzimmer dürfen aber weiterhin angeboten werden).

img_20161019_161500-640x640

Pendlerfahrt mit der Staten Island Ferry

Eine gute Idee, wenn man angekommen ist und dem Jetlag nicht nachgeben will: Eine Abendfahrt mit der Staten Island Ferry, hin und zurück an der Skyline und der Freiheitsstatue vorbei. Die Fahrten kosten nichts, außerhalb der Rushhours gibt es auch genug Platz.

foto-20-10-16-01-13-35

Andere Sehenswürdigkeiten für Spaziergänge und Staunen: Die Highline (eine ausgediente Hochbahntrasse), der Times Square, der Gang über die Brooklyn Bridge bei Nacht und vieles mehr.

Shoppen

Unglaublich aufwendige Schaufensterdekorationen, schöne Geschäfte – einen ganzen Tag kann man nur mit Gucken verbringen. Im Quilter- und Strickhimmel PurlSoho war ich auch. Selten habe ich ein Geschäft gesehen, in dem vor allem die Stricksachen so geschmackssicher ausgewählt waren. Gekauft habe ich nichts, alles zu schön. Geld ausgegeben habe ich dafür im Vintage-Laden Beacons Closet. Anders als in Berlin ist die Auswahl toll und man findet für unter 20 Dollar schöne Stücke, Designerlabel kosten nur unwesentlich mehr.

20161026_101109-640x540

Dieses Kleid ist nun mein – ich freue mich über die Handnähte im Saum.

20161029_154130-640x360

Ausstellungen

Eintritt frei für zwei schöne Ausstellungen im Museum des Fashion Institute: Zum einen geht es dort um Uniformen und Mode, Uniformity.

foto-25-10-16-23-37-54-640x480 foto-25-10-16-23-39-34-480x640

Zum anderen ist Kleidung der Gräfin Greffulhe zu sehen, It-Girl um 1900 und Muse für Frauenfiguren in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Ausstellung war vorher in Paris, Fashiontwist berichtete darüber.

Proust’s Muse, The Countess Greffulhe at The Museum at FIT, noch bis 7.1.2017

Proust's Muse, The Countess Greffulhe Installation View ccnc

Im Met war gerade keine Kostümausstellung, mir war es dort auch zu voll. Leider sind die bekannten Museen oft ziemlich teuer. Im MoMA kommt man aber freitags ab 16 Uhr umsonst hinein, im MetMuseum und kann man den Eintritt selbst bestimmen. Im Guggenheim läuft zur Zeit Agnes Martin – das ist ein Genuss für alle, die Monochromes mögen. Viele der Ölmalereien wirkten wie gewebt, wie textile Oberflächen – abgesehen davon, dass bei durchscheinender Struktur der Leinwand ja immer eine stoffliche Haptik bleibt.

20161024_164926a-360x640

20161024_165424-640x360

Was mir sonst aufgefallen ist

Das Zusammenleben in der Großstadt läuft viel ziviler ab als in der Berlin. „Folks, make an effort, move a little, then we can all get in – be kind!“ ruft ein Mann an der Tür der proppevollen U-Bahn. Undenkbar in Berlin.

img_20161022_224813-640x478

Obwohl die Bevölkerung ethnisch extrem gemischt ist, sah ich kaum Muslima, die Kopftücher trugen. Dafür waren (wohl wegen des Laubhüttenfestes) um so mehr jüdisch-orthodoxe Großfamilien unterwegs. Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte, darüber wunderte ich mich, das muss ich noch weiter recherchieren.

Was mir gefehlt hat: Essen aus Porzellangeschirr, gutes Essen, Essen mit Muße. Die Norm sind Schnellrestaurants mit Pappbechern und Tüten, auch in den Wohngebieten schwirren überall Lieferanten herum, die den Menschen selbst das Frühstück mit dem heißen Kaffee in den 5. Stock an die Tür bringen. Jetzt verstehe ich auch die unübersehbare Werbung von Lieferdiensten wie Lieferando hier in Berlin, die den Markt offenbar erschließen wollen – in New York ist es längst die Norm, nicht mehr selbst zu kochen. Ich glaube, das wird eine der Neuerungen, die ich aufgrund fortgeschrittenen Alters nicht mehr in meinen Lebensstil integrieren kann. Auf Fahrdienste wie Uber freue ich mich aber – die sind in einer Großstadt wirklich praktisch.

Nun muss ich erst einmal den Jetlag auskurieren und mir überlegen, ob ich etwas zur Stoffspielerei bei Griselda morgen beitragen kann, das Thema ist „Blätter“. Sie hat auch wieder einen neuen tollen Taschenschnitt im Angebot, geht ruhig mal gucken.

20161029_143601-640x442-2

(Im Shop des Guggenheim Museums wird Hedwig Bollhagen zu astronomischen Preisen verkauft  – das hätte sich die Keramikerin sicher nicht träumen lassen.)

Unterwegs – Große und kleine Ausstellungen

barbier1914rijksmuseumviaRijksmuseum

Wie jedes Jahr versuche ich, in unsere Reiseroute möglichst viele Textilmuseen hineinzuschmuggeln. Potentielle Ziele wollte ich hier teilen, aber nun habe ich allein schon in Deutschland so viele neue Ausstellungen gefunden, dass die Liste (fast) auf den deutschprachigen Bereich beschränkt bleibt. Es tut sich museal etwas im Bereich der Kleidung und Mode, scheint mir!

Zunächst ein Bericht aus Berlin, gestern hat hier nämlich tatsächliche eine Ausstellung zum Thema Redensarten eröffnet. Ich musste natürlich hin, in das schöne alte Gebäude des Museums für Kommunikation.

MKN-Fuchs-WA--Signet-Internet-240x240-200x200

bis 16. 10. 2016   Mein Name ist Hase! Redewendungen auf der Spur

Kurator der Ausstellung ist der ‚Redewendungs-Papst‘ Rolf-Bernhard Essig, der auch schon zahlreiche Bücher zum Thema geschrieben hat. Er hat viele bekannte Redensarten ausgesucht und erklärt sie mit den dazugehörigen historischen Gegenständen. So weiß ich zum Beispiel nun endlich, was ein Scherflein ist, oder wie eine tabula rasa aussieht. Textile Redensarten wie das Spinnen, das Verhaspeln und das Durchhecheln waren auch dabei, passend kombiniert mit mit Spinnrad, Haspel und Hechel. Das Museum ist ein schönes Ausflugsziel für die ganze Familie, in der Sonderausstellung können alle Generationen über die Ausdrücke fachsimpeln.

deko6

Weitere Ausstellungen in Berlin und drumherum:

Berlin – Stadt der Frauen im Ephraim Palais. Das Leitmotiv ist das Korsett – Eindrücke aus einer  Snapchat-Story dazu.

Contemporary Fine Arts bis 10. 9. 2016 – F.C. Gundlach  90 JAHRE 90 FOTOS ZUM GEBURTSTAG

Kunstgerwerbemuseum bis 28.8.  Beautiful Mind. Ein Schmuckstück für Cranach

Potsdam   bis 24.07.  uni-form? Körper, Mode und Arbeit nach Maß

Die Ausstellung widmet sich der wechselvollen Geschichte und Gegenwart des textilen Handwerks und der Bekleidungsproduktion in Brandenburg-Preußen.

deko6

Eine Übersicht über andere Ausstellungen im deutschsprachigen Raum findet ihr auf der Extra-Seite.  Neu hinzugekommen ist :

——————————
Jever, Schlossmuseum  bis 30.10.
Fremd in Friesland
————————————————-
Hamburg Museum für Kunst und Gewerbe bis 27. August.
Sneaker. Design für schnelle Füße„,
————————————————-
Bramsche, Tuchmachermuseum bis  18.09.2016
Das Passt! – Kleiderwahl im Wandel
————————————————-
Dortmund bis 18.09.2016
Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit – Porträts, Mode, Reportagen
—————————————————
Oberhausen, Schloss, bis 18. September 2016
REGINA RELANG Inszenierte Eleganz
Mode- und Reportagefotografie von 1930 bis 1980
—————————————————

Nachtrag 1.7. (mit ausdrücklicher Empfehlung von Bele)

VORSCHAU    15.7. – 16.10.2016
Darmstadt Landesmuseum, Chic! – Mode im 17. Jahrhundert
„18 Kostümoberteile, einst getragen von wohlhabenden Damen und Herren der Kölner Gesellschaft und entstanden zwischen 1610 und 1675, gehören zu den absoluten kostümgeschichtlichen Raritäten.“

csm_160426_HLMD_CHIC_Katalogcover_U1_300dpi_0eded379d1

————————————————–
Oberpfalz  > Ausstellungsreihe bis Herbst 2016, 16 Museen beteiligt
Tracht im Blick – die Oberpfalz packt aus

webbanner_neu

„Die Trachtenbewegung ging im 19. Jahrhundert nicht von den Bauern auf dem Land, sondern vom aufstrebenden Bürgertum in den Städten aus.“

—————————————–
Aichach (bei Augsburg), Sisi-Schloss  bis 23.10.16
Kaiserin Sisi- Drunter und Drüber
——————————————

WIEN (A) Wien Museum  bis 30.10.

Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

——————————-

Forum Würth Rorschach    (CH)    bis 26.2.2017Werke aus der Swiss Textile Collection und Sammlung Würth im Dialog

Bericht dazu im Bernina-Blog

HINWEISNachtrag 30.6.: Teresa sagt in den Kommentaren etwas zur Hutausstellung in Wien, das wahrscheinlich für einige der Termine hier in der Liste gilt: „Aus diesem Thema hätte man mehr herausholen können aber wenn man schon da ist lohnt es sich das anzusehen was geboten wird.“  In heutiger Zeit steigen die Social Media Budgets der Museen wahrscheinlich umgekehrt proportional zu den Ausstellungsbudgets, daher sind manche Meldungen vielleicht auch eher heiße Luft? Jede Rückmeldung dazu freut mich und hilft anderen bei der Besuchsplanung.

deko6

In anderen Länder ist auch eine Menge los, siehe dafür hier z.B. die Top 6 Fashion and Design Exhibitions .

Wer in Frankreich in die Nähe von Lyon gerät, sollte für das Musée des Tissus et des Arts Décoratifs de Lyon einen Stop einlegen. Das Museum mit der größten Textilsammlung der Welt steht kurz vor der Schließung, weil die öffentliche Förderung ausgesetzt wurde. Schon über 100.000 haben eine Petition für die Rettung des Museum unterschrieben, bisher erfolglos.  Ich habe fest vor, dort diesen Sommer noch  vorbeizuschauen.

deko6

Und sonst?

Habe ich mich ziemlich fassungslos durch die Kommentarspalten der englischen Zeitungen gelesen, durch die ganze Bandbreite vom Guardian bis zur Daily Mail, um zu verstehen, wie es zum Brexit kommen konnte. Ich lebe ja eher in einer ‚Guardian-Bubble‘, aber wenn man sich in der Presse der Brexit-Befürworter umschaut, dann sieht die Welt ganz anders aus. Die EU heißt dort nur ‚the bloc‘ und steht kurz vor dem Zerfall. Merkel fehlt nur noch ein Hitlerbärtchen und Frankreich bereitet in Calais gerade eine Migranteninvasion nach England vor.

Aufgrund meiner Recherchen hat Twitter mir nun folgendes vorgeschlagen:

jbpho

also höre ich lieber auf und gehe in meine liberale Blase zurück.

14778511035_208130470b_o

Dann muss ich auch nicht über das Spaltungspotential in Deutschland nachdenken. Im Briefkasten am Zaun meines verwilderten ‚Naturgartens‘ fand ich diesen Zettel, handgeschrieben:

2016-06-29 19.19.44_resized

14782013462_9459babda9_zvia

Gute Nacht!

Modegeschichte – Wo sind die Kleider der Dicken?

duplessis Madame1776, Met

Wenn Museen Teile aus ihren Kostümsammlungen ausstellen, sind selten große Größen dabei. Woran liegt das? Gab es früher  weniger dicke Menschen, existiert ihre Kleidung nicht mehr, oder werden sie ungern gezeigt?

Der Frage geht Kitty Koma nach, weil die Kaltmamsell im Fashion Museum in Bath feststellte, dass nur Kleidung schlanker Frauen ausgestellt war. Einzige Ausnahme: Queen Victoria.

Hier waren runden Schönheiten, die heute als dick gelten würden, ja schon einmal Thema.

fat advert1915

Aber ihre Kleidung? Eine Ausstellung in New York „Beyond Measure  – Fashion and the Plus Size Woman“ vom Anfang des Jahres fragte nach dem Bild dicker Frauen in der  Modegeschichte.  Ausstellungsstücke waren schwer zu finden, weil, so berichten die Kuratoren in einem Artikel der New York Times,  es weder gewichtige Figurinen gab, noch Mode, um sie zu kleiden.

Those are simply too hard to come by, as Ya’ara Keydar, a graduate student and an organizer of the show, explained. Ms. Keydar recalled that during a recent visit to an exhibition of historic evening dresses at the Sigal Museum in Easton, Pa., there was only one plus-size dress on display.

“Those garments don’t get shown unless you’re someone famous, like Queen Victoria,” Ms. Jenkins said. Even in museums with dedicated costume wings, there is a bias, she said.

Stimmt das? Sind die Sammlungen voreingenommen? Andere Stimmen dazu habe ich nicht gefunden. Wenn man beim Metmuseum online nach Kleidern sucht, findet man tatsächlich kaum stärkere Figuren. Allerdings ist man auf die Optik der Fotos angewiesen, außer der rückwärtigen Länge gibt es keine Maßangaben.

metmusTea Gown 1910-15, Met

Händler für Antikkleider haben offenbar auch nur wenig Kleider in großen Größen im Angebot. Antique Gown zeigt ein Abendkleid vom Ende letzten Jahrhunderts mit Taillenweite 82  (4.800 Euro). Bei Händlern halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass sie große Größen diskriminieren. Die Kleider sind einfach zu viel wert.

Es könnte ja auch sein, dass es sowohl bei den Händlern als auch in den Museen nicht viele Kleider dicker Frauen gibt, weil es am  Angebot mangelt. Vielleicht gilt, was das Met zu einem Straßenkleid sagt:

The women’s walking costume is one of the most difficult ensembles to find currently in pristine condition. Partially because few women felt compelled to include such a pedestrian costume in their trousseaus, and partially due to the natural deteriorations caused by light, moisture and old age, the well-kempt walking costume of the 1880s and 1890s can be found in few modern costume collections.

„Nur wenige Frauen sahen einen Anlass, so ein Straßenkleid aufzuheben“. Welche Kleidung hebt man denn selbst auf? Besonders schöne Stücke mit besonderen Erinnerungen vielleicht, die wahrscheinlich eher aus Jugendjahren stammen, als man noch nicht so in die Breite gegangen war – wer weiß. Das Fat-Shaming hat seine Wurzeln schließlich im 19. Jahrhundert. Vielleicht wurden große Kleider aber auch einfach nur länger getragen, weil sie leichter angepasst und umgearbeitet werden konnten, wie Kitty Koma überlegt.

Im Modemuseum Meyenburg, das ja ab 1900 eine riesigen Fundus zeigt, hatte ich nicht das Gefühl, nur Kleidung schlanker Frauen zu sehen. Es war eher ein Querschnitt durch alle möglichen Frauenformen. Ein Blick in den Katalog bestätigt den Eindruck.

20160607_114919

20160607_114844

Ich würde mich sehr freuen, dazu Meinungen oder Erfahrungen zu hören. Hattet ihr in Ausstellungen auch schon das Gefühl, nur schlanke Modelle vor euch zu sehen? Welche Größe haben  Kleidungsstücke, die euch vererbt wurden? Nach welchen Kriterien wird gesammelt und ausgestellt? (Eine hier weiß bestimmt etwas dazu :)). Kittykoma geht der spannenden Frage auch noch nach. Wir werden sehen!

 

* An alle, die mit Englisch nicht so klarkommen: Diesmal hatte ich keine Energie für Übersetzungen, vielleicht hole ich das noch nach. Ansonsten ist Google Translator eine kleine Hilfe.

 

Kultur in Friesland – Schlossmuseum, Tee und Himmelstorte

f136178218700363 (3)

Gerade ist hier wieder richtig norddeutsches Wetter. Es ist kalt und windig und also der passende Moment für einen Bericht von der Nordseeküste, der eigentlich schon vor einem Jahr hätte erscheinen sollen. Weiter unten geht es um Tee und Torte, aber zunächst kommen die Textilien dran.

Auf dem Weg zu einem Kurzurlaub auf den ostfriesischen Inseln kann man schön beim Schlossmuseum Jever Station machen.  Als wir spontan dort hielten, wusste ich nicht, dass das Museum eine umfangreiche Mode- und Textilsammlung beherbergt.  Vom Keller bis ins Dachgeschoss fand ich interessante Exponate, was locker einen halben Tag ausfüllte.

20150408_141345.jpg

Ich lernte, dass die Menschen dieser Region in den letzten Jahrhunderten immer relativ frei waren. Die zum Schloss gehörenden Herren lebten als „ferne Fürsten“ weit weg und ließen sich von Statthaltern vertreten. Es gab keine Adelsgüter, die wohlhabenden Marschenbauern konnten sich selbstbewusst behaupteten, ebenso wie das Bürgertum in der Stadt. Oft waren sie wohlhabender als die fürstlichen Beamten und leisteten sich eine repräsentative Ausstattung.

blog20150408_143121

Oben ein feines Taufkleid, unten blassrosa Einzelteile für ein Gewand.

blog20150408_142837

Kurios: Für einige Zeit war auch die Zarin Katharina II. Herrin auf Jever. Die gebürtige Prinzessin von Anhalt-Zerbst hatte das Jeverland von ihrem Bruder geerbt. Natürlich ließ auch sie sich nur vertreten. So kommt es aber, dass einige Portraits der Zarenfamilie heute noch im Schloss hängen.

20150408_133857bearb

So wie hier Sohn und Schwiegertochter der Zarin,  Paul I. und seine (aus Württemberg stammende) Frau Maria Fjodorowna.

Das folgende Ehepaar ist komplett bürgerlich.  Der Pastor würdig mit Perücke, seine Frau sehr reich gekleidet, mit dem aufgeschlagenen Botanikbuch ihr Interesse für dieses Fach zeigend . Solche kleinen Informationen gab es oft in den Bildbeschreibungen dazu, das hat mir gut gefallen.

blog20150408_142048

(Generell gefallen mir Museen, in denen Bilder schief hängen.)

Die Kuratoren haben sich auch kritisch mit der Sammlungsgeschichte auseinandergesetzt.  Der Heimatverein hatte lange Zeit vorrangig Objekte erworben und ausgestellt, die als „friesisch“ und „vaterländisch“ galten. Vermeintlich Althergebrachtes wurde idealisiert, so wie die „Bauernstuben“, die Wohnräume der ländlichen Bevölkerung im späten 18. Jahrhundert nachstellen sollten.

20150408_150947

Nachdem ich das noch einmal pflichtbewusst erwähnt habe,  werden ich im Nachfolgenden hemmungslos von friesischen Traditionen schwärmen, angefangen mit blau-weißem Friesenmuster auf zierlichen Teekannen, die mit kräftigem Tee gefüllt sind.

4image2

So wie hier im Café Kluntje auf der Insel Baltrum.  Kluntje heißen die dicken Kandiszuckerstücke, die bei der friesischen Teezeremonie zuerst in die Tasse gehören. Gießt man dann den (dank der hübschen Stövchen aus Messing) knallheißen Tee darauf, so knistert es ganz leise und entzückend in den dünnwandigen Tassen. Das nachfolgende Wölkchen Sahne (idealerweise von einem speziellen Sahnelöffel geflossen) lasse ich persönlich weg. Dieser kurze Spot „Das Beste am Norden“ aus der guten Stube einer älteren Dame macht alles klar.

Die New York Times war diese Teekultur schon einmal eine Reiseempfehlung wert. „Where the Water Is Soft and the Tea Is Bold“. Ja, das mit dem weichen Wasser, das ist der Schlüssel zum Glück. Dieselbe Teesorte, die an der Küste zu einem orange-goldenen hocharomatischen Aufguss wird, ergibt mit Berlins hartem Wasser nur eine graue schlierige Plörre. (Und nein, Wasserfilter helfen da nicht, alles schon probiert, da werden die Geschmacksträger gleich mit rausgefiltert. Das einzige was ansatzweise funktioniert ist dieses Quellwasser hier).

Vom Tee geht es dann weiter zur friesischen Himmelstorte. Im Café habe ich wirklich die beste Version ever dieser Lagentorte mit Sahne und Pflaumenmus gegessen.

fries

Seitdem bastle ich daran herum, auch so eine Torte hinzubekommen. Es gibt verschiedene Rezeptvarianten und ich möchte NICHT die mit den Blätterteigböden. Da quetscht dann beim Durchschneiden immer gleich die ganze Sahne an der Seite heraus. Zum Glück hat das Café unter dem Menüpunkt ‚Rezept‘ die Zutaten für seine Torte aufgeschrieben. Ich werde es morgen noch einmal probieren, und dann berichte ich hier, wie es gelungen ist und an welcher Stellschraube noch zu drehen ist. (Ich weiß bereits, dass ein Knackpunkt das Pflaumenmus ist, das einfach exzellent sein muss).  Sehr gern nehme ich Tipps entgegen. Ansonsten bis in Kürze, schönen Feiertag wünsche ich, mit hoffentlich hervorragenden Heißgetränken!

Nachtrag 10. 5. 2016

So, hier nun der Kuchen.

IMG_20160505_161327ab

Er war ganz lecker, aber mir persönlich zu süß und zu schwer geraten.  Das Rezept aus dem Café (Menüpunkt ‚Rezept‘) ist auch mehr ein Konditorenprogramm, da konnte ich nicht ganz mithalten, z.B. das mit dem Eischnee und dem heißen Wasser hat nicht geklappt und das mit der Sahne und der Gelatine hat die Sahne zu fest gemacht. Bei den Böden gab es auch wieder Quetschalarm, zu hart, da wäre weniger Butter und mehr Backpulver vielleicht ein Option. „Ein Glas“ Pflaumenmus, wie im Rezept angegeben, ist naürlich relativ und war hier auch zuviel, eben zu süß.  Also, ich probiere weiter und erst wenn ich die optimale Variante gefunden habe, rücke ich sie raus.

Meisterwerken auf die Naht gefühlt

rogiervanderWeydenGA
Die Flügelhaube dieser jungen Frau von ca. 1440 wird mit Nadeln gehalten. Zum Glück haben Maler wie Rogier van der Weyden genau hingeschaut, so dass wir eine Menge aus den Kleidungsdetails in alten Bildern lernen können. Für den Gesamtanblick könnt ihr zum Bildnis einer jungen Frau bei Wikimedia/Google Art Project gehen.rogiervanderWeyden1aGA

Manche Bilder dort sind so hochauflösend fotografiert worden, dass auch große Werke wie Die Gesandten (1533) von Hans Holbein dem Jüngeren bis in jeden kleinen Pinselstrich betrachtet werden können. Hier drei Ausschnitte:

Hans Holb younger amba2GA

Hans Holb younger amba1GA

Hans Holb younger amba3GATotal faszinierend finde ich diese Strukturen und Texturen, die kleinen Fäden, die aus dem Teppichrand hängen, die Verschlussdetails .

Noch einmal Rogier van der Weyden bzw. seine Werkstatt, Porträt Isabella von Portugal, (1450/1500). Das Gewebe im Detail:

rogiervanderWeyden1GA

rogiervanderWeyden1abGA rogiervanderWeyden1cGA

Bei  Charles de Solier hat Holbein sich ganz genau um die aufgestickten Schnüre des schwarzen Gewands gekümmert:

hans holb young GA

Auch bei Holbeins Porträt von Heinrich VIII. , ca. 1537,  blitzt das Hemd schön weiß aus den Schlitzen hervor:

hans holb young 3 GA

hans holb young 4GA

An der Schulternaht des Hemdes  sieht man ein kleines schwarzes Stickmuster.  Blackwork-Stickerei mit schwarzem Seidenfaden auf weißen Grund war sehr populär zur Zeit Heinrich VIII.  Bei den Ärmelabschlüssen von Jane Seymour hat Holbein d. J. 1536 jeden einzelnen Stich der Schwarzstickerei dargestellt:

hans holb young jane sey 2GA

Jane Seymour trägt roten Samt mit goldenem Netzwerk. Die Fixierung des Vorderteils blitzt in goldenen Punkten hervor, die Perlen reflektieren auf dem Stoff, um den Glanz des Samtes malerisch zu erfassen.

hans holb young jane sey1 GA

janeseymour GA

Beim Porträt des Sohns von Heinrich VIII. und Jane Seymour, Edward VI. als Kind,  hat Hans Holbein d. J. jeden Faden in der Borte am Halsausschnitt ausgearbeitet :

Hans Holb younger 4 GA

Einige Jahre später auf dem Kontinent malt Lucas Cranach der Ältere  Martin Luther:

cranachlutherGA

Das schwarze Band ist hier die einzige Zier. Bei Cranachs Bild Judith mit dem Kopf von Holofernes halten schwarze Bänder die Teile des Ärmels über dem Hemd zusammen.

cranachjudithGA

Für heute genug. Hoffentlich erfreuen euch diese Entdeckungen genau so wie mich? Mir haben sie den grauen Sonntag etwas aufgehellt. Noch einen schönen Tag also und bis bald!