Kurzwaren Nummer 22 – Ausstellungstipps für den Sommer

Schluchz, jetzt wäre ich ja gerade auch gern bei der Eröffnung der Balenciaga-Austellung im V&A in London. Mit einem London-Trip wird es aber wohl nichts, daher habe ich lieber mal wieder nach neuen Ausstellungen im deutschsprachigen Raum geschaut. Und tatsächlich, auf der Sommerreiseroute Richtung Süden wären so einige Kultur-Zwischenstopps möglich, zusätzlich zu denen, die schon in den letzten Kurznachrichten aufgelistet waren.

Ausstellungshinweise

Ausflugstipp Berlin

Wer in Berlin ist, kann sich nach Westend aufmachen –  zu Skulpturen im Georg Kolbe Museum. Allein schon der schöne Ort ist den Weg wert, dazu kommt jetzt noch die Ausstellung Alfred Flechtheim – Kunsthändler der Moderne. Das ehemalige Haus des Bildhauers Georg Kolbe aus den 20er Jahren liegt sehr idyllisch unter hohen Kiefern. Ich war dort bei einem Tweetup, einer Führung für Twitterer dabei und sehr beeindruckt.

Flechtheim war in der Weimarer Republik ein schillernder Kunstförderer, Netzwerker, Händler und Verleger. Die Ausstellung versammelt Skulpturen der Bildhauer, für die er sich einsetzte. In den Räumen des ehemaligen Ateliergebäudes Georg Kolbes kommen die Kunstwerke sehr gut zu Geltung.

Da steht man dann plötzlich vor Marlene Dietrich (von Ernesto de Fiori) und meint ihre Präsenz unmittelbar zu fühlen.

Gleich musste ich an die Dokumentation Das letzte Kleid der Marlene Dietrich denken. Marlene wollte unbedingt ein beleuchtetes Kleid – das klappte damals nicht. Heute kann man LEDs einfach einsticken, so dass Marlenes Wunsch nun posthum erfüllt und die Geschichte im Film festgehalten wurde.

Ein Raum ist dem Sport gewidmet, unter anderem mit Skulpturen von Renée Sintenis. Voller Bewegung, bis in den Poloschläger.

Renée Sintenis ist die, die auch den Berliner Bären gestaltet hat.

Munich Berliner Bär Memorial 01Oliver Raupach, Munich Berliner Bär Memorial 01, CC BY-SA 2.5

Sie war eine große, schöne, androgyne Frau, im Künstlerkreis gern fotografiert.

Die Ausstellung erinnert außerdem an das von Flechtheim herausgegebene Zeitgeistmagazin Querschitt (online einsehbar).

Die Geschichte des Sammlers endet wie bei so vielen Künstlern und Intellektuellen der Weimarer Republik:  Als Förderer „entarteter“ Kunst und aufgrund seiner jüdischen Abstammung muss Flechtheim vor den Nazis flüchten, 1937 stirbt er im Exil. Seine Frau nimmt sich vor ihrer Deportation in Berlin das Leben.

Die bronzenen Werke erinnern an eine bessere Zeit, an das legendäre Berlin der 20er Jahre, an eine blühende Kunstszene.

Neben dem Museum liegt dann noch das Café K im ehemaligen Wohnhaus Georg Kolbes.

Es hat unglaublich viel Flair, drinnen wie draußen.

Alles dabei also, für einen Himmelfahrtsausflug ins Grüne des Berliner Westens.

Ein schönes langes Wochenende!

Unentdeckte Textilmuseen – Industriedenkmal Nordwolle #perlenfischen

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Blick in das Turbinenhaus auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst bei Bremen. Hier ist eines der größten Industriedenkmäler Europas zu besichtigen.

Nach Museumsperlen fischen – dazu hat der Blog Museumsperlen aufgerufen. Anlass für mich, endlich einmal vom Besuch eines untergegangen Textilstandorts in Niedersachsen zu berichten. In dem Industriekomplex zwischen Bremen und Oldenburg wurde früher Wolle aufbereitet und Garn gesponnen.

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Das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur bietet einen sehr fundierten Einblick in die Firmengeschichte der Nordwolle. Man bekommt ein Gefühl für Arbeit und Leben in einer Fabrik über hundert Jahre hinweg, von 1880 bis 1980.

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Zu den besten Zeiten der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei arbeiteten auf dem Gelände 4.000 Menschen. Das Gebiet war eine Stadt in der Stadt mit Arbeiterhäusern, Krankenanstalt, Speisehaus und Badeanstalt.

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Der Zylinder für den Chef, die Melone für den Angestellten, die Mütze für den Arbeiter – nur drei Exponate, und die Hierarchie in der Fabrik ist geklärt.

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Als ob der Bürostuhl nur kurz verlassen wurde.

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Gang durch die Produktionsschritte.

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Maschinen in Aktion: Das Spinnen ist unglaublich laut.

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„Ein Kopftuch ist kleidsam und schützt vor Gefahr“.

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„Ordnungssinn bringt Gewinn“.

Ganz nebenbei erzählt der Rundgang auch ein Geschichte von Gastarbeit und Einwanderung.

NWK = Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei

Gegründet hat das Textilimperium die Bremer Kaufmannsfamilie Lahusen. Das Museum erzählt auch die Geschichte vom Aufstieg und Fall dieser Unternehmerdynastie, Räume sind anschaulich nachgebaut.

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Der Zusammenbruch des größen europäischen Woll-Imperiums nach Bilanzbetrügereien war ein Skandal. Die Pleite im Jahre 1931 riss mehrere Banken mit in den Abgrund, weltweit verloren 20.000 Menschen ihre Arbeit und viele Sparer ihr Geld.

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Zu diesem Aspekt hat Radio Bremen gutes Material zusammengetragen. In einer ARD-Doku der wird der Fall spannend erzählt: Der große Crash Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland. Aus den Akten des Prozesses um die Pleite entwickelte die Bremer Shakespeare Company ein Theaterstück.

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Die Nordwolle konnte sich in Nachfolgegesellschaften noch bis in die 1980er Jahren halten, gab dann aber auf. Textilien waren in Asien längst günstiger zu produzieren, die Arbeitsplätze in Delmenhorst fielen der Globalisierung zum Opfer. Der Stadt ging es nicht besonders gut, auch während meiner norddeutschen Kindheit hatte sie nicht den besten Ruf. Umso überraschter war ich, inzwischen dort heute so eine Sehenswürdigkeit zu finden. Das Museum bietet auch Führungen und Aktionen an, das Stadtmuseum nebenan bringt zusätzliche Einblicke in die Geschichte Delmenhorsts.

Das Gelände gehört zur Europäischen Route der Industriekultur und ist auf jeden Fall einen Abstecher wert. Bis zum 20. August 2017 läuft außerdem eine Sonderausstellung mit textilen Schätzen chinesischer Bergvölker.

Danke für die Blogparade #perlenfischen vom Infopoint Museen & Schlösser in Bayern – ohne diesen Anstupser hätten es meine Fotos und mein Bericht vielleicht nie in den Bog geschafft.

Nach dem Museumsbesuch noch schnell ein Gang in eine andere unerwartet schöne Ecke der Stadt, die Graftanlagen – dazu läuft „Delmenhorst“ von Element of Crime.

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Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 

Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

15 Dinge aus dem freien Netz gefischt: Alles in Blau

Der Vollmond scheint durch die Zweige und ich vertreibe mir mal wieder die Nacht damit, in Datenbanken freie Bilder aufzustöbern. Bilder, deren weitere Nutzung erlaubt ist, so dass ich sie hier im Blog zeigen darf. Die Suche ist immer aufregend, man findet die schönsten und seltsamsten Dinge. Heute war ich bei den Flickr-Commons unterwegs. Aus dem Sammelsurium der Entdeckungen hier eine Auswahl, kuratiert zum Thema „Blau“.

1.

Image from page 170 of "A nomenclature of colors for naturalists : and compendium of useful knowledge for ornithologists." (1886)

2.

Untitled

Untitled

Cyanotypien, Blaudrucke, von 1890. Ein bisschen unheimlich, oder?

3.
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Frau ohne Hände, noch eine Cyanotypie, von 1896. Da macht sich wohl jemand über die übertriebene Ärmelmode lustig?

4.
Image from page 148 of "New products manufactured by Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning, Hoechst on the Main, Germany." (1900)

Ich glaube diese gescannte Mottenlarve(?) hatte ich schon einmal, das Bild liebe ich wirklich sehr!

5.
Image from page 62 of "A new elucidation of colours, original, prismatic, and material : showing their concordance in three primitives, yellow, red, and blue, and the means of producing, measuring, and mixing them : with some observations on the accuracy
Buch über Farbtheorie, 1809

6.
A John Lewis Partnership shop window
Stoff-Schaufenster, 1970er Jahre

7.
Synchronised Swimmers
Synchronschwimmen, 70er Jahre.

8.
Image from page 102 of "Seat work and industrial occupations; a practical course for primary grades" (1905)
Vorschlag für den Fußboden in einem Puppenhaus-Badezimmer.

9.
Image from page 146 of "Revue générale des mati`eres colorantes et des industries qui s'y rattachent" (1908)
Stoffmusterbuch 1908

10.
Rickey Doublerly knitting a fishing net: Jacksonville, Florida

Urform des Häkelns und Strickens.

11.
Seilbåt i Oslofjorden
Oslo, 1937

12.
Image from page 19 of ""More Light: The Modern Well-lighted Plant is the "Barreled Sunlight" Plant" (1921)
Sonnenlicht im Fass

13.
Image from page 1465 of "The Ladies' home journal" (1889)

Wusstet ihr, dass Spam-Mail nach diesem Dosenfleisch benannt ist? Mitgeholfen hat ein Sketch von Monty Python.

14.
Image from page 8 of "Lace sample book" (1900)
Spitzenmuster, 1900

15.

Image from page 353 of "Elementary treatise on the finishing of white, dyed, and printed cotton goods" (1889)

Haut das Blau auf eurem Bildschirm auch so rein? Dagegen erblasst der Vollmond und ich kann endlich ins Bett gehen. Gute Nacht, bis bald!

(Quelle = Klick aufs Bild)

(Ursprünglich wollte ich diese Serie ja mit dem Hashtag #gemeinfreitag versehen, aber das geht bei den Flickr-Commons ohne genaue Prüfung nicht. Zwar haben die Museen und Bibliotheken ihre Bilder dort hochgeladen, bei jedem Bild steht „no known copyright restrictions“,  aber wenn man dann genau hinsieht oder auf die Ursprungsseiten der Institutionen geht, gibt es oft Einschränkungen, z.B. wird eine Verwendung nur zu Bildungszwecken erlaubt. Daher hier der Disclaimer: Ich habe nicht geprüft, ob die Bilder wirklich gemeinfrei sind!)

Tambourstickerei: So verbreitet wie unbekannt (Stoffspielerei im April)

Heute sammle ich für die Stoffspielerei* eure Beiträge zum Thema „seltene Techniken“. Zuerst zeige ich meine Idee, dann folgt die Linksammlung.

Meine Technik ist gar nicht so ungewöhnlich, es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ihr selbst etwas besitzt, das mit der Tambourtechnik bestickt ist. Seit ich mich damit beschäftige, fällt mir der Stich überall auf.

Die Kissen oben sind kein Patchwork, sondern gestickt, ebenso wie die bunten Streifen unten. Eigentlich sind das lauter Reihen in Kettenstich. (Nachtrag: Hier wahrscheinlich maschinell, mit der Kettenstichmaschine).

„Tambour“ hängt mit dem Wort Tamburin zusammen – der Stich erfordert es nämlich, dass man den Stoff stramm in einen Rahmen spannt, straff wie bei einer Trommel. Die Haute-Couture Stickateliers wie Lesage benutzen diese Technik (auf Französisch auch genannt Lunéville). Ebenso gehen die Stickwerkstätten vor, die in Indien und anderswo Stoffe mit Mustern, Perlen und Pailletten versehen (Aari genannt). Dennoch ist es schwer, auf deutsch darüber Informationen zu finden oder im Inland dazu Werkzeuge zu kaufen.

Man braucht nämlich eine spezielle Nadel, eine Tambournadel (eigentlich eine sehr feine und spitze Häkelnadel). Mit der sticht man von oben durch den gespannten Stoff, nimmt unten den Faden auf und zieht ihn nach oben, wiederholt das Ganze in Abständen. Es entsteht eine Schlaufenreihe, ein Kettenstich, man häkelt quasi durch den Stoff hindurch. Idealerweise kommt man mit der Tambournadel sehr viel schneller voran als nur mit einer Sticknadel.

Tja, idealerweise.

Für meine Versuche auf einem improvisierten Rahmen habe ich Ewigkeiten gebraucht. Das einzige, was irgendwann wirklich schneller ging, waren gerade Reihen. Ansonsten blieb die Nadel ständig entweder im Faden oder im Stoff hängen, es war eine einzige Prökelei. Wie ich las, muss man in den Pariser Profiwerkstätten erst einmal 1 – 2 Jahre üben, ehe man an die richtigen Stücke heran darf.

Unten ein Stück Baumwollnessel im Stickrahmen – mit einer Klemme am Tisch befestigt, so dass man beide Hände frei hat, die Nadel und den Faden zu führen. Ich habe schnell aufgegeben, der Stoff war viel zu fest und das Muster zu kompliziert.

Links auf dem Tisch ein Stück, das sich schon vorher mit der Hand bestickt hatte – das dauerte ebenso lang wie mit der Tambournadel und war befriedigender, weil es störungsfreier voranging.

Mein Nadelset ist von Lacis und hat drei auswechselbare Spitzen. #70 (fine) für hauchdünnes Garn und kleine Perlen geeignet. #90 (medium) passte zu normalem Seidennähgarn und Pailletten.

Für dickere Garne war der Nadelaufsatz #120 (large) gedacht, allerdings reichte der auch nur bis hin zu dünnerem Häkelgarn Nr. 50 und 20 (damit sind die Blumen unten gestickt).

Wer es einfach mal ohne große Vorbereitung probieren möchte, nimmt sich eine Häkelnadel und einen locker gewebten oder netzartigen Stoff. Das Grundprinzip, wie man die Schlaufen durch den Stoff häkelt, lernt man so viel leichter.

Ich hätte besser erst einmal auf diese einfache Art angefangen – die beiden Häkelnadeln flutschen leicht durch den Stoff und man kann sich auf die Drehung der Nadel unter dem Rahmen konzentrieren.

Links zu Youtube-Videos, falls ihr es wie die Profis probieren wollt:


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Soweit meine Versuche, nun zu anderen und ihren Ideen!

Ines von den Nähzimmerplaudereien hat Sashiko probiert.

Griselda/Machwerk trägt jetzt Gobelinreste.

Christiane von Schnitt für Schnitt zeigt besondere Smokvarianten, man denkt an Wellen und Origami.

Karen hat mit der Kleistertechnik nicht auf Papier, sondern auf Stoff gedruckt.

Bei Siebensachen zum Selbermachen geht es nach Korea, zum Patchwork genannt Jagakbo oder Pojagi.

Annelies scheitert mit Brettchenweben, was in ihrem Fall durchaus verständlich ist.

123-Nadelei konnte gar nicht mehr aufhören, aus Stoffresten flirrende Chenille-Raupen zu nähen und zu schneiden.

Bei Made with Blümchen geht es um ein Reise-Klöppelkissen – ist doch wunderbar, was man alles so braucht.

In Marys Kitchen ist heute auch noch ein Pojagivorhang entstanden – inklusive Rolltuchelemente.

Nahtzugabe wickelt immer noch an einer Rope-Bowl, nach einer Anleitung von 1960.

.

Das sind ja schon wirklich viele interessante Dinge zusammen gekommen, ich freue mich! Meldet euch in den Kommentaren, falls ich euch auch noch verlinken soll.

Das Thema ist eine Wiederholung, ihr könnt hier entlang, auch gern schauen, was damals dabei war.


 

Nächste Termine Stoffspielereien:

28.5. Griselda, Thema: Jeans: Blau in allen Schattierungen
25.6. Nahtzugabe, Thema: Schwarz und Weiß
Juli/August    Sommerpause

 

*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Von der Anprobe zur Paketabteilung – Pariser Modehäuser 1910 im Bild

„Auf der Suche nach einem neuen Modell“ ist das Foto betitelt,  der Modeschöpfer inszeniert sich als Künstler, dirigiert mit dem Stock, wohin die Stoffbahnen gesteckt werden sollen.

Die Mannequins des Modehauses sind dafür angestellt, den Kundinnen die Modelle im Verkaufsraum vorzuführen. Hier kleiden und frisieren sich die jungen Frauen, wählen Haarteile aus, eine liest.

Auf einem Foto versammelt, bereit für die nächste Kundenpräsentation.

Im Verkaufsraum.

Wohlhabende Kundinnen sehen sich um, während ein Page scheinbar schicksalsergeben wartet.

Die Greifvögel an der Wand fügen sich gut in diese Mode zwischen Historismus und Jugendstil.

Eine Kundin in der Anprobe.

Nun geht es hinter die Kulissen in die oberen Etagen, die Werkstätten.

Für die Oberkleidung sind Männer zuständig, die Tailleurs.

Die Blusen für untendrunter sind Frauensache.

Unter dem Dach wird genäht.

Ein Saal für die Stickerinnen, die Fenster weit offen – es scheint warm zu sein.

Die Zeichner bringen die Entwürfe aufs Papier.

Mit dem schwarzen, angelartigen Gerät links wird das Papier der Vorlage mit kleinen Löchern perforiert, um dann mit Kreide das Muster auf den Stoff durchpausen zu können. (Falls ich mich irre, bitte melden).

Maschinell wird auch schon gestickt, vorn rechts sind zwei Stickmaschinen zu erkennen, oder?

Dieses Foto mag ich auch sehr gern, so viele Federn bei den Hutmacherinnen:

Es war die Zeit der Wagenrad-Hüte, die gut zur schlanken Kleidersilhouette passten. (Wobei sich meist nur die modischen Damen mit großem Portemonnaie diesen Look leisteten).

Was geschieht hier unten, im Rücken der Dame mit dem weißen Federschmuck? Wieso hängt am Hut hinten ein dreieckiges Gebilde dran, in das eine andere zeichnet oder schneidet? Merkwürdig.

Die Lampen sind mit viel Stoff bezogen, auch in der Pelzwerkstatt:

Gegessen wird an langen Tafeln, es gibt gerade Käse, Brot und Wein.

Es scheint den Angestellten ganz gut zu gehen, sie sind auch gut gekleidet – aber wer weiß, wie inszeniert die Fotos sind.

Im Stofflager…

und der Verpackungsabteilung.

Auslieferung, das wars.

Die Bilder (Ausschnitte von mir) stammen aus Les Createurs de la Mode von 1910, einer Sonderausgabe der Zeitung Figaro. Ich konnte ich mich gar nicht sattsehen, so viel Blick hinter die Kulissen ist selten und ich zeige auch nur einen kleinen Teil. (Gefunden über Messynessychic).

Kurztrip nach Kopenhagen

Messingtürgriff

In Kopenhagen findet man viele schöne Sachen, stilvolle Türdrücker zum Beispiel.  Wir waren gerade mal wieder kurz in der Stadt und ich teile hier gern ein paar Tipps und Erfahrungen, falls ihr mal hinfahren wollt.

Was unternehmen?

Meine Besichtigungspläne sind immer ziemlich museumslastig, daher waren wir dieses Mal zum Ausgleich auch im Tivoli. Der Freizeitpark mitten in der Stadt ist schon über 150 Jahre alt und hat viel Flair, vor allem abends, wenn die Lichter angehen.

Die Fahrgeschäfte kann man sich eigentlich sparen, aber das Riesenrad finde ich ganz ulkig.

Nun aber zu den Museen, die ich bisher kenne:

Mein absoluter Liebling, das Louisiana Museum of Modern Art, liegt eine halbe Stunde nördlich von Kopenhagen, gut per Bahn zu erreichen. Tolle Architektur, direkt an der See gelegen.

Immer gute Ausstellungen, die sich auch Skeptikern der modernen Kunst ohne Vorwissen erschließen.

(2014)

Eine der aktuellen Ausstellungen ist dem Architekten Wang Shu gewidmet, der traditionelle chinesische Herstellungsmethoden in seine Bauten einfließen lässt. (Z.B. oben Abdruck einer Bambusmatte in Beton, unten Glasurproben).

In Kopenhagen selbst gibt es aber auch viele interessante Häuser:

  • Carlsberg Glyptoteket mit tollem Palmeninnenhof,  Skulpturen, skandinavischer und französischer Malerei.

(Rauchen verboten, eleganter Hinweis)

  • David Collection – Unter anderem große Sammlung islamischer Kunst, auch mit Textilien, in einem schönen alten Haus. Eintritt frei.

Im Park neben der David Collection waren die Bäume kurz vorm Ausschlagen, ein schöner Anblick im Abendlicht.

Zu anderen Textilorten kann ich gar nichts sagen, aber vielleicht weiß jemand empfehlenswerte Adressen und meldet sie in den Kommentaren? Kostüme soll es im Nationalmuseum geben, aber dorthin konnte ich den Familientross nicht dirigieren. Sehr interessant hörte sich auch Brede Works an, eine frühere Textilfabrik.

Ein sehr schönes Kino ist das Grand Teatret. Wir haben dort Manchester by the Sea gesehen, das war für mich der beeindruckendste Film aus dem letzten Jahr. (Die meisten Filme laufen in der Originalversion mit dänischen Untertiteln).

Was kaufen?

Im Louisina Museum gibt es einen großen Museumsshop mit toller Auswahl – hier zum Beispiel Querbinder bzw.Fliegen, aus Wax-Print-Stoffen.

Auch im Kaufhaus Illum ist viel dänisches Design zu finden. Und natürlich überall in der Stadt, die sich zu Fuß gut erkunden lässt.

Wo essen?

Essen war immer sehr lecker, ich liebe ja vor allem die Smörrebröd (Smørrebrød, Butterbrot, „Schmierbrot“), die Schwarzbrote, kunstvoll belegt mit Beef, Ei, Lachs… Und genauso das Wienerbröd, süße Plunderteilchen oder Kranzkuchen. Die Markthalle nahe der Norreport Station war ein Ess-Paradies, aber auch das Café Norden und die Cafeteria im Louisiana Museum sind sehr zu empfehlen (man muss nur antizyklisch essen, sonst ist es zu voll). Die Gerichte waren meist sehr instagramtauglich angerichtet.

Klassischer sahen die Smørrebrød bei Slotskaelderen aus, das habe ich nur durchs Fenster gesehen und merke es mir für das nächste Mal.

Wo schlafen?

Wir waren nun schon zweimal im Ibsens Hotel. Dänisches Design auch im Hotel Alexandra. Das Somandshjemmet Bethel ist gut in Wassernähe gelegen.

Wie teuer?

Ziemlich teuer. Ich schätze mal, die Restaurants und Cafés berechnen ca. ein Drittel mehr als in Berlin. Dafür schien Trinkgeld unüblich zu sein. Ich fand es sehr interessant, dass wir fast immer das Essen am Tresen bestellen mussten – so spart man Personal. Ich kann mir vorstellen, dass sich das bei uns auch bald verbreiten wird, denn in Berlin sehe ich überall Aushänge, mit denen Servicepersonal gesucht wird. Beim Beim Klamotten-Shoppen konnte man schön die Preise vergleichen, wenn auf den Etiketten für den europäischen Vertrieb sowohl Dänische Kronen als auch Euro ausgzeichnet waren. Manches war in Kronen günstiger, manches teurer.

(C.W. Eckersberg, Carlsb. Glypt.)

Soweit mein kleiner Erfahrungsbericht. Natürlich freue ich mich insbesondere auch über eure Empfehlungen, denn es gibt noch viel mehr zu entdecken. Wie immer würde mich vor allem interessieren, welche Orte sich für textilbegeisterte Menschen lohnen, ob Ausstellung oder Stoffparadies.

Vielen Dank für jeden Hinweis, nutzt ja dann allen!

Bücher sind besser als Törtchen

Der Faden auf dem Foto soll eigentlich „Kauf“ buchstabieren. Seit Tagen prokrastiniere ich vor mich hin, weil mir schwerfällt, wozu mir alle raten: Nicht so bescheiden sein, die Bücher mehr promoten! Ostern! Pfingsten! Feste! Frühling! Geschenke! Jetzt ist die richtige Zeit, ja, das weiß auch Amazon. Das Geschenkpapier gibt es dort zur Zeit umsonst.

Was gibt es hier umsonst? Zum Beispiel Buchvorstellungen mit mir und Constanze, die genauen Termine folgen noch. Dafür habe ich Fotos gemacht – und festgestellt, dass die drei Bücher farblich harmonieren. Das war wirklich nicht abgesprochen, aber passt für die gemeinsame Präsentation nun um so besser.

Sieht so schön frühlingshaft aus wie der Blick heute in den Sonntagmorgen.  (Meine kleine Sammlung von Vintage-Nähutensilien erfreut mich auch, aber die zeige ich dann ein anderes Mal genauer).

Constanzes und meine erste gemeinsame Lesung fand noch im dunklen Berliner Februar statt. Zum Glück ist Ninas stimmungsvolles Nähkontor eine wunderbare Kulisse für Ausflüge in die textilen Welten der drei Bücher. Auf dem Tablett vor Constanze hat sie sehr interessante Brennproben inszeniert – es zeigte sich, dass man bei der Einschätzung eines Stoffmaterials, z.B. ob Seide oder Kunststoff, ganz schön danebenliegen kann.

©Ralf Steinle

Und wie läuft es so mit den Büchern? Constanzes Materiallexikon ist so beliebt, dass die erste Auflage schon nach drei Monaten vergriffen war – zum Glück ging es mit dem Nachdruck schnell, so dass ihr Werk nun wieder zu haben ist. Mit vereinten Kräften haben wir die neue Lieferung, Tausende Bücher, ein Berliner Treppenhaus hinaufgetragen. Eigentlich ist noch nicht so viel Zeit vergangen seit dem Beginn unserer verlegerischen Unternehmungen, mir kommt es aber schon wie eine Ewigkeit vor.  Wir haben so unglaublich viele Hürden genommen. Als ich vor ziemlich genau zwei Jahren noch ganz am Anfang stand mit der Buchidee, da hatte ich kaum eine Ahnung, wie viel Arbeit das ist. Diese Grafik verdeutlicht den Ablauf eigentlich sehr gut:

© Sylvia Duckworth

Falls ihr irgendetwas erreichen wollt – oder auch irgendjemandem etwas neidet – haltet euch diese Grafik vor Augen.

Trotz des bisherigen Erfolges scheint mir aber die letzte Hürde schwer zu nehmen: Die Bücher auch in die Auslagen der Buchhandlungen zu bekommen. Da sind die großen Verlage klar im Vorteil (und zahlen wohl auch für die besten Plätze). Meine beiden „Pralinenschachteln“ hatte ich ja extra so gestaltet, dass sie schön anzusehen sind und schön in der Hand liegen – das bringt natürlich nichts, wenn man sie sich nur digital anschauen kann. (Zumal z.B. bei Amazon die Farben ganz falsch sind – und alle meine Versuche, das zu korrigieren, dort ignoriert werden). Auf jeden Fall hat Amazon aber festgestellt, dass unsere Werke gern zusammen gekauft werden. Da wünsche ich Constanze noch ganz viel Umsätze, in der Hoffnung, dass ich dann auch hin und wieder mit im Einkaufskorb lande :)

Übrigens habe auch gar nichts dagegen, wenn ihr bei Amazon kauft, denn die Buchhandlungen sind nicht durchweg „die Guten“.  In der Vertriebsgeschichte meiner Bücher haben Buchhandlungen die schlechteste Zahlungsmoral, gerade bin ich kurz davor, meinen ersten Mahnbescheid zu schicken.

Haha, das nimmt ja einen guten Gang, mein Versuch der Bücherpromotion, ich soll doch postive Stimmung verbreiten.

Also nochmal anders: Diese drei sorgfältig erstellte Kostbarkeiten sind die perfekten Mitbringsel.

Sie sind günstiger als eine Ladung Törtchen einer Berliner Konditorei. Sie halten ewig und bieten statt (zugegeben leckerer) Kalorien ganz viel Unterhaltung und Gedankenfutter.

Also los, weitersagen und bestellen bei

Und wenn noch jemand Tipps hat, wie man „Gatekeeper“ am klügsten auf ganz besondere Indie-Bücher aufmerksam machen kann, dann gern her damit. (Anschreiben und Klinkenputzen scheinen bisher nicht so erfolgreich).

Ich bin auf dem Sprung zu Pulse of Europe, meinem sonntäglichen Ausflug gegen Populismus und Nationalismus. Wahrscheinlich gibt es die Demo auch in eurer Stadt, aber da fange ich nun nicht noch eine Promotion an.

Schönen sonnigen Tag noch, egal wo!

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 21

Lieferung Modistin

Hier kommt eine neue Lieferung Kurznachrichten.

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Ausstellungen

Berlin,  Jüdisches Museum Berlin mit einem Modeschwerpunkt, unter anderem die Ausstellung „Cherchez la femme“ zur Bedeutung von weiblichen Kopfbedeckungen. Artikel in der Zeit dazu.

Berlin, Museum Europäischer Kulturen „1000 Tücher gegen das Vergessen„, bestickte Taschentücher zum Gedenken an die Toten der Kriege im ehemaligen Jugoslawien.

In NRW,  Steinfurt-Borghorst, noch bis 14. Mai Gunta Stölzl – Ein Leben für die Weberei

Dresden, Macht & Mode, Auf dem Weg zur Kurfürstenmacht, ab 9.4.

München Kunsthalle, Peter Lindbergh, From Fashion to Reality, 13. 4. – 27. August 2017.

Wien, Belvedere, Vulgär?- Fashion Redefined bis 25. Juni 2017.

(Zu anderen noch laufenden Ausstellungen siehe auch die früheren Kurznachrichten)

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Zum Lesen

Artikel mit Stoff zum Nachdenken „Früher diente die Stadt als Bühne, auf der man mit seiner Kleidung ein Statement setzte. Heute ist diese modische Selbstinszenierung nur noch im Internet zu finden, auf der Straße herrscht langweilige Neutralität“

Artikel im Guardian: How the return of traditional skills is boosting Italy’s economy

Über die Gründung einer Stickereifirma in London. Unter anderem: “it’s about finding the right staff; the trained artisans“

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Filme

Kurzfilm über das traditionelle Kleid älterer Frauen auf Sardinien.

Ebenfalls auf der Seite:  Ruhige Filmbeobachtung, wie in Peru Wolle gewonnen und verwebt wird.

Film auf Arte über die letzte Generation von Frauen in Tunesien, die Berber-Tätowierungen auf Gesicht und Körper trägt (bis 2. Mai 2017)

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Zum Staunen

Endauswahl für den Preis des Rijksmuseums mit gleich fünf textilaffinen Projekten. Mein Favorit ist ja das Pixel-Kleid und passendem Metadata-Rock, inspiriert von einem Blumenstillleben des Museums.

Als Nachtrag zum vorletzten Blogpost Insignien des Mittelstands und der Frage, wie wenig einzigartig wir sind: Schon seit vielen Jahren gibt es das Projekt Exactitudes. Ein Fotograf und eine Stylistin  dokumentieren Dresscodes in Rotterdam und anderswo, indem sie Menschen in ähnlichen Posen fotografieren und dann als Gruppe zeigen.

Es wird schnell klar: Innerhalb einer Gruppe wird der einzelne austauschbar. Ich bin alles durchgegangen und würde wahrscheinlich am ehesten bei den Ladys eingeordnet, oder vielleicht auch bei Mystique? Anstreben würde ich eigentlich Bu Ying!. Bekannt bin ich mit vielen Naturals. Und ihr?

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Eigene Werke

Zwei Sachen ebenfalls als Nachtrag.

Zum einen die Stickerei aus dem Stickbuch von 1795. Eine der „Chinoiserien“, ein fliegendes Blattgebilde mit Tannenbaum drin, in Seidenfaden umgesetzt. Hat ganz schön lang gedauert.

Zum anderen hatte ich für die Stoffspielerei bei Karen auch noch einen Einkaufsbeutel in Shiboritechnik gefärbt, aber dann keinen Blogpost mehr dazu geschafft.

Shibori hatte ich hier ja schon öfter probiert und sogar bei dem oben erwähnten Award des Rijksmseums einmal einen kleinen Fliesen-Quilt eingereicht. Ist aber nix draus geworden, war ja auch wirklich nicht besonders innovativ.

Beim nächsten Termin der Stoffspielerei in vier Wochen,

am Sonntag, den 30. April 2017

bin ich zuständig. Das Thema ist „Seltene Techniken“, eine Wiederholung. Ihr könnt gern Ideen von damals weiterführen. Oder wisst vielleicht noch etwas anderes, das ihr schon immer einmal probieren wolltet? Für meinen Beitrag musste ich erst einmal ein Werkzeug im Ausland bestellen. Ich bin gespannt und freue mich darauf, eure Ergebnisse hier zu sammeln.

deko7Soweit meine Links und Lesetipps für heute.

Eine schöne Woche!

Tagesablauf einer Kaufmannstochter um 1820

1

Wie war das Leben  als junges Mädchen um 1820? Zum Glück haben manche Frauen ihre Erinnerungen für uns aufgeschrieben. Fanny Lewald, geboren 1811, hing als Dreizehnjährige ziemlich herum, nachdem ihre Privatschule in eine andere Stadt gezogen war:

Die ersten Paar Wochen, nach dem Verlassen der Schule, gingen mit allerlei Versuchsbeschäftigungen hin. Die Mutter wußte mich nicht recht zu verwenden, ich trieb mich also ziemlich planlos in den Stuben umher, bis ich irgend ein Buch erwischte und mich in einen Winkel hinsetzte, um zu lesen. Das lag jedoch gar nicht in meines Vaters Absichten, und eines schönen Morgens, kurz vor dem ersten Oktober, überraschte er mich mit folgendem, von ihm selbst aufgesetzten Stundenplan, den ich seitdem oft mit lächelnder Rührung betrachtet habe und den ich der Originalität wegen hersetze:

Stundenzettel

für

Fanny Marcus,

entworfen Ende September, gültig bis zur veränderten Jahreszeit und bis andere Lehrstunden eintreten.

Allgemeine Bestimmung:

Des Morgens wird spätestens um 7 Uhr aufgestanden, damit um 71/2 Uhr das Ankleiden völlig beendet sei.

Der folgende Tagesablauf ist ziemlich streng und beengt, dennoch habe ich Lust, die Vorgaben einmal probeweise zu erfüllen (Handarbeiten ist dabei). Aus etwas nervigen Gründen bin ich morgen sowieso ans Haus gebunden, also bietet es sich an, mich ein bisschen in Fannys Tag hineinzuversetzen. Ich trage dann hier immer weiter ein, was ich erlebe. Schaut also gern wieder vorbei, lassen wir uns überraschen.

Bis morgen früh, völlig beendet angekleidet!

8:23

Ich liege schon 23 Minuten zurück im Zeitplan, hatte natürlich nicht bedacht, dass ich selbst eigentlich einem Backfisch-Haushalt vorstehe und keine Dienstboten habe, die das Frühstück vorbereiten und frische Socken aus dem Waschkeller holen. Aber nun weiter in Fannnys Tagesplan.

von 8 – 9 Uhr Clavierstunde. Uebung neuer Stücke.

Oje, ich habe unser Klavier bestimmt ein Jahr nicht benutzt und brauche Musik, die damals aktuell war. Zum Glück schreibt Fanny auch über Lieder, die sie auf Ausflügen sang:

Da zwischen kam auch das Lied des Kosacken, die sogenannte »schöne Minka« vor, und diese Lieder waren von einer solchen Wirkung, von einer solchen belebenden Kraft nicht nur auf mich, sondern auf alle meine Geschwister, daß sie uns immer wieder erschütterten und erhoben, und wir einen wirklichen Genuß davon hatten, sie mitzusingen.

Dazu habe ich die Noten, und die werde ich nun probieren. Bis später!

9:52

Erst fühlte ich mich ja wie ein Kind zum Üben gezwungen, aber dann kam doch ein Flow. Klavierspielen ist schön entspannend und entrückend, das hatte ich vergessen. Aber nun weiter, ich liege sehr zurück im Plan.

“ 9 – 12 “ Handarbeit, gewöhnliches Nähen und Stricken.

Drei Stunden Handarbeit! Und zwar gewöhnliche, für den Haushalt und Kleidung nützliche Arbeiten wie Stopfen, Ausbessern und Strümpfestricken. Fanny steht da ziemlich unter Druck

Wenig Tage vergingen, an denen mir die Mutter nicht vorhielt, daß Nichts widerwärtiger und unbrauchbarer sei, als ein gelehrtes unpraktisches Frauenzimmer, und daß ich alle Aussicht hätte, ein solches zu werden; wenig Wochen, in denen der Vater mich nicht daran erinnerte, daß wir unvermögend wären, daß die Haushälterin so bald als möglich abgeschafft, und ich der Mutter, deren Gesundheit sehr schwankend war, eine Hilfe werden müßte.

Dann sehe ich mich mal nach Stopfanleitungen von 1800 um. Bis später!

10:46

Gar nicht leicht, so alte Handarbeitsbücher zu finden. Das Wasch-Bleich-Platt-Naeh-Buch von 1796 zum Selbstunterricht für Damen ist deshalb sehr spannend.

Und hat auch einen schönen 220 Jahre alten Deckel.

Ich gebe zu, statt gewöhnliche Handarbeiten hat mich nun ein PC-Problem beschäftigt. Aber das Waschbuch ist eine Goldgrube, zum Beispiel steht dort genau, wie man Monogrammvorlagen auf Stoff übertragen soll – ein Problem, das wir hier schon oft in all seinen Varianten hatten, und das noch einmal einen eigenen Beitrag wert wäre.

12:04

Ok, ich habe einen Hosenknopf angenäht, ein Stück weniger im Ausbesser-Korb. Das Waschbuch empfiehlt wöchentliches Flicken, damit sich nicht alles ansammelt und das jährliche oder halbjähliche Waschfest dadurch ein noch verdrießlicheres Geschäft wird. Jungere, muntere Waschweiber werden auch empfohlen.

Das Waschbuch betont im Nähteil, dass lange Übung und ein gutes Auge notwendig sind, „damit eine Person gut Säumen könne“. Der Faden muss immer im richtigen Abstand, mit der richtigen Spannung und in derselben Stichlänge ausgeführt werden. Dazu fiel mir ein großes Bettlaken aus meinem Fundus ein, das in der Mitte aus zwei Leinenbahnen zusammengesetzt ist. Die Webkanten sind nur ganz knapp mit einer Handnaht verbunden. Ob die Naht (und das Mongramm) Gnade gefunden hätten?

Ich selbst hätte heute vormittag sicher Ärger bekommen, denn der Kater ist mit seinen dreckigen Pfoten über meine Dauerstickerei gelaufen – die Unterschriften-Gästebuchdecke.

“ 12 – 1 “ Nachlesen der alten Lehrbücher, als: Französisch, Geographie, Geschichte, Deutsch, Grammatik u.s.w.

“ 1 – 21/2 “ Erholung und Mittagessen.

Ok, das mache ich jetzt alles. Ich nehme mir ein bisschen den ungelesenen Zeitungsstapel vor und koche mir nebenher eine „Wassersuppe“, wie sie bei Fannys Familie üblich war, wenn die Geschäfte des Kaufmannsvaters mal wieder nicht so gut gingen.

13:19

Gerade gelernt: Meine Hühnerbrühe aus teurem Fleisch ist eigentlich gar keine Wassersuppe. Der Begriff für das Arme-Leute-Essen bezog sich nur auf Suppen aus Wasser, Salz, Kräutern und Stärke (z.B. Gries, Brot oder Reis). Butter und Ei kamen auch hinein, wenn es die Finanzen hergaben, aber Brühen aus Fleisch oder Fisch waren eine andere Liga.

“ 21/2 – 5 “ Handarbeit gleich oben.

Oje, da bin ich gar nicht in Stimmung. Schon wieder Sticheln, zweieinhalb Stunden. Och nöööö.

Fünf Stunden an jedem Tag saß ich in der Wohnstube an einem bestimmten Platz am Fenster und erlernte Strümpfe zu stopfen, Wäsche auszubessern und beim Schneidern und andern Arbeiten Hand anzulegen.

Ganz interessant, unsere gängige Vorstellung von der Bürgerstochter im Müßiggang mit Stickrahmen im Salon wird hier ins Wanken gebracht. Nadelarbeit war eine lästige, aber nützliche Arbeit.

2

Fanny hatte noch in der Schule „eine große Lust zu feinen Handarbeiten bekommen“, nur war das im Haus nicht so gebraucht. Schade, mich würden ja zum Beispiel diese merkwürdigen Gebilde, Stickvorlagen aus einem Buch von 1795, in der Umsetzung interessieren.

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Ob ich schummle? Unnütze Stickerei statt Haushalt? Mal sehen.

16:59

Ja, geschummelt, eines der unnützen Wesen von oben entsteht gerade auf meinem Stickrahmen. Zeige ich, wenn es fertig ist.

(Nachtrag: Hier ist eine der „Chinoiserien“, das fliegendes Blattgebilde mit Tannenbaum drin, in Seidenfaden umgesetzt.

Hat ganz schön lang gedauert, über mehrere Tage.)

Vom Stopfen konnte ich mich leichten Herzens abwenden, als ich mich an dieses fadenscheiniges Damasthandtuch erinnerte, das an mindestens acht Stellen ziemlich grob geflickt ist.20170321_150431 (1024x576)

Dem Monogramm nach gehörte es meiner Großmutter – und oje, da hatte jemand aber ÜBERHAUPT keine Lust zum Kunsstopfen.

“ 5 – 6 “ Clavierstunde bei Herrn Thomas.

Dafür sieht es nun schlecht aus, denn ich konnte  die Netflix-Guckerinnen im Wohnzimmer nicht vertreiben, die sich dort von ihrem Schultag erholen. Sie schlugen mir vor, die Aktion hier nicht so eng zu sehen :) Ok.
3

“ 6 – 7 “ Schreibeübung.

Was damit gemeint ist? „Gedichtabschreiben zur Uebung der Handschrift.“

An dieser Stelle tippe ich noch ein bisschen weiter Fannys Stundenplan ab. Montag bis Sonnabend sind ziemlich gleich durchgetaktet, nur der Sonntag ist „frei“.

Sonntag wird völlig der Bestimmung von Fanny anheimgestellt, mit Ausnahme der Clavierübung von 8–9 Uhr; jedoch müssen die wöchentlich unnöthig versäumten Lektionen nachgeholt, und die Stunden, welche am Clavier durch Ausgehen oder durch Besuche versäumt worden, genau ersetzt werden.

Fanny wird durch pünktliche Erfüllung dieses Stundenzettels und durch sonstiges gutes Betragen sich bemühen, ihren Eltern den Beweis zu geben, daß sie würdig sei, noch anderweitigen Unterricht zu erhalten, und von ihrem Vater für ihre Erholungsstunden gute Lesebücher zu bekommen.

Besuch außer dem Hause wird wöchentlich einmal, und nur ausnahmsweise zweimal stattfinden.

So so. Der Vater macht es ihr extra langweilig,  interessanten Unterricht und bessere Bücher muss sie sich als Belohnung erst verdienen.

Fanny fand den Wochenplan in Ordnung.

Diese Anordnung mit ihrer befehlenden Kürze erschien mir weder auffallend, noch hart. Ich war von Kindheit auf an eine sehr bestimmte Zeiteintheilung und Zucht gewöhnt, und ich bin gewiß, daß der Stundenzettel meiner Mutter damals ebenso wie mir eine Erleichterung gewährte. Er nahm ihr die Sorge, was sie mich thun lassen solle, und enthob mich dem Unbehagen, das in mir durch ihre wechselnden Versuche, mich zu beschäftigen, erzeugt worden war. Aber langweilig wurde dieser Winter mir im höchsten Grade.

21:00

Am Abend hatte Fanny das niederschlagende Gefühl,

den Tag über nichts Rechtes gethan zu haben, und einen brennenden Neid auf meine Brüder, welche ruhig in ihr Gymnasium gingen, ruhig ihre Lektionen machten, und an denen also lange nicht so viel herumerzogen werden konnte als an mir. Ihr ganzes Dasein erschien mir vornehmer als das meine, und mit der Sehnsucht nach der Schule regte sich in mir das Verlangen, womöglich Lehrerin zu werden und so zu einem Lebensberuf zu kommen, bei dem mich nicht immer der Gedanke plagte, daß ich meine Zeit unnütz hinbringen müsse.

Fanny wurde dann Schriftstellerin. Es gelang ihr, durch das Schreiben wirtschaftlich unabhängig zu sein und ohne familiäre Zwänge heiraten zu können. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der Frauenemanzipation und lebte noch lang, bis 1889.

Das Thema Mädchenerziehung und weibliche Nadelarbeit hatten wir hier schon einmal. Bei Wohin das Herz uns treibt kam auch die Frage auf: Hat die Befreiung der Frau zum Niedergang eines Kulturgutes geführt?

In Fannys Fall ist es jedenfalls gut, dass ihre Erinnerungen dank ihres Berufs 200 Jahre überdauert haben.

Das wars für heute, guten Abend und gute Nacht!

Zitate aus: Fanny Lewald, Meine Lebensgeschichte, Erster Teil, Berlin 1861

Bildquellen

  1. William Edward Frost, Girl with a Bow, Drawing, ab 1810, NGA
  2.  Ausschnitt, In het weeshuis te Katwijk-Binnen, David Adolph Constant Artz, ca. 1870 – 1890, Rijksmuseum
  3. Willem van der Kooi, Het gestoorde pianospel, 1813 Rijksmuseum

Insignien des Mittelstands

Mein Kochtopf ist auf der Tapisserie eines Turner-Preisträgers verewigt, mein Handy und mein Wandspiegel auch. Das ist kein Zufall, denn der britische Künstler Grayson Perry beobachtet den Lebensstil verschiedener Bevölkerungsschichten ganz genau.

Die sechs Teppiche der Serie „The Vanity of Small Differences“ (Eitelkeit der kleinen Unterschiede) von 2012 sind in der Gesamtschau zum Beispiel hier zu sehen. In Sachen Hausrat gibt es viel zu entdecken. Kochtopf und Sonnenspiegel habe ich auf dem vierten Teppichbild wiedergefunden (The Annuciation of the Virgin Deal), das den Geschmackskanon der urbanen liberalen Schicht durchspielt, bei uns auch Bionade-Biedermeier genannt.

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  • Le Creuset, gusseiserner Topf
  • Aga-Herd in Cremegelb,
  • Fliesen à la Pariser U-Bahn
  • Französischer Espressokocher
  • Drahtkorb mit Eiern
  • Kleidung in geometrisch-bunten Mustern, glatte blondgesträhnte Haare im Bob, Smartphone (she tweets)
  • Sonnenspiegel
  • Tafelfarbe (He’s calmer since his mother died)
  • Motto-Handtuch.

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  • Kaffeepresse
  • Literaturmotto-Becher (Class Traitor)
  • Mexikanischer Totenkopf
  • poppig bezogenes Antiksofa
  • Müll-Recyclingbereich
  • CathKidston-Tasche
  • I-Pad
  • Organic-Home-Made-Local Eingemachtes mit Stoffhaube.

Einiges davon habe ich natürlich auch.

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Die Szenenfolge der Tapisserien wiederholt die alte Geschichte von Hogarths The Rakes Progress, es geht um den Aufstieg und Fall eines jungen Mannes. Grayson Perrys Version ist nicht nur voller moderner Anspielungen, auch alte Kunst wird zitiert. Der Lilienkrug zum Beispiel kommt von einer altniederländischen Verkündigungszene. Mit den Birkenstocks und dem Sonnenspiegel spielt Grayson Perry auf das Gemälde  Die Arnolfini Hochzeit an, hier wie dort sollen diese Details Wohlstand zeigen.

Jeder Wandteppich ist 2 mal 4 Meter groß. Die Teppichbilder wurden in Belgien auf einem Jacquard-Webstuhl nach digitalen Vorlagen gefertigt.

Die Farben sind in feinsten Garnmischungen umgesetzt.

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In den Szenen wird die Mittelklasse nicht nur durch den Bildungsbürger mit dem Guardian auf dem Holztisch repräsentiert, nein, Grayson Perry interessiert sich genauso für diejenigen, die mit ihrem SUV lieber Golf spielen gehen. Er nennt das „Bling vs Books“ – die Geschmacksunterschiede bestehen nicht zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, sondern innerhalb der Mittelschicht selbst: “The important taste divide in British life is not between working-class and middle-class taste but within the different tribes of the middle class itself”.

Die Codes des nicht so bildungsbürgerlichen Mittelstandes: rot gefärbte Rod-Stewart Frisur, übertriebenes Rouge, Ohrklunker, Animalprint, Tätowierung.

Ausschnitt aus Expulsion from Number 8 Eden Close

Mich interessiert dieses Thema, weil hier in meiner Mittelklasse-Wohngegend zwei unterschiedliche Geschmacksgruppen koexistieren. Einmal eben das grün wählende Bionade-Biedermeier mit Zeitung im Briefkasten, Biogemüsekiste, Stühlen vom Flohmarkt und eigener Bienenzucht. Dazu kommen nun (oft osteuropäisch verwurzelte) „Neuwohlhabende“, die sich den Kaufpreis ihres Eigentums auf jeden Fall selbst erwirtschaftet haben, mit ihren SUVs das denkmalgeschützte Mosaikpflaster der Fußwege beim Wenden zerpflügen, uralte Bäume für Rollrasen roden und hohe Gitterzäune neben die verwunschene Buchenhecken des Nachbarn setzen. Da ich mich, wie sich der aufmerksame Leser denken kann, eher zur ersten Gruppe zähle, musste ich im Lauf der Zeit lernen, meine Vorurteile u.a. gegenüber blondierten gelifteten BlingBling-Frauen abzubauen. Inzwischen schäme ich mich meines Bildungsbürgersnobismus, der blind für ein Multikulti ist, das nicht im Hijab sondern mit Pelzkapuze daherkommt. Ich könnte nicht mehr mit Häme und Selbstgerechtigkeit (wie zum Beispiel oft die Empöreria auf Twitter) über eine Frau herfallen, deren Geschmacks- und Weltbild dem meinen nicht entspricht. Diese Milde habe ich ein bisschen auch der Menschenfreundlichkeit von Grayson Perry zu verdanken, der gern und eloquent in Dokumentationen und Interviews über seine Gedanken spricht.

Leider muss man Englisch können, um mehr über diesen tollen Mann (der auch in Frauenkleidern auftritt) zu erfahren. Auf Youtube gibt es mit ihm eine ganze Reihe Filme. Ihm zuzuhören, finde ich sehr tröstlich. Er ist weise und warmherzig, ein guter Beobachter und Analyst. Er weist auf Dinge hin, die da sind, die aber noch keiner gesehen hat. „Vogelperspektive auf die Kultur, in der wir leben“ wurde über ihn gesagt. Er: „Als Künstler ist es mein Job, Dinge zu bemerken“.

Die Tapisserie-Szenen gingen in Großbritannien auf Tour und sind jetzt gerade in Kiew ausgestellt, außerdem gab es zur Entstehung eine TV-Serie mit Grayson Perry in 3 Episoden, zum Teil auch bei Youtube zu finden.

„And if one message comes out of the whole series, it’s that good taste is that which does not offend our peers, our group” – Guter Geschmack ist, wenn es denen gefällt, zu denen wir gehören wollen.

Falls eure Peergroup Konfitüre mit Stoffmützen mag: Nahtzugabe hat dazu vor Kurzem ein Bastelset gefunden.

Nun genieße ich noch etwas frischen Ingwertee in einer japanischen Teeschale, esse dazu Rote-Beete-Chips und blättere im Ottolenghi-Kochbuch. Im Moment kann ich ohnehin nicht weg, mein Hollandrad ist von einem Porsche Cayenne zugeparkt.