Tambourstickerei: So verbreitet wie unbekannt (Stoffspielerei im April)

Heute sammle ich für die Stoffspielerei* eure Beiträge zum Thema „seltene Techniken“. Zuerst zeige ich meine Idee, dann folgt die Linksammlung.

Meine Technik ist gar nicht so ungewöhnlich, es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ihr selbst etwas besitzt, das mit der Tambourtechnik bestickt ist. Seit ich mich damit beschäftige, fällt mir der Stich überall auf.

Die Kissen oben sind kein Patchwork, sondern gestickt, ebenso wie die bunten Streifen unten. Eigentlich sind das lauter Reihen in Kettenstich. (Nachtrag: Hier wahrscheinlich maschinell, mit der Kettenstichmaschine).

„Tambour“ hängt mit dem Wort Tamburin zusammen – der Stich erfordert es nämlich, dass man den Stoff stramm in einen Rahmen spannt, straff wie bei einer Trommel. Die Haute-Couture Stickateliers wie Lesage benutzen diese Technik (auf Französisch auch genannt Lunéville). Ebenso gehen die Stickwerkstätten vor, die in Indien und anderswo Stoffe mit Mustern, Perlen und Pailletten versehen (Aari genannt). Dennoch ist es schwer, auf deutsch darüber Informationen zu finden oder im Inland dazu Werkzeuge zu kaufen.

Man braucht nämlich eine spezielle Nadel, eine Tambournadel (eigentlich eine sehr feine und spitze Häkelnadel). Mit der sticht man von oben durch den gespannten Stoff, nimmt unten den Faden auf und zieht ihn nach oben, wiederholt das Ganze in Abständen. Es entsteht eine Schlaufenreihe, ein Kettenstich, man häkelt quasi durch den Stoff hindurch. Idealerweise kommt man mit der Tambournadel sehr viel schneller voran als nur mit einer Sticknadel.

Tja, idealerweise.

Für meine Versuche auf einem improvisierten Rahmen habe ich Ewigkeiten gebraucht. Das einzige, was irgendwann wirklich schneller ging, waren gerade Reihen. Ansonsten blieb die Nadel ständig entweder im Faden oder im Stoff hängen, es war eine einzige Prökelei. Wie ich las, muss man in den Pariser Profiwerkstätten erst einmal 1 – 2 Jahre üben, ehe man an die richtigen Stücke heran darf.

Unten ein Stück Baumwollnessel im Stickrahmen – mit einer Klemme am Tisch befestigt, so dass man beide Hände frei hat, die Nadel und den Faden zu führen. Ich habe schnell aufgegeben, der Stoff war viel zu fest und das Muster zu kompliziert.

Links auf dem Tisch ein Stück, das sich schon vorher mit der Hand bestickt hatte – das dauerte ebenso lang wie mit der Tambournadel und war befriedigender, weil es störungsfreier voranging.

Mein Nadelset ist von Lacis und hat drei auswechselbare Spitzen. #70 (fine) für hauchdünnes Garn und kleine Perlen geeignet. #90 (medium) passte zu normalem Seidennähgarn und Pailletten.

Für dickere Garne war der Nadelaufsatz #120 (large) gedacht, allerdings reichte der auch nur bis hin zu dünnerem Häkelgarn Nr. 50 und 20 (damit sind die Blumen unten gestickt).

Wer es einfach mal ohne große Vorbereitung probieren möchte, nimmt sich eine Häkelnadel und einen locker gewebten oder netzartigen Stoff. Das Grundprinzip, wie man die Schlaufen durch den Stoff häkelt, lernt man so viel leichter.

Ich hätte besser erst einmal auf diese einfache Art angefangen – die beiden Häkelnadeln flutschen leicht durch den Stoff und man kann sich auf die Drehung der Nadel unter dem Rahmen konzentrieren.

Links zu Youtube-Videos, falls ihr es wie die Profis probieren wollt:


deko6

Soweit meine Versuche, nun zu anderen und ihren Ideen!

Ines von den Nähzimmerplaudereien hat Sashiko probiert.

Griselda/Machwerk trägt jetzt Gobelinreste.

Christiane von Schnitt für Schnitt zeigt besondere Smokvarianten, man denkt an Wellen und Origami.

Karen hat mit der Kleistertechnik nicht auf Papier, sondern auf Stoff gedruckt.

Bei Siebensachen zum Selbermachen geht es nach Korea, zum Patchwork genannt Jagakbo oder Pojagi.

Annelies scheitert mit Brettchenweben, was in ihrem Fall durchaus verständlich ist.

123-Nadelei konnte gar nicht mehr aufhören, aus Stoffresten flirrende Chenille-Raupen zu nähen und zu schneiden.

Bei Made with Blümchen geht es um ein Reise-Klöppelkissen – ist doch wunderbar, was man alles so braucht.

In Marys Kitchen ist heute auch noch ein Pojagivorhang entstanden – inklusive Rolltuchelemente.

Nahtzugabe wickelt immer noch an einer Rope-Bowl, nach einer Anleitung von 1960.

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Das sind ja schon wirklich viele interessante Dinge zusammen gekommen, ich freue mich! Meldet euch in den Kommentaren, falls ich euch auch noch verlinken soll.

Das Thema ist eine Wiederholung, ihr könnt hier entlang, auch gern schauen, was damals dabei war.


 

Nächste Termine Stoffspielereien:

28.5. Griselda, Thema: Jeans: Blau in allen Schattierungen
25.6. Nahtzugabe, Thema: Schwarz und Weiß
Juli/August    Sommerpause

 

*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

26 Kommentare

  1. Hallo, vielen Dank für die ausführliche Vorstellung. Es gab vor Jahren einen französischen Film “die Perlenstickerin“, den ich sehr mochte. Ich glaube es ist genau diese Technik, die im Film thematisiert wird. LG Bettina

    • Ja, stimmt, daran dachte ich auch. Außerdem benutzen sie im Film auch eine Maschine – das ist dann glaube ich eine Kettenstichmaschine (Bele hatte in den Kommentaren zum vorhergehenden Beitrag vermutet, dass auf dem Bild aus der Stickwerkstatt solche Maschinen zu sehen sind). Ich wollte eigentlich noch recherchieren, ob die Kissen auf meinen Fotos nicht vielleicht mit solchen Maschinen gemacht sind. Das bunte Kissen hat „nur“ 30 Euro gekostet, für reine Handarbeit natürlich zu wenig – aber wer weiß, ob Ausbeutung oder Maschine dahinter steckt.

  2. Das ist ein interessantes Thema und spannend, welche verborgene Schätze noch schlummern. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Es sind anspruchsvolle Techniken, die viel Übung und Zeit erfordern. LG Ute

  3. Wunderbar recherchiert und ausprobiert. Vielen Dank!
    Ich mag das etwas Unregelmäßige deines Kettstiches sehr gern, da kommt auf keinen Fall der Gedanke auf, dass das mit der Maschine gemacht sein könnte.
    Kannst du uns noch eine Bezugsquelle für die Nadeln empfehlen?

    Irgendwo habe ich aber auch noch eine ganz feine Häkelnadel herumliegen, mit der hat meine Großmutter früher Seidenstrumpfhosen repariert. Wenn ich die wieder finde probiere ich das unbedingt aus. Denn der dichte und flächenfüllende Stich ist sehr schon und etwas grafischer als der Andenstich den du letztes mal gezeigt hast.

    • Die Nadel habe ich letztes Jahr über Amazon gekauft, laut Bestellungshistorie Verkäufer BIC Warehouse für 13 Euro. Suchwort ist Lacis Tambour-Nadelset. Die Lieferung aus USA hat gedauert.
      Es gibt vielleicht inzwischen auch deutsche Bezugsquellen?

  4. Die Optik dieses Stickstichs gefällt mir gut; immer der gleiche Stich hält alles optisch zusammen. Leinen Ton in Ton so zu besticken kann ich mir gut vorstellen. Danke, dass du uns das gezeigt und nahegebracht hast. Ich habe ja bisher gedacht, dass diese Technik Krewelstickerei heißt; nun weiß ich es besser.
    LG
    Siebensachen

  5. Ja, wunderbar, eine Technik, die mich schon lange interessiert, irgendwo in den Weiten von Instagram gibt es jemanden, der/die das häufig nutzt. Es sieht toll aus. Dass man nicht erkennt, wie lange es dauert, ist vielleicht ein bisschen schade ;) Mich würden ja tatsächliche Zeitangaben für eins der Stücke interessieren, aus Neugierde.
    Gut sieht alles aus, auch wenn es Dich jetzt vielleicht nicht so befriedigt hat wie erwartet – dieses angedeutete Gesicht z.B. sieht doch auch toll aus!
    LG frifris

  6. Liebe Schuschna,
    Tambourieren will ich auch einmal probieren. Vielen Dank für Deinen Erfahrungsbericht. Wenn man etwas zum ersten Mal ausprobiert, muß man damit rechnen, daß es nicht so wird wie man es sich vorstellt. Ich weiß wovon ich rede, siehe meinen Beitrag zu den Stoffspielereien (http://www.galerie-der-handarbeiten.de/2017/04/30/stoffspielereien-im-april). In dem Buch „18th Century Embroidery Techniques“ schreibt Gail Marsh über Tambourierarbeit: „…once a rhythm had been established experts could reach up to one hundred stitches per minute“. 100 Stiche pro Minute bei Könnern. Irre!
    Schönen Sonntag!
    Annelies

  7. Der Vorteil von Tambourstickerei ist sicher, dass im Unterscheid zum Kettenstich der Faden länger ist. In einem Dokumentationsfilm über ein Mode-Atelier habe ich es mal bestaunt. In meinem Umfeld habe ich nichts mit dieser Technik gesichtet.
    Für die ersten Versuche sehen Deine Stücke vielversprechend aus, man muss sich sicher erst an geeignetes Werkzeug und Material heran tasten.
    Danke für das vielseitige Thema, ich bin richtig im Chenille-Rausch.
    LG Ute

  8. Ich hätte immer gedacht, dass die jetzt erworbenen Teile maschinell ist, da ich das als maschinellen Stickstich kennengelernt habe. Kurbelmaschine hieß das bei den älteren Nähern. Den Begriff Kettenstichmaschine habe ich erst durch deinem Blog gelernt.
    Dieser link http://www.annatextiles.ch/machine%20embroidery/chainstitch/geschichte.htm
    ist ganz wunderbar wie ich finde zu deinem Thema.
    Vor Jahren habe ich diesen Stich per Nähnadel benutzt für eine Weste, da wußte ich nicht, dass man das mit der Häkelnadel oder Spezialnadel machen kann. Könnte ja mal ein foto machen. Deine Versuche gefallen mir sehr und ich finde sie allesamt gut. Ich habe vor geraumer Weile auf ein geschirrtuch per Maschine geschrieben, aber dein Kettenstich ist viel passender, denn hat mehr Körper. Es ist ein Handwerk, in dem Übung Könner macht.
    Danke für dieses Thema.
    viele Grüße Karen

    • Ja, die Kissen sind ziemlich sicher maschinell gemacht, ohne dass ich das jetzt irgendwie genau weiß. Danke für den Link, den füge ich oben noch ein. Das könnte ein eigenes Thema sein. Seit dem Perlenstickerinnen-Film war ich über die dort genutze Maschine im Unklaren.

  9. Liebe Susanne, wie genial! Tambourstickerei hatte ich auch überlegt, dann aber die Klöppelei genommen, weil ich ein konkretes Projekt mit Geklöppeltem vorhabe. Hm, im Video, über das ich eben letztens bei Youtube gestolpert bin sah das ganz einfach und flott aus. Aber wenn ich bei Dir lese, wie lange man in den Modewerkstätten üben muss, bedaure ich weniger, es nicht ausprobiert zu haben… Aber Deine Versuche finde ich trotzdem sehr schön, vor allem die bunte Blumenstickerei. Vielen Dank auch für die weiteren Links! Die werde ich mir in Ruhe ansehen.
    Ich habe ein Reise-Klöppelkissen gebaut, so halb erfolgreich: http://www.madewithbluemchen.at/stoffspielereien-im-april-seltene-techniken/ Liebe Grüße, Gabi

  10. Liebe Susanne,
    diese Technik war mir in ihrer Filigranheit unbekannt, allein schon der Name ist ein Genuß! Auf eine ähnliche Weise habe ich auf einen selbstgestrickten Pullover mal Motive gestickt. Und auf eine gehäkelte Boshi-Mütze eine weiße Skispur, aber als Flächenstickerei hat das echt was! Deine Motive gefallen mir gut, und als Regenbogenfreundin finde ich das Streifenkissen wunderschön! Ich muss wohl meine feinen Häkelnadeln heraussuchen!
    Danke fürs Vorstellen, Sammeln und überhaupt für Deine gut recherchierten Beiträge!
    Liebe Grüße
    Ines

  11. Das sieht schön aus! Vor allem das bunte Kissen mit der flächigen Stickerei gefällt mir. Aber die Schwierigkeiten, die du beschreibst, wirken eher abschreckend. Trotzdem schön, dass du es gezeigt hast, dieses Thema „seltene Techniken“ ist ja ein wunderbares Potpourri an Ideen. LG Christa

  12. Das ist eine eine tolle Stoffgestaltung! Wow, sehr spannend und aufwändig diese Tambourstickerei. Deine Blumen gefallen mir sehr gut! Als Kissen könnte ich mir die auch sehr gut vorstellen! Danke fürs Zeigen und Erzählen dieser Technik und Sammeln der Stoffspielereien.
    Bin nun auch endlich fertig mit meiner Stoffspielerei: Pojagi wie Siebensachen-Zumselbermachen. Ebenfalls ein Vorhang, nur ist mir das Garn ausgegangen – hätte doch schon früher anfangen sollen, nicht erst am letzten Tag im Monat :D
    http://marys.kitchen/stoffspielerei-pojagi/

    Liebe Grüße,
    Maria

  13. Danke für deinen inspirierenden Bericht! Ich habe mal ein wenig recherchiert und bin auf eine etwas frustfreiere Nadel gestoßen. Sie heißt Kantan couture und ist von Clover.
    Sie ist wie eine Fangnadel gebaut, d.h. sie hat eine bewegliche Zunge, die beim zurückziehen zuklappt und damit verhindert, dass sich der Haken im Gewebe verfängt. Vielleicht geht ja sogar eine einfache Fangnadel, auch wenn sie vermutlich nicht ganz so fein sein dürfte.

    Ach ja und ein weiterer Name ist mir für diese Technik auch noch begegnet: Aari embroidery

    Liebe Grüße,
    Anja

    • Ja, diese Kantan-Tambour-Fangnadel müsste man auch mal probieren, ich wollte es ja eigentlich wie die Profis in den Videos schaffen. Wenn man recherchiert, findet man viele, je nach Land/Webseite unterschiedlich verstandene Begriffe, Tambour, Luneville, Kantan, Ari/Aari, Zari, Zardosi… , aber das Grundprinzip mit dem Kettenstich haben sie gemeinsam.

  14. Ich kenne diese Stickerei aus Indien, da drehen einem Straßenverkäufer das am Bahnhof an. Die machen das so flink, da sieht man Blumen vor seinen Augen entstehen. Und er meinte man habe am Ende der Reise ein fertiges Stück… Nun, da kaufe ich mir so eine Nadel und lasse es mir einmal zeigen… Naja, am Ende der Reise hatte ich zumindest ein durchlöchertes Stück Stoff und keinen Plan wie der Faden halten soll. Leider ist mir die Nadel abhanden gekommen, du hast mir Lust gemacht es noch mal zu versuchen.

    • Schöne Geschichte :)
      Ich hatte auch schon überlegt, dass man eigentlich mal ein „Tambour, wie es wirklich ist“-Video hochladen müsste, um Anfängern gleich die Illusionen zu nehmen, die man unweigerlich hat, wenn man Profis zuschaut.

  15. Danke für diesen tollen und informativen Bericht. Ich habe indische Kleidung mit dieser Stickerei und Perlen; nun weiß ich mehr darüber.
    Ich hätte mir gerne deine Bilder vergrößert angeschaut, um die Details besser zu erkennen. Leider funktioniert das hier nicht.

    • Leider kostet Speicherplatz Geld, daher verkleinere ich inzwischen immer die Bilder.
      (Aber mit der Google-Bildersuche kann man leicht Tambourstickerei im Detail finden, auch die Videos zeigen alles ganz genau).

  16. Meinen Beitrag habe ich auch endlich veröffentlicht – passt vorzüglich zum Thema „es ist nicht so schnell und einfach, wie es aussieht“. Aber ich finde auch, dass deine Versuche schon gut aussehen! Die Blüte mit den Pailletten finde ich super. Jetzt, nachdem ich den Grundtechnik-Film gesehen habe, würde ich das glatt nochmal ausprobieren – dass man den Faden unten um die Nadel wickelt, war mir gar nicht so klar. Die Lässigkeit, mit der die Sticker in Indien die Stiche bilden (im V&A-Film) ist wirklich beeindruckend.

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