Tagesablauf einer Kaufmannstochter

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Wie war das Leben  als junges Mädchen um 1820? Zum Glück haben manche Frauen ihre Lebenserinnerungen für uns aufgeschrieben. Fanny Lewald, geboren 1811, hing als Dreizehnjährige ziemlich herum, nachdem ihre Privatschule in eine andere Stadt gezogen war:

Die ersten Paar Wochen, nach dem Verlassen der Schule, gingen mit allerlei Versuchsbeschäftigungen hin. Die Mutter wußte mich nicht recht zu verwenden, ich trieb mich also ziemlich planlos in den Stuben umher, bis ich irgend ein Buch erwischte und mich in einen Winkel hinsetzte, um zu lesen. Das lag jedoch gar nicht in meines Vaters Absichten, und eines schönen Morgens, kurz vor dem ersten Oktober, überraschte er mich mit folgendem, von ihm selbst aufgesetzten Stundenplan, den ich seitdem oft mit lächelnder Rührung betrachtet habe und den ich der Originalität wegen hersetze:

Stundenzettel

für

Fanny Marcus,

entworfen Ende September, gültig bis zur veränderten Jahreszeit und bis andere Lehrstunden eintreten.

Allgemeine Bestimmung:

Des Morgens wird spätestens um 7 Uhr aufgestanden, damit um 71/2 Uhr das Ankleiden völlig beendet sei.

Der folgende Tagesablauf ist ziemlich streng und beengt, dennoch habe ich Lust, die Vorgaben einmal probeweise zu erfüllen (Handarbeiten ist dabei). Aus etwas nervigen Gründen bin ich morgen sowieso ans Haus gebunden, also bietet es sich an, mich ein bisschen in Fannys Tag hineinzuversetzen. Ich trage dann hier immer weiter ein, was ich erlebe. Schaut also gern wieder vorbei, lassen wir uns überraschen.

Bis morgen früh, völlig beendet angekleidet!

8:23

Ich liege schon 23 Minuten zurück im Zeitplan, hatte natürlich nicht bedacht, dass ich selbst eigentlich einem Backfisch-Haushalt vorstehe und keine Dienstboten habe, die das Frühstück vorbereiten und frische Socken aus dem Waschkeller holen. Aber nun weiter in Fannnys Tagesplan.

von 8 – 9 Uhr Clavierstunde. Uebung neuer Stücke.

Oje, ich habe unser Klavier bestimmt ein Jahr nicht benutzt und brauche Musik, die damals aktuell war. Zum Glück schreibt Fanny auch über Lieder, die sie auf Ausflügen sangen:

Da zwischen kam auch das Lied des Kosacken, die sogenannte »schöne Minka« vor, und diese Lieder waren von einer solchen Wirkung, von einer solchen belebenden Kraft nicht nur auf mich, sondern auf alle meine Geschwister, daß sie uns immer wieder erschütterten und erhoben, und wir einen wirklichen Genuß davon hatten, sie mitzusingen.

Dazu habe ich die Noten, und die werde ich nun probieren. Bis später!

9:52

Erst fühlte ich mich ja wie ein Kind zum Üben gezwungen, aber dann kam doch ein Flow. Klavierspielen ist schön entspannend und entrückend, das hatte ich vergessen. Aber nun weiter, ich liege sehr zurück im Plan.

“ 9 – 12 “ Handarbeit, gewöhnliches Nähen und Stricken.

Drei Stunden Handarbeit! Und zwar gewöhnliche, für den Haushalt und Kleidung nützliche Arbeiten wie Stopfen, Ausbessern und Strümpfestricken. Fanny steht da ziemlich unter Druck

Wenig Tage vergingen, an denen mir die Mutter nicht vorhielt, daß Nichts widerwärtiger und unbrauchbarer sei, als ein gelehrtes unpraktisches Frauenzimmer, und daß ich alle Aussicht hätte, ein solches zu werden; wenig Wochen, in denen der Vater mich nicht daran erinnerte, daß wir unvermögend wären, daß die Haushälterin so bald als möglich abgeschafft, und ich der Mutter, deren Gesundheit sehr schwankend war, eine Hilfe werden müßte.

Dann sehe ich mich mal nach Stopfanleitungen von 1800 um. Bis später!

10:46

Gar nicht leicht, so alte Handarbeitsbücher zu finden. Das Wasch-Bleich-Platt-Naeh-Buch von 1796 zum Selbstunterricht für Damen ist deshalb sehr spannend.

Und hat auch einen schönen 220 Jahre alten Deckel.

Ich gebe zu, statt gewöhnliche Handarbeiten hat mich nun ein PC-Problem beschäftigt. Aber das Waschbuch ist eine Goldgrube, zum Beispiel steht dort genau, wie man Monogrammvorlagen auf Stoff übertragen soll – ein Problem, das wir hier schon oft in all seinen Varianten hatten, und das noch einmal einen eigenen Beitrag wert wäre.

12:04

Ok, ich habe einen Hosenknopf angenäht, ein Stück weniger im Ausbesser-Korb. Das Waschbuch empfiehlt wöchentliches Flicken, damit sich nicht alles ansammelt und das jährliche oder halbjähliche Waschfest dadurch ein noch verdrießlicheres Geschäft wird. Jungere, muntere Waschweiber werden auch empfohlen.

Das Waschbuch betont im Nähteil, dass lange Übung und ein gutes Auge notwendig sind, „damit eine Person gut Säumen könne“. Der Faden muss immer im richtigen Abstand, mit der richtigen Spannung und in derselben Stichlänge ausgeführt werden. Dazu fiel mir ein großes Bettlaken aus meinem Fundus ein, das in der Mitte aus zwei Leinenbahnen zusammengesetzt ist. Die Webkanten sind nur ganz knapp mit einer Handnaht verbunden. Ob die Naht (und das Mongramm) Gnade gefunden hätten?

Ich selbst hätte heute vormittag sicher Ärger bekommen, denn der Kater ist mit seinen dreckigen Pfoten über meine Dauerstickerei gelaufen – die Unterschriften-Gästebuchdecke.

“ 12 – 1 “ Nachlesen der alten Lehrbücher, als: Französisch, Geographie, Geschichte, Deutsch, Grammatik u.s.w.

“ 1 – 21/2 “ Erholung und Mittagessen.

Ok, das mache ich jetzt alles. Ich nehme mir ein bisschen den ungelesenen Zeitungsstapel vor und koche mir nebenher eine „Wassersuppe“, wie sie bei Fannys Familie üblich war, wenn die Geschäfte des Kaufmannsvaters mal wieder nicht so gut gingen.

13:19

Gerade gelernt: Meine Hühnerbrühe aus teurem Fleisch ist eigentlich gar keine Wassersuppe. Der Begriff für das Arme-Leute-Essen bezog sich nur auf Suppen aus Wasser, Salz, Kräutern und Stärke (z.B. Gries, Brot oder Reis). Butter und Ei kamen auch hinein, wenn es die Finanzen hergaben, aber Brühen aus Fleisch oder Fisch waren eine andere Liga.

“ 21/2 – 5 “ Handarbeit gleich oben.

Oje, da bin ich gar nicht in Stimmung. Schon wieder Sticheln, zweieinhalb Stunden. Och nöööö.

Fünf Stunden an jedem Tag saß ich in der Wohnstube an einem bestimmten Platz am Fenster und erlernte Strümpfe zu stopfen, Wäsche auszubessern und beim Schneidern und andern Arbeiten Hand anzulegen.

Ganz interessant, unsere gängige Vorstellung von der Bürgerstochter im Müßiggang mit Stickrahmen im Salon wird hier ins Wanken gebracht. Nadelarbeit war eine lästige, aber nützliche Arbeit.

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Fanny hatte noch in der Schule „eine große Lust zu feinen Handarbeiten bekommen“, nur war das im Haus nicht so gebraucht. Schade, mich würden ja zum Beispiel diese merkwürdigen Gebilde, Stickvorlagen aus einem Buch von 1795, in der Umsetzung interessieren.

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Ob ich schummle? Unnütze Stickerei statt Haushalt? Mal sehen.

16:59

Ja, geschummelt, eines der unnützen Wesen von oben entsteht gerade auf meinem Stickrahmen. Zeige ich, wenn es fertig ist. Vom Stopfen konnte ich mich leichten Herzens abwenden, als ich mich an dieses fadenscheiniges Damasthandtuch erinnerte, das an mindestens acht Stellen ziemlich grob geflickt ist.20170321_150431 (1024x576)

Dem Monogramm nach gehörte es meiner Großmutter – und oje, da hatte jemand aber ÜBERHAUPT keine Lust zum Kunsstopfen.

“ 5 – 6 “ Clavierstunde bei Herrn Thomas.

Dafür sieht es nun schlecht aus, denn ich konnte  die Netflix-Guckerinnen im Wohnzimmer nicht vertreiben, die sich dort von ihrem Schultag erholen. Sie schlugen mir vor, die Aktion hier nicht so eng zu sehen :) Ok.
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“ 6 – 7 “ Schreibeübung.

Was damit gemeint ist? „Gedichtabschreiben zur Uebung der Handschrift.“

An dieser Stelle tippe ich noch ein bisschen weiter Fannys Stundenplan ab. Montag bis Sonnabend sind ziemlich gleich durchgetaktet, nur der Sonntag ist „frei“.

Sonntag wird völlig der Bestimmung von Fanny anheimgestellt, mit Ausnahme der Clavierübung von 8–9 Uhr; jedoch müssen die wöchentlich unnöthig versäumten Lektionen nachgeholt, und die Stunden, welche am Clavier durch Ausgehen oder durch Besuche versäumt worden, genau ersetzt werden.

Fanny wird durch pünktliche Erfüllung dieses Stundenzettels und durch sonstiges gutes Betragen sich bemühen, ihren Eltern den Beweis zu geben, daß sie würdig sei, noch anderweitigen Unterricht zu erhalten, und von ihrem Vater für ihre Erholungsstunden gute Lesebücher zu bekommen.

Besuch außer dem Hause wird wöchentlich einmal, und nur ausnahmsweise zweimal stattfinden.

So so. Der Vater macht es ihr extra langweilig,  interessanten Unterricht und bessere Bücher muss sie sich als Belohnung erst verdienen.

Fanny fand den Wochenplan in Ordnung.

Diese Anordnung mit ihrer befehlenden Kürze erschien mir weder auffallend, noch hart. Ich war von Kindheit auf an eine sehr bestimmte Zeiteintheilung und Zucht gewöhnt, und ich bin gewiß, daß der Stundenzettel meiner Mutter damals ebenso wie mir eine Erleichterung gewährte. Er nahm ihr die Sorge, was sie mich thun lassen solle, und enthob mich dem Unbehagen, das in mir durch ihre wechselnden Versuche, mich zu beschäftigen, erzeugt worden war. Aber langweilig wurde dieser Winter mir im höchsten Grade.

21:00

Am Abend hatte Fanny das niederschlagende Gefühl,

den Tag über nichts Rechtes gethan zu haben, und einen brennenden Neid auf meine Brüder, welche ruhig in ihr Gymnasium gingen, ruhig ihre Lektionen machten, und an denen also lange nicht so viel herumerzogen werden konnte als an mir. Ihr ganzes Dasein erschien mir vornehmer als das meine, und mit der Sehnsucht nach der Schule regte sich in mir das Verlangen, womöglich Lehrerin zu werden und so zu einem Lebensberuf zu kommen, bei dem mich nicht immer der Gedanke plagte, daß ich meine Zeit unnütz hinbringen müsse.

Fanny wurde dann Schriftstellerin. Es gelang ihr, durch das Schreiben wirtschaftlich unabhängig zu sein und ohne familiäre Zwänge heiraten zu können. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der Frauenemanzipation und lebte noch lang, bis 1889.

Das Thema Mädchenerziehung und weibliche Nadelarbeit hatten wir hier schon einmal. Bei Wohin das Herz uns treibt kam auch die Frage auf: Hat die Befreiung der Frau zum Niedergang eines Kulturgutes geführt?

In Fannys Fall ist es jedenfalls gut, dass ihre Erinnerungen dank ihres Berufs 200 Jahre überdauert haben.

Das wars für heute, guten Abend und gute Nacht!

Zitate aus: Fanny Lewald, Meine Lebensgeschichte, Erster Teil, Berlin 1861

Abbildungen

  1. William Edward Frost, Girl with a Bow, Drawing, ab 1810, NGA
  2.  Ausschnitt aus In het weeshuis te Katwijk-Binnen, David Adolph Constant Artz, ca. 1870 – 1890, Rijksmuseum
  3. Willem van der Kooi, Het gestoorde pianospel, 1813 Rijksmuseum

Insignien des Mittelstands

Mein Kochtopf ist auf der Tapisserie eines Turner-Preisträgers verewigt, mein Handy und mein Wandspiegel auch. Das ist kein Zufall, denn der britische Künstler Grayson Perry beobachtet den Lebensstil verschiedener Bevölkerungsschichten ganz genau.

Die sechs Teppiche der Serie „The Vanity of Small Differences“ (Eitelkeit der kleinen Unterschiede) von 2012 sind in der Gesamtschau zum Beispiel hier zu sehen. In Sachen Hausrat gibt es viel zu entdecken. Kochtopf und Sonnenspiegel habe ich auf dem vierten Teppichbild wiedergefunden (The Annuciation of the Virgin Deal), das den Geschmackskanon der urbanen liberalen Schicht durchspielt, bei uns auch Bionade-Biedermeier genannt.

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  • Le Creuset, gusseiserner Topf
  • Aga-Herd in Cremegelb,
  • Fliesen à la Pariser U-Bahn
  • Französischer Espressokocher
  • Drahtkorb mit Eiern
  • Kleidung in geometrisch-bunten Mustern, glatte blondgesträhnte Haare im Bob, Smartphone (she tweets)
  • Sonnenspiegel
  • Tafelfarbe (He’s calmer since his mother died)
  • Motto-Handtuch.

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  • Kaffeepresse
  • Literaturmotto-Becher (Class Traitor)
  • Mexikanischer Totenkopf
  • poppig bezogenes Antiksofa
  • Müll-Recyclingbereich
  • CathKidston-Tasche
  • I-Pad
  • Organic-Home-Made-Local Eingemachtes mit Stoffhaube.

Einiges davon habe ich natürlich auch.

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Die Szenenfolge der Tapisserien wiederholt die alte Geschichte von Hogarths The Rakes Progress, es geht um den Aufstieg und Fall eines jungen Mannes. Grayson Perrys Version ist nicht nur voller moderner Anspielungen, auch alte Kunst wird zitiert. Der Lilienkrug zum Beispiel kommt von einer altniederländischen Verkündigungszene. Mit den Birkenstocks und dem Sonnenspiegel spielt Grayson Perry auf das Gemälde  Die Arnolfini Hochzeit an, hier wie dort sollen diese Details Wohlstand zeigen.

Jeder Wandteppich ist 2 mal 4 Meter groß. Die Teppichbilder wurden in Belgien auf einem Jacquard-Webstuhl nach digitalen Vorlagen gefertigt.

Die Farben sind in feinsten Garnmischungen umgesetzt.

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In den Szenen wird die Mittelklasse nicht nur durch den Bildungsbürger mit dem Guardian auf dem Holztisch repräsentiert, nein, Grayson Perry interessiert sich genauso für diejenigen, die mit ihrem SUV lieber Golf spielen gehen. Er nennt das „Bling vs Books“ – die Geschmacksunterschiede bestehen nicht zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, sondern innerhalb der Mittelschicht selbst: “The important taste divide in British life is not between working-class and middle-class taste but within the different tribes of the middle class itself”.

Die Codes des nicht so bildungsbürgerlichen Mittelstandes: rot gefärbte Rod-Stewart Frisur, übertriebenes Rouge, Ohrklunker, Animalprint, Tätowierung.

Ausschnitt aus Expulsion from Number 8 Eden Close

Mich interessiert dieses Thema, weil hier in meiner Mittelklasse-Wohngegend zwei unterschiedliche Geschmacksgruppen koexistieren. Einmal eben das grün wählende Bionade-Biedermeier mit Zeitung im Briefkasten, Biogemüsekiste, Stühlen vom Flohmarkt und eigener Bienenzucht. Dazu kommen nun (oft osteuropäisch verwurzelte) „Neuwohlhabende“, die sich den Kaufpreis ihres Eigentums auf jeden Fall selbst erwirtschaftet haben, mit ihren SUVs das denkmalgeschützte Mosaikpflaster der Fußwege beim Wenden zerpflügen, uralte Bäume für Rollrasen roden und hohe Gitterzäune neben die verwunschene Buchenhecken des Nachbarn setzen. Da ich mich, wie sich der aufmerksame Leser denken kann, eher zur ersten Gruppe zähle, musste ich im Lauf der Zeit lernen, meine Vorurteile u.a. gegenüber blondierten gelifteten BlingBling-Frauen abzubauen. Inzwischen schäme ich mich meines Bildungsbürgersnobismus, der blind für ein Multikulti ist, das nicht im Hijab sondern mit Pelzkapuze daherkommt. Ich könnte nicht mehr mit Häme und Selbstgerechtigkeit (wie zum Beispiel oft die Empöreria auf Twitter) über eine Frau herfallen, deren Geschmacks- und Weltbild dem meinen nicht entspricht. Diese Milde habe ich ein bisschen auch der Menschenfreundlichkeit von Grayson Perry zu verdanken, der gern und eloquent in Dokumentationen und Interviews über seine Gedanken spricht.

Leider muss man Englisch können, um mehr über diesen tollen Mann (der auch in Frauenkleidern auftritt) zu erfahren. Auf Youtube gibt es mit ihm eine ganze Reihe Filme. Ihm zuzuhören, finde ich sehr tröstlich. Er ist weise und warmherzig, ein guter Beobachter und Analyst. Er weist auf Dinge hin, die da sind, die aber noch keiner gesehen hat. „Vogelperspektive auf die Kultur, in der wir leben“ wurde über ihn gesagt. Er: „Als Künstler ist es mein Job, Dinge zu bemerken“.

Die Tapisserie-Szenen gingen in Großbritannien auf Tour und sind jetzt gerade in Kiew ausgestellt, außerdem gab es zur Entstehung eine TV-Serie mit Grayson Perry in 3 Episoden, zum Teil auch bei Youtube zu finden.

„And if one message comes out of the whole series, it’s that good taste is that which does not offend our peers, our group” – Guter Geschmack ist, wenn es denen gefällt, zu denen wir gehören wollen.

Falls eure Peergroup Konfitüre mit Stoffmützen mag: Nahtzugabe hat dazu vor Kurzem ein Bastelset gefunden.

Nun genieße ich noch etwas frischen Ingwertee in einer japanischen Teeschale, esse dazu Rote-Beete-Chips und blättere im Ottolenghi-Kochbuch. Im Moment kann ich ohnehin nicht weg, mein Hollandrad ist von einem Porsche Cayenne zugeparkt.

 

Stoffspielerei: Kopfputz (fast) 20er Jahre

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Strass, Federn, Haarreif, Chenille, Silbergarn – das sind die Zutaten für meinen Kopfputz passend zum Thema der heutigen Stoffspielerei* in der Faschingszeit. Gastgeberin ist Gabi von Made with Blümchen aus Graz. In Österreich ist der Faschingsdienstag wichtiger als der Rosenmontag, habe ich von ihr gelernt.

1922

Weil ich schon länger vom Kopfputzthema wusste, konnte ich es gleich für eine Mottoparty nutzen.  Kleiderordnung waren die 20er Jahre, Boheme. „Federn und Glitzer im Haar!“ dachte ich, ohne groß zu recherchieren, und suchte einen alten Haarreif heraus. Den umwand ich mit fransigen Kreppstoffstreifen, legte ein Stück Strassband und etwas weißes Chenillegarn auf. Die ganze Deko fixierte ich dann mit Silbergarn, in schmalen Abständen um den Reif herumgewickelt.

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Zum Schluss mit drangebunden sind eine antike altrosa Straußenfeder (?) und etwas dunkles Gefieder, das eher an eine Jagdmütze passen würde. Der Reif hielt den ganzen Abend gut. Leider habe ich keine richtigen Tragefotos, alles verwackelt.

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Der Look bestand aus schmalem schwarzen Abendkleid, Federboa und einem echt alten Morgenrock von meiner Großmutter, der so edel aussieht, dass er locker als Abendmantel durchgeht. Das Material ist schon sehr mürbe und reißt bei der kleinsten Belastung, aber das war mir egal. Was sollen all diese Dinge immer in Kisten herumliegen. Ist doch toll, dass meine Oma nun quasi auf einer Party in einem Berliner Restaurant war, auch wenn es ihr wohl etwas zu queer gewesen wäre.

morgen

Mein Look entsprach eher Fantasie-20ern, das war mir auch klar.  Erst nach dem Fest, von dem ich total begeistert war, fing ich richtig an, mich mit der Mode der Zeit zu beschäftigen. Erstes Fazit: Federn sind gar nicht so richtig 20er Jahre – zum Test habe ich die Jahrgänge der Berliner Leben durchgesehen. Federschmuck am Kopf fand ich nur bis 1919 (Revuegirls ausgenommen). Federboas gar nicht.

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An dem Abend hatten sich alle sehr viel Mühe mit ihrer Kleidung gegeben, der Ort war toll dekoriert- man trat ein, sah die weißgedeckten Tische, die geschmückten Menschen, weiße Hemdbrüste leuchteten, Perlenketten und Paillettenkleider glitzerten, viele schräge Boheme-Charaktere dazwischen.  Am Tresen eine Art Theo Lingen im Frack mit Monokel und Champagnerglas. Wie schön ist es doch, wenn sich alle wirklich feingemacht haben, wie viel herausragender wird das Ereignis!

Je mehr ich schaute, desto mehr fielen mir aber auch die auf, die sich (wie ich) in eine Art Klischee-20er gestürzt hatten, mit einer Fransenborte am Kleid und einer Indianerfeder im Stirnband. Dazu las ich bei den Partyveranstaltern Boheme Sauvage, was auf den Vintage-Festen unerwünscht ist: „kitschig glitzernde und geschmacklose Karnevalskostüme, Plastikartikel, schrille Perrücken, pinke Federboas und alles was der Zeit zwischen 1890 und 1930 ganz offensichtlich nicht angemessen ist. Wir apellieren ganz ausdrücklich an Ihren Sinn für Stil und Ästhetik. Auch das Tragen von offenem langem Haar ist leider in den Zwanziger Jahren absolut umodisch.“

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So ein Haarnetz wäre besser als ein Federreif gewesen! Ich finde es ja auch lustig, dass man bei 20er Jahre immer an die Flapper-Girls denkt, junge schicke und vor allem dünne Frauen. Wenn ich mir alte Fotos anschaue, dann finde ich fast nie solche Elfen – im Gegenteil, die meisten Frauen in den 20ern wirken sehr gestanden. Einen Ausdruck für Flapper-Girls gibt es auf Deutsch auch gar nicht.

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Jedenfalls weiß ich jetzt für meine nächste Boheme-Party sehr viel besser Bescheid, was Kleidung, Frisuren und Schminke und Nagellack angeht. Eine Federboa aus Hühnerfedern wie meine (erkennbar an den kleinen kurzen Federn) ist auch nicht so toll. Für Männer ist es ebenfalls nicht einfach. Zum Beispiel heißt eine Fliege nicht Fliege, sondern Schleife und muss auf jeden Fall selbst gebunden sein.

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Das Phänomen der Vintage-Parties erklärt eine Professorin in diesem Zeit-Artikel mit einer Reaktion darauf, dass wir uns inzwischen eher im Netz in Szene setzen. Die Straße ist anders als früher keine Bühne mehr ist. Anonymität und Unauffälligkeit sind wichtig, der Blick des anderen spielt in der Stadt keine Rolle mehr.

Demgegenüber zeichnet sich schon jetzt eine neue Sehnsucht nach geschützten analogen Öffentlichkeiten ab, in denen Mode kein Verstoß gegen den guten Ton ist. In größeren Städten sind historische Kostümfeste en vogue. Man kleidet sich im Stil der Zwanziger und agiert die Höflichkeitsformen und Manierismen versunkener Epochen aus.

Soweit für heute – vielen Dank an Gabi, die heute die Links sammelt. Schaut bei ihr vorbei – ich bin gespannt, was andere aus dem Thema gemacht haben.

Der nächste Termin ist der 26. März bei Karen, mit dem Thema: Shibori.

Schönen Sonntag allen, und ganz schnell noch ein Fund aus der Berliner Leben von 1926 (knüpft an den vorherigen Beitrag über Luises Halsbinde an) – in dieser Theaterszene ist Luise nämlich an ihrem Signature-Style-Kopfputz gut erkennbar:

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Mode-Mythen: Königin Luise und ihr Halstuch

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Die berühmte und beliebte Königin Luise von Preußen trägt auf vielen Porträts eine weiße Halsbinde. Dieses Tuch ist so etwas wie ein Markenzeichen der Ikone. Was hat es damit auf sich? Wollte Luise eine Schwellung am Hals verstecken, wie oft behauptet wird? Oder hatte sie einfach nur Angst vor Erkältung? Fand sie ihren Hals generell zu dick? Solche Erklärungen finden sich überall. Der Legende nach löste Luise mit diesem außergewöhnlichen Halsschmuck einen Modetrend aus. Wikipedia: „Sehr schnell wurde aus dem Notbehelf jedoch eine Modeerscheinung“.

Luise als Halsbinden-Trendsetterin? Kann das sein? Es gibt Zweifel an dieser Theorie.

Crown Princess Louise of Prussia & Frederica of Mecklenburg-Strelitz, after Johann Gottfried Schadow, Royal Porcelain Factory, Berlin, c. 1825-1850, porcelain - Fogg Art Museum, Harvard University - DSC01295

Erste Abbildungen mit Schal

Luises Halsbindenlook ist zuerst von der sogenannten Prinzessinnengruppe des Bildhauers Schadow bekannt. Die Schwestern Luise und Friederike, 18 und 16 Jahre alt,  heirateten 1793 praktischerweise gleich doppelt in die Königsfamilie hinein. Der Hofbildhauer Schadow bekam den Auftrag, die beiden Prinzessinnen zu porträtieren. Er stellte die Schwestern natürlich und locker, in dünner, körpernaher Kleidung dar, für damalige Verhältnisse sehr gewagt. 1795 wurde die Prinzessinnengruppe aus Gips erstmals ausgestellt, 1797 entstand sie in Marmor.  Bei den Vorbereitungen hatte Schadow Luise gezeichnet. Auf der Skizze trägt sie ein locker um den Kopf und Kinn gebundenes Tuch. Schadow beschrieb sich 50 Jahre später in seinen Memoiren selbst, als Künstler beim Modellieren der Schwestern:

…er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung. Der Kopfputz der Kronprinzessin und die Binde unter dem Kinn sollte eine Schwellung decken, die am Halse entstanden war, nachmals aber wieder verschwand“

Prinzessinnengruppe Porzellan KGM 09-113 detail

Diese Erklärung gab Schadow auch einem anderen interessierten Bildhauer, der später notierte:

»Ich mußte es thun«, war seine Antwort, »weil die eine Prinzessin einen dicken Hals hat.« In der That, ich traute meinen Ohren nicht, als ich dies hörte. O, der armen bedauernswürdigen Kunst, die sich in ihrem veredelnden zum ideal hinstrebenden Geschäfts nicht einmal über einen dicken Hals wegsetzen darf.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, schließlich ist die Auskunft des Bildhauers deutlich. Aber stimmt sie auch? Würde ein Bildhauer, der lange an einem Standbild arbeitet, sich nicht doch über so eine (ja offenbar vorübergehende) Halsschwellung hinwegsetzen, sie einfach nicht abbilden? Auch gerade der jungen Frau zuliebe?

Es spricht hier einiges dafür, dass Luise das Tuch nicht als Notbehelf, sondern aus modischen Gründen trug. Sie war bekanntermaßen ein It-Girl der damaligen Zeit, ein Fashion-Victim. Sie erhielt regelmäßig Modeneuigkeiten, auch über das Journal des Luxus und der Moden, in dem Berichte und Bildtafeln die neusten Trends in Paris und anderswo zeigten.

Die Mode mit den Halsbinden

Schon 1792 berichtet ein Beobachter im Journal des Luxus und der Moden von einer Neuigkeit, die ihm gar sehr missfällt: Die Frauen binden nämlich

sogar das Band ums Haar unter dem Kinne zu, und verkennen dabey gewaltig ihren Vortheil. Ein minder schöner Hals fällt immer dadurch mehr in die Augen, und ein schöner Hals – wirklich, das ist sehr ungerecht von Ihnen, meinen Damen, dass Sie, um einer flüchtigen Mode willen, uns arme Männer auf eine Zeitlang um einen schönen Anblick bringen wollen, der uns so viel werth ist!“

So flüchtig wie der Beobachter hofft, war die Mode nicht. Im folgenden Jahrzehnt finden sich zahlreiche Abbildungen dieses Looks. (Leider kann ich in diesem Artikel nur wenige der vorhandenen Bilder zeigen. Deutsche Museen sind ja bisher sehr knauserig mit ihren Bildrechten, das macht sich bei diesem Thema bemerkbar).

journallmjuni1796Journal des Luxus und der Moden 1796

Untitled Fashion Plate LACMA 54.89.154a-b (2 of 2)spätes 18. Jhd

Später war eine eng anliegende Halsbinde, die hinten ansteigt, ein verbreitetes modisches Accessoire, auch Luise trug sie gern und wurde mehrmals so auf Bildern gezeigt.

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Caroline de la Motte beschreibt 1830 in einem Rückblick auf die Mode seit 1785 einige „geschmacklose Modeverirrungen“,  zum Beispiel eine Halsbinde bei Frauen:

der Hals erschien unförmlich dick , denn man umwand ihn mit einem achtfach zusammengelegten Tuche, nach Art übertriebener Männerkravaten“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die Halsbinde Luises Markenzeichen, auch auf späteren „Phantasie“-Porträts. Der Luisenkult um die preußische Madonna zitierte den Schal immer wieder.

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Fazit: Luise hat die Halstuchmode nicht erfunden

Sie hat den Trend aber aufgegriffen. Vielleicht fand die 18jährige ihren Hals tatsächlich etwas zu dick und war dankbar über den kaschierenden Look. Dem älteren Bildhauer Schadow war die Mode wahrscheinlich zu fremd, er erklärte das Accessoire lieber medizinisch. Ich erinnere mich selbst daran, dass wir uns in meiner Jugend bunte Windeltücher um den Hals schlangen, oder lange Wollschals, was als ungewöhnlich galt. Die Großelterngeneration reagierte darauf bei mir mehrmals irritiert-belustigt mit der Nachfrage: „Hast du Halsschmerzen?“ Ebenso erging es uns, als wir uns ganz im Künstler/Architekten-Schwarz kleideten. Ich kann mich noch an Bemerkungen erinnern wie: „Gehst du zur Beerdigung?“ So etwa in dieser Art erkläre ich mir Schadows Erinnerung.

Der Katalog zur vergangenen Ausstellung Luise: die Kleider der Königin nimmt ebenfalls an, dass Luise mit der Kinnbinde nur einem Modetrend folgte. Das ist bisher aber die einzige zweifelnde Stelle, die ich gefunden habe. Dagegen steht die beliebte und verfestigte Legende vom Halsverband einer Kränkelnden, der in die Modegeschichte einging. 

Wenn ich mal richtig gut drauf bin, werde ich versuchen, den Wikipedia-Artikel in Richtung der neuen Erkenntnis zu ändern. Ich weiß aber schon aus Erfahrung, dass ich da mit Wachhunden zu rechnen habe, in diesem Fall wahrscheinlich pensionierte Preußenforscher, die zur Hochform auflaufen. Da sollte ich dann besser wirklich alles mit 1A-Quellen belegen können, ich dahergelaufenes Häkelmäuschen.

Wünscht mir Glück!

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Weiterführende Info:

Reimar F. Lacher, Schadows Prinzessinnengruppen

Luise: die Kleider der Königin : Mode, Schmuck und Accessoires am preussischen Hof um 1800

Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II

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Vor einiger Zeit bekam dieser kleine Nischenblog eine Menge Aufmerksamkeit, weil ich über Falschmeldungen geschrieben hatte: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung. Der Artikel wurde viel geteilt, am Ende gab ich dann ZDFinfo auch noch ein Interview zum Thema (mit dem schönen Kostümverleih in Adlershof als Kulisse).

Das ist jetzt ein Jahr her und wenn ich zurückblicke, kann ich es kaum glauben, wie sehr der Umgang mit gefälschten Bildern oder irreführendem Kontext zum Alltag geworden ist. Wo ich damals immer noch versuchte, die Fehler aufzuzeigen, habe ich lange resigniert – ja, ich scheue sogar davor zurück, als Besserwisserin den anderen den „Spaß“ zu verderben.

Hier zum Beispiel juckte es mir eigentlich in den Fingern, dem Tweet von Women’s Art zu widersprechen. Der Teppich von Bayeux wurde von Frauen gestickt?

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Nein, oder jedenfalls nicht nur. Wahrscheinlich ist, dass die beauftragten Stickwerkstätten sowohl Männer als auf Frauen beschäftigten (siehe auch die Erfindung der Handarbeiten als Weiblich und Heißbegehrter Teppich von Bayeux ). Aber spielt dieses kleine Detail für die Fans der Sammlung von Women’s Art eine Rolle? Ist das wichtig? Eigentlich nicht, es geht ja nur um das große Anliegen, vergessene Kunst von Frauen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hinter dem stehe ich ja auch.

Die folgende Bildüberschrift ist kompletter Quark: „1921 zogen sich frühe Suffragetten oft Badeanzüge an und aßen in großen Gruppen Pizza, um Männer zu nerven“

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Diese Frau essen weder Pizza noch sind sie (schon gar keine frühen) Suffragetten oder wollen Männern nerven. Das war im Original einfach nur ein Wettbewerb im Pie-Essen!

Ach, waren die Passanten doch früher viel besser angezogen! denkt man beim Anblick des Regenfotos.

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Ist das hier ein gut gestyltes Paar im Regen? Ja, aber kein Schnappschuss, sondern ein gestelltes Modefoto für Mary Quant im Seventeen Magazine.

Auch das hier ist nicht Coco Chanel 1913, sondern eine Schauspielerin 2008 in einem Film von Karl Lagerfeld:

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Und ist das hier ist auch nicht die echte Marie Curie.

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Nein, das Foto von 2001 zeigt ebenfalls eine Schauspielerin. Sie spielt Marie Curie in einem Theaterstück. Das falsch betitelte Foto ist so beliebt, dass mehrere afrikanische Länder es sich als Vorlage für Briefmarken  genommen haben.

Die gestellten Fotos und Verwechslungen mit Schauspielerinnen sind harmlos im Vergleich zu mit politischem Kalkül manipulierten Fotos.

Besonders T-Shirtaufdrucke lassen sich ganz wunderbar abändern. Dem Sänger der Gruppe Rammstein wurde hier ein Putin auf die Brust gephotoshopt.

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Auf dem Originalfoto dieser Trumpanhängerinnen steht auf dem Shirt der mittleren Frau nicht WHITE  sondern GREAT.

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Keine Seite der Aktivisten ist mit solchen Mitteln zimperlich. Schnell lässt sich mit Photoshop manipulieren, wer die amerikanische Flagge mit Füßen tritt.

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Bei mir ist es so weit, dass ich keinem solcher Fotos, ja keiner Extremmeldung mehr auf Anhieb glaube. Was mir wirklich wichtig ist, dem gehe ich nach und überprüfe es selbst. Die Seite Snopes ist meine regelmäßige Anlaufstelle. Dort werden populäre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt und mein innerer Empörungsmensch wird ständig zurückgepfiffen. So las ich dort gerade, dass das angebliche Leninisten-Zitat von Steve Bannon nur auf einer vagen Erinnerung eines Journalisten beruht und von keiner weiteren Quelle gedeckt ist. Auch die Behauptung, Trump habe im Weißen Haus einen Dresscode für Frauen vorgegeben, ist unbewiesen. Mir ist klar, dass die Gegenseite noch viel schlimmere Propaganda verbreitet. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Eigentlich möchte ich meinen bevorzugten Nachrichtenquellen trauen können, leider machen auch die nun oft überstürzt beim Lauffeuer mit.  Johnny Haeusler schreibt dazu jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an und bestätigt, dass es (wie bei allen von mir gezeigten Falschinformationen) eigentlich um Klicks und Geld geht:

Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Nur darum geht es.

Obwohl ich das weiß,  fällt es mir zur Zeit sehr schwer, mich dem Informationsstrom aus den von mir sehr geschätzten USA zu entziehen. Man glaubt, einer gruselig-spannenden Politserie mit lauter Cliffhangern zu folgen, nur dass alles echt ist. Wie echt? Was stimmt? Schwer zu sagen. „Fakten haben im politischen Streit keine Bedeutung per se. Sie erlangen sie durch moralische Interpretation“ sagt eine Sprachforscherin. Ich muss nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die Ideologie der Ecke, die sich darauf beruft.
Was für ein Jahr! Aus den Aufregern der Hoaxes und Fake-News ist Begleitmusik geworden. Eine Hoax-Sammlung III werde ich wohl nicht für nötig halten.
Dennoch zum Abschluss wieder hilfreiche Links, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

Stoffspielerei: Duftige Nachthemdpasse aus den 30ern

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„Handarbeiten, Freude bereiten“ steht auf diesem Anleitungsheft, Herausgeber ist der Reichsbund des Textil-Einzelhandels. Zitat von Seite 20: „Wir wollen Ihnen hier klar machen, wie leicht es doch ist, eine Hemdenpasse zu häkeln“. Fein, das passt gut zum heutigen Termin für die Stoffspielerei*.   Ines  von den Nähzimmerplaudereien hat das Thema “Ecken und Kanten” vorgegeben, bei mir wird also nun eine Passe als Ausschnittkante daraus. (Übrigens: Bei Wikipedia fehlt noch ein Artikel zum Thema Passe am Kleidungsstück, falls jemand Lust hat, sich darum zu kümmern.)

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So sieht das Häkelstück im Heft aus, an ein seidiges Hemd angenäht.

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Die Anleitung dafür ist erstaunlich einfach. Auf der Häkelgrafik stehen die Punkte für Luftmaschen und die Striche für Stäbchen, das Muster wiederholt man immer rundum von Reihe 1 bis zur Reihe 15.

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Die Reihe 15 habe ich leider nie erreicht, denn das schön alte cremefarbene Häkelgarn ging vorher aus und ich fand keins mit demselben Farbton, um weiterzumachen. Ohnehin muss das Original noch viel feiner gehäkelt sein als meins, denn meine Passe ist  größer geworden als in der Vorlage. Dennoch tränten meine Augen vor Anstrengung, mit der Nadel immer die kleinen Maschen zu treffen.

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Auf dem Blumenkleid wirkt der Häkelkragen zwar authentisch, aber auch ziemlich mopsig. Also habe ich ein Nachthemd genommen, dessen Ausschnitt schon ein bisschen durchgescheuert war.

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Die Passe passte gut hinein – mal sehen, wie es sich trägt. Laut Heft soll man lange Freude daran haben. „Obwohl sie so duftig aussehen, sind sie doch sehr dauerhaft und halten viele Wäschen aus.“

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Den Reichsbund des Textil-Einzelhandels gab es in den 1920er und 1930er Jahren. Angesichts der Mode tippe ich auf die 30er Jahre, aus der Zeit sind auch einige andere Zeitschriften, die bei dem Konvolut waren.

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Hat alles ein ziemliches Nazi-Feeling an sich, beim Nachhäkeln hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das Frauenbild im Heft ist dementsprechend – Frauenfleiß eben, Mutters Nadel, Mutters Hände, Schönheitssinn und Ordnungsliebe. Wie ganz anders wirkte da noch kurz vorher die Berliner Frauen-Illustrierten von 1928,  hier schon einmal Thema – der gesellschaftliche Rückschritt kann schnell und extrem sein.

Auch Modedetails aus meinem Heft sind heute wieder aktuell, die klobigen schwarzen Schuhe zum Beispiel, oder die dicken Zopfsocken und das Teufelsmützchen.

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Die anderen Dinge – naja. Bei dem Strickkleid pillt es schon auf dem Foto so sehr, dass es gruselt. Und der Herrenpullover mit Logo könnte heutzutage als Nerd-Mode bzw. Geek-Chic wieder Abnehmer finden. Mädchen mit Hornbrillen und viel zu großen filzigen Mänteln vom Flohmarkt sind hier gerade Trend.

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Soweit für heute – vielen Dank an Ines, die die Links sammelt. Schaut bei ihr vorbei – ich bin gespannt, was andere aus dem Thema gemacht haben.

Im nächsten Monat, am 26.2. (der Sonntag vor Rosenmontag) ist das Thema “Kopfputz”, Gastgeberin ist Gabi von Made with Blümchen.

Nun bastle ich noch an einer anderen Kragenkante. Mal sehen, mit welchen der beiden Seidenstoffreste aus Japan ich die Bluse verschönere, ich kann mich noch nicht entscheiden. Schönen Sonntag allen!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 20

Ist das nicht ein wunderschönes Kleid? Ich hoffe, mir einmal so etwas nähen zu können. (Außerdem hoffe ich, dass das Einbetten der Links von Twitter dieses Mal klappt, falls nicht, bastle ich noch ein bisschen herum).

Zunächst ein Hinweis in eigener Sache für alle, die in Berlin am Samstag den 18. Februar 2017 abends Zeit und Lust haben, Constanzes und mich bei einer Lesung aus unseren Büchern zu erleben. Um 18 Uhr sind wir im schönen Nähkontor bei Nina im Bötzowviertel, alle weiteren Informationen hat Nina hier aufgeschrieben. Ich freue mich schon darauf!

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Und nun ein paar Twitterfunde aus den letzten Wochen.

Ausstellungshinweise

(17. Januar bis 22. Februar 2017 zu den Öffnungszeiten des Baykomm Communication Center, montags bis freitags 10.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt ist frei.)

In Bonn: Im LVR Landesmuseum Evas Beauty Case (Eine Besprechung habe ich hier gefunden).

Ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass ich die Seite mit der Übersicht über aktuelle Textilausstellungen offline genommen habe? Die Pflege der Liste war so zeitaufwendig und ich war mir nicht sicher, ob das Interesse den Aufwand rechtfertigte.

Zum Hören

Neue Podcastepisode bei Muriel, zu Gast ist Andrea von Michou à la Mode.

Podcast: Rundgang mit über den Chaos Communication Congress 2016 zum Thema textiles Making, Fasernerds & Crafting

Dort wurden auch Spindeln 3-D gedruckt, das fand ich wirklich super.

Zum Lesen und Staunen

Inspiriert vom Buch „Frauen und Kleider“ hat Nicole eine Blogserie über Stilfragen und Kleidergeschichten gestartet, mitmachen ist erwünscht.

Webstruktur eines Kimonostoffes in 400facher Vergrößerung (unter thesecretlifeoftextiles sind noch mehr faszinierende Stoffbilder aus dem Elektronenmikroskop zu sehen):

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Soweit meine Links und Lesetipps für heute.

Hoffentlich melde ich mich am Sonntag wieder, dann ist nämlich bei  Ines  von Nähzimmerplaudereien Stoffspielerei mit dem Thema „Ecken und Kanten. Noch habe ich nichts zustande gebracht, wir werden sehen!

Ein Transvestit bei E.T.A. Hoffmann und andere Beobachtungen

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In diesen bitterkalten Berliner Januartagen bin ich voller Neugier zum Gendarmenmarkt gefahren – ich wollte den Blick auskundschaften, den der Dichter E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren auf das Markttreiben hatte. Schuld an dem Fangirling waren schöne Kleidungsbeschreibungen, die ich in Hoffmanns Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ von 1822 gefunden hatte. Hoffmann wohnte direkt am Gendarmenmarkt, in der Erzählung fabuliert er mit einem Gesprächspartner über die Menschen, die sie aus dem Fenster heraus beobachten, sie dichten ihnen Geschichten an.

Schauspielhaus Berlin um 1825Gendarmenmarkt 1825

Nur einige Beispiele, garniert mit vielleicht ja passenden Bildern:

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Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

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Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strickwolle …

Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Äußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantilischer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen, so schnell sie konnte, während die Alte, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf.

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liebeseufzende Jünglinge in blauen Röcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß

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die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Shawl ist modern – der Hut passend zur Morgentracht, so wie das Kleid von geschmackvollem Muster – alles hübsch und anständig – o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidene Schuhe. Ausrangierte Ballchaussure auf dem Markt!

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Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weißen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dem dicksten Gedränge des Volkes emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor – ein großes, schlankgewachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen – der Überrock von rosarotem schweren Seidenzeuge ist funkelnagelneu – der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen – weiße Glacéhandschuhe. –… Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, um dem erblindeten Landwehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand – hilf Himmel! eine blutrote, noch dazu ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Vorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückt sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt…

Beim ersten Lesen dieses Textabschnittes dachte ich: Ach, das ist dann wohl eine für die Öffentlichkeit fein ausstaffierte Dame, die in Wirklichkeit hart arbeiten muss, daher die roten Hände. In Wirklichkeit schildert Hoffman hier aber einen Mann in Frauenkleidern, als Indiz liefert er dem Leser auch noch den Inhalt des Einkaufskorbs  („ein Paar Pantoffeln – ein Stiefelknecht“) und  nennt die Figur das „leichtsinnige Kind der Verderbnis“.  Männer, die gern Frauenkleider tragen und umgekehrt, Frauen, die als Mann auftreten, gab es durch alle Epochen hindurch. Die Bezeichnung Transvestit stammt dagegen aus dem 20. Jahrhundert, vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld.

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Der Vetter in der Erzählung sitzt gelähmt am Fenster – so wie E.T.A. Hoffmann auch, der in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr laufen konnte.

etahoffmann1812nachhenselgermanclassicsof05fran_0473E.T.A. Hoffmann

Vielleicht trug er ja auch die Kleidung des Vetters:

Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. … Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte.

Was ein Warschauer Schlafrock war, habe ich noch nicht raus, aber die Bezeichnung war damals verbreitet.

portrait-louis-royerPortrait des Bildhauers Royer

Hoffmann wohnte mit seiner Frau Mischa ab Juli 1815 im Eckhaus Taubenstraße 31/ Charlottenstraße. Das Wohnhaus, von dem er auf den Markt blickte, wurde später durch ein anderes Gebäude ersetzt, heute hätte der Dichter hier im 3. Stock am Fenster gesessen:

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Daran erinnert auch eine Gedenktafel am Haus (heute das Restaurant Lutter und Wegner).

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Hoffmann zeichnete selbst ein Skizze seiner Wohnlage, inklusive seines Kopfes mit Pfeife im Arbeitszimmer und den Blick auf die Gemüsefrauen neben dem Dom. Zur Verdeutlichung und in völligem Nerdtum habe auch ich hier auf einem alten Plan seinen Standort (hellblau) und seinen Blick (gelb) markiert

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und das Areal fotografiert:

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Viel mehr Informationen gibt es im Hoffmann-Portal. Bei den Recherchen wurde mir erst klar, wie viele Fans der als feierfreudig bekannte Dichter auch heute noch hat. So viele, dass sein Denkmal ständig geschmückt wird, hier mit Weihnachtsschmuck, Flaschen und Luftschlangen. (Vom Wohnhaus schräg gegenüber, neben dem Deutschen Dom im Gebüsch).

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Nach all dem Auskundschaften stärkte ich mich in der Cafeteria der Hochschule für Musik (neben Lutter und Wegner) zwischen Cellokästen an einem sehr guten Kuchen.

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Und dachte darüber nach, dass mich die Erzählung nicht nur wegen der Alltagsbeschreibungen angerührt hat: Es geht auch um Leiden und Tod. Hoffmann schrieb die Geschichte, als er schon totkrank war, kurz nach der Veröffentlichung starb er. Sein Alter Ego in der Geschichte, der gelähmte Vetter, hat am Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte stehen:

»Et si male nunc, non olim sic erit.«

(„Wenn’s zur Zeit schlecht läuft, wird es nicht auch in der Zukunft so sein“, Horaz)

Das wünsche ich allen, bei denen es zur Zeit schlecht läuft: Einen Blick aus dem Fenster auf buntes Leben und bessere Zeiten.

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Heimatlose und Fahrendes Volk vor 150 Jahren #Gemeinfreitag

Gerade bin ich nicht so richtig gut gelaunt, daher hier ein paar Fotos von Menschen, die zur Zeit der Aufnahmen auch nicht in Hochstimmung waren.

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Wir sind in den 1850er Jahren und haben die seltene Gelegenheit, echte Menschen aus dem ärmeren Teil des Volkes zu sehen. Die Fotos im Schweizerischen Bundesarchiv  verdanken wir einer Fahndungsmaßnahme der Schweizer Polizei. Sogenannte Heimatlose, die zum fahrenden Volk gehörten oder aus anderen Gründen kein Bürgerrecht in der Schweiz hatten, sollten registriert und entweder (zwangs-)eingebürgert oder ausgewiesen werden. Der Fotograf Carl Durheim machte die Aufnahmen 1852-1853 auf Salzpapier. Die Sammlung zeigt den wohl weltweit frühesten Bestand an Polizeifotos.

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Man bekommt einen Eindruck davon, wie Menschen vor 150 Jahren gekleidet waren, die sich (anders als die bürgerlichen Familien in diesem Beitrag) keinen Fotografenbesuch leisten konnten.

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Oft ist gut zu erkennen, wie Knie, Ellenbogen, Knopfleisten und Jackenkanten abgenutzt sind oder wie alles zu eng ist.

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Dieser Junge mit der stark geflickten Jacke und Hose hat laut Bildunterschrift 4 Aliasnahmen: „Bossard, Karl, alias Johann Peter Feible, Karl Johann Feible, Karl Knobel, Johann Stössel“.

Auf den Betroffenen lastete der „Fluch der Heimatlosigkeit“, gern verschleierten sie ihre Identität. Die Ermittler beschwerten sich über „das Verbergen der Papiere, … die stete Namensänderung und das konsequente Läugnen und Verschweigen der Verhältnisse“.

Heimatlos konnten man leicht werden und war dann zu einer fahrenden Lebensweise gezwungen. Gemeinden entzogen Bürgern aus verschiedenen Gründen das Heimatrecht, zum Beispiel aufgrund längerer Abwesenheit, einer Straftat oder einer Heirat in eine andere Konfession hinein. Insgesamt waren die Gründe für die nicht-sesshafte Lebensweise vielfältig und die Gruppe der „Vaganten“ nicht homogen – erwähnt seien nur die Randgruppen Jenische und Sinti.  (Mehr dazu bei Stiftung Fahrende, der Radgenossenschaft und Wikipedia.)

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Manche Frauen haben gemusterte Decken auf den Knien, Tücher in der Hand oder Körbe im Arm – Requisiten, die vielleicht vom Fotografen gestellt wurden, der sich normalerweise mit bürgerlicher Portraitfotografie beschäftigte.

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Bei Männern spielen Hüte und Pfeifen als Beiwerk eine Rolle. André Matthey auf dem Foto unten hat seinen eigenen Hut in der Hand, auf dem Tisch liegt eine Schirmmütze – offensichtlich nur als Staffage.

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Die Schirmmütze taucht auf einem anderen Foto wieder auf, neben einem Buch – als weitere bloße Dekoration, ist zu vermuten, denn die fotografierten Menschen waren eher Analphabeten.

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Viele Männer tragen auf den Fotos weite gefältelte Kittel.

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Diese Art Kittel waren meist blau und in vielen europäischen Regionen in der arbeitenden Bevölkerung verbreitet.  Sie haben eine eigene interessante Geschichte (vermutlich kamen sie durch französische Fuhrsleute in Mode).
Tracht Hinterland 2003Hessischer Kuhhirt

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Waren die Kittel auf den Fahnungsfotos wie eine Kostümierung inszeniert, um den Anschein der bäuerlichen Sesshaftigkeit geben? (Wird in einem Beitrag zum Thema vermutet). Ich kann das nicht so recht glauben, jedenfalls sind die Kittel sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise bestickt. Da hätte der Fotograf schon eine große Kostümkiste haben müssen. Dennoch erinnern die Bilder auch an die inszenierten Einwandererfotos von Ellis Island.

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Manchmal sind unter zu den Bildern auch Berufe angegeben: Korber, Geschirrhändler, Köhler, Tagelöhner, Holzschnitzer, Wedelmacher, Schauspieler.

Joseph Körbler - CH-BAR - 30313904
Beruf: Vogelfänger

Als Frauenberufe kommen vor: Geschirrhefterin, Seiltänzerin, Nähterin. Heimatlose hatten keine Papiere und keine Rechte, sie konnten nicht legal heiraten – weshalb auf vielen Fotos die Frauen als „Beihälterin des …“ bezeichnet werden, also als Beischläferin.

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„Duardt, Elisabeth Personalien: 47 Jahre alt, Beihälterin des nun verstorbenen Lorenz Vetter von Bendorf“

Spitznamen sind Teil der Beschreibung – Sternengugger, Specksepp, Springinsfeld, seidene Clara, Hopsapudels – manchmal verbunden mit körperlichen Merkmalen, wie hier:

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„Grether, Marx … vulgo Krebsscheeren“

Suter, Eulogius, genannt Stülzfuss

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Oder die Anmerkung: „Kennzeichen – ohne Hände“

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Die Fotos wurden nachgezeichnet und als Litografien im «Album schweizerischer Heimatloser»  in den Kantonen zur Nachforschung verteilt.

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Oben rechts Bernhard Ostertag mit Pfeife, unten das Foto dazu:

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Und ein Blick in das improvisierte Fotostudio:

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Hinter dem Herrn mit gestreifter Weste sieht man auf dem Boden den Ständer der Kopfstütze – die war wegen der langen Belichtungszeit notwendig, um den Kopf still zu halten.

Die Geschichte der Heimatlosen ist vielschichtig und schwierig. Bei einer Beschreibung der Zwangseinbürgerungen fühlt man sich an die Verteilung von Asylsuchenden heute erinnert: „Viele Behörden gingen bis vor das Bundesgericht, um die Unerwünschten einem anderen Kanton oder einer Nachbargemeinde zuzuschieben. Manchen heimatlosen Familien zahlten sie auch die Überfahrt nach Amerika, um sie loszuwerden.“
In der Schweiz gab es noch bis in die 1970er Jahre die private Fürsorgestiftung «Pro Juventute» mit dem Ziel, fahrende Kinder umzuerziehen. Sie wurden ihren Eltern weggenommen und in Heimen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Kindern wie Eltern drohten Arbeitsanstalten oder die Psychatrie. Die ganze Geschichte ist mit viel Leid verbunden. Mehr zur Problematik  (die es im übrigen in Deutschland auch gab, wie gerade der Film Nebel im August thematisiert hat).

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Die Fotos hat das Schweizerische Bundesarchiv  in Wikicommons hochgeladen und gemeinfrei gestellt. Nur durch diesen Schritt war es mir möglich, die Fotos zu durchforsten, Ausschnitte zu machen, sie aufzuarbeiten, die Hintergrundgeschichte zu recherchieren und hier zu präsentieren – ich hoffe, wie immer bei der Aktion #Gemeinfreitag,  dass auch andere Institutionen im deutschsprachigen Raum sich einen Ruck geben und ihre Datenschätze der Öffentlichkeit gemeinfrei zur Verfügung stellen. Es gibt immer welche wie mich, die sich aus reiner Privatbegeisterung einer Sache annehmen.

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Privatbegeisterung werde ich auch weiterhin brauchen. Meine gedämpfte Laune hängt mit dem vorläufigen Jahresabschluss meiner Buchunternehmungen zusammen. Sie verkaufen sich nach wie vor gut, die beiden Werke, aber die Marge, die Marge…. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Das Ergebnis lässt mich mit weiteren Projekten zögern – obwohl ich so viele gute Ideen habe und voller Tatendrang ins neue Jahr gestartet bin! Wir werden sehen.

Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

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Zum Fest habe ich noch eine Handarbeits-Weihnachtsgeschichte ausgegraben. Dafür begeben wir uns in das Jahr 1810, und zwar wieder zu Heinrich von Kleist. Im Dezember 1810 beschreibt Kleist für die Zeitung eine Verkaufsausstellung. Wenig begüterte Männer und Frauen, „verschämte Arme“, haben die schönsten Dinge hergestellt und hoffen jetzt auf reiche Käuferinnen. Kleist beschreibt das Angebot so liebevoll!  „… Man möchte ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Tränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen…“

Aber lest selbst:

Berliner Abendblätter, den 18ten December 1810

W e i h n a c h t s a u s s t e l l u n g.
Eine der interessantesten Kunstausstellungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, werth, daß man sie besuche und auch wohl, daß man etwas darin kaufe, ist vielleicht die Waarenausstellung der, zum Besten der verschämten Armen beiderlei, doch vorzüglich weiblichen Geschlechts errichteten Kunst- und Industriehandlung , von Mad. Henriette Werkmeister Oberwallstraße No. 7.

Es hat etwas Rührendes, daß man nicht beschreiben kann, wenn man in diese Zimmer tritt; Schaam, Armuth und Fleiß haben hier, in durchwachten Nächten, beim Schein der Lampe, die Wände mit Allem was prächtig oder zierlich oder nützlich sein mag, für die Bedürfnisse der Begüterten, ausgeschmückt.

kerstingKersting, 1825

Es ist, als sähe man die vielen tausend kleinen niedlichen Hände sich regen, die hier, vielleicht aus kindlicher Liebe, eines alten Vaters oder einer kranken Mutter wegen, oder aus eigner herben dringenden Noth, geschäfftigt waren: und man möge ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Thränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen, und an die Verfertigerinnen, denen die Sachen doch wohl am Besten stehen würden, zurückzuschenken.

sample-book-trims1Musterbuch

      Zu den vorzüglichsten Sachen gehören:

1) Ein Korb mit Blumen, in Chenille gestickt, mit einer Einfassung; etwa als Caminschirm zu gebrauchen. Die Stickerei ist, auf taftnem Grund, eine Art von bas relief; ein Büschel Rosen tritt, fast einen Zoll breit, so voll und frisch, das man meint, er duftet, aus dem Taftgrunde hervor. Zu wünschen bleibt, daß auch die anderen Blumen und Blätter, die aus dem Korb vorstrebend, darin verwebt sind, verhältnißig hervorträten, das würde das Bild eines ganz lebendigen Blumenstraußes geben. Eine edle Dame hat dies Kunst- und Prachtwerk bereits für 15 Louid´ or erkauft; und nur auf die Bitte der Vorsteherinn befindet es sich noch hier, um die Ausstellung, während des Weihnachtsfestes, als das wahre Kleinod derselben, zu schmücken.

firescreen-mfa1Kaminschirm, ca. 1801-1810

2) Eine Garnitur geklöpfelter Uhrbänder. Die Medaillen an dem Ende der Bänder, stellen, in Seide gewirkt, Köpfe, Thiere und Blumen dar; so fein und zierlich, daß man sie für eine Art von Miniatur Mosaik halten mögte.

3) Ein, in Wolle, angeblich ohne Zeichnung gestickter, Fußteppich. Ein ganzer Frühling voll Rosen schüttet sich, in der lieblichsten Unordnung, darauf aus; und auch die Arabeskeneinfassung ist zierlich und geschmackvoll.

4) Ein Rosenstrauß, auf englischem Manschester gemahlt, mit einer Einfassung von Winden, gleichfalls als Caminschirm zu gebrauchen.

5) Ein ganz prächtiges Taufzeug.

taufkappemetTaufkappe, frühes 19. Jhd.

Vieler Kleider, unter welchen ein gesticktes Musselinkleid oben an, Tücher, Hauben, eine immer schöner als die andere, Strick, Geld- und Tabacks-Beutel, in allen Provinzen des Reiches zusammengearbeitetet, das Ganze mehr den 10 000 Thl. an Werth, nicht zu erwähnen. –

Wir laden die jungen Damen der Stadt, die Begüterten so wohl als die Unbegüterten ein, diese Anstalt zu besuchen, und glauben verbürgen zu können, daß sie diesen Gang weder in dem einen noch in dem andern Fall, umsonst thun werden.

hk.

 

(Stickmuster 19 Jhd.)

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Gern hätte ich für alle Gegenstände Beispiele gesucht, aber nun ist mir die Zeit davongelaufen, wie immer und sicher auch bei den meisten vor dem 24.  Vielleicht kann ich später auch noch den offenen Fragen nachgehen – Manchester ist eine Art Samt gewesen, oder? Mit Kaminschirmen schützten die Damen ihr Gesicht? Was waren  die genannten Summen, Thaler, Louisd’or 1810 in Berlin wert? (1815 berichtet eine Zeitung, für einen Lehnstuhl Bonapartes seien ungeheure 100 Louis d’or gezahlt worden, ein Obristenleutnant habe als Zeichen besonderer Zufriedenheit ein Geschenk im Wert von 50 Louisd’or erhalten – die edle Dame hat mit den 15 Louis d’or für den Kaminschrim also sicher nicht zu wenig gezahlt).

Ich wünsche uns allen ein friedliches Weihnachtsfest! Wir hier in Berlin, jedenfalls die Menschen in meinem Umfeld, haben die Ereignisse mit ruhiger Gelassenheit getragen. Angst ist nicht zu spüren, obwohl auch wir sehr leicht hätten betroffen sein können. Das macht mich froh und mutig und euch hoffentlich auch. Bis bald!

Luise auf dem Weihnachtsmarkt„Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“