Meldung aus dem Ehrenamt

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Pilau-Reis als Dank, Flüchtlinge kochen für die Ehrenamtlichen

Seit Tagen bastelte ich nun an diesem Beitrag herum. Nach über einem Jahr Nähraum in der Flüchtlingshilfe wollte ich eine Zwischenbilanz ziehen, von Erfahrungen berichten und Ratschläge austauschen. Aber, es ist schwer. Bisherige Gespräche zeigen mir, dass momentan kein Platz ist für differenzierte Berichterstattung. Egal welche Seite, ob die mit Wutbürgerpotential oder die eher links-moralisch positionierte, sie hören mir nicht wirklich zu. Ich kann alle Reaktionen inzwischen wie ein Bullshit-Bingo im Schlaf aufsagen.

„Ihr wurdet beklaut? Unverschämt, wie kommen die dazu, wussten wir doch, das klappt nicht, passen nicht zu uns, schnellstmöglichst zurück…“

„Ihr wurdet beklaut? Das muss man verstehen, die waren so lange auf der Flucht, da ist das lebensnotwendig, das darf man nicht so eng sehen, wir haben doch genug…“.

Dieses Pingpong kann ich lustig weitermachen, gern auch zum Thema Rolle der Frau, Deutschlernen, Integrationswille, Anspruchshaltung usw.   Positive Erfahrung werden je nach eigenem Weltbild geglaubt oder heruntergespielt, mit den negativen ist es ebenso. Danach ist keiner einen Schritt weiter. Also plaudere ich nicht aus dem Nähkästchen (wie erfreulicherweise die Runde in diesem Zeit-Artikel ), rede nur allgemein.

Wenn ich eins im letzten Jahr gelernt habe, dann das: Wer Gutes tun will, muss ein wehrhafter Gutmensch sein.  So wie ein strenger, aber gerechter Lehrer besser ist als einer, dessen weiches Herz die Schwachen nicht vor dem Missbrauch der Starken schützen kann. Ich habe ich gelernt, dass unlösbar scheinende Probleme lösbar werden, wenn genügend vernünftige Leute zusammen kommen und überlegen, wie es gehen könnte. Vielleicht ist das sogar die beste Bilanz: Ich werde niemals vergessen, wie wir hier im Sommer 2015 aus unseren Kokons gekommen sind und angepackt haben, als die Not am größten war. Das war nur eine Email-Liste der Willigen, mehr brauchte es nicht. Wir sind alle noch da, eine ganze Schläfer-Armee der Hilfsbereiten, auch wenn es im Moment nicht so aussieht.

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Viele Aufgaben sind inzwischen von bezahlten Stellen übernommen worden, der Helferkreis ist kleiner, dafür beständiger. Die zur Zeit aktiven Ehrenamtlichen sind fast nur Frauen, Frauen in den besten Jahren. Nachbarinnen, Rentnerinnen, Vollzeitmütter, Freiberufler, Arbeitssuchende – sie geben Sprachkurse, betreiben eine Kleiderkammer und einen Nähraum, hüten Kinder, vermitteln Sportvereine, Jobs und Wohnungen, organisieren Ausflüge, Möbel und Umzüge. Wir sind nicht jung und hip und nicht in den Medien. Aber wir sind zusammen ein bisschen wie die Frauentruppe im Tatort vom letzten Sonntag – lebenserfahren, schräg, entschlossen und weise, das mag ich sehr.

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Unser Engagement ersetzt keine bezahlten Stellen. Kein Arbeitsvertrag verpflichtet uns, wir können jederzeit aufhören – ich bin auch schon längere Zeit weggeblieben, als ich nicht mehr konnte. „Warum gehst du da hin?“ wurde ich schon oft gefragt. „Weil ich neugierig bin“ war meine spontane Antwort, „ich will wissen, was los ist“.

Ich weiß nach einem Jahr bloß ein kleines bisschen mehr, aber ich weiß auf jeden Fall mehr als die, die immer alles ganz genau wissen.

An meine Mitstreiterinnen geht jedenfalls ein

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Ja, auch wichtig, wie macht man den bunten Reis auf dem Foto?

Der Pilau/Pilaw-Reis war mit gegrilltem Gemüse vermischt und schmeckte hervorragend. Auf Youtube habe ich Al gefunden, der unter anderem auch zeigt, wie ein Teil der Reiskörner mit Lebensmittelfarbe eingefärbt werden.

Stoffspielerei: Improvisation mit Stoffresten

Heute ist wieder Termin für die Stoffspielerei*,  Nahtzugabe ist mit dem Thema „Stoffreste“ Gastgeberin. Dafür habe ich zwei Quilt-Projekte aus meiner Funduskiste geholt.

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Vor Jahren schon wollte ich nach einem Quiltspotting (Quilts in Filmen) das Pineapple-Muster versuchen. Ausgehend von einem Quadrat näht man viele schmale Stoffstreifen abwechselnd über Eck. Ich habe mich für je eine Reihe bunte und eine Reihe dunkle Stoffstreifen entschieden.

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Wenn man es nicht so genau haben muss, kann man nach Augenmaß arbeiten und braucht nicht mehr groß nachzudenken.

Links die Variante fand ich nicht so gut, da waren mir die Streifen zu breit. Rechts gefällt mir aber, das wird nun auf das rote Kissen appliziert.

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Das freie Variieren eines Grundmusters führt mich zu einem tollen Buch, das ich sehr empfehlen kann:

Sherri Lynn Wood, The Improv Handbook for Modern Quilters. Sherris Improvisationsrezepte habe ich ja früher schon probiert (z.B.  Floating Squares oder Stimmungsquilt). Von damals stammen auch noch sehr viele Streifen aus Stoffresten. Ich hatte alle Reste nach Breite sortiert und dann jeweils zusammengenäht.

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Doch wie nun weiter? Ich nahm mir das Kapitel „Doodle“ aus Sherris Buch vor, da näht man Stoffstücke zusammen, als ob man bei einem Telefongespräch nebenher auf einen Block kritzelt. Irgendwo mit einer Grundform (Quadrat, Dreieck etc.) anfangen und dann intuitiv Teile daran setzen, mit anderen Grundformen variieren. Bei sehr bunten Stoffresten rät Sherri zu einem einfarbigen Stoff als Ergänzung.

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Daran habe ich nun eine halbe Nacht herumgekritzelt, und Ausschnitte finde ich auch ganz gut, aber ingesamt?

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Im Buch gibt es jedenfalls auch eine ganze Menge Motivation, nicht so streng mit sich zu sein und den inneren Zensor zu überwinden.

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Ich lasse das jetzt erst einmal liegen und schaue später wieder drauf.

Lucy hat sich ebenfalls mit Sherris Ideen beschäftigt, außerdem zeigt sie, wie man ganz schnell eine kleine Börse nähen kann – schaut mal nach, was sie und andere mit Stoffresten gemacht haben. Danke für das Sammeln der Links!

Weil die Sonntagstermine im Dezember so ungünstig liegen, ist die nächste Stoffspielerei erst wieder Ende Januar, am 29. 1. 2017. Dann ist Ines  (Nähzimmerplaudereien) mit dem Thema „Ecken und Kanten“ Gastgeberin – falls jemand von euch auch einmal einen Sonntagstermin übernehmen möchtet, meldet euch gern bei mir!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Mitbringsel aus Japan

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Diesmal bin ich nur eine Lehnstuhlreisende und zeige, was mir der Mann von einer beruflichen Reise mitgebracht hat. Tokio, Osaka und Kyoto im Herbst, das muss wunderschön sein.

Wunderschön finde ich ja auch immer die Stoffsachen aus Japan, wie zum Beispiel diese halblangen Vorhänge in einem Kuchengeschäft.

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Die zweiteiligen Vorhänge vor Türen oder als Raumteiler mochte ich schon immer und habe nun auch ein Exemplar in Dunkelblau bekommen – als Stickpackung mit Sashikozubehör.

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Sashiko-Sticken war hier ja schon öfter Thema und Stickpackungen von der Firma Olympus standen auf meinem Wunschzettel, seit dem Wischtuch damals.

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Katalog Olympus

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Da die (auswaschbaren) Muster schon aufgedruckt sind, geht man nur noch auf- und ab mit der Nadel durch den Stoff ohne groß nachdenken zu müssen, das ist dann so angenehm und beruhigend wie Stricken.

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Süßigkeiten aus Seide – laut Preisschild für angemessene 300 Euro zu haben. Die passen zu diesen mangaartigen Kimonos:

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Nippon Fabric Town (Straße mit Stoffgeschäften in Tokio) scheint das Paradies zu sein.

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Ich habe natürlich Stücke abbekommen.

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Dann noch ein Rätsel – das weiße Rechteck mit dem roten Rand sind gefaltete Papiere. Wurde mir mitgebracht als Tasche, die man im Kimono trägt? Das ist wohl ein Missverständnis. Hoffentlich liest hier jemand mit Spezialkenntnissen und kann das erklären.

Gebrauchte Kimonos gab es für rund 30 Euro.

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Drei davon sind inzwischen in Berlin, einen will ich mir zum Kleid umarbeiten. Der Kimono links ist im Futter ganz wunderbar fliederfarben eingefärbt.

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Passt doch glatt zum Buch!!!

Was ich 20161119_082433-603x640kurios fand: Auf vielen Fotos sind Menschen mit Mundschutz zu sehen, das scheint ganz normal zu sein. Da komme ich beim Thema Niqab (mit dem ich ja meine Probleme habe) und Gesicht zeigen auf ganz neue Gedanken. So kann man gut seine Vorurteile überprüfen – würden wir verlangen, dass diese Japanerin ihren Mundschutz abnimmt? Hätte ich weniger Angst vor ihr als vor einer komplett schwarz verhüllten Muslima, weil mir die Kultur der Japanerin berechenbarer und nahestehender scheint? Wenn man aus gesundheitlichen Gründen das Gesicht verhüllen darf, muss das dann auch aus religiösen Gründen erlaubt sein? Welche Rolle spielt es, dass nur Mund und Nase verdeckt sind, der restliche Körper aber „normal“ gekleidet und nicht unter schwarzem Tuch versteckt ist?

Der Mann hat sich mit der Frau trotz Mundschutz jedenfalls sehr gut unterhalten.

Auch kurios: Edel-Taxi mit Spitzenüberzug auf den Sitzen. Eine Übernahme westlicher Dekovorstellungen? Wenn man „Japan“ und „Spitze“ googelt, kommen nur Hunde, die Japanspitze heißen.

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Die meisten Fotomitbringsel drehen sich ums Essen – eine Mahlzeit schöner als die andere.

Nun habe ich Hunger und werde mit einem profanen Käsetoastbrot neben dem PC leben müssen.  Guten Appetit allen!  Falls ihr zu den Fragen oder sonst etwas wisst, freue ich mich über Rückmeldungen.

Mythen und Redensarten: Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

Nachdem ich euch das neue Buch vorgestellt habe, will ich den Platz hier nutzen, um auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Was mich bei der Recherche für die Sammlung immer wieder umtrieb war die Tatsache, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.  Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung hatte ich bei meinen Recherchen öfter gefunden, aber ich konnte die Geschichte nicht mit in mein Buch aufnehmen.

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab ca. 1990 verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen), gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

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1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

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1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

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Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

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Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

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Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Das neue Buch ist da!

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Rechtzeitig zur Geschenkezeit ist nun angekommen, woran ich fast ein Jahr lang gearbeitet habe:

Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff

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400 Redensarten, in denen sich alles um Hemden und Hosen, Mützen und Mäntel, Taschen und Tücher dreht.
Von über der Hutschnur bis unter den Pantoffel, von der großen Robe bis zum letzten Hemd, Sprachbilder aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe sind allgegenwärtig und geben doch oft Rätsel auf. Wieso ist Jacke wie Hose? Wer nagt am Hungertuch und was haben Manschetten mit Muffensausen zu tun? Dieses Buch geht den Redensarten auf den Grund und schüttelt eine kleine Kulturgeschichte unserer Kleidungsstücke und textilen Gebrauchsgegenstände aus dem Ärmel.

Wie schon vor einem Jahr beim ersten Buch wartete ich mit Lucy von Nahtzugabe gespannt auf die Lieferung. Diesmal ging der sehnsüchtige Blick in eine graue und regnerische Herbstszenerie. Der Fahrer der Spedition sorgte für zusätzliches Herzklopfen, er hatte mit seinem 12,5 Tonner Anfahrtprobleme. Aber am Ende hat es doch geklappt, wir konnten wieder ein Palette Bücher ins Haus tragen.

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Und wieder bin ich froh und erleichtert, dass alles sehr schön geworden ist. Zum Petit Four für die Augen nun noch ein Macaron fürs Gemüt!

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Ein Buch für die ganze Familie, für alle Generationen, für Mode- und Handarbeitsbegeisterte, Sprachliebhaber, Geschichtsfans, Textilberufe.

Weitere Informationen findet ihr wieder auf einer Extraseite.  Dieses Mal bin ich für die Illustrationen im Buch selbst kreativ geworden und habe mich von historischen Versandkatalogen und Schnittmusterbüchern zu Collagen inspirieren lassen. Ihr werdet außerdem sehen, dass die Einträge konzentrierter gefasst sind als im ersten Band, denn sonst hätten die 400 Ausdrücke keinen Platz gefunden.

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Ich hoffe sehr, dass die Auflage diesmal nicht so schnell vergriffen ist. Ein Teil ist nun bereits weg durch den Großhandel – in eurer Buchhandlung solltet ihr dadurch eher bedient werden als im letzten Jahr.

Wenn ihr Lust habt, von der Autorin persönlich Post zu bekommen: Ich sitze hier gespannt parat und nehme eure Bestellungen gern persönlich per Email (info@textilegeschichten.net) entgegen. Bis zum Jahresende versende ich beide Bücher portofrei, Einzelheiten findet ihr unter Bestellinfo.  Ich signiere gern und verpacke alles auf Wunsch auch als Geschenk.

Danke Euch! Ob ihr hier mitlest, mich ermutigt, Bücher kauft oder empfehlt – Ihr sorgt dafür, dass dieses kleine Unternehmen trotz aller Widrigkeiten der Buchbranche weitergeht! (Und nicht nur bei mir, aber dazu hoffentlich in Kürze woanders mehr).

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Stoffspielerei und Goldstickerei mit Herbstblättern

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Den heutigen Sonnentag habe ich zum Sticken genutzt – passend zu Griseldas Stoffspielereithema „Blätter“.  Inspiration sollten die bunten Hamamelisblätter in meinem Garten sein, die sich in diesem Jahr besonders schön verfärbten. Früher waren sie schon einmal Teil der Serie Echt und Falsch mit dem Ratespiel, welches das echte Blatt ist, und welches aus Stoff und Farbe nachgemacht.

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Diesmal wollte ich aber auch gern das Thema Bouillondraht von der letzten Stoffspielerei wieder aufnehmen, denn inzwischen habe ich online Goldkantille zum Sticken mit einem Durchmesser von weniger als 1mm gefunden. Die ersten Versuche mit dem besseren Material waren nicht sehr befriedigend.

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Also lieber nicht flächig, sondern sparsam einsetzen:

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Das war der Stand der Dinge, als ich noch gutes Licht hatte:

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Später werde ich das Blatt ausschneiden und zu einer Brosche verarbeiten, das Ergebnis füge ich dann hier ein. (Anmerkung: In dem Blatt sind nicht nur Halbedelsteine verstickt, sondern auch Schnecken, eine halbe Bohne und zwei gefärbte Maiskörner).

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Nachtrag 15.11: So sieht es nun am Ende aus, die Bohne ist wieder rausgeflogen:

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Andere Blätterexperimente sind bei Machwerke zu sehen, vielen Dank für das Sammeln! Nächstes Mal, am 27. November,  ist Lucy/Nahtzugabe dran, sie hat das Thema „Stoffreste“ ausgesucht. Vielleicht sind ja Ideen für Weihnachtsgeschenke aus Stoffresten dabei?

Goldstickerei habe ich in New York bei Dolce&Gabbana auf einem Rock entdeckt, die ist auch nicht so kunstvoll wie die historischen Vorlagen und macht Mut, es weiter zu probieren.

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Ein ZiffernBLATT wäre ja auch ein gutes Thema für heute gewesen :)

Außerdem hier noch ein Foto von einer Zara-Jacke, die in Kapitänsmanier mit golden gestickten Sternen und Streifen benäht ist, Beweis für den Modetrend. (Aus der Haute Couture auch noch bei z.B. Burberry)

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Das nächste Mal melde ich mich wahrscheinlich mit dem druckfrischen neuen Buch – im Moment kämpfe ich noch damit, dass bei Amazon ein falschen Coverbild eingestellt ist. Also, falls alles gut geht, könnt ihr in wenigen Tagen das hier erwerben, so sollte es aussehen:

Am Rockzipfel

Drückt mir die Daumen! Alles sehr aufregend.

 

Notizen aus New York

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Ganz spontan mal eben nach New York – das geht, wenn man erst günstige Flüge ergattert und dann auch noch ein nettes Airbnb-Zimmer findet. Es hat mir gut getan, meine Bequemzone zu verlassen und mich ohne große Vorplanung ins (vermeintliche) Abenteuer zu stürzen. Hier nun ein paar Tipps, fast alle kostenlos.

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Flug, Zimmer und Nahverkehr

Dank des Bordprogramms mit hunderten Filmen und Serien zum Auswählen lässt sich der lange Flug gut überstehen. Wenn man  dann auch noch im Nähzimmer einer New Yorkerin übernachten kann, ihre Küche benutzen darf und für 30 Dollar eine Wochenkarte Nahverkehr kauft, sind die wesentlichen Grundbedürfnisse erfüllt. (New York hat die Vermietung ganzer Wohnungen über Airbnb zwar verboten, Privatzimmer dürfen aber weiterhin angeboten werden).

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Pendlerfahrt mit der Staten Island Ferry

Eine gute Idee, wenn man angekommen ist und dem Jetlag nicht nachgeben will: Eine Abendfahrt mit der Staten Island Ferry, hin und zurück an der Skyline und der Freiheitsstatue vorbei. Die Fahrten kosten nichts, außerhalb der Rushhours gibt es auch genug Platz.

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Andere Sehenswürdigkeiten für Spaziergänge und Staunen: Die Highline (eine ausgediente Hochbahntrasse), der Times Square, der Gang über die Brooklyn Bridge bei Nacht und vieles mehr.

Shoppen

Unglaublich aufwendige Schaufensterdekorationen, schöne Geschäfte – einen ganzen Tag kann man nur mit Gucken verbringen. Im Quilter- und Strickhimmel PurlSoho war ich auch. Selten habe ich ein Geschäft gesehen, in dem vor allem die Stricksachen so geschmackssicher ausgewählt waren. Gekauft habe ich nichts, alles zu schön. Geld ausgegeben habe ich dafür im Vintage-Laden Beacons Closet. Anders als in Berlin ist die Auswahl toll und man findet für unter 20 Dollar schöne Stücke, Designerlabel kosten nur unwesentlich mehr.

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Dieses Kleid ist nun mein – ich freue mich über die Handnähte im Saum.

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Ausstellungen

Eintritt frei für zwei schöne Ausstellungen im Museum des Fashion Institute: Zum einen geht es dort um Uniformen und Mode, Uniformity.

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Zum anderen ist Kleidung der Gräfin Greffulhe zu sehen, It-Girl um 1900 und Muse für Frauenfiguren in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Ausstellung war vorher in Paris, Fashiontwist berichtete darüber.

Proust’s Muse, The Countess Greffulhe at The Museum at FIT, noch bis 7.1.2017

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Im Met war gerade keine Kostümausstellung, mir war es dort auch zu voll. Leider sind die bekannten Museen oft ziemlich teuer. Im MoMA kommt man aber freitags ab 16 Uhr umsonst hinein, im MetMuseum und kann man den Eintritt selbst bestimmen. Im Guggenheim läuft zur Zeit Agnes Martin – das ist ein Genuss für alle, die Monochromes mögen. Viele der Ölmalereien wirkten wie gewebt, wie textile Oberflächen – abgesehen davon, dass bei durchscheinender Struktur der Leinwand ja immer eine stoffliche Haptik bleibt.

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Was mir sonst aufgefallen ist

Das Zusammenleben in der Großstadt läuft viel ziviler ab als in der Berlin. „Folks, make an effort, move a little, then we can all get in – be kind!“ ruft ein Mann an der Tür der proppevollen U-Bahn. Undenkbar in Berlin.

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Obwohl die Bevölkerung ethnisch extrem gemischt ist, sah ich kaum Muslima, die Kopftücher trugen. Dafür waren (wohl wegen des Laubhüttenfestes) um so mehr jüdisch-orthodoxe Großfamilien unterwegs. Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte, darüber wunderte ich mich, das muss ich noch weiter recherchieren.

Was mir gefehlt hat: Essen aus Porzellangeschirr, gutes Essen, Essen mit Muße. Die Norm sind Schnellrestaurants mit Pappbechern und Tüten, auch in den Wohngebieten schwirren überall Lieferanten herum, die den Menschen selbst das Frühstück mit dem heißen Kaffee in den 5. Stock an die Tür bringen. Jetzt verstehe ich auch die unübersehbare Werbung von Lieferdiensten wie Lieferando hier in Berlin, die den Markt offenbar erschließen wollen – in New York ist es längst die Norm, nicht mehr selbst zu kochen. Ich glaube, das wird eine der Neuerungen, die ich aufgrund fortgeschrittenen Alters nicht mehr in meinen Lebensstil integrieren kann. Auf Fahrdienste wie Uber freue ich mich aber – die sind in einer Großstadt wirklich praktisch.

Nun muss ich erst einmal den Jetlag auskurieren und mir überlegen, ob ich etwas zur Stoffspielerei bei Griselda morgen beitragen kann, das Thema ist „Blätter“. Sie hat auch wieder einen neuen tollen Taschenschnitt im Angebot, geht ruhig mal gucken.

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(Im Shop des Guggenheim Museums wird Hedwig Bollhagen zu astronomischen Preisen verkauft  – das hätte sich die Keramikerin sicher nicht träumen lassen.)

Strandfoto Teil II – dem Rätsel nachgespürt und Kuchen gebacken

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Zehn junge Frauen liegen für ein Mittagsschläfchen im Sand von Misdroy, einige tragen Schirmmützen – was ist da los? Hier nun die Fortsetzung zu Auf den Spuren eines Strandfotos – Recherchereise nach Polen. Wir hatten schon spekuliert, was für eine Szene das wohl sein könnte. Sind die jungen Frauen berufstätig? Vielleicht bei der Bahn oder in der Fährschiffahrt? Von wann könnte die Aufnahme sein? Gehen wir ins Detail:

1. Der Hintergrund

Strandkörbe gab es an den deutschen Küsten ab 1870, dazu steht mehr beim Strandkorb-Rätsel aus dem letzten Jahr. Ist der Steg im Hintergrund des Fotos vielleicht die Seebrücke, durch die Misdroy  ab 1885 an den Schiffsverkehr Anschluss fand? 1914 wurde sie zerstört und erst 1921 wieder aufgebaut, das würde bei der Datierung des Fotos helfen. Der holzverschalte Steg kann aber leider nicht die Seebrücke sein, die sah sowohl vor 1908 als auch später ganz anders aus, war offen gestaltet. Die Holzverschalung und die Treppen nah am Wassersaum deuten vielmehr darauf hin, dass es sich um die Abtrennung eines Badebereichs handelt, vielleicht des Herrenbades (Postkarte von 1912), das es auch schon vor 1900 gab.  Familienbad, Herrenbad, Damenbad – solche Strandabteilungen waren damals in den Küstenorten  üblich. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde noch streng nach Geschlechtern getrennt gebadet.  Die Umkleiden, der Steg, die Treppe ins seichte Wasser – alles war mit Holz oder Planen vor Blicken geschützt, denn man ging teilweise noch nackt ohne Badeanzug ins Wasser.

2.  Die Kleidung

Die Mehrzahl der Frauengruppe trägt bodenlange dunkle Röcke und weiße hochgeschlossene Blusen – so sah die Alltagskleidung der Frauen um 1900 aus. Dieser Einheitslook  war für junge Frauen damals das, was heute Jeans und T-Shirt sind.

berlinerleben-1898fecht1898, Fechtclub (Berliner Leben)

Auf dem Fechtclub-Foto von 1898 sehen die Ärmel der Bluse noch sehr hammelkeulenartig aus – beim letzten Rätselfall hatte ich ja gezeigt, dass diese im oberen Bereich sehr aufgeblähten Ärmel ab 1872 in Mode kamen. Bei unseren Damen am Strand aber fallen die Ärmel – soweit man das sehen kann – gemäßigter aus, zum Teil bauschen sie sich auch eher nach unten hin.

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Solche verschiedenen Ärmelformen nebeneinander sieht man auch bei den Berliner Wäschenäherinnen auf dem Foto unten von 1906. Ich tippe daher darauf, dass das Strandfoto jedenfalls nach 1900 aufgenommen wurde.

1906 arbeithaus1 (3)1906, Berliner Leben

Die Frisuren der Wäschenäherinnen passen auch zu denen auf unserem Strandfoto – hochgesteckte Haare, zu Rollen toupiert und mit einem Knoten auf dem Kopf. Dieser puffige Look hielt sich ab 1890 über zwanzig Jahre, wie man sehr schön bei den Baskteballteams sehen konnte.

unterrock
Dieser Ausschnitt zeigt, dass auf dem Strandfoto noch Korsett getragen wird und unter den dunklen Rock natürlich ein weißer Unterrock gehörte. Zwei Damen in einem Strandkorb im Nachbarort Zopott sehen 1911 ganz ähnlich aus wie unsere Frauen in Misdroy:
berlinerleben-1911zopottZopott 1911, Berliner Leben

3. Die Hüte

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Kopfbedeckungen: 4 Strohhüte und 6 Schirmmützen für 10 Köpfe. Die flachen Strohhüte waren als Kopfbedeckung für Frauen Anfang letzten Jahrhunderts durchaus üblich. Diese Art Hut hatte viele Namen –  Kreissäge, Butterblume, Boater, Matelot u.a. –  und gehörte ursprünglich zur Sommeruniform von Matrosen. Um die Jahrhundertwende wurden sie dann vor allem für Männer ein modisches Muss.
berlinerleben-1912  1912, Berliner Leben

Schirmmützen aber sind für Frauen damals eher ungewöhnlich. Sind sie vielleicht Dienstmützen? Als ich das Foto zuerst sah, dachte ich sofort: Das ist bestimmt eine Szene aus der Zeit von 1914/18, denn wie schon bei „Hosen an der Heimatfront“ gezeigt, übernahmen während des 1. Weltkriegs Frauen vielfach die Arbeit der Männer und damit auch Elemente deren Kleidung.

polizistinKontrolleurin Berlin 1915-20

Auf die Zeit 1914/18 möchte ich das Strandbild aber nach vielen Vergleichen mit anderen Strandfotos nicht datieren, das scheint mir zu spät.  Die doch noch sehr hoch liegenden Taillen und die Frisuren sprechen dafür, dass das Foto eher früher aufgenommen ist. Wie bei der Kontrolleurin schön zu sehen ist, sitzt die Kleidung in der Kriegszeit schon lockerer. (Außerdem hätte es in dieser Zeit in Misdroy gar keinen regulären Schiffsverkehr gegeben, denn die Seebrücke war ja von 1913 bis 1921 zerstört.  Eisenbahnanschluss gab es dagegen schon seit 1899.)

Wenn das Foto aber vor dem 1. Weltkrieg aufgenommen ist, wofür die Kleidung spricht, dann wären Uniformmützen als Arbeitskleidung sehr ungewöhnlich. Daher war mir auch der vorhergehende Beitrag Berufstätige Frauen um 1900 wichtig – die Stichprobe in den Jahrgängen 1900 bis 1910 der Zeitschrift ergab kein einziges Foto, auf dem eine Frau beruflich eine Uniformmütze trägt.

Ich tippe eher darauf, dass die Schirmmützen ein modischer Gag waren, ein Sommer- und Strandlook, von den Männern übernommen. In der Zeitschrift „Berliner Leben“ jedenfalls habe ich Frauen mit Schirmmütze gefunden, jeweils im Strandurlaub.

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Sylt 1905

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Rügen 1909

Ein bisschen stutzig macht mich nur ein hochgekrempelter Ärmel bei der Frau ganz rechts: Dort könnten hinter ein Band Fahrkarten o.ä. geklemmt sein, das würde dann doch für eine Mittagspause angestellter Frauen sprechen.
aermel

Aber, wie ihr letztes Mal schon angemerkt habt: „Zur Erinnerung an unser Mittagsschläfchen am Strand“ würde man nicht schreiben, wenn man regelmäßig mit den Kolleginnen dort Pause macht.

MisdroyRueckseite 001

Der Text auf der Rückseite des Fotos deutet eher auf einen gemeinsamen Kurzurlaub der Frauengruppe hin, ich tippe auf das erste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts.

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Falls ihr das Fotorätsel doch noch weiter auflösen könnte, bin ich natürlich interessiert. Den unbekannten polischen Kuchen konnte ich dank eurer Hilfe jedenfalls schon nachbacken:

keks
Eine Kommentatorin hatte mitgeteilt, dass der Kuchen in Polen „Keks“ heißt. Es ist wohl ein Früchtekuchen, ein Keks z bakaliami (= mit Trockenobst und Nüssen). Auf deutsch habe ich  hier ein Rezept gefunden, oder hier, da werden die Früchte über nacht in O-Saft und Rum eingelegt. Die leckeren, ziemlich künstlich grün-rot leuchtenden Fruchtbestandteile meines Kuchens aus Misdroy vermisse ich für die Optik etwas. Vielleicht werde ich da ja noch hier in Berlin in polnischen Geschäften fündig. Gern nehme ich weitere Rezepte in den Kommentaren entgegen, das soll ja auch ein Weihnachts- oder Osterkuchen sein.

Zum Abschluss eine Szene aus dem Misdroy von 1899

„In Misdroy angelangt, war denn ihre erste Sorge, das Meer zu begrüßen. Die Mutter war allerdings mit diesem Ritual nicht einverstanden, sie wünschte, daß jeder beim Auspacken tüchtig mithelfe. Aber in diesem Fall hätte auch eine noch stärkere Autorität die Leidenschaft der Kinder nicht bändigen können. Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor; hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen  − da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Phantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild, diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten.“

aus Max Brods Erinnerungen  „Der Sommer, den man zurückwünscht“

Berufstätige Frauen um 1900 – #Gemeinfreitag

Welchen Berufen gingen Frauen um 1900 nach? In der Zeitschrift Berliner Leben  habe ich mich mal wieder auf die Suche gemacht und für euch Bilder herausgesucht, die Frauen bei der Arbeit zeigen.

1906-arbeittelefon-3blogFernsprechamt 1906

1904-buerokleidungkontor Kontor 1904

1907 lag der Frauenanteil im Berliner Dienstleistungssektor bei 27 %.

berliner-leben-1905aus1Modeatelier 1905

1904-stoff-2aVerkäuferin 1904

Frauen arbeiteten oft nur bis zu ihrer Verheiratung. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 verpflichete die Ehefrauen zu „Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes“. Wollten sie anderswo tätig sein, so musste der Ehemann einer Berufstätigkeit zustimmen.

1902-schule2a1902

Was mir gar nicht klar war: Verheiratete Frauen wurden vom Staat nicht eingestellt. Lehrerinnen zum Beispiel wurden entlassen, wenn sie heiraten wollten.

1906-soz3-3blog 1906 Säuglingsfürsorge

1902-personalblog Gastronomie, 1902

berliner-leben-1905tier-kindermaedchen Kindermädchen 1905

berliner-leben-1905-b-3web Armenfürsorge

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Zimmer im Arbeiterinnenheim 1906

Händlerinnen

1906-soz2-5blog19061906-soz5-3ablog

berliner-leben-1905-markt1905

1900-161Waschfrauen 1900

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1903-stickweb-3blog1903

1903-stickweb1-4blog1903

(Dem Klischee zum Trotz arbeiteten auch Männer im Textilgewerbe, vor allem wenn Maschinen im Spiel waren.)

1903-frau5blog1903

Zahlreiche Institutionen setzten sich dafür ein, Frauen unabhängig von einer Eheschließung zu machen. Beispielhaft war der Lette-Verein, der „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ .

1904-wohltat1-lettehaus-blo1904

Zum Abschluss schmuggle ich hier noch eins meiner Lieblingsbilder aus der Zeitung hinein, arbeitende Frauen sind auch mit drauf. Vielleicht mache ich aus dem Bild noch eine Karte mit Genesungswünschen, für die hartgesottenen Kranken in meinem Umfeld.

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Dank an die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die die Jahrgänge digitalisiert hat.

Euch ein Schönes Wochenende!

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Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.

Stickversuche mit Bouillon – Stoffspielerei September

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Nein, hier geht es nicht um Brühe. Bouillon heißt auch eine Spirale aus Metalldraht, meist gold- oder silberfarben, die zum heutigen Stoffspielereithema* „Metallstickerei“ passt.

Vorbild für mein Projekt waren die Broschen von Macon et Lesquoy,  die sehr witzig und besonders sind.

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Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich wusste, wie diese Broschen gemacht sind. Bouillon, auch Kantille genannt, kennt man zum einen von Kirchenstickereien, zum anderen auch von Uniformabzeichen oder goldbestickten Fahnen. Auf Deutsch muss man dazu nach „Klosterarbeiten“ suchen, findet aber nicht viel. Eher wird man auf Englisch unter dem Stichwort „Goldwork“aufgeklärt. Bouillon ist nur eine von vielen Möglichkeiten in der Goldstickerei. An das originale Material heranzukommen ist ziemlich schwierig und kostspielig. Online gibt es unter dem Stichwort „Klosterarbeiten“ nur wenig Lieferquellen, und wenn man keine Ahnung hat, will man auch nicht blind irgendetwas bestellen.

In Sachen Bouillon entschied ich mich also lieber, beim Bastelkaufhaus Idee in der Floristenabteilung zuzugreifen, getreu dem Motto „If in doubt, try it out“, war auch nicht so teuer. (Entschuldigung an alle echten Klostersticker, die gerade schwer atmen). Laut Website soll man mit dem Spiraldraht wohl Blumen umwinden, naja.  Auf dem Foto scheint der Draht auseinandergezogen, in meiner Packung sieht er wie eine geschlossene Schnur aus.

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Was man sonst braucht (verfilzter schwarzer Wollrest, gold/silbergraues Garn, Stickrahmen), hatte ich hier. Besonders hilfreich war der Teppich als Unterlage, da rollt nichts weg, alles lässt sich gut mit der Nadel aufnehmen. Zuerst legt man die Umrandung an (bei mir Kettenstich), danach füllt man die Fläche mit kleinen Abschnitten des Spiraldrahts. Jeder Abschnitt sollte genau die richtige Länge haben, da gibt es sicher Tricks. Ich schnitt mit der Schere nach Augenmaß, was nicht so gut ist. Dann muss man die Spiralen nur noch über einen Nadel fädeln und wie eine Stabperle aufnähen. Geht ziemlich schnell und macht Spaß. Eigentlich muss das natürlich ganz fein und regelmäßig sein, mit meinem Blumendraht unmöglich. Besonders schlimm war der Silberdraht, der kam schon gequetscht und verzogen aus der Packung.

Später erinnerte ich mich an einen Weihnachtsanhänger aus London mit Goldstickerei. Im Vergleich kann man schön sehen, wie viel kleiner und dünner echter Bouillondraht ist. Der Schriftzug „St-Martins“ zum Beispiel besteht auch nur aus Spiralabschnitten.

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Meine zwei Anstecker finde ich so naja, wirken doch noch etwas militärisch bzw. baumschmuckmäßig. Sie landen wohl in der Verkleiden-Kiste. Die silberne Amöbe sollte eigentlich ein Mund mit Perlzähnen werden.

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Im Idee-Kaufhaus fiel mir auf, wie viele Stick- und Bastelpackungen (mit gar nicht mal so schlechten Projekten) es dort zu kaufen gab, das hat wirklich zugenommen. Ich kann das auch verstehen. Hätte es eine Stickpackung mit allem gegeben, was man für eine Brosche a la Macon et Lesquoy braucht, hätte ich sie gekauft. So aber scheue ich die Investition für das Grundmaterial. Bleibt dennoch im Hinterkopf! Diese Mütze von Schiaparelli hätte ich nämlich auch gern.

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Nun bin ich gespannt, wer noch etwas probiert hat (vielleicht auch mit Bouillon?) und freue mich, euch hier mit euren heutigen Beiträgen zu verlinken.

  • Nähzimmerplaudereien ist mit einem gekupferten Oktopus dabei
  • Bei Machwerk biegen Drähte warmen Filz zu einer sympathischen Ablage
  • Die Galerie der Handarbeiten präsentiert Kronkorken statt Shisha-Spiegelchen, sehenswert!
  • Karen häkelt mit Goldgarn und weiß noch viel mehr zur Geschichte der goldglänzenden Stickerei, Bouillon kommt auch vor!
  • 123-Nadelei hat sich vom Steampunk für einen Kragen inspirieren lassen und -wie andere – ziemlich mit dem Metallic Garn gekämpft.
  • Nahtzugabe zeigt, wie man Goldgarn auch ganz modern und effektvoll einsetzen kann

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der Plan für die nächsten beiden Monate:

Sonntag 30. Oktober    Griselda / Machwerke zum Thema  „Blätter“
Sonntag 27. November   Lucy / Nahtzugabe, Thema folgt noch

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