Von Gartenrosen und Pojagis inspiriert (Stoffspielerei September)

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Heute ist wieder Termin für die Stoffspielerei*,  Siebensachen lädt ein. Thema: Von der Natur inspiriert.

Meine Anregung war die einzige Rose, die sich in unserem schattigen Waldgarten wacker hält. Sie ließ sich bisher nicht unterkriegen und blüht gerade jetzt im September besonders üppig. Als Dank dafür hatte ich sie schon früher einmal gemalt.

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Diesen Sommer hatte ich dann die Idee, das gemalte Bild in Stoff umzusetzen.

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Die Stücke habe ich ganz knapp mit farbig abgesetzten kleinen Stichen zusammengesetzt, eine Technik der koreanischen Pojagi-Kunst.

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Bisher dachte ich, Pojagis hätten immer Kappnähte, aber das muss nicht sein. Auf jeden Fall ergibt die Überlappung der Nahtzugaben bei durchscheinendem Licht sehr reizvolle Rahmen.

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Am Ende habe ich das ursprüngliche Bild dann gekippt, mit Nesselstoff umgeben und verstürzt. Aufgehängt an alten, wettergegerbten Riesenmikadostäben ist das Patchwork-Wandbild nun fertig.

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Das Rosenrot aus dem Garten findet sich wieder.

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Und weil dann wohl alles unbewusst eine Grundlinie hat, passt es auch zu einer anderen Malerei von mir (nach Wayne Thiebaud, dessen Straßenbilder man auch gut in Patchwork umsetzen könnte).

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Danke an Siebensachen für das Thema und das Linksammeln! Bei ihr findet ihr ein Shirt mit Ecoprint und die Beiträge der anderen Teilnehmer.

Der nächste Termin ist Ende Oktober, am Sonntag, 29. 10. bei  123-Nadelei, Thema: Fäden auf Farbe.

Die weiteren Monatstermine sind noch offen. Bisher hatte ich die Terminplanung und Themenabstimmung übernommen, würde das aber nach all den Jahren auch gern einmal abgeben.  Wer hätte Interesse, die Koordination der Stoffspielerei in Zukunft zu übernehmen? Wer setzt sich den Hut auf  :)

 


*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Plakatbilder an der Hauswand – Wie macht man ein Paste Up?

Paste Ups sind Teil der Street Art, so heißen Bilder auf Papier, die wie Tapeten an Hauswände geklebt werden. Je mehr dieser vergänglichen Wandbilder ich in Berlin und anderswo sah, desto öfter meldete sich der  Selbermachen!-Reflex in mir.  Online fand ich keine brauchbare Anleitung, daher probierte ich es einfach nach Gutdünken. Hier kommen meine Arbeitsschritte:

  • Zuerst muss man geeignete Vorlagen finden. Meine Quellen waren mal wieder die gemeinfreie Sammlung des Rijksmuseum und die Commons auf Flickr. Die Originaldateien sind dort oft mehrere MB groß, lassen sich also gut für große Ausdrucke nutzen.
  • Dann, falls nötig, die Datei mit einem Bildprogramm aufarbeiten (Helligkeit, Konstrast, Ausschnitt).
  • Kleine Motive kann man mit dem eigenen A4-Drucker ausdrucken und die einzelnen Blätter am Objekt zusammensetzen, so wie hier beim verschönerten Klingelhäuschen:

  • Größere Bahnen sollte man auf einem Plotter, d.h. einem Großdrucker, ausdrucken lassen. Großdrucker gibt es entweder online, z.B. preiswertplotten.de,  oder in entsprechenden Copyshops. Meine Bahnen hat ein befreundetes Architekturbüro für mich ausgedruckt. Das ist ganz normales Druckerpapier.
  • Die Plotter drucken in der Regel 90 cm breit, daher sollte man seine Bilder auf diese Breite anlegen. Die liegende Dame besteht aus 2 Bahnen, die später nebeneinander geklebt werden müssen. Die Aufteilung auf zwei Bahnen übernahm in meinem Fall das Druckerprogramm im Büro, evtl. muss man das aber mit einem Grafikprogramm selbst aufteilen.

  • Gegebenenfalls die auf das Papier ausgedruckten Motive ausschneiden, je nach Wunsch.
  • Tapetenkleister ansetzen (aus dem Baumarkt oder selbstgemacht) und die gequollene Paste mit einem großen Pinsel auf die Wand streichen. Stückweise von oben nach unten das Papier ankleben, wie bei einer Tapete. Die Druckerfarbe hält die Feuchtigkeit ganz gut aus, verwischt wider Erwarten kaum. Man sollte es mit dem Kleistern und Festdrücken aber nicht übertreiben.

Hält auch gut auf dem gerillten Blech des Garagentors.

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  • Das Paste Up mag keinen direkten Regen. So sah der strenge Herr nach 1 bzw. 2 Wochen Berliner Dauerregen aus.

  • Das Klingelhäuschen ist auch schon ziemlich ausgeblichen. (Der Klingelknopf war abgefallen, nun klebt ein Teddyauge als Ersatz drauf. Wer mich besucht, muss sich mir aufs Auge drücken:))
  • Die überdachten Plakate sind aber auch nach mehreren Wochen noch ganz gut in Ordnung.
  • Möchte man mehr Haltbarkeit, sollte man das Paste Up also geschützt aufkleben und evtl. noch mit einer Schutzschicht (Sprühdose, Acryl-„Elefantenhaut“ o.ä.) überziehen. Ich berichte hier, wie es mit dem Zustand meiner Wandbilder weitergeht.
  • Am besten hält das alles natürlich in Innenräumen, man könnte sich so seine eigene Fototapete entwerfen und drucken lassen.

Und nun noch ein bisschen zu den Motiven. Eigentlich hatte ich in den Bilddatenbanken nach streng suchenden Menschen geguckt. Sie sollten die dreisten Falschparker ermahnen, die uns täglich die Garagenausfahrt blockieren.  Am Ende gefiel mir aber diese gechillte Frau auf einem Sofa besser.

Sie hätte ruhig noch etwas größer ausfallen können.  Abschreckende Wirkung hat sie so oder so nicht, dass konnte ich inzwischen schon feststellen. Dafür berichten mir Fußgänger, dass sie sich jedes Mal über die entspannte Dame freuen, wenn sie vorbeikommen. Das ist doch auch was wert!

Laut Modekupfer von 1698 zeigt sich die Dame in ihrer Morgenkleidung, dem sogenannten Deshabillé (Hauskleidung).

Ganz offensichtlich ist sie eine Verführerin. Erst in der Vergrößerung sieht man, dass sie in der Hand ein Männerporträt hält.

Auf ihre Schläfe hat sie ein kokettes Schönheitspflaster geklebt. (Mehr zu diesen Mouchen hier).

Der schwarze Fleck bei der strengen niederländischen Gräfin unten ist dagegen kein Samtschmuck, sondern ein Altersfleck.  Auch das sieht man erst in der Vergrößerung.

Die Medaillons stammen von Wenzel Hollar, einem böhmischen Zeichner und Kupferstecher im 17. Jahrhundert.

Das Bild unten stellt eine Künstlerin dar: Das Selbstporträt hat Anna Maria van Schurman 1633 gefertigt.

 

Diese Holländerin mit Mühlsteinkragen passte perfekt auf eine schon vorhandene runde Lampe.

Soweit meine Erfahrungen mit Paste-Ups. Macht Spaß! Solltet ihr dazu Ideen oder Tipps haben, teilt sie gern in den Kommentaren. Wie gesagt, es gibt kaum Anleitungen für diese Technik.

Erinnerung: Am kommenden Sonntag ist wieder Termin für die Stoffspielerei, Siebensachen lädt dazu ein. Thema: Von der Natur inspiriert.

 

Ein spinnender Crossdresser und ein Vortrag zur Frage: Handarbeiten = Frauensache?

Gerade bereite ich einen Vortrag zum Thema Textilherstellung – Männer – Frauen vor. Falls ihr im Bremer Raum seid und am Donnerstag 7. 9. um 16:30 Zeit habt, kommt gern zu der Veranstaltung ins Museum Köksch und Qualm.

Mein Plan ist es, von der Urzeit bis heute durch die Geschichte der Textilproduktion zu wandern und immer wieder zu überprüfen: Haben das alles Frauen gemacht?

Der bärtige Mann mit Spinnrocken taugt leider nicht zum Beweis, ob Spinnen in der Antike auch Männersache war, im Gegenteil. Das ist nämlich nicht irgendein Arbeiter, sondern der antike Held Herkules (= griechisch Herakles), Sohn des Zeus. Er wird in einer Phase seines Lebens gezeigt, in der er sich komplett einer Frau unterworfen hatte.  Der Halbgott musste, so geht die Sage, bei der Königin Omphale als Sklave arbeiten. Die beiden verliebten sich und heirateten. Herkules ging es bei Omphale so gut, dass er in „weibische Wollust“ versank, Frauenkleider trug und Wolle spann .

Version aus dem 17. Jahrhundert, Herkules mit Zöpfen und Mieder:

Detail

In der folgenden Variante verdient der Held den Titel „Historical Hottie“, oder? :

Gustave Courtois - Hercules at the Feet of Omphale, 1912

Great men and famous women - a series of pen and pencil sketches of the lives of more than 200 of the most prominent personages in history Volume 5 (1894) (14758863696)

Laut Sage übernahm Omphale vom weiblich geschmückten Herkules im Gegenzug dessen Löwenfell und Knüppel.

Lucas Cranach d.Ältere hat die Szene des spinnenden Herkules in Frauentracht auch mehrfach dargestellt. Der Maler zeigt die Personen in der Kleidung seiner Zeit, der Renaissance.

Lucas Cranach d.Ä. - Hercules with Omphale (Herzog Anton Ulrich-Museum)1537

Herkules wird ein Tuch zur Haube gebunden, Zeichen der ehrbaren Ehefrau. Die jungen Damen bringen ihm auch das Spinnen bei.

In einer anderen Version (unten) scheint Herkules das alles noch deutlicher zu gefallen. Die Szenen warnen nicht nur vor Liebe und Leidenschaft, sondern auch vor Schmeichlern und falschen Freunden am Hofe, die einlullen und verführen.
Cranach Hercules and Omphale (detail)nach 1537

Auf dem Bild ist ein interessantes Kleidungsdetail gut zu erkennen: Herkules Kragen läßt die vielen feinen Falten des weißen Hemdes in einem deutlichen Rüschenrand enden. Dieser gefältete Rand der Leinenhemden um 1500 wurde im Lauf der Zeit immer breiter, bis hin zu den bekannten Wagenrad-Halskrausen.

Léonard Limosin - Portrait of Anne the Montmorency (detail) - WGA130401556

(Falls ihr euch schon einmal gefragt habt, wie es eigentlich zu dieser irren Mode kommen konnte.)

Jan Daemen Cool Portrait of a Young Woman With a Fan1636

Soweit mein kleines Lebenszeichen aus der Welt der spannenden Textilrecherchen. Wer weiß, vielleicht hat jemand aus dem Bremer Raum Zeit und Lust auf einen Besuch im Museum mit weiteren Geschichten zum Thema. Ich würde mich freuen!

Handarbeit = Frauensache? 
Donnerstag 7. 9. 17 um 16:30
Museum Köksch un Qualm
Stader Landstr. 46, 28719 Bremen

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Ausstellungsberichte und mehr – Kurzwaren Nummer 23

weben handtuchHandtuch handgewebt

1. Textile Art

Ein Häuschen mit Zaun in einer Steppe – das sehe ich in diesem Tuch, gekauft auf der Messe Textile Art in Berlin, und zwar bei der Mitmachaktion „Weben wie in Westafrika mit Ibrahim und Koho von der Elfenbeinküste“. Das Küchentuch, zusammengenäht aus drei Webbahnen, hängt nun bei mir als Kunst an der Wand.

Ebenfalls auf der Textile Art dabei:  Stefanie Gruber mit gestickten und applizierten Stoffbildern,  deren Entstehung man auf ihrem Blog nachvollziehen kann .

stefanie gruber

Beim Stand eines privaten Museums für textile Kunst in Hannover gefielen mir vor allem die Kleidungstücke aus antiken Tischdecken auf, die die Inhaberin und Modedesignerin Erika Knoop schneidert. Frau Knoop sucht auch noch Interessenten, die die Sammlung ihres Museums übernehmen würden.

tischdecken kleider

Bei dem Afghanischen Stickprojekt habe ich auch wieder zugeschlagen – links ein Dampfkochtopf, aber rechts? Ein Küchengerät, über das man (wie schon auf Instagram) nur spekulieren kann.

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Gudrun Leitners großes Wandbild aus Stoff sprang sofort ins Auge.

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Auf ihrer Webseite ist ihre spezielle Applikationstechnik im Detail zu sehen. Diese vermummten Köpfe sind ebenfalls von ihr:

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2. Frauen und Kopfbedeckungen

Um Verhüllungen geht es auch in der Sonderausstellung „Cherchez la femme“ im Jüdischen Museum Berlin (noch bis 27. 8. 2017).  Die Bedeutung weiblicher Kopfbedeckungen wird für alle Glaubensrichtungen thematisiert.  Sehr gut und übersichtlich gemacht!

Unter anderem kam für mich mehr Licht ins Dunkel zu meiner Beobachtung über die Mode  jüdisch-orthodoxe Frauen in New York.  Ich schrieb damals: „Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte“.

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Die Sache mit der Perücken zeigt das Museum genau und erwähnt auch die modische Variante, die es der Chabad-Bewegung zurechnet. Das sind für Außenstehende natürlich undurchschaubare Welten, und so geht es Menschen wie mir, die aus einem christlichen Kulturkreis kommen, auch mit dem Islam.  In der Ausstellung heißt es zum Hijab: „Am Stil der Kopfbedeckung lassen sich ethnische Herkunft und religiöse Orientierung innerhalb des Islam ablesen. Auch Familienstand, Bildungsgrad und die persönliche Auslegung der heiligen Schriften können Eingeweihte am Kopftuch erkennen“.  In Berlin fallen mir viele Varianten des islamischen Kopftuchs auf, aber dekodieren kann ich sie nicht.

cherchez la femmeVerhüllungen durch alle Religionen hindurch

Was mir in der Ausstellung nicht gefallen hat, war die prominente Wiederholung einer Legende: Angeblich wurde im letzten Sommer an einem Strand in Nizza eine verhüllte Frau von bewaffneten Polizisten gezwungen, mehr nackte Haut zu zeigen. Ob die Geschichte überhaupt stimmt oder nicht vielleicht sogar inszeniert war, ist nie aufgeklärt worden. Das Burkini-Verbot wurde außerdem sofort vom obersten Gericht in Frankreich gekippt.  Diese Klischees hätten in einer so guten Ausstellung daher nicht verfestigt werden sollen.

 

3. Ausstellungshinweise

Neue Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Dazu die bereits in  den letzten Kurznachrichten aufgelistete Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Zur Ausstellung „Glanz und Grauen“ in Augsburg hat KaZe gerade in ihrem Blog berichtet. Über Münchens Divine X Design schreibt Siebensachen. In Heidelberg bei der Quiltausstellung Color Improvisations 2  war Redwork in Germany.

 

4. Filmtipp

Richtig schön, vielleicht ja auch bei euch noch im Kino: Dries, Doku über den Modedesigner Dries van Noten. Nahtzugabe hat den Film besprochen.

 

5. Neugründungen

Wenn ihr einen Kunstkurs sucht oder selber einen anbieten wollt, könnt ihr euch die neue Webseite Finde-deinen-Malkurs ansehen. Das Paar dahinter kenne ich, die Idee finde ich sehr gut. Die beiden suchen ausdrücklich auch Anbieter für Kurse zu textilem Gestalten.

Noch eine gute Idee: Der gerade in Berlin gegründete Verein Bis es mir vom Leibe fällt e.V.  kümmert sich um den kreativen Umgang mit gebrauchten Textilien. Es gibt Workshops, eine offene Reparaturwerkstatt und Kleidersprechstunde, neue Mitglieder sind sehr erwünscht.

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Allen ein schönes Wochenende!

Scherben vom Trümmerberg ans Licht gebracht

Im Oktober 2009 schrieb ich: „Der Teufelsberg ist ein Trümmerberg, aufgeschüttet aus dem Schutt der zerbombten Berliner Häuser. Im Sand sind auch heute noch viele Scherben zu finden. Was ließe sich daraus schon wieder alles machen!“

Seit dem sind acht Jahre vergangen. Bei meinen Spaziergängen fand ich inzwischen hunderte Scherben, daraus entstanden zunächst Anhänger und Stoffspielereien.

Vor zwei Wochen dann bekam ich den Kick, das Projekt zu Ende zu bringen. Hin und wieder findet in unserer Wohngegend ein Tag der offenen Gärten statt. Kurzenschlossen meldete ich mich samt Ausstellung an und hatte so ordentlich Druck.

Alte Kreuzstichdecken, der Shibori-Miniquilt, eine gemalte Tischszene von 2008, Spitzdekortasse, Silberdraht, Zweige – alles fügte sich irgendwann zusammen.

Viele Besucher meiner Installation waren erstaunt, was sich so finden lässt. Einige hatten aber selbst auch schon Porzellanstücke im Waldboden erspäht.

Vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung im Berliner Museum der Dinge mit Funden von Berliner Trümmerbergen. Mir war das dort damals ein bisschen zu sakral aufgebaut. Die Stücke lagen auf schwarzen Tischen verteilt, mit Scheinwerfern angestrahlt.

Für meine Sammlung wollte ich gern an das frühere Umfeld der Scherben erinnern, an Wohnungen, Menschen und ihre Räume, Möbel, Tischwäsche.

Das Suchen nach historischen Abfällen ist übrigens nichts besonderes – entlang Londons Themse zum Beispiel gibt es sogar Touren zum Schlickdurchsuchen, sogenanntes Mudlarking.

„Eyes only“ lautet die Devise. Gesammelt werden darf nur, was mit bloßem Auge auf dem Themsestrand zu sehen ist und allein mit den Händen geborgen werden kann.

So habe ich es auch immer gehalten. Ich habe nie gegraben, einfach nur genommen, was mich aus der Erde anblitzte. Die Wildschweine sorgten hin und wieder für frisch durchpflügten Boden.

Aber nun ist das Projekt abgeschlossen. Wie gut, dass die Funde eine neue Heimat gefunden haben, weitere Scherben werde ich wohl nicht sammeln.

Die kleine Ausstellung hat nicht nur das Trümmer-Projekt beflügelt. Vielleicht gibt es hier im Blog eine „Projektsommer“-Serie. Der nächste Teil wäre: Wie macht man ein Paste Up? Stay tuned.

 

Woher kommt „blau machen“ und „blau sein“? – Rätselhafte Redensarten II

Gerade ist die Berliner Polizei in den Schlagzeilen, weil sie ein bisschen zu viel gefeiert hat.

Als Strafe wurden die Hundertschaften vor ihrem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg wieder zurück nach Berlin geschickt. Manche mutmaßten, sie wollten „blaumachen“.

Blau machen, blau sein – wieso sagt man das?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Ausdruck hat nichts mit Blaufärben zu tun, auch wenn das oft erzählt wird. Blau machen hängt wahrscheinlich mit dem blauen Montag zusammen, der ganz früher zunächst ›guter Montag‹ hieß. Dieser gute Montag ist schon seit dem 14. Jahrhundert als freier Tag für die Handwerksgesellen belegt, später wird er dann auch blauer Montag genannt. Ein Handwerker durfte vier blaue, also freie Montage im Jahr haben – einen je Quartal (die waren übrigens hart erkämpft). Zum Hintergrund habe ich in „Am Rockzipfel“ geschrieben:

Warum dieser Montag blau genannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht spielen die Farben der verschiedenen Zeitabschnitte im Kirchenjahr eine Rolle. So hieß der Montag vor Beginn der Fastenzeit, der uns als Rosenmontag bekannt ist, lange Zeit blauer Montag. Andere Namen waren Fraßmontag oder Narrenkirchweih – schließlich wollte man sich vor Beginn der Fastenzeit noch einmal richtig gehen lassen. Der blaue Montag wurde dann zum Begriff für alle Tage, an denen man außer der Reihe feierte. »Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen« heißt es über ein Fest Ende des 19. Jahrhunderts. (Am Rockzipfel, S. 85)

Neben dieser Erklärung sehen manche auch noch eine Verbindung zum jiddischen Wort belo = „nichts, ohne“. Daraus könnte das Blaumachen als „Nichtstun“ entstanden sei.

Und wieso ist man blau, wenn man besoffen ist? Auch hier gibt es wieder mehrere mögliche Erklärungen, zum Beispiel wurde „er ist blau“ auch noch bis ins letzte Jahrhundert als „er ist dumm“ verstanden. Bei Schwindel hieß es früher „mir wird blau vor Augen“, heute sagen wir stattdessen „schwarz vor Augen“.

Blau sein für ›betrunken sein‹ ist erst sehr viel später belegt als der blaue freie Tag der Gesellen. Es ist durchaus möglich, dass sich die jungen Männer vor ihren freien Tagen besonders betranken und prügelten – vielleicht sogar blau prügelten. Oder sie waren so hinüber, dass ihnen schummrig ›blau vor Augen‹ war. (Am Rockzipfel, S. 86)

 

Das Blaumachen und der blaue Montag haben also nicht viel mit Textilien zu tun, auch wenn eine populäre Erklärung eine Verbindung zu den Blaufärbern im Mittelalter sieht. Der beliebten Legende zufolge mussten die Gesellen der Blaufärber viel Alkohol trinken, weil für den Gärungsprozess der Farbstoffe Urin notwendig war. Außerdem sollen sie sich am Montag den ganzen Tag ausgeruht haben, um der Farbe Zeit zum Oxydieren, zum Blauwerden zu lassen.

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Diese Erklärung wird aber von der Sprachforschung widerlegt. (Wer sich selbst ein Bild machen will, kann in dieser Dissertation stöbern: Etymologie der Farbworte.) Dass das mit dem Oxidieren so nicht stimmen kann weiß man aber auch, wenn man schon einmal selbst mit Indigo oder Färberwaid gefärbt hat. Der Farbton entwickelt sich schnell, wenn er mit Luft in Verbindung kommt. Warum sollte das Blaumachen außerdem ausgerechnet an einem Montag sein, warum mussten die Gesellen für eine große Menge Urin unbedingt Alkohol trinken? Mit ein bisschen Überlegung landet die populäre Geschichte vom Blaumachen der Blaufärber im Bereich der Legende.

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Die Blaufärber haben übrigens auch nichts mit dem Wort einbläuen zu tun. Einbläuen kommt nicht von der Farbe, sondern vom althochdeutschen Wort blinwan im Sinne von ›wild gebärden, prügeln‹.

Damit haben wir den Kreis geschlossen zu den Berliner Hundertschaften. (Die im übrigen nach ihrer Rückkehr in die Heimat gar nicht blau machen konnten, sondern gleich wieder gefordert waren – wegen eines Stromausfalls in einem Stadtteil.)