Im Schloss zwischen preußischen Seiden #SPSGWALK Potsdam

Ein Traum wurde wahr – ich durfte bei einer textilen Spezialführung der Stiftung Preußische Schlösser & Gärten dabei sein. Blogger, Instagrammer & Co. waren zu einem Social Media Walk eingeladen. Erst ging es durch das Neue Palais im Park Sanssouci und dann in die Restaurierungswerkstätten der Stiftung.

Als ich im letzten Jahr meine Wünsche an die Museen formulierte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass mein Rufen erhört wird und ein halbes Jahr später eine kleine Gruppe die seidenbespannten Säle des Prachtbaus Friedrichs des Großen besichtigt. Wir durften nach Herzenlust fotografieren und die Fotos später posten.

Den wunderbar restaurierten Grottensaal im Neuen Palais durcheilten wir schnell.

Nur kurze Blicke hatten wir für die Schneelandschaft draußen.

Es gefiel es mir, in den Räumen so viel Patina zu sehen. Nach meinem letzten Besuch im Neuen Palais vor sechs Jahren schrieb ich: „Man möchte vor den Restauratoren niederknien und sie bitten, auch doch bitte in Zukunft möglichst wenig daran zu rühren. Alles lebt die Geschichte, bis hin zu großen roten russischen Lettern, von den Besatzern auf eine Tapete gemalt.“

Es hat geklappt, die Schrift ist noch da! (Und wird betrachtet von @Nahtzugabe, die auch mit von der Partie war.)

Sind die in den Wänden versteckten Türen nicht ganz wunderbar?

Aber wir waren ja wegen der Seiden da, der Seiden aus preußischer Produktion. Friedrich der Große gab sich große Mühe, den Franzosen Konkurrenz zu machen und in Preußen eine eigene florierende Seidenproduktion zu etablieren. Er vergab viele Aufträge und schaffte günstige Bedingungen, damit sich Textilfachleute aus anderen Regionen in Preußen ansiedelten. Die seidenbespannten Gästewohnungen im Neuen Palais mit ihren imposanten Goldborten und Posamenten waren eine Art Showroom für die landeseigenen Fabrikate.

Der rote Damast, eine originalgetreue Kopie aus dem 19. Jahrhundert, zeigt an der Wand Alterungsspuren. Ein Riss legt das Darunter frei, eine vergilbte Zeitung.

Wortfetzen: „sollen billig verkauft werden“ „Alle Sorten Leime“ „Gesindebetten“. Wie schön, dass dieses kleine Guckloch bleiben durfte!

Licht ist der größte Feind der kostbaren Textilien. Später in der Restaurierungswerkstatt konnten wir einen Vorhang betrachten, der nur 16 Jahre Jahre an einem Fenster im neuen Palais hing:

Total zerfetzt ist die Seide im unteren Bereich, und zwar ganz von allein, nur durch das Tageslicht, ohne manuelle Einwirkung.

Deshalb ist Lichtschutz in den Räumen oberstes Gebot.

Nach altem Vorbild neu gewebt wurde dieser rosa-gold gemusterte Brokat, genannt Droguet.

Kurios: Eigentlich war das damals kein Stoff für eine Raumausstattung. Droguet gehörte in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu den Herrenanzugsstoffen und wurde für Westen oder Jacken, sogenannte Justaucorps, gewählt.

Unbenannt-2

(Zwei weitere Anzüge aus Droguet  bei Google-Arts.)

Friedrich II. wählte den Anzugstoff aber 1764 als Dekostoff für sein Speisezimmer, warum auch immer.

Auffällig war ohnehin das viele Rosa und Rot in den Räumen. Wir hatten hier ja schon mehrmals das Thema, dass Hellrot früher durchaus eine bei Männern beliebte Farbe war (siehe Pink ist nur eine Farbe und Rosa Atlas bei Wagner).

Thomas Penn by Arthur Devis (1712-1787)

Manchmal war ein heute bräunlich wirkender Stoff früher in Wirklichkeit pink. Auf diesem silbrigen Stück zum Beispiel haben die vermeintlich braunen Blumen unter einer Abdeckung ihre ursprünglich rötliche Farbe behalten.

Ein Höhepunkt des Rundgangs ist das sogenannte Tressenzimmer aus der Erbauungszeit des Schlosses (1763-1769).

Die Wand ist bedeckt mit gekräuselten Tressen aus Silber/Gold/Bronze.

Die schüttere Seide aus der Zeit Friedrichs des Großen musste sehr aufwändig restauriert und auf einen Trägerstoff aufgebracht werden. Die Tressen sollten dabei möglichst unangetastet bleiben.

Für diesen Zweck wurde eine Art Tunnel aus Holz gebaut, mit dessen Hilfe die alte Bespannung auf den Trägerstoff vorsichtig aufgebracht werden konnte.

Eine mit der Restaurierung der Goldborten beauftragte Firma schreibt: „Nur wenige speziell ausgebildete Handweber beherrschen die aufwendige und mühsame Technik, diese Goldfäden auf einem Handwebstuhl zu verarbeiten. Bei einer Webbreite von 7 Zentimetern schaffen sie damit maximal zehn Zentimeter Goldborte pro Tag.“

Die Gewebe und Verzierungen waren auch schon zur Zeit Friedrich des Großen so aufwändig herzustellen, dass die textile Ausstattung der Räume drei Viertel der Gesamtkosten des Projekts verschlang.

Im Damenschlafzimmer sind Stoffe aus drei Epochen zu sehen: Am Bett rechts noch original barocke Teile des Seidenatlas von 1769. Die Wand bedeckt eine Kopie von 1900, die Sessel sind mit einer neuen Version des Stoffes aus den 1950er Jahren bezogen.

Bei solch einem broschierten Atlas entstehen die Blumenmuster dadurch, dass beimWeben bunte Seidenfäden punktuell eingearbeitet werden. Auf der Rückseite erscheinen die mitgeführten Fäden.

Da grenzt das Weben schon ans Sticken! Am Webstuhl sieht der Vorgang so aus:

Die Schlafzimmer in der Wohnung des Prinzen Heinrich sind mit chinesischen Motiven (Chinoiserien) auf gelbem Atlas ausgestattet.

Beim genauen Hinsehen entdeckt man Teetrinker unter Schirmen, große Schlafmohnblüten und unsympathische Tiere. Nach dem Motto „Fressen und gefressen werden“ ist die Libelle in dieser Nahrungskette auf jeden Fall am schlechtesten dran.

In der nagelneuen Werkstatt der Textilrestauratorinnen bekamen wir dann noch viele Hintergrundinformationen.

Für die Schadstellen in diesem goldgelben Vorhang wird Reparaturstoff und Faden extra eingefärbt.

Damit das wertvolle Textil beim Nähen möglichst flach liegen bleiben kann, wird mit gebogenen Nähnadeln aus dem Chirurgenbedarf gearbeitet.

Für neue Borten und Tressen braucht es viele Versuche, bis die Metallfarbe ungefähr zur Patina des Originals passt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mürben Stoff zu sichern. Das kaputte Gewebe wird zum Beispiel mit feinen Haltefäden auf einem ähnlich gefärbten Trägerstoff aufgebracht.

Oder das Gewebe wird von oben mit feinem Tüll gesichert, auf dem Foto auch in der Vergrößerung kaum zu erkennen.

Noch schwelge ich in all der Pracht der Gewebe, Seiden, Tressen und Troddeln. Eine Detailaufnahme lässt nur erahnen, was für ein Aufwand allein in so einer Quaste steckt.

Da kann man schon verstehen, dass die Posamenten dann manchmal auch nur gemalt wurden.

Vielen Dank noch einmal an Frau Kühn und das Social Media Team der SPSG, die diesen schönen Tag möglich gemacht haben. Ich freue mich darauf, noch mehr der vielen in Berlin und Brandenburg verteilten Schätze der Stiftung  neu zu entdecken. Am 16. Juni 2018 startet im Neuen Palais übrigens die Ausstellung Kaiserdämmerung.

Wie gut, dass Museen ihre Türen immer mehr den sozialen Medien öffnen! Hoffentlich konnte ich euch ein Stück mitnehmen und teilhaben lassen an der textilen Pracht, es war mir eine Freude!

22 Kommentare

  1. Wie spannend, danke für die vielen Fotos! Unglaublich, dass sie da noch eine Seide von 1769 erhalten hat. Bei der Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums zur Mode der Renaissance vor zwei Jahren gab es auch eine Führung zur Arbeit der Textilrestauratorinnen. Das war ungemein interessant zu erfahren, welch immenser Aufwand und Detektivarbeit darin steckt. LG Christiane

  2. Wie schön dass es geklappt hat! da warst du ja in deinem Element. Es ist ein Wunder, dass alles noch erhalten ist nach Revolution und sowjetischer Besetzung. Im Sommer musst du unbedingt ins Pfaueninsel Schloss, bevor es im August wegen Renovierung 5 Jahre geschlossen wird.

  3. Tolle Gelegenheit, die ich auch gerne genutzt hätte. Sollte mal meine Verbinungen in hiesige Museen spielen lassen.
    LG
    Astrid

  4. Sehr schöne Fotos!
    Auch mir hat es Spaß gemacht, die interessierte Gruppe durch unser Textilschloss schlechthin, das das Neue Palais zu führen!
    Grüße aus Potsdam,
    Susanne E.

    • Es war wirklich alles sehr inspirierend und gut erklärt – sonst hätte ich das hier gar nicht schreiben können! Ich bin mir immer unsicher, ob ich ungefragt Namen veröffentlichen kann, sonst hätte ich dich auf jeden Fall namentlich erwähnt.

  5. Schöner Bericht! :)

    Bei Posamenten wird ich ja ein bisschen sentimental – meine Mutter hat früher im OPEW gearbeitet, den Obererzgebirgischen Posamenten- und Effektenwerken. Die gibt es sogar noch (http://www.opew.de/), ich meine auch, sie müssten ein kleines Museum haben, aber dazu findet sich seltsamerweise nichts auf der Homepage.

  6. Allen ebenfalls Dank für die Rückmeldungen! Ich freue mich immer, wenn meine Berichte nicht ins Leere gehen und ich sicher sein kann, dass es Mitbegeisterte gibt.

  7. Mir hat es Spass gemacht Euch durch unser Atelier zu führen und nun die Resonanz zu lesen und die schönen Fotos zu sehen. Es hat mich gefreut so interessierte Zuhörer gehabt zu haben und es Euch gefallen hat.
    Inzwischen habe ich in Eurem Blog gestöbert und Interessantes gelesen. So war die Begegnung mit Euch auch eine Bereicherung für mich.

    Sigrid G.

    • Oh schön, dann haben jetzt alle hierher gefunden. Vielen Dank noch einmal, auch fürs länger bleiben, es war ein ganz besonderer Tag!

  8. Liebe Susanne, welch verschwenderische Pracht! Toll, dass Euch dieser Ausflug ermöglicht wurde und danke für Deinen Bericht! lg, Gabi

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