Ausstellungsberichte und mehr – Kurzwaren Nummer 23

weben handtuchHandtuch handgewebt

1. Textile Art

Ein Häuschen mit Zaun in einer Steppe – das sehe ich in diesem Tuch, gekauft auf der Messe Textile Art in Berlin, und zwar bei der Mitmachaktion „Weben wie in Westafrika mit Ibrahim und Koho von der Elfenbeinküste“. Das Küchentuch, zusammengenäht aus drei Webbahnen, hängt nun bei mir als Kunst an der Wand.

Ebenfalls auf der Textile Art dabei:  Stefanie Gruber mit gestickten und applizierten Stoffbildern,  deren Entstehung man auf ihrem Blog nachvollziehen kann .

stefanie gruber

Beim Stand eines privaten Museums für textile Kunst in Hannover gefielen mir vor allem die Kleidungstücke aus antiken Tischdecken auf, die die Inhaberin und Modedesignerin Erika Knoop schneidert. Frau Knoop sucht auch noch Interessenten, die die Sammlung ihres Museums übernehmen würden.

tischdecken kleider

Bei dem Afghanischen Stickprojekt habe ich auch wieder zugeschlagen – links ein Dampfkochtopf, aber rechts? Ein Küchengerät, über das man (wie schon auf Instagram) nur spekulieren kann.

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Gudrun Leitners großes Wandbild aus Stoff sprang sofort ins Auge.

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Auf ihrer Webseite ist ihre spezielle Applikationstechnik im Detail zu sehen. Diese vermummten Köpfe sind ebenfalls von ihr:

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2. Frauen und Kopfbedeckungen

Um Verhüllungen geht es auch in der Sonderausstellung „Cherchez la femme“ im Jüdischen Museum Berlin (noch bis 27. 8. 2017).  Die Bedeutung weiblicher Kopfbedeckungen wird für alle Glaubensrichtungen thematisiert.  Sehr gut und übersichtlich gemacht!

Unter anderem kam für mich mehr Licht ins Dunkel zu meiner Beobachtung über die Mode  jüdisch-orthodoxe Frauen in New York.  Ich schrieb damals: „Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte“.

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Die Sache mit der Perücken zeigt das Museum genau und erwähnt auch die modische Variante, die es der Chabad-Bewegung zurechnet. Das sind für Außenstehende natürlich undurchschaubare Welten, und so geht es Menschen wie mir, die aus einem christlichen Kulturkreis kommen, auch mit dem Islam.  In der Ausstellung heißt es zum Hijab: „Am Stil der Kopfbedeckung lassen sich ethnische Herkunft und religiöse Orientierung innerhalb des Islam ablesen. Auch Familienstand, Bildungsgrad und die persönliche Auslegung der heiligen Schriften können Eingeweihte am Kopftuch erkennen“.  In Berlin fallen mir viele Varianten des islamischen Kopftuchs auf, aber dekodieren kann ich sie nicht.

cherchez la femmeVerhüllungen durch alle Religionen hindurch

Was mir in der Ausstellung nicht gefallen hat, war die prominente Wiederholung einer Legende: Angeblich wurde im letzten Sommer an einem Strand in Nizza eine verhüllte Frau von bewaffneten Polizisten gezwungen, mehr nackte Haut zu zeigen. Ob die Geschichte überhaupt stimmt oder nicht vielleicht sogar inszeniert war, ist nie aufgeklärt worden. Das Burkini-Verbot wurde außerdem sofort vom obersten Gericht in Frankreich gekippt.  Diese Klischees hätten in einer so guten Ausstellung daher nicht verfestigt werden sollen.

 

3. Ausstellungshinweise

Neue Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Dazu die bereits in  den letzten Kurznachrichten aufgelistete Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Zur Ausstellung „Glanz und Grauen“ in Augsburg hat KaZe gerade in ihrem Blog berichtet. Über Münchens Divine X Design schreibt Siebensachen. In Heidelberg bei der Quiltausstellung Color Improvisations 2  war Redwork in Germany.

 

4. Filmtipp

Richtig schön, vielleicht ja auch bei euch noch im Kino: Dries, Doku über den Modedesigner Dries van Noten. Nahtzugabe hat den Film besprochen.

 

5. Neugründungen

Wenn ihr einen Kunstkurs sucht oder selber einen anbieten wollt, könnt ihr euch die neue Webseite Finde-deinen-Malkurs ansehen. Das Paar dahinter kenne ich, die Idee finde ich sehr gut. Die beiden suchen ausdrücklich auch Anbieter für Kurse zu textilem Gestalten.

Noch eine gute Idee: Der gerade in Berlin gegründete Verein Bis es mir vom Leibe fällt e.V.  kümmert sich um den kreativen Umgang mit gebrauchten Textilien. Es gibt Workshops, eine offene Reparaturwerkstatt und Kleidersprechstunde, neue Mitglieder sind sehr erwünscht.

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Allen ein schönes Wochenende!

Scherben vom Trümmerberg ans Licht gebracht

Im Oktober 2009 schrieb ich: „Der Teufelsberg ist ein Trümmerberg, aufgeschüttet aus dem Schutt der zerbombten Berliner Häuser. Im Sand sind auch heute noch viele Scherben zu finden. Was ließe sich daraus schon wieder alles machen!“

Seit dem sind acht Jahre vergangen. Bei meinen Spaziergängen fand ich inzwischen hunderte Scherben, daraus entstanden zunächst Anhänger und Stoffspielereien.

Vor zwei Wochen dann bekam ich den Kick, das Projekt zu Ende zu bringen. Hin und wieder findet in unserer Wohngegend ein Tag der offenen Gärten statt. Kurzenschlossen meldete ich mich samt Ausstellung an und hatte so ordentlich Druck.

Alte Kreuzstichdecken, der Shibori-Miniquilt, eine gemalte Tischszene von 2008, Spitzdekortasse, Silberdraht, Zweige – alles fügte sich irgendwann zusammen.

Viele Besucher meiner Installation waren erstaunt, was sich so finden lässt. Einige hatten aber selbst auch schon Porzellanstücke im Waldboden erspäht.

Vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung im Berliner Museum der Dinge mit Funden von Berliner Trümmerbergen. Mir war das dort damals ein bisschen zu sakral aufgebaut. Die Stücke lagen auf schwarzen Tischen verteilt, mit Scheinwerfern angestrahlt.

Für meine Sammlung wollte ich gern an das frühere Umfeld der Scherben erinnern, an Wohnungen, Menschen und ihre Räume, Möbel, Tischwäsche.

Das Suchen nach historischen Abfällen ist übrigens nichts besonderes – entlang Londons Themse zum Beispiel gibt es sogar Touren zum Schlickdurchsuchen, sogenanntes Mudlarking.

„Eyes only“ lautet die Devise. Gesammelt werden darf nur, was mit bloßem Auge auf dem Themsestrand zu sehen ist und allein mit den Händen geborgen werden kann.

So habe ich es auch immer gehalten. Ich habe nie gegraben, einfach nur genommen, was mich aus der Erde anblitzte. Die Wildschweine sorgten hin und wieder für frisch durchpflügten Boden.

Aber nun ist das Projekt abgeschlossen. Wie gut, dass die Funde eine neue Heimat gefunden haben, weitere Scherben werde ich wohl nicht sammeln.

Die kleine Ausstellung hat nicht nur das Trümmer-Projekt beflügelt. Vielleicht gibt es hier im Blog eine „Projektsommer“-Serie. Der nächste Teil wäre: Wie macht man ein Paste Up? Stay tuned.

 

Textilbuch à la Louise Bourgeois – mit Seiten für die Stoffspielerei Juni

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Sieht das nicht ein bisschen aus wie gezeichnet? Mit schwarzem Stift schraffiert? Ist aber ein Gewebe, ein Rest Netz, auf Nessel appliziert. Das schwarze Schleierstück stammt aus einem alten Kleiderkoffer.

Weil Lucy/Nahtzugabe für die Stoffspielerei* im Juni das Thema „Schwarz und Weiß“ ausgesucht hatte, war die Suche im Fundus schön beschränkt. (Und es stellte sich heraus, dass ich gar nicht so viel schwarzes Material habe wie gedacht, mir liegen wohl eher die Zwischentöne.)

Mit dem Schleierstück entstehen dann auch gleich Zwischentöne.  Man könnte damit noch viel mehr machen, die „Schraffur“ zum Beispiel in Richtung einer Zeichnung manipulieren.

Karierter Cord war auch in der Restekiste, diese Zusammenstellung ist direkt angelehnt an ein Blatt aus dem Stoffbuch  Ode à l Oubli (Ode an das Vergessen) von Louise Bourgeois.

Zu Louise Bourgeois Textile Works könnt ihr bei früheren Stoffspielereien einiges nachlesen, meine Sammlung eigener Buchblätter von 2015 erweitert sich.

Dieses bestickte Stück überzeugt mich noch nicht, etwas fehlt. (Der Kreis war ein Stück Flicken für eine Barbour-Jacke, riecht ziemlich streng nach Wachs – unfotografierbar).

Hier die vier neuen Seiten zusammen (das Blau stammt von der letzten Stoffspielerei).

Noch ist das Buch provisorisch zusammengeklammert, aber da fällt mir sicher irgendwann etwas Schöneres ein. Auch für eine praktische Hängung braucht es eine Lösung, vielleicht mit Knöpfen an ein Band oder auf einen Wandbehang gesteckt.

Die Spielereien mit Streifenstoffen sind bei breiteren Streifen gar nicht so einfach, da muss man doch etwa exakter arbeiten.

Jedenfalls macht es großen Spaß, ganz in Ruhe an den kleinen Stoffcollagen zu arbeiten, Slow Stitch im besten Sinne.

Danke an Lucy für das Thema und das Linksammeln! Bei ihr findet ihr einen tollen gestickten Schriftzug und weitere Schwarz-Weiß-Beiträge der anderen Teilnehmer.

Im Juli/August macht die Stoffspielerei  Sommerpause, die nächstes Termine sind im Herbst:

Sonntag 24. 9. –  Siebensachen, Thema: Von der Natur inspiriert

Sonntag 29. 10. –  123-Nadelei, Thema: Fäden auf Farbe


*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Documenta 2017, eine Enttäuschung

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Alle fünf Jahre findet in Kassel die große Kunstschau Documenta statt, alle fünf Jahre pilgere ich hin. Beim letzten Mal, im Herbst 2012, schrieb ich begeistert : „Diese Documenta wird mir lange in Erinnerung bleiben. Jede Menge Aura, Magie, Poesie, auch im Schrecklichen.  … Sehr menschenfreundlich und hoffnungsvoll.“

Dieses Jahr kann ich sagen: All das ist die aktuelle Documenta auf jeden Fall nicht.  Nach stundenlangem gelangweilten Durchwandern halbdunkler Räume und Herumirren in tristen Kasseler Straßenzügen hätte ich mich am liebsten in die Betonröhren-Installation von Hiwa K hineingelegt und geschlafen. Von Kunstschülern schön eingerichtet, sollen die Röhren an Flüchtligscamps in Griechenland erinnern.

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Dieses Werk hat mich ausnahmsweise berührt, anders als zum Beispiel die Großinstallation daneben, der Parthenon der verbotenen Bücher.

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Die Konstruktion sieht auf Fotos toll aus, aber von Nahem besehen sind das nur unendliche Mengen an Plastikfolie. Immerhin können Schulklassen sich nun darüber unterhalten, warum da neben Kafka auch Harry Potter hängt.

Auch wenn ich enttäuscht war, will ich euch meine Fotos von (irgendwie) textilen Funden nicht vorenthalten.

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In koreanische Bettüberwürfe gewickelte Gebrauchtkleidung (Komsooja), die Idee wäre gut zuhause mit eigenen Kleiderbergen umzusetzen.

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Von Navayo-Weberin Marilou Schultz gewebte Schaltkreise, (rechts in Auftrag gegeben von Intel Corp, 1994).

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Schlüpfer in Metall gegossen (Sprinkle/Stephens).

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Halbfertige Stickbilder (Bertille Bak). Ich habe vergeblich versucht herauszufinden, was es damit auf sich hat. Die Künstlerin ist noch nicht einmal im Künstlerverzeichnis der Documenta gelistet. (Edit: Wahrscheinlich weil das Werk im Fridericianum hängt, wo die Sammlung des Athener Kunstmuseums EMST ausgestellt wird, also nicht direkt „Documenta -Kunst“?) Sympthomatisch, vieles in den Räumen wirkt beliebig irgendwo hingestellt, Informationen gibt es kaum, zum Teil sind sie falsch übersetzt.

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Bei diesen Collagen mit Ausschnitten aus Handarbeitsanleitungen (Katalin Ladik) habe ich erst jetzt gemerkt, dass eigentlich Tonspuren dazugehörten.

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Schreibmaschinenkunst – erinnerte mich an Strickmuster.

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Performance auf einem schön flauschigen rosa Teppich. Für das bisschen Sinnlichkeit und Lebendigkeit war man gleich ganz dankbar.

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Bilder von Zeltaufbauten über Autodächern (Edi Hila) – auch die haben mir gut gefallen.

Auf die mit Jutesäcken verhüllten Torhäuser (Ibrahim Mahama) hatte ich mich gefreut, aber irgendwie sprang auch hier kein Funke über, alles schlaff, grau, langweilig.

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Jutesäcke, Rohstoffhandel, Nord-Süd, Ausbeutung, Kolonialismus, diese Symbolik kann man sich schnell übersehen, besonders wenn sie einem in der Documenta-Halle als Maluntergrund noch extra ins Gesicht gedrückt wird.

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Unmotiviert hingen auch die langen roten Wolltücher der Chilenin Cecilia Vicuña herum, zu nah an dem langen feingestickten Schneebilderband der Schwedin Britta Marakatt-Labba, das viel Interesse fand.

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Wie schön, dass so ein recht konventionell gearbeitetes Textilstück Aufnahme bei der Documenta finden konnte – wohl weil es um die Kultur und Geschichte der Sami geht.

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Einiges zu erzählen gäbe es über die Indigo-Kunst des Afrikaners Aboubakar Fofana. Leider erfährt man vor Ort in der Ausstellungshalle kaum etwas zu den Pflanzen und Textilien. Wahrscheinlich genügte auch hier das Auswahlkriterium „exotisch, hat irgendwie mit Unterdrückung und Vertreibung zu tun“. Echtes Interesse sieht anders aus.

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Nachträglich fand ich die kurze ARD-Reportage Der Magier des Indigo-Blau , in dem Fofana die Stoffbahnen für die Documenta färbt.

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Zu sehen sind dort auch die 54 blaubgefärbten Schafe, die Fofana an den zweiten Documenta-Schauplatz in Athen mitgebracht hatte – für jedes afrikanische Land eins, natürlich als Symbol für Flucht und Migration. (Wegen der Schafe hat Fofana in Athen nun mit Tierschützern ordentlich Ärger bekommen – sie sehen die Tiere „erniedrigt“, ein schöner Dreh in der Sache).

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Nach all dem tat es gut, abends im Kasseler Bahnhof vor der Rückfahrt nach Berlin ganz normale Alltagstauben zu beobachten. Fazit des Tagesausflugs: Einiges Interessantes habe ich gesehen, aber das war keinesfalls sechs Stunden im Zug wert. Schade! Das nächste Mal lese ich erst die Besprechungen, dann überlege ich, ob ich mich auf den Weg mache. Falls jemand von euch noch hinfährt oder schon da war: Es würde mich freuen zu hören, wie ihr es empfunden habt.

Versuch, die Schönheit alter Jeans zu sehen (Stoffspielerei Mai)

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Bademöglichkeit am stillen See. Dank des sommerwarmen Maiwochenendes und guter Freunde mit Datsche kann ich ganz in meine Lieblingsfarbe eintauchen. Dazu passt Griseldas Thema für die Stoffspielerei* im Mai: „Blau in allen Schattierungen – Von Denim inspiriert“. Weil mir das verwaschene Jeansmaterial stellenweise wie gemalt vorkommt, habe ich ein bisschen experimentiert.

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Griselda zeigt in ihrem Beitrag schön, welches Potential in den unterschiedlichen Kett- und Schussfäden liegt. Sie hat sich den Franseneffekt für ein tolles Kleid zunutze gemacht. Bei mir werden vielleicht Gräser oder Bäume daraus. Das verwaschene Indigo ergibt aufgetrennt dann Shibori-Effekte.

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Die Fäden lassen sich auch leicht kontrolliert herausziehen, die Hohlräume mit neuem Material durchweben, wie zum Beispiel einer Kiefernnadel:

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Solche Löcher sehen nach dem Waschen bestimmt noch viel besser aus.

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Bei dieser Struktur denke ich an einen dunklen Teich oder auch einen Himmel mit Regenwand. Für den Vordergrund machen sich Taschenbeutel flach.

Welches Jeansstück es an die Wand geschaft hat, könnt ihr euch wahrscheinlich denken.

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Ich hoffe aber, man vergisst das Hosenbein und denkt eher an ein Aquarell. (Hätte ich auch im Programm, ist aber schon bald zehn Jahre her, Ostsee mit Gewitterwand. )

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Mit den ausgezogenen Fäden kann man schön herumspielen, da weiß ich aber noch nicht, was ich davon halte.

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Kultur-Quizwissen nachzuschieben erspare ich mir, es ist einfach zu schön draußen. Wahrscheinlich wisst ihr ohnehin schon längst, woher die Worte Denim und Jeans kommen und wie lange es den Stoff schon gibt. (Oder ich füge es noch an, sollte der Sonntag weniger strahlend enden als er angefangen hat).

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Andere Jeansexperimente sind bei Machwerke zu sehen, vielen Dank für das Sammeln! Nächstes Mal, am 25. Juni,  geht es schon wieder um Farben. Lucy/Nahtzugabe hat das Thema „Schwarz und Weiß“ ausgesucht. Da mache ich vielleicht gleich weiter mit meinen kleinen Bildern.

Nächste Termine Stoffspielereien:
Sonntag 25. 6. –  Nahtzugabe, Thema: Schwarz und Weiß

Juli/August    Sommerpause

Sonntag 24. 9. –  Siebensachen, Thema: Von der Natur inspiriert

Sonntag 29. 10. –  123-Nadelei, Thema: Fäden auf Farbe


*Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Insignien des Mittelstands

Mein Kochtopf ist auf der Tapisserie eines Turner-Preisträgers verewigt, mein Handy und mein Wandspiegel auch. Das ist kein Zufall, denn der britische Künstler Grayson Perry beobachtet den Lebensstil verschiedener Bevölkerungsschichten ganz genau.

Die sechs Teppiche der Serie „The Vanity of Small Differences“ (Eitelkeit der kleinen Unterschiede) von 2012 sind in der Gesamtschau zum Beispiel hier zu sehen. In Sachen Hausrat gibt es viel zu entdecken. Kochtopf und Sonnenspiegel habe ich auf dem vierten Teppichbild wiedergefunden (The Annuciation of the Virgin Deal), das den Geschmackskanon der urbanen liberalen Schicht durchspielt, bei uns auch Bionade-Biedermeier genannt.

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  • Le Creuset, gusseiserner Topf
  • Aga-Herd in Cremegelb,
  • Fliesen à la Pariser U-Bahn
  • Französischer Espressokocher
  • Drahtkorb mit Eiern
  • Kleidung in geometrisch-bunten Mustern, glatte blondgesträhnte Haare im Bob, Smartphone (she tweets)
  • Sonnenspiegel
  • Tafelfarbe (He’s calmer since his mother died)
  • Motto-Handtuch.

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  • Kaffeepresse
  • Literaturmotto-Becher (Class Traitor)
  • Mexikanischer Totenkopf
  • poppig bezogenes Antiksofa
  • Müll-Recyclingbereich
  • CathKidston-Tasche
  • I-Pad
  • Organic-Home-Made-Local Eingemachtes mit Stoffhaube.

Einiges davon habe ich natürlich auch.

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Die Szenenfolge der Tapisserien wiederholt die alte Geschichte von Hogarths The Rakes Progress, es geht um den Aufstieg und Fall eines jungen Mannes. Grayson Perrys Version ist nicht nur voller moderner Anspielungen, auch alte Kunst wird zitiert. Der Lilienkrug zum Beispiel kommt von einer altniederländischen Verkündigungszene. Mit den Birkenstocks und dem Sonnenspiegel spielt Grayson Perry auf das Gemälde  Die Arnolfini Hochzeit an, hier wie dort sollen diese Details Wohlstand zeigen.

Jeder Wandteppich ist 2 mal 4 Meter groß. Die Teppichbilder wurden in Belgien auf einem Jacquard-Webstuhl nach digitalen Vorlagen gefertigt.

Die Farben sind in feinsten Garnmischungen umgesetzt.

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In den Szenen wird die Mittelklasse nicht nur durch den Bildungsbürger mit dem Guardian auf dem Holztisch repräsentiert, nein, Grayson Perry interessiert sich genauso für diejenigen, die mit ihrem SUV lieber Golf spielen gehen. Er nennt das „Bling vs Books“ – die Geschmacksunterschiede bestehen nicht zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, sondern innerhalb der Mittelschicht selbst: “The important taste divide in British life is not between working-class and middle-class taste but within the different tribes of the middle class itself”.

Die Codes des nicht so bildungsbürgerlichen Mittelstandes: rot gefärbte Rod-Stewart Frisur, übertriebenes Rouge, Ohrklunker, Animalprint, Tätowierung.

Ausschnitt aus Expulsion from Number 8 Eden Close

Mich interessiert dieses Thema, weil hier in meiner Mittelklasse-Wohngegend zwei unterschiedliche Geschmacksgruppen koexistieren. Einmal eben das grün wählende Bionade-Biedermeier mit Zeitung im Briefkasten, Biogemüsekiste, Stühlen vom Flohmarkt und eigener Bienenzucht. Dazu kommen nun (oft osteuropäisch verwurzelte) „Neuwohlhabende“, die sich den Kaufpreis ihres Eigentums auf jeden Fall selbst erwirtschaftet haben, mit ihren SUVs das denkmalgeschützte Mosaikpflaster der Fußwege beim Wenden zerpflügen, uralte Bäume für Rollrasen roden und hohe Gitterzäune neben die verwunschene Buchenhecken des Nachbarn setzen. Da ich mich, wie sich der aufmerksame Leser denken kann, eher zur ersten Gruppe zähle, musste ich im Lauf der Zeit lernen, meine Vorurteile u.a. gegenüber blondierten gelifteten BlingBling-Frauen abzubauen. Inzwischen schäme ich mich meines Bildungsbürgersnobismus, der blind für ein Multikulti ist, das nicht im Hijab sondern mit Pelzkapuze daherkommt. Ich könnte nicht mehr mit Häme und Selbstgerechtigkeit (wie zum Beispiel oft die Empöreria auf Twitter) über eine Frau herfallen, deren Geschmacks- und Weltbild dem meinen nicht entspricht. Diese Milde habe ich ein bisschen auch der Menschenfreundlichkeit von Grayson Perry zu verdanken, der gern und eloquent in Dokumentationen und Interviews über seine Gedanken spricht.

Leider muss man Englisch können, um mehr über diesen tollen Mann (der auch in Frauenkleidern auftritt) zu erfahren. Auf Youtube gibt es mit ihm eine ganze Reihe Filme. Ihm zuzuhören, finde ich sehr tröstlich. Er ist weise und warmherzig, ein guter Beobachter und Analyst. Er weist auf Dinge hin, die da sind, die aber noch keiner gesehen hat. „Vogelperspektive auf die Kultur, in der wir leben“ wurde über ihn gesagt. Er: „Als Künstler ist es mein Job, Dinge zu bemerken“.

Die Tapisserie-Szenen gingen in Großbritannien auf Tour und sind jetzt gerade in Kiew ausgestellt, außerdem gab es zur Entstehung eine TV-Serie mit Grayson Perry in 3 Episoden, zum Teil auch bei Youtube zu finden.

„And if one message comes out of the whole series, it’s that good taste is that which does not offend our peers, our group” – Guter Geschmack ist, wenn es denen gefällt, zu denen wir gehören wollen.

Falls eure Peergroup Konfitüre mit Stoffmützen mag: Nahtzugabe hat dazu vor Kurzem ein Bastelset gefunden.

Nun genieße ich noch etwas frischen Ingwertee in einer japanischen Teeschale, esse dazu Rote-Beete-Chips und blättere im Ottolenghi-Kochbuch. Im Moment kann ich ohnehin nicht weg, mein Hollandrad ist von einem Porsche Cayenne zugeparkt.