Insignien des Mittelstands

Mein Kochtopf ist auf der Tapisserie eines Turner-Preisträgers verewigt, mein Handy und mein Wandspiegel auch. Das ist kein Zufall, denn der britische Künstler Grayson Perry beobachtet den Lebensstil verschiedener Bevölkerungsschichten ganz genau.

Die sechs Teppiche der Serie „The Vanity of Small Differences“ (Eitelkeit der kleinen Unterschiede) von 2012 sind in der Gesamtschau zum Beispiel hier zu sehen. In Sachen Hausrat gibt es viel zu entdecken. Kochtopf und Sonnenspiegel habe ich auf dem vierten Teppichbild wiedergefunden (The Annuciation of the Virgin Deal), das den Geschmackskanon der urbanen liberalen Schicht durchspielt, bei uns auch Bionade-Biedermeier genannt.

grayson creuset GA

  • Le Creuset, gusseiserner Topf
  • Aga-Herd in Cremegelb,
  • Fliesen à la Pariser U-Bahn
  • Französischer Espressokocher
  • Drahtkorb mit Eiern
  • Kleidung in geometrisch-bunten Mustern, glatte blondgesträhnte Haare im Bob, Smartphone (she tweets)
  • Sonnenspiegel
  • Tafelfarbe (He’s calmer since his mother died)
  • Motto-Handtuch.

grayson perry marken GA

  • Kaffeepresse
  • Literaturmotto-Becher (Class Traitor)
  • Mexikanischer Totenkopf
  • poppig bezogenes Antiksofa
  • Müll-Recyclingbereich
  • CathKidston-Tasche
  • I-Pad
  • Organic-Home-Made-Local Eingemachtes mit Stoffhaube.

Einiges davon habe ich natürlich auch.

grayson perry kleider GA

Die Szenenfolge der Tapisserien wiederholt die alte Geschichte von Hogarths The Rakes Progress, es geht um den Aufstieg und Fall eines jungen Mannes. Grayson Perrys Version ist nicht nur voller moderner Anspielungen, auch alte Kunst wird zitiert. Der Lilienkrug zum Beispiel kommt von einer altniederländischen Verkündigungszene. Mit den Birkenstocks und dem Sonnenspiegel spielt Grayson Perry auf das Gemälde  Die Arnolfini Hochzeit an, hier wie dort sollen diese Details Wohlstand zeigen.

Jeder Wandteppich ist 2 mal 4 Meter groß. Die Teppichbilder wurden in Belgien auf einem Jacquard-Webstuhl nach digitalen Vorlagen gefertigt.

Die Farben sind in feinsten Garnmischungen umgesetzt.

grayson perry birkenstock1 GA

In den Szenen wird die Mittelklasse nicht nur durch den Bildungsbürger mit dem Guardian auf dem Holztisch repräsentiert, nein, Grayson Perry interessiert sich genauso für diejenigen, die mit ihrem SUV lieber Golf spielen gehen. Er nennt das „Bling vs Books“ – die Geschmacksunterschiede bestehen nicht zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, sondern innerhalb der Mittelschicht selbst: “The important taste divide in British life is not between working-class and middle-class taste but within the different tribes of the middle class itself”.

Die Codes des nicht so bildungsbürgerlichen Mittelstandes: rot gefärbte Rod-Stewart Frisur, übertriebenes Rouge, Ohrklunker, Animalprint, Tätowierung.

Ausschnitt aus Expulsion from Number 8 Eden Close

Mich interessiert dieses Thema, weil hier in meiner Mittelklasse-Wohngegend zwei unterschiedliche Geschmacksgruppen koexistieren. Einmal eben das grün wählende Bionade-Biedermeier mit Zeitung im Briefkasten, Biogemüsekiste, Stühlen vom Flohmarkt und eigener Bienenzucht. Dazu kommen nun (oft osteuropäisch verwurzelte) „Neuwohlhabende“, die sich den Kaufpreis ihres Eigentums auf jeden Fall selbst erwirtschaftet haben, mit ihren SUVs das denkmalgeschützte Mosaikpflaster der Fußwege beim Wenden zerpflügen, uralte Bäume für Rollrasen roden und hohe Gitterzäune neben die verwunschene Buchenhecken des Nachbarn setzen. Da ich mich, wie sich der aufmerksame Leser denken kann, eher zur ersten Gruppe zähle, musste ich im Lauf der Zeit lernen, meine Vorurteile u.a. gegenüber blondierten gelifteten BlingBling-Frauen abzubauen. Inzwischen schäme ich mich meines Bildungsbürgersnobismus, der blind für ein Multikulti ist, das nicht im Hijab sondern mit Pelzkapuze daherkommt. Ich könnte nicht mehr mit Häme und Selbstgerechtigkeit (wie zum Beispiel oft die Empöreria auf Twitter) über eine Frau herfallen, deren Geschmacks- und Weltbild dem meinen nicht entspricht. Diese Milde habe ich ein bisschen auch der Menschenfreundlichkeit von Grayson Perry zu verdanken, der gern und eloquent in Dokumentationen und Interviews über seine Gedanken spricht.

Leider muss man Englisch können, um mehr über diesen tollen Mann (der auch in Frauenkleidern auftritt) zu erfahren. Auf Youtube gibt es mit ihm eine ganze Reihe Filme. Ihm zuzuhören, finde ich sehr tröstlich. Er ist weise und warmherzig, ein guter Beobachter und Analyst. Er weist auf Dinge hin, die da sind, die aber noch keiner gesehen hat. „Vogelperspektive auf die Kultur, in der wir leben“ wurde über ihn gesagt. Er: „Als Künstler ist es mein Job, Dinge zu bemerken“.

Die Tapisserie-Szenen gingen in Großbritannien auf Tour und sind jetzt gerade in Kiew ausgestellt, außerdem gab es zur Entstehung eine TV-Serie mit Grayson Perry in 3 Episoden, zum Teil auch bei Youtube zu finden.

„And if one message comes out of the whole series, it’s that good taste is that which does not offend our peers, our group” – Guter Geschmack ist, wenn es denen gefällt, zu denen wir gehören wollen.

Falls eure Peergroup Konfitüre mit Stoffmützen mag: Nahtzugabe hat dazu vor Kurzem ein Bastelset gefunden.

Nun genieße ich noch etwas frischen Ingwertee in einer japanischen Teeschale, esse dazu Rote-Beete-Chips und blättere im Ottolenghi-Kochbuch. Im Moment kann ich ohnehin nicht weg, mein Hollandrad ist von einem Porsche Cayenne zugeparkt.

 

Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II

20160129_105044

Vor einiger Zeit bekam dieser kleine Nischenblog eine Menge Aufmerksamkeit, weil ich über Falschmeldungen geschrieben hatte: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung. Der Artikel wurde viel geteilt, am Ende gab ich dann ZDFinfo auch noch ein Interview zum Thema (mit dem schönen Kostümverleih in Adlershof als Kulisse).

Das ist jetzt ein Jahr her und wenn ich zurückblicke, kann ich es kaum glauben, wie sehr der Umgang mit gefälschten Bildern oder irreführendem Kontext zum Alltag geworden ist. Wo ich damals immer noch versuchte, die Fehler aufzuzeigen, habe ich lange resigniert – ja, ich scheue sogar davor zurück, als Besserwisserin den anderen den „Spaß“ zu verderben.

Hier zum Beispiel juckte es mir eigentlich in den Fingern, dem Tweet von Women’s Art zu widersprechen. Der Teppich von Bayeux wurde von Frauen gestickt?

twitbayeux

Nein, oder jedenfalls nicht nur. Wahrscheinlich ist, dass die beauftragten Stickwerkstätten sowohl Männer als auf Frauen beschäftigten (siehe auch die Erfindung der Handarbeiten als Weiblich und Heißbegehrter Teppich von Bayeux ). Aber spielt dieses kleine Detail für die Fans der Sammlung von Women’s Art eine Rolle? Ist das wichtig? Eigentlich nicht, es geht ja nur um das große Anliegen, vergessene Kunst von Frauen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hinter dem stehe ich ja auch.

Die folgende Bildüberschrift ist kompletter Quark: „1921 zogen sich frühe Suffragetten oft Badeanzüge an und aßen in großen Gruppen Pizza, um Männer zu nerven“

twit12absascreenshot

Diese Frau essen weder Pizza noch sind sie (schon gar keine frühen) Suffragetten oder wollen Männern nerven. Das war im Original einfach nur ein Wettbewerb im Pie-Essen!

Ach, waren die Passanten doch früher viel besser angezogen! denkt man beim Anblick des Regenfotos.

stylisch-couplescreenshot

Ist das hier ein gut gestyltes Paar im Regen? Ja, aber kein Schnappschuss, sondern ein gestelltes Modefoto für Mary Quant im Seventeen Magazine.

Auch das hier ist nicht Coco Chanel 1913, sondern eine Schauspielerin 2008 in einem Film von Karl Lagerfeld:

 twit4avia Twitter

Und ist das hier ist auch nicht die echte Marie Curie.

via Twitter

Nein, das Foto von 2001 zeigt ebenfalls eine Schauspielerin. Sie spielt Marie Curie in einem Theaterstück. Das falsch betitelte Foto ist so beliebt, dass mehrere afrikanische Länder es sich als Vorlage für Briefmarken  genommen haben.

Die gestellten Fotos und Verwechslungen mit Schauspielerinnen sind harmlos im Vergleich zu mit politischem Kalkül manipulierten Fotos.

Besonders T-Shirtaufdrucke lassen sich ganz wunderbar abändern. Dem Sänger der Gruppe Rammstein wurde hier ein Putin auf die Brust gephotoshopt.

fakerammsteinvia gizmodo

Auf dem Originalfoto dieser Trumpanhängerinnen steht auf dem Shirt der mittleren Frau nicht WHITE  sondern GREAT.

fakeamericawhitevia Twitter

fakeamericawhite1

Keine Seite der Aktivisten ist mit solchen Mitteln zimperlich. Schnell lässt sich mit Photoshop manipulieren, wer die amerikanische Flagge mit Füßen tritt.

fakeclintonvia gizmodo

Bei mir ist es so weit, dass ich keinem solcher Fotos, ja keiner Extremmeldung mehr auf Anhieb glaube. Was mir wirklich wichtig ist, dem gehe ich nach und überprüfe es selbst. Die Seite Snopes ist meine regelmäßige Anlaufstelle. Dort werden populäre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt und mein innerer Empörungsmensch wird ständig zurückgepfiffen. So las ich dort gerade, dass das angebliche Leninisten-Zitat von Steve Bannon nur auf einer vagen Erinnerung eines Journalisten beruht und von keiner weiteren Quelle gedeckt ist. Auch die Behauptung, Trump habe im Weißen Haus einen Dresscode für Frauen vorgegeben, ist unbewiesen. Mir ist klar, dass die Gegenseite noch viel schlimmere Propaganda verbreitet. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Eigentlich möchte ich meinen bevorzugten Nachrichtenquellen trauen können, leider machen auch die nun oft überstürzt beim Lauffeuer mit.  Johnny Haeusler schreibt dazu jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an und bestätigt, dass es (wie bei allen von mir gezeigten Falschinformationen) eigentlich um Klicks und Geld geht:

Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Nur darum geht es.

Obwohl ich das weiß,  fällt es mir zur Zeit sehr schwer, mich dem Informationsstrom aus den von mir sehr geschätzten USA zu entziehen. Man glaubt, einer gruselig-spannenden Politserie mit lauter Cliffhangern zu folgen, nur dass alles echt ist. Wie echt? Was stimmt? Schwer zu sagen. „Fakten haben im politischen Streit keine Bedeutung per se. Sie erlangen sie durch moralische Interpretation“ sagt eine Sprachforscherin. Ich muss nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die Ideologie der Ecke, die sich darauf beruft.
Was für ein Jahr! Aus den Aufregern der Hoaxes und Fake-News ist Begleitmusik geworden. Eine Hoax-Sammlung III werde ich wohl nicht für nötig halten.
Dennoch zum Abschluss wieder hilfreiche Links, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

Meldung aus dem Ehrenamt

20161202_174105-800x487

Pilau-Reis als Dank, Flüchtlinge kochen für die Ehrenamtlichen

Seit Tagen bastelte ich nun an diesem Beitrag herum. Nach über einem Jahr Nähraum in der Flüchtlingshilfe wollte ich eine Zwischenbilanz ziehen, von Erfahrungen berichten und Ratschläge austauschen. Aber, es ist schwer. Bisherige Gespräche zeigen mir, dass momentan kein Platz ist für differenzierte Berichterstattung. Egal welche Seite, ob die mit Wutbürgerpotential oder die eher links-moralisch positionierte, sie hören mir nicht wirklich zu. Ich kann alle Reaktionen inzwischen wie ein Bullshit-Bingo im Schlaf aufsagen.

„Ihr wurdet beklaut? Unverschämt, wie kommen die dazu, wussten wir doch, das klappt nicht, passen nicht zu uns, schnellstmöglichst zurück…“

„Ihr wurdet beklaut? Das muss man verstehen, die waren so lange auf der Flucht, da ist das lebensnotwendig, das darf man nicht so eng sehen, wir haben doch genug…“.

Dieses Pingpong kann ich lustig weitermachen, gern auch zum Thema Rolle der Frau, Deutschlernen, Integrationswille, Anspruchshaltung usw.   Positive Erfahrung werden je nach eigenem Weltbild geglaubt oder heruntergespielt, mit den negativen ist es ebenso. Danach ist keiner einen Schritt weiter. Also plaudere ich nicht aus dem Nähkästchen (wie erfreulicherweise die Runde in diesem Zeit-Artikel ), rede nur allgemein.

Wenn ich eins im letzten Jahr gelernt habe, dann das: Wer Gutes tun will, muss ein wehrhafter Gutmensch sein.  So wie ein strenger, aber gerechter Lehrer besser ist als einer, dessen weiches Herz die Schwachen nicht vor dem Missbrauch der Starken schützen kann. Ich habe ich gelernt, dass unlösbar scheinende Probleme lösbar werden, wenn genügend vernünftige Leute zusammen kommen und überlegen, wie es gehen könnte. Vielleicht ist das sogar die beste Bilanz: Ich werde niemals vergessen, wie wir hier im Sommer 2015 aus unseren Kokons gekommen sind und angepackt haben, als die Not am größten war. Das war nur eine Email-Liste der Willigen, mehr brauchte es nicht. Wir sind alle noch da, eine ganze Schläfer-Armee der Hilfsbereiten, auch wenn es im Moment nicht so aussieht.

klats

Viele Aufgaben sind inzwischen von bezahlten Stellen übernommen worden, der Helferkreis ist kleiner, dafür beständiger. Die zur Zeit aktiven Ehrenamtlichen sind fast nur Frauen, Frauen in den besten Jahren. Nachbarinnen, Rentnerinnen, Vollzeitmütter, Freiberufler, Arbeitssuchende – sie geben Sprachkurse, betreiben eine Kleiderkammer und einen Nähraum, hüten Kinder, vermitteln Sportvereine, Jobs und Wohnungen, organisieren Ausflüge, Möbel und Umzüge. Wir sind nicht jung und hip und nicht in den Medien. Aber wir sind zusammen ein bisschen wie die Frauentruppe im Tatort vom letzten Sonntag – lebenserfahren, schräg, entschlossen und weise, das mag ich sehr.

tatortard

Unser Engagement ersetzt keine bezahlten Stellen. Kein Arbeitsvertrag verpflichtet uns, wir können jederzeit aufhören – ich bin auch schon längere Zeit weggeblieben, als ich nicht mehr konnte. „Warum gehst du da hin?“ wurde ich schon oft gefragt. „Weil ich neugierig bin“ war meine spontane Antwort, „ich will wissen, was los ist“.

Ich weiß nach einem Jahr bloß ein kleines bisschen mehr, aber ich weiß auf jeden Fall mehr als die, die immer alles ganz genau wissen.

An meine Mitstreiterinnen geht jedenfalls ein

chapeau

deko7

Ja, auch wichtig, wie macht man den bunten Reis auf dem Foto?

Der Pilau/Pilaw-Reis war mit gegrilltem Gemüse vermischt und schmeckte hervorragend. Auf Youtube habe ich Al gefunden, der unter anderem auch zeigt, wie ein Teil der Reiskörner mit Lebensmittelfarbe eingefärbt werden.

.


Nachtrag: Hier sammle ich mal weiter Fundstellen, die von Erfahrungen an der grauen Basis berichten:

Boris Palmer in der FAZ

Risse im Idyll, Spiegel

Mehr als ein Neun-Tage-Wunder, #bloggerfürflüchtlinge No. 2

„It is but a nine days wonder“, nur ein Neun-Tage-Wunder, heißt es auf englisch, wenn eine Neuigkeit nach kurzer Zeit nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht. Diese Regel wende ich schon lange an, wenn mich etwas aufregt oder bewegt. Meist stimmt sie. Sogar die Katastrophe vom Word Trade Center war am zehnten Tag, am 21.9.2001, nicht mehr Thema Nummer 1, ich schwöre es.

Mein letzter Post zum Thema Flüchtlinge und der Aktion #bloggerfürflüchtlinge ist nun schon 14 Tage her und ich gestehe, es fällt mir schwer, mich dem Blogalltag zuzuwenden. Gerade mit Twitter ist kaum möglich, Abstand zu gewinnen. Man kann die ganze Nacht über live mitfiebern, ob es ein Flüchtlingskonvoi über die ungarische Grenze schafft,  wie viele neue Flüchtlinge gerade jetzt in Berlin ankommen und ob sich die Stimmung im Ausland nicht vielleicht doch noch in Richtung #refugeeswelcome wendet.

twit12ab

twit12an

Danke allen Journalisten und Aktivisten, die so mutig sind, sich an die Brennpunkte zu begeben!

twit12an4link

Wie das alles wegstecken, so dass man noch schlafen kann? Mit hilft es, mehr Hintergrundinformationen zu sammeln.

Ganz wichtig: Viele Geflüchtete legen großen Wert darauf, gepflegt auszusehen, nicht aufzufallen. Das würde ich sicher ganz genau so halten, wäre ich irgendwo nach langer Flucht gestrandet.

„Unsichtbar bleiben Szenen wie jene auf dem Autobahnrastplatz, an dem auch die Shamos deutschen Boden betraten: Da zieht eines Morgens ein Vater seinen fünf Töchtern die letzten sauberen Sachen an, Jeans mit Pailletten, Pullover mit Schmetterlingsmuster. Er wäscht ihre Gesichter, kämmt ihre Haare, damit sie ordentlich vor die deutschen Behörden treten. Und ihnen etwas Selbstachtung bleibt.“   ( Geschichten aus Deutschlands Lampedusa, Die Zeit 23.8.15)

Die Sache mit den Smartphones – Warum gerade Flüchtlinge ein Smartphone besitzen

twit12an3

Irre Bilder aus den Messehallen in Hamburg

twit12abs

Wie das organisiert wird: Logstik? Na logisch! (SPON)

und am Sonntag im NDR eine Doku dazu: 7 Tage helfen

twit12

Kuscheltiere sind als Willkommensgruß nett gemeint, aber in Kleiderkammern nicht so optimal – lassen sich nicht waschen.

twit12an2

In dem Zusammenhang: Gummibärchen und Co sind nicht halal, weil mit Schweinegelatine. Muss man alles erst lernen.

Es gibt einige „Stricken für Flüchtlinge“-Aktionen. Falls ihr da mitmachen wollt: Es wäre sicher klug, sich mit den Stellen abzustimmen, an die die Stricksachen gehen sollen. Es könnte sein, dass man komplett am Bedarf vorbeistrickt :-) Richtiges Spenden ist nicht nur gutgemeint. Eigentlich gilt das generell. Koordination ist wichtig. Im Moment laufen in Berlin sehr viele Kleiderkammer-Aktonen parallel, jeder scheint das Rad neu erfinden zu wollen. Diejenigen, die sich nur über geschlossene Facebookgruppen und Webseiten mit Registierungspflicht organisieren, schließen alle aus, die nicht internetaffin sind. Wertvolle Erfahrung und Arbeitskraft geht verloren.

Fragen?

Die großen Medien haben  seit etwas mehr als neun Tagen das Thema „Deutschland hilft“ nach vorn gebracht, schon trudeln die ersten Relativierungen ein.

twit12an1screenshot

Zuerst hat mich das gestört, denn die Hetze in sozialen Netzwerken, Gewalt wie in Heidenau und Anja Reschkes Aufruf, dem etwas entgegen zu setzen, ist doch noch ganz frisch. Mit der Gegenoffensive hat es geklappt, gerade die letzte Woche hat noch einmal eine riesige Welle an Hilfsbereitschaft bewirkt. Aber die anderen Stimmen sind ja nicht weg, sie können sich jeder Zeit wieder Bahn brechen.

„Es ist vordergründig Hilfsbereitschaft. Doch es ist viel mehr noch ein Aufstand der Zivilgesellschaft gegen politisches Versagen und die ausländerfeindliche Hetze.“ (Misik/DerStandard)

Andererseits nützt es nichts, wir müssen uns mit allen auch zweifelnden Fragen auseinandersetzen. Seit ich (im bescheidenen Maße) in einer Kleiderkammer helfe, denke ich viel über ehrenamtliches Engagement, Geben und Empfangen nach. Für diejenigen, die da auch einiges bewegt, hier Links:

Tut mir leid für die Gedankenfetzen, mehr ist zur Zeit nicht drain. Zumindest sind Fetzen ja meist textil :) Falls ihr noch Links habt, die beim Verarbeiten der Eindrücke helfen, gern her damit in den Kommentaren.

„This is fashion, not politics“.  „Everything’s politics“ 

(aus dem Film Mahogany)

Bericht aus der Kleiderkammer #BloggerFuerFluechtlinge

kleid1

Überlegt ihr, bei einem Flüchtlingsheim Spenden abzugeben? Oder habt ihr schon Sachen vorbeigebracht und fragt euch, wie es danach weiter geht?

Das geht dann so:

Jemand Freiwilliges, vermutlich eine Frau, nimmt sich Tüte/Tasche/Karton, öffnet sie und schaut, was drin ist. Sie durchsucht den Inhalt schnell. Wenn nur Sachen einer Art darin sind, ist das gut, denn der Sack kann gleich in den entsprechenden Bereich zum Weitersortieren. Kinderkleidung in das Lager mit den Kindersachen zum Beispiel,  Spielzeug, Schuhe, Taschen, Schulsachen, Drogeriewaren, Geschirr und so weiter in andere Ecken.  Die Männerkleidung schaut die Freiwillige sofort genauer durch und zieht Hosen, langärmlige T-Shirts und Schuhe heraus, bringt sie nach vorn in den Raum mit der Ausgabe. Da stehen Männer aus Syrien, vom Balkan oder aus Afrika in Flipflops und suchen vergeblich nach Hosen in Größe S und Schuhen in Größe 40, 41, 42, 43.  Das Männerschuhregal ist leergefegt, während daneben Berge von Frauenschuhen noch auf eine Sortierung nach Größen warten.

Als sie gerade dabei ist, den Inhalt eines großen Reisekoffers durchzusehen, gibt ihr ein älterer Mann mit Händen und Füßen zu verstehen, dass er gern den Koffer hätte. Sie weiß schon, sie kann den nicht einfach so vergeben, das wäre ungerecht. Vielleicht ist irgendwo eine Familie, die ihn viel nötiger hat, die kommt dann mit einem Schein und darf einen Koffer oder eine Reisetasche mitnehmen – wenn denn gerade so etwas da sein sollte.

kleid

„Wieso können die Flüchtlinge das denn nicht selbst sortieren? Die haben doch Zeit.“ Das hat sie schon mehrmals gehört. Was soll sie antworten? Dass man hundert Durstigen in der Wüste nicht eine Palette Wasserflaschen hinstellt und sagt: Hier, nehmt euch?

Was toll ist: Wenn die Spender sich auf der Bedarfsliste der Initiative genau durchgelesen haben, was gebraucht wird. Wenn sie vielleicht sogar etwas von der Liste neu gekauft haben. Wenn auf den Spendentüten draußen schon drauf steht, was drin ist, am allerbesten mit Größenangabe. Wenn die Sachen heil und gewaschen sind.

DSC09907

Während sie die Säcke durchgeht, kommen immer wieder neue Lieferungen an. Sie hatte sich vorgenommen, heute wenigstens die Tüten im Flur zu schaffen, aber innerhalb weniger Stunden hat sich die Menge vervierfacht. In den anderen Räumen lagern noch viel mehr Säcke, die sortiert werden müssen. Es macht sie ganz unruhig, dass da vielleicht irgendwo Sportschuhe drin sind, die die alleinreisenden Minderjährigen mit ihrem Sozialarbeiter vorhin vergeblich gesucht haben. Vielleicht ist da auch Nachschub für das letzte große Langarm-Shirt, über das sich der arabisch aussehende XL-Mann mit mehreren Luftsprüngen so sehr gefreut hat.

Viele hilfsbereite Menschen kommen vorbei und fragen, was sie tun können, das ist beeindruckend. Auf jeden Fall zum Beispiel Sortieren, sagt sie. Die Frauen (und ein Mann) wollen wiederkommen.  Ja, es genügen auch nur mal zwei Stunden, jede Hand wird gebraucht. Toll wäre, wenn sich jemand um den Raum mit den Nähmaschinen kümmern könnte. Sie sind alle funktionstüchtig, Garn, Nadeln, Scheren, Bügelbrett, Stoff ist da. Wolle, Stricknadeln gibt es auch. Die Bewohnerinnen fragen immer wieder nach, wann sie nähen können.  Aber dafür müssten erst all die Säcke aus dem Raum heraus, und jemand müsste es übernehmen, feste Nähzeiten anzubieten. Die Helfer, alle ehrenamtlich, schaffen es mit Ach und Krach, die Ausgabetermine für die Kleidung zu organisieren, mehr ist nicht drin.

Am Abend geht sie nach Hause, völlig kaputt. Sie soll alles so liegenlassen, haben die anderen gesagt, sie soll auf sich aufpassen, nicht zu viel zu machen. Sie soll auch den Kopf abschalten, aber ein Bild lässt sie nicht los: Der kleine Junge, der sich Schulsachen aussuchen durfte, weil er in einer Willkommensklasse eingeschult wird. Wie er da stand da, pfiffig und stolz in seinem Fußballshirt und seinen abgewetzten rosa Crocs. Er konnte schon ein bisschen deutsch und wünschte sich für den Schulweg unbedingt einen „Regenschirm“, das Wort kannte er ganz genau und hielt sich den imaginären Schirm über den Kopf. Wir hatten keinen Regenschirm, nirgends.

Ich hätte ihm sehr gern einen Regenschirm gekauft. Aber dann dachte ich an die anderen Kinder an seiner zukünftigen Schule, die sich untereinander erzählen, „die Flüchtlinge haben alle ein Iphone 6“ und die gespendete Schulranzen, abgewetzte rosa Crocs und einen Regenschirm wahrscheinlich uncool finden werden. Vielleicht wird dieser kleine pfiffige Junge nicht mehr lange so stolz sein, aber vielleicht ist das nicht das Schlimmste, vielleicht holt ihn auch die Polizei aus dem Klassenzimmer, weil er zurück in sein Land soll, obwohl für all diese kleinen wachen Menschen hier genug Platz wäre.

———————————

Ich danke an dieser Stelle einmal all den vielen Helfern, die unbeachtet von allem dem großen Gerede und Geschrei einfach anpacken und etwas tun, in welcher Form auch immer. Ganz besonderes danke ich hier mal den Frauen, die mit ihrer Tatkraft und Lebensklugheit viele solcher gemeinnützigen Einrichtungen und insbesondere die Kleiderkammern am Laufen halten.

———————————

Wenn ihr etwas tun möchtet:  Sucht im Internet nach den Flüchtlings-Initiativen in euer Nähe, vieles läuft auch über Facebook. Oft steht im Internet, was gebraucht wird. Mailt dorthin, oder geht direkt zu den Einrichtungen und fragt nach, was ihr helfen könnt. Wenn sich gerade erst Initiativen bilden, macht mit, jetzt oder später. Tut nicht mehr, als in eurer Kraft steht. Geldspenden helfen auch sehr, denn dann können z.B. die fehlenden Turnschuhe gekauft werden. Und wenn ihr in Berlin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bei einem Nähraum mithelfen möchtet, meldet euch gern bei mir per Mail: info@textilegeschichten.net

Ein anderer Blick in eine Kleiderkammer in Berlin bei Mareice, sehr beeindruckend.

Ein Bericht mit konkreten Tipps: „Die 4 Tyen von Kleiderspendern„.

———————————

UPDATE

Flagge zeigen und Augen öffnen! Es gibt jetzt eine Internetseite der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge mit einer Verknüpfung der teilnehmenden Blogs und einer Spendensammlung bei betterplace.org

Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

DSC09584Link zum Tweet  *

Eine hübsche Frau auf einem Boulevard in Paris? Angeblich ist das Bild in den 1920er Jahren aufgenommen. Hundertfach geteilt auf Twitter, Pinterest und in anderen Netzwerken.

Aber Kenner merken: Das kann nicht sein. Solche Riemchen-Highheels hätte es 1920 nicht gegeben. Die Röcke sind merkwürdig kurz. Das Zeitungsdesign des Figaro sieht erst seit ein paar Jahren so aus, und die Anzeige des Mobilfunkunternehmes Bouygues-Telecom auf der Rückseite der Zeitung ist auch sehr heutig. Das Foto wurde in Wirklichkeit im Jahr 2012 für Le Figaro Madame gemacht,  im Zusammenhang mit dem Film „The Artist“, der in den 20er Jahren spielt.

Solch eine absichtliche Falschmeldung nennt man englisch Fake oder auch Hoax. Das Internet ist voller Hoaxes. Wer einen Hoax startet, hofft auf eine möglichst weite und rasante (= virale) Verbreitung. Webseiten wollen damit bekannt werden, Firmen für ihre Produkte werben und Aktivisten für ihr Anliegen.

Ich bin auch schon mehrmals auf solche falschen Informationen hereingefallen. Angeblich zeigt dieses Bild die Vorstellung von einem perfekten Körper im Jahre 1955.

twitterscreenshot

Das Modell auf dem Foto ist allerdings erst 1977 geboren – keinesfalls kann das also eine Aufnahme aus dem Time Magazine von 1955 sein.

Beim folgenden Gruppenbild wird erklärt, eine russische Frau habe in 40 Jahren eine Menge Zwillinge, Drillinge und Vierlinge bekommen. Das alles angeblich im 18. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie. twitscreenshot

Inzwischen wurde dieses Foto fast 1000 Mal geteilt! Die Geschichte ist natürlich kompletter Blödsinn. Hin und wieder melden sich auch Stimmen in den Kommentaren zu solchen Bildern, dass das ja wohl nicht sein könne. Aber diese Fake!-Rufe verhallen meist ungehört, das finde ich faszinierend. Der Wunsch, sich über eine irre Geschichte auszutauschen, ist größer als der Wunsch nach Wahrheit.

Seit 2013 kursiert ein Foto einer Frauengruppe in Männerkleidung, das angeblich eine in London 1880 gefürchtete Frauenbande namens „Clockwork Orange“ zeigt.  Alles Unsinn, so eine Gang hat es nie gegeben.

hoax3screenshot

Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Hoax starten. Besonders historische Bilder von Frauen in Hosen verbreiten sich gut.

04565501getty via GettyMuseum

Dieses Foto der kostümierten Schauspielerin Mèry Laurent von 1860/61 wäre schnell mit „Erste Frau in Hosen 1700“ betitelt. Oder „Erste Cross-Dresserin der Welt„, ginge bestimmt auch gut. Am besten auf Englisch, und dann bei Twitter, Tumblr, Pinterest, Instagram, Facebook oder sonstwo einstellen.  Es würde sich vielleicht rasant verbeiten, niemand würde sich dafür interessieren, ob das wirklich stimmt und wo ich das Bild herhabe.

Eine Opiumhöhle?

hoax4screenshot

Ja, aber nur als gestellte Szene, aus dem französischen Stummfilm „Dandy-Pacha“ von 1920.

Empörthemen sind besonders gut geeignet für virale Kampagnen. Diese Windeltangas sind ein Gag, den viele ernst nahmen.

hoax1screenshot

Die gestickten Hilferufe von geknechteten Näharbeitern in Primark-Kleidung waren auch eine Fälschung, vielleicht eine Kampagne von Clean-Clothes Aktivisten.

hoax5 screenshot

Die Geschichte wird mir bis heute immer wieder mal erzählt, da nützen alle Dementis der Firma nichts. Solche Sachen habe ich am Anfang auch weiter geschickt, inzwischen passe ich mehr auf, aber, es ist schwer. Wenn ich Zeit habe, gucke ich bei Hoax-Aufklärern wie

Hoax of Fame /Tumblr

Picture Pedant

Hoax Eye

Museum of Hoaxes

ob das Bild dort schon zu finden ist.  Hoax-Dauerbrenner werden seit vielen Jahren auch bei der TU-Berlin und  Mimikama aufgelistet. Auf Englisch hilft außerdem noch Snopes weiter. (Danke für den Hinweis!)

Wenn nicht, bleibt nur die Rückwärts-Bildersuche und weitere Recherche. Dieses Paar zum Beispiel war „viral“ unterwegs und ich wollte es eigentlich weitergeben:

hoax6screenshot

Die Bilderrückwärtssuche ergab, dass das wahlweise ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, der napoleonischen Krieg oder des Krimkriegs mit seiner Frau sein soll. Das Foto ist bei WikiCommons mit der Quelle „Archive de la Photographie 1840 1940“ vermerkt. So ein Archiv ist aber nicht auffindbar, ein Buch mit einem solchen Titel auch nicht. Ein schönes Bild, aber ob es echt ist? Ich habe nun bestimmt eine halbe Stunde danach recherchiert, aus reiner Neugier, wer macht das sonst schon.

Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.

Inzwischen bin ich so misstrauisch, dass ich auch dieses Bild nicht weiterverbreitet habe, obwohl es toll ist. (Von Kurden aus den ISIS-Gebieten befreite Frauen ziehen die schwarze Kleidung aus).

hoax7 screenshot

Zum Abschluss noch ein modernes Märchen, das mich und andere Eltern seit Jahren verfolgt. Immer und immer wieder wird in unendlichen Abwandlungen von einem weißen Lieferwagen erzählt, der Kinder mitnimmt. Bitte, bei solchen Berichten, auch mit konkreten Ortsangaben: Glaubt sie nicht! Recherchiert erst einmal selbst und forscht nach der Quelle.

hoax2 screenshot

In diesem Sinne für heute: Eine pedantische gute Nacht.

—————————————————————–

*  Nachtrag 27. Juni 2015:

Inzwischen habe ich die Info bekommen, dass die Fotografin der Modestrecke für Le Figaro Madame (Bild in diesem Beitrag ganz oben) einen Bloggerin wegen der Verwendung ihrer Fotos abgemahnt hat. Das war ziemlich teuer. Die Bloggerin hat danach ihren Blog geschlossen.  Heißt das nun, dass ich das Bild auch nicht zeigen darf? Und somit auch nicht vernünftig über missbräuliche Verwendung von Fotos aufklären kann? Verkehrte Welt im deutschen Urheberrecht, irre.

Da ich schon einmal dabei bin: Hier geht es zur Petition für die Rettung der Panoramafreiheit, damit ihr auch in Zukunft in eurem Blog noch eure Urlaubsfotos zeigen dürft.

—————————————————————-

.