Insignien des Mittelstands

Mein Kochtopf ist auf der Tapisserie eines Turner-Preisträgers verewigt, mein Handy und mein Wandspiegel auch. Das ist kein Zufall, denn der britische Künstler Grayson Perry beobachtet den Lebensstil verschiedener Bevölkerungsschichten ganz genau.

Die sechs Teppiche der Serie „The Vanity of Small Differences“ (Eitelkeit der kleinen Unterschiede) von 2012 sind in der Gesamtschau zum Beispiel hier zu sehen. In Sachen Hausrat gibt es viel zu entdecken. Kochtopf und Sonnenspiegel habe ich auf dem vierten Teppichbild wiedergefunden (The Annuciation of the Virgin Deal), das den Geschmackskanon der urbanen liberalen Schicht durchspielt, bei uns auch Bionade-Biedermeier genannt.

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  • Le Creuset, gusseiserner Topf
  • Aga-Herd in Cremegelb,
  • Fliesen à la Pariser U-Bahn
  • Französischer Espressokocher
  • Drahtkorb mit Eiern
  • Kleidung in geometrisch-bunten Mustern, glatte blondgesträhnte Haare im Bob, Smartphone (she tweets)
  • Sonnenspiegel
  • Tafelfarbe (He’s calmer since his mother died)
  • Motto-Handtuch.

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  • Kaffeepresse
  • Literaturmotto-Becher (Class Traitor)
  • Mexikanischer Totenkopf
  • poppig bezogenes Antiksofa
  • Müll-Recyclingbereich
  • CathKidston-Tasche
  • I-Pad
  • Organic-Home-Made-Local Eingemachtes mit Stoffhaube.

Einiges davon habe ich natürlich auch.

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Die Szenenfolge der Tapisserien wiederholt die alte Geschichte von Hogarths The Rakes Progress, es geht um den Aufstieg und Fall eines jungen Mannes. Grayson Perrys Version ist nicht nur voller moderner Anspielungen, auch alte Kunst wird zitiert. Der Lilienkrug zum Beispiel kommt von einer altniederländischen Verkündigungszene. Mit den Birkenstocks und dem Sonnenspiegel spielt Grayson Perry auf das Gemälde  Die Arnolfini Hochzeit an, hier wie dort sollen diese Details Wohlstand zeigen.

Jeder Wandteppich ist 2 mal 4 Meter groß. Die Teppichbilder wurden in Belgien auf einem Jacquard-Webstuhl nach digitalen Vorlagen gefertigt.

Die Farben sind in feinsten Garnmischungen umgesetzt.

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In den Szenen wird die Mittelklasse nicht nur durch den Bildungsbürger mit dem Guardian auf dem Holztisch repräsentiert, nein, Grayson Perry interessiert sich genauso für diejenigen, die mit ihrem SUV lieber Golf spielen gehen. Er nennt das „Bling vs Books“ – die Geschmacksunterschiede bestehen nicht zwischen Arbeiter- und Mittelschicht, sondern innerhalb der Mittelschicht selbst: “The important taste divide in British life is not between working-class and middle-class taste but within the different tribes of the middle class itself”.

Die Codes des nicht so bildungsbürgerlichen Mittelstandes: rot gefärbte Rod-Stewart Frisur, übertriebenes Rouge, Ohrklunker, Animalprint, Tätowierung.

Ausschnitt aus Expulsion from Number 8 Eden Close

Mich interessiert dieses Thema, weil hier in meiner Mittelklasse-Wohngegend zwei unterschiedliche Geschmacksgruppen koexistieren. Einmal eben das grün wählende Bionade-Biedermeier mit Zeitung im Briefkasten, Biogemüsekiste, Stühlen vom Flohmarkt und eigener Bienenzucht. Dazu kommen nun (oft osteuropäisch verwurzelte) „Neuwohlhabende“, die sich den Kaufpreis ihres Eigentums auf jeden Fall selbst erwirtschaftet haben, mit ihren SUVs das denkmalgeschützte Mosaikpflaster der Fußwege beim Wenden zerpflügen, uralte Bäume für Rollrasen roden und hohe Gitterzäune neben die verwunschene Buchenhecken des Nachbarn setzen. Da ich mich, wie sich der aufmerksame Leser denken kann, eher zur ersten Gruppe zähle, musste ich im Lauf der Zeit lernen, meine Vorurteile u.a. gegenüber blondierten gelifteten BlingBling-Frauen abzubauen. Inzwischen schäme ich mich meines Bildungsbürgersnobismus, der blind für ein Multikulti ist, das nicht im Hijab sondern mit Pelzkapuze daherkommt. Ich könnte nicht mehr mit Häme und Selbstgerechtigkeit (wie zum Beispiel oft die Empöreria auf Twitter) über eine Frau herfallen, deren Geschmacks- und Weltbild dem meinen nicht entspricht. Diese Milde habe ich ein bisschen auch der Menschenfreundlichkeit von Grayson Perry zu verdanken, der gern und eloquent in Dokumentationen und Interviews über seine Gedanken spricht.

Leider muss man Englisch können, um mehr über diesen tollen Mann (der auch in Frauenkleidern auftritt) zu erfahren. Auf Youtube gibt es mit ihm eine ganze Reihe Filme. Ihm zuzuhören, finde ich sehr tröstlich. Er ist weise und warmherzig, ein guter Beobachter und Analyst. Er weist auf Dinge hin, die da sind, die aber noch keiner gesehen hat. „Vogelperspektive auf die Kultur, in der wir leben“ wurde über ihn gesagt. Er: „Als Künstler ist es mein Job, Dinge zu bemerken“.

Die Tapisserie-Szenen gingen in Großbritannien auf Tour und sind jetzt gerade in Kiew ausgestellt, außerdem gab es zur Entstehung eine TV-Serie mit Grayson Perry in 3 Episoden, zum Teil auch bei Youtube zu finden.

„And if one message comes out of the whole series, it’s that good taste is that which does not offend our peers, our group” – Guter Geschmack ist, wenn es denen gefällt, zu denen wir gehören wollen.

Falls eure Peergroup Konfitüre mit Stoffmützen mag: Nahtzugabe hat dazu vor Kurzem ein Bastelset gefunden.

Nun genieße ich noch etwas frischen Ingwertee in einer japanischen Teeschale, esse dazu Rote-Beete-Chips und blättere im Ottolenghi-Kochbuch. Im Moment kann ich ohnehin nicht weg, mein Hollandrad ist von einem Porsche Cayenne zugeparkt.

 

Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II

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Vor einiger Zeit bekam dieser kleine Nischenblog eine Menge Aufmerksamkeit, weil ich über Falschmeldungen geschrieben hatte: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung. Der Artikel wurde viel geteilt, am Ende gab ich dann ZDFinfo auch noch ein Interview zum Thema (mit dem schönen Kostümverleih in Adlershof als Kulisse).

Das ist jetzt ein Jahr her und wenn ich zurückblicke, kann ich es kaum glauben, wie sehr der Umgang mit gefälschten Bildern oder irreführendem Kontext zum Alltag geworden ist. Wo ich damals immer noch versuchte, die Fehler aufzuzeigen, habe ich lange resigniert – ja, ich scheue sogar davor zurück, als Besserwisserin den anderen den „Spaß“ zu verderben.

Hier zum Beispiel juckte es mir eigentlich in den Fingern, dem Tweet von Women’s Art zu widersprechen. Der Teppich von Bayeux wurde von Frauen gestickt?

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Nein, oder jedenfalls nicht nur. Wahrscheinlich ist, dass die beauftragten Stickwerkstätten sowohl Männer als auf Frauen beschäftigten (siehe auch die Erfindung der Handarbeiten als Weiblich und Heißbegehrter Teppich von Bayeux ). Aber spielt dieses kleine Detail für die Fans der Sammlung von Women’s Art eine Rolle? Ist das wichtig? Eigentlich nicht, es geht ja nur um das große Anliegen, vergessene Kunst von Frauen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hinter dem stehe ich ja auch.

Die folgende Bildüberschrift ist kompletter Quark: „1921 zogen sich frühe Suffragetten oft Badeanzüge an und aßen in großen Gruppen Pizza, um Männer zu nerven“

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Diese Frau essen weder Pizza noch sind sie (schon gar keine frühen) Suffragetten oder wollen Männern nerven. Das war im Original einfach nur ein Wettbewerb im Pie-Essen!

Ach, waren die Passanten doch früher viel besser angezogen! denkt man beim Anblick des Regenfotos.

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Ist das hier ein gut gestyltes Paar im Regen? Ja, aber kein Schnappschuss, sondern ein gestelltes Modefoto für Mary Quant im Seventeen Magazine.

Auch das hier ist nicht Coco Chanel 1913, sondern eine Schauspielerin 2008 in einem Film von Karl Lagerfeld:

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Und ist das hier ist auch nicht die echte Marie Curie.

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Nein, das Foto von 2001 zeigt ebenfalls eine Schauspielerin. Sie spielt Marie Curie in einem Theaterstück. Das falsch betitelte Foto ist so beliebt, dass mehrere afrikanische Länder es sich als Vorlage für Briefmarken  genommen haben.

Die gestellten Fotos und Verwechslungen mit Schauspielerinnen sind harmlos im Vergleich zu mit politischem Kalkül manipulierten Fotos.

Besonders T-Shirtaufdrucke lassen sich ganz wunderbar abändern. Dem Sänger der Gruppe Rammstein wurde hier ein Putin auf die Brust gephotoshopt.

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Auf dem Originalfoto dieser Trumpanhängerinnen steht auf dem Shirt der mittleren Frau nicht WHITE  sondern GREAT.

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Keine Seite der Aktivisten ist mit solchen Mitteln zimperlich. Schnell lässt sich mit Photoshop manipulieren, wer die amerikanische Flagge mit Füßen tritt.

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Bei mir ist es so weit, dass ich keinem solcher Fotos, ja keiner Extremmeldung mehr auf Anhieb glaube. Was mir wirklich wichtig ist, dem gehe ich nach und überprüfe es selbst. Die Seite Snopes ist meine regelmäßige Anlaufstelle. Dort werden populäre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt und mein innerer Empörungsmensch wird ständig zurückgepfiffen. So las ich dort gerade, dass das angebliche Leninisten-Zitat von Steve Bannon nur auf einer vagen Erinnerung eines Journalisten beruht und von keiner weiteren Quelle gedeckt ist. Auch die Behauptung, Trump habe im Weißen Haus einen Dresscode für Frauen vorgegeben, ist unbewiesen. Mir ist klar, dass die Gegenseite noch viel schlimmere Propaganda verbreitet. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Eigentlich möchte ich meinen bevorzugten Nachrichtenquellen trauen können, leider machen auch die nun oft überstürzt beim Lauffeuer mit.  Johnny Haeusler schreibt dazu jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an und bestätigt, dass es (wie bei allen von mir gezeigten Falschinformationen) eigentlich um Klicks und Geld geht:

Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Nur darum geht es.

Obwohl ich das weiß,  fällt es mir zur Zeit sehr schwer, mich dem Informationsstrom aus den von mir sehr geschätzten USA zu entziehen. Man glaubt, einer gruselig-spannenden Politserie mit lauter Cliffhangern zu folgen, nur dass alles echt ist. Wie echt? Was stimmt? Schwer zu sagen. „Fakten haben im politischen Streit keine Bedeutung per se. Sie erlangen sie durch moralische Interpretation“ sagt eine Sprachforscherin. Ich muss nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die Ideologie der Ecke, die sich darauf beruft.
Was für ein Jahr! Aus den Aufregern der Hoaxes und Fake-News ist Begleitmusik geworden. Eine Hoax-Sammlung III werde ich wohl nicht für nötig halten.
Dennoch zum Abschluss wieder hilfreiche Links, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

Meldung aus dem Ehrenamt

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Pilau-Reis als Dank, Flüchtlinge kochen für die Ehrenamtlichen

Seit Tagen bastelte ich nun an diesem Beitrag herum. Nach über einem Jahr Nähraum in der Flüchtlingshilfe wollte ich eine Zwischenbilanz ziehen, von Erfahrungen berichten und Ratschläge austauschen. Aber, es ist schwer. Bisherige Gespräche zeigen mir, dass momentan kein Platz ist für differenzierte Berichterstattung. Egal welche Seite, ob die mit Wutbürgerpotential oder die eher links-moralisch positionierte, sie hören mir nicht wirklich zu. Ich kann alle Reaktionen inzwischen wie ein Bullshit-Bingo im Schlaf aufsagen.

„Ihr wurdet beklaut? Unverschämt, wie kommen die dazu, wussten wir doch, das klappt nicht, passen nicht zu uns, schnellstmöglichst zurück…“

„Ihr wurdet beklaut? Das muss man verstehen, die waren so lange auf der Flucht, da ist das lebensnotwendig, das darf man nicht so eng sehen, wir haben doch genug…“.

Dieses Pingpong kann ich lustig weitermachen, gern auch zum Thema Rolle der Frau, Deutschlernen, Integrationswille, Anspruchshaltung usw.   Positive Erfahrung werden je nach eigenem Weltbild geglaubt oder heruntergespielt, mit den negativen ist es ebenso. Danach ist keiner einen Schritt weiter. Also plaudere ich nicht aus dem Nähkästchen (wie erfreulicherweise die Runde in diesem Zeit-Artikel ), rede nur allgemein.

Wenn ich eins im letzten Jahr gelernt habe, dann das: Wer Gutes tun will, muss ein wehrhafter Gutmensch sein.  So wie ein strenger, aber gerechter Lehrer besser ist als einer, dessen weiches Herz die Schwachen nicht vor dem Missbrauch der Starken schützen kann. Ich habe ich gelernt, dass unlösbar scheinende Probleme lösbar werden, wenn genügend vernünftige Leute zusammen kommen und überlegen, wie es gehen könnte. Vielleicht ist das sogar die beste Bilanz: Ich werde niemals vergessen, wie wir hier im Sommer 2015 aus unseren Kokons gekommen sind und angepackt haben, als die Not am größten war. Das war nur eine Email-Liste der Willigen, mehr brauchte es nicht. Wir sind alle noch da, eine ganze Schläfer-Armee der Hilfsbereiten, auch wenn es im Moment nicht so aussieht.

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Viele Aufgaben sind inzwischen von bezahlten Stellen übernommen worden, der Helferkreis ist kleiner, dafür beständiger. Die zur Zeit aktiven Ehrenamtlichen sind fast nur Frauen, Frauen in den besten Jahren. Nachbarinnen, Rentnerinnen, Vollzeitmütter, Freiberufler, Arbeitssuchende – sie geben Sprachkurse, betreiben eine Kleiderkammer und einen Nähraum, hüten Kinder, vermitteln Sportvereine, Jobs und Wohnungen, organisieren Ausflüge, Möbel und Umzüge. Wir sind nicht jung und hip und nicht in den Medien. Aber wir sind zusammen ein bisschen wie die Frauentruppe im Tatort vom letzten Sonntag – lebenserfahren, schräg, entschlossen und weise, das mag ich sehr.

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Unser Engagement ersetzt keine bezahlten Stellen. Kein Arbeitsvertrag verpflichtet uns, wir können jederzeit aufhören – ich bin auch schon längere Zeit weggeblieben, als ich nicht mehr konnte. „Warum gehst du da hin?“ wurde ich schon oft gefragt. „Weil ich neugierig bin“ war meine spontane Antwort, „ich will wissen, was los ist“.

Ich weiß nach einem Jahr bloß ein kleines bisschen mehr, aber ich weiß auf jeden Fall mehr als die, die immer alles ganz genau wissen.

An meine Mitstreiterinnen geht jedenfalls ein

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Ja, auch wichtig, wie macht man den bunten Reis auf dem Foto?

Der Pilau/Pilaw-Reis war mit gegrilltem Gemüse vermischt und schmeckte hervorragend. Auf Youtube habe ich Al gefunden, der unter anderem auch zeigt, wie ein Teil der Reiskörner mit Lebensmittelfarbe eingefärbt werden.

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Nachtrag: Hier sammle ich mal weiter Fundstellen, die von Erfahrungen an der grauen Basis berichten:

Boris Palmer in der FAZ

Risse im Idyll, Spiegel

Mehr als ein Neun-Tage-Wunder, #bloggerfürflüchtlinge No. 2

„It is but a nine days wonder“, nur ein Neun-Tage-Wunder, heißt es auf englisch, wenn eine Neuigkeit nach kurzer Zeit nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht. Diese Regel wende ich schon lange an, wenn mich etwas aufregt oder bewegt. Meist stimmt sie. Sogar die Katastrophe vom Word Trade Center war am zehnten Tag, am 21.9.2001, nicht mehr Thema Nummer 1, ich schwöre es.

Mein letzter Post zum Thema Flüchtlinge und der Aktion #bloggerfürflüchtlinge ist nun schon 14 Tage her und ich gestehe, es fällt mir schwer, mich dem Blogalltag zuzuwenden. Gerade mit Twitter ist kaum möglich, Abstand zu gewinnen. Man kann die ganze Nacht über live mitfiebern, ob es ein Flüchtlingskonvoi über die ungarische Grenze schafft,  wie viele neue Flüchtlinge gerade jetzt in Berlin ankommen und ob sich die Stimmung im Ausland nicht vielleicht doch noch in Richtung #refugeeswelcome wendet.

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Danke allen Journalisten und Aktivisten, die so mutig sind, sich an die Brennpunkte zu begeben!

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Wie das alles wegstecken, so dass man noch schlafen kann? Mit hilft es, mehr Hintergrundinformationen zu sammeln.

Ganz wichtig: Viele Geflüchtete legen großen Wert darauf, gepflegt auszusehen, nicht aufzufallen. Das würde ich sicher ganz genau so halten, wäre ich irgendwo nach langer Flucht gestrandet.

„Unsichtbar bleiben Szenen wie jene auf dem Autobahnrastplatz, an dem auch die Shamos deutschen Boden betraten: Da zieht eines Morgens ein Vater seinen fünf Töchtern die letzten sauberen Sachen an, Jeans mit Pailletten, Pullover mit Schmetterlingsmuster. Er wäscht ihre Gesichter, kämmt ihre Haare, damit sie ordentlich vor die deutschen Behörden treten. Und ihnen etwas Selbstachtung bleibt.“   ( Geschichten aus Deutschlands Lampedusa, Die Zeit 23.8.15)

Die Sache mit den Smartphones – Warum gerade Flüchtlinge ein Smartphone besitzen

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Irre Bilder aus den Messehallen in Hamburg

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Wie das organisiert wird: Logstik? Na logisch! (SPON)

und am Sonntag im NDR eine Doku dazu: 7 Tage helfen

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Kuscheltiere sind als Willkommensgruß nett gemeint, aber in Kleiderkammern nicht so optimal – lassen sich nicht waschen.

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In dem Zusammenhang: Gummibärchen und Co sind nicht halal, weil mit Schweinegelatine. Muss man alles erst lernen.

Es gibt einige „Stricken für Flüchtlinge“-Aktionen. Falls ihr da mitmachen wollt: Es wäre sicher klug, sich mit den Stellen abzustimmen, an die die Stricksachen gehen sollen. Es könnte sein, dass man komplett am Bedarf vorbeistrickt :-) Richtiges Spenden ist nicht nur gutgemeint. Eigentlich gilt das generell. Koordination ist wichtig. Im Moment laufen in Berlin sehr viele Kleiderkammer-Aktonen parallel, jeder scheint das Rad neu erfinden zu wollen. Diejenigen, die sich nur über geschlossene Facebookgruppen und Webseiten mit Registierungspflicht organisieren, schließen alle aus, die nicht internetaffin sind. Wertvolle Erfahrung und Arbeitskraft geht verloren.

Fragen?

Die großen Medien haben  seit etwas mehr als neun Tagen das Thema „Deutschland hilft“ nach vorn gebracht, schon trudeln die ersten Relativierungen ein.

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Zuerst hat mich das gestört, denn die Hetze in sozialen Netzwerken, Gewalt wie in Heidenau und Anja Reschkes Aufruf, dem etwas entgegen zu setzen, ist doch noch ganz frisch. Mit der Gegenoffensive hat es geklappt, gerade die letzte Woche hat noch einmal eine riesige Welle an Hilfsbereitschaft bewirkt. Aber die anderen Stimmen sind ja nicht weg, sie können sich jeder Zeit wieder Bahn brechen.

„Es ist vordergründig Hilfsbereitschaft. Doch es ist viel mehr noch ein Aufstand der Zivilgesellschaft gegen politisches Versagen und die ausländerfeindliche Hetze.“ (Misik/DerStandard)

Andererseits nützt es nichts, wir müssen uns mit allen auch zweifelnden Fragen auseinandersetzen. Seit ich (im bescheidenen Maße) in einer Kleiderkammer helfe, denke ich viel über ehrenamtliches Engagement, Geben und Empfangen nach. Für diejenigen, die da auch einiges bewegt, hier Links:

Tut mir leid für die Gedankenfetzen, mehr ist zur Zeit nicht drain. Zumindest sind Fetzen ja meist textil :) Falls ihr noch Links habt, die beim Verarbeiten der Eindrücke helfen, gern her damit in den Kommentaren.

„This is fashion, not politics“.  „Everything’s politics“ 

(aus dem Film Mahogany)

Bericht aus der Kleiderkammer #BloggerFuerFluechtlinge

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Überlegt ihr, bei einem Flüchtlingsheim Spenden abzugeben? Oder habt ihr schon Sachen vorbeigebracht und fragt euch, wie es danach weiter geht?

Das geht dann so:

Jemand Freiwilliges, vermutlich eine Frau, nimmt sich Tüte/Tasche/Karton, öffnet sie und schaut, was drin ist. Sie durchsucht den Inhalt schnell. Wenn nur Sachen einer Art darin sind, ist das gut, denn der Sack kann gleich in den entsprechenden Bereich zum Weitersortieren. Kinderkleidung in das Lager mit den Kindersachen zum Beispiel,  Spielzeug, Schuhe, Taschen, Schulsachen, Drogeriewaren, Geschirr und so weiter in andere Ecken.  Die Männerkleidung schaut die Freiwillige sofort genauer durch und zieht Hosen, langärmlige T-Shirts und Schuhe heraus, bringt sie nach vorn in den Raum mit der Ausgabe. Da stehen Männer aus Syrien, vom Balkan oder aus Afrika in Flipflops und suchen vergeblich nach Hosen in Größe S und Schuhen in Größe 40, 41, 42, 43.  Das Männerschuhregal ist leergefegt, während daneben Berge von Frauenschuhen noch auf eine Sortierung nach Größen warten.

Als sie gerade dabei ist, den Inhalt eines großen Reisekoffers durchzusehen, gibt ihr ein älterer Mann mit Händen und Füßen zu verstehen, dass er gern den Koffer hätte. Sie weiß schon, sie kann den nicht einfach so vergeben, das wäre ungerecht. Vielleicht ist irgendwo eine Familie, die ihn viel nötiger hat, die kommt dann mit einem Schein und darf einen Koffer oder eine Reisetasche mitnehmen – wenn denn gerade so etwas da sein sollte.

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„Wieso können die Flüchtlinge das denn nicht selbst sortieren? Die haben doch Zeit.“ Das hat sie schon mehrmals gehört. Was soll sie antworten? Dass man hundert Durstigen in der Wüste nicht eine Palette Wasserflaschen hinstellt und sagt: Hier, nehmt euch?

Was toll ist: Wenn die Spender sich auf der Bedarfsliste der Initiative genau durchgelesen haben, was gebraucht wird. Wenn sie vielleicht sogar etwas von der Liste neu gekauft haben. Wenn auf den Spendentüten draußen schon drauf steht, was drin ist, am allerbesten mit Größenangabe. Wenn die Sachen heil und gewaschen sind.

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Während sie die Säcke durchgeht, kommen immer wieder neue Lieferungen an. Sie hatte sich vorgenommen, heute wenigstens die Tüten im Flur zu schaffen, aber innerhalb weniger Stunden hat sich die Menge vervierfacht. In den anderen Räumen lagern noch viel mehr Säcke, die sortiert werden müssen. Es macht sie ganz unruhig, dass da vielleicht irgendwo Sportschuhe drin sind, die die alleinreisenden Minderjährigen mit ihrem Sozialarbeiter vorhin vergeblich gesucht haben. Vielleicht ist da auch Nachschub für das letzte große Langarm-Shirt, über das sich der arabisch aussehende XL-Mann mit mehreren Luftsprüngen so sehr gefreut hat.

Viele hilfsbereite Menschen kommen vorbei und fragen, was sie tun können, das ist beeindruckend. Auf jeden Fall zum Beispiel Sortieren, sagt sie. Die Frauen (und ein Mann) wollen wiederkommen.  Ja, es genügen auch nur mal zwei Stunden, jede Hand wird gebraucht. Toll wäre, wenn sich jemand um den Raum mit den Nähmaschinen kümmern könnte. Sie sind alle funktionstüchtig, Garn, Nadeln, Scheren, Bügelbrett, Stoff ist da. Wolle, Stricknadeln gibt es auch. Die Bewohnerinnen fragen immer wieder nach, wann sie nähen können.  Aber dafür müssten erst all die Säcke aus dem Raum heraus, und jemand müsste es übernehmen, feste Nähzeiten anzubieten. Die Helfer, alle ehrenamtlich, schaffen es mit Ach und Krach, die Ausgabetermine für die Kleidung zu organisieren, mehr ist nicht drin.

Am Abend geht sie nach Hause, völlig kaputt. Sie soll alles so liegenlassen, haben die anderen gesagt, sie soll auf sich aufpassen, nicht zu viel zu machen. Sie soll auch den Kopf abschalten, aber ein Bild lässt sie nicht los: Der kleine Junge, der sich Schulsachen aussuchen durfte, weil er in einer Willkommensklasse eingeschult wird. Wie er da stand da, pfiffig und stolz in seinem Fußballshirt und seinen abgewetzten rosa Crocs. Er konnte schon ein bisschen deutsch und wünschte sich für den Schulweg unbedingt einen „Regenschirm“, das Wort kannte er ganz genau und hielt sich den imaginären Schirm über den Kopf. Wir hatten keinen Regenschirm, nirgends.

Ich hätte ihm sehr gern einen Regenschirm gekauft. Aber dann dachte ich an die anderen Kinder an seiner zukünftigen Schule, die sich untereinander erzählen, „die Flüchtlinge haben alle ein Iphone 6“ und die gespendete Schulranzen, abgewetzte rosa Crocs und einen Regenschirm wahrscheinlich uncool finden werden. Vielleicht wird dieser kleine pfiffige Junge nicht mehr lange so stolz sein, aber vielleicht ist das nicht das Schlimmste, vielleicht holt ihn auch die Polizei aus dem Klassenzimmer, weil er zurück in sein Land soll, obwohl für all diese kleinen wachen Menschen hier genug Platz wäre.

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Ich danke an dieser Stelle einmal all den vielen Helfern, die unbeachtet von allem dem großen Gerede und Geschrei einfach anpacken und etwas tun, in welcher Form auch immer. Ganz besonderes danke ich hier mal den Frauen, die mit ihrer Tatkraft und Lebensklugheit viele solcher gemeinnützigen Einrichtungen und insbesondere die Kleiderkammern am Laufen halten.

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Wenn ihr etwas tun möchtet:  Sucht im Internet nach den Flüchtlings-Initiativen in euer Nähe, vieles läuft auch über Facebook. Oft steht im Internet, was gebraucht wird. Mailt dorthin, oder geht direkt zu den Einrichtungen und fragt nach, was ihr helfen könnt. Wenn sich gerade erst Initiativen bilden, macht mit, jetzt oder später. Tut nicht mehr, als in eurer Kraft steht. Geldspenden helfen auch sehr, denn dann können z.B. die fehlenden Turnschuhe gekauft werden. Und wenn ihr in Berlin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bei einem Nähraum mithelfen möchtet, meldet euch gern bei mir per Mail: info@textilegeschichten.net

Ein anderer Blick in eine Kleiderkammer in Berlin bei Mareice, sehr beeindruckend.

Ein Bericht mit konkreten Tipps: „Die 4 Tyen von Kleiderspendern„.

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UPDATE

Flagge zeigen und Augen öffnen! Es gibt jetzt eine Internetseite der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge mit einer Verknüpfung der teilnehmenden Blogs und einer Spendensammlung bei betterplace.org

Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

DSC09584Link zum Tweet  *

Eine hübsche Frau auf einem Boulevard in Paris? Angeblich ist das Bild in den 1920er Jahren aufgenommen. Hundertfach geteilt auf Twitter, Pinterest und in anderen Netzwerken.

Aber Kenner merken: Das kann nicht sein. Solche Riemchen-Highheels hätte es 1920 nicht gegeben. Die Röcke sind merkwürdig kurz. Das Zeitungsdesign des Figaro sieht erst seit ein paar Jahren so aus, und die Anzeige des Mobilfunkunternehmes Bouygues-Telecom auf der Rückseite der Zeitung ist auch sehr heutig. Das Foto wurde in Wirklichkeit im Jahr 2012 für Le Figaro Madame gemacht,  im Zusammenhang mit dem Film „The Artist“, der in den 20er Jahren spielt.

Solch eine absichtliche Falschmeldung nennt man englisch Fake oder auch Hoax. Das Internet ist voller Hoaxes. Wer einen Hoax startet, hofft auf eine möglichst weite und rasante (= virale) Verbreitung. Webseiten wollen damit bekannt werden, Firmen für ihre Produkte werben und Aktivisten für ihr Anliegen.

Ich bin auch schon mehrmals auf solche falschen Informationen hereingefallen. Angeblich zeigt dieses Bild die Vorstellung von einem perfekten Körper im Jahre 1955.

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Das Modell auf dem Foto ist allerdings erst 1977 geboren – keinesfalls kann das also eine Aufnahme aus dem Time Magazine von 1955 sein.

Beim folgenden Gruppenbild wird erklärt, eine russische Frau habe in 40 Jahren eine Menge Zwillinge, Drillinge und Vierlinge bekommen. Das alles angeblich im 18. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie. twitscreenshot

Inzwischen wurde dieses Foto fast 1000 Mal geteilt! Die Geschichte ist natürlich kompletter Blödsinn. Hin und wieder melden sich auch Stimmen in den Kommentaren zu solchen Bildern, dass das ja wohl nicht sein könne. Aber diese Fake!-Rufe verhallen meist ungehört, das finde ich faszinierend. Der Wunsch, sich über eine irre Geschichte auszutauschen, ist größer als der Wunsch nach Wahrheit.

Seit 2013 kursiert ein Foto einer Frauengruppe in Männerkleidung, das angeblich eine in London 1880 gefürchtete Frauenbande namens „Clockwork Orange“ zeigt.  Alles Unsinn, so eine Gang hat es nie gegeben.

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Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Hoax starten. Besonders historische Bilder von Frauen in Hosen verbreiten sich gut.

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Dieses Foto der kostümierten Schauspielerin Mèry Laurent von 1860/61 wäre schnell mit „Erste Frau in Hosen 1700“ betitelt. Oder „Erste Cross-Dresserin der Welt„, ginge bestimmt auch gut. Am besten auf Englisch, und dann bei Twitter, Tumblr, Pinterest, Instagram, Facebook oder sonstwo einstellen.  Es würde sich vielleicht rasant verbeiten, niemand würde sich dafür interessieren, ob das wirklich stimmt und wo ich das Bild herhabe.

Eine Opiumhöhle?

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Ja, aber nur als gestellte Szene, aus dem französischen Stummfilm „Dandy-Pacha“ von 1920.

Empörthemen sind besonders gut geeignet für virale Kampagnen. Diese Windeltangas sind ein Gag, den viele ernst nahmen.

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Die gestickten Hilferufe von geknechteten Näharbeitern in Primark-Kleidung waren auch eine Fälschung, vielleicht eine Kampagne von Clean-Clothes Aktivisten.

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Die Geschichte wird mir bis heute immer wieder mal erzählt, da nützen alle Dementis der Firma nichts. Solche Sachen habe ich am Anfang auch weiter geschickt, inzwischen passe ich mehr auf, aber, es ist schwer. Wenn ich Zeit habe, gucke ich bei Hoax-Aufklärern wie

Hoax of Fame /Tumblr

Picture Pedant

Hoax Eye

Museum of Hoaxes

ob das Bild dort schon zu finden ist.  Hoax-Dauerbrenner werden seit vielen Jahren auch bei der TU-Berlin und  Mimikama aufgelistet. Auf Englisch hilft außerdem noch Snopes weiter. (Danke für den Hinweis!)

Wenn nicht, bleibt nur die Rückwärts-Bildersuche und weitere Recherche. Dieses Paar zum Beispiel war „viral“ unterwegs und ich wollte es eigentlich weitergeben:

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Die Bilderrückwärtssuche ergab, dass das wahlweise ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, der napoleonischen Krieg oder des Krimkriegs mit seiner Frau sein soll. Das Foto ist bei WikiCommons mit der Quelle „Archive de la Photographie 1840 1940“ vermerkt. So ein Archiv ist aber nicht auffindbar, ein Buch mit einem solchen Titel auch nicht. Ein schönes Bild, aber ob es echt ist? Ich habe nun bestimmt eine halbe Stunde danach recherchiert, aus reiner Neugier, wer macht das sonst schon.

Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.

Inzwischen bin ich so misstrauisch, dass ich auch dieses Bild nicht weiterverbreitet habe, obwohl es toll ist. (Von Kurden aus den ISIS-Gebieten befreite Frauen ziehen die schwarze Kleidung aus).

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Zum Abschluss noch ein modernes Märchen, das mich und andere Eltern seit Jahren verfolgt. Immer und immer wieder wird in unendlichen Abwandlungen von einem weißen Lieferwagen erzählt, der Kinder mitnimmt. Bitte, bei solchen Berichten, auch mit konkreten Ortsangaben: Glaubt sie nicht! Recherchiert erst einmal selbst und forscht nach der Quelle.

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In diesem Sinne für heute: Eine pedantische gute Nacht.

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*  Nachtrag 27. Juni 2015:

Inzwischen habe ich die Info bekommen, dass die Fotografin der Modestrecke für Le Figaro Madame (Bild in diesem Beitrag ganz oben) einen Bloggerin wegen der Verwendung ihrer Fotos abgemahnt hat. Das war ziemlich teuer. Die Bloggerin hat danach ihren Blog geschlossen.  Heißt das nun, dass ich das Bild auch nicht zeigen darf? Und somit auch nicht vernünftig über missbräuliche Verwendung von Fotos aufklären kann? Verkehrte Welt im deutschen Urheberrecht, irre.

Da ich schon einmal dabei bin: Hier geht es zur Petition für die Rettung der Panoramafreiheit, damit ihr auch in Zukunft in eurem Blog noch eure Urlaubsfotos zeigen dürft.

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Kurzwaren: Linksammlung Nr. 10 und ein Englischproblem

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Neue Links aus der Kurzwarenhandlung

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Meine weiteren Linkempfehlungen gehen zu englischsprachigen Seiten, und dafür möchte ich vorher eine grundsätzliche Sache klären: Wie viele von euch kommen rundum gut mit Englisch klar? Ich versuche ja, Anglizismen zu vermeiden und fremdsprachige Zitate  zu übersetzen. Aber ist das hier überhaupt nötig? Vielleicht ist Englisch ja selbstverständlich für euch. Oder sind englische Texte, Videos und Audios für euch komplett uninteressant, weil ihr sie ohnehin nicht versteht?

Darüber grüble ich, seit mir eine Freundin von ihrem Englischproblem erzählt hat.  Sie erlebte den Mauerfall als Jugendliche im Ostteil Berlins und hatte in der Nachwendezeit nicht die geringste Lust, zur hastig eingerichteten Englisch-AG in ihrer Schule zu gehen. Bis heute spricht und versteht sie die Sprache gar nicht. Sie mogelt sich beruflich irgendwie durch. Auch auf Reisen und in der Freizeit ist es schwierig. Ein Karaoke-Abend? Der totale Stress für sie. Sie schämt sich eigentlich, aber hat weder Zeit noch Mut, nach all den Jahren nun einen Sprachkurs zu machen.  Erst vor kurzem hat sie mich eingeweiht und ich war für mein Teil dann sehr beschämt. Wieso gehen wir – vor allem im Internetbereich – davon aus, dass Nutzer selbstverständlich mit englischen Ausdrücken klar kommen? Wie viele  40jährige gibt es noch, die in der Schule oder danach nie die Gelegenheit hatten, die Sprache sicher zu lernen? Einer Statistik zufolge sagen rund 63 % der Deutschen von sich, sie verstünden einigermaßen gut Englisch.  Und wie ist das bei euch? Über eine Teilnahme an der Umfrage würde ich mich freuen.

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In der Hoffnung, dass es nützt, hier eine Reihe Linkempfehlungen zu englischsprachigen Seiten:

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Soweit meine Tipps für heute. (Sonst mehr bei  Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung).

Bin gespannt auf eure Stimme zum Thema Englisch!

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Strickliesel und Häkeltrutsche – wo kommt das miese Image her?

Bieder. Reiner Omi-Zeitvertreib. Hausfrauen-Sticheln. Altmodisch. Hausmütterchen-Kleinklein. Selbstverliebter Pipikram. Häkel-Trutsche. Wohnungsdekorateuse. Blondschleiche. Strickliesel. Oma-Beschäftigung. Tantenhaft. Wollmäuse.
Unattraktives Thema, nicht salonfähig, bedient abwertende Mädchen-Klischees, trivial, spießig, eingestaubtes Image…

Das sind Worte über Stricken, Häkeln, Nähen, Sticken, gesammelt in den Medien, in letzter Zeit. Eine kleine, völlig unvollständige Sammlung.

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„Selbstverliebter Pipikram???? Komm ruhig näher.“                                       via

Da nützt auch das Umbenennen in Radical-Craftism, Yarn Bombing, DIY, Stitchn’Bitch, Upcycling, SewAlong, Knitparty und die Solidarisierung in Internetcommunities nichts. In den Köpfen der meisten Menschen gilt Handarbeiten weiterhin als uncool.  Auch denjenigen, die unter englischen Begriffen DIYen, wird dann über den Umweg „Rückzug ins Private“ wieder vorgeworfen, politisch unbedarft zu sein.

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Schlagzeilen wie die folgenden bestätigen das Klischee eigentlich nur:

Von wegen, das ist nur etwas für Omis: Handarbeiten sind wieder voll im Trend. (Handelsblatt)

Neuer Trend – Deutschland strickt wieder – Handarbeit ist in Mode (FAZ)

Fleißiges Lieschen legt Hausmütterchen-Image ab  (WN)

Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?

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Nun haben inzwischen auch immer mehr Männer Spaß am Stricken, Häkeln oder Nähen. In einem Interview wünschen sie sich auch mehr Austausch und Handarbeitsbücher für Männer. Den Männerüberschuss beim englischen Nähwettbewerb hatte ich ja schon erwähnt. Im Zuge dieser Phänomene kam die Frage auf: Wird Handarbeiten jetzt salonfähig, weil Männer das machen? Lotti und Crafteln haben dazu schon etwas geschrieben. Im englischsprachigen Raum gibt es die Diskussion ebenfalls, im Quiltbereich wie z.B. hier  auch in der Variante „Wenn Männer quilten, ist das dann automatisch Kunst?“.

„Männerstricken“, Zeit Online

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Historisch ist es ziemlich klar, dass textile Arbeiten von Männer und Frauen über Jahrtausende zusammen erledigt wurden. Kleidung, Tücher, Decken, Netze, Seile waren Daseinsgrundbedürfnis und wurden in Eigenproduktion hergestellt, vom Anbau der Faser bis zum vernähten Stoff. Später wurden dann zusätzlich textile Produkte für die wohlhabenden Schichten hergestellt – auch wieder von beiden Geschlechtern. Die Wende kam  erst mit der Stärkung des Bürgertums, der Industrialisierung  und der „Versorgerehe“. Wobei sich dieses Modell nur sehr langsam durchsetzte und die Frauen dabei auch jede Menge schufteten. Je nach Größe des Haushalts und Wohlstand konnten sie bestimmte textile Tätigkeiten delegieren – dann in der Regel an Frauen. Wäscherinnen, Weißnäherinnen, Putzmacherinnen – es gab eine große Zahl erwerbstätiger Frauen mit textilen Berufen.  In den Manufakturen und Textilfabriken arbeiteten weiterhin sowohl Männer als Frauen. Die Mehrheit der Frauen war immer erwerbstätig, schlicht, weil nicht genug Geld für das Haushaltseinkommen vorhanden war. (Zu dem Bereich mehr auch bei Die Erfindung der Hausfrau : Wirklich durchgesetzt in allen Schichten der westlichen Bevölkerung hat sich das Alleinverdienermodell mit der Hausfrau und den Kindern nur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern und 1960ern.„).

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Wo kommt also unsere Vorstellung von den spießigen Handarbeiten her? So ganz klar ist mir das nicht. Sicher hat es etwas mit dem Idealbild von der züchtigen Hausfrau zu tun, nur sah die Realität eben meist anders aus. Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte? Komisch nur, dass es in den 70ern dann wieder ein Handarbeitshoch gab. Nicht unbedingt geholfen hat auch die „links-feministische Version der Trivialisierung der mütterlichen Ordnung“ im Sinne von  „Eigentlich verstehe ich als emanzipierte, sprich: herdflüchtige Frau ja gar nichts von diesem ganzen Weiberkram“  (Zitat aus diesem politischen Austausch  zum Thema Hauswirtschaftsunterricht. Da sind viele Aspekte zu dem Thema angesprochen).

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Interessant ist auch, dass meiner Erfahrung nach in Frankreich, NL, Großbritannien, USA u.a. Handarbeiten nicht so sehr belächelt werden wie bei uns und die textilen Traditionen viel mehr gepflegt werden. Warum? Und dann fehlen noch die Aspekte der DDR-Lebenserfahrung: Handarbeiten/Selbermachen spielte doch beim Selbstversorgen eine große Rolle, galt doch sicher nicht als „trivial“?

Viele Fragen an einem sonnigen Samstagnachmittag, aber vielleicht hat ja jemand Ideen dazu, jetzt oder in Zukunft. Ich werde weiter in dem Gebiet herumforschen und hier hoffentlich immer wieder Mosaiksteinchen präsentieren können.

 

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Nachtrag 2.3.2015

Richtig viel tolle Gedanken zu dem Thema bei Kittykoma. Ein paar Zitate:

Bzgl. Ostdeutschland

…hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte.

bzgl. verlorenem Wissen (bloß wieso ist dann das Wissen im englischsprachigen Internet da? Weil Internet dort früher anfing?)

…Die aktuelle DIY-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.

und aus den Kommentaren bei Kitty Koma

Vielleicht darf ich Ihre Liste noch um einen Punkt ergänzen: Das westdeutsche Handarbeitsrevival der 70er/80er-Jahre hat verbrannte Erde hinterlassen. Es gibt ja nicht von ungefähr das Klischee der strickenden Latzhosenträgerin im Hörsaal. Handarbeit hatte immer auch einen demonstrativ antiintellektuellen Charakter und ist – zumindest in meiner Generation – mit einem gefühligen Differenzfeminismus assoziiert.

 

Crafteln hat inzwischen noch über die Frage nachgedacht, ob Nähen noch mehr Trend wird, und was dann passiert?

Außerdem dieser schöne Hinweis auf Twitter

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Gedenktag

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Draußen an der Schule sind die Flaggen heute auf Halbmast. Die meisten Schüler wissen nicht, warum. Mit dem Begriff Auschwitz können laut einer Umfrage 20 Prozent aller Deutschen unter Dreißig nichts anfangen.

Eva Fahidi, Auschwitz-Überlebende, sagt im Radio: „Es gibt nur ein einziges Ding auf der Erde, das wir nicht noch einmal haben können, wenn wir es verloren haben, das ist das Leben“. Sie sagt auch, es habe sie „entsetzlich erfreut“, dass man sie in den 1980er Jahren als Zeitzeugin wieder nach Deutschland eingeladen hat.

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Damals in den 1980er Jahren sitze ich im Büro der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt. Der freundliche ältere Rabbi zerrt an einem Stapel großer Papierbögen, ganz unten in einem Büroschrank, begraben unter anderen Akten und Unterlagen. Er legt die handbeschriebenen Blätter auf den Tisch. Es sind die Deportationslisten der bis 1945 abtransportierten Juden. Seit damals bin ich scheinbar die Erste, die hineinschauen will.

Ich bin Schülerin und recherchiere das Schicksal der jüdischen Familien in dem Ort, in dem ich lebe. In dem auch meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern schon gelebt haben. Die Älteren wissen noch ganz genau, welche Geschäfte jüdisch waren, wer wo gewohnt hat – irgendwann waren sie nicht mehr da. Wo sind sie geblieben? Die Jüngeren, die Generation meiner Eltern, sind erstaunt, dass sie sich diese Frage noch nicht gestellt haben. Auch mein Geschichtslehrer, bärtiger 68er, ist verwundert, als ich ihm meine Projektidee präsentiere. Selbstverständlich darf ich das für den Leistungskurs erforschen.  Ich habe Glück. Es ist noch nicht lange her, da galt das „schreckliche Mädchen“ in Passau als Nestbeschmutzerin, weil sie in der Vergangenheit herumstocherte.

Über Monate interviewe ich Zeitzeugen, schaue Fotoalben an, durchforste die Adressbücher und Akten im Staatsarchiv, suche auf dem jüdischen Friedhof. Internet, Computer, Digitalkameras gibt es noch lange nicht. Zum Schluss sitze ich im Büro des Rabbis vor den Deportationslisten. Es wird klar: Diejenigen, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten, sind alle tot. Bis auf eine Tochter, Rosa, sie hat das Lager überlebt. Später schreibe ihr in die USA, aber es kommt keine Antwort.

Der Rabbi hat andere Sorgen. Er fragt, ob ich nicht mitmachen möchte in der Gemeinde. Er braucht Nachwuchs.

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Was ich herausgefunden habe, schreibe ich mit der Schreibmaschine auf. Es erscheint noch ein Artikel in der Lokalzeitung, irgendwann richtet der AntifFa-Arbeitskreis einen Stadtrundgang zu dem Thema ein. Da bin ich längst weg. Andere nehmen sich der Sache an. Heute gibt es Stolpersteine und sogar ein Buch.

Und es gibt wieder Jugendliche, die lernen sollen, was damals geschehen ist. Dabei ist es inzwischen gar nicht mehr möglich, so wie zu meiner Schulzeit ins Detail zu gehen. Die Welt ist viel größer geworden, wir müssen so viel mehr Weltwissen beachten. Neue Länder, neue Fronten, neue Kriege, neue Verbrechen. In der Klasse meiner Tochter sitzen Kinder vieler Nationalitäten und vieler Religionen, Christen, Juden, Muslime. Jede Herkunft, jede Kultur hat ihre eigene Geschichte. Gerade sprechen sie viel über den Islam.

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Ich kann verstehen, wenn Jugendliche zwar vom Holocaust wissen aber mit dem Namen „Auschwitz“ nichts anfangen können und ich werfe das auch den Eltern und Lehrern nicht als Versagen vor. Für die ältere Generation ist das sicher schwer zu akzeptieren. Meine Tochter hat viel gelesen, wir haben geredet, Museen und Mahnmale besucht. Sie versteht das alles, aber es ist so unendlich weit weg und fremd, nicht real. So fern, wie einem die Zeit der Urgroßeltern eben ist. Wir haben damals alle „Nacht und Nebel“ in der Schule gesehen. Ich weiß nicht, ob dieser Film noch auf dem Lehrplan steht.

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Für mich bleibt das Thema emotional schwierig, gerade an Tagen wie heute. In den letzten Jahre bin ich regelmäßig zum Gleis 17 gegangen, einem Mahnmal hier in Berlin beim Bahnhof Grunewald, von wo damals viele Deportationen ausgingen.

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Über die Jahreszeiten habe ich dort Pflanzenteile gesammelt und sie aus Textilien nachgearbeitet.  Vielleicht blühte damals im Mai 1942 auch der Löwenzahn, vielleicht lagen schon im Herbst 1944 bunte Ahornblätter auf den nassen Gleisen.

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Daraus ist eine Installation geworden, die ich im letzten Jahr dann ausgestellt habe.  Die Jahre vorher sind in Internetnotizen festgehalten: What Remains. Meine Gefühle zu der Aktion bleiben ambivalent. Darf ich das überhaupt?

Konservieren hat etwas Unbarmherziges. Vielleicht ist auch das große Vergessen nichts als ein würdevolles Aufheben, wo sonst grausames Aufbewahren stattfindet.
K. Hagena

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Bei meiner Tochter in der Schule lesen sie gerade „Krieg: Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller. Ein kleines Büchlein, in dem die Kinder sich vorstellen können, sie seien im eigenen Land verfolgt. Deutschland ist eine faschistische Diktatur, Europa im Krieg. Sie müssen versuchen, sich in eine fremde Kultur zu retten, in der sie nicht willkommen sind. Ein sehr gutes kleine Buch, das ich allen Jugendlichen und Eltern empfehlen kann. Es hilft im Moment vielleicht mehr dafür dass „so etwas“ nicht noch einmal passieren kann, als zusätzliche Geschichtsstunden.  In der Sporthalle neben der Schule mit den Halbmast-Flaggen sind seit Dezember 200 Flüchtlinge untergebracht. Das gutbürgerliche Wohngebiet drumherum hat alle willkomen geheißen, der betreuende ASB war von der Hilfsbereitschaft der Anwohner überwältigt.

P.S.
Heute abend werde ich mir im Radio das Gedenkkonzert aus der Philharmonie anhören, in dem auch Geigen der Ermordeten erklingen werden. Die Hoffnung:

Wenn ihr Klang überlebt, sind auch die Seelen derjenigen nicht vergessen, die sie einst gespielt haben.

 

Kurznachrichten IV

Für Nicht-Twitterer hier wieder eine Auswahl von Tweets, die ich (weiter)gesendet habe. (Ich hoffe, das klappt technisch. Wenn nicht, bitte Rückmeldung).

Dieses Foto einer Klöppelarbeit aus Italien repräsentiert für mich die große Kunstfertigkeit, die so ein Handwerk erfordert.  Nur wer darüber nichts weiß, spottet über „Klöppeln“ oder andere Handarbeiten mit Nadel und Faden als geringwertige Tätigkeit.

Eine Pyramide als visuelle Ermutigung. Von unten nach oben: Benutze, was du hast  –  borge – tausche –  kaufe gebraucht – mach selbst – kaufe neu:

 

Dreimal  Textiles rund um den Ersten Weltkrieg.  Trauerkleidung eines sechsjährigen Mädchens in England, eine Zeitungsanzeige, eine Ausstellung in Berlin:

Und noch ein paar Tipps, Ausstellung, Film, Nähhilfe u.a.

Den letzten Lesetipp empfehle ich als Stärkung,  wenn mal wieder in irgendeinem Medium die Position vertreten wird,  Freude an Handarbeiten vertrüge sich nicht mit einem emanzipierten Frausein.  Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass diese Stimmen bald kleinlauter werden.  Daher zum Abschluss hier noch einmal den strickenden Schäfer, der hat schon die Weitsicht.

sheperdQuelle