Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

DSC09584Link zum Tweet  *

Eine hübsche Frau auf einem Boulevard in Paris? Angeblich ist das Bild in den 1920er Jahren aufgenommen. Hundertfach geteilt auf Twitter, Pinterest und in anderen Netzwerken.

Aber Kenner merken: Das kann nicht sein. Solche Riemchen-Highheels hätte es 1920 nicht gegeben. Die Röcke sind merkwürdig kurz. Das Zeitungsdesign des Figaro sieht erst seit ein paar Jahren so aus, und die Anzeige des Mobilfunkunternehmes Bouygues-Telecom auf der Rückseite der Zeitung ist auch sehr heutig. Das Foto wurde in Wirklichkeit im Jahr 2012 für Le Figaro Madame gemacht,  im Zusammenhang mit dem Film „The Artist“, der in den 20er Jahren spielt.

Solch eine absichtliche Falschmeldung nennt man englisch Fake oder auch Hoax. Das Internet ist voller Hoaxes. Wer einen Hoax startet, hofft auf eine möglichst weite und rasante (= virale) Verbreitung. Webseiten wollen damit bekannt werden, Firmen für ihre Produkte werben und Aktivisten für ihr Anliegen.

Ich bin auch schon mehrmals auf solche falschen Informationen hereingefallen. Angeblich zeigt dieses Bild die Vorstellung von einem perfekten Körper im Jahre 1955.

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Das Modell auf dem Foto ist allerdings erst 1977 geboren – keinesfalls kann das also eine Aufnahme aus dem Time Magazine von 1955 sein.

Beim folgenden Gruppenbild wird erklärt, eine russische Frau habe in 40 Jahren eine Menge Zwillinge, Drillinge und Vierlinge bekommen. Das alles angeblich im 18. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie. twitscreenshot

Inzwischen wurde dieses Foto fast 1000 Mal geteilt! Die Geschichte ist natürlich kompletter Blödsinn. Hin und wieder melden sich auch Stimmen in den Kommentaren zu solchen Bildern, dass das ja wohl nicht sein könne. Aber diese Fake!-Rufe verhallen meist ungehört, das finde ich faszinierend. Der Wunsch, sich über eine irre Geschichte auszutauschen, ist größer als der Wunsch nach Wahrheit.

Seit 2013 kursiert ein Foto einer Frauengruppe in Männerkleidung, das angeblich eine in London 1880 gefürchtete Frauenbande namens „Clockwork Orange“ zeigt.  Alles Unsinn, so eine Gang hat es nie gegeben.

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Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Hoax starten. Besonders historische Bilder von Frauen in Hosen verbreiten sich gut.

04565501getty via GettyMuseum

Dieses Foto der kostümierten Schauspielerin Mèry Laurent von 1860/61 wäre schnell mit „Erste Frau in Hosen 1700“ betitelt. Oder „Erste Cross-Dresserin der Welt„, ginge bestimmt auch gut. Am besten auf Englisch, und dann bei Twitter, Tumblr, Pinterest, Instagram, Facebook oder sonstwo einstellen.  Es würde sich vielleicht rasant verbeiten, niemand würde sich dafür interessieren, ob das wirklich stimmt und wo ich das Bild herhabe.

Eine Opiumhöhle?

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Ja, aber nur als gestellte Szene, aus dem französischen Stummfilm „Dandy-Pacha“ von 1920.

Empörthemen sind besonders gut geeignet für virale Kampagnen. Diese Windeltangas sind ein Gag, den viele ernst nahmen.

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Die gestickten Hilferufe von geknechteten Näharbeitern in Primark-Kleidung waren auch eine Fälschung, vielleicht eine Kampagne von Clean-Clothes Aktivisten.

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Die Geschichte wird mir bis heute immer wieder mal erzählt, da nützen alle Dementis der Firma nichts. Solche Sachen habe ich am Anfang auch weiter geschickt, inzwischen passe ich mehr auf, aber, es ist schwer. Wenn ich Zeit habe, gucke ich bei Hoax-Aufklärern wie

Hoax of Fame /Tumblr

Picture Pedant

Hoax Eye

Museum of Hoaxes

ob das Bild dort schon zu finden ist.  Hoax-Dauerbrenner werden seit vielen Jahren auch bei der TU-Berlin und  Mimikama aufgelistet. Auf Englisch hilft außerdem noch Snopes weiter. (Danke für den Hinweis!)

Wenn nicht, bleibt nur die Rückwärts-Bildersuche und weitere Recherche. Dieses Paar zum Beispiel war „viral“ unterwegs und ich wollte es eigentlich weitergeben:

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Die Bilderrückwärtssuche ergab, dass das wahlweise ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, der napoleonischen Krieg oder des Krimkriegs mit seiner Frau sein soll. Das Foto ist bei WikiCommons mit der Quelle „Archive de la Photographie 1840 1940“ vermerkt. So ein Archiv ist aber nicht auffindbar, ein Buch mit einem solchen Titel auch nicht. Ein schönes Bild, aber ob es echt ist? Ich habe nun bestimmt eine halbe Stunde danach recherchiert, aus reiner Neugier, wer macht das sonst schon.

Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.

Inzwischen bin ich so misstrauisch, dass ich auch dieses Bild nicht weiterverbreitet habe, obwohl es toll ist. (Von Kurden aus den ISIS-Gebieten befreite Frauen ziehen die schwarze Kleidung aus).

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Zum Abschluss noch ein modernes Märchen, das mich und andere Eltern seit Jahren verfolgt. Immer und immer wieder wird in unendlichen Abwandlungen von einem weißen Lieferwagen erzählt, der Kinder mitnimmt. Bitte, bei solchen Berichten, auch mit konkreten Ortsangaben: Glaubt sie nicht! Recherchiert erst einmal selbst und forscht nach der Quelle.

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In diesem Sinne für heute: Eine pedantische gute Nacht.

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*  Nachtrag 27. Juni 2015:

Inzwischen habe ich die Info bekommen, dass die Fotografin der Modestrecke für Le Figaro Madame (Bild in diesem Beitrag ganz oben) einen Bloggerin wegen der Verwendung ihrer Fotos abgemahnt hat. Das war ziemlich teuer. Die Bloggerin hat danach ihren Blog geschlossen.  Heißt das nun, dass ich das Bild auch nicht zeigen darf? Und somit auch nicht vernünftig über missbräuliche Verwendung von Fotos aufklären kann? Verkehrte Welt im deutschen Urheberrecht, irre.

Da ich schon einmal dabei bin: Hier geht es zur Petition für die Rettung der Panoramafreiheit, damit ihr auch in Zukunft in eurem Blog noch eure Urlaubsfotos zeigen dürft.

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19 Gedanken zu “Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

  1. Meine liebste Pedantin, da es bei mir schon immer so war, dass man mir das Märchen von der wilden Sau erzählen konnte und ich ALLES erstmal geglaubt habe, danke ich dir für diese Aufklärung. Dass solche Fakes Hoax genannt werden, wusste ich gar nicht. ABer mittlerweile bin ich doch auch etwas skeptischer geworden und teile sowieso sehr selten was. Deine Links werden mir in Zukunft weiterhelfen. Ob das momentan kursierende Bild von Brausepulver-Tütchen, die in Schulen verteilt werden und in denen Crystal enthalten sein soll, auch so ein Hoax ist? Ich hoffe es sehr, bleue den Jungs aber vorsichtshalber nochmal ein, wie sie damit umzugehen haben.
    Liebe Grüße!

  2. Vielen Dank. Ich muss wirklich sagen, dass ich mir eigentlich nie die Mühe mache, zu recherchieren… nach deinem Beitrag werde ich das allerdings gerade bei den historischen Seiten mal tun. Allerdings gucke ich häufiger auf der Ursprungstweet wenn ich etwas retweete, weil ich panische Angst davor habe, irgendeinen Rechtsradikalen zu retweeten oder irgendeine sonstige mir völlig entgegengesetzte Denke. Leider ist das oft gar nicht so einfach aus den tweets herauszulesen.
    Ganz schwierig sind ja auch tweets mit Statistiken, obwohl die ja nun wirklich schon immer schwierig zu überprüfen sind (traue keiner Statistik die du nicht selber gefälscht hast und so) und eigentlich mag ich Statistiken. Aber als tweet ist das wirklich fast nicht möglich, da ist ja eher seltener eine gute Quellenangabe dabei.
    Ansonsten bin ich wohl eher misstrauisch und wundere mich schon über manche tweets. Also das oberste hätte ich erkannt, die Schuhe sind viel zu auffällig. Aber auf das zweite bin ich reingefallen.

    Ganz schlimm (aber nochmal eine andere Kategorie) sind ja tweets bei denen Leute mit Foto!!!! angeblich als „polizeigesucht“ gezeigt werden. Oder Kinder als vermisst….
    Da frage ich mich schon manchmal wie es um das (Grund-) Rechtsverständnis steht. Schade.

    Das Freedom Portrait fand ich auch toll, hab mich aber nicht getraut es zu retweeten, weil ich es ein bisschen seltsam fand, und eher nicht glaubwürdig.
    Das ist der Vorteil der öffentlich-rechtlichen Sender und deren Bilder: die haben zumindest einen wesentlich besseren Rechercheapparat (einziger Trost beim Gebührenzahlen). Wenn ich überlege, wie sehr wir früher die Bilder und die Darstellungsmethoden der offiziellen Presse kritisiert und auseinandergenommen haben! Bei Twitter ist das völlig aussichtslos. Wer am häufigsten retweetet wird, hat recht.

  3. Vielen Dank, das war jetzt sehr unterhaltsam.
    So ein aufgedekter fake ist eigentlich noch viel bemerkenswerter als die Fälschung selbst- da kann man noch herrlich spekulieren wiesoweshalbwarum.
    Meine persische Kochlehrerin hat von den Flügen von Teheran nach Europa erzählt, in denen die Toilette nach dem Start ständig besetzt ist. Eine schwarzverhüllte Gestalt geht hinein und eine moderne, sehr gut gekleidete Frau kommt heraus. Das bringt das Foto viel plakativer herüber- denn der Grundgedanke dieser Metamorphose ist ja aller Ehren wert.

    • Manchmal denke ich auch, wenn es gut ausgedacht ist, warum nicht? Vielleicht sind die Fotos inszeniert, aber sie sind inspirierend.

  4. Man kann echt nicht kritisch genug sein. Ich bin z. B. auf die Geschichte reingefallen, die den Inhaber der Molkerei Müller in die rechte Ecke gestellt hat u. habe jahrelang die Produkte boykottiert. Meine Quelle habe ich als seriös eingeschätzt. Die Molkerei hat einen riesigen Imageschaden davon getragen. Denn es ging eine richtige Kampagne gegen die Firma durchs Netz.
    Eher in die Kategorie „so lächerlich, dass es direkt unglaubwürdig ist“ fällt die Story mit dem professionellen Kinderhändlerring, der sich bei Ikea die Kinder schnappt, betäubt u. auf Toilette Haare abschneidet u. Kleidung wechselt.
    LG Luzie

  5. Es gab schon vor vielen, vielen Jahren mal eine Ausstellung mit dem Titel X für U, in dem Foto-Fälschungen deutlich gemacht wurden. Fälschungen wurden/ werden ja auch oft als Kriegspropaganda genutzt.
    Ich mag es, wenn Fälschungen was Ironisches haben und uns darauf zurückwerfen, wie unsicher digitale Informationen sind. So wie das Stinkefinger-Fake-oder-Nicht-Fake?-Video der Zdf neo Redaktion. Im besten Fall rütteln uns diese aufgedeckten Fakes aus unserer Glaub-ich-Lethargie auf. LG mila

  6. Danke dir Schuschna, für die amüsante Aufklärung. Eine gute Aufforderung selbst etwas pedantischer zu werden in der Recherche. Und übrigens, in dem ersten Bild mit der Lebedame aus den goldenen Zwanzigern, neben all den Hinweisen auf 2012, die du schon gefunden hast, möchte ich noch sagen: das Model ist eindeutig zu lang und zu schlank für diese Zeit. Vor kurzem hattest du doch mal über das Frauenbild Anfang des letzten Jahrhunderts geschrieben. Ich glaube in den zehn/fünfzehn Jahren bis 1920 hat sich da nicht viel verändert. Es war ja die Zeit vor Twiggy und co. Aber gut gemacht. Wir trauen Bildern noch immer mehr als Worten. Magisch. Vielleicht gingen ultrastrenge Ikonoklasten im alten Byzanz aus diesem Grund hin und haben alle Bildnisse von Gott und auch Menschen zerstört…

  7. Danke für die interessante Zusammenfassung! Leider ist der Reiz bei den meisten doch stärker, mal eben schnell auf Retweet / Teilen zu klicken, um die Freunde und Bekannten ebenfalls mit dem spektakulären Bild zu beglücken, als selbst in die Recherche zu gehen (was ja, wie im Post erwähnt, auch gerne mal länger als eine halbe Stunde dauern kann).
    Noch eine weitere gute Hoax-Seite ist Snopes.com, zum einen werden in der „What’s new“-Sektion aktuellere Tagesmeldungen untersucht, in der Suche nach Kategorien kann man beliebte Klassiker mit teilweise recht umfangreichen Untersuchungen des Wahrheitsgehaltes nachlesen:
    http://m.snopes.com/whats-new/
    http://www.snopes.com/info/search/search.asp

  8. Den zweiten Hoax – die Frau von angeblich 1955 – habe ich heute wieder auf twitter gesehen, aber erweitert, zusammengeschnitten mit dem Foto eines „Models von 2015“ im Badeanzug, also falls jemand den Unterschied früher-heute mit nur einem Bild nicht verstanden haben sollte.

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