Mitbringsel

von der Ostsee.

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–  Ein halbfertiges Strickstück aus pflanzengefärbter Wolle von Tulliver.  Die Mütze ist schon die zweite Version, die erste hatte eine Baskenform, mit der ich aussah, als hätte man mir einen Windbeutel auf den Kopf gesetzt. Dieser zweite Versuch erinnert leider erneut an ein Konditorenprodukt. Das Bündchen trenne ich gerade wieder ab. Ich dachte, man könnte von unten aufribbeln, aber das geht nicht.

– Eine schön bedruckte Papiertüte.  Bald 25 Jahre nach der Wende bekommt man seinen Einkauf manchmal immer noch  in einer Verpackung aus der DDR. Ich war entzückt und habe sie in meine „Druckvorlagen“-Schublade eingeordnet.

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– Ein Partnerlook-Foto. Ich hätte viel mehr Bilder machen können, aber irgendwann befiel mich das große Grübeln. In Wollmantel und Häkelmützchen war ich ein Kuriosum zwischen den Unisex Fleece- und Goretex-Truppen, die für den Strandspaziergang ausgerüstet waren als ginge es zum Basislager am Nanga Parbat. Angesichts all der Wolfstatzen-Logos hätte ich schreien können. Sehr heilsam, mal anders aus zu sehen als die anderen. Und zu merken, dass jedenfalls den Ostseereisenden solche Stylegedanken am A… vorbeigehen. Meine Familie eingeschlossen, die meine ständige Beschäftigung mit dem Thema nervig fand. „Was hast du denn dagegen, wenn alle gleich aussehen?“ Tja, weiß ich eigentlich auch nicht.  Zum Glück sah ich dann in der Zeit ein Interview mit Barbara Vinken, deren Buch „Angezogen-Das Geheimnis der Mode“ gerade herausgekommen ist. Die Professorin ist sich nicht zu schade, zum Interview ihre Alaia- und Pradakleidervorzuführen, was mich sofort für sie eingenommen hat. Bisher habe ich nur die Auszüge aus dem Buch bei Amazon gelesen, aber die haben mir bereits gefallen. Vinken zieht zum Beispiel eine Parallele zwischen der schon länger anhaltenden Beinfixierung in der heutigen Mode und dem historischen Beinkleid der Männer vom Mittelalter an. Ich finde das verblüffend offensichtlich. Der Look blickdichte Strumpfhose/Skinny Jeans/Leggings mit kurzen Shorts, Kleid oder Rock ist jedenfalls in Berlin allgegenwärtig, ich trage ihn auch.

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Dazu dann kurze Stiefel, insb. diese ugly Uggs. Alles schon mal dagewesen.

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Zurück zuhause bin ich nun nicht mehr auf Funktionskleidung fixiert, sondern auf Beine. Auf jedem Bürgersteig springen sie mir ins Auge, die freigelegten engbehosten Beine, Männer wie Frauen. Es ist keinen Deut besser.

Da erfreue ich mich lieber an den Kiwis aus unserem Garten. Nach zehn Jahre zum ersten Mal eine Ernte, wer hätte das gedacht. Sind klein wie Stachelbeeren, schmecken wie Kiwis.
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Zum Abschluss noch eine Frage: Wer weiß eine zuverlässig pruddelsichere Wolle? Der Himmelsschal, den ich letztes Jahr aus den in den Wollgeschäften gängigen Lana Gr.und Co.-Garnen gestrickt habe, pillt wie Hölle. Das Tullivergarn bisher nicht, aber ich habe es ja auch noch nicht groß strapaziert. Ich würde mir gern eine Jacke stricken,  scheue bloß die Investition und die Mühe, wenn ich bei häufigem Tragen am Ende nichts davon habe als ein räudiges Strickstück. Aber da gibt es sicher Empfehlungen?

15 Gedanken zu “Mitbringsel

  1. Das ist ja echt der Hammer, dass du nich solch eine Tüte bekommen hast. die müßten doch zerfallen beim ansehen?
    Verschiedengeschlechtliche Zwillinge in Urlaubsgegenden, wo es kälter wird, sieht man leider häufig.Ich finde das auch immer befremdlich.Ob man sonst nichts Gemeinsames mehr hat oder sich dadurch enger verbunden fühlt? Vielleicht findet man seinen bessere Hälfte auch schneller wieder, Die Augen werden schließlich schlechter.
    Wenn man die Wolle nicht ausprobieren kann, ist man auf der sicheren Seite, wenn man wolle mit einem klienen Polyamidanteil nimmt, so wie die Sockenwollen ausgerüstet sind.Diese kann man auch nehmen, da gibt es so irre viele Sorten, von kratzig bis kuschelweich. Das ist nicht die schlechtest Wahl, denn auch ohne wollprogramm waschbar.
    Gibt es jetzt kiwietorte?
    Grüne Grüße von karen

  2. Die Tüte gab es in einem Angelgeschäft auf dem platten Land. Ich hatte überlegt, ob ich nach mehr frage. Aber die Papierqualität ist in der Tat kurz vor der Aufgabe.
    Wegen der Wolle: Was meinst du denn mit ausprobieren? Das geht doch nur, wenn ich erstmal etwas stricke und eine zeitlang trage, oder?

  3. Was man für Verbindungen sehen kann, unglaublich.
    Das Buch scheint wirklich interessant zu sein- ich hab mir das gerade bestellt.
    Im Mittelalter haben ja nur Männer so enge Beinkleider getragen- für Frauen wäre das undenkbar gewesen. Da ging der Blick dann eher ans Dekolleté? Das hat sich mit nettem Zierrat schön dekorieren lassen.
    Hast du irgendwo mal eine Quelle gefunden, aus welchem Material die damaligen Beinkleider waren? Vermutlich wurde das ja ganz fein gestrickt.

    Und das mit dem Funktionsjackendoppelpack kann ich mir echt nur mit Discounter-Sonderangeboten erklären. Die es eben nur in beschränkter Farbauswahl gibt. Aber jeder so wie er will.

    • Die Tatsache, dass damals der Männerlook „sexualisiert“ war, während die Frauen sich bis ins letzte Jahrhundert bedeckten, spielt in dem Buch auch eine Rolle. Die Beinkleider im Mittelalter waren meist aus Stoff, Leinen oder Wolle, das muss echt unbequem gewesen sein. Ich glaube, Strickstrümpfe gab es erst ab dem Barock, und dann auch erstmal nur für die Wohlhabenden. Müsste ich aber nochmal genau gucken.

  4. Zur Wolle habe ich keinen Tipp, leider. Aber eine PA-Mischung ist vielleicht kein schlechter Ratschlag. Frag doch mal Lucy, die strickt doch recht viel.

    Funktionskleidung: ist für mich nur was zum Sport treiben (wer’s tut). Ansonsten wirkt es einfach langweilig und irgendwie sehen alle damit geklont aus oder als würden sie irgendeiner Sekte angehören. Von den nervigen Werbeflächen ganz abgesehen. Praktisch war leider noch nie unbedingt schön. Naja, jeder wie er’s mag. Es kommt ja auf die inneren Werte an ;)
    Trotzdem freue ich mich, wenn jemand mal etwas Individuelleres trägt.
    Grüße!

  5. Partnerlook: Vielleicht liegt es daran, wer die Entscheidungen fällt, was getragen wird und kombiniertem Desinteresse oder keine Lust zu wiedersprechen … Emanzipation mit Überdosis ;-))
    LG Ute

  6. Nomotta Regia von Schachenmeyer : Sockenwolle, die sich Jahrzehnte nicht veraendert. Diese hat einen geringen Kunsstoffanteil. Hier in England ist praktisch jedes ! Weibliche Wesen schwarz bestrumpfhost.

  7. Ich mache gleichfalls eine interne „Umfrage“ über nicht pillende Wolle. Fängt doch mein derzeitiges Projekt schon während des Strickvorgangs zu filzen an.
    Filzen, Pillen, die Form verlieren, alles drei ist blöd.
    Bei meiner Recherche bin ich jetzt immer über wieder über Wolle-Alpaca-mischungen gestolpert, welches mir haltbar erscheint.
    Bin aber noch am ausprobieren und testen.
    Dieses hier ist haltbar (aber leider nicht billig):
    http://www.lilaundgelb.blogspot.de/2013/07/slow-motion.html
    ebenfalls ein Sockengarn …
    viele Grüsse, Birgit

    • Das Tulliver-Garn scheint auch gut zu sein. Zwar auch teuer, aber dafür habe ich mit einem Strang jetzt einen halben Pullover gestrickt. Dann mache ich mich wohl mal auf zu handmade und gucke mir auch deinen Tipp an.

  8. Pingback: Lagebericht KW 41 | siebenhundertsachen

  9. In Sankt Peter Ording auf der Promenade hatten wir, beide Wollmantelträger und so im Prinzip auch im Partnerlook, auch mal eine nette Begegnung – wir wurden nämlich von einem anderen wollmanteltragenden Paar mit Kopfnicken gegrüßt. Die Leute waren mir auch schon von weitem aufgefallen, weil sonst wirklich nur Funktionsjacken unterwegs waren, alle in den fünf oder sechs Standardfarben und Farbkombinationen, die es da so gibt.

    Die letzten Tage auf dem Land (in Bayern) ist mir auch aufgefallen, dass es dort eine Uniform gibt, die von allen, Männern wie Frauen, zwischen ca. 25 und 65 getragen wird: Jeans und Funktionsjacke oder Steppjacke und praktische Schnürschuhe. Modisches sieht man nur an Frauen unter 25. Als ob die Kleidung nur eine Zeit lang die evolutionäre Funktion erfüllt, Männchen auf sich aufmerksam zu machen, und wenn das erledigt ist, ziehen einfach alle das gleiche an. Unisex verfolgt da nicht die Stategie, umso weiblicher zu wirken, je männlicher die Klamotten sind.

    Ich habe das Buch auch mal auf meine Wunschliste gesetzt – der Ausschnitt bei Amazon liest sich wirklich gut, ich hoffe der Rest ist auch so, denn als Literaturwissenschaftlerin neigt Barbara Vinken etwas zum großen Geisteswissenschaftsschwurbel, wenn ich mich richtig erinnere.

    • Tja, das Geschwurbel kommt dann leider doch, nicht nur sprachlich, sondern auch was die Thesen betrifft. So weit bin ich noch nicht, aber ich habe schon Angst, dass das Pulver bereits auf den ersten Seiten verschossen wurde und jemand aufgepasst hat, dass die Vorschau gut lesbar ist. Ist mir schon öfter passiert, dass die Vorschau zu verheissungsvoll war.

  10. Pingback: Aus der Recyclingwerkstatt – Kleidung | Suschna

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