Mal wieder Falschmeldungen – Hoaxsammlung III

Curious PhotoFoto-Trick, ca 1880

Hier kommt meine jährliche Sammlung von Falschmeldungen. Anders als gedacht, hat sich das Thema für mich nicht durch Gewöhnung erledigt. Gerade ist es mir  wieder passiert, ich bin reingefallen: Die Schriftstellerin Sibylle Berg teilt eine freche Antwort des Tesla-Unternehmers Elon Musk gegenüber Trump, ich lese das, denke, wooow, zeige es meinem Mann, wir lachen beide frohlockend. Endlich mal ein Wirtschaftsboss, der Trump die Stirn bietet! denken wir.

Aber nix da, hätte ich nur kurz auf die Antworten gleich unter dem Tweet geschaut, hätte ich gesehen: Das war nur ein Fake, in Wirklichkeit hat Elon Musk sich brav beim Präsidenten bedankt. Ich ärgere mich sehr, dass ich nicht wachsam war. Schließlich sammle ich hier doch regelmäßig Falschmeldungen und sollte es besser wissen. (2016: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung und 2017: Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II.)

Zur (Eigen-)Sensibilisierung hier also eine neue Ladung gefälschte oder irreführende Mitteilungen, die im Netz dennoch tausendfach geteilt wurden. (Hoffentlich erscheinen die eingebetteten Tweets bei euch, manchmal streikt da die Technik).

1.

Eine teure Kosmetikmarke hat fast nur helle Hauttöne im Angebot? Wie diskriminierend!?

Nein, Estée Lauder New Zealand gibt es gar nicht, die Werbung ist gefälscht. Gefälscht mit dem Ziel, gegen die Kosmetikmarke Stimmung zu machen.

2.

Alles mit Islam verursacht Aufregung, zur Not muss man einen Gesichtsschleier mit Photoshop hinzufügen.

3.

Alles mit Nazi geht auch immer gut. Coca Cola ein Sponsor der Spiele 1936?

Natürlich ist das kein Sponsorenposter von Coca-Cola, das erkennt man schon an dem fehlenden Umlaut. Aber auch das runde R-Trademarkzeichen gab es in den 1930er Jahren noch gar nicht, der Schriftzug passt auch nicht. Das Poster ist in Wirklichkeit viel neuer, wurde bei einer Kunstaktion fabriziert und dann von den Pseudo-Geschichtsaccounts missbraucht.

4.

Apell beim Bund Deutscher Mädels mit Sex-Appeal?

Ach nein. Das ist nur eine Filmszene, aus dem Kriegsfilm Blitzmädels an die Front von 1958.

5.

Zeigt dieses Foto einen echten Hörsaal, in dem gerade Sexualkunde unterrichtet wird?

Nein! Die Szene stammt aus dem Film The Wild Party von 1929.

6.

Und dieses Foto einer angeblichen Flucht über die Berliner Grenze?

Stammt in Wirklichkeit aus dem Film OGGI A BERLINO von 1962, links kauert die Schauspielerin Nana Osten.

7.

Ein Foto aus dem Zweiten Weltkrieg?

Nein, gar nicht. Das Foto stammt von der sehr heutigen Vintage-Truppe The Spinnettes.

8.

Nochmal Krieg. Angeblich zeigt das Foto ein Fußballspiel zwischen Deutschen und Briten Weihnachten 1914.

Stimmt? Nein, obwohl diese Legende immer wieder geteilt wird. Auf dem Foto sind keine Deutschen zu sehen.

9.

Hart arbeitende Frauen in einer Baumwollmühle 1909?

Nein, noch schlimmer, das sind Kinder, kaputt von der Arbeit. Fotografiert im Auftrag der US-Regierung, um Kinderarbeit zu dokumentieren.

10.

Frauenthemen gehen immer gut.

Nur dass das Foto hier von 1962 ist und nicht irgendwelche Girls zeigt, sondern die sogenannten ENIAC-Frauen, die Pionierarbeit beim ersten elektronischen Universalcomputer leisteten.

11.

Eine siberische Rüstung zur Bärenjagd von 1800?

Das weiß keiner so genau, aber auf jeden Fall gehört der Anzug zu einer Wunderkammer-Ausstellung der Menil Collection in Texas. Woher das Schwarzweißfoto kommt, habe ich nicht herausgefunden, und das ist selten. Wie meist bei solchen Spurensuchen habe ich mich durch die Suchergebnisse für die Bild-Url bei Google-Bilder gewühlt. 2014 tauchte das Foto zuerst auf, aber mit dubioser Quelle. Mit Internetmöglichkeiten kommt man dann nicht weiter.

12.

Hier war wieder jemand mit Bildbearbeitung am Werk, um ein „seltenes Foto“ zu schaffen, ein angeblicher Kleidertausch von Bowie und Swinton.

Stimmt aber nicht, die Gesichter der beiden wurden einfach ausgetauscht, ein sogenannter Face Swap.

13.

Das Foto hier, tausendfach geteilt, ist in Wirklichkeit keine echte Motte, sondern ein Tier aus Nadelfilz:

14.

Das folgende Bild hatten wir hier schon einmal, es ist komplett falsch betitelt. Dennoch macht die angebliche Frauen-Gang weiterhin die Runde. Es gab, wie hier schon berichtet, gar keine Clockwork Oranges.

Unter diesem altbekannten Fake der Frauengang weisen viele Nutzer darauf hin, dass die Behauptung falsch ist – und viele antworten, dass ihnen das egal sei. Hauptsache, sagen sie, wir werden gut unterhalten. Ich finde das sehr interessant. Ein bisschen so wie bei der Bildzeitung, deren Leser meist auch wissen, dass sie die Artikel nicht so ganz glauben dürfen – aber den Aufreger dennoch gern miterleben.

Manche Falschmeldung sollen wohl auch absichtlich Widerspruch erzeugen, so schwachsinnig sind die Behauptungen. Das hier sollen zum Beispiel Menschenabdrücke sein, die Lava nach dem Vulkanausbruch in Pompeji hinterließ:

Natürlich ist das in Wirklichkeit eine chinesische Terrakotta-Armee.

Diese Konten haben 20tausend, 30tausen Follower – aber wer weiß, ob sie nicht gekauft sind? Zwischendurch nutzen sie ihre Populärität und posten kurz einen Tweet mit Werbung, damit verdienen sie ihr Geld (wie berichtet).

Es gibt aber auch Geschichtsaccounts, die seriös und dennoch unterhaltsam sind:

Fakenews, Falschmeldung hat es schon immer gegeben, schon immer wurde mit ihr Politik gemacht. Der MDR hat dazu eine Sendereihe gedreht, Wie Fake News Geschichte machten, in der solche historischen absichtlichen Beeinflussungen aufbereitet werden. Heute werden Falschmeldungen und Stimmungsmache zu politischen Zwecken in den sozialen Medien straff durchorganisiert. Mit einer Art Online-Kommentierarmee, falschen Konten, falsche Followern, Computerprogrammen, Bots,  die kommentieren und Meinungen beeinflussen.

Inzwischen können auch Laien mithilfe künstlicher Intelligenzen fremde Gesichter in Videos so hineinkopieren, dass man die Manipulation nicht bemerkt. „Menschen müssen aufhören, ihren Augen zu trauen“, schreibt die SZ, denn „nun muss jeder Videobeweis als potenziell gefälscht gelten“.
Und der Tweet mit der angeblich frechen Antwort an Trump? Der ist bis jetzt noch da, Sibylle Berg hat die Fälschung nicht richtig gestellt. Es ist ihr wohl egal. Wie gesagt, Hauptsache lustig.
Ich bin noch nicht so weit, aber vielleicht ja im nächsten Jahr: Dann glaube ich gar nichts mehr.
Bis dahin wieder Tipps, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

3 Kommentare

Angabe von Name, Email etc. sind freiwillig und zum Kommentieren nicht notwendig!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s