Gedenktag

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Draußen an der Schule sind die Flaggen heute auf Halbmast. Die meisten Schüler wissen nicht, warum. Mit dem Begriff Auschwitz können laut einer Umfrage 20 Prozent aller Deutschen unter Dreißig nichts anfangen.

Eva Fahidi, Auschwitz-Überlebende, sagt im Radio: „Es gibt nur ein einziges Ding auf der Erde, das wir nicht noch einmal haben können, wenn wir es verloren haben, das ist das Leben“. Sie sagt auch, es habe sie „entsetzlich erfreut“, dass man sie in den 1980er Jahren als Zeitzeugin wieder nach Deutschland eingeladen hat.

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Damals in den 1980er Jahren sitze ich im Büro der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt. Der freundliche ältere Rabbi zerrt an einem Stapel großer Papierbögen, ganz unten in einem Büroschrank, begraben unter anderen Akten und Unterlagen. Er legt die handbeschriebenen Blätter auf den Tisch. Es sind die Deportationslisten der bis 1945 abtransportierten Juden. Seit damals bin ich scheinbar die Erste, die hineinschauen will.

Ich bin Schülerin und recherchiere das Schicksal der jüdischen Familien in dem Ort, in dem ich lebe. In dem auch meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern schon gelebt haben. Die Älteren wissen noch ganz genau, welche Geschäfte jüdisch waren, wer wo gewohnt hat – irgendwann waren sie nicht mehr da. Wo sind sie geblieben? Die Jüngeren, die Generation meiner Eltern, sind erstaunt, dass sie sich diese Frage noch nicht gestellt haben. Auch mein Geschichtslehrer, bärtiger 68er, ist verwundert, als ich ihm meine Projektidee präsentiere. Selbstverständlich darf ich das für den Leistungskurs erforschen.  Ich habe Glück. Es ist noch nicht lange her, da galt das „schreckliche Mädchen“ in Passau als Nestbeschmutzerin, weil sie in der Vergangenheit herumstocherte.

Über Monate interviewe ich Zeitzeugen, schaue Fotoalben an, durchforste die Adressbücher und Akten im Staatsarchiv, suche auf dem jüdischen Friedhof. Internet, Computer, Digitalkameras gibt es noch lange nicht. Zum Schluss sitze ich im Büro des Rabbis vor den Deportationslisten. Es wird klar: Diejenigen, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten, sind alle tot. Bis auf eine Tochter, Rosa, sie hat das Lager überlebt. Später schreibe ihr in die USA, aber es kommt keine Antwort.

Der Rabbi hat andere Sorgen. Er fragt, ob ich nicht mitmachen möchte in der Gemeinde. Er braucht Nachwuchs.

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Was ich herausgefunden habe, schreibe ich mit der Schreibmaschine auf. Es erscheint noch ein Artikel in der Lokalzeitung, irgendwann richtet der AntifFa-Arbeitskreis einen Stadtrundgang zu dem Thema ein. Da bin ich längst weg. Andere nehmen sich der Sache an. Heute gibt es Stolpersteine und sogar ein Buch.

Und es gibt wieder Jugendliche, die lernen sollen, was damals geschehen ist. Dabei ist es inzwischen gar nicht mehr möglich, so wie zu meiner Schulzeit ins Detail zu gehen. Die Welt ist viel größer geworden, wir müssen so viel mehr Weltwissen beachten. Neue Länder, neue Fronten, neue Kriege, neue Verbrechen. In der Klasse meiner Tochter sitzen Kinder vieler Nationalitäten und vieler Religionen, Christen, Juden, Muslime. Jede Herkunft, jede Kultur hat ihre eigene Geschichte. Gerade sprechen sie viel über den Islam.

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Ich kann verstehen, wenn Jugendliche zwar vom Holocaust wissen aber mit dem Namen „Auschwitz“ nichts anfangen können und ich werfe das auch den Eltern und Lehrern nicht als Versagen vor. Für die ältere Generation ist das sicher schwer zu akzeptieren. Meine Tochter hat viel gelesen, wir haben geredet, Museen und Mahnmale besucht. Sie versteht das alles, aber es ist so unendlich weit weg und fremd, nicht real. So fern, wie einem die Zeit der Urgroßeltern eben ist. Wir haben damals alle „Nacht und Nebel“ in der Schule gesehen. Ich weiß nicht, ob dieser Film noch auf dem Lehrplan steht.

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Für mich bleibt das Thema emotional schwierig, gerade an Tagen wie heute. In den letzten Jahre bin ich regelmäßig zum Gleis 17 gegangen, einem Mahnmal hier in Berlin beim Bahnhof Grunewald, von wo damals viele Deportationen ausgingen.

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Über die Jahreszeiten habe ich dort Pflanzenteile gesammelt und sie aus Textilien nachgearbeitet.  Vielleicht blühte damals im Mai 1942 auch der Löwenzahn, vielleicht lagen schon im Herbst 1944 bunte Ahornblätter auf den nassen Gleisen.

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Daraus ist eine Installation geworden, die ich im letzten Jahr dann ausgestellt habe.  Die Jahre vorher sind in Internetnotizen festgehalten: What Remains. Meine Gefühle zu der Aktion bleiben ambivalent. Darf ich das überhaupt?

Konservieren hat etwas Unbarmherziges. Vielleicht ist auch das große Vergessen nichts als ein würdevolles Aufheben, wo sonst grausames Aufbewahren stattfindet.
K. Hagena

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Bei meiner Tochter in der Schule lesen sie gerade „Krieg: Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller. Ein kleines Büchlein, in dem die Kinder sich vorstellen können, sie seien im eigenen Land verfolgt. Deutschland ist eine faschistische Diktatur, Europa im Krieg. Sie müssen versuchen, sich in eine fremde Kultur zu retten, in der sie nicht willkommen sind. Ein sehr gutes kleine Buch, das ich allen Jugendlichen und Eltern empfehlen kann. Es hilft im Moment vielleicht mehr dafür dass „so etwas“ nicht noch einmal passieren kann, als zusätzliche Geschichtsstunden.  In der Sporthalle neben der Schule mit den Halbmast-Flaggen sind seit Dezember 200 Flüchtlinge untergebracht. Das gutbürgerliche Wohngebiet drumherum hat alle willkomen geheißen, der betreuende ASB war von der Hilfsbereitschaft der Anwohner überwältigt.

P.S.
Heute abend werde ich mir im Radio das Gedenkkonzert aus der Philharmonie anhören, in dem auch Geigen der Ermordeten erklingen werden. Die Hoffnung:

Wenn ihr Klang überlebt, sind auch die Seelen derjenigen nicht vergessen, die sie einst gespielt haben.

 

7 Kommentare

  1. Dein Post macht mich sehr nachdenklich.
    Den Kindern das alles nahe zu bringen finde ich eine echte Herausforderung. Zuerst behütet man sie und mutet ihnen nicht zuviel zu. Und irgendwann sollen sie natürlich über all das Bescheid wissen. Man versucht ihnen Dinge zu erklären, die man selbst kaum versteht.

    Danke für die Buch- und Filmtipps!
    Gruß, Birgit

    • Liebe Birgit, „Nacht und Nebel“ ist ein ganz schwer auszuhaltender Film mit Dokumentaraufnahmen aus den KZs. Musstet ihr den nicht in der Schule sehen? Auch bei meinem Mann wurde er damals in Frankreich in der Schule gezeigt.

  2. wobei das würdevolles aufheben doch immer dem grausamen aufbewahren vorzuziehen ist. darum geht es doch, um die würde – die hoffentlich , nein, ich bin mir sicher, im klang der geigen zu hören ist .
    danke für deinen text.
    susa

  3. vielen dank für diese worte und bilder. ich habe gestern so viel gehört und gesehen, alles hat meine immerwährende fassungslosigkeit vertieft. es geht um würde, ja. der gedanke des grausamen konservierens hat viel wahres. die haarberge in auschwitz sind grausam. aber nicht dadurch, dass sie konserviert sind, sondern dadurch dass sie sind. sie geben den gemordeten aber nicht ihre würde wieder. das erklingen der geigen hingegen gibt ihnen stimme. das ist wenn auch nicht tröstend, doch eine form von fassung in dem moment des klanges. würdiger geht es vielleicht nicht. oder nur so, dass man hilft, ähnliches in aller zukunft zu verhindern.
    viele grüße
    lisa

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