Meldung aus dem Ehrenamt

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Pilau-Reis als Dank, Flüchtlinge kochen für die Ehrenamtlichen

Seit Tagen bastelte ich nun an diesem Beitrag herum. Nach über einem Jahr Nähraum in der Flüchtlingshilfe wollte ich eine Zwischenbilanz ziehen, von Erfahrungen berichten und Ratschläge austauschen. Aber, es ist schwer. Bisherige Gespräche zeigen mir, dass momentan kein Platz ist für differenzierte Berichterstattung. Egal welche Seite, ob die mit Wutbürgerpotential oder die eher links-moralisch positionierte, sie hören mir nicht wirklich zu. Ich kann alle Reaktionen inzwischen wie ein Bullshit-Bingo im Schlaf aufsagen.

„Ihr wurdet beklaut? Unverschämt, wie kommen die dazu, wussten wir doch, das klappt nicht, passen nicht zu uns, schnellstmöglichst zurück…“

„Ihr wurdet beklaut? Das muss man verstehen, die waren so lange auf der Flucht, da ist das lebensnotwendig, das darf man nicht so eng sehen, wir haben doch genug…“.

Dieses Pingpong kann ich lustig weitermachen, gern auch zum Thema Rolle der Frau, Deutschlernen, Integrationswille, Anspruchshaltung usw.   Positive Erfahrung werden je nach eigenem Weltbild geglaubt oder heruntergespielt, mit den negativen ist es ebenso. Danach ist keiner einen Schritt weiter. Also plaudere ich nicht aus dem Nähkästchen (wie erfreulicherweise die Runde in diesem Zeit-Artikel ), rede nur allgemein.

Wenn ich eins im letzten Jahr gelernt habe, dann das: Wer Gutes tun will, muss ein wehrhafter Gutmensch sein.  So wie ein strenger, aber gerechter Lehrer besser ist als einer, dessen weiches Herz die Schwachen nicht vor dem Missbrauch der Starken schützen kann. Ich habe ich gelernt, dass unlösbar scheinende Probleme lösbar werden, wenn genügend vernünftige Leute zusammen kommen und überlegen, wie es gehen könnte. Vielleicht ist das sogar die beste Bilanz: Ich werde niemals vergessen, wie wir hier im Sommer 2015 aus unseren Kokons gekommen sind und angepackt haben, als die Not am größten war. Das war nur eine Email-Liste der Willigen, mehr brauchte es nicht. Wir sind alle noch da, eine ganze Schläfer-Armee der Hilfsbereiten, auch wenn es im Moment nicht so aussieht.

klats

Viele Aufgaben sind inzwischen von bezahlten Stellen übernommen worden, der Helferkreis ist kleiner, dafür beständiger. Die zur Zeit aktiven Ehrenamtlichen sind fast nur Frauen, Frauen in den besten Jahren. Nachbarinnen, Rentnerinnen, Vollzeitmütter, Freiberufler, Arbeitssuchende – sie geben Sprachkurse, betreiben eine Kleiderkammer und einen Nähraum, hüten Kinder, vermitteln Sportvereine, Jobs und Wohnungen, organisieren Ausflüge, Möbel und Umzüge. Wir sind nicht jung und hip und nicht in den Medien. Aber wir sind zusammen ein bisschen wie die Frauentruppe im Tatort vom letzten Sonntag – lebenserfahren, schräg, entschlossen und weise, das mag ich sehr.

tatortard

Unser Engagement ersetzt keine bezahlten Stellen. Kein Arbeitsvertrag verpflichtet uns, wir können jederzeit aufhören – ich bin auch schon längere Zeit weggeblieben, als ich nicht mehr konnte. „Warum gehst du da hin?“ wurde ich schon oft gefragt. „Weil ich neugierig bin“ war meine spontane Antwort, „ich will wissen, was los ist“.

Ich weiß nach einem Jahr bloß ein kleines bisschen mehr, aber ich weiß auf jeden Fall mehr als die, die immer alles ganz genau wissen.

An meine Mitstreiterinnen geht jedenfalls ein

chapeau

deko7

Ja, auch wichtig, wie macht man den bunten Reis auf dem Foto?

Der Pilau/Pilaw-Reis war mit gegrilltem Gemüse vermischt und schmeckte hervorragend. Auf Youtube habe ich Al gefunden, der unter anderem auch zeigt, wie ein Teil der Reiskörner mit Lebensmittelfarbe eingefärbt werden.

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Nachtrag: Hier sammle ich mal weiter Fundstellen, die von Erfahrungen an der grauen Basis berichten:

Boris Palmer in der FAZ

Risse im Idyll, Spiegel

8 Gedanken zu “Meldung aus dem Ehrenamt

  1. Es gibt eben kein schwarz weiß! Wir haben eine bezaubernde junge Frau aus Afganistan eingestellt, die bei uns eine Ausbildung macht. Bisher klappt alles wunderbar! Natürlich gehören auch Probleme dazu das ist aber bei keinem anderen Auszubildenen anders. Im Moment überwiegen aber die Vorteile zu 100 % ! Wie sie das in Ihem Text formuliert haben spricht mir aus der Seele! Danke!

    • Ja, so eine haben wir auch. Sie kann schon super deutsch, super schneidern – aber ob sie bleiben darf? Ihr Fluchtgrund ist „nur“ eine drohende Zwangsheirat. Sie wäre eine Bereicherung für unser Land, bloß geht es danach ja leider nicht. Toll, dass es bei Ihnen klappt.

  2. So auf den Punkt gebracht Dein Bericht! Ja es ist eine tolle Gruppe und es ist so schön unter Gleichgesinnten zu sein, wir haben keine Vorurteile, wir freuen uns helfen zu können und auch wenn manche Erfolge nur ganz klein sind, ist es wunderschön diese mitzuerleben. Wir erleben welches Potenzial in vielen dieser Frauen steckt. Oft macht es uns traurig wenn wir von den Schicksalen hören, jedoch zu sehen wie sich diese Frauen langsam öffnen und zumindest bei uns scheinen sie sich wohl zu fühlen, das macht so glücklich.

  3. Wie viel zwischen Deinen Zeilen steckt. Danke dafür. Es berührt mich sehr, zu erfahren, dass es noch andere Menschen gibt, die die Zwischentöne wahrnehmen, offen und mutig dafür sind.
    Alles Liebe, Doreen

  4. Danke für Deinen Bericht. Und für das, was Ihr da tut.
    Als ob es nicht normal ist, dass unter den Menschen immer solche und solche sind. Es ist genauso weltfremd zu denken, alle Geflüchteten seien Heilige, wie das Gegenteil zu behaupten.
    Gut und schlecht ist auf der ganzen Welt recht gleichmäßig verteilt.
    Und Sitten, Gebräuche und Menschenrecht haben sich in unserem Land in den letzten 50 Jahren erheblich geändert( wie Du in Deinen Geschichten ja so oft dokumentierst). Was also sollen Überheblichkeiten…
    Ich bin eine große Freundin von „Patenschaften“ ( wobei ich das Wort nicht so gerne mag, ich nenne es „gute Nachbarn“) Sprachen zu lernen braucht natürlich den Kurs für alle grammatikalischen Fragen, aber man lernt nirgendwo besser, schneller und lebensnaher als auf fröhlichen Familien- oder Freundesfesten, -essen, -diskussionen, -alltag. Und multipliziert ganz automatisch Leute, die mit nach Wohnung oder Praktikumsplatz gucken. Und immer sitzt auch mal ein „Skeptiker“ mit am Tisch und lacht irgendwann mit. Es bräuchte nur jeden 80sten unserer Landsleute als guten Nachbarn ….Eigentlich lächerlich, oder? Aber wem erzähl ich das…:-)
    Lieben Lisagruß!

  5. Dass es der Wehrhaftigkeit in der Diskussion braucht, ist traurig.
    Auch von mir ein dickes Dankeschön an die vielen Menschen, die an so vielen Stellen beharrlich ehrenamtlich tätig sind und dieses Land damit für alle lebenswerter machen.
    Liebe Grüße, Bele

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