Bücher sind besser als Törtchen

Der Faden auf dem Foto soll eigentlich „Kauf“ buchstabieren. Seit Tagen prokrastiniere ich vor mich hin, weil mir schwerfällt, wozu mir alle raten: Nicht so bescheiden sein, die Bücher mehr promoten! Ostern! Pfingsten! Feste! Frühling! Geschenke! Jetzt ist die richtige Zeit, ja, das weiß auch Amazon. Das Geschenkpapier gibt es dort zur Zeit umsonst.

Was gibt es hier umsonst? Zum Beispiel Buchvorstellungen mit mir und Constanze, die genauen Termine folgen noch. Dafür habe ich Fotos gemacht – und festgestellt, dass die drei Bücher farblich harmonieren. Das war wirklich nicht abgesprochen, aber passt für die gemeinsame Präsentation nun um so besser.

Sieht so schön frühlingshaft aus wie der Blick heute in den Sonntagmorgen.  (Meine kleine Sammlung von Vintage-Nähutensilien erfreut mich auch, aber die zeige ich dann ein anderes Mal genauer).

Constanzes und meine erste gemeinsame Lesung fand noch im dunklen Berliner Februar statt. Zum Glück ist Ninas stimmungsvolles Nähkontor eine wunderbare Kulisse für Ausflüge in die textilen Welten der drei Bücher. Auf dem Tablett vor Constanze hat sie sehr interessante Brennproben inszeniert – es zeigte sich, dass man bei der Einschätzung eines Stoffmaterials, z.B. ob Seide oder Kunststoff, ganz schön danebenliegen kann.

©Ralf Steinle

Und wie läuft es so mit den Büchern? Constanzes Materiallexikon ist so beliebt, dass die erste Auflage schon nach drei Monaten vergriffen war – zum Glück ging es mit dem Nachdruck schnell, so dass ihr Werk nun wieder zu haben ist. Mit vereinten Kräften haben wir die neue Lieferung, Tausende Bücher, ein Berliner Treppenhaus hinaufgetragen. Eigentlich ist noch nicht so viel Zeit vergangen seit dem Beginn unserer verlegerischen Unternehmungen, mir kommt es aber schon wie eine Ewigkeit vor.  Wir haben so unglaublich viele Hürden genommen. Als ich vor ziemlich genau zwei Jahren noch ganz am Anfang stand mit der Buchidee, da hatte ich kaum eine Ahnung, wie viel Arbeit das ist. Diese Grafik verdeutlicht den Ablauf eigentlich sehr gut:

© Sylvia Duckworth

Falls ihr irgendetwas erreichen wollt – oder auch irgendjemandem etwas neidet – haltet euch diese Grafik vor Augen.

Trotz des bisherigen Erfolges scheint mir aber die letzte Hürde schwer zu nehmen: Die Bücher auch in die Auslagen der Buchhandlungen zu bekommen. Da sind die großen Verlage klar im Vorteil (und zahlen wohl auch für die besten Plätze). Meine beiden „Pralinenschachteln“ hatte ich ja extra so gestaltet, dass sie schön anzusehen sind und schön in der Hand liegen – das bringt natürlich nichts, wenn man sie sich nur digital anschauen kann. (Zumal z.B. bei Amazon die Farben ganz falsch sind – und alle meine Versuche, das zu korrigieren, dort ignoriert werden). Auf jeden Fall hat Amazon aber festgestellt, dass unsere Werke gern zusammen gekauft werden. Da wünsche ich Constanze noch ganz viel Umsätze, in der Hoffnung, dass ich dann auch hin und wieder mit im Einkaufskorb lande :)

Übrigens habe auch gar nichts dagegen, wenn ihr bei Amazon kauft, denn die Buchhandlungen sind nicht durchweg „die Guten“.  In der Vertriebsgeschichte meiner Bücher haben Buchhandlungen die schlechteste Zahlungsmoral, gerade bin ich kurz davor, meinen ersten Mahnbescheid zu schicken.

Haha, das nimmt ja einen guten Gang, mein Versuch der Bücherpromotion, ich soll doch postive Stimmung verbreiten.

Also nochmal anders: Diese drei sorgfältig erstellte Kostbarkeiten sind die perfekten Mitbringsel.

Sie sind günstiger als eine Ladung Törtchen einer Berliner Konditorei. Sie halten ewig und bieten statt (zugegeben leckerer) Kalorien ganz viel Unterhaltung und Gedankenfutter.

Also los, weitersagen und bestellen bei

Und wenn noch jemand Tipps hat, wie man „Gatekeeper“ am klügsten auf ganz besondere Indie-Bücher aufmerksam machen kann, dann gern her damit. (Anschreiben und Klinkenputzen scheinen bisher nicht so erfolgreich).

Ich bin auf dem Sprung zu Pulse of Europe, meinem sonntäglichen Ausflug gegen Populismus und Nationalismus. Wahrscheinlich gibt es die Demo auch in eurer Stadt, aber da fange ich nun nicht noch eine Promotion an.

Schönen sonnigen Tag noch, egal wo!

Das neue Buch ist da!

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Rechtzeitig zur Geschenkezeit ist nun angekommen, woran ich fast ein Jahr lang gearbeitet habe:

Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff

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400 Redensarten, in denen sich alles um Hemden und Hosen, Mützen und Mäntel, Taschen und Tücher dreht.
Von über der Hutschnur bis unter den Pantoffel, von der großen Robe bis zum letzten Hemd, Sprachbilder aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe sind allgegenwärtig und geben doch oft Rätsel auf. Wieso ist Jacke wie Hose? Wer nagt am Hungertuch und was haben Manschetten mit Muffensausen zu tun? Dieses Buch geht den Redensarten auf den Grund und schüttelt eine kleine Kulturgeschichte unserer Kleidungsstücke und textilen Gebrauchsgegenstände aus dem Ärmel.

Wie schon vor einem Jahr beim ersten Buch wartete ich mit Lucy von Nahtzugabe gespannt auf die Lieferung. Diesmal ging der sehnsüchtige Blick in eine graue und regnerische Herbstszenerie. Der Fahrer der Spedition sorgte für zusätzliches Herzklopfen, er hatte mit seinem 12,5 Tonner Anfahrtprobleme. Aber am Ende hat es doch geklappt, wir konnten wieder ein Palette Bücher ins Haus tragen.

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Und wieder bin ich froh und erleichtert, dass alles sehr schön geworden ist. Zum Petit Four für die Augen nun noch ein Macaron fürs Gemüt!

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Ein Buch für die ganze Familie, für alle Generationen, für Mode- und Handarbeitsbegeisterte, Sprachliebhaber, Geschichtsfans, Textilberufe.

Weitere Informationen findet ihr wieder auf einer Extraseite.  Dieses Mal bin ich für die Illustrationen im Buch selbst kreativ geworden und habe mich von historischen Versandkatalogen und Schnittmusterbüchern zu Collagen inspirieren lassen. Ihr werdet außerdem sehen, dass die Einträge konzentrierter gefasst sind als im ersten Band, denn sonst hätten die 400 Ausdrücke keinen Platz gefunden.

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Ich hoffe sehr, dass die Auflage diesmal nicht so schnell vergriffen ist. Ein Teil ist nun bereits weg durch den Großhandel – in eurer Buchhandlung solltet ihr dadurch eher bedient werden als im letzten Jahr.

Wenn ihr Lust habt, von der Autorin persönlich Post zu bekommen: Ich sitze hier gespannt parat und nehme eure Bestellungen gern persönlich per Email (info@textilegeschichten.net) entgegen. Bis zum Jahresende versende ich beide Bücher portofrei, ab 1.1.2017 gilt: Versandkosten innerhalb Deutschlands 1 Euro für Büchersendung (2-4 Werktage Laufzeit, in Ausnahmefällen länger), versandkostenfrei ab einer Bestellung von 2 Büchern (als Büchersendung).

Einzelheiten findet ihr unter Bestellinfo.  Ich signiere gern und verpacke alles auf Wunsch auch als Geschenk.

Danke Euch! Ob ihr hier mitlest, mich ermutigt, Bücher kauft oder empfehlt – Ihr sorgt dafür, dass dieses kleine Unternehmen trotz aller Widrigkeiten der Buchbranche weitergeht! (Und nicht nur bei mir, aber dazu hoffentlich in Kürze woanders mehr).

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Neues aus dem Kleinstverlag

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Verflixt und Zugenäht“ wird nicht allein bleiben – das Buch bekommt eine Schwester!  Es lag ja nahe, nach dem Erfolg des ersten Buches nun noch ALLE RESTLICHEN textilen Redewendungen aufzuschreiben und einen Band 2 herauszugeben. Noch mehr Faseriges in der Sprache? Ja selbstverständlich, mindestens 200 Ausdrücke habe ich gefunden. Alle aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe. Und weil der Buchhandel jetzt schon für den Herbst plant, musste ich ganz im Redewendungsmodus ‚Das Pferd von hinten aufzäumen‘ und ein Cover mit Kurztext kreieren für ein Buch, das noch lange nicht fertig geschrieben ist. So könnte das neue Werk aussehen:

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Und das könnte eine Kurzbeschreibung für „Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff“ sein:

200 Redensarten, in denen sich alles um Hemden und Hosen, Mützen und Mäntel, Taschen und Tücher dreht.
Von über der Hutschnur bis unter dem Pantoffel, von der großen Robe bis zum letzten Hemd, Sprachbilder aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe sind  allgegenwärtig und geben doch oft Rätsel auf. Wieso ist Jacke wie Hose?  Wer nagt am Hungertuch und was haben Manschetten mit Muffensausen zu tun? Dieses Buch geht den Redensarten auf den Grund und schüttelt eine kleine Kulturgeschichte unserer Kleidungsstücke und textilen Gebrauchsgegenstände aus dem Ärmel.

Das letzte Wort ist dazu noch nicht gesprochen und ich kann nun hier in die Runde fragen: Was denkt ihr? Passt zum Beispiel der Titel ‚Am Rockzipfel‘? Oder wäre so etwas wie ‚Rotes Tuch und Weiße Weste‘ besser? ‚Fracksausen & Handtuchwerfen‘?

Geratet ihr auch gleich in eine Wortspielhölle, wenn ihr anfangt, in textilen Redensarten zu denken?

Viele Buchtitel sind schon vergeben, wie zum Beispiel ‚Samt und Seide‘, ‚Jacke wie Hose‘ (kann sich noch jemand an Rita Mae Brown erinnern?), Kleider machen Leute (Gottfried Keller), Gut betucht, Aus dem Ärmel geschüttelt (Tucholsky), Fracksausen, Herz in der Hose, volle/tote/dicke Hose,  Alle meine Kleider, …

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Andere Neuigkeiten:

Für das Magazin Handmade Kultur schreibe ich eine Artikelserie zum Thema Textile Redewendungen. Die erste Folge ist gerade erschienen: Ohne Flachs!

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Ebenfalls ins Haus flatterte mir eine sehr nette Besprechung von „Verflixt und Zugenäht“ in der Schweizer Zeitschrift  Textil Forum Textile  Nr. 150 – 2/16:

Susanne Schnatmeyer … hat eine beeindruckende Zahl an Sprüchen zusammen getragen und leistet damit einen bisher fehlenden Beitrag zur Textilen Kulturgeschichte. In den elf Kapiteln findet man vergnüglich zu lesende Hintergründe bekannter und unbekannter Redensarten. …

Ein wunderhübsches Geschenkbüchlein, das man auch gut sich selber schenken kann!

Das mit dem „fehlenden Beitrag“ leisten hat mich besonders gefreut, denn das ist ja eigentlich der Sinne der Sache.

Außerdem danke ich Fashion-Twist für eine weitere Besprechung, die natürlich auch nicht ohne Wortspiele auskommen konnte:

Es ist ein schöner Effekt des Buches, dass man den aufgenommenen Faden gern noch weiterspinnen möchte.

 

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Mit dem Verkauf des ersten Buches läuft es weiterhin gut und ich freue mich, gegen Ende des Jahres hoffentlich das zweite anbieten zu können.

Fühlt sich komisch an, jetzt schon die Katze aus dem Sack zu lassen (ja, kommt im neuen Buch auch dran). Aber andererseits muss ich nun nichts geheim halten und habe die Möglichkeit, in den nächsten Monaten kniffelige Recherchen nach der Herkunft einer Redewendung hier im Blog zu präsentieren – und Feedback von eurer Seite zu bekommen.

Ansonsten noch ein schönes Wochenende! Komm lieber Mai und mache!

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Was ein Buch kostet

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Ein Buch drucken lassen und dann verkaufen? Darüber denken viele nach. Aber lohnt sich das? Hier meine Erfahrungen zu dem Thema. Heute geht es um die Gesamtkalkulation.

Buchkalkulation

Mein fiktives Beispiel bezieht sich auf ein Buch im Selbstverlag, mit ähnlicher Gestaltung wie „Verflixt und Zugenäht„:
Hardcover, ca. 150 Seiten, farbige Abbildungen, Auflage 1.000.

Die Grafik zeigt die Kostenverteilung in Euro bei einem Ladenpreis des Buches von 16 Euro (gesamt 16.000 Euro). Ganz grob und ohne Beachtung netto/brutto. Wohlgemerkt, das sind nicht meine Ausgaben, sondern geschätzte Zahlen. Zu den einzelnen Posten unten mehr.

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Wer verdient an den 16 Euro? Ich kann hier wirklich nur ganz pauschale Zahlen nennen, die ich mir zum Teil mangels eigener Kenntnis zusammengegoogelt habe.
1.
Druckerei – Egal ob die Auflage 500 oder mehr beträgt, die Druckkosten für ein Hardcover fangen bei 3.000 Euro an. Bei einer Auflage von 1.000 rechne ich hier mit 4 Euro pro Hardcover. (Große Unterschiede sind je nach Buchausstattung möglich. Anhaltspunkte gibt z.B. die Onlinekalkulation bei Laserline)
2.
Lektorat (2 – 8 Euro pro Normseite = 1500 Zeichen incl. Leerzeichen) und Korrektorat (1 – 5 Euro pro Normseite)
3.
Grafikbüro für Cover, Abbildungen und Layout (Covergestaltung 100 – 800 Euro, Stundensatz Grafiker ca. 50 – 120 Euro. Layout allein ab 500 Euro, Preisliste mit Anhaltspunkten dazu.) Dazu käme ggf. Honorar für Abbildungen, Fotos, Zeichnungen (Bildagentur, Fotografin oder Illustrator. Preise Fotografie ab 70 Euro pro Buchseite, Illustration ab 120 Euro. Im Einzelnen sicher sehr unterschiedlich.)
4.
Auslieferung, das heißt Lager, Auftragsannahme, Verpackung, Versand, Rechnungsstellung, Inkasso. Auslieferer berechnen dafür ab 10% des Buchpreises (Beispiel Fin Gadar), aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das für den Aufwand ungefähr angemessen ist.
5.
Handelsrabatte. Die Zwischenhändler, die das Buch an die Buchhandlungen liefern, behalten 50 % (wenn man mit so einem kleinen Projekt dort überhaupt aufgenommen wird). Will/muss man die Buchhandlungen direkt beliefern, ist ein Rabatt von 30% üblich und der eigene Aufwand steigt immens – dazu dann mehr in einem weiteren Beitrag.

Fällt etwas auf? Ja, es fehlt das Autorenhonorar. So ein Buch wie im Beispiel lässt sich zum Preis von 16 Euro nicht herstellen, wenn neben Handel, Auslieferung, Druckerei, Lektorat und Grafik noch jemand daran verdienen möchte.

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Wenn die Autorenschaft mit 10% des Buchpreises honoriert werden soll, dann müsste das Buch mindestens 20 Euro kosten. (Wieder nur eine ganz grobe Grafik, bitte nicht daran aufhängen).

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Was fehlt aber dann immer noch? Die Kosten für Marketing zum Beispiel, denn das schönste Buch nützt nichts, wenn niemand davon weiß. Viele kleine Posten fehlen außerdem, wie z.B. Freiexemplare für Rezensionen und Mitarbeiter oder die ISBN/VLB-Listung.
Ohnehin geht das alles nur auf, wenn alle Exemplare verkauft werden. Klappt das nicht, dann bleibt man auf einem Verlust sitzen. 20 Euro wären meiner Einschätzung nach für so ein Geschenkbuch zu viel, wahrscheinlich würde es sich schlecht verkaufen.
Es ist also kein Wunder, dass Autoren heute meist deutlich unter 10% des Nettopreises an einem Buch verdienen, denn die Marge für die Verlage ist viel zu gering. (Bei meinen Beispielen bliebe für einen Verlag ja ohnehin gar kein Gewinn über).

Für mich ist der Verkauf meines Buches zum Preis von 16 Euro nur deshalb möglich, weil ich Cover, Grafik, Layout und Auslieferung selbst übernommen habe und bei Lektorat/Korrektorat sehr freundschaftliche Abmachungen treffen konnte.

Fazit

Das ist alles ernüchternd, aber – was mich betrifft – ok, weil mir die ganze Sache bisher sehr viel Spaß macht. Schade ist, dass der größere Plan nicht aufgeht: Den Kuchen mit anderen zu teilen. Tolle Illustratoren zu beauftragen, das Layout von einer Grafikerin machen zu lassen und alle, auch das Lektorat, fair zu honorieren. Gar nicht zu denken ist an die Idee, Menschen mit Fachwissen als Autoren zu gewinnen und schöne Bildbände zur Textilhistorie zu gestalten. Oder ein gutes fremdsprachiges Buch übersetzen zu lassen. Das Honorar für die Übersetzung (in meinem Beispiel 2.000 – 3.000 Euro plus Beteiligung) und die Lizenz käme über die Verkäufe nicht wieder herein.

Was andere sagen

Mein Fazit deckt sich mit den Erfahrungen vieler anderer. Aus Verlagssicht drei hilfreiche Artikel zu dem Thema:

Berlin Story Verlag Was kostet ein Buch? mit einem sehr viel ausgefeilteren Tortendiagramm als bei mir.

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Verlag Voland&Quist Buchkalkulation – Was verdienen Autor und Verlag an Büchern? 

Zitat: „Eins unmissverständlich vorweg: Die Verlage verdienen sich nicht dumm und dusslig an Büchern, oder wenn, dann nur bei Megabestsellern mit mehreren 100.000 Stück Auflage, was bei 99,9% der produzierten Titel nicht zutrifft. „

Storyhouse Verlag beim Literaturcafé zu Kalkulation und verlegerisches Risiko

Zitat: „Die großen Publikumsverlage haben mit dieser Kalkulation wenig Probleme, trotz deutlich höherer Gemeinkosten. Diese Verlage gehen ein Projekt erst an, wenn mindestens 5.000 Exemplare relativ sicher absetzbar erscheinen.“

Die Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan hat schon 2012 in ihrem Blog über Geld geredet. „Ja, es gibt reiche Autoren. Das sind aber die Ausnahmen. Der große Rest hangelt sich mit Stipendien, Ehepartnern und/oder sogenannten Brotjobs durch. Und das hat nichts damit zu tun, dass das keine guten Autoren wären.“
In einem FAZ-Artikel wird bestätigt, dass kaum ein Autor vom Buchverkauf lebt: „Ein paar Zahlen zur Aufklärung: Ein belletristisches Werk, das sich dreitausend Mal verkauft, ist in Deutschland kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare sind ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit zwanzigtausend verkauften Büchern wird man bereits als „Bestsellerautor“ tituliert. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund 20 Euro liegt der Gesamtverdienst eines „normal“ erfolgreichen Autors also zwischen 6.000 und 40.000 Euro – vor Steuern.“

Der Verleger Joachim Unseld weist in einem Interview 2012 darauf hin, dass es abseits des Massengeschmacks ohne Subventionen nicht mehr geht:

Wir sind eigentlich auf dem Weg dahin, dass die Kulturverlage, wie ich sie nenne, wie die Theater sich nicht mehr selbst halten können werden. Die Renditen sind auf null; ich weiß gar nicht, ob es noch einen Verlag gibt, der wirklich Gewinne macht. Es gab immer die hauseigene Quersubventionierung der Verlage, dass man mit dem einen Unterhaltungsbestseller die literarischen Bücher bezahlt. Aber dadurch, dass diese absoluten Spitzentitel rar sind, funktioniert das auch nicht mehr. Andere Länder subventionieren bereits literarische Verlage und Buchhandlungen. In Amerika gibt es die Einrichtung der University Press. In Österreich bekommt jeder Kleinverlag noch seine 50.000 Euro im Jahr vom Staat. Frankreich hat seinen Verlagen die Digitalisierung seiner Backlist finanziert.

Für die Nische „Textile Kulturgeschichte“ sieht es also nicht so gut aus, was gedruckte Veröffentlichungen ohne Sponsoring angeht. Das ist aber nur ein Zwischenstand meines Buchexperiments und keinesfalls das Ende. Weitere Erfahrungen aus dem Selfpublishing in Kürze in einem zweiten Teil. Arbeitstitel: „Amazon ist nicht das Böse und die Buchhändler sind nicht die Guten“.

Wie immer gilt: Fragen, Berichte und Anregungen gern über die Kommentare!

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Ostergeschenk gefällig? Petit Four für die Augen!

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Frischware aus der Druckerei: Die 2. Auflage von Verflixt und Zugenäht liegt bereit.  Das „Petit Four für die Augen“, wie Freundin G. es nennt, ist nun wieder lieferbar.

Alle Infos dazu findet ihr unter Edition. Ein Kauf über Buchhandlungen sollte in Zukunft einfacher sein, denn das Buch ist nun auch bei den Barsortimentern gelistet.  Für Onlinebestellungen stehen der Machwerk-Shop und ich weiterhin jederzeit gern zur Verfügung.

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Zu meinen bisherigen Erfahrungen schreibe ich später noch einmal extra etwas. Auf jeden Fall hat kühles Durchrechnen dazu geführt, dass der Ladenpreis nun 16 Euro beträgt.

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Vor dem Druck dieser zweiten Auflage wollte ich natürlich gern eventuell notwendige Korrekturen berichtigen, aber es gab kaum etwas anzupassen. Dann, gefühlt Minuten nachdem ich unwiderruflich das OK für den Neudruck gegeben hatte, meldete sich mein Vater mit Korrekturvorschlägen. Unter anderem hatte er einen Rechtschreibfehler gefunden, den ich und jede Menge andere Korrekturleser komplett übersehen hatten. Da steht er nun für immer verewigt, und ich frage mich: Findet ihn noch jemand? Wenn man Bescheid weiß, ist er ziemlich offensichtlich.

Daher lobe ich für alle mit Spaß an Akribie einen Suchpreis aus: Wer findet die Textstelle? Tipp: Da fehlen zwei Buchstaben. Die erste richtige Meldung per Email/Kommentar bekommt ein Exemplar des Buchs umsonst zugesandt.

(Angehörige der Autorin können leider nicht mitwirken :)

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Schönes Wochenende!

Adventskalender Nr. 24 und ein paar Feiertagstipps

Heute öffnet sich das letzte Türchen zum Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.
(Für die anderen Türen aus dem Redensarten-Adventskalender siehe  Woche 1 und Woche 2 und Woche 3)

 

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Durch die Weihnachtstür blicken wir in einen Stall

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Wer weiß, ob Jesus nicht vielleicht schief gewickelt war? Das Wickeln (oder auch Fatschen) von Säuglingen war seit der Antike üblich und kam erst im 18. Jahrhundert langsam aus der Mode. Das feste Einbinden von Körper und Gliedmaßen des Kindes wurde damit begründet, der Körper sei noch weich und formbar und bedürfe daher festen Halts.

„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.

(Zitat von 1668, siehe den ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema).

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Wer als Baby nicht korrekt und gerade eingepackt war, der war auf das Leben schlecht vorbereitet und bekam Probleme – er war schief gewickelt.

Wie bei vielen Redensarten gibt es aber auch noch andere Erklärungen für den Ausdruck. Wenn zum Beispiel eine Garnrolle nicht gleichmäßig aufgespult = schief gewickelt ist, dann gibt es beim Abrollen Probleme.

Damit ist der Adventskalender zu Ende, der hoffentlich ein paar Schlaglichter in die 150 textilen Redewendungen meines Buches geworfen hat.

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Mit dem Erstdruck des Buches haben wir zum Jahresende fast eine Punktlandung geschafft. Es sind noch ein paar Restexemplare bei mir und ich werde die Zeit nutzen, über eine 2. Auflage nachzudenken. Bis dahin feiere ich Weihnachten, ganz traditionell im großen Familienkreis. Wir sind eine eingespielte Truppe und wissen das hier geschickt zu umschiffen:

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Wenn ihr ein bisschen flüchten müsst, hier vier Links zum Zeitvertreib

1.
Unbedingt empfehlenswerte Serie auf Arte

Die ersten Folgen sind nicht mehr lange online. (Wegen der Kleidungsfragen ist z.B. Seurats „Die Badenden in Asnières“ sehr interessant)

2.
Sehr amüsant: Die Webserie The Impossibilities, die man kostenlos ansehen kann (auf Englisch)

3.
Besonders geeignet wenn Kinder zugegen sind: Bei  Little Drummertoy  kann man sich seinen Weihnachtssound zusammenklicken

4.
Als Kontrast ein wunderbares Stück des Berliner Solistenchors, das auf einem Marienlied von 1400 beruht. Vor zwei Tagen habe ich mich auf einem Konzert des Chors schon weihnachtlich eingestimmt.

Bis dann, es war mir ein Vergnügen!

Redensarten – Adventskalender – Woche 3

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Bonusmaterial zu meinem Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

(Hier geht es zu  Woche 1 und Woche 2)

 

tag23

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Ist eine bessere Illustration des Wortes Umgarnen denkbar?

 

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Het spinnen, het scheren van de ketting, en het weven 1594-1596

Das Spinnen, das Schneiden der Kette und das Weben, ein Bild von Isaac Claesz. van Swanenburg aus dem Museum de Lakenhal im niederländischen Leiden. Das Bild ist Teil eines Zyklus, der die Wollverarbeitung zeigt. Allein schon in diesem Gemälde sind die Ursprünge zahlreicher Redensarten vereint, zum Beispiel

anzetteln, verzetteln, den Bogen raus haben, gut in Schuss sein, Shuttle, nach Strich und Faden, kungeln, Klüngel, Spinner, spindeldürr, verhaspeln, alter Knacker…

Wenn man das Bild heranzoomt, finden sich viele interessante Details textiler Techniken, die bis heute ihre Spuren in der Sprache hinterlassen haben.

kungeleiBerlinerMoPo 19.12.15

 

tag21

kanal
Mit welcher Redensart diese Frau zu tun hat, das wissen aufmerksame Buchleser:

Leine ziehen
Dieser Ausdruck kommt wahrscheinlich aus dem Lastenziehen in der Schifffahrt. Früher wurden Transportkähne auf Flüssen vom Ufer aus mit Menschenkraft vorwärts gezogen. Männer und Frauen schleppten das Boot an einem Seil, das sie meist um den Oberkörper gebunden hatten, gegen den Strom. Diese Fortbewegungsart wurde Treideln genannt. Der Treidelpfad am Fluss entlang hieß auch Leinpfad. Rief man »Zieh Leine!«, musste der Leinenzieher sich auf den Weg machen und das Schiff stromaufwärts ziehen. (S. 116)

 

tag20

Der rote Faden

redthread

Der rote Faden als Leitmotiv hat seinen Ursprung nicht nur im Faden der Ariadne, der durch ein Labyrinth führt. Goethe dachte in „Die Wahlverwandtschaften“ eher an das Tauwerk der britischen Marine, das als Erkennungszeichen einen roten Faden eingearbeitet hatte:

Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.

Seither ist das Bild des roten Faden als Grundthema nicht nur im Deutschen, sondern u.a. auch im Niederländischen, Französischen und Schwedischen bekannt. Dafür fehlt in der englischen Sprache ein red thread – stattdessen kann man dort aber leitmotif sagen.

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Die beiden Wollbündel sind übrigens aus  einem Musterbuch,  in dem Mottenlarven mit eingescannt wurden. (Oder ist das hier ein anderes Insekt?)

 

tag19

Am Gängelband
Wer am Gängelband hängt, oder wer gegängelt wird, über den wird bestimmt. Das Gängelband war früher eine Art Laufgeschirr für Kinder. Auf vielen früheren Kinderbildnissen sieht man Kleinkinder, an deren Kleidung unterhalb der Arme lange Stoffbänder befestigt sind, die von der Amme oder den Eltern gehalten werden.
Rembrandt Sheet of Studies, with a Woman Teaching a Child to WalkRembrandt, 1646

(Auf der Zeichnung wird das Kind nicht nur am Gängelband geführt, es trägt auch einen Fallhut, der es vor Stoßverletzungen am Kopf bewahren soll).

tag18

Ruhm der Nadel

„Der Faden verdankt seinen Ruhm der Nadel.“

„Eine Nadel kann einen Schneider ernähren.“

„Wenn eine Nadel die andere sticht, so nähen sie nicht.“

 

CPcX0KvXAAEFzGt.jpg large(Die Anzeige preist leicht einzufädelnde Spezialnadeln für Junggesellen, Blinde, Im-Dunkeln-Näher, Seeleute… )

 

tag17

Weil ich mich etwas verzettelt* habe, schiebe ich dieses hübsche Bild aus einer Handschrift um 1460/70  ein:

Ein Mann ist einer Frau ins Netz gegangen!

welchsergastQuelle UB Heidelberg, CC-BY-SA 3.0 DE

*verzetteln fehlt im Buch – es hätte zum Eintrag „Etwas anzetteln“ gehört. Wie das anzetteln kommt auch das verzetteln in der Webersprache vor.  Grob gesagt: Wenn es mit dem Zettel, den Längsfäden beim Weben, Probleme gab, dann hatte man sich verzettelt. Die Ursprungsform verzetten bedeutete ausbreiten, verbreiten, etwas verlieren. (Kann man schön im Wörterbuch der Brüder Grimm nachlesen, eine meiner Lieblingsquellen).

 

tag16

Verheddern – noch ein Wort aus der Flachsverarbeitung.

Hede hießen die kurzen, wirren Fasern, die in der Hechel nach dem Durchziehen der Büschel zurückblieben. Hede wurde vor allem als Dämm- und Dichtungsmaterial benutzt. 1778 wird sogar berichtet, der Flachs werde für künstliche Haarknoten verkauft: »Ist es Ihnen unbekannt geblieben, dass jährlich über hundert Centner Hede zu Chignons verbraucht werden?*«

chignon

Von der Hede, die unordentlich und durchei­nander in der Hechel zurückbleibt, kommt verheddern im Sinne von verwirrt sein. Wenn man sich im Text verheddert, so hat man den Faden verloren im Gewirr der Worte.

 

tag15

gemeinsamstricken

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In einigen Tagen erhalten die Flüchtlingsinitiativen unseres Bezirks einen Integrationspreis. Statt großer Reden gibt es bei der Preisverleihung Fotos aus den Gruppen, verbunden mit einem „Gemeinsam…“-Spruch. Unser Nähatelier im Flüchtlingsheim ist jetzt seit zwei Monaten regelmäßig geöffnet.  Wir sind neben dem praktischen Angebot der Kleidungsherstellung und -reparatur auch ein bisschen eine Anlaufstelle für Frauen geworden, die sonst ihre Zimmer nicht verlassen würden.  So zeigen wir nicht nur, wie die Nähmaschinen funktionieren und wie man strickt, wir üben auch gemeinsam Deutsch und beschäftigen die Kinder.

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Wer nicht glauben will, dass Helfer weiterhin helfen: Die Zeit hatte eine Onlineumfrage gestartet, „Wir schaffen das, immer noch„.

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Nachtrag
Hier ein paar Links zu Berichten von Handarbeitsaktionen in Flüchtlingsunterkünften:
Karlsruhe Nähen-Stricken-Häkel Nachmittag in der Flüchtlingsunterkunft
Berlin  Ablauf einen Nähnachmittags – Nähen und Basteln mit Flüchtlingen
Berlin regelmäßiger Stricktreff -Stricken im KunstAsyl
Oberhavel Frauencafé im Begegnungshaus

Wer hat noch Links?

 

Redensarten – Adventskalender – Woche 2

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

(Für Woche 1 hier klicken)

 

tag14

Nautischer Knoten. 

Der Knoten ist auch ein Geschwindigkeitsmaß in der Seefahrt. Wenn ein Schiff in einer Stunde eine Seemeile zurücklegt, dann ist es 1 Knoten schnell. Das entspricht in etwa 1,8 Kilometer in der Stunde.
Der Name dieser nautischen Einheit kommt tatsächlich daher, dass für die Messung ein Seil notwendig war, in das in regelmäßigen Abständen Knoten geknüpft waren. Der für die Messung zuständige Seemann an Bord warf das am Ende mit einem Holzstück beschwerte Seil ins Wasser und zählte die Knoten, die durch seine Hand glitten, während eine Sanduhr lief. Je schneller das Holzstück mit dem Seil im Wasser abtrieb, desto mehr Knoten liefen durch die Hand, desto schneller fuhr das Schiff. (Auszug S. 109)

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Logscheit mit Leine, Logglas (Sanduhr) und Logrolle. Auf der Rolle ist einer der Knoten erkennbar.

© Rémi Kaupp, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

tag13

„Mit nur einer Hand lässt sich kein Knoten knüpfen.“
Russisches Sprichwort

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„Durchschneide nie, was du auch aufknoten kannst.“
Portugiesisches Sprichwort

(Hört sich immer ganz schön an, wenn so ein Sprichwort einer Region zugeordnet wird. Das obere soll wahlweise auch aus der Mongolei stammen, das letzere ein Spruch des Franzosen Joseph Joubert sein.)

 

tag12

„Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Fusselbart.“  Sven Regener

Flausen, Flusen, Fusseln und Flausch sind sprachlich verwandt und meinen lose Fadenenden oder flockige Wolle. Wer Flausen im Kopf hat, dem fliegen also allerhand lose Dinge im Kopf herum.

In der Internetsprache wird ein Kuschelverhalten augenzwinkernd *flausch* genannt. Wer in sozialen Netzwerken Flausch weitergibt, der dankt, lobt, beglückwünscht oder will trösten.

 

 

tag11

zettel
Quelle Twitter

Etwas anzetteln – ein Ausdruck aus dem Weberhandwerk.

„Um ein Stück Stoff zu weben, müssen auf dem Webstuhl zunächst lange Fäden, die sogenannten Kettfäden, gespannt werden, durch die dann später quer hindurchgewebt wird. Diese Längsfäden werden Zettel genannt. Am Anfang einer Webarbeit steht also immer der Zettel, ohne diese gespannten Kettfäden kann das eigentlich Weben nicht beginnen. Wer etwas anzettelt, setzt damit die Startpunkte für eine Entwicklung.“  (Auszug S. 52)

 

tag10

Ins Garn gehen

Garn war früher ein anderes Wort für Netze, die beim Fischfang und in der Vogeljagd benutzt wurden.

„Es gab Fischgarn und Vogelgarn als Fangnetze. Mit Vogelgarn waren verschiedene Arten von Fallen gemeint, die vor allem für kleinere Vögel gedacht waren. Geht also jemand ins Garn, dann geht er in die Falle wie ein Vogel, der gefangen wird. Damit zusammen hängt auch die Redewendung jemandem auf den Leim kriechen. Eine Variante der Vogelfallen bestand aus einer mit Leim bestrichenen Rute, an der die Vögel hängen blieben. Die Vögel waren auf den Leim und damit auch ins Garn gegangen.“ (Auszug S. 101)

neuer orbis pictus 1832vogelgarnVogelfänger mit Vogelgarn – im Baum hängen auch noch Fallen. (Abbildung wieder aus Neuer Orbis Pictus – eine wunderbare Fundgrube)

 

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„Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen“
―Horace Mann

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Tyne & Wear Archives & Museums via Flickr

 

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Nun sind wir schon in der zweiten Woche und kehren zu den Schneidern auf ihren Tischen zurück. Inzwischen habe ich  im ersten Bilderlexikon für Kinder, dem Orbis Pictus (Die Welt in Bildern) eine Schneiderszene aus dem Jahr 1658 gefunden. Rechts neben dem Ofen wird zugeschnitten, und links auf dem runden Tisch wird genäht. Wie man sieht, gibt es dreibeinige Hocker, die am Tisch anlehnen. Ein Schneidersitz ist nicht nötig. Deutlich ist aber, dass der Stoff auf den Knien aufliegen soll.

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Auch hier kann etwas unter den Tisch fallen…

Unter den Tisch fallen

Der Ausdruck kommt aus dem Schneiderhandwerk. Früher brachten die Auftraggeber das Tuch, das sie vernäht haben wollten, selbst zum Schneider. Stoffe waren sehr teuer und es war wichtig, dass der Schneider mit dem Stoff des Auftraggebers sparsam umging und ihn nicht betrog. Der unredliche Schneider konnte versuchen, möglichst viele Reste für sich zu behalten. Unter seinem Arbeitstisch hatte er einen Behälter, in den er die Stoffreste warf. War dem Schneider viel unter den Tisch gefallen, so hatte er viel vom Stoff des Auftraggebers für sich selbst behalten. Der Kunde musste mit dem Schwund leben. (Auszug S. 83)

Nachtrag: Aus einer 200 Jahre späteren Version des Orbis Pictus (1832) noch eine Tischszene, die Nähgesellen sind ans Fenster gerückt, der Schneider nimmt Maß.neuer orbis pictus schneider1832

Redensarten – Adventskalender – Woche 1

Täglich bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

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Spinnrocken, Kunkel: Der Stab mit dem Bündel Rohfasern, aus dem der Faden gesponnen wird. Spinnen war meist Gemeinschaftsarbeit und wurde traditionell den Frauen zugeschrieben. Ein Spinnrocken in der Hand galt als weibliches Attribut.

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Von der Kunkel kommt das Kungeln

Wurde Wolle, Hanf oder Flachs um den Stab gedreht, der das abzuspinnende Material halten sollte, so hieß dieses Herumdrehen und -wickeln regional auch kunkeln. Kungeln bezieht sich also zum einen auf etwas Zusammengedrehtes. Zum anderen wurden auch die Gemeinschaften in den Spinnstuben danach benannt, sie hießen Kunkelgesellschaften. In einem Gedicht von 1821 klingt das vertrauliche Zusammensitzen beim Spinnen an: »Leis im Frauenkreise flüstert bei der Kunkel guter Rath.« Das Kungeln ist also auch das Ergebnis vom heimlichen Zusammentreffen in den Spinnstuben. (Auszug S. 20)

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santavia LNSW

Schönen Nikolaus-Sonntag wünsche ich! Und ich habe sogar einen Bezug zum Thema:

Der Nikolausmantel ist mit Pelz verbrämt. Verbrämung nennt man die Verzierung der Kanten eines Kleidungsstücks. Eine Jacke kann mit Fell verbrämt sein, ein Rocksaum mit einer Borte. Das Wort kommt vom frühniederdeutschen Brame für Rand oder auch Waldrand. Heute wird im übertragenen Sinne eine schlechte Nachricht verbrämt, indem man sie harmlos verpackt übermittelt. Sie wird derart verziert umschrieben, dass sich das Übel nicht direkt zeigt.

(Mein Buchlager ist übrigens schon arg dezimiert, ähnelt dem Vorrat auf dem Foto oben. Ich hoffe, die Menge reicht noch für alle Weihnachtswünsche. Danke für die Unterstützung!)

 

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„Der Scherz ist wie das Garn, das zerreißt, wenn es zu fein gesponnen wird.“
―Napoléon Bonaparte
Napoleon - 2

 

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Zwei junge Männer beim Flachshecheln. Das Bild macht deutlich, warum Flachsen bis heute in unserer Sprache im Sinne von spaßig Herumreden erhalten ist. Flachsgewinnung war Gemeinschaftsarbeit und ein langweiliger, gleichförmiger Prozess – bestens geeignet für Unterhaltungen. Seltsamerweise gehen die bisherigen Redewendungsbüchern immer davon aus, dass nur Frauen geflachst und gehechelt haben und schreiben die Redensarten schwatzhaften Frauen zu. Eine von vielen Klischeevorstellungen, die wir der Altherren-Geschichtsschreibung verdanken.

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Vor Beginn des Industriezeitalters spielte der Flachsanbau in Deutschland eine sehr große Rolle. Bis heute hat die Flachsverarbeitung Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen.  So sind zum Beispiel tadelnde Reden in Form von Rüffeln und Durchhecheln auf Arbeitsschritte bei der Fasergewinnung zurückzuführen. Mit den Werkzeugen Riffel und Hechel wurden die Flachsfasern gesäubert und gekämmt.

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Die spitzen Zinken der Hechel standen als Bild für scharfe Zungen, die sich über ein Thema austauschen. Schon im Simplicissimus aus dem 17.  Jahrhundert hört der Erzähler bei einer Hochzeit betagten Mütterlein zu, wie sie »allerlei Leut, Ledige und Verheiratete … durch die Hechel zogen« und über die Kleidung der Gäste tratschten.(Auszug S. 31)

riffelRiffel (trennt die Leinsamen ab)

Wie bei der Hechel, die zum tratschenden Durchhecheln führte, wurde aus der Riffel der Rüffel, mit dem jemand gerügt wird.

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„Schneider sind die klügsten Menschen, weil sie immer wieder von den Menschen Maß nehmen, statt sich auf die alten Angaben zu verlassen.“
―George Bernard Shaw

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Schneidersitz

schneidersitzvia NLI

Warum sitzen Schneider mit gekreuzten Beinen?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Wer im Schneidersitz arbeitet, braucht weniger Platz und kein zusätzliches Mobiliar. Der Stoff kann im Schoß zusammengefasst oder über die Knie ausgebreitet werden, so dass das Gewicht des Tuches nicht beim Nähen stört und die Gefahr geringer ist, mit Schmutz und Staub in Berührung zu kommen. Gerundete Partien wie Kragen oder Armausschnitte können über ein Knie geformt leichter bearbeitet werden.
Auf manchen Abbildungen sieht man Männer im Schneidersitz auch auf einer Tischplatte direkt am Fenster arbeiten. So waren sie besonders nah am Tageslicht und konnten die Nähte besser sehen. Frauen sitzen auf Abbildungen eher auf Stühlen. Der Schneidersitz war wohl weniger schicklich für sie. (Auszug S. 81)

Fallen euch noch andere Gründe ein? Auf dem Bild oben liegt das Tuch auf dem Boden und wird sicher schmutzig. Rechts am Ofen bügelt einer der Näher, auch auf den Dielen (und nah an der Kohle).

Pink ist nur eine Farbe

h tjtwitter, Uni-Pedell

Wie schon angekündigt, wollte ich noch etwas zur Farbe des inzwischen drei Wochen alten Buches sagen. Die Farbwahl war mir im Vorfeld von mehreren Seiten als riskant gemeldet worden: Das ist so gendermäßig! Das sollen doch nicht nur Frauen kaufen! Lillifee! Ich hatte mir aber in den Kopf gesetzt, das kirschrote Vorsatzpapier (das war die einzig akzeptable Farbe in der Auswahl) knallig zu ergänzen. Und ich mag pink-rot als Kontrast. Außerdem will ich nicht akzeptieren, dass die schöne Farbe darunter leiden muss, seit bloß mal ein paar Jahrzehnten Mädchen zugeschrieben zu sein.

vhhJunge in modischem Anzug, England, um 1640, (Ausschnitt, Quelle)

Eigentlich ist Pink, oder auch Rosa, eine ganz normale Farbe, die nie sonderlich mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Es gab eine Zeit, da wurden kleine Jungs gern in Rosa gekleidet. Rot war ein männliche Farbe (Blut, Macht, Luxus), und für Jungen war dann entsprechend ein Roséton passend.

n hmWillem II (Ausschnitt), van Dyck, 1641, Rijksmuseum

Federico Ubaldo della RovereFederico Ubaldo della Rovere von Ridolfi, 1662

trvbi8t(Ausschnitt, Baby-Sohn), Jan Mijtens, 1657, Rijksmuseum

Auch Marie Antoinettes Sohn Louis Charles, der letzte Dauphin, trug  Ende des 18. Jahrhunderts Rosa:

ng(Ausschnitt, Wiki)

Nach der französischen Revolution starb der Zehnjährige 1795  im Gefängnis. Von seiner Kleidung erhalten ist ein roséfarbenes Ensemble, um 1792, gezeigt bei Petites Mains.

1918 riet eine US-Publikation dazu, für Jungen Pink einzukaufen, denn das sei eine entschiedenere und stärkere Farbe als das Wischi-Waschi Hellblau:

The generally accepted rule is pink for the boys, and blue for the girls. The reason is that pink, being a more decided and stronger color, is more suitable for the boy, while blue, which is more delicate and dainty, is prettier for the girl

b nshvia

Wann kam dann die Vorstellung auf, Rosa sei etwas für Mädchen? Ungefähr zu der Zeit, in die diese Abbildung aus einer amerikanischen Zeitschrift gehört: In den 40er Jahren.

hz1941, McCall’s

Ziemlich klar, Rosa = Sie, und Blau = Er.

Wenn man die Geschichte dieser Geschlechtszuschreibung liest, dann scheint Pink irgendwie willkürlich auf die weibliche Seite geraten zu sein, es gibt keinen klaren Grund für die Entwicklung. Die Aufteilung in Blau/Junge und Rosa/Mädchen war auch lange noch nicht so festgeschrieben wie heute. Die Autorin des Buches Pink and Blue fand bei ihrer Recherche in Kaufhauskatalogen der USA der 1970er Jahre über lange Strecken gar keine Kleinkindausstattung in Rosa. Und ich kann aus meiner Kindheit in den 70er Jahren berichten, dass ich und meine Geschwister alle gleich angezogen waren, unabhängig vom Geschlecht.

Das Übel mit der geschlechtsspezifischen Produktzuschreibung begann wohl Mitte der 80er Jahre. Inzwischen haben sich viele Initiativen gebildet, die solche Rollenklischees kritisieren, in Deutschland ist Pinkstinks ein Beispiel. (Nachtrag: Ein deutsches Buch zum Thema ist Die Rosa-Hellblau Falle).

Erste Erfolge stellen sich ein. Firmen beginnen, geschlechtsneutrale Spielzeugkataloge herauszugeben oder Unisex-Kinderkleidung anzubieten. Kleine Jungs, die gern Rosa tragen wollen, und kleine Mädchen, die Pink nicht ausstehen können, die müssen im Moment aber noch so selbstbewusst sein wie der Junge in diesem Twitterfund:

Junge will rosa Socken.

Verkäuferin: „Die sind aber für Mädchen.“

Junge: „Ich dachte, Socken sind für Füße.“