Woher kommt „blau machen“ und „blau sein“? – Rätselhafte Redensarten II

Gerade ist die Berliner Polizei in den Schlagzeilen, weil sie ein bisschen zu viel gefeiert hat.

Als Strafe wurden die Hundertschaften vor ihrem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg wieder zurück nach Berlin geschickt. Manche mutmaßten, sie wollten „blaumachen“.

Blau machen, blau sein – wieso sagt man das?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Ausdruck hat nichts mit Blaufärben zu tun, auch wenn das oft erzählt wird. Blau machen hängt wahrscheinlich mit dem blauen Montag zusammen, der ganz früher zunächst ›guter Montag‹ hieß. Dieser gute Montag ist schon seit dem 14. Jahrhundert als freier Tag für die Handwerksgesellen belegt, später wird er dann auch blauer Montag genannt. Ein Handwerker durfte vier blaue, also freie Montage im Jahr haben – einen je Quartal (die waren übrigens hart erkämpft). Zum Hintergrund habe ich in „Am Rockzipfel“ geschrieben:

Warum dieser Montag blau genannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht spielen die Farben der verschiedenen Zeitabschnitte im Kirchenjahr eine Rolle. So hieß der Montag vor Beginn der Fastenzeit, der uns als Rosenmontag bekannt ist, lange Zeit blauer Montag. Andere Namen waren Fraßmontag oder Narrenkirchweih – schließlich wollte man sich vor Beginn der Fastenzeit noch einmal richtig gehen lassen. Der blaue Montag wurde dann zum Begriff für alle Tage, an denen man außer der Reihe feierte. »Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen« heißt es über ein Fest Ende des 19. Jahrhunderts. (Am Rockzipfel, S. 85)

Neben dieser Erklärung sehen manche auch noch eine Verbindung zum jiddischen Wort belo = „nichts, ohne“. Daraus könnte das Blaumachen als „Nichtstun“ entstanden sei.

Und wieso ist man blau, wenn man besoffen ist? Auch hier gibt es wieder mehrere mögliche Erklärungen, zum Beispiel wurde „er ist blau“ auch noch bis ins letzte Jahrhundert als „er ist dumm“ verstanden. Bei Schwindel hieß es früher „mir wird blau vor Augen“, heute ist daraus „schwarz vor Augen“ geworden.

Blau sein für ›betrunken sein‹ ist erst sehr viel später belegt als der blaue freie Tag der Gesellen. Es ist durchaus möglich, dass sich die jungen Männer vor ihren freien Tagen besonders betranken und prügelten – vielleicht sogar blau prügelten. Oder sie waren so hinüber, dass ihnen schummrig ›blau vor Augen‹ war. (Am Rockzipfel, S. 86)

 

Das Blaumachen und der blaue Montag haben also nicht viel mit Textilien zu tun, auch wenn eine populäre Erklärung eine Verbindung zu den Blaufärbern im Mittelalter sieht. Der beliebten Legende zufolge mussten die Gesellen der Blaufärber viel Alkohol trinken, weil für den Gärungsprozess der Farbstoffe Urin notwendig war. Außerdem sollen sie sich am Montag den ganzen Tag ausgeruht haben, um der Farbe Zeit zum Oxydieren, zum Blauwerden zu lassen.

Dyeing British Library Royal MS 15.E.iii, f. 269 14821482

Diese Erklärung wird aber von der Sprachforschung widerlegt. (Wer sich selbst ein Bild machen will, kann in dieser Dissertation stöbern: Etymologie der Farbworte.) Dass das mit dem Oxidieren so nicht stimmen kann weiß man aber auch, wenn man schon einmal selbst mit Indigo oder Färberwaid gefärbt hat. Der Farbton entwickelt sich schnell, wenn er mit Luft in Verbindung kommt. Warum sollte das Blaumachen außerdem ausgerechnet an einem Montag sein, warum mussten die Gesellen für eine große Menge Urin unbedingt Alkohol trinken? Mit ein bisschen Überlegung landet die populäre Geschichte vom Blaumachen der Blaufärber schnell im Bereich der Legende.

Dyers' Quarters, Kanda LACMA M.66.35.171857

Die Blaufärber haben übrigens auch nichts mit dem Wort einbläuen zu tun. Einbläuen kommt nicht von der Farbe, sondern vom althochdeutschen Wort blinwan im Sinne von ›wild gebärden, prügeln‹.

Damit haben wir den Kreis geschlossen zu den Berliner Hundertschaften. (Die im übrigen nach ihrer Rückkehr in die Heimat gar nicht blau machen konnten, sondern gleich wieder gefordert waren – wegen eines Stromausfalls in einem Stadtteil.)

 

Bücher sind besser als Törtchen

Der Faden auf dem Foto soll eigentlich „Kauf“ buchstabieren. Seit Tagen prokrastiniere ich vor mich hin, weil mir schwerfällt, wozu mir alle raten: Nicht so bescheiden sein, die Bücher mehr promoten! Ostern! Pfingsten! Feste! Frühling! Geschenke! Jetzt ist die richtige Zeit, ja, das weiß auch Amazon. Das Geschenkpapier gibt es dort zur Zeit umsonst.

Was gibt es hier umsonst? Zum Beispiel Buchvorstellungen mit mir und Constanze, die genauen Termine folgen noch. Dafür habe ich Fotos gemacht – und festgestellt, dass die drei Bücher farblich harmonieren. Das war wirklich nicht abgesprochen, aber passt für die gemeinsame Präsentation nun um so besser.

Sieht so schön frühlingshaft aus wie der Blick heute in den Sonntagmorgen.  (Meine kleine Sammlung von Vintage-Nähutensilien erfreut mich auch, aber die zeige ich dann ein anderes Mal genauer).

Constanzes und meine erste gemeinsame Lesung fand noch im dunklen Berliner Februar statt. Zum Glück ist Ninas stimmungsvolles Nähkontor eine wunderbare Kulisse für Ausflüge in die textilen Welten der drei Bücher. Auf dem Tablett vor Constanze hat sie sehr interessante Brennproben inszeniert – es zeigte sich, dass man bei der Einschätzung eines Stoffmaterials, z.B. ob Seide oder Kunststoff, ganz schön danebenliegen kann.

©Ralf Steinle

Und wie läuft es so mit den Büchern? Constanzes Materiallexikon ist so beliebt, dass die erste Auflage schon nach drei Monaten vergriffen war – zum Glück ging es mit dem Nachdruck schnell, so dass ihr Werk nun wieder zu haben ist. Mit vereinten Kräften haben wir die neue Lieferung, Tausende Bücher, ein Berliner Treppenhaus hinaufgetragen. Eigentlich ist noch nicht so viel Zeit vergangen seit dem Beginn unserer verlegerischen Unternehmungen, mir kommt es aber schon wie eine Ewigkeit vor.  Wir haben so unglaublich viele Hürden genommen. Als ich vor ziemlich genau zwei Jahren noch ganz am Anfang stand mit der Buchidee, da hatte ich kaum eine Ahnung, wie viel Arbeit das ist. Diese Grafik verdeutlicht den Ablauf eigentlich sehr gut:

© Sylvia Duckworth

Falls ihr irgendetwas erreichen wollt – oder auch irgendjemandem etwas neidet – haltet euch diese Grafik vor Augen.

Trotz des bisherigen Erfolges scheint mir aber die letzte Hürde schwer zu nehmen: Die Bücher auch in die Auslagen der Buchhandlungen zu bekommen. Da sind die großen Verlage klar im Vorteil (und zahlen wohl auch für die besten Plätze). Meine beiden „Pralinenschachteln“ hatte ich ja extra so gestaltet, dass sie schön anzusehen sind und schön in der Hand liegen – das bringt natürlich nichts, wenn man sie sich nur digital anschauen kann. (Zumal z.B. bei Amazon die Farben ganz falsch sind – und alle meine Versuche, das zu korrigieren, dort ignoriert werden). Auf jeden Fall hat Amazon aber festgestellt, dass unsere Werke gern zusammen gekauft werden. Da wünsche ich Constanze noch ganz viel Umsätze, in der Hoffnung, dass ich dann auch hin und wieder mit im Einkaufskorb lande :)

Übrigens habe auch gar nichts dagegen, wenn ihr bei Amazon kauft, denn die Buchhandlungen sind nicht durchweg „die Guten“.  In der Vertriebsgeschichte meiner Bücher haben Buchhandlungen die schlechteste Zahlungsmoral, gerade bin ich kurz davor, meinen ersten Mahnbescheid zu schicken.

Haha, das nimmt ja einen guten Gang, mein Versuch der Bücherpromotion, ich soll doch postive Stimmung verbreiten.

Also nochmal anders: Diese drei sorgfältig erstellte Kostbarkeiten sind die perfekten Mitbringsel.

Sie sind günstiger als eine Ladung Törtchen einer Berliner Konditorei. Sie halten ewig und bieten statt (zugegeben leckerer) Kalorien ganz viel Unterhaltung und Gedankenfutter.

Also los, weitersagen und bestellen bei

Und wenn noch jemand Tipps hat, wie man „Gatekeeper“ am klügsten auf ganz besondere Indie-Bücher aufmerksam machen kann, dann gern her damit. (Anschreiben und Klinkenputzen scheinen bisher nicht so erfolgreich).

Ich bin auf dem Sprung zu Pulse of Europe, meinem sonntäglichen Ausflug gegen Populismus und Nationalismus. Wahrscheinlich gibt es die Demo auch in eurer Stadt, aber da fange ich nun nicht noch eine Promotion an.

Schönen sonnigen Tag noch, egal wo!

Rätselhafte Redensarten – Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

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Nachdem ich euch Am Rockzipfel vorgestellt habe, will ich auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Bei der Recherche für das Buch hat mich immer wieder umgetrieben, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.

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Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung konnte ich aber nicht mit in mein Buch aufnehmen:

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab 1980 wirklich verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen. Mündlich schon früher, z.B. in einem Buch von 1950 als wörtliche Rede. 1976 ist die Wendung im Buch „Moderne deutsche Idiomatik“ gelistet). Gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

(aus: Am Rockzipfel, S. 116)

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

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1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

dsc01482Heinz mit Krücken

1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

Washing Line of Uniforms in Afghanistan MOD 45150637OGL

Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

kleider-desinfizieren

Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

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Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Das neue Buch ist da!

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Rechtzeitig zur Geschenkezeit ist nun angekommen, woran ich fast ein Jahr lang gearbeitet habe:

Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff

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400 Redensarten, in denen sich alles um Hemden und Hosen, Mützen und Mäntel, Taschen und Tücher dreht.
Von über der Hutschnur bis unter den Pantoffel, von der großen Robe bis zum letzten Hemd, Sprachbilder aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe sind allgegenwärtig und geben doch oft Rätsel auf. Wieso ist Jacke wie Hose? Wer nagt am Hungertuch und was haben Manschetten mit Muffensausen zu tun? Dieses Buch geht den Redensarten auf den Grund und schüttelt eine kleine Kulturgeschichte unserer Kleidungsstücke und textilen Gebrauchsgegenstände aus dem Ärmel.

Wie schon vor einem Jahr beim ersten Buch wartete ich mit Lucy von Nahtzugabe gespannt auf die Lieferung. Diesmal ging der sehnsüchtige Blick in eine graue und regnerische Herbstszenerie. Der Fahrer der Spedition sorgte für zusätzliches Herzklopfen, er hatte mit seinem 12,5 Tonner Anfahrtprobleme. Aber am Ende hat es doch geklappt, wir konnten wieder ein Palette Bücher ins Haus tragen.

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Und wieder bin ich froh und erleichtert, dass alles sehr schön geworden ist. Zum Petit Four für die Augen nun noch ein Macaron fürs Gemüt!

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Ein Buch für die ganze Familie, für alle Generationen, für Mode- und Handarbeitsbegeisterte, Sprachliebhaber, Geschichtsfans, Textilberufe.

Weitere Informationen findet ihr wieder auf einer Extraseite.  Dieses Mal bin ich für die Illustrationen im Buch selbst kreativ geworden und habe mich von historischen Versandkatalogen und Schnittmusterbüchern zu Collagen inspirieren lassen. Ihr werdet außerdem sehen, dass die Einträge konzentrierter gefasst sind als im ersten Band, denn sonst hätten die 400 Ausdrücke keinen Platz gefunden.

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Ich hoffe sehr, dass die Auflage diesmal nicht so schnell vergriffen ist. Ein Teil ist nun bereits weg durch den Großhandel – in eurer Buchhandlung solltet ihr dadurch eher bedient werden als im letzten Jahr.

Wenn ihr Lust habt, von der Autorin persönlich Post zu bekommen: Ich sitze hier gespannt parat und nehme eure Bestellungen gern persönlich per Email (info@textilegeschichten.net) entgegen. Bis zum Jahresende versende ich beide Bücher portofrei, ab 1.1.2017 gilt: Versandkosten innerhalb Deutschlands 1 Euro für Büchersendung (2-4 Werktage Laufzeit, in Ausnahmefällen länger), versandkostenfrei ab einer Bestellung von 2 Büchern (als Büchersendung).

Einzelheiten findet ihr unter Bestellinfo.  Ich signiere gern und verpacke alles auf Wunsch auch als Geschenk.

Danke Euch! Ob ihr hier mitlest, mich ermutigt, Bücher kauft oder empfehlt – Ihr sorgt dafür, dass dieses kleine Unternehmen trotz aller Widrigkeiten der Buchbranche weitergeht! (Und nicht nur bei mir, aber dazu hoffentlich in Kürze woanders mehr).

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Neues aus dem Kleinstverlag

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Verflixt und Zugenäht“ wird nicht allein bleiben – das Buch bekommt eine Schwester!  Es lag ja nahe, nach dem Erfolg des ersten Buches nun noch ALLE RESTLICHEN textilen Redewendungen aufzuschreiben und einen Band 2 herauszugeben. Noch mehr Faseriges in der Sprache? Ja selbstverständlich, mindestens 200 Ausdrücke habe ich gefunden. Alle aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe. Und weil der Buchhandel jetzt schon für den Herbst plant, musste ich ganz im Redewendungsmodus ‚Das Pferd von hinten aufzäumen‘ und ein Cover mit Kurztext kreieren für ein Buch, das noch lange nicht fertig geschrieben ist. So könnte das neue Werk aussehen:

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Und das könnte eine Kurzbeschreibung für „Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff“ sein:

200 Redensarten, in denen sich alles um Hemden und Hosen, Mützen und Mäntel, Taschen und Tücher dreht.
Von über der Hutschnur bis unter dem Pantoffel, von der großen Robe bis zum letzten Hemd, Sprachbilder aus dem Bereich der Kleidung und Stoffe sind  allgegenwärtig und geben doch oft Rätsel auf. Wieso ist Jacke wie Hose?  Wer nagt am Hungertuch und was haben Manschetten mit Muffensausen zu tun? Dieses Buch geht den Redensarten auf den Grund und schüttelt eine kleine Kulturgeschichte unserer Kleidungsstücke und textilen Gebrauchsgegenstände aus dem Ärmel.

Das letzte Wort ist dazu noch nicht gesprochen und ich kann nun hier in die Runde fragen: Was denkt ihr? Passt zum Beispiel der Titel ‚Am Rockzipfel‘? Oder wäre so etwas wie ‚Rotes Tuch und Weiße Weste‘ besser? ‚Fracksausen & Handtuchwerfen‘?

Geratet ihr auch gleich in eine Wortspielhölle, wenn ihr anfangt, in textilen Redensarten zu denken?

Viele Buchtitel sind schon vergeben, wie zum Beispiel ‚Samt und Seide‘, ‚Jacke wie Hose‘ (kann sich noch jemand an Rita Mae Brown erinnern?), Kleider machen Leute (Gottfried Keller), Gut betucht, Aus dem Ärmel geschüttelt (Tucholsky), Fracksausen, Herz in der Hose, volle/tote/dicke Hose,  Alle meine Kleider, …

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Andere Neuigkeiten:

Für das Magazin Handmade Kultur schreibe ich eine Artikelserie zum Thema Textile Redewendungen. Die erste Folge ist gerade erschienen: Ohne Flachs!

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Ebenfalls ins Haus flatterte mir eine sehr nette Besprechung von „Verflixt und Zugenäht“ in der Schweizer Zeitschrift  Textil Forum Textile  Nr. 150 – 2/16:

Susanne Schnatmeyer … hat eine beeindruckende Zahl an Sprüchen zusammen getragen und leistet damit einen bisher fehlenden Beitrag zur Textilen Kulturgeschichte. In den elf Kapiteln findet man vergnüglich zu lesende Hintergründe bekannter und unbekannter Redensarten. …

Ein wunderhübsches Geschenkbüchlein, das man auch gut sich selber schenken kann!

Das mit dem „fehlenden Beitrag“ leisten hat mich besonders gefreut, denn das ist ja eigentlich der Sinne der Sache.

Außerdem danke ich Fashion-Twist für eine weitere Besprechung, die natürlich auch nicht ohne Wortspiele auskommen konnte:

Es ist ein schöner Effekt des Buches, dass man den aufgenommenen Faden gern noch weiterspinnen möchte.

 

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Mit dem Verkauf des ersten Buches läuft es weiterhin gut und ich freue mich, gegen Ende des Jahres hoffentlich das zweite anbieten zu können.

Fühlt sich komisch an, jetzt schon die Katze aus dem Sack zu lassen (ja, kommt im neuen Buch auch dran). Aber andererseits muss ich nun nichts geheim halten und habe die Möglichkeit, in den nächsten Monaten kniffelige Recherchen nach der Herkunft einer Redewendung hier im Blog zu präsentieren – und Feedback von eurer Seite zu bekommen.

Ansonsten noch ein schönes Wochenende! Komm lieber Mai und mache!

lilyofthevalley

Was ein Buch kostet

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Ein Buch drucken lassen und dann verkaufen? Darüber denken viele nach. Aber lohnt sich das? Hier meine Erfahrungen zu dem Thema. Heute geht es um die Gesamtkalkulation.

Buchkalkulation

Mein fiktives Beispiel bezieht sich auf ein Buch im Selbstverlag, mit ähnlicher Gestaltung wie „Verflixt und Zugenäht„:
Hardcover, ca. 150 Seiten, farbige Abbildungen, Auflage 1.000.

Die Grafik zeigt die Kostenverteilung in Euro bei einem Ladenpreis des Buches von 16 Euro (gesamt 16.000 Euro). Ganz grob und ohne Beachtung netto/brutto. Wohlgemerkt, das sind nicht meine Ausgaben, sondern geschätzte Zahlen. Zu den einzelnen Posten unten mehr.

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Wer verdient an den 16 Euro? Ich kann hier wirklich nur ganz pauschale Zahlen nennen, die ich mir zum Teil mangels eigener Kenntnis zusammengegoogelt habe.
1.
Druckerei – Egal ob die Auflage 500 oder mehr beträgt, die Druckkosten für ein Hardcover fangen bei 3.000 Euro an. Bei einer Auflage von 1.000 rechne ich hier mit 4 Euro pro Hardcover. (Große Unterschiede sind je nach Buchausstattung möglich. Anhaltspunkte gibt z.B. die Onlinekalkulation bei Laserline)
2.
Lektorat (2 – 8 Euro pro Normseite = 1500 Zeichen incl. Leerzeichen) und Korrektorat (1 – 5 Euro pro Normseite)
3.
Grafikbüro für Cover, Abbildungen und Layout (Covergestaltung 100 – 800 Euro, Stundensatz Grafiker ca. 50 – 120 Euro. Layout allein ab 500 Euro, Preisliste mit Anhaltspunkten dazu.) Dazu käme ggf. Honorar für Abbildungen, Fotos, Zeichnungen (Bildagentur, Fotografin oder Illustrator. Preise Fotografie ab 70 Euro pro Buchseite, Illustration ab 120 Euro. Im Einzelnen sicher sehr unterschiedlich.)
4.
Auslieferung, das heißt Lager, Auftragsannahme, Verpackung, Versand, Rechnungsstellung, Inkasso. Auslieferer berechnen dafür ab 10% des Buchpreises (Beispiel Fin Gadar), aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das für den Aufwand ungefähr angemessen ist.
5.
Handelsrabatte. Die Zwischenhändler, die das Buch an die Buchhandlungen liefern, behalten 50 % (wenn man mit so einem kleinen Projekt dort überhaupt aufgenommen wird). Will/muss man die Buchhandlungen direkt beliefern, ist ein Rabatt von 30% üblich und der eigene Aufwand steigt immens – dazu dann mehr in einem weiteren Beitrag.

Fällt etwas auf? Ja, es fehlt das Autorenhonorar. So ein Buch wie im Beispiel lässt sich zum Preis von 16 Euro nicht herstellen, wenn neben Handel, Auslieferung, Druckerei, Lektorat und Grafik noch jemand daran verdienen möchte.

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Wenn die Autorenschaft mit 10% des Buchpreises honoriert werden soll, dann müsste das Buch mindestens 20 Euro kosten. (Wieder nur eine ganz grobe Grafik, bitte nicht daran aufhängen).

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Was fehlt aber dann immer noch? Die Kosten für Marketing zum Beispiel, denn das schönste Buch nützt nichts, wenn niemand davon weiß. Viele kleine Posten fehlen außerdem, wie z.B. Freiexemplare für Rezensionen und Mitarbeiter oder die ISBN/VLB-Listung.
Ohnehin geht das alles nur auf, wenn alle Exemplare verkauft werden. Klappt das nicht, dann bleibt man auf einem Verlust sitzen. 20 Euro wären meiner Einschätzung nach für so ein Geschenkbuch zu viel, wahrscheinlich würde es sich schlecht verkaufen.
Es ist also kein Wunder, dass Autoren heute meist deutlich unter 10% des Nettopreises an einem Buch verdienen, denn die Marge für die Verlage ist viel zu gering. (Bei meinen Beispielen bliebe für einen Verlag ja ohnehin gar kein Gewinn über).

Für mich ist der Verkauf meines Buches zum Preis von 16 Euro nur deshalb möglich, weil ich Cover, Grafik, Layout und Auslieferung selbst übernommen habe und bei Lektorat/Korrektorat sehr freundschaftliche Abmachungen treffen konnte.

Fazit

Das ist alles ernüchternd, aber – was mich betrifft – ok, weil mir die ganze Sache bisher sehr viel Spaß macht. Schade ist, dass der größere Plan nicht aufgeht: Den Kuchen mit anderen zu teilen. Tolle Illustratoren zu beauftragen, das Layout von einer Grafikerin machen zu lassen und alle, auch das Lektorat, fair zu honorieren. Gar nicht zu denken ist an die Idee, Menschen mit Fachwissen als Autoren zu gewinnen und schöne Bildbände zur Textilhistorie zu gestalten. Oder ein gutes fremdsprachiges Buch übersetzen zu lassen. Das Honorar für die Übersetzung (in meinem Beispiel 2.000 – 3.000 Euro plus Beteiligung) und die Lizenz käme über die Verkäufe nicht wieder herein.

Was andere sagen

Mein Fazit deckt sich mit den Erfahrungen vieler anderer. Aus Verlagssicht drei hilfreiche Artikel zu dem Thema:

Berlin Story Verlag Was kostet ein Buch? mit einem sehr viel ausgefeilteren Tortendiagramm als bei mir.

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Verlag Voland&Quist Buchkalkulation – Was verdienen Autor und Verlag an Büchern? 

Zitat: „Eins unmissverständlich vorweg: Die Verlage verdienen sich nicht dumm und dusslig an Büchern, oder wenn, dann nur bei Megabestsellern mit mehreren 100.000 Stück Auflage, was bei 99,9% der produzierten Titel nicht zutrifft. „

Storyhouse Verlag beim Literaturcafé zu Kalkulation und verlegerisches Risiko

Zitat: „Die großen Publikumsverlage haben mit dieser Kalkulation wenig Probleme, trotz deutlich höherer Gemeinkosten. Diese Verlage gehen ein Projekt erst an, wenn mindestens 5.000 Exemplare relativ sicher absetzbar erscheinen.“

Die Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan hat schon 2012 in ihrem Blog über Geld geredet. „Ja, es gibt reiche Autoren. Das sind aber die Ausnahmen. Der große Rest hangelt sich mit Stipendien, Ehepartnern und/oder sogenannten Brotjobs durch. Und das hat nichts damit zu tun, dass das keine guten Autoren wären.“
In einem FAZ-Artikel wird bestätigt, dass kaum ein Autor vom Buchverkauf lebt: „Ein paar Zahlen zur Aufklärung: Ein belletristisches Werk, das sich dreitausend Mal verkauft, ist in Deutschland kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare sind ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit zwanzigtausend verkauften Büchern wird man bereits als „Bestsellerautor“ tituliert. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund 20 Euro liegt der Gesamtverdienst eines „normal“ erfolgreichen Autors also zwischen 6.000 und 40.000 Euro – vor Steuern.“

Der Verleger Joachim Unseld weist in einem Interview 2012 darauf hin, dass es abseits des Massengeschmacks ohne Subventionen nicht mehr geht:

Wir sind eigentlich auf dem Weg dahin, dass die Kulturverlage, wie ich sie nenne, wie die Theater sich nicht mehr selbst halten können werden. Die Renditen sind auf null; ich weiß gar nicht, ob es noch einen Verlag gibt, der wirklich Gewinne macht. Es gab immer die hauseigene Quersubventionierung der Verlage, dass man mit dem einen Unterhaltungsbestseller die literarischen Bücher bezahlt. Aber dadurch, dass diese absoluten Spitzentitel rar sind, funktioniert das auch nicht mehr. Andere Länder subventionieren bereits literarische Verlage und Buchhandlungen. In Amerika gibt es die Einrichtung der University Press. In Österreich bekommt jeder Kleinverlag noch seine 50.000 Euro im Jahr vom Staat. Frankreich hat seinen Verlagen die Digitalisierung seiner Backlist finanziert.

Für die Nische „Textile Kulturgeschichte“ sieht es also nicht so gut aus, was gedruckte Veröffentlichungen ohne Sponsoring angeht. Das ist aber nur ein Zwischenstand meines Buchexperiments und keinesfalls das Ende. Weitere Erfahrungen aus dem Selfpublishing in Kürze in einem zweiten Teil. Arbeitstitel: „Amazon ist nicht das Böse und die Buchhändler sind nicht die Guten“.

Wie immer gilt: Fragen, Berichte und Anregungen gern über die Kommentare!

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