Redensarten – Adventskalender – Woche 3

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24 Tage Bonusmaterial zu den Büchern

Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff
Verflixt und Zugenäht – Textile Redensarten gesammelt und erklärt

(Für Woche 1 hier und für Woche 2 hier klicken)

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Auf großem Fuß leben

Wer auf großem Fuße lebt, der gibt viel Geld für Luxus aus. Im Mittelalter war es ab 1350 Mode, Schuhe mit langgezogenen Spitzen zu tragen. Natürlich eigneten sich solche unvernünftigen Schnabelschuhe nur für den gehobenen Stand, der nicht viel laufen und nicht im Feld arbeiten musste. Dem modischen Vorbild eiferten andere nach, weshalb bald Kleiderordnungen festlegten, wie lang ein Schuh in der Spitze sein durfte. Je reicher und höhergestellter der Träger war, desto größer der erlaubte Schuh. Er lebte ›auf großem Fuß‹.

Als die Mode der Schnabelschuhe wieder vorbei war, setzten Adelige sich weiterhin mit besonderen Schuhen vom Volk ab. Nur sie durften hohe Absätze tragen, die als Statuszeichen zusätzlich rot gefärbt waren. Einfache Bürger liefen dagegen auf flachen Schuhe, weshalb sie mit dem Adel nicht auf gleichem Fuß verkehren konnten. Sie standen nicht auf derselben Gesellschaftsstufe.

(Aus: Am Rockzipfel)

poulainesSchnabelschuhe, Ende 14. Jahrhundert

 

Samstags-Blödeleien

 

Aus dem Kapitel „Starke Gewebe“ in Am Rockzipfel:

Fisimatenten

»Mach keine Fisimatenten« sagen wir und meinen damit ›mach keine Umstände‹. Eine beliebte Erklärung sieht einen Zusammenhang mit den Zeltlagern zu Zeiten der französischen Besatzung in Deutschland um 1800. Wenn ein französischer Soldat ein Mädchen aufforderte, sein Zelt zu besuchen – visitez ma tente, dann soll sie geantwortet haben: »Nee, ich mache keine Fisematenten.« Für diese Anekdote hat die Sprachforschung aber nicht viel übrig, sie sucht nach anderen Erklärungen. Eine Spur kommt aus der lateinischen Sprache der Kanzleien, in der ordnungsgemäß geprüfte Patente visae patentes hießen. Nervige bürokratische Hürden könnten so zu Fisimatenten geworden sein. Daneben gibt es aber auch noch andere Erklärungsversuche der Forschung – die Sache mit dem Zelt des Soldaten ist nicht dabei.

Auch dieser Beitrag der arte-Sendung Karambolage nennt die Zeltlegende einen „charmanten Irrtum“ – bei dem man es aber zur Förderung der Völkerverständigung ruhig belassen solle.

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Screenshot_2017-12-17-23-37-39Tagesspiegel17.12.17

Am Hungertuch nagen

Im Mittelalter wurden zu Beginn der Fastenzeit die Altäre verhängt, damit den sündigen Menschen und den Heiligenbildern der gegenseitige Anblick erspart blieb. Die Bevölkerung nannte diese Abdeckungen ›Hungertücher‹, vermutlich weil die Fastenzeit eine Zeit des Hungerns war. Nach der Reformation hielt sich der Brauch nur noch regional und die ursprüngliche Bedeutung des Hungertuchs als Fastentuch ist heute vergessen.

Allerdings hat zu keiner Zeit ein Mensch wirklich in diese Hungertücher hinein gebissen. Wer am Hungertuch nagt, der näht in Wirklichkeit. Seit dem 16. Jahrhundert gab es die Wendungen ›am Hungertuch nähen oder flicken‹ für jemanden, der sich kümmerlich behelfen musste. Aus näjen (nähen) wurde dann irgendwann nagen und der ursprünglich kirchliche Bezug ging verloren.

Fastentuch-Freiburg-Muenster-24022005 Fastentuch Münster Freiburg im Breisgau

 

 

 

Heute mal ein Ausdruck, der in keinem der beiden Bücher vorkommt. Es handelt sich nämlich um eine englische Stoffbezeichnung, die nach einer deutschen Gegend benannt ist, ohne dass wir etwas davon wissen. Oder war euch klar, dass Sackleinen bzw. Jute im Ausland „Hessian“ genannt wird, also „hessisch“?  An die kuriose Bezeichnung erinnerte ich mich, als Constanze gestern auf Twitter von einem neuen Dekobuch berichtete:

Aus Sackleinen, englisch „Hessian Cloth“, gibt es natürlich auch im Ausland schöne Deko. Vor zwei Jahren schon beobachtete der britische Guardian den Jute-Trend, vor allem zu Weihnachten:

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Hessian napkins, also hessische Servietten? Was haben die Hessen mit Jute zu tun?

Angeblich kommt der Name von hessischen Soldaten, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der britischen Seite kämpften. Ihre Uniformen waren wohl aus grobem Leinen gefertigt, Rupfen ähnlich. So beeindruckend rau und kratzig, dass noch heute im englischsprachigen Raum Sackleinen mit den Hessen verbunden wird.

Mit den deutschen Soldaten im nordamerikanischen Krieg war das übrigens gar nicht so einfach. Die Hessen wurden von ihrem Landgrafen gegen Geld verheizt. Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, erinnert sich daran. Im Jahr 1775 ist sie glühende Anhängerin der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung.

Wie triumphirte ich über jede Niederlage der Britten! wie freute ich mich, daß Frankreich den Unterdrückten zu Hülfe kam, und wie verabscheute ich den Landgrafen von Hessen, der seine Landeskinder wie Leibeigene an England verkaufte, und nicht nur für jeden im Kriege Gebliebenen, sondern auch noch nach einem von ihm ersonnenen Tarif für die einzelnen Gliedmaßen derselben, für die Arme und Beine, die sie, ohne zugleich das Leben einzubüßen, etwa in der Schlacht verlören, sich besondere Entschädigungsgelder ausbedingte.

In der Serie Turn – Washingtons Spione tauchten die hessischen Soldaten auch auf, nach Sackleinen sah ihre Kleidung jedoch nicht aus. Ich mochte die Produktion, nicht nur der Kostüme wegen (eigentlich nur Uniformen, wenig Frauen). Brutal aber spannend.

 

Geschenk in letzter Minute

Bei diesem Türchen schummle ich und mache es früher auf. Es ist nämlich ein Tipp für ein Weihnachtsgeschenk, ein Geschenk an solche wie mich und vermutlich auch für euch – vorausgesetzt, ihr habt einen Bezug zum Stricken. Zwei rechts, zwei links – Geschichten vom Stricken  ist gerade im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

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Eigentlich ist es ein Buch, das ich selbst gern veröffentlicht hätte, aber nun gönne ich es der Autorin Ebba D. Drolshagen, weil sie wirklich gut schreibt und, soweit ich bisher hineingelesen habe, ihre Recherchen zur Geschichte des Strickens auch mit meinen Funden übereinstimmen.  Im Sinne der Mission „Rettung der vergessenen Handarbeitsgeschichte“ ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag.

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Vor allem hat mir gefallen, dass sie auch die Arbeitsgeschichte des Strickens im Fokus hat, wie unter anderem in dem Kapitel: Für Geld und ohne, das Hobby und die Heimarbeit.

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Die neue Strickwelle inklusive Blogs und Ravelry wird ebenfalls abgedeckt. Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe könnt ihr bei Suhrkamp einsehen.

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Nicht wundern, das Buch ist als sogenannten Streifbroschur gebunden, also in zwei graue Pappdeckel ohne Buchrücken geklebt. Das kann sehr reizvoll sein, aber hier finde ich es in Kobination mit dem aufgedruckten Strickmuster nicht so gelungen. Das schadet dem gut geschriebenen Inhalt natürlich nicht, der auch schön bebildert ist. Ich danke dem Verlag und der Autorin für das Rezensionsexemplar und wünsche dem Buch ganz weihnachtlich neidlos viel Erfolg!

 

 

Wenn das Wort „Stickerei“ in den Trends ist –

dann soll die dazugehörige Meldung hier kurz verewigt werden. Vor ein paar Tagen ging #stickerei bei Twitter rauf und runter – die sächsische Polizei hatte einen Panzer bestellt. Jemand entdeckte innen den Schriftzug des sächsischen SEK auf den Sitzen eingestickt, und fühlte sich an die NS-Zeit erinnert. Ein Entrüstungssturm brach los, und nun wird dieses offenbar inoffizielle, interne Logo des SEK wegen der Nazi-Optik wieder entfernt.

Textilien und NS-Assoziation, das war hier schon einmal Thema, und zwar bei  Textile Codes der  NS-Zeit.

 

 

Knoten ins Taschentuch

Ein Knoten im Taschentuch als Gedächtnis­stütze ist nützlich, sofern einem beim Wiedersehen des Knotens einfällt, worum es ging. Knoten als Merkzeichen gab es in verschiedenen Kulturen. Die Inka hatten eine ganze Sprache aus Knotenschnüren entwickelt.

Mehr zu den Quipus, der Textilspreche der Inka in diesem älteren Spiegel-Artikel, und, aktueller, diese Entdeckung auf Englisch:

AtlasObscura

 


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