Redensarten – Adventskalender – Woche 2

24 Tage Bonusmaterial zu den Büchern

Am Rockzipfel – Redensarten rund um Kleidung und Stoff
Verflixt und Zugenäht – Textile Redensarten gesammelt und erklärt

(Für Woche 1 hier klicken)

 

tag9

muffensausen

Stern, 10.11.17

Muffensausen

»Mir geht die Muffe, ich hab Muffensausen« heißt es umgangssprachlich seit den 1970er Jahren, wenn man Angst hat. Muffe und Muff sind eigentlich Röhren aus Pelz, die Männer und Frauen früher zum Wärmen der Hände trugen. Muff kommt vom französischen moufle für weiches Fell. Das Pelzstück, in dem zwei Hände steckten, ähnelte der Form nach dem Verbindungsstück zwischen zwei Rohren, weshalb dieses verbindende Rohrteil Muffe genannt wurde. Von der Muffe ist es nicht weit zum Bild des Darmausgangs. Wem es durch die Muffe saust, der hat vor Aufregung Blähungen oder Durchfall, er hat Schiss. Ähnlich sagt man auf Englisch to be shit-scared.

(Aus: Am Rockzipfel)

 

tag9a

Weil gestern im Türchen Nr. 8 eine starke Frau schon gegen Frauenfeindlichkeit aufbegehrt hat, kann ich hier heute nun wohl gefahrlos ein paar dämliche Herrenwitze auflisten, die ich bei meinen Recherchen zu den Kleidungs-Redensarten gefunden habe. Ich nenne die Sammlung „Das Herrengedeck“.

„Meine Frau hat zwei Schränke voll nichts anzuziehen.“

„Wenn Frauen über Stoffwechsel reden, meinen sie meistens ein neues Kleid.“

„Büstenhalter: Eine Einrichtung, die oft mehr verspricht, als sie hält.“

„Dekolleté: Optischer Selbstbedienungsladen.“

„Frauen und Leinwand kaufe bei Tageslicht.“

„Ein Mann, der einem Hut hinterherläuft, ist nicht halb so lächerlich wie ein Mann, der einer Frau hinterherläuft.“

clown

 

tag10

Wusstet ihr, dass der Rüffel eigentlich ein Textilausdruck ist? Der Rüffel kommt von der Riffel, einem kammartigen Werkzeug aus der Flachsverarbeitung.  Gleich nach dem Ernten zog man die Flachsbündel durch diese Eisen- oder Hartholzkämme und trennte so die Kapseln mit den wertvollen Leinsamen von den Stängeln. Die grobe Behandlung führte dazu, dass aus „Riffel“ der Rüffel wurde, mit dem jemand gerügt wird.

(Mehr Textilausdrücke aus der Flachsverarbeitung findet ihr im ersten Band Verflixt und Zugenäht – Textile Redensarten gesammelt und erklärt.)

Und wenn ihr Lust habt, schaut mal rüber zu Constanze, sie verlost ihr Buch und, was wichtiger ist, fragt nach euren Wunschbüchern: Was fehlt euch in den Buchhandlungen, welche Lücken seht ihr, was würde euch interessieren?

 

tag11

Am grünen Tisch
Doctors Commons edited

»Abstiegsentscheid am grünen Tisch?« befürchtet eine Zeitung. Über den Klassenerhalt einer Mannschaft wird hier nicht auf dem Spielfeld, sondern im Tagungsraum eines Ausschusses entschieden. Früher hätte so eine Verhandlung tatsächlich an einem grünen Tisch stattgefunden. Die Sitzungszimmer hatten oft grüne Filzbezüge auf dem Besprechungstisch. Seit ca. 1850 wird ›am grünen Tisch‹ im Sinne von ›im Büro, in der Amtsstube‹ benutzt. (Aus: Am Rockzipfel, S. 90)

 

tag12

Ganz aktuell habe ich interessante neue Informationen zum Ausdruck Lappen gefunden. Ich wusste gar nicht, dass dieses Wort in der Jugendsprache jetzt wieder aktuell ist. In dem Blogpost Ihr Lappen von Notaufnahmeschwester geht es eigentlich um die Hemmungslosigkeit, mit der die jüngere Generation offenbar wegen jeder Kleinigkeit in die Notaufnahme fährt, und woran das vielleicht liegen könnte. Eine sehr interessante Diskussion, aber hier picke ich mir nur die textile Bezeichnung für verweichlichte Menschen heraus. Denn dort im Blogpost heißt es:

IHR LAPPEN! WAS LÄUFT FALSCH BEI EUCH? HABT IHR ALLE KEINE MAMA?

mir der Erklärung am Ende:

P.S.S „Lappen“ ist ein Vokabular aus den Youtube Clips meiner Söhne. Es passt so gut. „Du Lauch“ ist zu friedfertig. „Du Honk“ zu gemein. „Lappen“ hat was hilfloses, fluffiges. Etwas zutiefst passives.

In der Kommentarspalte zum Beitrag schreiben andere:

  • Lustig, was da für Lappen (den Begriff kenne ich von meinem Sohn) unterwegs sind
  • „Du Waschlappen“ ist eigentlich ein gängiger Begriff aus meiner Jugend, und ich bin in den 70ern vom Band gerollt. Diese Hipster heute sind echt voll krass retro.

Es gibt also

  1. eine Generation, die das Wort als Bezeichnung für Menschen gar nicht kennt, und
  2. eine ganz junge Generation, bei der dieser Retro-Ausdruck nun wieder in ist.

Hätte ich das gewusst, wäre meine Rockzipfel-Eintrag wahrscheinlich anders formuliert, aber nun steht er gedruckt bereits so da:

Lappen

Ein Lappen ist ein hängendes Stück Stoff oder Fleisch. Weil der Lappen so schlaff und haltlos ist, wird er abwertend gern als Bezeichnung für Menschen benutzt, wie beim Jammerlappen, Wasch­lappen oder Wie ein nasser Lappen. Schon 1600 bedeutete ›zum Lappen werden‹, weich und sentimental zu sein. Der Jammerlappen ist eigentlich das Taschentuch, in das hineingejammert wird. Mit dem seit dem 19. Jahrhundert geläufigen Wasch­lappen war ein wenig durchsetzungsfähiger Mann gemeint. Inzwischen wird der Ausdruck aber geschlechtsübergreifend für ein schwaches Verhalten genutzt, wie bei: »Wir müssen aufhören mit unserer Waschlappen-Mentalität.«

›Läppisch‹ kommt zwar auch aus dieser Ecke, steht aber wohl eher in Verbindung mit einem alten Wort für Narr, nämlich dem Lap.

tag13

Candy Crush, Hayday, FreeCell, Quizduell – für Computerspiele bin ich anfällig. Heute morgen hat mich Quizduell mit dieser Frage geschockt:

durchhecheln quizduell

Wieso ist das ein Quizfrage? Wieso weiß man das nicht? Ich bin schon so alt, ich kann gar nicht mehr einschätzen, was zum gängigen Wortschatz gehört.

Also wiederhole ich hier einen Eintrag aus dem Adventskalender von 2015 zum Thema Hecheln (passt auch zum Herbstrüffel oben):

Vor Beginn des Industriezeitalters spielte der Flachsanbau in Deutschland eine sehr große Rolle. Bis heute hat die Flachsverarbeitung Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen.  So sind zum Beispiel tadelnde Reden in Form von Rüffeln und Durchhecheln auf Arbeitsschritte bei der Fasergewinnung zurückzuführen. Mit den Werkzeugen Riffel und Hechel wurden die Flachsfasern gesäubert und gekämmt.

hackleHechel

Die spitzen Zinken der Hechel standen als Bild für scharfe Zungen, die sich über ein Thema austauschen. Schon im Simplicissimus aus dem 17.  Jahrhundert hört der Erzähler bei einer Hochzeit betagten Mütterlein zu, wie sie »allerlei Leut, Ledige und Verheiratete … durch die Hechel zogen« und über die Kleidung der Gäste tratschten.  (Auszug Verflixt & Zugenäht, S. 31)

 

 

tag14

Nach all dem Gejammer über verlorene Wortbedeutungen hier nun zwei textile Ausdrücke, die in der letzten Zeit neue Bedeutungen bekommen haben:

  1.  Flausch

*flausch* *flausch* *flausch*

Stündlich wird auf Twitter rund 10 Mal irgendwo *flausch* herumgeschickt, gemeint als Streicheleinheit, Nettigkeit, Wärme, Nähe.

flausch

Die Popularität des Wortes hat ihren Zenit aber wahrscheinlich schon überschritten.

2. Klöppeln

Weiterhin im Aufwärtstrend scheint mir dagegen das Klöppeln als ironischer Ausdruck für „etwas herstellen“, wobei da manchmal vielleicht auch so etwas wie „klopfen“ bzw. „zusammenkloppen“ mitschwingt, je nach Kontext.

Hin und wieder stiftet das auch Verwirrung, wie beim folgenden Twitteraustausch:

 

„Niemand klöppelt wirklich“, haha, sehr schön. Damit ist die zweite Adventswoche vorbei. Ich hoffe, die tageweisen Schnipsel haben euch bisher gefallen, morgen geht es mit einem neuen Post in den Endspurt.


 

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4 Kommentare

  1. Aaah, Muffensausen, das hatte ich schon wieder ganz vergessen! Bei #metoo Themen wird mir immer ganz beklemmend. Die Diskussion ist so notwendig, aber nichtsdestoweniger so bedrückend. Aber jeden Tag ein Türchen bei Dir, das ist schön. Da muss ich morgen wieder vorbeischauen.

    • Ja, komm gern wieder vorbei, und Danke für die Besuche und die Rückmeldungen. Ich finde es immer so spannend, wie sich diese alten Ausdrücke mit aktuellen politischen Entwicklungen verbinden lassen, es gäbe noch viel mehr Beispiele…

  2. Ich hatte immer gedacht, dass bei Muffensausen die Pumpe, das Herz gemeint ist. Der Zusammenhang mit einem Muff erschließt sich mir nicht wirklich.
    Den letzten Spruch von deinem Herrengedeck habe ich mal als Zitat auf einer Postkarte gefunden, weiß aber nicht mehr den Urheber.
    Viele Grüße, karen

    • „Die Muffe saust“ in den schriftlichen Nachweisen erst so richtig seit den 1980er Jahren. Das Standardwerk Röhrich spricht von „neudeutschen Wendungen, in der Muffe für After steht, eigentlich das Verschlusssstück am Rohrende“. Ich kenne eine Muffe aus dem Baumarkt auch als Verbindungsstück, also ein kurzes Rohr. Diese Muffe wurde wegen der äußerlichen Ähnlichkeit nach dem Handwärmer-Muff benannt, sagt ein anderes Lexikon. Die textile Verbindung kommt also über den Umweg des Metallstücks. Ich hätte gedacht, dass Muffensausen schon wieder keiner mehr sagt, aber scheint ja nicht so zu sein.
      Das stört mich am Altern, dass ich nicht mehr sicher sein kann, alle zu verstehen und verstanden zu werden. Gleich poste ich noch eine andere „Enttäuschung“.

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