Stoffspielerei: Duftige Nachthemdpasse aus den 30ern

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„Handarbeiten, Freude bereiten“ steht auf diesem Anleitungsheft, Herausgeber ist der Reichsbund des Textil-Einzelhandels. Zitat von Seite 20: „Wir wollen Ihnen hier klar machen, wie leicht es doch ist, eine Hemdenpasse zu häkeln“. Fein, das passt gut zum heutigen Termin für die Stoffspielerei*.   Ines  von den Nähzimmerplaudereien hat das Thema “Ecken und Kanten” vorgegeben, bei mir wird also nun eine Passe als Ausschnittkante daraus. (Übrigens: Bei Wikipedia fehlt noch ein Artikel zum Thema Passe am Kleidungsstück, falls jemand Lust hat, sich darum zu kümmern.)

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So sieht das Häkelstück im Heft aus, an ein seidiges Hemd angenäht.

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Die Anleitung dafür ist erstaunlich einfach. Auf der Häkelgrafik stehen die Punkte für Luftmaschen und die Striche für Stäbchen, das Muster wiederholt man immer rundum von Reihe 1 bis zur Reihe 15.

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Die Reihe 15 habe ich leider nie erreicht, denn das schön alte cremefarbene Häkelgarn ging vorher aus und ich fand keins mit demselben Farbton, um weiterzumachen. Ohnehin muss das Original noch viel feiner gehäkelt sein als meins, denn meine Passe ist  größer geworden als in der Vorlage. Dennoch tränten meine Augen vor Anstrengung, mit der Nadel immer die kleinen Maschen zu treffen.

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Auf dem Blumenkleid wirkt der Häkelkragen zwar authentisch, aber auch ziemlich mopsig. Also habe ich ein Nachthemd genommen, dessen Ausschnitt schon ein bisschen durchgescheuert war.

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Die Passe passte gut hinein – mal sehen, wie es sich trägt. Laut Heft soll man lange Freude daran haben. „Obwohl sie so duftig aussehen, sind sie doch sehr dauerhaft und halten viele Wäschen aus.“

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Den Reichsbund des Textil-Einzelhandels gab es in den 1920er und 1930er Jahren. Angesichts der Mode tippe ich auf die 30er Jahre, aus der Zeit sind auch einige andere Zeitschriften, die bei dem Konvolut waren.

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Hat alles ein ziemliches Nazi-Feeling an sich, beim Nachhäkeln hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das Frauenbild im Heft ist dementsprechend – Frauenfleiß eben, Mutters Nadel, Mutters Hände, Schönheitssinn und Ordnungsliebe. Wie ganz anders wirkte da noch kurz vorher die Berliner Frauen-Illustrierten von 1928,  hier schon einmal Thema – der gesellschaftliche Rückschritt kann schnell und extrem sein.

Auch Modedetails aus meinem Heft sind heute wieder aktuell, die klobigen schwarzen Schuhe zum Beispiel, oder die dicken Zopfsocken und das Teufelsmützchen.

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Die anderen Dinge – naja. Bei dem Strickkleid pillt es schon auf dem Foto so sehr, dass es gruselt. Und der Herrenpullover mit Logo könnte heutzutage als Nerd-Mode bzw. Geek-Chic wieder Abnehmer finden. Mädchen mit Hornbrillen und viel zu großen filzigen Mänteln vom Flohmarkt sind hier gerade Trend.

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Soweit für heute – vielen Dank an Ines, die die Links sammelt. Schaut bei ihr vorbei – ich bin gespannt, was andere aus dem Thema gemacht haben.

Im nächsten Monat, am 26.2. (der Sonntag vor Rosenmontag) ist das Thema “Kopfputz”, Gastgeberin ist Gabi von Made with Blümchen.

Nun bastle ich noch an einer anderen Kragenkante. Mal sehen, mit welchen der beiden Seidenstoffreste aus Japan ich die Bluse verschönere, ich kann mich noch nicht entscheiden. Schönen Sonntag allen!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Stoffspielerei: Improvisation mit Stoffresten

Heute ist wieder Termin für die Stoffspielerei*,  Nahtzugabe ist mit dem Thema „Stoffreste“ Gastgeberin. Dafür habe ich zwei Quilt-Projekte aus meiner Funduskiste geholt.

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Vor Jahren schon wollte ich nach einem Quiltspotting (Quilts in Filmen) das Pineapple-Muster versuchen. Ausgehend von einem Quadrat näht man viele schmale Stoffstreifen abwechselnd über Eck. Ich habe mich für je eine Reihe bunte und eine Reihe dunkle Stoffstreifen entschieden.

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Wenn man es nicht so genau haben muss, kann man nach Augenmaß arbeiten und braucht nicht mehr groß nachzudenken.

Links die Variante fand ich nicht so gut, da waren mir die Streifen zu breit. Rechts gefällt mir aber, das wird nun auf das rote Kissen appliziert.

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Das freie Variieren eines Grundmusters führt mich zu einem tollen Buch, das ich sehr empfehlen kann:

Sherri Lynn Wood, The Improv Handbook for Modern Quilters. Sherris Improvisationsrezepte habe ich ja früher schon probiert (z.B.  Floating Squares oder Stimmungsquilt). Von damals stammen auch noch sehr viele Streifen aus Stoffresten. Ich hatte alle Reste nach Breite sortiert und dann jeweils zusammengenäht.

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Doch wie nun weiter? Ich nahm mir das Kapitel „Doodle“ aus Sherris Buch vor, da näht man Stoffstücke zusammen, als ob man bei einem Telefongespräch nebenher auf einen Block kritzelt. Irgendwo mit einer Grundform (Quadrat, Dreieck etc.) anfangen und dann intuitiv Teile daran setzen, mit anderen Grundformen variieren. Bei sehr bunten Stoffresten rät Sherri zu einem einfarbigen Stoff als Ergänzung.

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Daran habe ich nun eine halbe Nacht herumgekritzelt, und Ausschnitte finde ich auch ganz gut, aber ingesamt?

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Im Buch gibt es jedenfalls auch eine ganze Menge Motivation, nicht so streng mit sich zu sein und den inneren Zensor zu überwinden.

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Ich lasse das jetzt erst einmal liegen und schaue später wieder drauf.

Lucy hat sich ebenfalls mit Sherris Ideen beschäftigt, außerdem zeigt sie, wie man ganz schnell eine kleine Börse nähen kann – schaut mal nach, was sie und andere mit Stoffresten gemacht haben. Danke für das Sammeln der Links!

Weil die Sonntagstermine im Dezember so ungünstig liegen, ist die nächste Stoffspielerei erst wieder Ende Januar, am 29. 1. 2017. Dann ist Ines  (Nähzimmerplaudereien) mit dem Thema „Ecken und Kanten“ Gastgeberin – falls jemand von euch auch einmal einen Sonntagstermin übernehmen möchtet, meldet euch gern bei mir!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Was ein Buch kostet

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Ein Buch drucken lassen und dann verkaufen? Darüber denken viele nach. Aber lohnt sich das? Hier meine Erfahrungen zu dem Thema. Heute geht es um die Gesamtkalkulation.

Buchkalkulation

Mein fiktives Beispiel bezieht sich auf ein Buch im Selbstverlag, mit ähnlicher Gestaltung wie „Verflixt und Zugenäht„:
Hardcover, ca. 150 Seiten, farbige Abbildungen, Auflage 1.000.

Die Grafik zeigt die Kostenverteilung in Euro bei einem Ladenpreis des Buches von 16 Euro (gesamt 16.000 Euro). Ganz grob und ohne Beachtung netto/brutto. Wohlgemerkt, das sind nicht meine Ausgaben, sondern geschätzte Zahlen. Zu den einzelnen Posten unten mehr.

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Wer verdient an den 16 Euro? Ich kann hier wirklich nur ganz pauschale Zahlen nennen, die ich mir zum Teil mangels eigener Kenntnis zusammengegoogelt habe.
1.
Druckerei – Egal ob die Auflage 500 oder mehr beträgt, die Druckkosten für ein Hardcover fangen bei 3.000 Euro an. Bei einer Auflage von 1.000 rechne ich hier mit 4 Euro pro Hardcover. (Große Unterschiede sind je nach Buchausstattung möglich. Anhaltspunkte gibt z.B. die Onlinekalkulation bei Laserline)
2.
Lektorat (2 – 8 Euro pro Normseite = 1500 Zeichen incl. Leerzeichen) und Korrektorat (1 – 5 Euro pro Normseite)
3.
Grafikbüro für Cover, Abbildungen und Layout (Covergestaltung 100 – 800 Euro, Stundensatz Grafiker ca. 50 – 120 Euro. Layout allein ab 500 Euro, Preisliste mit Anhaltspunkten dazu.) Dazu käme ggf. Honorar für Abbildungen, Fotos, Zeichnungen (Bildagentur, Fotografin oder Illustrator. Preise Fotografie ab 70 Euro pro Buchseite, Illustration ab 120 Euro. Im Einzelnen sicher sehr unterschiedlich.)
4.
Auslieferung, das heißt Lager, Auftragsannahme, Verpackung, Versand, Rechnungsstellung, Inkasso. Auslieferer berechnen dafür ab 10% des Buchpreises (Beispiel Fin Gadar), aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das für den Aufwand ungefähr angemessen ist.
5.
Handelsrabatte. Die Zwischenhändler, die das Buch an die Buchhandlungen liefern, behalten 50 % (wenn man mit so einem kleinen Projekt dort überhaupt aufgenommen wird). Will/muss man die Buchhandlungen direkt beliefern, ist ein Rabatt von 30% üblich und der eigene Aufwand steigt immens – dazu dann mehr in einem weiteren Beitrag.

Fällt etwas auf? Ja, es fehlt das Autorenhonorar. So ein Buch wie im Beispiel lässt sich zum Preis von 16 Euro nicht herstellen, wenn neben Handel, Auslieferung, Druckerei, Lektorat und Grafik noch jemand daran verdienen möchte.

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Wenn die Autorenschaft mit 10% des Buchpreises honoriert werden soll, dann müsste das Buch mindestens 20 Euro kosten. (Wieder nur eine ganz grobe Grafik, bitte nicht daran aufhängen).

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Was fehlt aber dann immer noch? Die Kosten für Marketing zum Beispiel, denn das schönste Buch nützt nichts, wenn niemand davon weiß. Viele kleine Posten fehlen außerdem, wie z.B. Freiexemplare für Rezensionen und Mitarbeiter oder die ISBN/VLB-Listung.
Ohnehin geht das alles nur auf, wenn alle Exemplare verkauft werden. Klappt das nicht, dann bleibt man auf einem Verlust sitzen. 20 Euro wären meiner Einschätzung nach für so ein Geschenkbuch zu viel, wahrscheinlich würde es sich schlecht verkaufen.
Es ist also kein Wunder, dass Autoren heute meist deutlich unter 10% des Nettopreises an einem Buch verdienen, denn die Marge für die Verlage ist viel zu gering. (Bei meinen Beispielen bliebe für einen Verlag ja ohnehin gar kein Gewinn über).

Für mich ist der Verkauf meines Buches zum Preis von 16 Euro nur deshalb möglich, weil ich Cover, Grafik, Layout und Auslieferung selbst übernommen habe und bei Lektorat/Korrektorat sehr freundschaftliche Abmachungen treffen konnte.

Fazit

Das ist alles ernüchternd, aber – was mich betrifft – ok, weil mir die ganze Sache bisher sehr viel Spaß macht. Schade ist, dass der größere Plan nicht aufgeht: Den Kuchen mit anderen zu teilen. Tolle Illustratoren zu beauftragen, das Layout von einer Grafikerin machen zu lassen und alle, auch das Lektorat, fair zu honorieren. Gar nicht zu denken ist an die Idee, Menschen mit Fachwissen als Autoren zu gewinnen und schöne Bildbände zur Textilhistorie zu gestalten. Oder ein gutes fremdsprachiges Buch übersetzen zu lassen. Das Honorar für die Übersetzung (in meinem Beispiel 2.000 – 3.000 Euro plus Beteiligung) und die Lizenz käme über die Verkäufe nicht wieder herein.

Was andere sagen

Mein Fazit deckt sich mit den Erfahrungen vieler anderer. Aus Verlagssicht drei hilfreiche Artikel zu dem Thema:

Berlin Story Verlag Was kostet ein Buch? mit einem sehr viel ausgefeilteren Tortendiagramm als bei mir.

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Verlag Voland&Quist Buchkalkulation – Was verdienen Autor und Verlag an Büchern? 

Zitat: „Eins unmissverständlich vorweg: Die Verlage verdienen sich nicht dumm und dusslig an Büchern, oder wenn, dann nur bei Megabestsellern mit mehreren 100.000 Stück Auflage, was bei 99,9% der produzierten Titel nicht zutrifft. „

Storyhouse Verlag beim Literaturcafé zu Kalkulation und verlegerisches Risiko

Zitat: „Die großen Publikumsverlage haben mit dieser Kalkulation wenig Probleme, trotz deutlich höherer Gemeinkosten. Diese Verlage gehen ein Projekt erst an, wenn mindestens 5.000 Exemplare relativ sicher absetzbar erscheinen.“

Die Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan hat schon 2012 in ihrem Blog über Geld geredet. „Ja, es gibt reiche Autoren. Das sind aber die Ausnahmen. Der große Rest hangelt sich mit Stipendien, Ehepartnern und/oder sogenannten Brotjobs durch. Und das hat nichts damit zu tun, dass das keine guten Autoren wären.“
In einem FAZ-Artikel wird bestätigt, dass kaum ein Autor vom Buchverkauf lebt: „Ein paar Zahlen zur Aufklärung: Ein belletristisches Werk, das sich dreitausend Mal verkauft, ist in Deutschland kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare sind ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit zwanzigtausend verkauften Büchern wird man bereits als „Bestsellerautor“ tituliert. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund 20 Euro liegt der Gesamtverdienst eines „normal“ erfolgreichen Autors also zwischen 6.000 und 40.000 Euro – vor Steuern.“

Der Verleger Joachim Unseld weist in einem Interview 2012 darauf hin, dass es abseits des Massengeschmacks ohne Subventionen nicht mehr geht:

Wir sind eigentlich auf dem Weg dahin, dass die Kulturverlage, wie ich sie nenne, wie die Theater sich nicht mehr selbst halten können werden. Die Renditen sind auf null; ich weiß gar nicht, ob es noch einen Verlag gibt, der wirklich Gewinne macht. Es gab immer die hauseigene Quersubventionierung der Verlage, dass man mit dem einen Unterhaltungsbestseller die literarischen Bücher bezahlt. Aber dadurch, dass diese absoluten Spitzentitel rar sind, funktioniert das auch nicht mehr. Andere Länder subventionieren bereits literarische Verlage und Buchhandlungen. In Amerika gibt es die Einrichtung der University Press. In Österreich bekommt jeder Kleinverlag noch seine 50.000 Euro im Jahr vom Staat. Frankreich hat seinen Verlagen die Digitalisierung seiner Backlist finanziert.

Für die Nische „Textile Kulturgeschichte“ sieht es also nicht so gut aus, was gedruckte Veröffentlichungen ohne Sponsoring angeht. Das ist aber nur ein Zwischenstand meines Buchexperiments und keinesfalls das Ende. Weitere Erfahrungen aus dem Selfpublishing in Kürze in einem zweiten Teil. Arbeitstitel: „Amazon ist nicht das Böse und die Buchhändler sind nicht die Guten“.

Wie immer gilt: Fragen, Berichte und Anregungen gern über die Kommentare!

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Hustenkur in Kamelhaardecke und Pelzsack

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R. Cooper, Detail, WelcomeTrust, CCby4.0

Bakterien und Viren haben mich weiterhin fest in ihrem klammen Griff. Zwischendurch schien mir eine Art Luftkur in einem Liegestuhl im Garten angebracht, aber es war furchtbar kalt und ich hielt nicht lange durch.

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Wie haben sie es denn früher in den Sanatorien gemacht, fragte ich mich? Luft- und Liegekuren bei Minusgraden waren damals doch eine übliche Behandlungsmethode. Neugierig nahm ich den Zauberberg von Thomas Mann zur Hand. Dankenswerterweise wird dort alles im Detail erklärt. Thomas Mann musste es wissen, denn er hatte 1912 eine Zeitlang seine Frau im Sanatorium in Davos besucht und die Kunst des Sicheinwickelns gelernt.

Die Hauptperson im Roman, Hans Castorp, hat sich zwar ein  „schönes weiches, dunkelrot und grün gewürfeltes Plaid“ mitgebracht, aber damit ist es viel zu kalt. Er kauft er im Ort zwei Kamelhaardecken, „ein langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe“.

Der Liegestuhl für die Luftkur ist komplett mit einer Matratze gepolstert.

Ausserdem war vermittels einer Schnur eine weder feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit gesticktem Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender Wirkung war…

Man lag ganz ungewöhnlich bequem, das stellte Hans Castorp sogleich mit Vergnügen fest. – Er erinnerte sich nicht, daß ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei … Er schlug die Kamelhaardecke zuerst von links der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern und Arme hervorsahen.

Das Einpacken will gelernt sein. Nur Altegediente schaffen das Ritual mit drei Griffen. Hans ist es aber trotz Wintermantel, Matratzen und Decken noch kalt, so dass er sich den  aufknöpfbaren Pelzsack kauft, in dem die meisten Patienten liegen. Nachts auf dem Balkon hatte er um diesen Pelzsack

die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.

Seinen Aufenthalt im Sanatorium finanziert der wohlhabende Erben einer Hamburger Kaufmannsfamilie problemlos. Er bleibt sieben Jahre auf dem Zauberberg, bis der Erste Weltkrieg sein passives Dasein beendet und sich seine Spur im Krieg an der Westfront verliert.

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Die Liegekur mit streng geregeltem Tagesablauf bleibt noch viele Jahre die Standardtherapie bei Tuberkulose, erst nach dem 2. Weltkrieg werden wirksame Medikamente gegen die Krankheit gefunden.

Wikipedia:

Die Liegekur ist wohl das eindrücklichste Beispiel für eine erfolgreiche psychosomatische Behandlung einer organischen Erkrankung.

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Wie es für einen Fabrikarbeiter in einer Lungenheilanstalt aussah, berichtet Moritz Bromme in seiner Lebensgeschichte vom Anfang des letzen Jahrhunderts. Es gibt ein Invalidenversicherungsgesetz, so dass die Kosten des Aufenthalts zum Teil gedeckt sind und die Familie des kranken Ernährers ein geringes Tagegeld erhält. Dennoch muss Bromme für die im Sanatorium geforderte Ausstattung an Hemden (6) und Unterhosen (2) einen Kredit aufnehmen.

In den 10 offenen Liegehallen mit je  12 – 18 Liegestühlen wird ihm ein Platz zugewiesen.

Nach dem Mittagstisch bis zum Vesper resp. 3/4 4 Uhr findet die große Liegekur statt, bei der absolute Ruhe herrschen muß. Jede Unterhaltung, sowie Lesen und Spielen ist verboten. Jeder Patient soll versuchen, zu schlafen, um den Verdauungsprozeß zu fördern, oder zum mindesten still zu liegen…

Nach dem Abendbrot findet bis 9 Uhr wiederum Liegekur statt, zu welcher Unterhaltung oder Lektüre gestattet ist; leider ist die Beleuchtung in der Liegehalle nicht sehr reichlich. Es ist nur eine einzige elektrische Glühlampe in der Mitte da. Um 9 Uhr packt man seine Decken zusammen, von denen man im Sommerhalbjahre 3–4, im Winter 5–6 erhält. Diese Decken werden in einem eigens dazu eingerichteten Raum über Nacht aufbewahrt. Um 10 Uhr muß alles zur Ruhe und alle elektrischen Lampen ausgeschaltet sein. So geht ein Tag wie der andere dahin.

Ein interessantes Nebendetail ist der Blaue Heinrich, ein Spuckglas für den Auswurf.

„Taschenfläschchen für Hustende“
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Sowohl im Zauberberg als auch in den Memoiren des Fabrikarbeiters wird das Behältnis erwähnt. „Dann erhielt ein jeder die blaue Taschenspuckflasche, in der sämtlicher Auswurf aufgefangen und dann direkt in die Klosetts entleert wird.“ erzählt Bromme.

Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass ich auch heute noch eine Liegekur im alten Stil mit Kamelhaardecken machen könnte, und zwar im Sanatorium im Harz. Das Jugendstilhaus sieht sehr schön restauriert aus. Für 1.100 Euro in der Woche inkl. Bioessen, Behandlungen und natürlich Freiluftliegekur wäre man als Selbstzahler dabei.

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Wenn es bei mir also bleibt wie bei Hans Castorp

Zuweilen hob sich seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann musste er husten aus seiner katarrhalischen Brust

melde ich mich vielleicht bald aus Braunlage. Oder wenigstens von meiner Veranda im Frühlingsgarten.

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Es ist ein Buch

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Liebes Publikum, froh und erleichtert kann ich nun einen Vorhang lüften. Heute morgen irrte eine Speditionsfahrer durch meinen herbstgoldenen Garten und suchte ein Verlagsgebäude, aber da war nur ich, die kleine Suschna, die eine Palette frisch gedruckter Bücher in Empfang nahm. Ja, ich habe ein Buch gemacht und bisher nichts davon erzählt, denn wenn es nicht schön geworden wäre, dann hätte ich mir aus der Lieferung ein Regal gebaut und ihr hättet nie etwas erfahren.

Aber im Gegenteil, es ist wunderschön geworden, genau wie ich es mir erträumt habe. Ein Buch wie eine Pralinenschachtel hatte ich mir vorgestellt, besonders geeignet zum Verschenken. Es sollte gut in der Hand liegen, sich fein anfühlen und natürlich interessanten, nie dagewesenen Lesestoff bieten.

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Über den Inhalt und weitere Einzelheiten könnt ihr hier auf einer Extraseite mehr erfahren. Das Buch kostet 15 Euro. Ich habe alles selbst gemacht und Lucy von Nahtzugabe hat mir dabei geholfen. Das Ganze ist ein Experiment um zu wissen, ob die Miko-Öffentlichkeit so eines Blogs auch für einen Buchverkauf ausreicht. Diese Frage stellen sich vermutlich viele in der Blogosphäre, und wir testen die Erfolgsaussichten nun für unseren Bereich. Das Buch könnt ihr ab sofort bei mir per Email (info@textilegeschichten.net) bestellen, weitere Verkaufsstellen folgen.

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Ich werde bald mehr aus dem Inhalt berichten und erzähle auch gern, wie ich das alles gemacht habe. Aber für heute soll es genügen, ich muss mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, dass es tatsächlich geklappt hat. Ich danke allen, die mir geholfen haben, ohne euch wäre das Projekt nicht möglich gewesen!  Und meinen Lesern hier danke ich auch, denn ohne euch wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass sich für textile Geschichten ein Publikum finden könnte.

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Kleine Jungen und alte Zöpfe

1782, Gainsborough, via

Die schönsten Berichte über Mode in der Geschichte  kommen doch immer von Zeitzeugen. Ich könnte nächtelang Memoiren danach durchforsten, ob dort nicht vielleicht auch ein bisschen von Kleidung und Lebensstil erzählt wird.  Letztes Jahr hatte ich schon die Briefe der Liselotte von der Pfalz nach Modethemen durchsucht. Heute kommt nun ein kleiner Ausschnitt aus den Memoiren der Henriette von Oberkirch (1754-1803). Die elsässische Baronin gehört in die Zeit Marie Antoinettes und hat damals Tagebuchaufzeichnungen verfasst, die ähnlich erfrischend sind wie Liselottes Briefe.

1783 ist die Baronin 29 Jahre alt.  Der Adel in Frankreich lebt das Leben des Ancien Régime und ahnt noch nichts von der Revolution, die sich sechs Jahre später ereignen wird. Freiheitliche Ideen schleichen sich aber schon ein, und sei es in Form einer neuen Haarmode für Kinder. Die Baronin berichtet:

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Dieses Jahr gab es eine Neuheit in der Mode für Kinder, die mir sehr gefiel. Man hatte aufgehört, ihnen den Kopf weiß zu pudern, wie es bisher üblich war. Sie waren ja gänzlich entstellt mit diesen pomadisierten Rollen, diesen Löckchen und diesem ganzen Aufzug. Nichts war lächerlicher als diese kleinen Wesen, mit Zopfbeutel, einem Hut unter dem Arm und dem Degen an der Seite. Seit sich diese Neuerung in der Haartracht durchgesetzt hat, tragen die Kinder die Haare rund und gut geschnitten, schön sauber und ohne Puder.

Diese Neuerungen in der Kindermode sind die Auswirkungen der Aufklärung. Bisher hatten die Kinder kleine Erwachsenen zu sein und wurden auch so gekleidet und frisiert. Die Haare der Jungen wurden wie bei den Männern in Löckchen gelegt, gepudert, zum Zopf gebunden und hinten in einem Beutel aus schwarzem Taft gesteckt. Dieser meist noch mit einer Schleife versehene Haarbeutel hinderte das Haar am Umherfliegen und schützte die Schultern vor dem Puder.

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Durch den Einfluss der Reformpädagogen des 18. Jahrhunderts wurde die Kleidung kindgerechter. Statt der steifen Erwachsenentracht trugen die Jungen jetzt einen in der Taille zusammengeknöpften lockeren Anzug, den Skeleton (frz. matelot). Für festliche Anlässe kamen noch Schärpe und Rüschenkragen hinzu. Puder, Zopf und Haarbeutel passten dazu gar nicht mehr.

Statt Degen lieber Rosen und Jojo

1789, Dauphin Louis Charles?, via

In der bürgerlichen Bevölkerung etablierte sich der Skeleton-Anzug erst ab 1800, aber die trendbewusste Königin Marie Antoinette ließ ihren ältesten Sohn schon 1784 in diesem Anzug und mit Kurzhaarschnitt malen (zusammen mit seiner Schwester):

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Ebenso wie die Königin sind auch die Baronin Oberkirch und ihre Freundinnen 1983 der Ansicht, dass der alte Look nun wirklich unmöglich geworden ist. Sie stylen einen kleinen Jungen kurzerhand gegen den Willen des Vaters um.

Eines Tages brachte man den hübschesten kleinen Jungen der Welt nach Étupes, den Sohn eines Herrn aus der Nachbarschaft. Er trat wie sein Großvater gekleidet ein, hielt sich gerade, sehr beschäftigt mit seinem Degen und seinem bestickten Anzug. Völlig lächerlich, kann ich versichern. Fräulein von Domsdorf flüsterte mir zu, dass es einer Verschwörung bedürfe, um das Kind modisch auf den neusten Stand zu bringen. Sie nahm also die Mutter des kleinen Mannes mit, während der Vater seine Aufwartung machte, und stellte es so geschickt an, dass die Mutter bald ihren Wunsch teilte, den armen Erben von seiner Qual zu erlösen. Die Verschwörer, bestärkt von der Mutter, die aber so tun wollte, als ob sie davon nichts wüsste, nahmen das Kind mit in das Zimmer der Frau Hendel, wohin man den Leibfriseur der jungen Prinzen kommen ließ. In einer halben Stunde ging die ganze Verwandlung vonstatten und er erschien wieder im Salon, sehr zu seinem Vorteil verändert.
Daraufhin waren die unterschiedlichsten Ausrufe zu hören. Der Vater war zunächst ungehalten, wagte es aber nicht, die Sache zu schlecht aufzunehmen und gab schließlich zu, dass die Verwandlung auch von Vorteil war.

Bei den erwachsenen Männern dauerte es etwas länger, bis sich die Änderung in der Herrenmode durchsetzte und alle Köpfe zopflos wurden. Spätestens nach der französischen Revolution galt es, mit der Zeit zu gehen.  Goethe trug sein Haar seit 1792 offen. Der preußische Soldatenzopf wurde dagegen erst 1807 abgeschafft.  Deshalb spricht man noch heute vom „alte Zöpfe abschneiden“, wenn man längst veraltete Regeln oder Ideen überwinden will.

Madame Oberkirchs kleine Modeanekdote ist gar kein langweiliger alter Zopf,  wie ich finde. Obwohl sie eigentlich viel wichtigere Dinge erlebt hat. Sie trifft berühmte Leute ihrer Zeit, reist durch Europa und weiß vom Leben in Versailles zu berichten. Ihre Freundin Sophie Dorothee von Württemberg heiratet den späteren Zaren Paul I.  (Diese Sophie und ihr Zar sind mir vor Kurzem im Schlossmuseum Jever begegnet – das wird noch einmal eine andere Geschichte).

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Einen Teil der Oberkirch-Memoiren hat ein begeisterter Franzose, François Vigneron, letztes Jahr ins Deutsche übersetzen lassen. Zuerst über eine erfolgreiche Start-Next Kampagne und dann noch mit viel eigenem Geld. Ich habe damals aus Interesse geholfen, ganz kleine Passagen wie die mit dem Haarschnitt für das Buch ins Deutsche zu übertragen. Natürlich war das vermessen von mir, die Profi-Übersetzung von Andrea Wurth ist tausendmal besser. Aber es hat Spaß gemacht, in die damalige Zeit einzutauchen. Wenn euch solche Berichte interessieren: Das Buch

„Memoiren der Baronin von Oberkirch: Abdruck einer schönen Seele“

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gibt es einmal hier als Hardcover und hier als Taschenbuch zu kaufen. Bei der Buchvorschau könnt ihr einen Eindruck vom Erzählstil der Baronin gewinnen. Ich bin noch lange nicht durch, und am Rand kleben lauter Post-Its.  Vielleicht schaffe ich es ja noch einmal, mir eine Szene vorzunehmen. Zum Beispiel aus dem Geschäft der Rose Bertin, der Stylistin von Marie Antoinette? Oder von Frisuren, in denen Vögel wippen? On verra, mal sehen. Für heute soll es gut sein.  Bon soir!