Nähen in „Weiberstrafanstalten“

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Anfang des letzten Jahrhunderts erhält der österreichische Journalist Stefan Großmann die Erlaubnis, Strafanstalten zu besichtigen.  Seine Reportagen darüber erregen Aufsehen. 1905 erscheinen sie in einem Buch .  Nachfolgend daraus einige Zitate, die Näh- und Handarbeiten der Häftlinge betreffen.

(Die Fotos habe ich im ehemaligen Gefängnis von Avignon gemacht, bei der schon erwähnten Ausstellung “La Disparition des Lucioles“).

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In einem Kloster in Böhmen:
Die Tür ist offen. Wir treten ein. In einem lichten, weiß getünchten Saale sitzen die weiblichen Sträflinge an langen Tischen. In der Mitte des Saales, auf einer Art Katheder, hat die aufsichtführende Nonne Platz genommen. Die Farbe der Kleider ist wieder eine verschiedene, je nach der »Klasse« der Sträflinge. Blaue Zwilchkleider für Rückfällige, graue für Besserungsfähige. Alle reinlich, nett, wohlgepflegt.

Hier ist der Stickereisaal.  Handstickereien werden hier angefertigt, und auch auf der Maschine wird gestickt. Voll Stolz zeigt mir die Oberin die ausgeführten Arbeiten, hauptsächlich Kirchenstickereien, gestickte Altardecken, Kirchenfahnen, Meßgewänder, Kelchdecken, alle Arten gestickter Paramente. In Gold- und Silberseide, in glutvollen, strahlenden Farben sind die Arbeiten ausgeführt, nach künstlerischen Mustern und Motiven. Aller Prunk und Glanz katholischer Kirchen ersteht plötzlich vor einem, sowie man vor diese zu heiligen Zwecken von unheiligen Händen verfertigten Stickereien tritt.
»Wir arbeiten fast nur auf Bestellung,« erklärt mir die Oberin.
»So? Wer bestellt diese Kirchenstickereien?«
»Die Pfarrämter selbst.«  ….

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Wir verlassen den Saal und gehen wieder über den Korridor. Über einer anderen Tür steht in großen Lettern geschrieben:

» Auf allen deinen Wegen beschützt dich Gott«  …

Durch diese Tür treten wir in die Weißnäherei. Hier arbeiten 18 bis 20 Weiber. Viele haben das Weißnähen hier erst gelernt. Drei Monate Lehrzeit genügen, dann muß der weibliche Sträfling durch seine Arbeiten bereits seinen Befähigungsnachweis erbringen können. Nicht nur für die eigene Anstalt arbeitet hier die Weißnäherei, sondern vor allem wird hier für das Militär gearbeitet, besonders für die Anstalten in Wiener-Neustadt und Mährisch-Weißkirchen. Auch ein Unternehmer läßt hier arbeiten.

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In einem Kloster vor den Toren Wiens:

Der Inspektor öffnet eine Tür: » Der Arbeitssaal der Rückfälligen.«    109 Frauen sitzen hier im Saal, abscheuliche alte Weiber mit verkniffenen, zwinkernden Verbrechervisagen neben jungen, im Ausdruck ernsten, glatten Gesichtern. . . Alle sind mit Handarbeiten beschäftigt, mit Sticken, Spitzenschneiden, Weißnäherei, die Ungeschicktesten oder die Unbeliebtesten mit Haftelsortieren. In jedem Saale sind gewöhnlich zwei Nonnen.

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… Im zweiten Arbeitssaal sitzen Jugendliche und Erstmalige bei ihren Handarbeiten. …

Der Arbeitssaal der Jugendlichen ist mit einem sehr sinnigen Wandschmuck bedacht. Da steht – ich spasse nicht – in großen, weithin sichtbaren Lettern:

» Nichts ist schwerer zu ertragen
als eine Reihe von schönen Tagen.«

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»Während der Arbeit wird immer gebetet,« sagte mir später der Verwalter, »oder es werden heilige Lieder gesungen oder es wird aus heiligen Büchern vorgelesen.«

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Hier noch ein paar Fundstücke, diesmal Männer und Jungen betreffend:

In einzelnen Zellen stehen Handwebstühle, auf welchen Jutestoffe erzeugt werden, in anderen Zellen tritt der Sträfling seine Nähmaschine, manche Zelle ist in die Werkstätte eines Schustergesellen verwandelt, in vielen Zellen werden Papiersäcke geklebt.
Nun kommen wir in den Pavillon der Jugendlichen. Die Jungen sitzen eben in den Arbeitssälen; hier werden Mützen erzeugt. Stillschweigend gehe ich an ihren Bänken vorbei, und jeder sieht mich mit großer Neugier an. Da in der letzten Bank sitzen ein paar besonders unentwickelte, kleine Jungen. Zwölf Jahre alt, würde man nach den glatten Knabengesichtern schließen. …

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In der Schneiderei wird mir eingebleut, alle Monturen, die hier angefertigt werden, sind nur für Feldwebel, Kadetten oder Staatsbahndirektionen. Diese emsig bei der Nähmaschine sitzenden, am Zuschneidetisch stehenden, das Bügeleisen führenden Sträflinge arbeiten nichts, das nicht ärarisch* wäre. »Die Gewerbetreibenden brauchen nicht zu jammern.«

*staatlich

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Soweit die Beobachtungen zu Näharbeiten in den Gefängnissen. Besonders interessiert hat mich der Abschnitt über die Aufträge der Pfarrämter – fragt man sich doch, wer eigentlich all die kostbaren Textilien für Kirchen und Klöster hergestellt hat.  Insgesamt hören sich die Schilderungen in den Zitaten vergleichsweise zivil an – das liegt aber nur daran, dass ich die Auswahl auf Handarbeitstätigkeiten beschränkt habe.  Insgesamt sind Großmanns Beobachtungen in den Strafanstalten erschütternd.  Sein Fazit: „Fangen wir an, uns vor unseren Verbrechern zu schämen!“

11 Gedanken zu “Nähen in „Weiberstrafanstalten“

  1. Danke! Ich liebe Deine interessanten Geschichten zu textiler Geschichte. Leider hatte ich jetzt, eigentlich sollte ich mich fertig machen um ins Büro zu eilen, keine Zeit allen Links zu folgen. Das werde ich am Nachmittag nachholen. Auch die Fotos sind „schön“ bedrückend aber auch schön!
    Liebe Grüße
    Teresa

  2. Vielen Dank, liebe Suschna, für deine mühevolle Recherche. Das ist alles sehr interessant und berührend. Wie hat sich so ein Pfarrer wohl gefühlt in so einem bestickten Gewand? Ich könnte mir vorstellen, dass diese „Buße“ von kirchlicher Seite als nur gerecht und angebracht empfunden wurde. Auch mir ist der Wandspruch sehr nahe gegangen.
    Ich bin ja jeden Tag froh, dass ich hier und jetzt lebe, und bei deinen Schilderungen gleich dreimal.
    Liebe Grüße,
    Nastjusha

  3. Die Fotos sind toll – und die Textstellen geben zu denken. Wenn ich das nächste Mal die wunderbar bestickten Gewänder in der Domschatzkammer bestaune, dann sicher nur mit einem komischen Gefühl im Bauch. Am Ende bleibt’s zu allen Zeiten immer das Gleiche: Ausgebeutete Arbeitskraft. (Den Spruch kenne ich von meiner Oma, aber bei ihr fand ich ihn immer witzig, in diesem Kontext ist er erschütternd…) LG Mila

  4. Sehr schöne Fotos- die Strukturen sind so morbide und passend zum Text.
    Die wirklich kostbaren Kirchengewänder wurden sicher in Klöstern von Nonnen hergestellt, die Materialien sind da wohl so wertvoll, dass nur motivierte Hände das wirklich gut verarbeiten konnten.
    Das ändert aber nichts daran, dass Häftlinge schon immer ausgebeutet wurden- deine Beispiele aus fernerer Vergangenheit sind nur Vorläufer der Westversandhausbettwäsche die unter schlimmen Bedingungen in der DDR hergestellt wurde.
    Oder die der Modellautos aus einer Haftanstalt, die der Frau Haderthauer schlussends zum Verhängnis wurden.
    (Redet noch jemand über Dicounter-Jeans aus chinesischen Gefängnissen?)

    • Ja, die Nonnen, das kommt noch mal extra. Und die anderen Themen wären auch interessant, am Ende mit fließendem Übergang zu den Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern.

  5. Spannend mal wieder – danke!
    (Als Kind und auch noch als Jugendliche waren Handarbeiten auch für mich eine echte „Sträflingsarbeit“ – wie gut, dass sich das gelegt hat…)

    • In dem Bericht über die österreichischen Gefängnisse kommt auch der Begriff „Strafhausarbeit“ vor, das scheint etwas ähnliches gewesen zu sein :-)

  6. Danke für Deine Recherchen und Fotos. Ich habe ähnliche Assoziationen wie Griselda.
    Wir denken, dass es dies und jenes heute nicht mehr geben kann aber die Jagd nach Profit ist Ursprung vieler Sachverhalte, über die wir uns (immer mal) wundern.
    LG Ute

  7. Leider musste ich ja die ZItate ziemlich zusammstreichen. Da wäre noch mehr gewesen, Z.B. Entlohnung der Gefangenen, unlauterer Wettbewerb, Stricken als „minderwertige“ Beschäftigung für Männer, Wäsche. Das Thema feine Handarbeiten, dh. die von Griselda angesprochenen hochwertigen textilen Arbeiten von Nonnen, kommt dann nochmal extra, wenn ich passende Quellenberichte gefunden habe.. So finde ich es spannender, auch wenn dann natürlich ein erklärende Kontext fehlt.
    In dem Gefängnis in Avignon war es wirklich sehr beklemmend, vor allem, weil es noch gar nicht so lange geschlossen ist.

  8. Vielen vielen Dank, ein ganz toller Text, und sehr beeindruckend/bedrückend zusammen mit den Bildern. Ja, so lange ist das alles gar nicht her. Und wieder mal die Kirche…

    Den Wandspruch, den finde ich wirklich das Unglaublichste. Wer um Himmels willen hat das da hin schreiben lassen? Da muss ich sofort an „Arbeit macht frei“ denken.

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