Kleine Jungen und alte Zöpfe

1782, Gainsborough, via

Die schönsten Berichte über Mode in der Geschichte  kommen doch immer von Zeitzeugen. Ich könnte nächtelang Memoiren danach durchforsten, ob dort nicht vielleicht auch ein bisschen von Kleidung und Lebensstil erzählt wird.  Letztes Jahr hatte ich schon die Briefe der Liselotte von der Pfalz nach Modethemen durchsucht. Heute kommt nun ein kleiner Ausschnitt aus den Memoiren der Henriette von Oberkirch (1754-1803). Die elsässische Baronin gehört in die Zeit Marie Antoinettes und hat damals Tagebuchaufzeichnungen verfasst, die ähnlich erfrischend sind wie Liselottes Briefe.

1783 ist die Baronin 29 Jahre alt.  Der Adel in Frankreich lebt das Leben des Ancien Régime und ahnt noch nichts von der Revolution, die sich sechs Jahre später ereignen wird. Freiheitliche Ideen schleichen sich aber schon ein, und sei es in Form einer neuen Haarmode für Kinder. Die Baronin berichtet:

1770, via

Dieses Jahr gab es eine Neuheit in der Mode für Kinder, die mir sehr gefiel. Man hatte aufgehört, ihnen den Kopf weiß zu pudern, wie es bisher üblich war. Sie waren ja gänzlich entstellt mit diesen pomadisierten Rollen, diesen Löckchen und diesem ganzen Aufzug. Nichts war lächerlicher als diese kleinen Wesen, mit Zopfbeutel, einem Hut unter dem Arm und dem Degen an der Seite. Seit sich diese Neuerung in der Haartracht durchgesetzt hat, tragen die Kinder die Haare rund und gut geschnitten, schön sauber und ohne Puder.

Diese Neuerungen in der Kindermode sind die Auswirkungen der Aufklärung. Bisher hatten die Kinder kleine Erwachsenen zu sein und wurden auch so gekleidet und frisiert. Die Haare der Jungen wurden wie bei den Männern in Löckchen gelegt, gepudert, zum Zopf gebunden und hinten in einem Beutel aus schwarzem Taft gesteckt. Dieser meist noch mit einer Schleife versehene Haarbeutel hinderte das Haar am Umherfliegen und schützte die Schultern vor dem Puder.

ca. 1750, de la Tour, via

Durch den Einfluss der Reformpädagogen des 18. Jahrhunderts wurde die Kleidung kindgerechter. Statt der steifen Erwachsenentracht trugen die Jungen jetzt einen in der Taille zusammengeknöpften lockeren Anzug, den Skeleton (frz. matelot). Für festliche Anlässe kamen noch Schärpe und Rüschenkragen hinzu. Puder, Zopf und Haarbeutel passten dazu gar nicht mehr.

Statt Degen lieber Rosen und Jojo

1789, Dauphin Louis Charles?, via

In der bürgerlichen Bevölkerung etablierte sich der Skeleton-Anzug erst ab 1800, aber die trendbewusste Königin Marie Antoinette ließ ihren ältesten Sohn schon 1784 in diesem Anzug und mit Kurzhaarschnitt malen (zusammen mit seiner Schwester):

LeBrun, via

Ebenso wie die Königin sind auch die Baronin Oberkirch und ihre Freundinnen 1983 der Ansicht, dass der alte Look nun wirklich unmöglich geworden ist. Sie stylen einen kleinen Jungen kurzerhand gegen den Willen des Vaters um.

Eines Tages brachte man den hübschesten kleinen Jungen der Welt nach Étupes, den Sohn eines Herrn aus der Nachbarschaft. Er trat wie sein Großvater gekleidet ein, hielt sich gerade, sehr beschäftigt mit seinem Degen und seinem bestickten Anzug. Völlig lächerlich, kann ich versichern. Fräulein von Domsdorf flüsterte mir zu, dass es einer Verschwörung bedürfe, um das Kind modisch auf den neusten Stand zu bringen. Sie nahm also die Mutter des kleinen Mannes mit, während der Vater seine Aufwartung machte, und stellte es so geschickt an, dass die Mutter bald ihren Wunsch teilte, den armen Erben von seiner Qual zu erlösen. Die Verschwörer, bestärkt von der Mutter, die aber so tun wollte, als ob sie davon nichts wüsste, nahmen das Kind mit in das Zimmer der Frau Hendel, wohin man den Leibfriseur der jungen Prinzen kommen ließ. In einer halben Stunde ging die ganze Verwandlung vonstatten und er erschien wieder im Salon, sehr zu seinem Vorteil verändert.
Daraufhin waren die unterschiedlichsten Ausrufe zu hören. Der Vater war zunächst ungehalten, wagte es aber nicht, die Sache zu schlecht aufzunehmen und gab schließlich zu, dass die Verwandlung auch von Vorteil war.

Bei den erwachsenen Männern dauerte es etwas länger, bis sich die Änderung in der Herrenmode durchsetzte und alle Köpfe zopflos wurden. Spätestens nach der französischen Revolution galt es, mit der Zeit zu gehen.  Goethe trug sein Haar seit 1792 offen. Der preußische Soldatenzopf wurde dagegen erst 1807 abgeschafft.  Deshalb spricht man noch heute vom „alte Zöpfe abschneiden“, wenn man längst veraltete Regeln oder Ideen überwinden will.

Madame Oberkirchs kleine Modeanekdote ist gar kein langweiliger alter Zopf,  wie ich finde. Obwohl sie eigentlich viel wichtigere Dinge erlebt hat. Sie trifft berühmte Leute ihrer Zeit, reist durch Europa und weiß vom Leben in Versailles zu berichten. Ihre Freundin Sophie Dorothee von Württemberg heiratet den späteren Zaren Paul I.  (Diese Sophie und ihr Zar sind mir vor Kurzem im Schlossmuseum Jever begegnet – das wird noch einmal eine andere Geschichte).

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Einen Teil der Oberkirch-Memoiren hat ein begeisterter Franzose, François Vigneron, letztes Jahr ins Deutsche übersetzen lassen. Zuerst über eine erfolgreiche Start-Next Kampagne und dann noch mit viel eigenem Geld. Ich habe damals aus Interesse geholfen, ganz kleine Passagen wie die mit dem Haarschnitt für das Buch ins Deutsche zu übertragen. Natürlich war das vermessen von mir, die Profi-Übersetzung von Andrea Wurth ist tausendmal besser. Aber es hat Spaß gemacht, in die damalige Zeit einzutauchen. Wenn euch solche Berichte interessieren: Das Buch

„Memoiren der Baronin von Oberkirch: Abdruck einer schönen Seele“

ober

gibt es einmal hier als Hardcover und hier als Taschenbuch zu kaufen. Bei der Buchvorschau könnt ihr einen Eindruck vom Erzählstil der Baronin gewinnen. Ich bin noch lange nicht durch, und am Rand kleben lauter Post-Its.  Vielleicht schaffe ich es ja noch einmal, mir eine Szene vorzunehmen. Zum Beispiel aus dem Geschäft der Rose Bertin, der Stylistin von Marie Antoinette? Oder von Frisuren, in denen Vögel wippen? On verra, mal sehen. Für heute soll es gut sein.  Bon soir!

9 Kommentare

  1. Schön wieder einen Ausflug mit Dir zu machen!
    Allein, wenn man sich mit der Kindermode befasst, läßt sich immer toll historische ereignisse dazulegen.Obwohl das natürlich immer nur auf die ganz Oberen zutrifft. Allein sich vorzustellen wie oft der Schneider ranmußte beim Wachstum enes Kindes, um die edle Garderobe passend zu haben.

    • Ja, ich sollte konsequent noch viel mehr darauf hinweisen, dass all diese Dinge nur für die Wohlhabenden galten. Leider weiß man von den anderen zu wenig, bzw. es wurde auch wenig erforscht. (noch?)

  2. Liebe schuchna,
    vielen Dank für diesen Zusammenhang zwischen Zeitgeist und Haarpracht! Mir fällt auf, dass in letzter Zeit ein umgekehrter Prozess stattfindet und die Mädchen und auch Jungs wie Erwachsene in Miniatur ausstaffiert werden. Lolitas und kleine Lords in Lederjacken und Skinny-Jeans.. .Und zwar nicht nur die Kinder der Promis.
    Was das wohl für ein Licht auf unsere Kultur wirft?
    Ich freu mich schon auf die Geschichte von Sophie und ihrem Zaren…
    Lieben Gruß von der
    Scherbensammlerin

    • Das stimmt, haha. Allerdings sind manche Erwachsene auch wie Kinder gekleidet. Ist wohl je nach Bereich unserer Kultur anders ausgerichtet?
      Mit Sophie ist es auch interessant, komm bloß zu wenig zu allem. Eigentlich wollte ich über das Museum berichten, ist irgendwo auf der Warteliste.

  3. Super, wieder ein Fortsetzungs-Roman-Bericht hier in diesem blog. Ich schwärme für dieselben (blog und Fortsetzungsromane). Noch kann ich mich erinnern, mit welcher Begeisterung wir Freundinnen damals die Hörreihe „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“ fiebernd verfolgten. (Kultserie im Kultsender SWF3). Aber „Baronin von Oberkirch“ das klingt mindestens ebenso vielversprechend und (mit-)reißerisch. Ich bin gespannt.
    Carmen

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