20 wunderbare Funde aus dem MKG Hamburg – #gemeinfreitag

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat einen Teil seiner Sammlung ins Internet gestellt und damit öffentlich zugänglich gemacht. Viele dieser Digitalisate hat das Museum der Public Domain zugeordnet, sie sind ohne Einschränkungen nutzbar – in Deutschland ist das für ein Museum ein ziemlich einzigartiger Schritt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, kann ich doch bisher mangels gemeinfreier Bilder nur wenig über deutsche Themen berichten.  Und was für wunderbare Aufnahmen ich schon bei einer ersten Durchsicht der Hamburger Sammlung gefunden habe! Nachfolgend eine kleine Auswahl.

„Frauen in schwedischer Turnkleidung“

Schwedische Turnkleidung? Das „schwedische Turnsystem“ brachte Geräte wie die Sprossenwand nach Deutschland, die damals noch „schwedische Rippenwand“ hieß. Schnürleiber wurden weggelassen, aus Röcken wurden Pumphosen, schwedische Turnhosen genannt.

„Pferd Pyramiden der Mädchen“

„Dunkelbraunes handgestricktes Kostüm. Darunter eine rosa Toilebluse. Weinroter Filzhut.“

 „2 Badeanzüge aus reiner Wolle / getr. v. Leila Diane und Tamara […?] / Modelle: Roeckl, Berlin“. Fotografin Yva,

„Island / 1906 / Große Wäsche in den heißen Quellen bei Reykjavik. Das heiße dampfende Wasser ist übergittert. Links kaltes fließendes Wasser.“

„Hamburg Hafen 1889. Jan Maat mit seinen Leuten, trocknen die Wäsche“

„Dorfkinder, um 1886“

„Hamburg / 1908 Breitergang / Produktenhändler“

Heute würden wir sagen: Recyclingbetrieb. Der Händler auf diesem Foto handelt offenbar mit Rohprodukten, nämlich Lumpen, die für die Papierherstellung nötig waren. Aus 1,5 kg Lumpen konnte 1 kg Papier gewonnen werden.

„D45 Second-Hand Clothes Store“

Gebrauchkleiderhandlung in Japan, 1880 – 1890.

„Illegale Einwanderer in einer Familienunterkunft in Ellis Island“

Vielen Dank an das MKG für den Schritt, die Aufnahmen ohne Einschränkungen nutzbar zu machen! Nur so war es mir möglich, die Bilder hier im Blog zu zeigen und zu verbreiten. Einen weiteren großen Schatz der Sammlung muss ich noch heben: Hunderte Daguerrotypien warten darauf, durchforstet zu werden. Ich liebe ja die Porträtaufnahmen aus den Anfängen der Fotografie, die die Menschen viel menschlicher wirken lassen. Dazu folgt dann noch eine Fortsetzung.

Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.

 

15 Dinge aus dem freien Netz gefischt: Alles in Blau

Der Vollmond scheint durch die Zweige und ich vertreibe mir mal wieder die Nacht damit, in Datenbanken freie Bilder aufzustöbern. Bilder, deren weitere Nutzung erlaubt ist, so dass ich sie hier im Blog zeigen darf. Die Suche ist immer aufregend, man findet die schönsten und seltsamsten Dinge. Heute war ich bei den Flickr-Commons unterwegs. Aus dem Sammelsurium der Entdeckungen hier eine Auswahl, kuratiert zum Thema „Blau“.

1.

Image from page 170 of "A nomenclature of colors for naturalists : and compendium of useful knowledge for ornithologists." (1886)

2.

Untitled

Untitled

Cyanotypien, Blaudrucke, von 1890. Ein bisschen unheimlich, oder?

3.
A_M998-1-12

Frau ohne Hände, noch eine Cyanotypie, von 1896. Da macht sich wohl jemand über die übertriebene Ärmelmode lustig?

4.
Image from page 148 of "New products manufactured by Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning, Hoechst on the Main, Germany." (1900)

Ich glaube diese gescannte Mottenlarve(?) hatte ich schon einmal, das Bild liebe ich wirklich sehr!

5.
Image from page 62 of "A new elucidation of colours, original, prismatic, and material : showing their concordance in three primitives, yellow, red, and blue, and the means of producing, measuring, and mixing them : with some observations on the accuracy
Buch über Farbtheorie, 1809

6.
A John Lewis Partnership shop window
Stoff-Schaufenster, 1970er Jahre

7.
Synchronised Swimmers
Synchronschwimmen, 70er Jahre.

8.
Image from page 102 of "Seat work and industrial occupations; a practical course for primary grades" (1905)
Vorschlag für den Fußboden in einem Puppenhaus-Badezimmer.

9.
Image from page 146 of "Revue générale des mati`eres colorantes et des industries qui s'y rattachent" (1908)
Stoffmusterbuch 1908

10.
Rickey Doublerly knitting a fishing net: Jacksonville, Florida

Urform des Häkelns und Strickens.

11.
Seilbåt i Oslofjorden
Oslo, 1937

12.
Image from page 19 of ""More Light: The Modern Well-lighted Plant is the "Barreled Sunlight" Plant" (1921)
Sonnenlicht im Fass

13.
Image from page 1465 of "The Ladies' home journal" (1889)

Wusstet ihr, dass Spam-Mail nach diesem Dosenfleisch benannt ist? Mitgeholfen hat ein Sketch von Monty Python.

14.
Image from page 8 of "Lace sample book" (1900)
Spitzenmuster, 1900

15.

Image from page 353 of "Elementary treatise on the finishing of white, dyed, and printed cotton goods" (1889)

Haut das Blau auf eurem Bildschirm auch so rein? Dagegen erblasst der Vollmond und ich kann endlich ins Bett gehen. Gute Nacht, bis bald!

(Quelle = Klick aufs Bild)

(Ursprünglich wollte ich diese Serie ja mit dem Hashtag #gemeinfreitag versehen, aber das geht bei den Flickr-Commons ohne genaue Prüfung nicht. Zwar haben die Museen und Bibliotheken ihre Bilder dort hochgeladen, bei jedem Bild steht „no known copyright restrictions“,  aber wenn man dann genau hinsieht oder auf die Ursprungsseiten der Institutionen geht, gibt es oft Einschränkungen, z.B. wird eine Verwendung nur zu Bildungszwecken erlaubt. Daher hier der Disclaimer: Ich habe nicht geprüft, ob die Bilder wirklich gemeinfrei sind!)

Tagesablauf einer Kaufmannstochter um 1820

1

Wie war das Leben  als junges Mädchen um 1820? Zum Glück haben manche Frauen ihre Erinnerungen für uns aufgeschrieben. Fanny Lewald, geboren 1811, hing als Dreizehnjährige ziemlich herum, nachdem ihre Privatschule in eine andere Stadt gezogen war:

Die ersten Paar Wochen, nach dem Verlassen der Schule, gingen mit allerlei Versuchsbeschäftigungen hin. Die Mutter wußte mich nicht recht zu verwenden, ich trieb mich also ziemlich planlos in den Stuben umher, bis ich irgend ein Buch erwischte und mich in einen Winkel hinsetzte, um zu lesen. Das lag jedoch gar nicht in meines Vaters Absichten, und eines schönen Morgens, kurz vor dem ersten Oktober, überraschte er mich mit folgendem, von ihm selbst aufgesetzten Stundenplan, den ich seitdem oft mit lächelnder Rührung betrachtet habe und den ich der Originalität wegen hersetze:

Stundenzettel

für

Fanny Marcus,

entworfen Ende September, gültig bis zur veränderten Jahreszeit und bis andere Lehrstunden eintreten.

Allgemeine Bestimmung:

Des Morgens wird spätestens um 7 Uhr aufgestanden, damit um 71/2 Uhr das Ankleiden völlig beendet sei.

Der folgende Tagesablauf ist ziemlich streng und beengt, dennoch habe ich Lust, die Vorgaben einmal probeweise zu erfüllen (Handarbeiten ist dabei). Aus etwas nervigen Gründen bin ich morgen sowieso ans Haus gebunden, also bietet es sich an, mich ein bisschen in Fannys Tag hineinzuversetzen. Ich trage dann hier immer weiter ein, was ich erlebe. Schaut also gern wieder vorbei, lassen wir uns überraschen.

Bis morgen früh, völlig beendet angekleidet!

8:23

Ich liege schon 23 Minuten zurück im Zeitplan, hatte natürlich nicht bedacht, dass ich selbst eigentlich einem Backfisch-Haushalt vorstehe und keine Dienstboten habe, die das Frühstück vorbereiten und frische Socken aus dem Waschkeller holen. Aber nun weiter in Fannnys Tagesplan.

von 8 – 9 Uhr Clavierstunde. Uebung neuer Stücke.

Oje, ich habe unser Klavier bestimmt ein Jahr nicht benutzt und brauche Musik, die damals aktuell war. Zum Glück schreibt Fanny auch über Lieder, die sie auf Ausflügen sang:

Da zwischen kam auch das Lied des Kosacken, die sogenannte »schöne Minka« vor, und diese Lieder waren von einer solchen Wirkung, von einer solchen belebenden Kraft nicht nur auf mich, sondern auf alle meine Geschwister, daß sie uns immer wieder erschütterten und erhoben, und wir einen wirklichen Genuß davon hatten, sie mitzusingen.

Dazu habe ich die Noten, und die werde ich nun probieren. Bis später!

9:52

Erst fühlte ich mich ja wie ein Kind zum Üben gezwungen, aber dann kam doch ein Flow. Klavierspielen ist schön entspannend und entrückend, das hatte ich vergessen. Aber nun weiter, ich liege sehr zurück im Plan.

“ 9 – 12 “ Handarbeit, gewöhnliches Nähen und Stricken.

Drei Stunden Handarbeit! Und zwar gewöhnliche, für den Haushalt und Kleidung nützliche Arbeiten wie Stopfen, Ausbessern und Strümpfestricken. Fanny steht da ziemlich unter Druck

Wenig Tage vergingen, an denen mir die Mutter nicht vorhielt, daß Nichts widerwärtiger und unbrauchbarer sei, als ein gelehrtes unpraktisches Frauenzimmer, und daß ich alle Aussicht hätte, ein solches zu werden; wenig Wochen, in denen der Vater mich nicht daran erinnerte, daß wir unvermögend wären, daß die Haushälterin so bald als möglich abgeschafft, und ich der Mutter, deren Gesundheit sehr schwankend war, eine Hilfe werden müßte.

Dann sehe ich mich mal nach Stopfanleitungen von 1800 um. Bis später!

10:46

Gar nicht leicht, so alte Handarbeitsbücher zu finden. Das Wasch-Bleich-Platt-Naeh-Buch von 1796 zum Selbstunterricht für Damen ist deshalb sehr spannend.

Und hat auch einen schönen 220 Jahre alten Deckel.

Ich gebe zu, statt gewöhnliche Handarbeiten hat mich nun ein PC-Problem beschäftigt. Aber das Waschbuch ist eine Goldgrube, zum Beispiel steht dort genau, wie man Monogrammvorlagen auf Stoff übertragen soll – ein Problem, das wir hier schon oft in all seinen Varianten hatten, und das noch einmal einen eigenen Beitrag wert wäre.

12:04

Ok, ich habe einen Hosenknopf angenäht, ein Stück weniger im Ausbesser-Korb. Das Waschbuch empfiehlt wöchentliches Flicken, damit sich nicht alles ansammelt und das jährliche oder halbjähliche Waschfest dadurch ein noch verdrießlicheres Geschäft wird. Jungere, muntere Waschweiber werden auch empfohlen.

Das Waschbuch betont im Nähteil, dass lange Übung und ein gutes Auge notwendig sind, „damit eine Person gut Säumen könne“. Der Faden muss immer im richtigen Abstand, mit der richtigen Spannung und in derselben Stichlänge ausgeführt werden. Dazu fiel mir ein großes Bettlaken aus meinem Fundus ein, das in der Mitte aus zwei Leinenbahnen zusammengesetzt ist. Die Webkanten sind nur ganz knapp mit einer Handnaht verbunden. Ob die Naht (und das Mongramm) Gnade gefunden hätten?

Ich selbst hätte heute vormittag sicher Ärger bekommen, denn der Kater ist mit seinen dreckigen Pfoten über meine Dauerstickerei gelaufen – die Unterschriften-Gästebuchdecke.

“ 12 – 1 “ Nachlesen der alten Lehrbücher, als: Französisch, Geographie, Geschichte, Deutsch, Grammatik u.s.w.

“ 1 – 21/2 “ Erholung und Mittagessen.

Ok, das mache ich jetzt alles. Ich nehme mir ein bisschen den ungelesenen Zeitungsstapel vor und koche mir nebenher eine „Wassersuppe“, wie sie bei Fannys Familie üblich war, wenn die Geschäfte des Kaufmannsvaters mal wieder nicht so gut gingen.

13:19

Gerade gelernt: Meine Hühnerbrühe aus teurem Fleisch ist eigentlich gar keine Wassersuppe. Der Begriff für das Arme-Leute-Essen bezog sich nur auf Suppen aus Wasser, Salz, Kräutern und Stärke (z.B. Gries, Brot oder Reis). Butter und Ei kamen auch hinein, wenn es die Finanzen hergaben, aber Brühen aus Fleisch oder Fisch waren eine andere Liga.

“ 21/2 – 5 “ Handarbeit gleich oben.

Oje, da bin ich gar nicht in Stimmung. Schon wieder Sticheln, zweieinhalb Stunden. Och nöööö.

Fünf Stunden an jedem Tag saß ich in der Wohnstube an einem bestimmten Platz am Fenster und erlernte Strümpfe zu stopfen, Wäsche auszubessern und beim Schneidern und andern Arbeiten Hand anzulegen.

Ganz interessant, unsere gängige Vorstellung von der Bürgerstochter im Müßiggang mit Stickrahmen im Salon wird hier ins Wanken gebracht. Nadelarbeit war eine lästige, aber nützliche Arbeit.

2

Fanny hatte noch in der Schule „eine große Lust zu feinen Handarbeiten bekommen“, nur war das im Haus nicht so gebraucht. Schade, mich würden ja zum Beispiel diese merkwürdigen Gebilde, Stickvorlagen aus einem Buch von 1795, in der Umsetzung interessieren.

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Ob ich schummle? Unnütze Stickerei statt Haushalt? Mal sehen.

16:59

Ja, geschummelt, eines der unnützen Wesen von oben entsteht gerade auf meinem Stickrahmen. Zeige ich, wenn es fertig ist.

(Nachtrag: Hier ist eine der „Chinoiserien“, das fliegendes Blattgebilde mit Tannenbaum drin, in Seidenfaden umgesetzt.

Hat ganz schön lang gedauert, über mehrere Tage.)

Vom Stopfen konnte ich mich leichten Herzens abwenden, als ich mich an dieses fadenscheiniges Damasthandtuch erinnerte, das an mindestens acht Stellen ziemlich grob geflickt ist.20170321_150431 (1024x576)

Dem Monogramm nach gehörte es meiner Großmutter – und oje, da hatte jemand aber ÜBERHAUPT keine Lust zum Kunsstopfen.

“ 5 – 6 “ Clavierstunde bei Herrn Thomas.

Dafür sieht es nun schlecht aus, denn ich konnte  die Netflix-Guckerinnen im Wohnzimmer nicht vertreiben, die sich dort von ihrem Schultag erholen. Sie schlugen mir vor, die Aktion hier nicht so eng zu sehen :) Ok.
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“ 6 – 7 “ Schreibeübung.

Was damit gemeint ist? „Gedichtabschreiben zur Uebung der Handschrift.“

An dieser Stelle tippe ich noch ein bisschen weiter Fannys Stundenplan ab. Montag bis Sonnabend sind ziemlich gleich durchgetaktet, nur der Sonntag ist „frei“.

Sonntag wird völlig der Bestimmung von Fanny anheimgestellt, mit Ausnahme der Clavierübung von 8–9 Uhr; jedoch müssen die wöchentlich unnöthig versäumten Lektionen nachgeholt, und die Stunden, welche am Clavier durch Ausgehen oder durch Besuche versäumt worden, genau ersetzt werden.

Fanny wird durch pünktliche Erfüllung dieses Stundenzettels und durch sonstiges gutes Betragen sich bemühen, ihren Eltern den Beweis zu geben, daß sie würdig sei, noch anderweitigen Unterricht zu erhalten, und von ihrem Vater für ihre Erholungsstunden gute Lesebücher zu bekommen.

Besuch außer dem Hause wird wöchentlich einmal, und nur ausnahmsweise zweimal stattfinden.

So so. Der Vater macht es ihr extra langweilig,  interessanten Unterricht und bessere Bücher muss sie sich als Belohnung erst verdienen.

Fanny fand den Wochenplan in Ordnung.

Diese Anordnung mit ihrer befehlenden Kürze erschien mir weder auffallend, noch hart. Ich war von Kindheit auf an eine sehr bestimmte Zeiteintheilung und Zucht gewöhnt, und ich bin gewiß, daß der Stundenzettel meiner Mutter damals ebenso wie mir eine Erleichterung gewährte. Er nahm ihr die Sorge, was sie mich thun lassen solle, und enthob mich dem Unbehagen, das in mir durch ihre wechselnden Versuche, mich zu beschäftigen, erzeugt worden war. Aber langweilig wurde dieser Winter mir im höchsten Grade.

21:00

Am Abend hatte Fanny das niederschlagende Gefühl,

den Tag über nichts Rechtes gethan zu haben, und einen brennenden Neid auf meine Brüder, welche ruhig in ihr Gymnasium gingen, ruhig ihre Lektionen machten, und an denen also lange nicht so viel herumerzogen werden konnte als an mir. Ihr ganzes Dasein erschien mir vornehmer als das meine, und mit der Sehnsucht nach der Schule regte sich in mir das Verlangen, womöglich Lehrerin zu werden und so zu einem Lebensberuf zu kommen, bei dem mich nicht immer der Gedanke plagte, daß ich meine Zeit unnütz hinbringen müsse.

Fanny wurde dann Schriftstellerin. Es gelang ihr, durch das Schreiben wirtschaftlich unabhängig zu sein und ohne familiäre Zwänge heiraten zu können. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der Frauenemanzipation und lebte noch lang, bis 1889.

Das Thema Mädchenerziehung und weibliche Nadelarbeit hatten wir hier schon einmal. Bei Wohin das Herz uns treibt kam auch die Frage auf: Hat die Befreiung der Frau zum Niedergang eines Kulturgutes geführt?

In Fannys Fall ist es jedenfalls gut, dass ihre Erinnerungen dank ihres Berufs 200 Jahre überdauert haben.

Das wars für heute, guten Abend und gute Nacht!

Zitate aus: Fanny Lewald, Meine Lebensgeschichte, Erster Teil, Berlin 1861

Bildquellen

  1. William Edward Frost, Girl with a Bow, Drawing, ab 1810, NGA
  2.  Ausschnitt, In het weeshuis te Katwijk-Binnen, David Adolph Constant Artz, ca. 1870 – 1890, Rijksmuseum
  3. Willem van der Kooi, Het gestoorde pianospel, 1813 Rijksmuseum

Mode-Mythen: Königin Luise und ihr Halstuch

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Die berühmte und beliebte Königin Luise von Preußen trägt auf vielen Porträts eine weiße Halsbinde. Dieses Tuch ist so etwas wie ein Markenzeichen der Ikone. Was hat es damit auf sich? Wollte Luise eine Schwellung am Hals verstecken, wie oft behauptet wird? Oder hatte sie einfach nur Angst vor Erkältung? Fand sie ihren Hals generell zu dick? Solche Erklärungen finden sich überall. Der Legende nach löste Luise mit diesem außergewöhnlichen Halsschmuck einen Modetrend aus. Wikipedia: „Sehr schnell wurde aus dem Notbehelf jedoch eine Modeerscheinung“.

Luise als Halsbinden-Trendsetterin? Kann das sein? Es gibt Zweifel an dieser Theorie.

Crown Princess Louise of Prussia & Frederica of Mecklenburg-Strelitz, after Johann Gottfried Schadow, Royal Porcelain Factory, Berlin, c. 1825-1850, porcelain - Fogg Art Museum, Harvard University - DSC01295

Erste Abbildungen mit Schal

Luises Halsbindenlook ist zuerst von der sogenannten Prinzessinnengruppe des Bildhauers Schadow bekannt. Die Schwestern Luise und Friederike, 18 und 16 Jahre alt,  heirateten 1793 praktischerweise gleich doppelt in die Königsfamilie hinein. Der Hofbildhauer Schadow bekam den Auftrag, die beiden Prinzessinnen zu porträtieren. Er stellte die Schwestern natürlich und locker, in dünner, körpernaher Kleidung dar, für damalige Verhältnisse sehr gewagt. 1795 wurde die Prinzessinnengruppe aus Gips erstmals ausgestellt, 1797 entstand sie in Marmor.  Bei den Vorbereitungen hatte Schadow Luise gezeichnet. Auf der Skizze trägt sie ein locker um den Kopf und Kinn gebundenes Tuch. Schadow beschrieb sich 50 Jahre später in seinen Memoiren selbst, als Künstler beim Modellieren der Schwestern:

…er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung. Der Kopfputz der Kronprinzessin und die Binde unter dem Kinn sollte eine Schwellung decken, die am Halse entstanden war, nachmals aber wieder verschwand“

Prinzessinnengruppe Porzellan KGM 09-113 detail

Diese Erklärung gab Schadow auch einem anderen interessierten Bildhauer, der später notierte:

»Ich mußte es thun«, war seine Antwort, »weil die eine Prinzessin einen dicken Hals hat.« In der That, ich traute meinen Ohren nicht, als ich dies hörte. O, der armen bedauernswürdigen Kunst, die sich in ihrem veredelnden zum ideal hinstrebenden Geschäfts nicht einmal über einen dicken Hals wegsetzen darf.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, schließlich ist die Auskunft des Bildhauers deutlich. Aber stimmt sie auch? Würde ein Bildhauer, der lange an einem Standbild arbeitet, sich nicht doch über so eine (ja offenbar vorübergehende) Halsschwellung hinwegsetzen, sie einfach nicht abbilden? Auch gerade der jungen Frau zuliebe?

Es spricht hier einiges dafür, dass Luise das Tuch nicht als Notbehelf, sondern aus modischen Gründen trug. Sie war bekanntermaßen ein It-Girl der damaligen Zeit, ein Fashion-Victim. Sie erhielt regelmäßig Modeneuigkeiten, auch über das Journal des Luxus und der Moden, in dem Berichte und Bildtafeln die neusten Trends in Paris und anderswo zeigten.

Die Mode mit den Halsbinden

Schon 1792 berichtet ein Beobachter im Journal des Luxus und der Moden von einer Neuigkeit, die ihm gar sehr missfällt: Die Frauen binden nämlich

sogar das Band ums Haar unter dem Kinne zu, und verkennen dabey gewaltig ihren Vortheil. Ein minder schöner Hals fällt immer dadurch mehr in die Augen, und ein schöner Hals – wirklich, das ist sehr ungerecht von Ihnen, meinen Damen, dass Sie, um einer flüchtigen Mode willen, uns arme Männer auf eine Zeitlang um einen schönen Anblick bringen wollen, der uns so viel werth ist!“

So flüchtig wie der Beobachter hofft, war die Mode nicht. Im folgenden Jahrzehnt finden sich zahlreiche Abbildungen dieses Looks. (Leider kann ich in diesem Artikel nur wenige der vorhandenen Bilder zeigen. Deutsche Museen sind ja bisher sehr knauserig mit ihren Bildrechten, das macht sich bei diesem Thema bemerkbar).

journallmjuni1796Journal des Luxus und der Moden 1796

Untitled Fashion Plate LACMA 54.89.154a-b (2 of 2)spätes 18. Jhd

Später war eine eng anliegende Halsbinde, die hinten ansteigt, ein verbreitetes modisches Accessoire, auch Luise trug sie gern und wurde mehrmals so auf Bildern gezeigt.

Lauer 6Porträt Luise, 1798

Caroline de la Motte beschreibt 1830 in einem Rückblick auf die Mode seit 1785 einige „geschmacklose Modeverirrungen“,  zum Beispiel eine Halsbinde bei Frauen:

der Hals erschien unförmlich dick , denn man umwand ihn mit einem achtfach zusammengelegten Tuche, nach Art übertriebener Männerkravaten“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die Halsbinde Luises Markenzeichen, auch auf späteren „Phantasie“-Porträts. Der Luisenkult um die preußische Madonna zitierte den Schal immer wieder.

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Fazit: Luise hat die Halstuchmode nicht erfunden

Sie hat den Trend aber aufgegriffen. Vielleicht fand die 18jährige ihren Hals tatsächlich etwas zu dick und war dankbar über den kaschierenden Look. Dem älteren Bildhauer Schadow war die Mode wahrscheinlich zu fremd, er erklärte das Accessoire lieber medizinisch. Ich erinnere mich selbst daran, dass wir uns in meiner Jugend bunte Windeltücher um den Hals schlangen, oder lange Wollschals, was als ungewöhnlich galt. Die Großelterngeneration reagierte darauf bei mir mehrmals irritiert-belustigt mit der Nachfrage: „Hast du Halsschmerzen?“ Ebenso erging es uns, als wir uns ganz im Künstler/Architekten-Schwarz kleideten. Ich kann mich noch an Bemerkungen erinnern wie: „Gehst du zur Beerdigung?“ So etwa in dieser Art erkläre ich mir Schadows Erinnerung.

Der Katalog zur vergangenen Ausstellung Luise: die Kleider der Königin nimmt ebenfalls an, dass Luise mit der Kinnbinde nur einem Modetrend folgte. Das ist bisher aber die einzige zweifelnde Stelle, die ich gefunden habe. Dagegen steht die beliebte und verfestigte Legende vom Halsverband einer Kränkelnden, der in die Modegeschichte einging. 

Wenn ich mal richtig gut drauf bin, werde ich versuchen, den Wikipedia-Artikel in Richtung der neuen Erkenntnis zu ändern. Ich weiß aber schon aus Erfahrung, dass ich da mit Wachhunden zu rechnen habe, in diesem Fall wahrscheinlich pensionierte Preußenforscher, die zur Hochform auflaufen. Da sollte ich dann besser wirklich alles mit 1A-Quellen belegen können, ich dahergelaufenes Häkelmäuschen.

Wünscht mir Glück!

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Weiterführende Info:

Reimar F. Lacher, Schadows Prinzessinnengruppen

Luise: die Kleider der Königin : Mode, Schmuck und Accessoires am preussischen Hof um 1800

Ein Transvestit bei E.T.A. Hoffmann und andere Beobachtungen

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In diesen bitterkalten Berliner Januartagen bin ich voller Neugier zum Gendarmenmarkt gefahren – ich wollte den Blick auskundschaften, den der Dichter E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren auf das Markttreiben hatte. Schuld an dem Fangirling waren schöne Kleidungsbeschreibungen, die ich in Hoffmanns Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ von 1822 gefunden hatte. Hoffmann wohnte direkt am Gendarmenmarkt, in der Erzählung fabuliert er mit einem Gesprächspartner über die Menschen, die sie aus dem Fenster heraus beobachten, sie dichten ihnen Geschichten an.

Schauspielhaus Berlin um 1825Gendarmenmarkt 1825

Nur einige Beispiele, garniert mit vielleicht ja passenden Bildern:

samtturban1923Samtturban 1823

Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

turbanfrisur-547x800Turbanfrisur vor 1810

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Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strickwolle …

Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Äußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantilischer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen, so schnell sie konnte, während die Alte, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf.

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liebeseufzende Jünglinge in blauen Röcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß

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die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Shawl ist modern – der Hut passend zur Morgentracht, so wie das Kleid von geschmackvollem Muster – alles hübsch und anständig – o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidene Schuhe. Ausrangierte Ballchaussure auf dem Markt!

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Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weißen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dem dicksten Gedränge des Volkes emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor – ein großes, schlankgewachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen – der Überrock von rosarotem schweren Seidenzeuge ist funkelnagelneu – der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen – weiße Glacéhandschuhe. –… Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, um dem erblindeten Landwehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand – hilf Himmel! eine blutrote, noch dazu ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Vorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückt sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt…

Beim ersten Lesen dieses Textabschnittes dachte ich: Ach, das ist dann wohl eine für die Öffentlichkeit fein ausstaffierte Dame, die in Wirklichkeit hart arbeiten muss, daher die roten Hände. In Wirklichkeit schildert Hoffman hier aber einen Mann in Frauenkleidern, als Indiz liefert er dem Leser auch noch den Inhalt des Einkaufskorbs  („ein Paar Pantoffeln – ein Stiefelknecht“) und  nennt die Figur das „leichtsinnige Kind der Verderbnis“.  Männer, die gern Frauenkleider tragen und umgekehrt, Frauen, die als Mann auftreten, gab es durch alle Epochen hindurch. Die Bezeichnung Transvestit stammt dagegen aus dem 20. Jahrhundert, vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld.

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Der Vetter in der Erzählung sitzt gelähmt am Fenster – so wie E.T.A. Hoffmann auch, der in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr laufen konnte.

etahoffmann1812nachhenselgermanclassicsof05fran_0473E.T.A. Hoffmann

Vielleicht trug er ja auch die Kleidung des Vetters:

Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. … Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte.

Was ein Warschauer Schlafrock war, habe ich noch nicht raus, aber die Bezeichnung war damals verbreitet.

portrait-louis-royerPortrait des Bildhauers Royer

Hoffmann wohnte mit seiner Frau Mischa ab Juli 1815 im Eckhaus Taubenstraße 31/ Charlottenstraße. Das Wohnhaus, von dem er auf den Markt blickte, wurde später durch ein anderes Gebäude ersetzt, heute hätte der Dichter hier im 3. Stock am Fenster gesessen:

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Daran erinnert auch eine Gedenktafel am Haus (heute das Restaurant Lutter und Wegner).

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Hoffmann zeichnete selbst ein Skizze seiner Wohnlage, inklusive seines Kopfes mit Pfeife im Arbeitszimmer und den Blick auf die Gemüsefrauen neben dem Dom. Zur Verdeutlichung und in völligem Nerdtum habe auch ich hier auf einem alten Plan seinen Standort (hellblau) und seinen Blick (gelb) markiert

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und das Areal fotografiert:

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Viel mehr Informationen gibt es im Hoffmann-Portal. Bei den Recherchen wurde mir erst klar, wie viele Fans der als feierfreudig bekannte Dichter auch heute noch hat. So viele, dass sein Denkmal ständig geschmückt wird, hier mit Weihnachtsschmuck, Flaschen und Luftschlangen. (Vom Wohnhaus schräg gegenüber, neben dem Deutschen Dom im Gebüsch).

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Nach all dem Auskundschaften stärkte ich mich in der Cafeteria der Hochschule für Musik (neben Lutter und Wegner) zwischen Cellokästen an einem sehr guten Kuchen.

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Und dachte darüber nach, dass mich die Erzählung nicht nur wegen der Alltagsbeschreibungen angerührt hat: Es geht auch um Leiden und Tod. Hoffmann schrieb die Geschichte, als er schon totkrank war, kurz nach der Veröffentlichung starb er. Sein Alter Ego in der Geschichte, der gelähmte Vetter, hat am Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte stehen:

»Et si male nunc, non olim sic erit.«

(„Wenn’s zur Zeit schlecht läuft, wird es nicht auch in der Zukunft so sein“, Horaz)

Das wünsche ich allen, bei denen es zur Zeit schlecht läuft: Einen Blick aus dem Fenster auf buntes Leben und bessere Zeiten.

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Heimatlose und Fahrendes Volk vor 150 Jahren #Gemeinfreitag

Gerade bin ich nicht so richtig gut gelaunt, daher hier ein paar Fotos von Menschen, die zur Zeit der Aufnahmen auch nicht in Hochstimmung waren.

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Wir sind in den 1850er Jahren und haben die seltene Gelegenheit, echte Menschen aus dem ärmeren Teil des Volkes zu sehen. Die Fotos im Schweizerischen Bundesarchiv  verdanken wir einer Fahndungsmaßnahme der Schweizer Polizei. Sogenannte Heimatlose, die zum fahrenden Volk gehörten oder aus anderen Gründen kein Bürgerrecht in der Schweiz hatten, sollten registriert und entweder (zwangs-)eingebürgert oder ausgewiesen werden. Der Fotograf Carl Durheim machte die Aufnahmen 1852-1853 auf Salzpapier. Die Sammlung zeigt den wohl weltweit frühesten Bestand an Polizeifotos.

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Man bekommt einen Eindruck davon, wie Menschen vor 150 Jahren gekleidet waren, die sich (anders als die bürgerlichen Familien in diesem Beitrag) keinen Fotografenbesuch leisten konnten.

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Oft ist gut zu erkennen, wie Knie, Ellenbogen, Knopfleisten und Jackenkanten abgenutzt sind oder wie alles zu eng ist.

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Dieser Junge mit der stark geflickten Jacke und Hose hat laut Bildunterschrift 4 Aliasnahmen: „Bossard, Karl, alias Johann Peter Feible, Karl Johann Feible, Karl Knobel, Johann Stössel“.

Auf den Betroffenen lastete der „Fluch der Heimatlosigkeit“, gern verschleierten sie ihre Identität. Die Ermittler beschwerten sich über „das Verbergen der Papiere, … die stete Namensänderung und das konsequente Läugnen und Verschweigen der Verhältnisse“.

Heimatlos konnten man leicht werden und war dann zu einer fahrenden Lebensweise gezwungen. Gemeinden entzogen Bürgern aus verschiedenen Gründen das Heimatrecht, zum Beispiel aufgrund längerer Abwesenheit, einer Straftat oder einer Heirat in eine andere Konfession hinein. Insgesamt waren die Gründe für die nicht-sesshafte Lebensweise vielfältig und die Gruppe der „Vaganten“ nicht homogen – erwähnt seien nur die Randgruppen Jenische und Sinti.  (Mehr dazu bei Stiftung Fahrende, der Radgenossenschaft und Wikipedia.)

Crescentia Scherr - CH-BAR - 30313978

Manche Frauen haben gemusterte Decken auf den Knien, Tücher in der Hand oder Körbe im Arm – Requisiten, die vielleicht vom Fotografen gestellt wurden, der sich normalerweise mit bürgerlicher Portraitfotografie beschäftigte.

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Bei Männern spielen Hüte und Pfeifen als Beiwerk eine Rolle. André Matthey auf dem Foto unten hat seinen eigenen Hut in der Hand, auf dem Tisch liegt eine Schirmmütze – offensichtlich nur als Staffage.

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Die Schirmmütze taucht auf einem anderen Foto wieder auf, neben einem Buch – als weitere bloße Dekoration, ist zu vermuten, denn die fotografierten Menschen waren eher Analphabeten.

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Viele Männer tragen auf den Fotos weite gefältelte Kittel.

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Diese Art Kittel waren meist blau und in vielen europäischen Regionen in der arbeitenden Bevölkerung verbreitet.  Sie haben eine eigene interessante Geschichte (vermutlich kamen sie durch französische Fuhrsleute in Mode).
Tracht Hinterland 2003Hessischer Kuhhirt

Rieser TrachtSchwaben

Waren die Kittel auf den Fahnungsfotos wie eine Kostümierung inszeniert, um den Anschein der bäuerlichen Sesshaftigkeit geben? (Wird in einem Beitrag zum Thema vermutet). Ich kann das nicht so recht glauben, jedenfalls sind die Kittel sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise bestickt. Da hätte der Fotograf schon eine große Kostümkiste haben müssen. Dennoch erinnern die Bilder auch an die inszenierten Einwandererfotos von Ellis Island.

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Manchmal sind unter zu den Bildern auch Berufe angegeben: Korber, Geschirrhändler, Köhler, Tagelöhner, Holzschnitzer, Wedelmacher, Schauspieler.

Joseph Körbler - CH-BAR - 30313904
Beruf: Vogelfänger

Als Frauenberufe kommen vor: Geschirrhefterin, Seiltänzerin, Nähterin. Heimatlose hatten keine Papiere und keine Rechte, sie konnten nicht legal heiraten – weshalb auf vielen Fotos die Frauen als „Beihälterin des …“ bezeichnet werden, also als Beischläferin.

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„Duardt, Elisabeth Personalien: 47 Jahre alt, Beihälterin des nun verstorbenen Lorenz Vetter von Bendorf“

Spitznamen sind Teil der Beschreibung – Sternengugger, Specksepp, Springinsfeld, seidene Clara, Hopsapudels – manchmal verbunden mit körperlichen Merkmalen, wie hier:

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„Grether, Marx … vulgo Krebsscheeren“

Suter, Eulogius, genannt Stülzfuss

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Oder die Anmerkung: „Kennzeichen – ohne Hände“

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Die Fotos wurden nachgezeichnet und als Litografien im «Album schweizerischer Heimatloser»  in den Kantonen zur Nachforschung verteilt.

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Oben rechts Bernhard Ostertag mit Pfeife, unten das Foto dazu:

Bernhard Ostertag - CH-BAR - 30313956

Und ein Blick in das improvisierte Fotostudio:

Johannes Nater - CH-BAR - 30313949

Hinter dem Herrn mit gestreifter Weste sieht man auf dem Boden den Ständer der Kopfstütze – die war wegen der langen Belichtungszeit notwendig, um den Kopf still zu halten.

Die Geschichte der Heimatlosen ist vielschichtig und schwierig. Bei einer Beschreibung der Zwangseinbürgerungen fühlt man sich an die Verteilung von Asylsuchenden heute erinnert: „Viele Behörden gingen bis vor das Bundesgericht, um die Unerwünschten einem anderen Kanton oder einer Nachbargemeinde zuzuschieben. Manchen heimatlosen Familien zahlten sie auch die Überfahrt nach Amerika, um sie loszuwerden.“
In der Schweiz gab es noch bis in die 1970er Jahre die private Fürsorgestiftung «Pro Juventute» mit dem Ziel, fahrende Kinder umzuerziehen. Sie wurden ihren Eltern weggenommen und in Heimen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Kindern wie Eltern drohten Arbeitsanstalten oder die Psychatrie. Die ganze Geschichte ist mit viel Leid verbunden. Mehr zur Problematik  (die es im übrigen in Deutschland auch gab, wie gerade der Film Nebel im August thematisiert hat).

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Die Fotos hat das Schweizerische Bundesarchiv  in Wikicommons hochgeladen und gemeinfrei gestellt. Nur durch diesen Schritt war es mir möglich, die Fotos zu durchforsten, Ausschnitte zu machen, sie aufzuarbeiten, die Hintergrundgeschichte zu recherchieren und hier zu präsentieren – ich hoffe, wie immer bei der Aktion #Gemeinfreitag,  dass auch andere Institutionen im deutschsprachigen Raum sich einen Ruck geben und ihre Datenschätze der Öffentlichkeit gemeinfrei zur Verfügung stellen. Es gibt immer welche wie mich, die sich aus reiner Privatbegeisterung einer Sache annehmen.

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Privatbegeisterung werde ich auch weiterhin brauchen. Meine gedämpfte Laune hängt mit dem vorläufigen Jahresabschluss meiner Buchunternehmungen zusammen. Sie verkaufen sich nach wie vor gut, die beiden Werke, aber die Marge, die Marge…. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Das Ergebnis lässt mich mit weiteren Projekten zögern – obwohl ich so viele gute Ideen habe und voller Tatendrang ins neue Jahr gestartet bin! Wir werden sehen.