Tagesablauf einer Kaufmannstochter

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Wie war das Leben  als junges Mädchen um 1820? Zum Glück haben manche Frauen ihre Lebenserinnerungen für uns aufgeschrieben. Fanny Lewald, geboren 1811, hing als Dreizehnjährige ziemlich herum, nachdem ihre Privatschule in eine andere Stadt gezogen war:

Die ersten Paar Wochen, nach dem Verlassen der Schule, gingen mit allerlei Versuchsbeschäftigungen hin. Die Mutter wußte mich nicht recht zu verwenden, ich trieb mich also ziemlich planlos in den Stuben umher, bis ich irgend ein Buch erwischte und mich in einen Winkel hinsetzte, um zu lesen. Das lag jedoch gar nicht in meines Vaters Absichten, und eines schönen Morgens, kurz vor dem ersten Oktober, überraschte er mich mit folgendem, von ihm selbst aufgesetzten Stundenplan, den ich seitdem oft mit lächelnder Rührung betrachtet habe und den ich der Originalität wegen hersetze:

Stundenzettel

für

Fanny Marcus,

entworfen Ende September, gültig bis zur veränderten Jahreszeit und bis andere Lehrstunden eintreten.

Allgemeine Bestimmung:

Des Morgens wird spätestens um 7 Uhr aufgestanden, damit um 71/2 Uhr das Ankleiden völlig beendet sei.

Der folgende Tagesablauf ist ziemlich streng und beengt, dennoch habe ich Lust, die Vorgaben einmal probeweise zu erfüllen (Handarbeiten ist dabei). Aus etwas nervigen Gründen bin ich morgen sowieso ans Haus gebunden, also bietet es sich an, mich ein bisschen in Fannys Tag hineinzuversetzen. Ich trage dann hier immer weiter ein, was ich erlebe. Schaut also gern wieder vorbei, lassen wir uns überraschen.

Bis morgen früh, völlig beendet angekleidet!

8:23

Ich liege schon 23 Minuten zurück im Zeitplan, hatte natürlich nicht bedacht, dass ich selbst eigentlich einem Backfisch-Haushalt vorstehe und keine Dienstboten habe, die das Frühstück vorbereiten und frische Socken aus dem Waschkeller holen. Aber nun weiter in Fannnys Tagesplan.

von 8 – 9 Uhr Clavierstunde. Uebung neuer Stücke.

Oje, ich habe unser Klavier bestimmt ein Jahr nicht benutzt und brauche Musik, die damals aktuell war. Zum Glück schreibt Fanny auch über Lieder, die sie auf Ausflügen sangen:

Da zwischen kam auch das Lied des Kosacken, die sogenannte »schöne Minka« vor, und diese Lieder waren von einer solchen Wirkung, von einer solchen belebenden Kraft nicht nur auf mich, sondern auf alle meine Geschwister, daß sie uns immer wieder erschütterten und erhoben, und wir einen wirklichen Genuß davon hatten, sie mitzusingen.

Dazu habe ich die Noten, und die werde ich nun probieren. Bis später!

9:52

Erst fühlte ich mich ja wie ein Kind zum Üben gezwungen, aber dann kam doch ein Flow. Klavierspielen ist schön entspannend und entrückend, das hatte ich vergessen. Aber nun weiter, ich liege sehr zurück im Plan.

“ 9 – 12 “ Handarbeit, gewöhnliches Nähen und Stricken.

Drei Stunden Handarbeit! Und zwar gewöhnliche, für den Haushalt und Kleidung nützliche Arbeiten wie Stopfen, Ausbessern und Strümpfestricken. Fanny steht da ziemlich unter Druck

Wenig Tage vergingen, an denen mir die Mutter nicht vorhielt, daß Nichts widerwärtiger und unbrauchbarer sei, als ein gelehrtes unpraktisches Frauenzimmer, und daß ich alle Aussicht hätte, ein solches zu werden; wenig Wochen, in denen der Vater mich nicht daran erinnerte, daß wir unvermögend wären, daß die Haushälterin so bald als möglich abgeschafft, und ich der Mutter, deren Gesundheit sehr schwankend war, eine Hilfe werden müßte.

Dann sehe ich mich mal nach Stopfanleitungen von 1800 um. Bis später!

10:46

Gar nicht leicht, so alte Handarbeitsbücher zu finden. Das Wasch-Bleich-Platt-Naeh-Buch von 1796 zum Selbstunterricht für Damen ist deshalb sehr spannend.

Und hat auch einen schönen 220 Jahre alten Deckel.

Ich gebe zu, statt gewöhnliche Handarbeiten hat mich nun ein PC-Problem beschäftigt. Aber das Waschbuch ist eine Goldgrube, zum Beispiel steht dort genau, wie man Monogrammvorlagen auf Stoff übertragen soll – ein Problem, das wir hier schon oft in all seinen Varianten hatten, und das noch einmal einen eigenen Beitrag wert wäre.

12:04

Ok, ich habe einen Hosenknopf angenäht, ein Stück weniger im Ausbesser-Korb. Das Waschbuch empfiehlt wöchentliches Flicken, damit sich nicht alles ansammelt und das jährliche oder halbjähliche Waschfest dadurch ein noch verdrießlicheres Geschäft wird. Jungere, muntere Waschweiber werden auch empfohlen.

Das Waschbuch betont im Nähteil, dass lange Übung und ein gutes Auge notwendig sind, „damit eine Person gut Säumen könne“. Der Faden muss immer im richtigen Abstand, mit der richtigen Spannung und in derselben Stichlänge ausgeführt werden. Dazu fiel mir ein großes Bettlaken aus meinem Fundus ein, das in der Mitte aus zwei Leinenbahnen zusammengesetzt ist. Die Webkanten sind nur ganz knapp mit einer Handnaht verbunden. Ob die Naht (und das Mongramm) Gnade gefunden hätten?

Ich selbst hätte heute vormittag sicher Ärger bekommen, denn der Kater ist mit seinen dreckigen Pfoten über meine Dauerstickerei gelaufen – die Unterschriften-Gästebuchdecke.

“ 12 – 1 “ Nachlesen der alten Lehrbücher, als: Französisch, Geographie, Geschichte, Deutsch, Grammatik u.s.w.

“ 1 – 21/2 “ Erholung und Mittagessen.

Ok, das mache ich jetzt alles. Ich nehme mir ein bisschen den ungelesenen Zeitungsstapel vor und koche mir nebenher eine „Wassersuppe“, wie sie bei Fannys Familie üblich war, wenn die Geschäfte des Kaufmannsvaters mal wieder nicht so gut gingen.

13:19

Gerade gelernt: Meine Hühnerbrühe aus teurem Fleisch ist eigentlich gar keine Wassersuppe. Der Begriff für das Arme-Leute-Essen bezog sich nur auf Suppen aus Wasser, Salz, Kräutern und Stärke (z.B. Gries, Brot oder Reis). Butter und Ei kamen auch hinein, wenn es die Finanzen hergaben, aber Brühen aus Fleisch oder Fisch waren eine andere Liga.

“ 21/2 – 5 “ Handarbeit gleich oben.

Oje, da bin ich gar nicht in Stimmung. Schon wieder Sticheln, zweieinhalb Stunden. Och nöööö.

Fünf Stunden an jedem Tag saß ich in der Wohnstube an einem bestimmten Platz am Fenster und erlernte Strümpfe zu stopfen, Wäsche auszubessern und beim Schneidern und andern Arbeiten Hand anzulegen.

Ganz interessant, unsere gängige Vorstellung von der Bürgerstochter im Müßiggang mit Stickrahmen im Salon wird hier ins Wanken gebracht. Nadelarbeit war eine lästige, aber nützliche Arbeit.

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Fanny hatte noch in der Schule „eine große Lust zu feinen Handarbeiten bekommen“, nur war das im Haus nicht so gebraucht. Schade, mich würden ja zum Beispiel diese merkwürdigen Gebilde, Stickvorlagen aus einem Buch von 1795, in der Umsetzung interessieren.

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Ob ich schummle? Unnütze Stickerei statt Haushalt? Mal sehen.

16:59

Ja, geschummelt, eines der unnützen Wesen von oben entsteht gerade auf meinem Stickrahmen. Zeige ich, wenn es fertig ist. Vom Stopfen konnte ich mich leichten Herzens abwenden, als ich mich an dieses fadenscheiniges Damasthandtuch erinnerte, das an mindestens acht Stellen ziemlich grob geflickt ist.20170321_150431 (1024x576)

Dem Monogramm nach gehörte es meiner Großmutter – und oje, da hatte jemand aber ÜBERHAUPT keine Lust zum Kunsstopfen.

“ 5 – 6 “ Clavierstunde bei Herrn Thomas.

Dafür sieht es nun schlecht aus, denn ich konnte  die Netflix-Guckerinnen im Wohnzimmer nicht vertreiben, die sich dort von ihrem Schultag erholen. Sie schlugen mir vor, die Aktion hier nicht so eng zu sehen :) Ok.
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“ 6 – 7 “ Schreibeübung.

Was damit gemeint ist? „Gedichtabschreiben zur Uebung der Handschrift.“

An dieser Stelle tippe ich noch ein bisschen weiter Fannys Stundenplan ab. Montag bis Sonnabend sind ziemlich gleich durchgetaktet, nur der Sonntag ist „frei“.

Sonntag wird völlig der Bestimmung von Fanny anheimgestellt, mit Ausnahme der Clavierübung von 8–9 Uhr; jedoch müssen die wöchentlich unnöthig versäumten Lektionen nachgeholt, und die Stunden, welche am Clavier durch Ausgehen oder durch Besuche versäumt worden, genau ersetzt werden.

Fanny wird durch pünktliche Erfüllung dieses Stundenzettels und durch sonstiges gutes Betragen sich bemühen, ihren Eltern den Beweis zu geben, daß sie würdig sei, noch anderweitigen Unterricht zu erhalten, und von ihrem Vater für ihre Erholungsstunden gute Lesebücher zu bekommen.

Besuch außer dem Hause wird wöchentlich einmal, und nur ausnahmsweise zweimal stattfinden.

So so. Der Vater macht es ihr extra langweilig,  interessanten Unterricht und bessere Bücher muss sie sich als Belohnung erst verdienen.

Fanny fand den Wochenplan in Ordnung.

Diese Anordnung mit ihrer befehlenden Kürze erschien mir weder auffallend, noch hart. Ich war von Kindheit auf an eine sehr bestimmte Zeiteintheilung und Zucht gewöhnt, und ich bin gewiß, daß der Stundenzettel meiner Mutter damals ebenso wie mir eine Erleichterung gewährte. Er nahm ihr die Sorge, was sie mich thun lassen solle, und enthob mich dem Unbehagen, das in mir durch ihre wechselnden Versuche, mich zu beschäftigen, erzeugt worden war. Aber langweilig wurde dieser Winter mir im höchsten Grade.

21:00

Am Abend hatte Fanny das niederschlagende Gefühl,

den Tag über nichts Rechtes gethan zu haben, und einen brennenden Neid auf meine Brüder, welche ruhig in ihr Gymnasium gingen, ruhig ihre Lektionen machten, und an denen also lange nicht so viel herumerzogen werden konnte als an mir. Ihr ganzes Dasein erschien mir vornehmer als das meine, und mit der Sehnsucht nach der Schule regte sich in mir das Verlangen, womöglich Lehrerin zu werden und so zu einem Lebensberuf zu kommen, bei dem mich nicht immer der Gedanke plagte, daß ich meine Zeit unnütz hinbringen müsse.

Fanny wurde dann Schriftstellerin. Es gelang ihr, durch das Schreiben wirtschaftlich unabhängig zu sein und ohne familiäre Zwänge heiraten zu können. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der Frauenemanzipation und lebte noch lang, bis 1889.

Das Thema Mädchenerziehung und weibliche Nadelarbeit hatten wir hier schon einmal. Bei Wohin das Herz uns treibt kam auch die Frage auf: Hat die Befreiung der Frau zum Niedergang eines Kulturgutes geführt?

In Fannys Fall ist es jedenfalls gut, dass ihre Erinnerungen dank ihres Berufs 200 Jahre überdauert haben.

Das wars für heute, guten Abend und gute Nacht!

Zitate aus: Fanny Lewald, Meine Lebensgeschichte, Erster Teil, Berlin 1861

Abbildungen

  1. William Edward Frost, Girl with a Bow, Drawing, ab 1810, NGA
  2.  Ausschnitt aus In het weeshuis te Katwijk-Binnen, David Adolph Constant Artz, ca. 1870 – 1890, Rijksmuseum
  3. Willem van der Kooi, Het gestoorde pianospel, 1813 Rijksmuseum

Mode-Mythen: Königin Luise und ihr Halstuch

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Die berühmte und beliebte Königin Luise von Preußen trägt auf vielen Porträts eine weiße Halsbinde. Dieses Tuch ist so etwas wie ein Markenzeichen der Ikone. Was hat es damit auf sich? Wollte Luise eine Schwellung am Hals verstecken, wie oft behauptet wird? Oder hatte sie einfach nur Angst vor Erkältung? Fand sie ihren Hals generell zu dick? Solche Erklärungen finden sich überall. Der Legende nach löste Luise mit diesem außergewöhnlichen Halsschmuck einen Modetrend aus. Wikipedia: „Sehr schnell wurde aus dem Notbehelf jedoch eine Modeerscheinung“.

Luise als Halsbinden-Trendsetterin? Kann das sein? Es gibt Zweifel an dieser Theorie.

Crown Princess Louise of Prussia & Frederica of Mecklenburg-Strelitz, after Johann Gottfried Schadow, Royal Porcelain Factory, Berlin, c. 1825-1850, porcelain - Fogg Art Museum, Harvard University - DSC01295

Erste Abbildungen mit Schal

Luises Halsbindenlook ist zuerst von der sogenannten Prinzessinnengruppe des Bildhauers Schadow bekannt. Die Schwestern Luise und Friederike, 18 und 16 Jahre alt,  heirateten 1793 praktischerweise gleich doppelt in die Königsfamilie hinein. Der Hofbildhauer Schadow bekam den Auftrag, die beiden Prinzessinnen zu porträtieren. Er stellte die Schwestern natürlich und locker, in dünner, körpernaher Kleidung dar, für damalige Verhältnisse sehr gewagt. 1795 wurde die Prinzessinnengruppe aus Gips erstmals ausgestellt, 1797 entstand sie in Marmor.  Bei den Vorbereitungen hatte Schadow Luise gezeichnet. Auf der Skizze trägt sie ein locker um den Kopf und Kinn gebundenes Tuch. Schadow beschrieb sich 50 Jahre später in seinen Memoiren selbst, als Künstler beim Modellieren der Schwestern:

…er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung. Der Kopfputz der Kronprinzessin und die Binde unter dem Kinn sollte eine Schwellung decken, die am Halse entstanden war, nachmals aber wieder verschwand“

Prinzessinnengruppe Porzellan KGM 09-113 detail

Diese Erklärung gab Schadow auch einem anderen interessierten Bildhauer, der später notierte:

»Ich mußte es thun«, war seine Antwort, »weil die eine Prinzessin einen dicken Hals hat.« In der That, ich traute meinen Ohren nicht, als ich dies hörte. O, der armen bedauernswürdigen Kunst, die sich in ihrem veredelnden zum ideal hinstrebenden Geschäfts nicht einmal über einen dicken Hals wegsetzen darf.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, schließlich ist die Auskunft des Bildhauers deutlich. Aber stimmt sie auch? Würde ein Bildhauer, der lange an einem Standbild arbeitet, sich nicht doch über so eine (ja offenbar vorübergehende) Halsschwellung hinwegsetzen, sie einfach nicht abbilden? Auch gerade der jungen Frau zuliebe?

Es spricht hier einiges dafür, dass Luise das Tuch nicht als Notbehelf, sondern aus modischen Gründen trug. Sie war bekanntermaßen ein It-Girl der damaligen Zeit, ein Fashion-Victim. Sie erhielt regelmäßig Modeneuigkeiten, auch über das Journal des Luxus und der Moden, in dem Berichte und Bildtafeln die neusten Trends in Paris und anderswo zeigten.

Die Mode mit den Halsbinden

Schon 1792 berichtet ein Beobachter im Journal des Luxus und der Moden von einer Neuigkeit, die ihm gar sehr missfällt: Die Frauen binden nämlich

sogar das Band ums Haar unter dem Kinne zu, und verkennen dabey gewaltig ihren Vortheil. Ein minder schöner Hals fällt immer dadurch mehr in die Augen, und ein schöner Hals – wirklich, das ist sehr ungerecht von Ihnen, meinen Damen, dass Sie, um einer flüchtigen Mode willen, uns arme Männer auf eine Zeitlang um einen schönen Anblick bringen wollen, der uns so viel werth ist!“

So flüchtig wie der Beobachter hofft, war die Mode nicht. Im folgenden Jahrzehnt finden sich zahlreiche Abbildungen dieses Looks. (Leider kann ich in diesem Artikel nur wenige der vorhandenen Bilder zeigen. Deutsche Museen sind ja bisher sehr knauserig mit ihren Bildrechten, das macht sich bei diesem Thema bemerkbar).

journallmjuni1796Journal des Luxus und der Moden 1796

Untitled Fashion Plate LACMA 54.89.154a-b (2 of 2)spätes 18. Jhd

Später war eine eng anliegende Halsbinde, die hinten ansteigt, ein verbreitetes modisches Accessoire, auch Luise trug sie gern und wurde mehrmals so auf Bildern gezeigt.

Lauer 6Porträt Luise, 1798

Caroline de la Motte beschreibt 1830 in einem Rückblick auf die Mode seit 1785 einige „geschmacklose Modeverirrungen“,  zum Beispiel eine Halsbinde bei Frauen:

der Hals erschien unförmlich dick , denn man umwand ihn mit einem achtfach zusammengelegten Tuche, nach Art übertriebener Männerkravaten“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die Halsbinde Luises Markenzeichen, auch auf späteren „Phantasie“-Porträts. Der Luisenkult um die preußische Madonna zitierte den Schal immer wieder.

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Fazit: Luise hat die Halstuchmode nicht erfunden

Sie hat den Trend aber aufgegriffen. Vielleicht fand die 18jährige ihren Hals tatsächlich etwas zu dick und war dankbar über den kaschierenden Look. Dem älteren Bildhauer Schadow war die Mode wahrscheinlich zu fremd, er erklärte das Accessoire lieber medizinisch. Ich erinnere mich selbst daran, dass wir uns in meiner Jugend bunte Windeltücher um den Hals schlangen, oder lange Wollschals, was als ungewöhnlich galt. Die Großelterngeneration reagierte darauf bei mir mehrmals irritiert-belustigt mit der Nachfrage: „Hast du Halsschmerzen?“ Ebenso erging es uns, als wir uns ganz im Künstler/Architekten-Schwarz kleideten. Ich kann mich noch an Bemerkungen erinnern wie: „Gehst du zur Beerdigung?“ So etwa in dieser Art erkläre ich mir Schadows Erinnerung.

Der Katalog zur vergangenen Ausstellung Luise: die Kleider der Königin nimmt ebenfalls an, dass Luise mit der Kinnbinde nur einem Modetrend folgte. Das ist bisher aber die einzige zweifelnde Stelle, die ich gefunden habe. Dagegen steht die beliebte und verfestigte Legende vom Halsverband einer Kränkelnden, der in die Modegeschichte einging. 

Wenn ich mal richtig gut drauf bin, werde ich versuchen, den Wikipedia-Artikel in Richtung der neuen Erkenntnis zu ändern. Ich weiß aber schon aus Erfahrung, dass ich da mit Wachhunden zu rechnen habe, in diesem Fall wahrscheinlich pensionierte Preußenforscher, die zur Hochform auflaufen. Da sollte ich dann besser wirklich alles mit 1A-Quellen belegen können, ich dahergelaufenes Häkelmäuschen.

Wünscht mir Glück!

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Weiterführende Info:

Reimar F. Lacher, Schadows Prinzessinnengruppen

Luise: die Kleider der Königin : Mode, Schmuck und Accessoires am preussischen Hof um 1800

Ein Transvestit bei E.T.A. Hoffmann und andere Beobachtungen

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In diesen bitterkalten Berliner Januartagen bin ich voller Neugier zum Gendarmenmarkt gefahren – ich wollte den Blick auskundschaften, den der Dichter E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren auf das Markttreiben hatte. Schuld an dem Fangirling waren schöne Kleidungsbeschreibungen, die ich in Hoffmanns Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ von 1822 gefunden hatte. Hoffmann wohnte direkt am Gendarmenmarkt, in der Erzählung fabuliert er mit einem Gesprächspartner über die Menschen, die sie aus dem Fenster heraus beobachten, sie dichten ihnen Geschichten an.

Schauspielhaus Berlin um 1825Gendarmenmarkt 1825

Nur einige Beispiele, garniert mit vielleicht ja passenden Bildern:

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Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

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Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strickwolle …

Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Äußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantilischer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen, so schnell sie konnte, während die Alte, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf.

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liebeseufzende Jünglinge in blauen Röcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß

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die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Shawl ist modern – der Hut passend zur Morgentracht, so wie das Kleid von geschmackvollem Muster – alles hübsch und anständig – o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidene Schuhe. Ausrangierte Ballchaussure auf dem Markt!

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Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weißen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dem dicksten Gedränge des Volkes emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor – ein großes, schlankgewachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen – der Überrock von rosarotem schweren Seidenzeuge ist funkelnagelneu – der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen – weiße Glacéhandschuhe. –… Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, um dem erblindeten Landwehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand – hilf Himmel! eine blutrote, noch dazu ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Vorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückt sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt…

Beim ersten Lesen dieses Textabschnittes dachte ich: Ach, das ist dann wohl eine für die Öffentlichkeit fein ausstaffierte Dame, die in Wirklichkeit hart arbeiten muss, daher die roten Hände. In Wirklichkeit schildert Hoffman hier aber einen Mann in Frauenkleidern, als Indiz liefert er dem Leser auch noch den Inhalt des Einkaufskorbs  („ein Paar Pantoffeln – ein Stiefelknecht“) und  nennt die Figur das „leichtsinnige Kind der Verderbnis“.  Männer, die gern Frauenkleider tragen und umgekehrt, Frauen, die als Mann auftreten, gab es durch alle Epochen hindurch. Die Bezeichnung Transvestit stammt dagegen aus dem 20. Jahrhundert, vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld.

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Der Vetter in der Erzählung sitzt gelähmt am Fenster – so wie E.T.A. Hoffmann auch, der in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr laufen konnte.

etahoffmann1812nachhenselgermanclassicsof05fran_0473E.T.A. Hoffmann

Vielleicht trug er ja auch die Kleidung des Vetters:

Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. … Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte.

Was ein Warschauer Schlafrock war, habe ich noch nicht raus, aber die Bezeichnung war damals verbreitet.

portrait-louis-royerPortrait des Bildhauers Royer

Hoffmann wohnte mit seiner Frau Mischa ab Juli 1815 im Eckhaus Taubenstraße 31/ Charlottenstraße. Das Wohnhaus, von dem er auf den Markt blickte, wurde später durch ein anderes Gebäude ersetzt, heute hätte der Dichter hier im 3. Stock am Fenster gesessen:

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Daran erinnert auch eine Gedenktafel am Haus (heute das Restaurant Lutter und Wegner).

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Hoffmann zeichnete selbst ein Skizze seiner Wohnlage, inklusive seines Kopfes mit Pfeife im Arbeitszimmer und den Blick auf die Gemüsefrauen neben dem Dom. Zur Verdeutlichung und in völligem Nerdtum habe auch ich hier auf einem alten Plan seinen Standort (hellblau) und seinen Blick (gelb) markiert

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und das Areal fotografiert:

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Viel mehr Informationen gibt es im Hoffmann-Portal. Bei den Recherchen wurde mir erst klar, wie viele Fans der als feierfreudig bekannte Dichter auch heute noch hat. So viele, dass sein Denkmal ständig geschmückt wird, hier mit Weihnachtsschmuck, Flaschen und Luftschlangen. (Vom Wohnhaus schräg gegenüber, neben dem Deutschen Dom im Gebüsch).

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Nach all dem Auskundschaften stärkte ich mich in der Cafeteria der Hochschule für Musik (neben Lutter und Wegner) zwischen Cellokästen an einem sehr guten Kuchen.

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Und dachte darüber nach, dass mich die Erzählung nicht nur wegen der Alltagsbeschreibungen angerührt hat: Es geht auch um Leiden und Tod. Hoffmann schrieb die Geschichte, als er schon totkrank war, kurz nach der Veröffentlichung starb er. Sein Alter Ego in der Geschichte, der gelähmte Vetter, hat am Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte stehen:

»Et si male nunc, non olim sic erit.«

(„Wenn’s zur Zeit schlecht läuft, wird es nicht auch in der Zukunft so sein“, Horaz)

Das wünsche ich allen, bei denen es zur Zeit schlecht läuft: Einen Blick aus dem Fenster auf buntes Leben und bessere Zeiten.

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Heimatlose und Fahrendes Volk vor 150 Jahren #Gemeinfreitag

Gerade bin ich nicht so richtig gut gelaunt, daher hier ein paar Fotos von Menschen, die zur Zeit der Aufnahmen auch nicht in Hochstimmung waren.

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Wir sind in den 1850er Jahren und haben die seltene Gelegenheit, echte Menschen aus dem ärmeren Teil des Volkes zu sehen. Die Fotos im Schweizerischen Bundesarchiv  verdanken wir einer Fahndungsmaßnahme der Schweizer Polizei. Sogenannte Heimatlose, die zum fahrenden Volk gehörten oder aus anderen Gründen kein Bürgerrecht in der Schweiz hatten, sollten registriert und entweder (zwangs-)eingebürgert oder ausgewiesen werden. Der Fotograf Carl Durheim machte die Aufnahmen 1852-1853 auf Salzpapier. Die Sammlung zeigt den wohl weltweit frühesten Bestand an Polizeifotos.

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Man bekommt einen Eindruck davon, wie Menschen vor 150 Jahren gekleidet waren, die sich (anders als die bürgerlichen Familien in diesem Beitrag) keinen Fotografenbesuch leisten konnten.

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Oft ist gut zu erkennen, wie Knie, Ellenbogen, Knopfleisten und Jackenkanten abgenutzt sind oder wie alles zu eng ist.

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Dieser Junge mit der stark geflickten Jacke und Hose hat laut Bildunterschrift 4 Aliasnahmen: „Bossard, Karl, alias Johann Peter Feible, Karl Johann Feible, Karl Knobel, Johann Stössel“.

Auf den Betroffenen lastete der „Fluch der Heimatlosigkeit“, gern verschleierten sie ihre Identität. Die Ermittler beschwerten sich über „das Verbergen der Papiere, … die stete Namensänderung und das konsequente Läugnen und Verschweigen der Verhältnisse“.

Heimatlos konnten man leicht werden und war dann zu einer fahrenden Lebensweise gezwungen. Gemeinden entzogen Bürgern aus verschiedenen Gründen das Heimatrecht, zum Beispiel aufgrund längerer Abwesenheit, einer Straftat oder einer Heirat in eine andere Konfession hinein. Insgesamt waren die Gründe für die nicht-sesshafte Lebensweise vielfältig und die Gruppe der „Vaganten“ nicht homogen – erwähnt seien nur die Randgruppen Jenische und Sinti.  (Mehr dazu bei Stiftung Fahrende, der Radgenossenschaft und Wikipedia.)

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Manche Frauen haben gemusterte Decken auf den Knien, Tücher in der Hand oder Körbe im Arm – Requisiten, die vielleicht vom Fotografen gestellt wurden, der sich normalerweise mit bürgerlicher Portraitfotografie beschäftigte.

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Bei Männern spielen Hüte und Pfeifen als Beiwerk eine Rolle. André Matthey auf dem Foto unten hat seinen eigenen Hut in der Hand, auf dem Tisch liegt eine Schirmmütze – offensichtlich nur als Staffage.

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Die Schirmmütze taucht auf einem anderen Foto wieder auf, neben einem Buch – als weitere bloße Dekoration, ist zu vermuten, denn die fotografierten Menschen waren eher Analphabeten.

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Viele Männer tragen auf den Fotos weite gefältelte Kittel.

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Diese Art Kittel waren meist blau und in vielen europäischen Regionen in der arbeitenden Bevölkerung verbreitet.  Sie haben eine eigene interessante Geschichte (vermutlich kamen sie durch französische Fuhrsleute in Mode).
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Waren die Kittel auf den Fahnungsfotos wie eine Kostümierung inszeniert, um den Anschein der bäuerlichen Sesshaftigkeit geben? (Wird in einem Beitrag zum Thema vermutet). Ich kann das nicht so recht glauben, jedenfalls sind die Kittel sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise bestickt. Da hätte der Fotograf schon eine große Kostümkiste haben müssen. Dennoch erinnern die Bilder auch an die inszenierten Einwandererfotos von Ellis Island.

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Manchmal sind unter zu den Bildern auch Berufe angegeben: Korber, Geschirrhändler, Köhler, Tagelöhner, Holzschnitzer, Wedelmacher, Schauspieler.

Joseph Körbler - CH-BAR - 30313904
Beruf: Vogelfänger

Als Frauenberufe kommen vor: Geschirrhefterin, Seiltänzerin, Nähterin. Heimatlose hatten keine Papiere und keine Rechte, sie konnten nicht legal heiraten – weshalb auf vielen Fotos die Frauen als „Beihälterin des …“ bezeichnet werden, also als Beischläferin.

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„Duardt, Elisabeth Personalien: 47 Jahre alt, Beihälterin des nun verstorbenen Lorenz Vetter von Bendorf“

Spitznamen sind Teil der Beschreibung – Sternengugger, Specksepp, Springinsfeld, seidene Clara, Hopsapudels – manchmal verbunden mit körperlichen Merkmalen, wie hier:

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„Grether, Marx … vulgo Krebsscheeren“

Suter, Eulogius, genannt Stülzfuss

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Oder die Anmerkung: „Kennzeichen – ohne Hände“

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Die Fotos wurden nachgezeichnet und als Litografien im «Album schweizerischer Heimatloser»  in den Kantonen zur Nachforschung verteilt.

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Oben rechts Bernhard Ostertag mit Pfeife, unten das Foto dazu:

Bernhard Ostertag - CH-BAR - 30313956

Und ein Blick in das improvisierte Fotostudio:

Johannes Nater - CH-BAR - 30313949

Hinter dem Herrn mit gestreifter Weste sieht man auf dem Boden den Ständer der Kopfstütze – die war wegen der langen Belichtungszeit notwendig, um den Kopf still zu halten.

Die Geschichte der Heimatlosen ist vielschichtig und schwierig. Bei einer Beschreibung der Zwangseinbürgerungen fühlt man sich an die Verteilung von Asylsuchenden heute erinnert: „Viele Behörden gingen bis vor das Bundesgericht, um die Unerwünschten einem anderen Kanton oder einer Nachbargemeinde zuzuschieben. Manchen heimatlosen Familien zahlten sie auch die Überfahrt nach Amerika, um sie loszuwerden.“
In der Schweiz gab es noch bis in die 1970er Jahre die private Fürsorgestiftung «Pro Juventute» mit dem Ziel, fahrende Kinder umzuerziehen. Sie wurden ihren Eltern weggenommen und in Heimen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Kindern wie Eltern drohten Arbeitsanstalten oder die Psychatrie. Die ganze Geschichte ist mit viel Leid verbunden. Mehr zur Problematik  (die es im übrigen in Deutschland auch gab, wie gerade der Film Nebel im August thematisiert hat).

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Die Fotos hat das Schweizerische Bundesarchiv  in Wikicommons hochgeladen und gemeinfrei gestellt. Nur durch diesen Schritt war es mir möglich, die Fotos zu durchforsten, Ausschnitte zu machen, sie aufzuarbeiten, die Hintergrundgeschichte zu recherchieren und hier zu präsentieren – ich hoffe, wie immer bei der Aktion #Gemeinfreitag,  dass auch andere Institutionen im deutschsprachigen Raum sich einen Ruck geben und ihre Datenschätze der Öffentlichkeit gemeinfrei zur Verfügung stellen. Es gibt immer welche wie mich, die sich aus reiner Privatbegeisterung einer Sache annehmen.

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Privatbegeisterung werde ich auch weiterhin brauchen. Meine gedämpfte Laune hängt mit dem vorläufigen Jahresabschluss meiner Buchunternehmungen zusammen. Sie verkaufen sich nach wie vor gut, die beiden Werke, aber die Marge, die Marge…. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Das Ergebnis lässt mich mit weiteren Projekten zögern – obwohl ich so viele gute Ideen habe und voller Tatendrang ins neue Jahr gestartet bin! Wir werden sehen.

Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

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Zum Fest habe ich noch eine Handarbeits-Weihnachtsgeschichte ausgegraben. Dafür begeben wir uns in das Jahr 1810, und zwar wieder zu Heinrich von Kleist. Im Dezember 1810 beschreibt Kleist für die Zeitung eine Verkaufsausstellung. Wenig begüterte Männer und Frauen, „verschämte Arme“, haben die schönsten Dinge hergestellt und hoffen jetzt auf reiche Käuferinnen. Kleist beschreibt das Angebot so liebevoll!  „… Man möchte ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Tränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen…“

Aber lest selbst:

Berliner Abendblätter, den 18ten December 1810

W e i h n a c h t s a u s s t e l l u n g.
Eine der interessantesten Kunstausstellungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, werth, daß man sie besuche und auch wohl, daß man etwas darin kaufe, ist vielleicht die Waarenausstellung der, zum Besten der verschämten Armen beiderlei, doch vorzüglich weiblichen Geschlechts errichteten Kunst- und Industriehandlung , von Mad. Henriette Werkmeister Oberwallstraße No. 7.

Es hat etwas Rührendes, daß man nicht beschreiben kann, wenn man in diese Zimmer tritt; Schaam, Armuth und Fleiß haben hier, in durchwachten Nächten, beim Schein der Lampe, die Wände mit Allem was prächtig oder zierlich oder nützlich sein mag, für die Bedürfnisse der Begüterten, ausgeschmückt.

kerstingKersting, 1825

Es ist, als sähe man die vielen tausend kleinen niedlichen Hände sich regen, die hier, vielleicht aus kindlicher Liebe, eines alten Vaters oder einer kranken Mutter wegen, oder aus eigner herben dringenden Noth, geschäfftigt waren: und man möge ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Thränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen, und an die Verfertigerinnen, denen die Sachen doch wohl am Besten stehen würden, zurückzuschenken.

sample-book-trims1Musterbuch

      Zu den vorzüglichsten Sachen gehören:

1) Ein Korb mit Blumen, in Chenille gestickt, mit einer Einfassung; etwa als Caminschirm zu gebrauchen. Die Stickerei ist, auf taftnem Grund, eine Art von bas relief; ein Büschel Rosen tritt, fast einen Zoll breit, so voll und frisch, das man meint, er duftet, aus dem Taftgrunde hervor. Zu wünschen bleibt, daß auch die anderen Blumen und Blätter, die aus dem Korb vorstrebend, darin verwebt sind, verhältnißig hervorträten, das würde das Bild eines ganz lebendigen Blumenstraußes geben. Eine edle Dame hat dies Kunst- und Prachtwerk bereits für 15 Louid´ or erkauft; und nur auf die Bitte der Vorsteherinn befindet es sich noch hier, um die Ausstellung, während des Weihnachtsfestes, als das wahre Kleinod derselben, zu schmücken.

firescreen-mfa1Kaminschirm, ca. 1801-1810

2) Eine Garnitur geklöpfelter Uhrbänder. Die Medaillen an dem Ende der Bänder, stellen, in Seide gewirkt, Köpfe, Thiere und Blumen dar; so fein und zierlich, daß man sie für eine Art von Miniatur Mosaik halten mögte.

3) Ein, in Wolle, angeblich ohne Zeichnung gestickter, Fußteppich. Ein ganzer Frühling voll Rosen schüttet sich, in der lieblichsten Unordnung, darauf aus; und auch die Arabeskeneinfassung ist zierlich und geschmackvoll.

4) Ein Rosenstrauß, auf englischem Manschester gemahlt, mit einer Einfassung von Winden, gleichfalls als Caminschirm zu gebrauchen.

5) Ein ganz prächtiges Taufzeug.

taufkappemetTaufkappe, frühes 19. Jhd.

Vieler Kleider, unter welchen ein gesticktes Musselinkleid oben an, Tücher, Hauben, eine immer schöner als die andere, Strick, Geld- und Tabacks-Beutel, in allen Provinzen des Reiches zusammengearbeitetet, das Ganze mehr den 10 000 Thl. an Werth, nicht zu erwähnen. –

Wir laden die jungen Damen der Stadt, die Begüterten so wohl als die Unbegüterten ein, diese Anstalt zu besuchen, und glauben verbürgen zu können, daß sie diesen Gang weder in dem einen noch in dem andern Fall, umsonst thun werden.

hk.

 

(Stickmuster 19 Jhd.)

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Gern hätte ich für alle Gegenstände Beispiele gesucht, aber nun ist mir die Zeit davongelaufen, wie immer und sicher auch bei den meisten vor dem 24.  Vielleicht kann ich später auch noch den offenen Fragen nachgehen – Manchester ist eine Art Samt gewesen, oder? Mit Kaminschirmen schützten die Damen ihr Gesicht? Was waren  die genannten Summen, Thaler, Louisd’or 1810 in Berlin wert? (1815 berichtet eine Zeitung, für einen Lehnstuhl Bonapartes seien ungeheure 100 Louis d’or gezahlt worden, ein Obristenleutnant habe als Zeichen besonderer Zufriedenheit ein Geschenk im Wert von 50 Louisd’or erhalten – die edle Dame hat mit den 15 Louis d’or für den Kaminschrim also sicher nicht zu wenig gezahlt).

Ich wünsche uns allen ein friedliches Weihnachtsfest! Wir hier in Berlin, jedenfalls die Menschen in meinem Umfeld, haben die Ereignisse mit ruhiger Gelassenheit getragen. Angst ist nicht zu spüren, obwohl auch wir sehr leicht hätten betroffen sein können. Das macht mich froh und mutig und euch hoffentlich auch. Bis bald!

Luise auf dem Weihnachtsmarkt„Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“

 

 

 

Mehr als nur hübsch anzusehen: Berufstätige Frauen 1800

Eine adrette Korsettnäherin liefert Ware aus.

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Die Französische Nationalbibliothek hat eine  Sammlung mit Modebildern berufstätiger Frauen von 1824 digitalisiert. Costumes d’Ouvrières Parisiennes zeigt die Kleidung der arbeitenden Frauen in Paris.

Nachfolgend eine kleine Auswahl, beschränkt auf textile Berufe.

Modehändlerin (für Hüte und mehr):
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Mercière ambulante – „Fliegende“ Kurzwarenhändlerin:

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Stickerin mit Weißstickerei in der Hand:

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Das Kleid dieser Stickerin war schon einmal Vorbild bei einem Reenactment-Ereignis.  Kleidung um 1800 eröffnete im letzten Sommer zusammen  mit Gleichgesinnten eine Fantasie-Modehandlung.  Eine der Teilnehmerinnen nähte sich für ihre Rolle als Stickmeisterin Mme Holpriger das Kleid vom Bild aus Paris, selbstverständlich per Hand, auch die 18 Stufen im Rockteil. Die Modebilder waren als Inspirationsquelle für die Aktion Modehandlung gut geeignet.

Eine Stoffverkäuferin mit gelben Handschuhen, Schere und Maßband. (Die schwarzen Schürzen kommen auf den Bildern oft vor):
Costumes dvia

Hutmacherin:
Costumes dvia

Spitzenwäscherin – Blanchisseuse de Dentelle:
Costumes dvia
Offenbar liefert sie gerade frisch gewaschene und gestärkte Spitzen in einem kleinen Kästchen aus. Eine spezielle Feinwäscherin für Spitzen? Da musste ich ein bisschen recherchieren. In einer deutschen Enzyklopädie von 1833 heißt es beim Eintrag Spitzenwäscherin:

ein Frauenzimmer, welches die Kunst versteht oder ausübt, weiße und schwarze Spitzen wieder durch die Wäsche zu reinigen, aufzustecken und auszupletten.

Spitze war so empfindlich, dass sie zum Waschen von den Kleidungsstücken und Hüten abgetrennt wurde. Sie musste sehr vorsichtig gesäubert, gebleicht und danach wieder gestärkt, gebügelt und aufgesteckt werden. (Ausführlich dazu zum Beispiel das Kapitel Spitzen-Waschen  im Buch Anweisung zu Frauenzimmer-Arbeiten von 1826).  Zum Versteifen wurde neben Stärke auch gern Traganth genommen, ein gummiartiges Verdickungsmittel, über dass sich auch heute noch Tortendekofreaks in Backforen austauschen.

In vielen deutschprachigen Adressbüchern des 19. Jahrhunderts kommt die Berufsbezeichnung „Spitzenwäscherin“ vor – oft auch in der Variante „Blondenwäscherin“. Blonden waren feine weiche Klöppelspitzen, nach dem Ton der naturfarbenen Seide benannt, aus der sie ursprünglich gefertigt waren.

Ich erinnere mich an eine witzige Szene in der sehr gut ausgestatteten britischen Serie Cranford. Ein Stück teure feine Spitze soll in Buttermilch aufgehellt werden – zwischendurch schlabbert die Katze die Milch leider mitsamt der Spitze auf. Die Damen müssen sich nun etwas ausdenken, damit das teure Stück Textilie wieder heil aus dem Katzenpopo herauskommt…

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Büglerin:
Costumes dvia

Für die normalen Wascharbeiten war die Blanchisseuse, die Weißwäscherin/Bleicherin zuständig.

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Die Tafeln sind als Modebilder stark idealisiert. In Wirklichkeit war vor allem das Leben der Wäscherinnen kein Spaziergang in hübschen Kleidern. Davon kann man sich anhand anderer Quellen überzeugen.

Daumier malte 1863 eine Weißwäscherin so:

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Wie es den Frauen in Wirklichkeit erging, davon zeugen auch einer ganze Reihe Exponate des Pariser Museum für Moulages , das Wachsnachbildungen von Hautkrankheiten in seiner Sammlung hat. Unten ist der mit Ausschlag übersäte Arm einer 16jährigen Wäscherin abgebildet.

Prurigo de Hebra (Inv. 1922). Femme âgée de 16 ans, blanchisseuse. Lichen, prurigo
© Musée des moulages de l’Hôpital Saint-Louis (AP-HP)

Und diese Wäscherin von ca. 1850 hat für das Foto sicherlich ihr schönstes Tuch umgeschlungen. Sie präsentiert sich mit ihren Berufskennzeichen.

Die Modebilder zeigen zwar eine ideale Welt, sind aber Beweis dafür, dass Frauen durch die Jahrhunderte hindurch immer berufstätig waren. Die gesammte Bildersammlung Costumes d’Ouvrières Parisiennes umfasst 47 Tafeln mit Frauenberufen.

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Tressuse de cheveux – Haarteilmacherin? (Ausschnitt)

(Für Leser mit Spezialwissen habe ich noch ein Frage: Ich konnte nicht herausfinden, wie genau die Begriffe Blonden und Spitzen abzugrenzen sind. Offenbar waren das verschiedene Dinge, denn in vielen Adressbüchern findet sich die Bezeichnung „Seiden- Blonden- und Spitzenwäscherin“. Vielleicht weiß jemand mehr dazu? Aber Achtung, wenn man die Wörter „Blonden“ und „Spitzen“  googelt, gerät man entweder in Haarforen oder auf Erotikseiten.)

blondenwAdressbuch Würzburg 1852

Seltsam und schön: Bilderfang im freien Netz #Gemeinfreitag

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Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Ich bin davon abhängig, dass Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben. Manchmal gehe ich in solchen Bilddatenbanken nächtelang auf Entdeckungsreise.  Nicht immer passen die Fundstücke zu einem Blogthema, ich würde sie einfach nur gern teilen. Daher nehme ich eine Idee auf und führe eine Rubrik  ‚Gemeinfreitag‘ ein, einen Tag der gemeinfreien Bilder unter dem Motto „Das Seltsame und das Wunderbare“.

4308421805_c429df42fb_oca. 1885

Tolles Mächen mit tollem Hund, oder? Der freundlich wedelnde Schwanz war schneller als die Belichtungszeit.

Heute bin ich in der Photosammlung der National Library of Wales unterwegs. Auf Walisisch heißt die Nationalbibliothek ‚Llyfrgell Genedlaethol Cymru‘, das allein finde ich schon ganz wunderbar.

Zu den Bildern weiß ich nicht mehr als das, was bei Flickr in der Sammlung steht.

Elinor Amy Dillwyn Llewelyn

Elinor Amy Dillwyn Llewelyn, 1853

Mit dem Bruder Harry, 1853.  Fotografiert hat die Mutter, Mary Dillwyn, eine frühe Fotografin.

Harry and Amy Dillwyn (children of Lewis Llewelyn Dillwyn) by M. D. 1853

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Corporal John Griffiths Jones 1843-1864. Das Foto ist von ca. 1862, zwei Jahre vor seinem Tod aufgenommen. Die Waffe ist eine Smith&Wesson, weiß ein Flickr-User.

Walisische Nationaltrachtca. 1875, Hut, Haube und Kleid gehören zur walisischen Nationaltracht.

Mrs Hugh Lloyd (daughter of John Thomas)

6191492883_5352e3e18a_oEin Reverend, ca. 1875 – erinnert mich an den Sänger Dagobert. Unten noch ein Reverend, ca. 1885. Die Gamaschen!

Revd Michael D Jones (1822-98)

Robin Four, Llanfellech

Bilder von Menschen in schmutziger und deutlich geflickter Kleidung sind selten, man ließ sich ja normalerweise nicht in seinem Alltagslook fotografieren. Der Mann hat offenbar auch die Spitze des rechten Zeigefingers verloren.

„Schneider haben oft die schlechtesten Kleider“

nlwtaylor1875

Peniarth boat, Llanegryn

knitting for the troops1939, knitting for the troops. Der einzige männliche Stricker der Gruppe zeigt seine Ergebnisse.

In der Sammlung gibt es natürlich noch viel mehr zu sehen. Alle Bilder, auch in ihrer digitalen Form, hat die Bibliothek gemeinfrei gestellt, sie sind in der Public Domain. Danke dafür!

Proclamation of the Urdd National Eisteddfod 1964 at Porthmadog, June 1963

Und ein Schönes Wochenende!

Unter #Gemeinfreitag stelle ich  Fundstücke aus der Public Domain vor. Die Idee stammt von Moritz Hoffmann. Dort kann man auch mehr darüber lesen, welche riesigen Schwierigkeiten das Urheberrecht für Historiker birgt.

Hermelin, schwarz getupft

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Mal wieder ein Dachbodenfund: Ein Schuhkarton mit weißen Fellstücken, inklusive Köpfchen und Schwänzchen. Das kann nur Hermelin sein, denke ich sofort. Und beim Anblick der dunklen Schwanzspitzen wird mir klar, warum Hermelinfell an Kleidung meist charakteristisch schwarz gepunktet ist.

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Ich schwöre, darum hatte ich mir früher nie Gedanken gemacht!  Sobald man aber Bescheid weiß, sieht man sie plötzlich überall, die dunklen Zipfel in den alten Gemälden. Manchmal sind zusätzlich sogar noch die Beine der kleine Tiere zu erahnen.

Doge Giovanni Mocenigo by Gentile Bellini (cradled) (crop)via
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Das zur Zierde dunkel gepunktete Hermelinfell repräsentierte seit dem Mittelalter Status und Zugehörigkeit zum Königshaus. Ebenso markierte es das hohe Amt eines Würdenträgers in Kirche und Verwaltung.

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Das Symbol musste immer mit aufs Bild, auch wenn eine Königin in späteren Jahren lieber einmal ohne altmodische Umhänge porträtiert werden wollte.
Maria Hendrika; Queen of Belgium1880er, via
Der Mantel mit Hermelinbesatz der belgischen Königin liegt im Hintergrund auf dem Stuhl um zu zeigen: Hier geht es aristokratisch zu!

Eigentlich war das weiße Winterfell der kleinen Wiesel aus der Familie der Marder zu Zeiten der großen königlichen Roben gar nicht der wertvollste Pelz. Aber das weiße Fell des Tiers wurde schon seit alter Zeit mit Reinheit und Unschuld in Verbindung gebracht, so dass die herrschende Schicht es für sich reservierte.

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Wenn man bei Wappen solche Muster sieht, dann stehen die Symbole für Hermelin:

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Die Schwanzspitzen können in den Wappen sehr variantenreich ausgeführt sein.

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Auf diesem Foto sieht man, wie Schwanzspitzen in eine Krönungsrobe eingeschoben werden:

Screenshot_2016-03-07-23-28-18screenshot Pinterest

Das Foto habe ich bei Pinterest gefunden. Die Ursprungsquelle für das Bild ist natürlich – wie bei Pinterest meist – nicht mehr aufzufinden (und der Link zu Pinterest ist für alle nutzlos, die dort nicht registriert sind, das ist mies und tut mir leid).  Mich ärgert das sehr, denn ich hätte gern mehr über das Foto gewusst. Es soll die Krönungsrobe von King George V zeigen. Wenigstens bin ich über die Bildersuche  zu einem vielleicht passenden Zeitungsartikel von 1911 gekommen. Danach wurden 500 Felle und 650 Schwänze für den Umhang verarbeitet.

King George V 1911 color-cropKönig GeorgeV 1911

Den Krönungsmantel des Sohns von George V als Filmdokument könnt ihr hier sehen: Royal Family Coronation Robes (1936). Glücklich sieht George VI nicht aus (das ist der aus dem Film „The King’s Speech“).

Nicht immer wurden Schwanzspitzen für die schwarze Musterung verwendet. Die Öhrchen des Wiesels, Pelztupfen von einem dunklen Tier oder auch schwarze Einfärbung des weißen Fells waren weitere Möglichkeiten. Es musste außerdem nicht immer Hermelin sein, der günstiger zu erlangende Schneehase hatte auch schönes weißes Fell. Es war also durchaus möglich, sich einen Hermelinersatz aus anderen Tieren zusammenzubasteln.

Heutzutage besteht die würdevolle Robe natürlich eher mal aus Kunstpelz.

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Kunst-Hermelin an akademischem Würdenträger

(Michał Nadolski; stv, Czeslaw P. Dutka (inauguracja roku akademickiego PWSZ Wałbrzych), Ausschnitt, CC BY 3.0)

Für mehr Informationen zum Thema Hermelinfell kann ich euch glaube ich getrost an die sehr ausführliche deutsche Wikipediaseite verweisen. Dahinter steckt ein engagierter Kürschner, der weiß sicher, was er schreibt.

Mit den Fellresten in meinem Schuhkarton war wohl eher ein kleiner Kragen geplant. Ab dem 19. Jahrhundert leisteten sich auch ganz normale Leute ein bisschen Hermelin an der Kleidung, wie zum Beispiel diese Dame hier:

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Nicht ganz so zurückhaltend ist ein Ensemble von 1890-99 aus dem Metropolitan Museum.

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Und wenn wir schon einmal beim Overkill sind – hier noch ein skurriler Fund vom Ende des 19. Jahrhunderts. Schal und Muff wurden laut Beschreibung aus mehreren Möwen gearbeitet.

furmetgull.JPGviaMetmuseum

A set like this would have been been worn by an elite member of society who could afford to be somewhat unconventional in her taste.

Ein Ensemble für ein Gesellschaftdame „die sich einen etwas unkonventionellen Geschmack leisten konnte“ – schön ausgedrückt. Keine Ahnung, wer es sich heute leisten könnte, mit meinem Dachbodenfund am Revers herumzulaufen. Ich stecke die kleine Felle zurück und hebe sie für zukünftige Generationen auf.  Vielleicht denkt dann in 100 Jahren mal wieder jemand über die Geschichte des Hermelinfells nach.

Schönes Wochenende!

 

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Quelle für Bild mit falschem Hermelin:

Über die Erfindung der Handarbeiten als weiblich

Der folgende Artikel ist vor einiger Zeit bei Krachbumm als mein Gastbeitrag zur Reihe „… hat es nie gegeben“  erschienen. Zum internationalen Frauentag poste ich ihn hier noch einmal. Gegen das Klischee.

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Stoffe, Nähen, Sticken, Stricken war schon immer Domäne der Frauen? Alles Textile urweiblich?

Stimmt nicht.

Schon vor 5000 Jahren trug Ötzi, die Gletscherleiche aus der Steinzeit, eine Art Nähset bei sich. Funde aus der Jungsteinzeit belegen, dass Spinnen und Weben bekannt waren. Aber ob diese Textilarbeiten vorrangig von Frauen ausgeführt wurden? Das kann man nicht sicher wissen. Die Vorstellungen der Archäologie dazu sind in den letzten Jahren ganz schön ins Wanken gekommen. Bisher waren Wissenschaftler mit einem vorgefertigten Rollenbild im Kopf davon ausgegangen, dass eine Spindel in einem Urzeitgrab selbstverständlich zu einer Frau gehörte. In Tonscherben eingeritzte Strichmännchen mit Spinnwirtel und Webrahmen wurden als Frauenfiguren interpretiert, weil die Forscher solche textilen Tätigkeiten stereotyp mit Frauen verbanden. Ein Zirkelschluss! Heute weiß man, dass Frauen und Männer zusammen jagten und auch Frauen und Kinder schwere körperliche Arbeiten verrichteten. Die Vorstellung von den Steinzeitmännern als Jägern und den Frauen, die am Feuer die Kinder versorgten, entstammt den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts und ist überholt. Auch wenn Spinnen und Weben mythologisch meist mit Frauenfiguren verbunden wird, heißt das nicht, dass Männer nicht mit Textilien arbeiteten. “So gehen in Ägypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, wogegen die Männer zu Hause sitzen und weben” berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot 400 v.Chr.

Weber, ca. 1425, via

Für das Mittelalter lässt sich gut belegen, dass Männer, Frauen und Kinder gemeinsam Fasern, Garne und Gewebe herstellten. Textilien waren ja nicht nur als Körperschutz in Form von Kleidung, Zelten und Matten lebensnotwendig. Auch für den Alltag, die Jagd und den Fischfang wurden Seile, Netze, Beutel und so weiter gebraucht. Der Anbau von Flachs und Hanf wurde gemeinsam erledigt, das Ernten, das Brechen der Fasern, Scheren der Schafe, Säubern, Weben und Nähen oblag beiden Geschlechtern. Nur das Spinnen scheint traditionell mit der Frau verbunden gewesen zu sein. Der Spinnrocken ist auf vielen mittelalterlichen Abbildungen Symbol für die Frau.

Die aus dem Mittelalter bis heute erhaltenen prachtvollen Altardecken und liturgischen Gewänder wurden von Männern und Frauen gleichermaßen ausgeführt. 1330 arbeiteten in einer englischen Stickwerkstatt 70 männliche und 42 weibliche Sticker an mehreren Prunkdecken, die für das Königshaus in Auftrag gegeben worden waren.

Mathilda stickt den Bayeux Teppich, via

Auch der weltbekannten Teppich von Bayeux, ein mittelalterliches 70 Meter langes Stickkunstwerk, wurde in solchen professionellen Werkstätten hergestellt. Dennoch behaupteten Historiker lange Zeit, die englische Königin Mathilda oder Nonnen hätten den Teppich bestickt. Mit den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts im Kopf kam es ihnen nicht in den Sinn, dass vielleicht auch Männer beteiligt gewesen sein konnten.

Zu Zeiten der Zünfte waren die textilen Berufe ausdrücklich Männersache. Strumpfstricker, Tuchmacher, Bändermacher, Schneider, Sticker, Färber – alles Männer.

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Was nicht heißt, dass die Frauen aus der Sache raus waren. Sie arbeiteten arbeitsteilig mit oder betrieben das Handwerk auch selbst. In der Zunftordnung der Wollweber aus dem 14.Jahrhundert heißt es: „Wer Webmeister oder -meisterin ist, der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr.“

bortenBortenmacher 1725, via

Im 17. und 18. Jahrhundert gab es vor allem bei der ländlichen Bevölkerung weiterhin keine festgeschriebene Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen. Männer und Frauen erledigten quer durch alle Altersgruppen gleichermaßen die Textilarbeiten, die zum Eigenbedarf oder zum Verkauf nötig waren. Aus der Zeit um 1750 berichtet ein Bauerssohn: „Mein Vater probierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letztere kämbeln [kämmen], Strümpfstricken, u.d.g. Aber keins warf damals viel Lohn ab.“

In Preußen stellten Waisenknaben im 18. Jahrhundert unter der Anleitung von Spinn- und Strickmeistern Garn her und strickten Strümpfe für Auftraggeber. Häftlingen erging es nicht anders. Und auch Soldaten mussten spinnen. Den Langen Kerls des Soldatenkönigs oblag es, für den Garnnachschub in Preußens Manufakturen zu sorgen. Jedes neue Haus in Potsdam musste damals eine Stube enthalten, in der vier Soldaten schlafen konnten und in die noch vier Spinnräder passten. Die Soldaten nutzen das Wachehalten außerdem zum Stricken, wie Carl Spitzweg mehrfach im Bild festgehalten hat.

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Abbildungen von strickenden Schäfern sind zahlreich. 1785 heißt es in einem Reisebericht aus Norddeutschland: „Alles strickt hier, was nur Hände hat, Bauer und Bäuerin, Kinder, Knechte und Mägde.“
1855, strickender Schäfer, via

Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Heimarbeit. Es gab auch hier beim Spinnen und Weben im sogenannten Verlagswesen keine feste geschlechtsspezifische Trennung. Lediglich die Stickerei wurden inzwischen eher von Frauen und Mädchen durchgeführt. Im Erzgebirge klöppelten Frauen, Kinder und auch Männer im Akkord. Zunehmend wurde die Arbeit dann in Manufakturen und Fabriken zentralisiert.

In sogenannten Industrieschulen erlernten sowohl Mädchen als auch Jungen handwerklichen Tätigkeiten wie die Gewinnung von Leinenfasern, Garnspinnen, Zwirnen, Nähen, Wäschezeichnen, Stricken und Klöppeln. Zunehmend erfolgte aber eine Einteilung der Gruppen nach Geschlecht. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurden in Erwerbsschulen nur noch die Mädchen in Handarbeiten unterrichtet. Sie lernten die sogenannten groben Arbeiten (Spinnen, Stricken, Nähen, Stopfen) und, wenn sie geschickt waren, die feineren „Putz- und Prunkarbeiten“.

Der weitaus größte Teil der Frauen und Männer damals arbeitete als Dienstpersonal, in Fabriken und in der Landwirtschaft. Die Textilfabriken brauchten für Spinnmaschinen und Webstühlen alle, Männer, Frauen und Kinder geschlechtsübergreifend. Beim Dienstpersonal gehörte es für den Kammerdiener zur Aufgabe, Flickarbeiten zu erledigen. Auch im selbständigen Nähbereich waren sowohl Männer als auch Frauen tätig. Die Männer nannten sich Schneider, die Frauen Putzmacherinnen und Weißnäherinnen.

Anker, 1894, via

Wie kommt es dann überhaupt dazu, dass wir heute textile Arbeiten mit (Haus)fraulichkeit verbinden?

Das hängt mit dem Klischeebild zusammen, das die bürgerlichen Wertvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert fest in unseren Köpfen verankert haben. Krachbumm hat unter  „Die Erfindung der Hausfrau“ und „Die Erfindung der Mutter“ ja schon beschrieben, wie sich in dieser Zeit unser heutige Frauenbild gebildet hat. Das Image der Handarbeiten läuft mit dieser Entwicklung parallel.
In Adelskreisen und Klöstern war es schon seit dem Mittelalter für Frauen üblich, sich mit kunstvollen Nadelarbeiten zu beschäftigen. Pflicht war das aber nicht. Liselotte von der Pfalz notierte 1719 am Hofe Ludwig des XIV., sie schreibe lieber und finde „nichts langweiligers in der Welt, als eine Nähnadel einzustecken und wieder herauszuziehen“. Feine Nadelarbeiten galten jedenfalls als vornehme Tätigkeit und aus den Klöstern heraus gab es auch Initiativen, Mädchen in Handarbeiten zu unterrichten. Mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken des Bürgertums strebte die bürgerliche Schicht danach, sich dem Lebenstil der Aristokratie anzunähern. Gleichzeitig machte es die Industrialisierung möglich, Textilien günstig und in großer Menge zu produzieren. Kleidung und andere Textilien konnten nun eingekauft werden. Die Eigenversorgung mit Stoffen und Kleidung war nicht mehr lebensnotwendig. Erst im Zuge dieses industriellen Fortschritts, der verbreiteten Lohnarbeit und der Neuverteilung der Rollen zwischen Mann (aushäusig, berufstätig) und Frau (häuslich, Mutter) wurden Handarbeiten wie Sticken und Stricken zu typisch weiblichen Beschäftigungen und der Handarbeitsunterricht zu einem Schulfach nur für Mädchen.

Liebermann, 1876, via

Die Frau, die zu Hause bleibt, sich um Kinder und Haushalt kümmert, tugenhaft ist und repräsentiert, wird zum Idealbild des Bürgertums. Portraits aus der Zeit zeigen die weiblichen Familienmitglieder oft mit einer Nadelarbeit auf dem Schoß, Ausdruck von Häuslichkeit, Fleiß und Anstand. Kenntnisse in Handarbeiten gehörte als Statussymbol zur standesgemäßen Ausbildung einer höheren Tochter. Dieses Bild der zum Zeitvertreib vor sich hin häkelnden Bürgersfrau hat sich bis heute als Klischee in unseren Köpfen verankert, obwohl das Alltagsleben bürgerlicher Frauen diesem Bild gar nicht entsprach.

Nur eine kleine wohlhabende Schicht Frauen mit ausreichend Dienstpersonal konnte es sich leisten, Nadelarbeiten als „demonstrativen Müßiggang“ zu sehen. Unsere Vorstellung von der sittsam stickenden Hausfrau ist ein Zerrbild, das in der Realität oft nur mühsam aufrecht erhalten werden konnte. „Zwischen Repräsentationszwang und der Tugend der Sparsamkeit“ heißt ein Kapitel in einer Untersuchung, die einen genauen Blick auf die handarbeitenden Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wirft. Allein schon aus finanziellen Gründen mussten die Frauen sich an dem Aufwand der Hauswirtschaft beteiligen, nach außen hin wurde das aber verschleiert. Besuche in Bürgerhaushalten kündigte man vorher an, damit die Hausfrau nicht bei der Hausarbeit überrascht wurde. Gleichzeitig bedeuteten die Handarbeitskenntnisse aber auch ein Befreiung: Mit Nadelarbeiten Geld zu verdienen war eine der wenigen für Frauen des Bürgertums schicklichen Erwerbsquellen. Handarbeiten konnten auch im öffentlichen Raum Anerkennung bringen, wenn Frauen sich beispielsweise sozial in der Mädchenbildung engagierten oder für den Wohltätigkeitsbereich strickten und nähten, wie zu Kriegszeiten an der Heimatfront.

Wie „Die Erfindung der Hausfrau“ schon beschrieben, setzte sich die sogenannte Hausfrauenehe erst nach den Kriegen in allen Schichten der westlichen Bevölkerung durch und begann Ende der 1960er auch schon wieder zu bröckeln. Mit dem Handarbeitsunterricht ging es entsprechend in den 1970er Jahren zu Ende. So ideologisch belastet schien dieses textile Fach, dass es bis heute nicht rehabilitiert ist. Dabei spricht nichts dagegen, dass es wieder ganz normal wird, wenn Männer und Frauen nähen, stricken und sticken. Es ist schließlich nützlich und macht viel Spaß, diese Techniken zu beherrschen und textile Dinge selbst herstellen oder reparieren zu können.

Wer mehr dazu lesen möchte kann hier im Blog die Kategorie  „Handarbeit, Männer, Frauen“ durchsehen, zum Beispiel

Strickliesel und Häkeltrusche – wo kommt das miese Image her?

Dort findet ihr auch noch viel mehr Bilder von Männern mit Stoff, Nadel und Faden hier und hier sowie Nähenden Soldaten

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Feine Leibwäsche zum Sterben mit Kleist

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Im November 1811 wird hier, in der Nähe des Berliner Wannsees, ein Untersuchungsbericht verfasst. Eine Manns- und eine Weibsperson sind am Ufer tot aufgefunden worden. Der Mann hat offenbar erst die Frau erschossen, dann sich selbst.

Der Bericht vom 22. November 1811 beschreibt die Kleidung der beiden genau.

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Die Mannsperson war mit einem „braun tuchenen Überrock, weißer Battist-Musselin-Weste, grauen, tuchenen Hosen, und runden Schlappstiefeln“ bekleidet. Nur um den Mund herum hatte er ein wenig Blut.

Bei der Frauensperson in einem „weißen Batist-Kleide, blau tuchenen feinen Überrock, und weißen glassé-Handschuhen“ sah man einen blutigen Fleck von der Größe eines Talers unter der linken Brust auf dem Kleid, „welches an dieser Stelle auch verbrannt zu seyn schien.“

Das Paar hatte in einem nahen Gasthaus übernachtet und in ihren Zimmern Abschiedsbriefe hinterlassen. Kein Zweifel: Sie wollten gemeinsam sterben. Der Ehemann der toten Frau eilt herbei. Sie wird obduziert. Das Protokoll beschreibt weitere Details ihrer Kleidung:

„…feine weiße baumwollene Strümpfe, schwarze corduane Schuh mit schwarzen Band um den Fuß gebunden … und blaue seidene schmale Strumpfbänder“.

Dann heißt es noch: „Übrigens war sie mit Unterziehbeinkleidern bekleidet, und hatte sehr feine Leibwäsche.“

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Mann um den Dichter Heinrich von Kleist, bei der Frau um die vermutlich schwer an Krebs erkrankte Henriette Vogel. Wohl kein Liebespaar, nein, nur zwei in Todessehnsucht vereinte romantische Seelen. Kleist war schon länger auf der Suche nach einer Partnerin gewesen, die sich mit ihm zusammen das Leben nehmen würde. In Henriette, die verheiratete Mutter einer Tochter, hatte er eine des Lebens überdrüssige Gefährtin gefunden.

Wie könnte die Kleidung nun ausgesehen haben, die sie für ihren letzten Ausflug anlegten?

Der Mann im Überrock aus braunem Tuch, mit weißer Weste, grauen Hosen und Schlappstiefeln* ähnelte vielleicht diesen Herren:

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boilly18031803

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(* Schlappstiefel, besser Schlaffstiefel, ein Stiefel, dessen Beinleder keine Steife hat, schlapp oder schlaff herabhängt, wie ein nicht aufgebundener Strumpf.     Krünitz, 1827)

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Wie die Französin auf dem Bild unten trug Henriette sicher eines der zu Beginn des 19. Jahrhunderts modernen weißen Kleider in antiken Stil, dazu weiße Glacéhandschuhe. Glacé war ein sehr weiches und glänzendes Ziegenleder, das mit Talkum noch geweißt werden konnte. Wegen seines „glasierten“ Aussehens wurde es Glacé genannt (von frz. glacé = eisig).

Laure-bro-de-comeres1818-1820

Die „corduanen“ Schuhe waren aus Corduanleder gefertigt, einem ebenfalls durch spezielle Gerbung sehr feinen, weichen Leder, das damals für Taschen oder Damenschuhe verwendet wurde. „Mit schwarzem Band um den Fuß gebunden“ sind auch die Schuhe bei dieser Frau im blauen Mantel aus dem Journal des Dames et des Modes von 1808.

journaldesdamesnov18o8BNF, 1808

Henriettes Überrock aus blauem Tuch könnte ähnlich ausgesehen haben.

Der Bericht findet es erwähnenswert, dass Henriette Unterhosen trug – eben weil das damals noch ungewöhnlich war. Beinkleider galten als männliches Kleidungsstück und waren für Frauen eigentlich gewagt. In einem satirischen Stich von 1810 über Neuerungen in der Mode wird eine Frau in Unterhosen gezeigt, richtig durchsetzen konnten sie sich aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts.

gillray1810nach Gillray 1810

Wahrscheinlich hatte besonders Henriette sich für den Tod ausgesucht schön gekleidet. Ihre feine Leibwäsche mag ein Hemd gewesen sein, das sie unter einem Mieder trug, aber Einzelheiten sind schwer zu wissen, weil die Unterwäschefrage bei den Kleidern im Empirestil unklar ist. Die weißen Baumwollstrümpfe könnten wie diese im Metmuseum ausgesehen haben und die blauen Strumpfbänder, mit denen die Strümpfe über oder unter dem Knie festgebunden wurden, ähnelten vielleicht dem Exponat unten aus Schweden. Nur waren sie wohl etwas zierlicher, denn der Untersuchungsbericht erwähnt extra „schmale Strumpfbänder“.

strumpebandNordiska Museet

Wie Zeugen berichten, waren Henriette und Heinrich vor ihrem Tod sehr heiter gestimmt. Sie ließen sich einen Tisch und Stühle ins Freie bringen, bestellten viel Wein und Rum, sprangen gut gelaunt herum.

Heute führt zum Grab am Ort ihres Doppel-Selbstmords ein gut ausgeschilderter Weg, den man vom S-Bahnhof Wannsee aus beginnen kann. Im Sommer gibt es sogar einen Rundgang mit Hörspiel. Ob darin auch die Kleidung der beiden erwähnt wird? Ich habe mir fest vorgenommen, das in diesem Jahr noch herauszufinden.

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