Mehr als nur hübsch anzusehen: Berufstätige Frauen 1800

Eine adrette Korsettnäherin liefert Ware aus.

Costumes d

Die Französische Nationalbibliothek hat eine  Sammlung mit Modebildern berufstätiger Frauen von 1824 digitalisiert. Costumes d’Ouvrières Parisiennes zeigt die Kleidung der arbeitenden Frauen in Paris.

Nachfolgend eine kleine Auswahl, beschränkt auf textile Berufe.

Modehändlerin (für Hüte und mehr):
Costumes dvia
Mercière ambulante – „Fliegende“ Kurzwarenhändlerin:

merciere(Ausschnitt)

Stickerin mit Weißstickerei in der Hand:

brodeuse(Ausschnitt)

Das Kleid dieser Stickerin war schon einmal Vorbild bei einem Reenactment-Ereignis.  Kleidung um 1800 eröffnete im letzten Sommer zusammen  mit Gleichgesinnten eine Fantasie-Modehandlung.  Eine der Teilnehmerinnen nähte sich für ihre Rolle als Stickmeisterin Mme Holpriger das Kleid vom Bild aus Paris, selbstverständlich per Hand, auch die 18 Stufen im Rockteil. Die Modebilder waren als Inspirationsquelle für die Aktion Modehandlung gut geeignet.

Eine Stoffverkäuferin mit gelben Handschuhen, Schere und Maßband. (Die schwarzen Schürzen kommen auf den Bildern oft vor):
Costumes dvia

Hutmacherin:
Costumes dvia

Spitzenwäscherin – Blanchisseuse de Dentelle:
Costumes dvia
Offenbar liefert sie gerade frisch gewaschene und gestärkte Spitzen in einem kleinen Kästchen aus. Eine spezielle Feinwäscherin für Spitzen? Da musste ich ein bisschen recherchieren. In einer deutschen Enzyklopädie von 1833 heißt es beim Eintrag Spitzenwäscherin:

ein Frauenzimmer, welches die Kunst versteht oder ausübt, weiße und schwarze Spitzen wieder durch die Wäsche zu reinigen, aufzustecken und auszupletten.

Spitze war so empfindlich, dass sie zum Waschen von den Kleidungsstücken und Hüten abgetrennt wurde. Sie musste sehr vorsichtig gesäubert, gebleicht und danach wieder gestärkt, gebügelt und aufgesteckt werden. (Ausführlich dazu zum Beispiel das Kapitel Spitzen-Waschen  im Buch Anweisung zu Frauenzimmer-Arbeiten von 1826).  Zum Versteifen wurde neben Stärke auch gern Traganth genommen, ein gummiartiges Verdickungsmittel, über dass sich auch heute noch Tortendekofreaks in Backforen austauschen.

In vielen deutschprachigen Adressbüchern des 19. Jahrhunderts kommt die Berufsbezeichnung „Spitzenwäscherin“ vor – oft auch in der Variante „Blondenwäscherin“. Blonden waren feine weiche Klöppelspitzen, nach dem Ton der naturfarbenen Seide benannt, aus der sie ursprünglich gefertigt waren.

Ich erinnere mich an eine witzige Szene in der sehr gut ausgestatteten britischen Serie Cranford. Ein Stück teure feine Spitze soll in Buttermilch aufgehellt werden – zwischendurch schlabbert die Katze die Milch leider mitsamt der Spitze auf. Die Damen müssen sich nun etwas ausdenken, damit das teure Stück Textilie wieder heil aus dem Katzenpopo herauskommt…

cranvia

Büglerin:
Costumes dvia

Für die normalen Wascharbeiten war die Blanchisseuse, die Weißwäscherin/Bleicherin zuständig.

blanch1(Ausschnitt)

Die Tafeln sind als Modebilder stark idealisiert. In Wirklichkeit war vor allem das Leben der Wäscherinnen kein Spaziergang in hübschen Kleidern. Davon kann man sich anhand anderer Quellen überzeugen.

Daumier malte 1863 eine Weißwäscherin so:

via

Wie es den Frauen in Wirklichkeit erging, davon zeugen auch einer ganze Reihe Exponate des Pariser Museum für Moulages , das Wachsnachbildungen von Hautkrankheiten in seiner Sammlung hat. Unten ist der mit Ausschlag übersäte Arm einer 16jährigen Wäscherin abgebildet.

Prurigo de Hebra (Inv. 1922). Femme âgée de 16 ans, blanchisseuse. Lichen, prurigo
© Musée des moulages de l’Hôpital Saint-Louis (AP-HP)

Und diese Wäscherin von ca. 1850 hat für das Foto sicherlich ihr schönstes Tuch umgeschlungen. Sie präsentiert sich mit ihren Berufskennzeichen.

Die Modebilder zeigen zwar eine ideale Welt, sind aber Beweis dafür, dass Frauen durch die Jahrhunderte hindurch immer berufstätig waren. Die gesammte Bildersammlung Costumes d’Ouvrières Parisiennes umfasst 47 Tafeln mit Frauenberufen.

tress

Tressuse de cheveux – Haarteilmacherin? (Ausschnitt)

(Für Leser mit Spezialwissen habe ich noch ein Frage: Ich konnte nicht herausfinden, wie genau die Begriffe Blonden und Spitzen abzugrenzen sind. Offenbar waren das verschiedene Dinge, denn in vielen Adressbüchern findet sich die Bezeichnung „Seiden- Blonden- und Spitzenwäscherin“. Vielleicht weiß jemand mehr dazu? Aber Achtung, wenn man die Wörter „Blonden“ und „Spitzen“  googelt, gerät man entweder in Haarforen oder auf Erotikseiten.)

blondenwAdressbuch Würzburg 1852

10 Gedanken zu “Mehr als nur hübsch anzusehen: Berufstätige Frauen 1800

  1. …diese poussierlichen Damen in feinen Kleidchen erinnern mich an eine Galerie von Wäscheklammer-Damen, die hier im Blog mal kursierten. Toll anzusehen und bestimmt in realita eine Plackerei. Und eine tolle Geschichte mit der Buttermilch und der Katze, ojemine……….
    Carmen

  2. Geratener Erklärungsversuch zu der Unterscheidung Blonde-Spitze: Man kann Spitzen ja nach Herstellungsverfahren klassifizieren. Mit „Spitze“ sind – vermutlich – ausschließlich Nadelspitzen gemeint, die geklöppelte Blonde ist etwas ganz anderes. Geklöppeltes ist im Vergleich zur Nadelspitze erheblich einfacher und schneller herzustellen, das war sicher auch eine andere Preisklasse. Ich glaube damals wurde erheblich genauer unterschieden, als wir es heute tun würden. So wie bei der Unterscheidung zwischen couture und tailleur – zwei verschiedene Handwerke.

    • Vielen Dank, das ist toll. Auf das erste, das Fachbuch, hatte ich schon spekuliert. Karen von KaZe hat das auch und ich hatte eigentlich gehofft, dass da etwas drinsteht.
      1900 versteht das Lexikon unter Blonden also auch seidene Klöppelspitzen. Dann bleibt noch zu klären, ob 1800 vielleicht Spitze noch kein Oberbegriff war und, wie Lucy sagt, Z.B. nur Nadelspitze als Spitzen galten – so wären dann die Berufsbezeichnungen, die zwischen Spitzen und Blonden unterscheiden, zu erklären. Danke fürs Nachschlagen und Posten!

  3. Jetzt habe ich noch eine gute Quelle gefunden auf einem Kunstgeschichtesportal
    http://www.rdklabor.de/wiki/Blonde
    Danach sind „Die B. ist keine selbständige Spitzengattung, sondern arbeitet nach Diderot-d’Alembert (Encyclopédie ou Dict. raisonné des sciences, des arts et des metiers, 1751) andere Spitzenarten nach, wie Mecheln, Valenciennes und Brüssel. – Die B. ist für Frankreich zuerst 1678 als Modeartikel bezeugt …“
    Also nachgemachte Spitzen?

  4. Als Quelle für alle Waren um 1800 kann ich Gottfried Christian Bohns Waarenlager von 1805 empfehlen. Dort erhält man Erläuterungen quasi aus erster Hand, ich bin dort bislang eigentlich immer fündig geworden (Vorsicht! Das Blättern und Studieren in dem zweibändigen Werk macht schnell süchtig!) : https://books.google.de/books?id=_3tQAAAAYAAJ&pg=PA129&lpg=PA129&dq=Gottfried+Christian+Bohn+waarenlager&source=bl&ots=x5nHCrEkqe&sig=xakGSHchUscFue2JHu9sI8JRSp0&hl=de&sa=X&ei=0TxGVPWrNOq6ygPM5IDADw&ved=0CCIQ6AEwATgK#v=onepage&q=blonden&f=false

    • Danke! Da gibt es Modeblonden und künstlich gearbeitete Blonden, für die man dann sicher im Französischen mehr finden kann, muss ich mal in Ruhe weitersuchen.

  5. Insgesamt kann man als gemeinsamer Nenner wohl sagen, Blonden waren ursprünglich Klöppelspitzen aus Seide. Bei Ingrid Loschek steht, Blonden gehören zu den Ziernetzspitzen, mit durchgehendem Faden gearbeitet, in Weiß oder Schwarz. „Das Muster aus stark glänzender Seide wirkt atlasartig schwer infolge der beinahe unsichtbar feinen bindenden Fäden des Grundnetzes“.
    Bei späteren Fundstellen habe ich auch noch farbige Blonden und Blonden aus Baumwolle gefunden.
    Es bleibt offen, warum die Wäscherinnen sie extra benannten, vielleicht weil sie empflindlicher waren als normale Spitze? Irgendwann finde ich das noch einmal heraus.

  6. Mal ne Woche weg und schon gibt es wieder etwas Spannende und Schönes bei dir.Im Fachbuch für die Spitzen habe ich auf die Schnelle nichts gefunden, zuviele Arten in einmaliger Erwähnung im Text, aber die Verweise, die du gefunden hast mit der Seide und „nachgemachte“ Spitzentechnik, scheint doch sehr schlüssig. Man wollte noch luxuriöser sein! Blonde waren immer die seltenen und seidene Spitze mit Sicherheit auch. Definitiv muß Seide ganz anders gewaschen werden als BW, das hat man wahrscheinlich betont, wenn man dazu in der Lage war. Ich könnte mir auch vorstellen, dass diese Spitzen vorsichtig gespannt und luftgetrocknet wurden und nicht gebügelt. Dafür brauchte man sicher auch separates Material/Werzeug. Vielleicht eine Gattung der „höheren“ Wäscherin?! BW waschen etc. fürs Personal und Spitze für die Herrschaft?
    In Berlin gab es Anfang der 80er noch einen Laden, der gestrickte Decken aus einer Art Kunstseide und auch BW-Spitzengardinen gewaschen und gespannt hat.Mit schönen Exemplaren wurde zum Trocknen das Schaufenster dekoriert.
    Wäscherin muß ein echt harter Beruf gewesen sein. Böse Hautausschläge gab es sicher zuhauf. Was bin ich froh über die Erfindung der Waschmaschine!
    Viele Grüße Karen

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