Mode-Mythen: Königin Luise und ihr Halstuch

luise-kopie

Die berühmte und beliebte Königin Luise von Preußen trägt auf vielen Porträts eine weiße Halsbinde. Dieses Tuch ist so etwas wie ein Markenzeichen der Ikone. Was hat es damit auf sich? Wollte Luise eine Schwellung am Hals verstecken, wie oft behauptet wird? Oder hatte sie einfach nur Angst vor Erkältung? Fand sie ihren Hals generell zu dick? Solche Erklärungen finden sich überall. Der Legende nach löste Luise mit diesem außergewöhnlichen Halsschmuck einen Modetrend aus. Wikipedia: „Sehr schnell wurde aus dem Notbehelf jedoch eine Modeerscheinung“.

Luise als Halsbinden-Trendsetterin? Kann das sein? Es gibt Zweifel an dieser Theorie.

Crown Princess Louise of Prussia & Frederica of Mecklenburg-Strelitz, after Johann Gottfried Schadow, Royal Porcelain Factory, Berlin, c. 1825-1850, porcelain - Fogg Art Museum, Harvard University - DSC01295

Erste Abbildungen mit Schal

Luises Halsbindenlook ist zuerst von der sogenannten Prinzessinnengruppe des Bildhauers Schadow bekannt. Die Schwestern Luise und Friederike, 18 und 16 Jahre alt,  heirateten 1793 praktischerweise gleich doppelt in die Königsfamilie hinein. Der Hofbildhauer Schadow bekam den Auftrag, die beiden Prinzessinnen zu porträtieren. Er stellte die Schwestern natürlich und locker, in dünner, körpernaher Kleidung dar, für damalige Verhältnisse sehr gewagt. 1795 wurde die Prinzessinnengruppe aus Gips erstmals ausgestellt, 1797 entstand sie in Marmor.  Bei den Vorbereitungen hatte Schadow Luise gezeichnet. Auf der Skizze trägt sie ein locker um den Kopf und Kinn gebundenes Tuch. Schadow beschrieb sich 50 Jahre später in seinen Memoiren selbst, als Künstler beim Modellieren der Schwestern:

…er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung. Der Kopfputz der Kronprinzessin und die Binde unter dem Kinn sollte eine Schwellung decken, die am Halse entstanden war, nachmals aber wieder verschwand“

Prinzessinnengruppe Porzellan KGM 09-113 detail

Diese Erklärung gab Schadow auch einem anderen interessierten Bildhauer, der später notierte:

»Ich mußte es thun«, war seine Antwort, »weil die eine Prinzessin einen dicken Hals hat.« In der That, ich traute meinen Ohren nicht, als ich dies hörte. O, der armen bedauernswürdigen Kunst, die sich in ihrem veredelnden zum ideal hinstrebenden Geschäfts nicht einmal über einen dicken Hals wegsetzen darf.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, schließlich ist die Auskunft des Bildhauers deutlich. Aber stimmt sie auch? Würde ein Bildhauer, der lange an einem Standbild arbeitet, sich nicht doch über so eine (ja offenbar vorübergehende) Halsschwellung hinwegsetzen, sie einfach nicht abbilden? Auch gerade der jungen Frau zuliebe?

Es spricht hier einiges dafür, dass Luise das Tuch nicht als Notbehelf, sondern aus modischen Gründen trug. Sie war bekanntermaßen ein It-Girl der damaligen Zeit, ein Fashion-Victim. Sie erhielt regelmäßig Modeneuigkeiten, auch über das Journal des Luxus und der Moden, in dem Berichte und Bildtafeln die neusten Trends in Paris und anderswo zeigten.

Die Mode mit den Halsbinden

Schon 1792 berichtet ein Beobachter im Journal des Luxus und der Moden von einer Neuigkeit, die ihm gar sehr missfällt: Die Frauen binden nämlich

sogar das Band ums Haar unter dem Kinne zu, und verkennen dabey gewaltig ihren Vortheil. Ein minder schöner Hals fällt immer dadurch mehr in die Augen, und ein schöner Hals – wirklich, das ist sehr ungerecht von Ihnen, meinen Damen, dass Sie, um einer flüchtigen Mode willen, uns arme Männer auf eine Zeitlang um einen schönen Anblick bringen wollen, der uns so viel werth ist!“

So flüchtig wie der Beobachter hofft, war die Mode nicht. Im folgenden Jahrzehnt finden sich zahlreiche Abbildungen dieses Looks. (Leider kann ich in diesem Artikel nur wenige der vorhandenen Bilder zeigen. Deutsche Museen sind ja bisher sehr knauserig mit ihren Bildrechten, das macht sich bei diesem Thema bemerkbar).

journallmjuni1796Journal des Luxus und der Moden 1796

Untitled Fashion Plate LACMA 54.89.154a-b (2 of 2)spätes 18. Jhd

Später war eine eng anliegende Halsbinde, die hinten ansteigt, ein verbreitetes modisches Accessoire, auch Luise trug sie gern und wurde mehrmals so auf Bildern gezeigt.

Lauer 6Porträt Luise, 1798

Caroline de la Motte beschreibt 1830 in einem Rückblick auf die Mode seit 1785 einige „geschmacklose Modeverirrungen“,  zum Beispiel eine Halsbinde bei Frauen:

der Hals erschien unförmlich dick , denn man umwand ihn mit einem achtfach zusammengelegten Tuche, nach Art übertriebener Männerkravaten“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die Halsbinde Luises Markenzeichen, auch auf späteren „Phantasie“-Porträts. Der Luisenkult um die preußische Madonna zitierte den Schal immer wieder.

luise21879/1914 via

Fazit: Luise hat die Halstuchmode nicht erfunden

Sie hat den Trend aber aufgegriffen. Vielleicht fand die 18jährige ihren Hals tatsächlich etwas zu dick und war dankbar über den kaschierenden Look. Dem älteren Bildhauer Schadow war die Mode wahrscheinlich zu fremd, er erklärte das Accessoire lieber medizinisch. Ich erinnere mich selbst daran, dass wir uns in meiner Jugend bunte Windeltücher um den Hals schlangen, oder lange Wollschals, was als ungewöhnlich galt. Die Großelterngeneration reagierte darauf bei mir mehrmals irritiert-belustigt mit der Nachfrage: „Hast du Halsschmerzen?“ Ebenso erging es uns, als wir uns ganz im Künstler/Architekten-Schwarz kleideten. Ich kann mich noch an Bemerkungen erinnern wie: „Gehst du zur Beerdigung?“ So etwa in dieser Art erkläre ich mir Schadows Erinnerung.

Der Katalog zur vergangenen Ausstellung Luise: die Kleider der Königin nimmt ebenfalls an, dass Luise mit der Kinnbinde nur einem Modetrend folgte. Das ist bisher aber die einzige zweifelnde Stelle, die ich gefunden habe. Dagegen steht die beliebte und verfestigte Legende vom Halsverband einer Kränkelnden, der in die Modegeschichte einging. 

Wenn ich mal richtig gut drauf bin, werde ich versuchen, den Wikipedia-Artikel in Richtung der neuen Erkenntnis zu ändern. Ich weiß aber schon aus Erfahrung, dass ich da mit Wachhunden zu rechnen habe, in diesem Fall wahrscheinlich pensionierte Preußenforscher, die zur Hochform auflaufen. Da sollte ich dann besser wirklich alles mit 1A-Quellen belegen können, ich dahergelaufenes Häkelmäuschen.

Wünscht mir Glück!

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Weiterführende Info:

Reimar F. Lacher, Schadows Prinzessinnengruppen

Luise: die Kleider der Königin : Mode, Schmuck und Accessoires am preussischen Hof um 1800

12 Kommentare

  1. Von dir dahergelaufenem Häkelmäuschen (danke für diesen Lacher am frühen Morgen) können die pensionierten Preußenforscher offenbar noch ein bisschen was lernen. ;)
    Deine spannenden Recherchen lese ich immer wieder gerne!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

  2. Wieder ein wunderbarer Post, Danke! Dem Absatz über Deine eigene Jugend kann ich nur vollinhaltlich zustimmen. Beides habe ich genau so auch erlebt. Ich mußte lachen und habe mich nostalgisch erinnert. Danke auch dafür.
    Jetzt aber eine blöde Frage, könnte die Binde etwas mit französischen Revolution zu tun haben? Ich denke an die Guillotine und an den geschützen Hals und daraus eine Mode machen. Aber wahrscheinlich ist das kompletter Blödsinn.
    Für mich bist Du die coolste unter den Häkelmäusen! ( In diesem Fall faßt cool einiges zusammen: informativ, belesen, akribisch, innovativ usw.) Also stell Dein Licht unter den Scheffel.
    Liebe Grüße
    Teresa

  3. Wieder ein interessanter blog . Ich hatte Freude beim Lesen und erinnere mich gerne daran wie ich Windeln gefärbt habe die ich irgendwie noch aufgehoben hatte von meinen Kindern (ja damals benutzte man noch keine Pempas) in allen möglichen Farben zur Kleidung meiner Tochter passend. Ein lustiger Modetrend und warum nicht auch mal etwas Neues ausprobieren.

  4. Ein wunderbarer Beitrag von dir. Ich bin dafür in der Richtung zu ungebildet, als dass mir solcherlei Dinge auffallen würden, deswegen danke für diesen Einblick, dass es auch viele (kleine oder nicht so kleine) Meinungsverschiedenheiten bei Kleidungsmoden in der Vergangenheit gibt.

    Was mir noch einfiele zu der Umschreibung, dass die Halsschwellung nur temporär war: Kann sie eventuell Mumps gehabt haben? Oder aber wirklich eine Schilddrüsenstörung in der Pupertät, die aber danach wieder abgeklungen ist… sowas gibt es durchaus.

    Leider ist es wie auf jedem Gebiet wohl auch so, dass eifrige Verfechter anderer Theorien trotz aller neuer Erkenntnisse kein µ davon Abweichen, dass ihre (alte) Theorie die einzig richtige sei.
    Viel Erfolg gegen die Starrsinnigen, die einen wichtigen Grundsatz der Forschung vergessen haben: Sich immer wieder fragen ob Annahmen, Theorien und Hypothesen nach neuesten Erkenntnissen noch haltbar sind und falls nicht, diese eben zu streichen.

  5. Ich drücke alle Daumen für jegliche Art von Einträgen!. Um so mehr, als das Männer noch weni ger Dinge nachvollziehen können, die erst durch sie bei den Frauen entstanden sind in früherer Zeit.
    Bei Frauen jenseits der 40 hätte ich auch geschicktes Tuchlifting mutmaßen können, aber in so jungen Jahren ist deine Erklärung sicher zutreffend. Wieder ein schöner Beitrag.
    VG Karen

  6. Ein schönes und interessantes Thema. Vielen Dank dafür!
    Bislang sind mir nur diese Schleifenhüte im Zusammenhang mit Jane Austen aufgefallen.

    So eine Halsbinde modelliert ja u.U. auch die Kinnlinie vorteilhaft.
    Und sie versteckt sicherlich einen faltigen Hals und ggf. auch ein Doppelkinn. Das mag der Grund sein, warum Halsbinden sich so lange großer Beliebtheit erfreuten. Die hohen Kragen, wie sie z.B. Katharine Hepburn in ‚African Queen‘ trägt, sind vielleicht eine spätere Variation dieser praktischen Mode.
    Insgesamt erinnern mich die Abbildungen an die strengen Kopfbedeckungen von Nonnen, die ja auch i.d.R. die Gesichtsform betonen.

    Das Geschlabber, das wir uns in unserer Jugend um den Hals wickelten, war aber bestimmt nicht klösterlich inspiriert. Reizvoll war wohl eher die Tatsache, daß wir was zweckentfremden (hier die Windeln ) konnten. Genauso wie diese dicken langärmeligen (Polyester-)Arbeits-Unterhemden und die Latzhosen aus dem Industriebedarf, die wir eingefärbt als Sweat- und T-shirts trugen …. ;)

  7. Vielen Dank fürs Mutmachen und weitere Nachdenken!
    Mumps, Nonne – dazu habe ich inzwischen noch mehr gefunden.
    1. Luise hat zeitlebens oft Zahnschmerzen, davon schreibt sie auch schon als Verlobte an ihren Zukünftigen.
    2. In Nachrichten von 1796 habe ich jetzt auch noch die Beschreibung gefunden, dass Hals, Nacken, Hinterkopf, Gesicht und Backen in „ungeheuer große Linontücher“ eingewickelt werden, die Frauen hätten „das völlige Ansehen einer eingeschleyerten Nonne“.
    Passt also!
    Mit der französischen Revolution hat das alles insofern zu tun, dass diese sogenannte Nuditätenmode die Freiheit repräsentierte, die durch die politischen Ereignisse möglich war, auch das antike Ideal. (Wegen der Guillotine hatte ich auch mal etwas in Bezug auf Mode gelesen, das behalte ich im Kopf).

  8. Kau zu fassen, wie spannend Geschichte sein kann, wenn Du Dir ein Tüchlein rauspickst, das ich bisher ehrlich gesagt an dieser Statue gar nicht wahr genommen habe weil es sich in den Stil des fließenden Gewandes einfügt.
    Auch ich bin der Meinung, dass Du es bei Wiki wagen solltest nach Deiner umfangreichen Recherche. Wer nicht wagt …
    LG Ute

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