Ein Transvestit bei E.T.A. Hoffmann und andere Beobachtungen

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In diesen bitterkalten Berliner Januartagen bin ich voller Neugier zum Gendarmenmarkt gefahren – ich wollte den Blick auskundschaften, den der Dichter E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren auf das Markttreiben hatte. Schuld an dem Fangirling waren schöne Kleidungsbeschreibungen, die ich in Hoffmanns Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ von 1822 gefunden hatte. Hoffmann wohnte direkt am Gendarmenmarkt, in der Erzählung fabuliert er mit einem Gesprächspartner über die Menschen, die sie aus dem Fenster heraus beobachten, sie dichten ihnen Geschichten an.

Schauspielhaus Berlin um 1825Gendarmenmarkt 1825

Nur einige Beispiele, garniert mit vielleicht ja passenden Bildern:

samtturban1923Samtturban 1823

Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

turbanfrisur-547x800Turbanfrisur vor 1810

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Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strickwolle …

Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Äußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantilischer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen, so schnell sie konnte, während die Alte, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf.

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markt1827deCoene,1828

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liebeseufzende Jünglinge in blauen Röcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß

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die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Shawl ist modern – der Hut passend zur Morgentracht, so wie das Kleid von geschmackvollem Muster – alles hübsch und anständig – o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidene Schuhe. Ausrangierte Ballchaussure auf dem Markt!

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Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weißen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dem dicksten Gedränge des Volkes emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor – ein großes, schlankgewachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen – der Überrock von rosarotem schweren Seidenzeuge ist funkelnagelneu – der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen – weiße Glacéhandschuhe. –… Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, um dem erblindeten Landwehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand – hilf Himmel! eine blutrote, noch dazu ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Vorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückt sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt…

Beim ersten Lesen dieses Textabschnittes dachte ich: Ach, das ist dann wohl eine für die Öffentlichkeit fein ausstaffierte Dame, die in Wirklichkeit hart arbeiten muss, daher die roten Hände. In Wirklichkeit schildert Hoffman hier aber einen Mann in Frauenkleidern, als Indiz liefert er dem Leser auch noch den Inhalt des Einkaufskorbs  („ein Paar Pantoffeln – ein Stiefelknecht“) und  nennt die Figur das „leichtsinnige Kind der Verderbnis“.  Männer, die gern Frauenkleider tragen und umgekehrt, Frauen, die als Mann auftreten, gab es durch alle Epochen hindurch. Die Bezeichnung Transvestit stammt dagegen aus dem 20. Jahrhundert, vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld.

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Der Vetter in der Erzählung sitzt gelähmt am Fenster – so wie E.T.A. Hoffmann auch, der in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr laufen konnte.

etahoffmann1812nachhenselgermanclassicsof05fran_0473E.T.A. Hoffmann

Vielleicht trug er ja auch die Kleidung des Vetters:

Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. … Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte.

Was ein Warschauer Schlafrock war, habe ich noch nicht raus, aber die Bezeichnung war damals verbreitet.

portrait-louis-royerPortrait des Bildhauers Royer

Hoffmann wohnte mit seiner Frau Mischa ab Juli 1815 im Eckhaus Taubenstraße 31/ Charlottenstraße. Das Wohnhaus, von dem er auf den Markt blickte, wurde später durch ein anderes Gebäude ersetzt, heute hätte der Dichter hier im 3. Stock am Fenster gesessen:

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Daran erinnert auch eine Gedenktafel am Haus (heute das Restaurant Lutter und Wegner).

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Hoffmann zeichnete selbst ein Skizze seiner Wohnlage, inklusive seines Kopfes mit Pfeife im Arbeitszimmer und den Blick auf die Gemüsefrauen neben dem Dom. Zur Verdeutlichung und in völligem Nerdtum habe auch ich hier auf einem alten Plan seinen Standort (hellblau) und seinen Blick (gelb) markiert

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und das Areal fotografiert:

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Viel mehr Informationen gibt es im Hoffmann-Portal. Bei den Recherchen wurde mir erst klar, wie viele Fans der als feierfreudig bekannte Dichter auch heute noch hat. So viele, dass sein Denkmal ständig geschmückt wird, hier mit Weihnachtsschmuck, Flaschen und Luftschlangen. (Vom Wohnhaus schräg gegenüber, neben dem Deutschen Dom im Gebüsch).

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Nach all dem Auskundschaften stärkte ich mich in der Cafeteria der Hochschule für Musik (neben Lutter und Wegner) zwischen Cellokästen an einem sehr guten Kuchen.

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Und dachte darüber nach, dass mich die Erzählung nicht nur wegen der Alltagsbeschreibungen angerührt hat: Es geht auch um Leiden und Tod. Hoffmann schrieb die Geschichte, als er schon totkrank war, kurz nach der Veröffentlichung starb er. Sein Alter Ego in der Geschichte, der gelähmte Vetter, hat am Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte stehen:

»Et si male nunc, non olim sic erit.«

(„Wenn’s zur Zeit schlecht läuft, wird es nicht auch in der Zukunft so sein“, Horaz)

Das wünsche ich allen, bei denen es zur Zeit schlecht läuft: Einen Blick aus dem Fenster auf buntes Leben und bessere Zeiten.

sic

Caspar David Friedrich 0181822

9 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Einstieg ins neue Jahr! Schön, das du dich selbst auf die Suche gemacht hast. Man kann noch mal ganz anders nachspüren.Sehr schön bildhafte Zeilen von E.T.A Hofmann.
    Ich habe mir aus genau solch einem Grund „Nie war es herrlicher zu leben: Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718-1784 “ gekauft. Bin aber ziemlich enttäuscht, weil es vorrangig Schilderungen vom Leben im Hochadel, politischer Ränke in Europa zeigt, was zweifelsohne historisch aufschlußreich, aber nicht mein Anlaß war.
    viele Grüße Karen

    • Ja, es ist nicht leicht, Zeitberichte mit interessanten Alltagsbeschreibungen zu finden, daher war ich von dieser Schilderung so entzückt. Danke für den Hinweis, dass das geheime Tagebuch dafür schon mal nicht ergiebig ist – ich hatte das gerade mit dem Tagebuch einer preußischen Hofdame, sterbenslangweilig, nur Religion und Politik :)

  2. Was für ein herrlicher Textausschnitt aus Hoffmanns Werk! Und wie spannend, dass man diese „Aussicht“ noch heute vor Ort nachvollziehen kann!
    Besonders interessant ist die „Vexierware“. Ob es sich dabei um die grellbunten, zumeist karierten Madrastücher (Madras Drapé, drap de madras) gehandelt hat? Der Name ist doch recht verwirrend, wurde er vielleicht gewählt, um darauf hinzuweisen, dass diese Tücher in der Menge Blödsichtigen die Orientierung erleichtern? Zu jener Zeit bedeutete die Bezeichnung „blödsichtig“ bzw „blöde Augen“ ja entweder Kurzsichtigkeit (häufiger) oder Weitsichtigkeit. Leider habe ich bei einer ersten Suche keine weiteren Hinweise darauf gefunden.

    Jedenfalls herzlichen Dank für diesen ausgesprochen schönen Ausflug in Vergangenheit und Gegenwart…und natürlich für den Lesetipp!

    • An die Vexierware habe ich mich nicht weiter rangetraut, danke fürs Nachdenken! Du hast da ja viel mehr Erfahrung. Irgendwie hoffe ich, dass sich durch noch mehr Lesen alter Quellen die Puzzleteilchen mehr und mehr zusammenfügen, es fehlt ja leider an brauchbaren Nachschlagewerken für solche Textildetails.

  3. Vexierware. ..Kenn ich .gibt bei bijou brigitte. Krieg ich auch immer blöde Augen. …wenn ich da zu lange guck. Und ein Warschauer Mantel. …Ich stelle ihn mir bodenlang vor mit sehr breitem Schalkragen, vielleicht mit leichtem Pelz?
    Liebe Grüße
    Stella

    • Haha, ja, das Vexierphänomen verstehen wir auch heute gleich… :)
      Beim Warschauer Schlafrock habe ich herausgefunden, dass er damals in Berlin sehr beliebt war, ich habe ihn (schriftlich) in rotkariert oder geblümt gefunden, mit vielen Taschen. Außerdem diese Fußnote: „Warschauer Schlafrock: Nach der zeitgenössischen Modeterminologie ein »polnischer Rock« mit Knebelverschluß und Schnurbesatz. “
      Es gab tatsächlich einen polnischen Rock, das war aber ein Überrock, kein Hausmantel. Könnte sein, dass es hier auch nur um viele Kordelelemente und Knebelverschluss geht – Bilder fehlen mir leider, alles zu unsicher.

  4. Hallo Suschna, ich lese Deinen Blog erst seit Kurzem mit, und bin absolut begeistert von diesen spannenden und außergewöhlichen Berichten und Artikeln! Man merkt beim Lesen, wie viel Arbeit in die Recherche gesteckt wurde, es macht sehr viel Spaß mitzulesen. Ganz herzlichen Dank dafür! :)

  5. Wie toll, Deiner akribischen Spurensuche hier folgen zu dürfen! Wundervoll, wie du die verschiedenen historischen Quellen, Schriften, Bilder mit den aktuellen Fotos zusammenbringst und welche Schlüsse du daraus ziehst. Detektivarbeit, spannend zu lesen.

  6. Dieser Beitrag war irgendwie an mir vorbeigegangen – dabei bin ich einer der angesprochenen Hoffmann-Fans! Ich habe Hoffmann auch gerade wegen der Details aus dem Alltagsleben sehr gerne gelesen – er beschreibt Kleidung z. B. viel plastischer und detaillierter als Goethe. Und dazu gibt es sehr viel Unausgesprochenes, das zwischen den Zeilen zu lesen ist, wie der Mann in Frauenkleidern. Wechsel der Erzählperspektive, innere Monologe – im Grunde gibt es bei Hoffmann schon vieles, was sich in der Literatur dann erst um 1900 richtig durchgesetzt hat. Wenn heute 15jährige Faust nicht mehr lesen können – vielleicht gehts wenigstens noch mit Hoffmann?

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