Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

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Zum Fest habe ich noch eine Handarbeits-Weihnachtsgeschichte ausgegraben. Dafür begeben wir uns in das Jahr 1810, und zwar wieder zu Heinrich von Kleist. Im Dezember 1810 beschreibt Kleist für die Zeitung eine Verkaufsausstellung. Wenig begüterte Männer und Frauen, „verschämte Arme“, haben die schönsten Dinge hergestellt und hoffen jetzt auf reiche Käuferinnen. Kleist beschreibt das Angebot so liebevoll!  „… Man möchte ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Tränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen…“

Aber lest selbst:

Berliner Abendblätter, den 18ten December 1810

W e i h n a c h t s a u s s t e l l u n g.
Eine der interessantesten Kunstausstellungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, werth, daß man sie besuche und auch wohl, daß man etwas darin kaufe, ist vielleicht die Waarenausstellung der, zum Besten der verschämten Armen beiderlei, doch vorzüglich weiblichen Geschlechts errichteten Kunst- und Industriehandlung , von Mad. Henriette Werkmeister Oberwallstraße No. 7.

Es hat etwas Rührendes, daß man nicht beschreiben kann, wenn man in diese Zimmer tritt; Schaam, Armuth und Fleiß haben hier, in durchwachten Nächten, beim Schein der Lampe, die Wände mit Allem was prächtig oder zierlich oder nützlich sein mag, für die Bedürfnisse der Begüterten, ausgeschmückt.

kerstingKersting, 1825

Es ist, als sähe man die vielen tausend kleinen niedlichen Hände sich regen, die hier, vielleicht aus kindlicher Liebe, eines alten Vaters oder einer kranken Mutter wegen, oder aus eigner herben dringenden Noth, geschäfftigt waren: und man möge ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Thränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen, und an die Verfertigerinnen, denen die Sachen doch wohl am Besten stehen würden, zurückzuschenken.

sample-book-trims1Musterbuch

      Zu den vorzüglichsten Sachen gehören:

1) Ein Korb mit Blumen, in Chenille gestickt, mit einer Einfassung; etwa als Caminschirm zu gebrauchen. Die Stickerei ist, auf taftnem Grund, eine Art von bas relief; ein Büschel Rosen tritt, fast einen Zoll breit, so voll und frisch, das man meint, er duftet, aus dem Taftgrunde hervor. Zu wünschen bleibt, daß auch die anderen Blumen und Blätter, die aus dem Korb vorstrebend, darin verwebt sind, verhältnißig hervorträten, das würde das Bild eines ganz lebendigen Blumenstraußes geben. Eine edle Dame hat dies Kunst- und Prachtwerk bereits für 15 Louid´ or erkauft; und nur auf die Bitte der Vorsteherinn befindet es sich noch hier, um die Ausstellung, während des Weihnachtsfestes, als das wahre Kleinod derselben, zu schmücken.

firescreen-mfa1Kaminschirm, ca. 1801-1810

2) Eine Garnitur geklöpfelter Uhrbänder. Die Medaillen an dem Ende der Bänder, stellen, in Seide gewirkt, Köpfe, Thiere und Blumen dar; so fein und zierlich, daß man sie für eine Art von Miniatur Mosaik halten mögte.

3) Ein, in Wolle, angeblich ohne Zeichnung gestickter, Fußteppich. Ein ganzer Frühling voll Rosen schüttet sich, in der lieblichsten Unordnung, darauf aus; und auch die Arabeskeneinfassung ist zierlich und geschmackvoll.

4) Ein Rosenstrauß, auf englischem Manschester gemahlt, mit einer Einfassung von Winden, gleichfalls als Caminschirm zu gebrauchen.

5) Ein ganz prächtiges Taufzeug.

taufkappemetTaufkappe, frühes 19. Jhd.

Vieler Kleider, unter welchen ein gesticktes Musselinkleid oben an, Tücher, Hauben, eine immer schöner als die andere, Strick, Geld- und Tabacks-Beutel, in allen Provinzen des Reiches zusammengearbeitetet, das Ganze mehr den 10 000 Thl. an Werth, nicht zu erwähnen. –

Wir laden die jungen Damen der Stadt, die Begüterten so wohl als die Unbegüterten ein, diese Anstalt zu besuchen, und glauben verbürgen zu können, daß sie diesen Gang weder in dem einen noch in dem andern Fall, umsonst thun werden.

hk.

 

(Stickmuster 19 Jhd.)

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Gern hätte ich für alle Gegenstände Beispiele gesucht, aber nun ist mir die Zeit davongelaufen, wie immer und sicher auch bei den meisten vor dem 24.  Vielleicht kann ich später auch noch den offenen Fragen nachgehen – Manchester ist eine Art Samt gewesen, oder? Mit Kaminschirmen schützten die Damen ihr Gesicht? Was waren  die genannten Summen, Thaler, Louisd’or 1810 in Berlin wert? (1815 berichtet eine Zeitung, für einen Lehnstuhl Bonapartes seien ungeheure 100 Louis d’or gezahlt worden, ein Obristenleutnant habe als Zeichen besonderer Zufriedenheit ein Geschenk im Wert von 50 Louisd’or erhalten – die edle Dame hat mit den 15 Louis d’or für den Kaminschrim also sicher nicht zu wenig gezahlt).

Ich wünsche uns allen ein friedliches Weihnachtsfest! Wir hier in Berlin, jedenfalls die Menschen in meinem Umfeld, haben die Ereignisse mit ruhiger Gelassenheit getragen. Angst ist nicht zu spüren, obwohl auch wir sehr leicht hätten betroffen sein können. Das macht mich froh und mutig und euch hoffentlich auch. Bis bald!

Luise auf dem Weihnachtsmarkt„Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“

 

 

 

6 Gedanken zu “Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

  1. Richensas Kommentar schiebe ich hierher, die Kommentarfunktion fehlte erst:

    Hallo, eigentlich wollte ich zur Kleistschen Weihnachtsausstellung kommentieren, da scheint die Kommentarfunktion ausgeschaltet…?
    Danke für den tollen Beitrag! Du fragtest, wie die Damen einen Kaminschirm benutzten. Dieser ist ja ein Funkenschutz für die in Kaminnähe Sitzenden. Und da gib es sehr unterschiedliche Modelle, so auch textile Formen, wobei ich bei diesen denken, dass sie eher als Sichtschutz vor dem verrußten Kamin ohne Feuer standen, denn diese Handarbeiten hätten doch bei Funkenflug selber Schaden genommen.
    Frohe Weihnachten!

  2. Vielen lieben Dank für dieses herrliche kleine Geschenk! Die „Waaren“ in Kleists Worten beschrieben zu bekommen, ist einfach herrlich und man verweilt viel länger als bei dem raschen Blick auf die Bilderflut der Onlineanbieter heute.
    Vielen Dank auch für all die schönen Blogbeiträge in den vergangenen 12 Monaten.
    Ich wünsche Dir ein frohes Fest und Glück, Gesundheit und weiter soviel Schwung beim Schreiben und Recherchieren im neuen Jahr.

  3. Ganz toll, ich trug früher (in der Vorsteinzeit?) als Kind Manchesterhosen. Aber nur zur Gartenarbeit oder ähnlichem. Für Schule etc war sie für uns Mädchen damals noch nicht tauglich. Und seit dem Lesen von Lucy von Nahtzugabes Buch über „Stoff und Faden“ bin aufgeklärt: Es ist eine einfache Cordhose. Das hatte ich schon vergessen, mir war noch die Bezeichnung gewärtig.
    Toller Weihnachtsbeitrag und große Begeisterung an dem handlichen Buch mit sofort und verständlichen, teils sogar humorigen Erklärungen.
    Ich hoffe auf weitere solcherart gelungenen Bücher und für uns alle GIVE PEACE A CHANCE
    carmen

  4. Vielen Dank für deine schönen Bilder und Geschichten aus vergangenen Zeiten in 2016.
    Ich wünsche Dir friedliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr!
    Liebe Grüße
    Julia

  5. Danke! So spannend, und Kleist’s Sprache liebe ich sehr.
    Wie oben schon steht: Manchester ist Cord, die Arbeitshosen der Bauern hießen in meiner Kindheit Manntschesterhosen, ein breiter, robuster Cord, Tascheneinschnitte u.a. waren mit Leder verstärkt. Dazu gehörten Hosenträger…
    Frohe Festtage!

  6. Vielen Dank für diese schöne Anekdote und für die vielen schönen Geschichten, die Du uns das Jahr über immer wieder präsentierst. Ein frohes 2017 wünsche ich Dir. Inselsommer

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