Plakatbilder an der Hauswand – Wie macht man ein Paste Up?

Paste Ups sind Teil der Street Art, so heißen Bilder auf Papier, die wie Tapeten an Hauswände geklebt werden. Je mehr dieser vergänglichen Wandbilder ich in Berlin und anderswo sah, desto öfter meldete sich der  Selbermachen!-Reflex in mir.  Online fand ich keine brauchbare Anleitung, daher probierte ich es einfach nach Gutdünken. Hier kommen meine Arbeitsschritte:

  • Zuerst muss man geeignete Vorlagen finden. Meine Quellen waren mal wieder die gemeinfreie Sammlung des Rijksmuseum und die Commons auf Flickr. Die Originaldateien sind dort oft mehrere MB groß, lassen sich also gut für große Ausdrucke nutzen.
  • Dann, falls nötig, die Datei mit einem Bildprogramm aufarbeiten (Helligkeit, Konstrast, Ausschnitt).
  • Kleine Motive kann man mit dem eigenen A4-Drucker ausdrucken und die einzelnen Blätter am Objekt zusammensetzen, so wie hier beim verschönerten Klingelhäuschen:

  • Größere Bahnen sollte man auf einem Plotter, d.h. einem Großdrucker, ausdrucken lassen. Großdrucker gibt es entweder online, z.B. preiswertplotten.de,  oder in entsprechenden Copyshops. Meine Bahnen hat ein befreundetes Architekturbüro für mich ausgedruckt. Das ist ganz normales Druckerpapier.
  • Die Plotter drucken in der Regel 90 cm breit, daher sollte man seine Bilder auf diese Breite anlegen. Die liegende Dame besteht aus 2 Bahnen, die später nebeneinander geklebt werden müssen. Die Aufteilung auf zwei Bahnen übernahm in meinem Fall das Druckerprogramm im Büro, evtl. muss man das aber mit einem Grafikprogramm selbst aufteilen.

  • Gegebenenfalls die auf das Papier ausgedruckten Motive ausschneiden, je nach Wunsch.
  • Tapetenkleister ansetzen (aus dem Baumarkt oder selbstgemacht) und die gequollene Paste mit einem großen Pinsel auf die Wand streichen. Stückweise von oben nach unten das Papier ankleben, wie bei einer Tapete. Die Druckerfarbe hält die Feuchtigkeit ganz gut aus, verwischt wider Erwarten kaum. Man sollte es mit dem Kleistern und Festdrücken aber nicht übertreiben.

Hält auch gut auf dem gerillten Blech des Garagentors.

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  • Das Paste Up mag keinen direkten Regen. So sah der strenge Herr nach 1 bzw. 2 Wochen Berliner Dauerregen aus.

  • Das Klingelhäuschen ist auch schon ziemlich ausgeblichen. (Der Klingelknopf war abgefallen, nun klebt ein Teddyauge als Ersatz drauf. Wer mich besucht, muss sich mir aufs Auge drücken:))
  • Die überdachten Plakate sind aber auch nach mehreren Wochen noch ganz gut in Ordnung.
  • Möchte man mehr Haltbarkeit, sollte man das Paste Up also geschützt aufkleben und evtl. noch mit einer Schutzschicht (Sprühdose, Acryl-„Elefantenhaut“ o.ä.) überziehen. Ich berichte hier, wie es mit dem Zustand meiner Wandbilder weitergeht.
  • Am besten hält das alles natürlich in Innenräumen, man könnte sich so seine eigene Fototapete entwerfen und drucken lassen.

Und nun noch ein bisschen zu den Motiven. Eigentlich hatte ich in den Bilddatenbanken nach streng suchenden Menschen geguckt. Sie sollten die dreisten Falschparker ermahnen, die uns täglich die Garagenausfahrt blockieren.  Am Ende gefiel mir aber diese gechillte Frau auf einem Sofa besser.

Sie hätte ruhig noch etwas größer ausfallen können.  Abschreckende Wirkung hat sie so oder so nicht, dass konnte ich inzwischen schon feststellen. Dafür berichten mir Fußgänger, das sie sich jedes Mal über die entspannte Dame freuen, wenn sie vorbeikommen. Das ist doch auch was wert!

Laut Modekupfer von 1698 zeigt sich die Dame in ihrer Morgenkleidung, dem sogenannten Deshabillé (Hauskleidung).

Ganz offensichtlich ist sie eine Verführerin. Erst in der Vergrößerung sieht man, dass sie in der Hand ein Männerporträt hält.

Auf ihre Schläfe hat sie ein kokettes Schönheitspflaster geklebt. (Mehr zu diesen Mouchen hier).

Der schwarze Fleck bei der strengen niederländischen Gräfin unten ist dagegen kein Samtschmuck, sondern ein Altersfleck.  Auch das sieht man erst in der Vergrößerung.

Die Medaillons stammen von Wenzel Hollar, einem böhmischen Zeichner und Kupferstecher im 17. Jahrhundert.

Das Bild unten stellt eine Künstlerin dar: Das Selbstporträt hat Anna Maria van Schurman 1633 gefertigt.

 

Diese Holländerin mit Mühlsteinkragen passte perfekt auf einen schon vorhandene runde Lampe.

Soweit meine Erfahrungen mit Paste-Ups. Macht Spaß! Solltet ihr dazu Ideen oder Tipps haben, teilt sie gern in den Kommentaren. Wie gesagt, es gibt kaum Anleitungen für diese Technik.

Erinnerung: Am kommenden Sonntag ist wieder Termin für die Stoffspielerei, Siebensachen lädt dazu ein. Thema: Von der Natur inspiriert.

 

Mode-Mythen: Königin Luise und ihr Halstuch

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Die berühmte und beliebte Königin Luise von Preußen trägt auf vielen Porträts eine weiße Halsbinde. Dieses Tuch ist so etwas wie ein Markenzeichen der Ikone. Was hat es damit auf sich? Wollte Luise eine Schwellung am Hals verstecken, wie oft behauptet wird? Oder hatte sie einfach nur Angst vor Erkältung? Fand sie ihren Hals generell zu dick? Solche Erklärungen finden sich überall. Der Legende nach löste Luise mit diesem außergewöhnlichen Halsschmuck einen Modetrend aus. Wikipedia: „Sehr schnell wurde aus dem Notbehelf jedoch eine Modeerscheinung“.

Luise als Halsbinden-Trendsetterin? Kann das sein? Es gibt Zweifel an dieser Theorie.

Crown Princess Louise of Prussia & Frederica of Mecklenburg-Strelitz, after Johann Gottfried Schadow, Royal Porcelain Factory, Berlin, c. 1825-1850, porcelain - Fogg Art Museum, Harvard University - DSC01295

Erste Abbildungen mit Schal

Luises Halsbindenlook ist zuerst von der sogenannten Prinzessinnengruppe des Bildhauers Schadow bekannt. Die Schwestern Luise und Friederike, 18 und 16 Jahre alt,  heirateten 1793 praktischerweise gleich doppelt in die Königsfamilie hinein. Der Hofbildhauer Schadow bekam den Auftrag, die beiden Prinzessinnen zu porträtieren. Er stellte die Schwestern natürlich und locker, in dünner, körpernaher Kleidung dar, für damalige Verhältnisse sehr gewagt. 1795 wurde die Prinzessinnengruppe aus Gips erstmals ausgestellt, 1797 entstand sie in Marmor.  Bei den Vorbereitungen hatte Schadow Luise gezeichnet. Auf der Skizze trägt sie ein locker um den Kopf und Kinn gebundenes Tuch. Schadow beschrieb sich 50 Jahre später in seinen Memoiren selbst, als Künstler beim Modellieren der Schwestern:

…er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung. Der Kopfputz der Kronprinzessin und die Binde unter dem Kinn sollte eine Schwellung decken, die am Halse entstanden war, nachmals aber wieder verschwand“

Prinzessinnengruppe Porzellan KGM 09-113 detail

Diese Erklärung gab Schadow auch einem anderen interessierten Bildhauer, der später notierte:

»Ich mußte es thun«, war seine Antwort, »weil die eine Prinzessin einen dicken Hals hat.« In der That, ich traute meinen Ohren nicht, als ich dies hörte. O, der armen bedauernswürdigen Kunst, die sich in ihrem veredelnden zum ideal hinstrebenden Geschäfts nicht einmal über einen dicken Hals wegsetzen darf.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, schließlich ist die Auskunft des Bildhauers deutlich. Aber stimmt sie auch? Würde ein Bildhauer, der lange an einem Standbild arbeitet, sich nicht doch über so eine (ja offenbar vorübergehende) Halsschwellung hinwegsetzen, sie einfach nicht abbilden? Auch gerade der jungen Frau zuliebe?

Es spricht hier einiges dafür, dass Luise das Tuch nicht als Notbehelf, sondern aus modischen Gründen trug. Sie war bekanntermaßen ein It-Girl der damaligen Zeit, ein Fashion-Victim. Sie erhielt regelmäßig Modeneuigkeiten, auch über das Journal des Luxus und der Moden, in dem Berichte und Bildtafeln die neusten Trends in Paris und anderswo zeigten.

Die Mode mit den Halsbinden

Schon 1792 berichtet ein Beobachter im Journal des Luxus und der Moden von einer Neuigkeit, die ihm gar sehr missfällt: Die Frauen binden nämlich

sogar das Band ums Haar unter dem Kinne zu, und verkennen dabey gewaltig ihren Vortheil. Ein minder schöner Hals fällt immer dadurch mehr in die Augen, und ein schöner Hals – wirklich, das ist sehr ungerecht von Ihnen, meinen Damen, dass Sie, um einer flüchtigen Mode willen, uns arme Männer auf eine Zeitlang um einen schönen Anblick bringen wollen, der uns so viel werth ist!“

So flüchtig wie der Beobachter hofft, war die Mode nicht. Im folgenden Jahrzehnt finden sich zahlreiche Abbildungen dieses Looks. (Leider kann ich in diesem Artikel nur wenige der vorhandenen Bilder zeigen. Deutsche Museen sind ja bisher sehr knauserig mit ihren Bildrechten, das macht sich bei diesem Thema bemerkbar).

journallmjuni1796Journal des Luxus und der Moden 1796

Untitled Fashion Plate LACMA 54.89.154a-b (2 of 2)spätes 18. Jhd

Später war eine eng anliegende Halsbinde, die hinten ansteigt, ein verbreitetes modisches Accessoire, auch Luise trug sie gern und wurde mehrmals so auf Bildern gezeigt.

Lauer 6Porträt Luise, 1798

Caroline de la Motte beschreibt 1830 in einem Rückblick auf die Mode seit 1785 einige „geschmacklose Modeverirrungen“,  zum Beispiel eine Halsbinde bei Frauen:

der Hals erschien unförmlich dick , denn man umwand ihn mit einem achtfach zusammengelegten Tuche, nach Art übertriebener Männerkravaten“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die Halsbinde Luises Markenzeichen, auch auf späteren „Phantasie“-Porträts. Der Luisenkult um die preußische Madonna zitierte den Schal immer wieder.

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Fazit: Luise hat die Halstuchmode nicht erfunden

Sie hat den Trend aber aufgegriffen. Vielleicht fand die 18jährige ihren Hals tatsächlich etwas zu dick und war dankbar über den kaschierenden Look. Dem älteren Bildhauer Schadow war die Mode wahrscheinlich zu fremd, er erklärte das Accessoire lieber medizinisch. Ich erinnere mich selbst daran, dass wir uns in meiner Jugend bunte Windeltücher um den Hals schlangen, oder lange Wollschals, was als ungewöhnlich galt. Die Großelterngeneration reagierte darauf bei mir mehrmals irritiert-belustigt mit der Nachfrage: „Hast du Halsschmerzen?“ Ebenso erging es uns, als wir uns ganz im Künstler/Architekten-Schwarz kleideten. Ich kann mich noch an Bemerkungen erinnern wie: „Gehst du zur Beerdigung?“ So etwa in dieser Art erkläre ich mir Schadows Erinnerung.

Der Katalog zur vergangenen Ausstellung Luise: die Kleider der Königin nimmt ebenfalls an, dass Luise mit der Kinnbinde nur einem Modetrend folgte. Das ist bisher aber die einzige zweifelnde Stelle, die ich gefunden habe. Dagegen steht die beliebte und verfestigte Legende vom Halsverband einer Kränkelnden, der in die Modegeschichte einging. 

Wenn ich mal richtig gut drauf bin, werde ich versuchen, den Wikipedia-Artikel in Richtung der neuen Erkenntnis zu ändern. Ich weiß aber schon aus Erfahrung, dass ich da mit Wachhunden zu rechnen habe, in diesem Fall wahrscheinlich pensionierte Preußenforscher, die zur Hochform auflaufen. Da sollte ich dann besser wirklich alles mit 1A-Quellen belegen können, ich dahergelaufenes Häkelmäuschen.

Wünscht mir Glück!

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Weiterführende Info:

Reimar F. Lacher, Schadows Prinzessinnengruppen

Luise: die Kleider der Königin : Mode, Schmuck und Accessoires am preussischen Hof um 1800

Meisterwerken auf die Naht gefühlt

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Die Flügelhaube dieser jungen Frau von ca. 1440 wird mit Nadeln gehalten. Zum Glück haben Maler wie Rogier van der Weyden genau hingeschaut, so dass wir eine Menge aus den Kleidungsdetails in alten Bildern lernen können. Für den Gesamtanblick könnt ihr zum Bildnis einer jungen Frau bei Wikimedia/Google Art Project gehen.rogiervanderWeyden1aGA

Manche Bilder dort sind so hochauflösend fotografiert worden, dass auch große Werke wie Die Gesandten (1533) von Hans Holbein dem Jüngeren bis in jeden kleinen Pinselstrich betrachtet werden können. Hier drei Ausschnitte:

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Hans Holb younger amba3GATotal faszinierend finde ich diese Strukturen und Texturen, die kleinen Fäden, die aus dem Teppichrand hängen, die Verschlussdetails .

Noch einmal Rogier van der Weyden bzw. seine Werkstatt, Porträt Isabella von Portugal, (1450/1500). Das Gewebe im Detail:

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Bei  Charles de Solier hat Holbein sich ganz genau um die aufgestickten Schnüre des schwarzen Gewands gekümmert:

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Auch bei Holbeins Porträt von Heinrich VIII. , ca. 1537,  blitzt das Hemd schön weiß aus den Schlitzen hervor:

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An der Schulternaht des Hemdes  sieht man ein kleines schwarzes Stickmuster.  Blackwork-Stickerei mit schwarzem Seidenfaden auf weißen Grund war sehr populär zur Zeit Heinrich VIII.  Bei den Ärmelabschlüssen von Jane Seymour hat Holbein d. J. 1536 jeden einzelnen Stich der Schwarzstickerei dargestellt:

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Jane Seymour trägt roten Samt mit goldenem Netzwerk. Die Fixierung des Vorderteils blitzt in goldenen Punkten hervor, die Perlen reflektieren auf dem Stoff, um den Glanz des Samtes malerisch zu erfassen.

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Beim Porträt des Sohns von Heinrich VIII. und Jane Seymour, Edward VI. als Kind,  hat Hans Holbein d. J. jeden Faden in der Borte am Halsausschnitt ausgearbeitet :

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Einige Jahre später auf dem Kontinent malt Lucas Cranach der Ältere  Martin Luther:

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Das schwarze Band ist hier die einzige Zier. Bei Cranachs Bild Judith mit dem Kopf von Holofernes halten schwarze Bänder die Teile des Ärmels über dem Hemd zusammen.

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Für heute genug. Hoffentlich erfreuen euch diese Entdeckungen genau so wie mich? Mir haben sie den grauen Sonntag etwas aufgehellt. Noch einen schönen Tag also und bis bald!

 

 

Hermelin, schwarz getupft

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Mal wieder ein Dachbodenfund: Ein Schuhkarton mit weißen Fellstücken, inklusive Köpfchen und Schwänzchen. Das kann nur Hermelin sein, denke ich sofort. Und beim Anblick der dunklen Schwanzspitzen wird mir klar, warum Hermelinfell an Kleidung meist charakteristisch schwarz gepunktet ist.

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Ich schwöre, darum hatte ich mir früher nie Gedanken gemacht!  Sobald man aber Bescheid weiß, sieht man sie plötzlich überall, die dunklen Zipfel in den alten Gemälden. Manchmal sind zusätzlich sogar noch die Beine der kleine Tiere zu erahnen.

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Das zur Zierde dunkel gepunktete Hermelinfell repräsentierte seit dem Mittelalter Status und Zugehörigkeit zum Königshaus. Ebenso markierte es das hohe Amt eines Würdenträgers in Kirche und Verwaltung.

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Das Symbol musste immer mit aufs Bild, auch wenn eine Königin in späteren Jahren lieber einmal ohne altmodische Umhänge porträtiert werden wollte.
Maria Hendrika; Queen of Belgium1880er, via
Der Mantel mit Hermelinbesatz der belgischen Königin liegt im Hintergrund auf dem Stuhl um zu zeigen: Hier geht es aristokratisch zu!

Eigentlich war das weiße Winterfell der kleinen Wiesel aus der Familie der Marder zu Zeiten der großen königlichen Roben gar nicht der wertvollste Pelz. Aber das weiße Fell des Tiers wurde schon seit alter Zeit mit Reinheit und Unschuld in Verbindung gebracht, so dass die herrschende Schicht es für sich reservierte.

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Wenn man bei Wappen solche Muster sieht, dann stehen die Symbole für Hermelin:

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Die Schwanzspitzen können in den Wappen sehr variantenreich ausgeführt sein.

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Auf diesem Foto sieht man, wie Schwanzspitzen in eine Krönungsrobe eingeschoben werden:

Screenshot_2016-03-07-23-28-18screenshot Pinterest

Das Foto habe ich bei Pinterest gefunden. Die Ursprungsquelle für das Bild ist natürlich – wie bei Pinterest meist – nicht mehr aufzufinden (und der Link zu Pinterest ist für alle nutzlos, die dort nicht registriert sind, das ist mies und tut mir leid).  Mich ärgert das sehr, denn ich hätte gern mehr über das Foto gewusst. Es soll die Krönungsrobe von King George V zeigen. Wenigstens bin ich über die Bildersuche  zu einem vielleicht passenden Zeitungsartikel von 1911 gekommen. Danach wurden 500 Felle und 650 Schwänze für den Umhang verarbeitet.

King George V 1911 color-cropKönig GeorgeV 1911

Den Krönungsmantel des Sohns von George V als Filmdokument könnt ihr hier sehen: Royal Family Coronation Robes (1936). Glücklich sieht George VI nicht aus (das ist der aus dem Film „The King’s Speech“).

Nicht immer wurden Schwanzspitzen für die schwarze Musterung verwendet. Die Öhrchen des Wiesels, Pelztupfen von einem dunklen Tier oder auch schwarze Einfärbung des weißen Fells waren weitere Möglichkeiten. Es musste außerdem nicht immer Hermelin sein, der günstiger zu erlangende Schneehase hatte auch schönes weißes Fell. Es war also durchaus möglich, sich einen Hermelinersatz aus anderen Tieren zusammenzubasteln.

Heutzutage besteht die würdevolle Robe natürlich eher mal aus Kunstpelz.

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Kunst-Hermelin an akademischem Würdenträger

(Michał Nadolski; stv, Czeslaw P. Dutka (inauguracja roku akademickiego PWSZ Wałbrzych), Ausschnitt, CC BY 3.0)

Für mehr Informationen zum Thema Hermelinfell kann ich euch glaube ich getrost an die sehr ausführliche deutsche Wikipediaseite verweisen. Dahinter steckt ein engagierter Kürschner, der weiß sicher, was er schreibt.

Mit den Fellresten in meinem Schuhkarton war wohl eher ein kleiner Kragen geplant. Ab dem 19. Jahrhundert leisteten sich auch ganz normale Leute ein bisschen Hermelin an der Kleidung, wie zum Beispiel diese Dame hier:

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Nicht ganz so zurückhaltend ist ein Ensemble von 1890-99 aus dem Metropolitan Museum.

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Und wenn wir schon einmal beim Overkill sind – hier noch ein skurriler Fund vom Ende des 19. Jahrhunderts. Schal und Muff wurden laut Beschreibung aus mehreren Möwen gearbeitet.

furmetgull.JPGviaMetmuseum

A set like this would have been been worn by an elite member of society who could afford to be somewhat unconventional in her taste.

Ein Ensemble für ein Gesellschaftdame „die sich einen etwas unkonventionellen Geschmack leisten konnte“ – schön ausgedrückt. Keine Ahnung, wer es sich heute leisten könnte, mit meinem Dachbodenfund am Revers herumzulaufen. Ich stecke die kleine Felle zurück und hebe sie für zukünftige Generationen auf.  Vielleicht denkt dann in 100 Jahren mal wieder jemand über die Geschichte des Hermelinfells nach.

Schönes Wochenende!

 

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Quelle für Bild mit falschem Hermelin:

Der deutsche Sonderweg bei den Bettdecken

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Maikäfer laufen über die pralle Bettdecke von Onkel Fritze in Max und Moritz, 1865. So schlafen die Deutschen: Unter einem gefüllten Inlett, das mit Bettwäsche bezogen ist.

Ein großer Teil der restlichen Welt bedeckt sich stattdessen lieber mit einem Laken, das um eine flache Decke aus Wolle oder Kunstfaser geschlagen wird.

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Beim Anblick eines solchen Hotelzimmers habe ich ja sofort das Bedürfnis, das festgestopften Umschlaglaken unter der Matratze herauszureißen. Das Phänomen des „Tütenbetts“ in Frankreich hat das Magazin Karambolage bis ins Detail erklärt, hier nachzulesen. Für Deutsche ist das eng gezurrte Kuvert ein Gräuel, weil sie sich nicht einkuscheln können und sich in Folge ihres Bewegungsdrangs im Laufe der Nacht meist unter der kratzigen Wolldecke wiederfinden, während das Laken als Knäuel auf den Boden oder in den Fußbereich verschwunden ist.

Das in Deutschland (und Skandinavien) traditionell übliche bezogene Deckbett stößt aber bei Besuchern aus dem Oberlaken-Ausland ebenso auf Skepsis und Probleme. Und das schon seit mehreren Jahrhunderten!

Ein britischer Reisender beschreibt 1749 die sonderbare Art der Westfalen, sich zu betten: „Eine Sache ist sehr speziell bei ihnen. Sie decken sich nicht mit Bettwäsche zu, sondern legen ein Federbett über sich und eins unter sich. “ (The Grand Tour, Thomas Nugent)

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(Karikatur von James Gillray, 1800, „Deutscher Luxus“, zeigt schön den Aufbau eines deutschen Bettes damals, einschließlich der erwähnten zwei Federbetten. Das untere diente der Polsterung der harten Matratze.)

Was der Berichterstatter Thomas Nugent nicht wusste: Es gab durchaus Bettwäsche, bloß waren statt eines Oberlakens eben die Federbetten selbst mit Bezügen versehen. Laken braucht man dann nur noch als Unterlage auf der Matratze. In den Inventarlisten von damals heißen diese Bettbezüge  Ziehen oder Bühren.  Ein Ehemann schreibt 1784 aus Norddeutschland an seine Frau: „Zu den Gesindebetten hat man hier nur ein Laken, da die Federbetten, unter denen fast alles hier Winters und Sommers schläft, mit Bühren überzogen sind.“

Das Missverständnis von der fehlenden Bettwäsche taucht heute noch bei Touristen aus Laken-Ländern auf. Ein Artikel in der SZ hat sich in Reiseforen umgesehen und  Beschwerden über die mangelnde Hygiene des deutschen Bettensystems gefunden.“Da ihnen das Neubeziehen des Inletts sehr kompliziert erscheint, zweifeln sie öffentlich daran, dass das Hotelpersonal sich diese Mühe für jeden neuen Gast macht.“

Generell wird das fehlende Oberlaken als unbequem empfunden. Ein Forist berichtet: »Im ›City Hilton‹ in München fand ich die Bettwäsche sehr ungewöhnlich: Auf einer Doppelmatratze gab es zwei schmale Bett­decken, jede mit einem Überzug aus Bettlakenstoff. Andere Laken gab es überhaupt nicht! Nachts wurde es warm im Zimmer, und dann konnte man nur entweder unter der viel zu warmen Decke liegen oder ganz unbedeckt schlafen. Das Hotel war ansonsten sehr schön, aber das hat mich doch sehr gestört.«

Auch Thomas Nugent konnte vor 300 Jahren nicht verstehen, wie man es im Sommer unter den Federbetten aushalten sollte: „This is comfortable enough in winter, but how can they bear their feather-beds over them in summer, as is generally practised, I cannot conceive.“

Weil die Oberdecke meist mit Federn gefüllt war, hieß sie auch Duvet (von frzs.  für Daune) oder Plumeau (von frz. für Feder). Heute noch ist der Begriff „Plümo“ in einigen Gegenden gebräuchlich. Die Redensart „in die Federn gehen“ erinnert ebenfalls an die Daunenbetten.

1866 wandert eine Engländerin mit ihrem Skizzbuch durch die Alpen. In ihrem Bericht beschwert sie sich gleich mehrmals über fehlende Decken in den Herbergen. Immer gab es nur duvets!

bett4In einer Herberge in Tirol, 1869

„Die duvets waren klein und rutschig. Wenn wir sie bis zum Kinn hochzogen, lagen die Füße bloß. Wenn wir die Füße bedeckten, fröstelten unsere Schultern und wir hatten das unangenehme Gefühl von kaltem Wasser, das einem beständig den Rücken hinunterläuft. Wenn man sich zu einem Ball einrollte, fiel das duvet ganz herunter.“

Der englische Designer Terence Conran berichtet, er habe diese seltsame Art zu schlafen in den 1960iger Jahren in Schweden kennengelernt. Er beschloss, Daunendecken mit Bezügen über seine Marke Habitat in England anzubieten. Seitdem ist das nordische Bettdeckensystem auch in Großbritannien auf dem Siegenszug. Aus Frankreich kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass immer weniger Hotels nach alter Art kühle Laken um raue Decken schlagen. Bezüge sind auf dem Vormarsch! Es tut mir schon fast leid. Ikea soll schuld sein an diesem Betten-Mainstream. Es bietet seine Bettwaren unverdrossen in allen Ländern  an. Und die Menschen lernen offenbar inzwischen überall die Vorzüge einer bezogenen Bettdecke zu schätzen.

Warum das Bettensystem historisch so verschieden ist, habe ich nicht herausgefunden. Angeblich soll es mit der Kälte in einem Land zu tun haben – das erklärt dann aber nicht, warum Großbritannien und die Benelux-Länder traditionell Laken hatten, obwohl es bei ihnen nicht viel wärmer ist als bei uns.

bed1Bär unter englischem Laken, 1899

Überhaupt ist es schwierig, solche scheinbar banalen Kulturfragen zu klären, da ist mal wieder wenig erforscht. Vielleicht könnte ihr ja mal berichten, wo ungefähr die Duvet-Grenze verläuft? Wie sieht es zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern aus? Bettbezug oder Umschlaglaken?

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Eine andere Frage, die ich mir stelle: Haben wir vielleicht wegen unserer bezogenen Oberbetten keine Quilttradition? Wie die Steppdecke unter dem Bezug aussieht, ist für uns ja egal.

Fragen über Fragen, aber für heute ist Schluss.

quiltPatchwork-Quilt in einem US-Kinderbuch, 1873

Ist so kalt der Winter

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Junge Frau wärmt ihre Hände über heißen Kohlen, Winter-Allegorie (Ausschnitt), um 1644/48

„Minus 7 Grad in Neu-Globsow“, meldet das Radio in Berlin. Keine Ahnung, wo Neu-Globsow liegt, aber an meinem Arbeitsplatz unterm Dach ist auch ziemlich kalt. Draußen pfeift der Wind. Ich trage sogar Bison-Handschuhe beim Tippen. Dann denke ich an die Menschen früher, als es noch keine Zentralheizung und keine Hightech-Thermoklamotten gab. Wie haben sie das ausgehalten?

horaeadusumDetail Horae ad Usum parisiensem, BnF

Im Mittelalter schützte ein Lagen-Look aus Fell, Leder, Wolle und Leinen  vor der Winterkälte. Das  Feuer im Kamin wärmte nicht nur Hände und Füße, manchmal kam der ganze blanke Unterkörper an die heiße Luft.

tacuinumDetail Tacuinum Sanitatis, BNF

tresrichesheuresDetail Tres Riches Heures, 1412/16

Wie man sieht: Unterhosen waren unüblich.

tres riches

Auf dem Weg ins Haus zum Feuer schon einmal die Hände mit dampfendem Atem anhauchen:

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200 Jahre später im Barock geht es auf den niederländischen Eislaufbildern recht entspannt zu.

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Winterlandschap met schaatsers, Hendrick Avercamp , ca. 1608

Die Bilder beim Rijksmuseum sind wahre Wimmelszenen mit vielen interessanten Details. Zum Glück lässt das Museum uns ganz nah heranzoomen.

skate3Schlittschuhkufen werden an die Schuhe geschnallt. Die feinen Leute haben sich mit ihren Spitzenkragen herausgeputzt, die ärmeren tragen Wollumhang und Filzkappe.

Beliebtes Motiv: Frau fällt „zufällig“ so unglücklich hin, dass ihr blanker Hintern frei liegt. (Immer noch ohne Unterhosen). Die vielen Rocklagen hielten wahrscheinlich ganz gut warm.

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skate5a

1625, ein anderer Künstler will mit dem nackten Pomotiv  witzig sein (links). Die reiche Frau in der Mitte trägt Muff und Pelzumhang. Rechts wird „Kolf“ gespielt, eine Mischung zwischen Golf und Eishockey.

1630/79 Auch auf diesem Bild unten sind Kolfschläger zu sehen. Wohlhabende stehen in Stiefeln auf dem Eis, die anderen mit Pantinen und dicken Socken. Das Pferd hat Spikes unter den Hufen.

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Mehrere Personen sind im Eis eingebrochen, aber Hilfe naht schon.

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(oben und unten Details Averkamp 1610)

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Hände kann man auch unter der Kleidung warmhalten.

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Meine (vom Mann geliehenen) Bisonhandwärmer lassen mich an Liselotte von der Pfalz im Winter 1721 denken. Ihre Strümpfe aus Castor (Biberhaar) sahen vielleicht ähnlich aus.

… nach halb 6 bin ich auffgestanden, habe mich ahngezogen, ein par gutte Strümpff von castor ahngethan, einen tugendten [tuchenen]  Unterrock und über dieß alles einen langen, gutten, wattenen nachts-rock, welchen ich mitt einen großen, breytten Gürttel fest mache.

Nach wie vor sind mir vor allen Hightech-Materialien die tierischen Wärmespender am liebsten. Meine superwarmen Wollstrümpfe habe ich mit Ledersohlen verbessert.

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Die Hüttenschuhsohlen zum Annähen kann man z.B. bei Hobby Rüther kaufen. Sehr praktisch und sehr gemütlich, wenn auf dem Dachfenster das Eis liegt.

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Euch allen warme Finger und Zehen, bis bald!

aver(Detail Averkamp 1610)

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Nachtrag, gerade bei Twitter via Stella (@daskleinehaus) gefunden: Was man mit den Haaren seiner Haustiere so alles stricken kann