Pink ist nur eine Farbe

h tjtwitter, Uni-Pedell

Wie schon angekündigt, wollte ich noch etwas zur Farbe des inzwischen drei Wochen alten Buches sagen. Die Farbwahl war mir im Vorfeld von mehreren Seiten als riskant gemeldet worden: Das ist so gendermäßig! Das sollen doch nicht nur Frauen kaufen! Lillifee! Ich hatte mir aber in den Kopf gesetzt, das kirschrote Vorsatzpapier (das war die einzig akzeptable Farbe in der Auswahl) knallig zu ergänzen. Und ich mag pink-rot als Kontrast. Außerdem will ich nicht akzeptieren, dass die schöne Farbe darunter leiden muss, seit bloß mal ein paar Jahrzehnten Mädchen zugeschrieben zu sein.

vhhJunge in modischem Anzug, England, um 1640, (Ausschnitt, Quelle)

Eigentlich ist Pink, oder auch Rosa, eine ganz normale Farbe, die nie sonderlich mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Es gab eine Zeit, da wurden kleine Jungs gern in Rosa gekleidet. Rot war ein männliche Farbe (Blut, Macht, Luxus), und für Jungen war dann entsprechend ein Roséton passend.

n hmWillem II (Ausschnitt), van Dyck, 1641, Rijksmuseum

Federico Ubaldo della RovereFederico Ubaldo della Rovere von Ridolfi, 1662

trvbi8t(Ausschnitt, Baby-Sohn), Jan Mijtens, 1657, Rijksmuseum

Auch Marie Antoinettes Sohn Louis Charles, der letzte Dauphin, trug  Ende des 18. Jahrhunderts Rosa:

ng(Ausschnitt, Wiki)

Nach der französischen Revolution starb der Zehnjährige 1795  im Gefängnis. Von seiner Kleidung erhalten ist ein roséfarbenes Ensemble, um 1792, gezeigt bei Petites Mains.

1918 riet eine US-Publikation dazu, für Jungen Pink einzukaufen, denn das sei eine entschiedenere und stärkere Farbe als das Wischi-Waschi Hellblau:

The generally accepted rule is pink for the boys, and blue for the girls. The reason is that pink, being a more decided and stronger color, is more suitable for the boy, while blue, which is more delicate and dainty, is prettier for the girl

b nshvia

Wann kam dann die Vorstellung auf, Rosa sei etwas für Mädchen? Ungefähr zu der Zeit, in die diese Abbildung aus einer amerikanischen Zeitschrift gehört: In den 40er Jahren.

hz1941, McCall’s

Ziemlich klar, Rosa = Sie, und Blau = Er.

Wenn man die Geschichte dieser Geschlechtszuschreibung liest, dann scheint Pink irgendwie willkürlich auf die weibliche Seite geraten zu sein, es gibt keinen klaren Grund für die Entwicklung. Die Aufteilung in Blau/Junge und Rosa/Mädchen war auch lange noch nicht so festgeschrieben wie heute. Die Autorin des Buches Pink and Blue fand bei ihrer Recherche in Kaufhauskatalogen der USA der 1970er Jahre über lange Strecken gar keine Kleinkindausstattung in Rosa. Und ich kann aus meiner Kindheit in den 70er Jahren berichten, dass ich und meine Geschwister alle gleich angezogen waren, unabhängig vom Geschlecht.

Das Übel mit der geschlechtsspezifischen Produktzuschreibung begann wohl Mitte der 80er Jahre. Inzwischen haben sich viele Initiativen gebildet, die solche Rollenklischees kritisieren, in Deutschland ist Pinkstinks ein Beispiel. (Nachtrag: Ein deutsches Buch zum Thema ist Die Rosa-Hellblau Falle).

Erste Erfolge stellen sich ein. Firmen beginnen, geschlechtsneutrale Spielzeugkataloge herauszugeben oder Unisex-Kinderkleidung anzubieten. Kleine Jungs, die gern Rosa tragen wollen, und kleine Mädchen, die Pink nicht ausstehen können, die müssen im Moment aber noch so selbstbewusst sein wie der Junge in diesem Twitterfund:

Junge will rosa Socken.

Verkäuferin: „Die sind aber für Mädchen.“

Junge: „Ich dachte, Socken sind für Füße.“

 

 

17 Kommentare

  1. Ich ärgere mich auch ohne Kinder oft genug über dieses Farbvorurteil… Umso spannender, dass das ganze ja wohl gar nicht historisch begründbar ist. Sehr spannend, danke für diese Erklärung! :D

  2. Ich erinnere mich mit Schmunzeln an das Theater, das mein damaliger Göttergatte vollführt hat, als ich vor gut 35 Jahren eine komplette Waschmaschinen-Ladung seiner Unterwäsche (weiß, Feinripp, die Unterhosen mit Y-Eingriff) rosa verfärbt hatte. Wir reden hier über UNTERwäsche, aber er hat es tatsächlich abgelehnt, sie zu tragen,
    Oder ich denke das Gejaule, als das Radrenn-Team Telekom mit den Magenta-farbenen Trikots auftauchte.
    Heute werden auch im Business rosa Oberhemden getragen.
    Lieber Gruß
    Ute

  3. In China gilt Rot auch als Farbe der Kraft, des Feuers und des Mutes und wird deshalb mit Männlichkeit assoziiert. Blau ist die Farbe der Ruhe, Kühle, Zurückhaltung und wird der Weiblichkeit zugeschrieben.
    Was Kinderkleidung angeht, möchte ich eine kleine Geschichte aus meiner Kindheit berichten:
    Ich hatte einige „Überziehhöschen“ mit pastellfarbenen Rüschen auf dem Po, das sollte neckisch aussehen, wenn das Kind sich bückt… Ich habe sie nur auf ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter zu besonderen Gelegenheiten getragen. Mein 2 Jahre jüngerer Bruder fand diese Höschen aber so toll, daß er sie immer wieder aus meinem Schrank stibitzt und selbst getragen hat – unter der Lederhose! (Nein, er ist nicht homosexuell).
    Die Kinderkleidung heutzutage finde ich bunt, hübsch und für beide Geschlechter tragbar – wenn da nicht die unsäglichen Bedingungen der Herstellung dahinter ständen!
    Die Bemerkung des Jungen, Socken seien für die Füße da, amüsiert mich sehr.
    Liebe Grüße
    Tyche

  4. Bei dem Thema könnte ich mich ja auch stundenlang auslassen. Tendentiell ist dieses scharfe Trennen von „nur für Mädchen“ und „nur für Jungen“ und die damit einhergehende Pinkifizierung von allem weiblichen wohl vor allem der Marketingbranche zuzuschreiben. Die haben nämlich irgendwann gemerkt, dass man Eltern viel eher dazu bringen kann, noch mehr Geld auszugeben, in denen man ihnen suggeriert, dass ihre Töchter anderes Spielzeug brauchen als ihre Söhne. Diese „Geschlechtertrennung“ haben wir ja nun nicht mehr nur bei Spielzeug und Kleidung, sondern auch bei Kinderüberraschung, Salatsaucen und Bratwürsten. Und da sind wir wieder beim „Stundenlangauslassen“.
    Was ich eigentlich sagen wollte: Super Beitrag!

    LG
    Jen

  5. Auf diesen Beitrag habe ich mich sehr gefreut und ich hoffe du machst noch öfter etwas über Farben. Ich finde es auch wie jen zum stundenlang darüber auslassen.
    war es nicht vielleicht so, dass intensives Pink nur möglich war mit Seide /Brokat ? Und deshalb auch ganz besonders Jungen aus dem Adel so erhalten sind. Das Volk trug eher Erdtöne und weiß, denn das konnte man bleichen. Und die zeitliche Entscheidung, die du angibst rosa für Mädchen und hellblau für Knaben fällt auch mit der fortgeschrittenen chemischen Färbbarkeit von Stoffen industriell zusammen und es geht um Kaufanreiz der Massen. Manchmal denke ich solche Wendungen sind ganz profan von einer kaufmännschen Entscheidung abhängig gewesen, der einfach zu einem denkbar güntiges Zeitpunkt gefallen ist!!!!! Man hat Stoffe für Frauen und Männer im Programm und weil es besonders süß für die Werbung ist, zieht man Kinder damit an! Und schon ist ein Trend gelegt auf Jahrzehnte!!! Der Weihnachtsmann in seinem heutigen Outfit ist ja nicht anders entstanden. Auch ungefähr in diesem Zeitraum.
    Werbung und Industrie haben traditionelle Werte bzw. Traditionen schon nachhaltig beeinflusst, wohl weit mehr als wir uns manchmal eingestehen wollen.
    Lueb Grüße Karen

  6. Da hast du wieder herrlich illustrative Beispiele ausgegraben, vielen Dank.
    Denn has hätte ich echt nicht gedacht- rosa hätte ich gerade im historischen Kontext nieundnimmer mit Jungs in Verbindung gebracht. Aber klar, die Kinder von damals haben ja quasi Miniaturausgaben der Erwachsenenkleidung getragen, nicht sehr kindgerecht und praktisch.
    Da hatten es zumindest in der Beziehung die Kinder der Bauern einfacher, wenn denn genug Mittel da waren um den Nachwuchs jahreszeitgemaß zu kleiden. (In dem Zusammenhang fallen mir gerade die Schwabenkinder ein. Barfuß über die Alpen, ein Horrorszenario. Da waren Farben wohl absolut nebensächlich.)

  7. purpur war früher die farbe der herr(!)scher – gefärbt wurde mit natürlichen farben aus purpurschnecken, dessen gewinnung extrem aufwendig und damit teuer war (10.000 schneckenwerden zum färben von 1kg wolle benötigt, s. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Purpurschnecke). pink und rosa sind die zarteren varianten und dadurch nicht ganz so extrem teuer herzustellen gewesen und damit geeignet für die kinder der herrscher.

    wie es dann dazu kam, daß rosa zur „weiblichen“ farbe mutierte und blau zur „männlichen“, weiß ich nicht (mehr).

  8. Interessant, der Ausflug zur Farbe Rosa. Ich muss mit Zeit mal nachsehen, ob die rosa Babyjäckchen in meiner 50er Jahre Handarbeitszeitungs-Sammlung irgendwie geschlechtsmäßig zugeschrieben wurden… LG mila

  9. Danke für eure vielen Hinweise! Inzwischen gibt es auf Englisch schon mehrere Bücher zu dem Thema Pink/Blau und Geschlecht. Die Kleidungsgeschichte ist ganz gut recherchiert. Eine Möglichkeit, warum blau die männliche Farbe wurde, ist evtl. dass die Matrosen- u. Arbeiterkleidung blau war, aber die Autorinnen vermuten da auch nur.
    Zu Farben könnte man noch sehr viel machen, da gibt es auch schon ganz schöne (englische) Bücher. Neben Rot (da war nicht nur das Purpur teuer, sondern auch das Karmin aus der Schildlaus) ist auch Blau sehr interessant. Das Thema Chemiefarben und die Auswirkung auf Kleidung gäbe dann noch viel mehr interessante Geschichten.
    Aber hier wollte ich ja nur mal Pink ein bisschen rehabilitieren. Und ein Schneider-Detail hatte ich weggelassen: Das englische Wort Pink kommt von der Farbe der Nelke (engl. Pink), die pink heißt, weil ihr Rand gezackt ist (pinken bedeutete früher mit Schlitzen/Löchlein dekorieren). Daher heißt eine Zackenschere heute noch auf englisch pinking shears. :-)

    • Zum Stichwort „Matrosenkleidung“ fällt mir gerade ein, dass es ein Foto meines Vaters gibt – etwa von 1920 – wo er als vielleicht Zweijähriger ein MatrosenKLEID trug. Sicherlich nicht in Rosa sondern eher in Dunkelblau. Aber definitiv ein Kleid, was ich früher mal für einen Stammhalter eher befremdlich fand.
      Dein Buch habe ich inzwischen mit großem Vergnügen gelesen…

      • Ja, darüber will ich auch noch einmal etwas machen. Meinen Großvater habe ich auch auf einem Foto, im weißen Faltenkleid.

  10. Einen interressanten Ausflug in die Geschichte ermöglichst du uns da. Was die geschlechterspezifische Zuordnung von Farbe, Kleidung, Spielzeug und inzwischen sogar Lebensmitteln angeht tendiere ich auch zu der Ansicht meiner Namensvetterin. Hier stehen heute überwiegend kommerzielle Überlegungen im Vordergrund, was natürlich nur funktionieren kann da es auch Käufer für diese Dinge gibt. Wenn diese Entwicklung verstärkt seit den 80ern zu beobachten ist müßte man sich einmal näher mit der Kaufkraftentwicklung, und den Ausgaben der Familen für ihre Kinder auseinandersetzen. Ich bin mir sicher, daß sich hier ein Zusammenhang finden läßt. Zu diesem Thema könnte ich mich auch stundenlang auslassen- man sieht es schon oft steckt mehr in einer einfachen Farbe
    Ich schaue bestimmt noch öfter bei dir rein.

    Herzliche Grüße

    Karen

  11. dieses pink auf deinen bildern finde ich aber auch viel schöner als dieses „plastik“- bzw. bonbonrosa, das man in allen läden sieht. und als kraftvoller empfinde ich das blau des bademantels für den jungen auf dem bild von 1941. die unterteilung in produkte für mann und frau setzt bei parfüm schon anfang des letzten jahrhunderts ein, bekam ich bei einer führung im kölner dufthaus farina erklärt. das hatte marketingtechnische gründe – und im grunde gab es bis in die 20er keinen unterschied bei herren- und damenparfüms. nur hat irgendwann jemand entschieden, dass blumigsüße düfte für frauen und die herbn düfte für männer seien – und demnach auch die verpackung designt. aber eigentlich ist es blödsinn, weshalb wohl bei diesem dufthaus wohl anscheinend auch kaum noch wert auf diesen unterschied gelegt wird.

  12. Ich habe nie rosa Kleidung getragen, was aber nicht heißt, dass ich die Farbe an sich nicht mag. Zu deiner Buchgestaltung passt sie prima. Und deine Recherchen zu lesen und anzuschauen ist wieder mal toll! Meine Eltern haben uns in den 50ern als Babys weiß, gelb und blau gekleidet, ganz unabhängig vom Geschlecht, und sich diebisch gefreut, den beim Kinderwagenblick vermuteten kleinen süßen Jungen in Blau dann doch als Mädchen vorzustellen… Dein Büchlein ist zz. meine Nachtlektüre. Liebe Grüße Ghislana

  13. Der Wechsel der geschlechtlichen Zuordnung liegt wohl in den 1920er/30er Jahren im Zusammenhang mit Marineuniformen und dem „Blaumann“. Aber da die Zuordnung ja nun offentlichlich eine willkürliche ist, lässt ich der Zeitraum des Wechsels wohl nur vermuten.
    Danke für die schönen Bildbeispiele!
    Mit vielen Grüßen aus der „Rosa-Hellblau-Falle“ :-)

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