Kuriosum Halskrause, 2. Teil

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Hier eine Fortsetzung zum vorhergehenden Beitrag „Modische Halskrause aus dem Barock„, denn es gibt noch einiges zu sagen.

Meine zunächst vorgestellte Krause nach dem Buch von Janet Arnold Patterns of Fashion  enthält nicht, wie gedacht, zehn Meter Stoffstreifen, sondern nur 3,50 Meter. Um Buße für die Fehlmessung zu tun, habe ich nun auch noch einmal sieben Meter für einen zweiten Kragen gekräuselt. Wenn man in größeren Abständen einreiht, dann bekommt man auch sieben Meter auf Halsumfang reduziert:

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Im Vergleich noch einmal die 3,50 Meter:

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Beide Kragen übereinandergelegt machen dann schon etwas her. Obwohl sie kaum gestärkt sind.

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Bei solch großen Kragen brauchte es damals, wie schon gezeigt, auch noch einen Unterbau. Das war meist ein Draht- oder Pappgestell, Supportasse o.ä. genannt. Beim V&A könnt ihr eine Pappversion ansehen.

Wenn ihr Halskrausen selber machen wollt: Auf Englisch gibt es  hier ein mehrteiliges Tutorial, auch mit Beschreibung des Stärkens und Bügelns. Bei Youtube kann man zugucken, wie der Stoff mit Mondaminpaste beschmiert und mit Lockenstäben gerollt wird, dass es nur so eine Lust ist. Man versteht dann auch, wie die 8-Form zustand kommt. Die einzelnen Schaufen werden zum Teil durch feine Stiche fixiert. So dürfte auch dieser Kragen aus einem Porträt von 1651 gefertigt sein:

saum1651, Rijksmuseum

(Nachtrag: Manufacta hat für Rigoletta solche Krausen gearbeitet, wohl aus fester Kunstfaser)

Das Thema hat so viele interessante Aspekte, auf die ihr dankenswerterweise in den Kommentaren zum 1. Teil inzwischen hingewiesen habt. Davon angeregt hier Nachschub zu drei Punkten.

1. Kirchentracht

Zwei Kommentatorinnen berichten, dass die Halskrausen bis heute in kirchlichen Amtstrachten weiterleben, z.B. in Skandinavien, den Hansestädten und Augsburg.

tinebsichBischöfin, Fünen, DK

Beate schreibt dazu:

In Hamburg gehört die Halskrause auch heute noch zum Ornat der Pastoren. Ich erinnere mich gut, dass bei den Kirchenbesuchen meiner Kindheit (60er / 70er Jahre) die Pastoren die gestärkte Krause stets getragen haben. Heute wird das wahrscheinlich schon aus Kostengründen nicht mehr überall der Fall sein. Nicht nur die Herstellung sondern auch die Pflege der “Wagenräder” ist ja arbeitsintensiv. Es ist eine der Arbeiten, die heutzutage nur am Rande der (Selbst-)Ausbeutung erledigt werden können, z. B. im Zuge von Ein-Euro-Jobs.

Siehe dazu diesen Bericht über die Halskrausenbügelei in Hamburg. Dort braucht man drei Stunden um die 200 Schleifen des Wagenradkragens mit einem heißen Eisen zu „tollen“, so der Fachausdruck. Einmal Waschen, Stärken, Tollen kostet 39 Euro.

Auf einen Bericht über die einzige Halskrausenschneiderin Augsburgs (PDF, S.7) hat Sabine hingewiesen. Die Schneiderin legt zweieinhalb Meter Batist in 35 Schlingen. Zum Waschen wird alles wieder aufgetrennt.

2. Fransensaum

Zur Frage, ob der Goldschmied im vorhergehenden Beitrag einen gerissenen Rand an seiner Krause hat:

rijks1

Vielleicht ist das auch nur eine malerisch freie Interpretation eines feinen Spitzenbesatzes, wie bei diesem Portrait (Ausschnitt)?

collar1609, Rijksmuseum

Oder es ist tatsächliche ein Fransensaum, wie auch bei diesem Selbstporträt des Malers de Geest:

saum11629, Rijksmuseum

3. Trug man die unbequemen Kragen auch im Alltag?

Dazu habe ich nach Bildern aus dem Alltagsleben im Barock gesucht. Zum Glück wird man auch dazu in der Sammlung des Rijksmuseums in Amsterdam fündig. Ausschnitte aus einer Winterszene von Hendrick Avercamp, ca. 1620, zeigen: Die Bevölkerung ging mit Halskrause zum Schlittschuhlaufen, aber Bettler und einfache Menschen hatten eher keine.

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avercamp2 avercamp3

Auf dem Gemälde einer Bauernhochzeit von 1672 trägt nur der ältere Tänzer vorn rechts noch große Falten um den Hals. kj ig

Ansonsten sind in der Szene Spitzenkragen zu sehen, Halstücher und normale Hemdöffnungen. Zur Entstehungszeit des Bildes 1672 war die Halskrause nämlich selbst in Holland schon wieder völlig out, wie man bei den Jüngeren auf der Hochzeit sehen kann. Der Musiker ist mit seinem flachen Spitzenkragen noch eher an der Mode dran, ansonsten waren lockere Halstücher wie bei dem Herrn mit der Dame angesagt.

jf  h g

Der ältere Mann ist mit seinem gefalteten Kragen also völlig out. Er hat zur Feier des Tages einen jahrzehntealten Sonntagsstaat angelegt.

uk g 1672, Rijksmuseum

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Die ganze krause Angelegenheit schließe ich mit dem Bild einer verwegenen spanischen Adeligen ab. Sie hat ihr rechtes Auge bei einem Fechtunfall verloren.

(Ana de Mendoza)

Zweiäugig widme ich ich mich als nächstes wieder einem anderen Thema. Bis dann!

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16 Kommentare

  1. Mir gefallen deine Fotos, Vivien- Westwood-like. Auch gut mit den Kochtöpfen rechts im Bild, immer rührig , immer tätig, einfach?! Hausfrau. Ob 3.50 oder 7m , es steckt wohl eine Menge Handarbeit drin.
    lg Carmen

  2. Danke für Deine bebilderte Fortsetzung.
    Hatte nicht geahnt, dass es heutzutage noch irgendwo Kleidungsbestandteil ist.
    Eine kuriose Mode, wie sie wohl entstanden ist?: Irgendwann hat einer Falten in seinen weißen Kragen gewollt … und dann wurden es immer mehr ;-))
    Wenn ich wieder so etwas sehe werde ich an Deine Beiträge denken. Mehr wissen bedeutet auch immer mehr sehen.
    LG Ute

    • Dazu hätte ich auch gern noch etwas geschrieben, dachte aber, es wird dann vielleicht echt zu abseitig. Jedenfalls war es wohl so: Die Hemden waren vorn in kleine Falten gelegt, diese Falten wurden oben zum Kragen hin hochgezogen, aus dem GEwand schaute also eine kleine Faltenreihe heraus. Dieses fand man schön und vergrößerte es immer mehr, bis zur extra Halskrause.

  3. Das Portrait der Ana de Mendoza könnte von Chirico sein, nicht wahr? Man wartet geradezu auf die Pfeislpitzen, die aus jeder Kragenfalte hervorschießen können..Auf der ersten Abbildung hier gezeigten Abbildung von Hendrick Averkamp trägt der Herr auf dem Schlitten eine Augenmaske und einen Hermelinkragen, aber es ist gewiß kein Karneval.Das Pferd ist geschmückt . Auf der zweiten Abbildung sehen wir fremdländisch gekleidete Musikanten und feiernde Bürger beim In-Line-Skating. Da wird ein besonderer Anlaß dargestellt, welcher? Waren die Kragen so warm wie heute unsere Möbius oder Cowls? Trug man sie, bevor sie eh‘ in die Wäsche kamen?
    Bezüglich der gefältelten oder gerüschten Meter für eine Halskrause: Ich habe mit ca. 14 Jahren mit Tanzsport begonnen und mir die Kleider dafür selbst genäht. 60 m Tüll für einen Walzer-Rock sind eine Herausforderung, besonders für eine Näh-Anfängerin. Glücklicherweise kam es eher auf den Show-Effekt an als auf präzise Passform oder gute Verarbeitung.
    Zu dem voluminösen Walzer-Tüll-Rock möchte ich noch eine lustige Geschichte erzählen:
    Nach einem Tanzwettbewerb wurde mein Tanzpartner von seiner Freundin abgeholt und ich willigte ein, daß nicht er, sondern sein Freund mich nachhause bringen sollte. (Sowas war in den 60ern noch üblich). Der Freund hatte jedoch nur ein Mofa! Da saß ich nun mit meinem 60-Meter-Tüllrock auf dem Rücksitz des Mofas, wollte mich an dem mir unbekannten jungen Mann auch nicht so fest klammern, und verlor bei der Fahrt über ruppeliges Kopfsteinpflaster auch noch einen Schuh, sodaß wir umkehren mußten um den Schuh einzusammeln.
    Ich kam heil nachhause, der Tüllrock hat die Mofa-Fahrt auch ziemlich gut überstanden, aber danach fragte ich doch erst einmal vorsichtig nach, mit welchem Mobil die Rückfahrt stattfinden sollte…
    Tyche

    • Zu den Winterszenen von Averkamp gibt es Literatur, da gibt es sicher einiges zu entschlüsseln. Die Augenmasken tauchen in den Bildern mehrfach auf, alle bei Frauen. Auch der Wärmefrage müsste man noch einmal mehr nachgehen. Und die Halskrausen wurden wohl gewendet, wenn sie schmutzig waren. Vielen Dank für deine Beiträge.

    • Habe gerade wieder welche auf dem Laufsteg gesehen. War es Valentino? Schade, würde das alles gern zeigen, aber bei diesen neuen Fotos sind meist Bildrechte ein Problem.

    • Ich erinnere mich. Das war doch aus Kunstfaser? Irgenwo hattest du es schon einmal geschrieben. Vielen Dank, habe den Link oben eingefügt.

  4. Die doppelte Halskrause macht ordentlich was her! Ich musste die Tage im Nordiska-Museum in Stockholm an dich denken, denn da werden in der Modeausstellung auch Halskrausen präsentiert. LG mila

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