Stoffspielerei im September: Modisch lässige Halskrause aus dem Barock

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UPDATE So sehen 7 Meter gekräuselter Stoffstreifen aus

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So sehen 3,50 Meter aus

17 Meter Stoffstreifen, 6mm Falten, 10 Stiche pro Zentimeter – wieso wollte ich mir das antun? Es war ja klar, dass nur ein Faschings-Accessoire dabei herauskommen würde. Aber in der Zeit um 1600 waren solche Kragen jedenfalls in den Niederlanden und weiter östlich noch weit verbreitet. In feinster Handarbeit aus zartestem Leinen wurden die Halskrausen genäht und mühevoll gestärkt. Reiche Auftraggeber trugen sie als Statussymbol.

Zum Glück hatte nun Griselda von Machwerke für die monatliche Stoffspielerei* das Thema Falten vorgeschlagen. Bei mir gibt es also passend zur Aktion einen Kragen, dessen Vorbild zum Bestand des Rijksmuseum gehört. Er ist in die Jahre 1620 bis 1630 datiert.

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Die Britin Janet Arnold hat in der fabelhaften Reihe Patterns of Fashion  400 Jahre später bei dem Kragen alles beispielhaft bis ins Kleinste dokumentiert und wunderbar gezeichnet, so dass man ihn gut nacharbeiten kann.

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17 Meter feines Leinen hatte ich nicht,

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aber eine alte Gardine.

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Den Streifen legte ich doppelt,  um den Millimeter-Saum des Vorbilds zu vermeiden. Schon die Falten im Abstand von 6 Millimeter forderten mich.

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Zumal dann schon nach zehn UPDATE 3,50 Metern Schluss war. Das Material war einfach zu dick, ich hatte bereits die 37 cm Halsumfang erreicht. Ich nähte alles am Bündchen fest. Eigentlich sollte ich nun noch beinah jede Falte einzeln festnähen – Janet Arnold hat zwanzig Stiche auf 2 cm gezählt, auf beiden Seiten des Halsbandes.

Ösen und Stickerei, Monogramm, kämen außerdem dazu. Ein Tragefoto reiche ich später nach. Bis jetzt gibt es nur fahle Morgensonne zum Fotografieren.

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Am Ende, bei zarterem Stoff und viel mehr Geduld, hätte meine Krause vielleicht so ausgesehen:

rijks1Porträt eines Goldschmieds, Werner van den Valckert, 1617

So ein lose gefalteter Kragen war in den 1620er Jahren der Niederlande modisch gewagt, weil er von den steif gestärkten Halskrausen der respektablen Schicht abwich. In einem Gedicht aus der Zeit macht ein Verehrer auf ein frommes Mädchen keinen guten Eindruck, weil er zu lässig gekleidet ist:

…Mein Haar war zu lang, all zu wild mein Kragen. Die Manschetten viel zu weit, die Stärke all zu blau. Meine Hose zu weit, dann das Wams all zu eng. Jeder Strumpf zu lang, ich hatte Rosen auf meinen Schuhen… (Menniste Vryagie ,J.J. Starter)

Die feinen handgenähten Säume lassen sich auf den alten Porträts erahnen. So etwas war auch nur mit ganz dünnem Garn möglich. Ich habe als Ersatz Overlockgarn genommen, das aber viel zu leicht riss.

rijks1aDetail, Männerportrait, Adriaen Thomasz. Key, 1581

  rijks1aaDetail, Porträt Alid van der Laen.

Die Steifheit eines großen Mühlsteinkragens förderten solche Drahthalter (in einem holländischen Schiffswrack gefunden):

top1 via twitter

Dazu passt ein bei Twitter geklauter Gag:

erb

Jeannie konnte man in der Teeküche nicht allein lassen. Sie machte immer Unsinn mit den Kaffeefiltern.

Anders als beim Ursprungstweet (eines der von Historikern nicht gern gesehen Spaß-Accounts) gibt es bei mir auch die Quelle zum Bild: Jan Daemen Cool, Porträt einer jungen Frau mit Fächer, 1636 Wiki

Darauf einen Kaffee und schnell weiter zu Griselda, wo ihr sicher sehr viel brauchbarere Faltenideen findet. Schaut mal vorbei! Vielen Dank an Griselda für das Linksammeln.

.

Nachtrag: Es gibt nun eine Fortsetzung „Kuriosum Halskrause“ 2. Teil.

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Vormerken: Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 25. Oktober 2015.   Karen wird dann Beiträge zum Thema Spitze sammeln.

*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
25. Oktober – Karen – Thema Spitze
29. November  – Nahtzugabe – Thema Folklore
27. Dezember – WINTERPAUSE

28 Gedanken zu “Stoffspielerei im September: Modisch lässige Halskrause aus dem Barock

  1. Das sind 10 m Stoff? Wahnsinn- dann beinhalten die historischen Halskrausen sicher das dreifache an Material. Unvorstellbar in Zeiten, als das alles noch mit der Hand gewebt werden musste. Luxus pur.
    (Und die völlige Disziplin beim Essen mit so einer Krause mag ich mir gar nicht vorstellen- jeder Brösel bleibt hängen, jeder Saucentropfen gibt Flecken….. Völlig entlarvend, sowas.
    Und die Wäscherinnen tun mir leid!!)

  2. Na, da machen sich meine popelingen kleinen Fältchen ja schwach gegen so ein Falten-Mammut-Projekt aus. Im Moment scheinst du es mit Kragen zu haben?! Interessant. Ich habe mir nie zuvor Gedanken gemacht, wie sie die Kragen wohl so steif (und sauber?) gekriegt haben… LG mila

  3. Was du alles recherchierst! Ich finde es total interessant, in welche Zwänge sich die Menschen früher freiwillig begeben haben. Der Kragen ist ein Statussymbol, mit dem man sich das Leben echt schwer macht. Was die Leute, die in 200 Jahren leben werden wohl über uns sagen werden?
    Da fiele mir ja so Manches ein :).
    Schönen Sonntag wünscht dir
    Christina

  4. Das ist ja wirklich beeindruckend. Diese Krägen haben mich schon immer fasziniert. Im Opernhaus wurden auch immer mal welche gemacht, allerdings habe ich das nie gesehen. Das ist einfach fantastisch.
    Liebe Grüße
    Gusta

      • Vor 30 Jahren oder mehr hat man noch Stoff benutz, denke ich. ohhh die neue Technik ermöglicht wohl ganz vieles….. ich stelle mir das gerade vor – wow. :)
        LG Gusta

  5. Vielen Dank für diesen tollen Bericht!
    Allein die Vorstellung, einen ganzen Tag das Gewicht von 17m Leinen am Hals mit mir herumzutragen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn… Ganz zu schweigen von der vielen Handarbeit, die in solch einem Kragen steckt… 17m feine Säume mit der Hand nähen? Oh, wie gelobe ich mir da doch meine Overlockmaschine!
    Liebe Grüße
    Katharina

  6. Zum Thema feine handgenähte Säume mochte ich beitragen: !7 m in der Breite von max. 10 cm feinstes Leinen um den Hals wiegen wahrscheinlich weniger als ein Mullverband bei Halsweh. Zum Säumen mit Overlock-Garn: Wenn man die traditionelle japanische Nähweise anwendet – da wird der Stoff auf die Nadel gefädelt und das Garn nur einmal durch den Stoff gezogen – dann reißt auch Overlock-Garn nicht, denn es wird ja nur einmal beansprucht. Alternativ könnte man die Kanten mit dem feinen Garn umhäkeln, ich habe das schon für viele Meter Stoff bei Brautkleidern oder Tanzkleidern gemacht. Die Kragen auf den vorgestellten Gemälden sind beeindruckend, ich glaube jedoch, die Träger haben sie nach der photo-session auch aufatmend abgelegt.
    Ich freue mich auf die nächste Runde, wenn meine Nähmaschine bis dahin endlich aus der Reparturwerkstatt zurück ist, werde ich mich beteiligen.
    Bis dahin liebe Grüße
    Tyche

    • Danke für die Erläuterungen und Tipps, das hilft immer sehr. Mein Overlockgarn hatte ich faulerweise auch zum Fälteln genommen, da ist es dann gerissen. War aber wirklich nur Faulheit, weil ich gerade nichts besseres zur Hand hatte. Häkeln, Wahnsinn, aber eigentlich würde mir das mehr Spaß machen als Säumen mit der Nähnadel.
      Ja, diese Kragen waren reine Show für wichtige Termine, eigentlich müsste man sich das immer wieder in Erinnerung rufen.

  7. Wieder eine Quelle interessanter Informationen! Auch wenn deine Halskrause nicht so ausufernd ist wie die historischen Vorbilder, war sie sicherlich eine Fleißarbeit. Ein Tragefoto wäre wirklich schön.
    LG
    Siebensachen

  8. Ich habe solche Kragen immer schon bewundert, aber nie recherchiert, wie ein solches (Un-)Getüm zustande kommt. Deine Bilder sind da wunderbar und dein Geduld bewundernswert. Ob ich so viele Meter Handnähen durchgehalten hätte? Mir schwirrt noch die Möglichkeit des Stärkens durch den Kopf, ob dadurch die Falten etwas „in Form“ gehalten werden könnten. Auch ist sicher die Stoffart entscheidend. Auf den Bildern sieht man verschiedene Stoffe. Ich hätte nie auf Leinen getippt, sondern hätte mir eher störrische Stoffe (wie frühere Gardinen) vorgestellt. Danke fürs Vorstellen und in der Hoffnung auf ein baldiges Tragebild, liebe Grüße
    Ines

    • GEstärkt hatte ich auch, vergessen zu erwähnen. Diesen Blogbeitrag habe ich gestern Nacht etwas hektisch geschrieben (da waren ja auch gruselige Schreibfehler), jetzt ist mir noch viel mehr eingefallen, aber egal. Ohne Stärke sähe es noch viel schlabberiger aus.
      Tragefotos hoffentlich morgen.

  9. Ich frage mich, wie man die Falten dazu gebracht hat, an der Außenkante so regelmäßig in 8-Form zu liegen zu kommen, wie bei dem Bild von Alid van der Laen – der Kragen auf der Abbildung im Buch sieht ja viel „natürlicher“ aus. Aber bei Malerei weiß man ja nie, ob es sich um eine idealisierte Darstellung handelt. Und trug der Goldschmied eine Krause aus einem ungesäumten Streifen? Ich finde das sieht aus, als wäre der Stoff gerissen worden. Und wenn ja, was hat das zu bedeuten? Ein wirklich faszinierendes Thema, jetzt hast du schon so viele Fragen beantwortet, und doch stellen sich jede Menge neue! Ich hätte auch nie gedacht, dass in deinem Kragen 10 Meter Streifenlänge untergebracht sind – dafür sieht es doch relativ unspektakulär aus.

    • Der Kragen des Goldschmieds
      – da sieht die Kante tatsächlich wie „gerissen“ aus. War das ein Aufbegehren analog zu den ausgefransten Jeans ? Zu den Vermutungen bezüglich des Stärkens der Kragen : Die waren natürlich aus feinstem Leinen, Baumwolle wurde erst später polulär in Europa. Und wenn man Leinen in feuchtem Zustand sehr heiß bügelt wird es so steif wie gestärkte Baumwolle. (Bin ich die Einzige, die täglich Leinentischwäsche benutzt?)
      Die Arbeit der kleinen Wäscherinnen, Köchinnen, Näherinnen war kaum etwas wert und wurde schlecht bezahlt. Der Hausherr konnte sich alles erlauben, ich erinnere mich da schwach an den Film „Die Perle“ oder ähnlich, ein Film passend zu Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit der Perle“.
      Als absoluten Luxus trugen die Kerle ja dann Spitze am Stiefelschaft –
      was uns zum nächsten Themen-Treff bringt.
      Liebe Grüße
      Tyche

    • Tut mir leid, mit den Metern habe ich mit total vermessen. Für ein Tanzprojekt gibt es bestimmt gute Alternative. Z.B. habe ich gesehen, dass jemand einfach ganz breites Nahtband aus Baumwolle genommen und gekräuselt hat. Das stand auch ohne Stärke super ab.

  10. Vielen Dank für den informativen Artikel! In Hamburg gehört die Halskrause auch heute noch zum Ornat der Pastoren. Ich erinnere mich gut, dass bei den Kirchenbesuchen meiner Kindheit (60er / 70er Jahre) die Pastoren die gestärkte Krause stets getragen haben. Heute wird das wahrscheinlich schon aus Kostengründen nicht mehr überall der Fall sein. Nicht nur die Herstellung sondern auch die Pflege der „Wagenräder“ ist ja arbeitsintensiv. Es ist eine der Arbeiten, die heutzutage nur am Rande der (Selbst-)Ausbeutung erledigt werden können, z. B. im Zuge von Ein-Euro-Jobs. Hier ist ein Link dazu: https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten/detail/pastoren-halskrausen-werden-jetzt-unterm-rathausmarkt-gebuegelt.html
    Die Ergebnisse Deiner Recherchen sind – wie immer – sehenswert. Für die Möglichkeit, die alten Gemälde und Portraits ansehen und auch Details heranzoomen zu können, liebe ich das Internet. Und für Blogs wie diesen …
    Viele Grüße aus dem Norden!
    Beate

    • „Derzeit kostet die Pflege einer Krause – waschen, stärken, tollen – noch 39 Euro. Etwa eine Krause wird pro Tag bearbeitet. (…) Etwa drei Stunden benötigt sie, den Kragen wieder in Form zu bekommen.“ Auszug aus dem verlinkten Artikel der Nordkirche oben.
      Vielen Dank für den link, gerne würde man der Schneiderin ja auch mal beim Nähen über die Schulter gucken…

      Liebe Suschna, ich bin ganz begeistert von deinem Projekt (auch wenn dein Kragen nicht „getollt“ ist) und vor allem auch von den schönen historischen Bildern. Der ungesäumte Kragen ist ja fast schon Punk! ;)
      Was für eine Arbeit, unglaublich.
      (Und über den Witz mit den Kaffeefiltern kann ich immer wieder lachen, den finde ich super.)
      LG frifris

  11. Pingback: Halskrause, 2. Teil | Textile Geschichten

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