Rosa Atlas, Daunen, Seidenhemden: Wagner und seine Putzmacherin

Wagner_Spitzer_Karikatur1via, Farbe von mir

Diese Karikatur zeigt Richard Wagner mit Samtbarett im Morgenrock. Er steht auf einem Ballen Stoff und misst die Ellen ab. Warum macht er das?

Wagners Feinde hatten entdeckt,  dass er einer „Anomalie“ frönte: Er war ganz ungeheuer putzsüchtig. Er konnte nicht genug bekommen von himmelblauen Seidensteppdecken, Rosengirlanden und berüschten Morgenröcken. Seit etwa 1860 hatte er über viele Jahre bei seiner Putzmacherin in Wien Unmengen Stoffe, Bänder, Kunstblumen bestellt und Kleidung, Decken, Kissen, Gardinen  in Auftrag gegeben.

Sein Pech war, dass seine Bestellbriefe später in die falschen Hände gerieten. Ob sie der Putzmacherin gestohlen worden waren, oder ob sie gar aus ihrem Umfeld an die Presse verkauft wurden, blieb ungeklärt. Jedenfalls veröffentlichte ein spottlustiger Journalist (in der Karikatur oben der Herr mit der spitzen Feder) die Korrespondenz 1877 mit reichlich Häme versehen unter dem Titel „Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin„.

wagnerBrief Wagners an Bertha Goldwag mit Stoffprobe, 1865, screenshot LoC

Aus einem Brief Wagners an Bertha Goldwag, 1864

….

1. Können Sie bei Szontag einen schönen schweren Atlas von der beiliegenden hellbraunen Farbe bekommen?
2. Ebenso von dem dunkeln Rosa?
3. Ist das beiliegende helle Rosa in guter Qualität von 4 bis 5 fl. zu haben?
4. Desgleichen das blau, nur lieber noch heller, ja nicht dunkler
5. Hat Szontag noch genügenden Vorrath von dem neurothen, oder carmoisinfarbenen schweren Atlas, von welchem Sie mir den weißen Schlafrock (mit geblümtem Muster) fütterten?
6. Haben Sie noch von dem dunklen Gelb, von welchem wir die Gardinen an die kleinen Tischchen machten?

… Die Schnitte zu meinen Hauskleidern haben Sie hoffentlich noch?

Ihrer Zuschrift entgegensehend verbleibe ich achtungsvoll Ihr ergebener
Richard Wagner.

Nachschrift: Verwechseln Sie Nr. 2, das dunkle Rosa, nicht mit dem früheren Violett-Rosa, welches ich nicht meine, sondern wirkliches Rosa, aber nur sehr dunkel und feurig.

 

Wagner weiß ziemlich gut Bescheid über Materialien und nähtechnisches Vorgehen. Eine wattierte Bettdecke bestellt er sich “ sehr weich — kein enges Muster, damit sie nicht steif wird“.  Jede Quilterin versteht das sofort. Für einen neuen Hausrock gibt er 1867 genaueste Anweisungen, da wird es dann schon schwieriger:

Rosa-Atlas. Mit Eiderdaunen gefüttert und in Carrés abgenäht, wie die graue und rothe Decke, welche ich von Ihnen habe; gerade diese Stärke, leicht, nicht schwer; versteht sich Ober- und Unterstoff zusammen abgenäht. Mit leichtem weißen Atlas gefüttert. Die untere Rockweite auf sechs Bahnen Breite, also sehr weit. Dazu extra angesetzt, nicht auf das Gesteppte aufgenäht! — eine geschoppte Rüsche vom gleichen Stoff, ringsum; von der Taille an soll die Rüsche nach unten zu in einen immer breiter werdenden geschoppten Einsatz (oder Besatz) ausgehen, welcher das Vordertheil abschließt.

Sehen Sie genau hiefür die Zeichnung an: unten soll dieser Aufsatz oder Schopp, welcher besonders reich und schön gearbeitet sein muß, auf beiden Seiten sich bis zu einer halben Elle Breite ausdehnen und dann eben aufsteigend bis zur Taille sich in die gewöhnliche Breite der rings einfassenden geschoppten Rüsche verlieren. Zur Seite des Schoppes drei bis vier schöne Maschen vom Stoff. Die Aermel, wie Sie mir dieselben zuletzt in Genf gemacht haben, mit geschoppter Einfassung — reich; vorne eine Masche und eine breitere, reiche, inwendig unten am herabhängenden Theil. Dazu eine breite Schärpe von fünf Ellen Länge, an den Enden die volle Breite des Stoffes, nur in der Mitte etwas schmäler. Die Achseln schmäler, damit die Aermel nicht herabziehen: Sie wissen. Also unten sechs Bahnen Weite (gesteppt) und zu jeder Seite noch eine halbe Elle weiter Schopp vorne. Somit unten sechs Bahnen und eine Elle breit.

„Sie wissen“ – ich hätte ja nichts gewusst, aber ich bin ja auch keine Putzmacherin im 19.Jahrhundert.  Aus all den Briefen wird klar: Eine Putzmacherin damals war nicht nur eine Hutmacherin (wie der Begriff heute verstanden wird). Sie nähte jede Art von „informellen“ Kleidungsstücken. Wagner bestellt bei Bertha seidene Hemden, hochschließende Jacken, wattierte wärmende Beinkleider, Samtbarette, Schlafröcke, Schnupftücher, ja sogar Stiefel. Atlasstiefel in allen erdenklichen Farbnuancen fertigte die Putzmacherin in Zusammenarbeit mit einem Schuster. Die Hausschuhe waren mit Unmengen von Pelz und Watte gefüttert, wie Bertha später berichtete, Wagner fröstelte eben leicht in seinem Kabinett.

Wagner, Luzern 1868. War der Look das Werk Berthas, inklusive der Stiefel?

 

Inneneinrichtungen gehörten aber wohl nicht mehr zum Berufsfeld der Putzmacherin. Lange nach Veröffentlichung der Briefe macht ein anderer Journalist die Putzmacherin Bertha ausfindig und befragt sie zu den Briefen. Sie beschreibt ihm, wie sie für Wagner Kleidungsstücke, Kissen und Decken nähte. Dann fügt sie hinzu „Er gab mir Aufträge, die tatsächlich mit meinem Berufe nichts zu tun haben“, als sie ihm nämlich eine ganze Wohnung einrichten musste. Auf der Leiter stehen und an seidenbespannten Wänden Girlanden anbringen, das ging über die Zuständigkeit einer Putzmacherin offenbar hinaus.

Natürlich war das alles sehr teuer, und Wagner zahlt oft nur kleckerweise. 500 Gulden, Außenstände von 3000 Gulden, weil es ihm „gerade nicht möglich ist, mehr aufzutreiben“. Am Ende aber, so berichtet Bertha später, habe er alle seine Schulden beglichen.

In „Geschlecht und Gesellschaft“ von 1907 wird Wagners Putzsucht als Indiz für Bisexualtität genommen. Solche detaillierten textilen Kenntnisse könnten eigentlich nur von „Frauen, die weiblich empfinden“, vorausgesetzt werden. Wagner habe hier die feminine Seite seiner sexuellen Doppelnatur ausgelebt.

Mir ist ziemlich egal, ob die Briefe kurios oder sogar skandalös sind und wie Wagner sexuell orientiert war.  Ich freue mich, dass Dank der Berühmtheit Wagners noch heute seine Aufträge sowie der Bericht der Putzmacherin existieren und in Büchern abgedruckt, sogar online einsehbar sind. Wie sonst bekäme man so einfach einen Eindruck von Nähbestellungen im vorletzten Jahrhundert, von der Beschaffenheit der Kleidung und von der Arbeitsweise einer Putzmacherin. Also, Wagner und seinen Feinden sei Dank ist ein Stück weibliche Berufsgeschichte nachweisbar geblieben.

Eine Berufsgeschichte, die bei Wikipedia bisher nicht auftaucht. Ich will gern einen Eintrag „Putzmacherin“ verfassen (und nur deshalb bin ich überhaupt auf dieses Wagnerskandälchen gestoßen), aber Wikipedia ist schwerer zu bedienen als gedacht. Es dauert also noch etwas – oder vielleicht ist jemand von euch versierter und übernimmt den Eintrag? Würde mich freuen.

 

 

11 Kommentare

  1. Das hätte ich ja nie gedacht! Und damit kommt noch eine Facette Wagners dazu, die ihn immer komplizierter erscheinen lässt. Die Musik (die mir persönlich zu wuchtig ist, vielleicht ist das aber auch nicht das richtige Wort), sein Antisemitismus und nun Putzsucht? Interessante Mischung…
    (Mit Wikipedia kenne ich mich gar nicht aus leider.)
    Liebe Grüße und danke wieder einmal für diesen schönen Post!

  2. Das ist ja wieder höchst spannend. Meine Mutter wäre entzückt gewesen, sie war ein großer Wagnerfan. Danke! Leider kenne ich mich bei Wikipedia nicht aus…
    Lieben Gruß
    Teresa

  3. Super. Kann ich kann es nicht anders sagen. Der Musikgigant Wagner bekommt ja richtig menschliche Züge. Ich finde, das sagt auch viel über seine Eitelkeit aus. Aber hellblau und rosa? Interessante Farbvorlieben, passt auf den ersten Blick gar nicht zum düsteren Nibelungendichter und -komponisten.

    Zum Wiki: Wikipedia hat ein ganz nettes Tutorial.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia%3ATutorial

    Dieses sehr ausführliche Handbuch beschreibt in Kapitel 3.2 ab Seite 36 detailliert, wie man Texte bearbeitet und erklärt die vereinfachte Wikiauszeichnungssprache:
    http://www.ijk.hmtm-hannover.de/fileadmin/www.ijk/pdf/aktuelles/wiki-handbuch_080204.pdf

    • Vielen Dank. Hast du schon bei Wiki geschrieben? Ich habe da schon auf einer Spielwiese geübt, aber Linksetzen, Fußnoten, vor allem Bilder hochladen u. beschriften geht nicht mal eben so und ich hab gerade keine Energie mich da reinzufuchsen. Dachte ursprünglich, es ist so einfach wie Blogschreiben. Na, ich machs schon noch irgendwann.

  4. Wie schön: Wagner.
    Diese Opulenz passt ja ganz gut in die Zeit und die Kreise, in denen er sich bewegt hat. Sein Mäzen König Ludwig war ja auch nicht gerade nüchtern und sparsam. Toll ist Wagners Sinn für Nuancen, diese Beschreibungen von Farbtönen sind herrlich zu lesen.
    Und daunenwattierte Morgenmäntel gegen die Kälte im rauen Bayreuth- dafür habe ich als Oberfränkin vollstes Verständnis :)
    Wir bestellen ja ganz selbstverständlich Stoffe in aller Welt, dass auch Wagner seiner Putzmacherin die Treue gehalten hat und sich die Sachen in alle Welt hat schicken lassen finde ich absolut bemerkenswert. Das war ein Vertrauensverhältnis!

    • „Und daunenwattierte Morgenmäntel gegen die Kälte im rauen Bayreuth- dafür habe ich als Oberfränkin vollstes Verständnis :)“
      Hatte denn der Wagner keine Öfen im Haus?

      • Jedes Mal, wenn ich irgendwo in ausgekühlten Gemäuern ohne Zentralheizung schlafe, verstehe ich voll und ganz, wie sehr man sich nach Pelzstrümpfe und Daunenwattierungen sehnen kann.

  5. Wagner an sich ist mir eher unheimlich. Als Person wie als Musiker.
    Allerdings habe ich mich auch nie genauer mit ihm beschäftigt.
    Das er eine Vorliebe für Opulenz hatte , die sich in solch genauen Vorstellungen niederschlagen bestätigt meine Meinung von ihm das er sich schon sehr weit oben ansiedelte, auch wenn er vielleicht insgeheim ein unsicherer Mensch War der sich gern im „Größenwahn “ gespiegelt sah.
    das eine Putzmacherin keine Hutmacherin War, das wusste ich aus einem Bericht über Antoinette. Die hat ja auch Unmengen an „Tand“ bestellt.
    Putzmacherinnen hübschten ja oft auch Kleidung auf und um.
    In Zeiten überbordenden Kleidungskonsums braucht man solche Berufe ja auch nicht mehr, da die Kleidung eine Halbwertszeit einer einfachen Stubenfliege hat.

    Wikipedia kann ich leider nicht, lese aber gerne deinen Beitrag!

    Liebe Grüße und danke für deinen inspirierenden Artikel.
    solch einen Rosa Farben Atlas hätte ich übrigends auch gerne…
    Stella

    • Ja, Rose Bertin, die Putzmacherin von Marie Antoinette, hatte auch eher so etwas wie ein Schneider-Atelier. Darüber will ich mal etwas machen, sehr interessant.
      Dieses Mauve finde ich auch schön, ob das schon chemische Farbe war? Eigentlich fing es mit den synthetichen Farben in der Zeit gerade erst an.

  6. Ein großes Lesevergnügen.
    Wie schön, dass sich die Briefe/Quellen noch erhalten haben. Die detaillierten Anweisungen Wagners an die Putzmacherin sind wirklich eine Fundgrube!

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