Unentdeckte Textilmuseen – Industriedenkmal Nordwolle #perlenfischen

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Blick in das Turbinenhaus auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst bei Bremen. Hier ist eines der größten Industriedenkmäler Europas zu besichtigen.

Nach Museumsperlen fischen – dazu hat der Blog Museumsperlen aufgerufen. Anlass für mich, endlich einmal vom Besuch eines untergegangen Textilstandorts in Niedersachsen zu berichten. In dem Industriekomplex zwischen Bremen und Oldenburg wurde früher Wolle aufbereitet und Garn gesponnen.

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Das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur bietet einen sehr fundierten Einblick in die Firmengeschichte der Nordwolle. Man bekommt ein Gefühl für Arbeit und Leben in einer Fabrik über hundert Jahre hinweg, von 1880 bis 1980.

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Zu den besten Zeiten der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei arbeiteten auf dem Gelände 4.000 Menschen. Das Gebiet war eine Stadt in der Stadt mit Arbeiterhäusern, Krankenanstalt, Speisehaus und Badeanstalt.

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Der Zylinder für den Chef, die Melone für den Angestellten, die Mütze für den Arbeiter – nur drei Exponate, und die Hierarchie in der Fabrik ist geklärt.

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Als ob der Bürostuhl nur kurz verlassen wurde.

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Gang durch die Produktionsschritte.

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Maschinen in Aktion: Das Spinnen ist unglaublich laut.

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„Ein Kopftuch ist kleidsam und schützt vor Gefahr“.

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„Ordnungssinn bringt Gewinn“.

Ganz nebenbei erzählt der Rundgang auch ein Geschichte von Gastarbeit und Einwanderung.

NWK = Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei

Gegründet hat das Textilimperium die Bremer Kaufmannsfamilie Lahusen. Das Museum erzählt auch die Geschichte vom Aufstieg und Fall dieser Unternehmerdynastie, Räume sind anschaulich nachgebaut.

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Der Zusammenbruch des größen europäischen Woll-Imperiums nach Bilanzbetrügereien war ein Skandal. Die Pleite im Jahre 1931 riss mehrere Banken mit in den Abgrund, weltweit verloren 20.000 Menschen ihre Arbeit und viele Sparer ihr Geld.

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Zu diesem Aspekt hat Radio Bremen gutes Material zusammengetragen. In einer ARD-Doku der wird der Fall spannend erzählt: Der große Crash Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland. Aus den Akten des Prozesses um die Pleite entwickelte die Bremer Shakespeare Company ein Theaterstück.

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Die Nordwolle konnte sich in Nachfolgegesellschaften noch bis in die 1980er Jahren halten, gab dann aber auf. Textilien waren in Asien längst günstiger zu produzieren, die Arbeitsplätze in Delmenhorst fielen der Globalisierung zum Opfer. Der Stadt ging es nicht besonders gut, auch während meiner norddeutschen Kindheit hatte sie nicht den besten Ruf. Umso überraschter war ich, inzwischen dort heute so eine Sehenswürdigkeit zu finden. Das Museum bietet auch Führungen und Aktionen an, das Stadtmuseum nebenan bringt zusätzliche Einblicke in die Geschichte Delmenhorsts.

Das Gelände gehört zur Europäischen Route der Industriekultur und ist auf jeden Fall einen Abstecher wert. Bis zum 20. August 2017 läuft außerdem eine Sonderausstellung mit textilen Schätzen chinesischer Bergvölker.

Danke für die Blogparade #perlenfischen vom Infopoint Museen & Schlösser in Bayern – ohne diesen Anstupser hätten es meine Fotos und mein Bericht vielleicht nie in den Bog geschafft.

Nach dem Museumsbesuch noch schnell ein Gang in eine andere unerwartet schöne Ecke der Stadt, die Graftanlagen – dazu läuft „Delmenhorst“ von Element of Crime.

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Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 

Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

15 Dinge aus dem freien Netz gefischt: Alles in Blau

Der Vollmond scheint durch die Zweige und ich vertreibe mir mal wieder die Nacht damit, in Datenbanken freie Bilder aufzustöbern. Bilder, deren weitere Nutzung erlaubt ist, so dass ich sie hier im Blog zeigen darf. Die Suche ist immer aufregend, man findet die schönsten und seltsamsten Dinge. Heute war ich bei den Flickr-Commons unterwegs. Aus dem Sammelsurium der Entdeckungen hier eine Auswahl, kuratiert zum Thema „Blau“.

1.

Image from page 170 of "A nomenclature of colors for naturalists : and compendium of useful knowledge for ornithologists." (1886)

2.

Untitled

Untitled

Cyanotypien, Blaudrucke, von 1890. Ein bisschen unheimlich, oder?

3.
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Frau ohne Hände, noch eine Cyanotypie, von 1896. Da macht sich wohl jemand über die übertriebene Ärmelmode lustig?

4.
Image from page 148 of "New products manufactured by Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning, Hoechst on the Main, Germany." (1900)

Ich glaube diese gescannte Mottenlarve(?) hatte ich schon einmal, das Bild liebe ich wirklich sehr!

5.
Image from page 62 of "A new elucidation of colours, original, prismatic, and material : showing their concordance in three primitives, yellow, red, and blue, and the means of producing, measuring, and mixing them : with some observations on the accuracy
Buch über Farbtheorie, 1809

6.
A John Lewis Partnership shop window
Stoff-Schaufenster, 1970er Jahre

7.
Synchronised Swimmers
Synchronschwimmen, 70er Jahre.

8.
Image from page 102 of "Seat work and industrial occupations; a practical course for primary grades" (1905)
Vorschlag für den Fußboden in einem Puppenhaus-Badezimmer.

9.
Image from page 146 of "Revue générale des mati`eres colorantes et des industries qui s'y rattachent" (1908)
Stoffmusterbuch 1908

10.
Rickey Doublerly knitting a fishing net: Jacksonville, Florida

Urform des Häkelns und Strickens.

11.
Seilbåt i Oslofjorden
Oslo, 1937

12.
Image from page 19 of ""More Light: The Modern Well-lighted Plant is the "Barreled Sunlight" Plant" (1921)
Sonnenlicht im Fass

13.
Image from page 1465 of "The Ladies' home journal" (1889)

Wusstet ihr, dass Spam-Mail nach diesem Dosenfleisch benannt ist? Mitgeholfen hat ein Sketch von Monty Python.

14.
Image from page 8 of "Lace sample book" (1900)
Spitzenmuster, 1900

15.

Image from page 353 of "Elementary treatise on the finishing of white, dyed, and printed cotton goods" (1889)

Haut das Blau auf eurem Bildschirm auch so rein? Dagegen erblasst der Vollmond und ich kann endlich ins Bett gehen. Gute Nacht, bis bald!

(Quelle = Klick aufs Bild)

(Ursprünglich wollte ich diese Serie ja mit dem Hashtag #gemeinfreitag versehen, aber das geht bei den Flickr-Commons ohne genaue Prüfung nicht. Zwar haben die Museen und Bibliotheken ihre Bilder dort hochgeladen, bei jedem Bild steht „no known copyright restrictions“,  aber wenn man dann genau hinsieht oder auf die Ursprungsseiten der Institutionen geht, gibt es oft Einschränkungen, z.B. wird eine Verwendung nur zu Bildungszwecken erlaubt. Daher hier der Disclaimer: Ich habe nicht geprüft, ob die Bilder wirklich gemeinfrei sind!)

Von der Anprobe zur Paketabteilung – Pariser Modehäuser 1910 im Bild

„Auf der Suche nach einem neuen Modell“ ist das Foto betitelt,  der Modeschöpfer inszeniert sich als Künstler, dirigiert mit dem Stock, wohin die Stoffbahnen gesteckt werden sollen.

Die Mannequins des Modehauses sind dafür angestellt, den Kundinnen die Modelle im Verkaufsraum vorzuführen. Hier kleiden und frisieren sich die jungen Frauen, wählen Haarteile aus, eine liest.

Auf einem Foto versammelt, bereit für die nächste Kundenpräsentation.

Im Verkaufsraum.

Wohlhabende Kundinnen sehen sich um, während ein Page scheinbar schicksalsergeben wartet.

Die Greifvögel an der Wand fügen sich gut in diese Mode zwischen Historismus und Jugendstil.

Eine Kundin in der Anprobe.

Nun geht es hinter die Kulissen in die oberen Etagen, die Werkstätten.

Für die Oberkleidung sind Männer zuständig, die Tailleurs.

Die Blusen für untendrunter sind Frauensache.

Unter dem Dach wird genäht.

Ein Saal für die Stickerinnen, die Fenster weit offen – es scheint warm zu sein.

Die Zeichner bringen die Entwürfe aufs Papier.

Mit dem schwarzen, angelartigen Gerät links wird das Papier der Vorlage mit kleinen Löchern perforiert, um dann mit Kreide das Muster auf den Stoff durchpausen zu können. (Falls ich mich irre, bitte melden).

Maschinell wird auch schon gestickt, vorn rechts sind zwei Stickmaschinen zu erkennen, oder?

Dieses Foto mag ich auch sehr gern, so viele Federn bei den Hutmacherinnen:

Es war die Zeit der Wagenrad-Hüte, die gut zur schlanken Kleidersilhouette passten. (Wobei sich meist nur die modischen Damen mit großem Portemonnaie diesen Look leisteten).

Was geschieht hier unten, im Rücken der Dame mit dem weißen Federschmuck? Wieso hängt am Hut hinten ein dreieckiges Gebilde dran, in das eine andere zeichnet oder schneidet? Merkwürdig.

Die Lampen sind mit viel Stoff bezogen, auch in der Pelzwerkstatt:

Gegessen wird an langen Tafeln, es gibt gerade Käse, Brot und Wein.

Es scheint den Angestellten ganz gut zu gehen, sie sind auch gut gekleidet – aber wer weiß, wie inszeniert die Fotos sind.

Im Stofflager…

und der Verpackungsabteilung.

Auslieferung, das wars.

Die Bilder (Ausschnitte von mir) stammen aus Les Createurs de la Mode von 1910, einer Sonderausgabe der Zeitung Figaro. Ich konnte ich mich gar nicht sattsehen, so viel Blick hinter die Kulissen ist selten und ich zeige auch nur einen kleinen Teil. (Gefunden über Messynessychic).

Stoffspielerei: Kopfputz (fast) 20er Jahre

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Strass, Federn, Haarreif, Chenille, Silbergarn – das sind die Zutaten für meinen Kopfputz passend zum Thema der heutigen Stoffspielerei* in der Faschingszeit. Gastgeberin ist Gabi von Made with Blümchen aus Graz. In Österreich ist der Faschingsdienstag wichtiger als der Rosenmontag, habe ich von ihr gelernt.

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Weil ich schon länger vom Kopfputzthema wusste, konnte ich es gleich für eine Mottoparty nutzen.  Kleiderordnung waren die 20er Jahre, Boheme. „Federn und Glitzer im Haar!“ dachte ich, ohne groß zu recherchieren, und suchte einen alten Haarreif heraus. Den umwand ich mit fransigen Kreppstoffstreifen, legte ein Stück Strassband und etwas weißes Chenillegarn auf. Die ganze Deko fixierte ich dann mit Silbergarn, in schmalen Abständen um den Reif herumgewickelt.

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Zum Schluss mit drangebunden sind eine antike altrosa Straußenfeder (?) und etwas dunkles Gefieder, das eher an eine Jagdmütze passen würde. Der Reif hielt den ganzen Abend gut. Leider habe ich keine richtigen Tragefotos, alles verwackelt.

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Der Look bestand aus schmalem schwarzen Abendkleid, Federboa und einem echt alten Morgenrock von meiner Großmutter, der so edel aussieht, dass er locker als Abendmantel durchgeht. Das Material ist schon sehr mürbe und reißt bei der kleinsten Belastung, aber das war mir egal. Was sollen all diese Dinge immer in Kisten herumliegen. Ist doch toll, dass meine Oma nun quasi auf einer Party in einem Berliner Restaurant war, auch wenn es ihr wohl etwas zu queer gewesen wäre.

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Mein Look entsprach eher Fantasie-20ern, das war mir auch klar.  Erst nach dem Fest, von dem ich total begeistert war, fing ich richtig an, mich mit der Mode der Zeit zu beschäftigen. Erstes Fazit: Federn sind gar nicht so richtig 20er Jahre – zum Test habe ich die Jahrgänge der Berliner Leben durchgesehen. Federschmuck am Kopf fand ich nur bis 1919 (Revuegirls ausgenommen). Federboas gar nicht.

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An dem Abend hatten sich alle sehr viel Mühe mit ihrer Kleidung gegeben, der Ort war toll dekoriert- man trat ein, sah die weißgedeckten Tische, die geschmückten Menschen, weiße Hemdbrüste leuchteten, Perlenketten und Paillettenkleider glitzerten, viele schräge Boheme-Charaktere dazwischen.  Am Tresen eine Art Theo Lingen im Frack mit Monokel und Champagnerglas. Wie schön ist es doch, wenn sich alle wirklich feingemacht haben, wie viel herausragender wird das Ereignis!

Je mehr ich schaute, desto mehr fielen mir aber auch die auf, die sich (wie ich) in eine Art Klischee-20er gestürzt hatten, mit einer Fransenborte am Kleid und einer Indianerfeder im Stirnband. Dazu las ich bei den Partyveranstaltern Boheme Sauvage, was auf den Vintage-Festen unerwünscht ist: „kitschig glitzernde und geschmacklose Karnevalskostüme, Plastikartikel, schrille Perrücken, pinke Federboas und alles was der Zeit zwischen 1890 und 1930 ganz offensichtlich nicht angemessen ist. Wir apellieren ganz ausdrücklich an Ihren Sinn für Stil und Ästhetik. Auch das Tragen von offenem langem Haar ist leider in den Zwanziger Jahren absolut umodisch.“

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So ein Haarnetz wäre besser als ein Federreif gewesen! Ich finde es ja auch lustig, dass man bei 20er Jahre immer an die Flapper-Girls denkt, junge schicke und vor allem dünne Frauen. Wenn ich mir alte Fotos anschaue, dann finde ich fast nie solche Elfen – im Gegenteil, die meisten Frauen in den 20ern wirken sehr gestanden. Einen Ausdruck für Flapper-Girls gibt es auf Deutsch auch gar nicht.

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Jedenfalls weiß ich jetzt für meine nächste Boheme-Party sehr viel besser Bescheid, was Kleidung, Frisuren und Schminke und Nagellack angeht. Eine Federboa aus Hühnerfedern wie meine (erkennbar an den kleinen kurzen Federn) ist auch nicht so toll. Für Männer ist es ebenfalls nicht einfach. Zum Beispiel heißt eine Fliege nicht Fliege, sondern Schleife und muss auf jeden Fall selbst gebunden sein.

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Das Phänomen der Vintage-Parties erklärt eine Professorin in diesem Zeit-Artikel mit einer Reaktion darauf, dass wir uns inzwischen eher im Netz in Szene setzen. Die Straße ist anders als früher keine Bühne mehr ist. Anonymität und Unauffälligkeit sind wichtig, der Blick des anderen spielt in der Stadt keine Rolle mehr.

Demgegenüber zeichnet sich schon jetzt eine neue Sehnsucht nach geschützten analogen Öffentlichkeiten ab, in denen Mode kein Verstoß gegen den guten Ton ist. In größeren Städten sind historische Kostümfeste en vogue. Man kleidet sich im Stil der Zwanziger und agiert die Höflichkeitsformen und Manierismen versunkener Epochen aus.

Soweit für heute – vielen Dank an Gabi, die heute die Links sammelt. Schaut bei ihr vorbei – ich bin gespannt, was andere aus dem Thema gemacht haben.

Der nächste Termin ist der 26. März bei Karen, mit dem Thema: Shibori.

Schönen Sonntag allen, und ganz schnell noch ein Fund aus der Berliner Leben von 1926 (knüpft an den vorherigen Beitrag über Luises Halsbinde an) – in dieser Theaterszene ist Luise nämlich an ihrem Signature-Style-Kopfputz gut erkennbar:

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*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Mythen und Redensarten: Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

Nachdem ich euch das neue Buch vorgestellt habe, will ich den Platz hier nutzen, um auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Was mich bei der Recherche für die Sammlung immer wieder umtrieb war die Tatsache, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.  Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung hatte ich bei meinen Recherchen öfter gefunden, aber ich konnte die Geschichte nicht mit in mein Buch aufnehmen.

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab 1980 verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen, mündlich früher. 1976 ist die Wendung im Buch „Moderne deutsche Idiomatik“ bereits enthalten). Gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

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1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

dsc01482Heinz mit Krücken

1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

Washing Line of Uniforms in Afghanistan MOD 45150637OGL

Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

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Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

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Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Strandfoto Teil II – dem Rätsel nachgespürt und Kuchen gebacken

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Zehn junge Frauen liegen für ein Mittagsschläfchen im Sand von Misdroy, einige tragen Schirmmützen – was ist da los? Hier nun die Fortsetzung zu Auf den Spuren eines Strandfotos – Recherchereise nach Polen. Wir hatten schon spekuliert, was für eine Szene das wohl sein könnte. Sind die jungen Frauen berufstätig? Vielleicht bei der Bahn oder in der Fährschiffahrt? Von wann könnte die Aufnahme sein? Gehen wir ins Detail:

1. Der Hintergrund

Strandkörbe gab es an den deutschen Küsten ab 1870, dazu steht mehr beim Strandkorb-Rätsel aus dem letzten Jahr. Ist der Steg im Hintergrund des Fotos vielleicht die Seebrücke, durch die Misdroy  ab 1885 an den Schiffsverkehr Anschluss fand? 1914 wurde sie zerstört und erst 1921 wieder aufgebaut, das würde bei der Datierung des Fotos helfen. Der holzverschalte Steg kann aber leider nicht die Seebrücke sein, die sah sowohl vor 1908 als auch später ganz anders aus, war offen gestaltet. Die Holzverschalung und die Treppen nah am Wassersaum deuten vielmehr darauf hin, dass es sich um die Abtrennung eines Badebereichs handelt, vielleicht des Herrenbades (Postkarte von 1912), das es auch schon vor 1900 gab.  Familienbad, Herrenbad, Damenbad – solche Strandabteilungen waren damals in den Küstenorten  üblich. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde noch streng nach Geschlechtern getrennt gebadet.  Die Umkleiden, der Steg, die Treppe ins seichte Wasser – alles war mit Holz oder Planen vor Blicken geschützt, denn man ging teilweise noch nackt ohne Badeanzug ins Wasser.

2.  Die Kleidung

Die Mehrzahl der Frauengruppe trägt bodenlange dunkle Röcke und weiße hochgeschlossene Blusen – so sah die Alltagskleidung der Frauen um 1900 aus. Dieser Einheitslook  war für junge Frauen damals das, was heute Jeans und T-Shirt sind.

berlinerleben-1898fecht1898, Fechtclub (Berliner Leben)

Auf dem Fechtclub-Foto von 1898 sehen die Ärmel der Bluse noch sehr hammelkeulenartig aus – beim letzten Rätselfall hatte ich ja gezeigt, dass diese im oberen Bereich sehr aufgeblähten Ärmel ab 1872 in Mode kamen. Bei unseren Damen am Strand aber fallen die Ärmel – soweit man das sehen kann – gemäßigter aus, zum Teil bauschen sie sich auch eher nach unten hin.

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Solche verschiedenen Ärmelformen nebeneinander sieht man auch bei den Berliner Wäschenäherinnen auf dem Foto unten von 1906. Ich tippe daher darauf, dass das Strandfoto jedenfalls nach 1900 aufgenommen wurde.

1906 arbeithaus1 (3)1906, Berliner Leben

Die Frisuren der Wäschenäherinnen passen auch zu denen auf unserem Strandfoto – hochgesteckte Haare, zu Rollen toupiert und mit einem Knoten auf dem Kopf. Dieser puffige Look hielt sich ab 1890 über zwanzig Jahre, wie man sehr schön bei den Baskteballteams sehen konnte.

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Dieser Ausschnitt zeigt, dass auf dem Strandfoto noch Korsett getragen wird und unter den dunklen Rock natürlich ein weißer Unterrock gehörte. Zwei Damen in einem Strandkorb im Nachbarort Zopott sehen 1911 ganz ähnlich aus wie unsere Frauen in Misdroy:
berlinerleben-1911zopottZopott 1911, Berliner Leben

3. Die Hüte

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Kopfbedeckungen: 4 Strohhüte und 6 Schirmmützen für 10 Köpfe. Die flachen Strohhüte waren als Kopfbedeckung für Frauen Anfang letzten Jahrhunderts durchaus üblich. Diese Art Hut hatte viele Namen –  Kreissäge, Butterblume, Boater, Matelot u.a. –  und gehörte ursprünglich zur Sommeruniform von Matrosen. Um die Jahrhundertwende wurden sie dann vor allem für Männer ein modisches Muss.
berlinerleben-1912  1912, Berliner Leben

Schirmmützen aber sind für Frauen damals eher ungewöhnlich. Sind sie vielleicht Dienstmützen? Als ich das Foto zuerst sah, dachte ich sofort: Das ist bestimmt eine Szene aus der Zeit von 1914/18, denn wie schon bei „Hosen an der Heimatfront“ gezeigt, übernahmen während des 1. Weltkriegs Frauen vielfach die Arbeit der Männer und damit auch Elemente deren Kleidung.

polizistinKontrolleurin Berlin 1915-20

Auf die Zeit 1914/18 möchte ich das Strandbild aber nach vielen Vergleichen mit anderen Strandfotos nicht datieren, das scheint mir zu spät.  Die doch noch sehr hoch liegenden Taillen und die Frisuren sprechen dafür, dass das Foto eher früher aufgenommen ist. Wie bei der Kontrolleurin schön zu sehen ist, sitzt die Kleidung in der Kriegszeit schon lockerer. (Außerdem hätte es in dieser Zeit in Misdroy gar keinen regulären Schiffsverkehr gegeben, denn die Seebrücke war ja von 1913 bis 1921 zerstört.  Eisenbahnanschluss gab es dagegen schon seit 1899.)

Wenn das Foto aber vor dem 1. Weltkrieg aufgenommen ist, wofür die Kleidung spricht, dann wären Uniformmützen als Arbeitskleidung sehr ungewöhnlich. Daher war mir auch der vorhergehende Beitrag Berufstätige Frauen um 1900 wichtig – die Stichprobe in den Jahrgängen 1900 bis 1910 der Zeitschrift ergab kein einziges Foto, auf dem eine Frau beruflich eine Uniformmütze trägt.

Ich tippe eher darauf, dass die Schirmmützen ein modischer Gag waren, ein Sommer- und Strandlook, von den Männern übernommen. In der Zeitschrift „Berliner Leben“ jedenfalls habe ich Frauen mit Schirmmütze gefunden, jeweils im Strandurlaub.

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Sylt 1905

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Rügen 1909

Ein bisschen stutzig macht mich nur ein hochgekrempelter Ärmel bei der Frau ganz rechts: Dort könnten hinter ein Band Fahrkarten o.ä. geklemmt sein, das würde dann doch für eine Mittagspause angestellter Frauen sprechen.
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Aber, wie ihr letztes Mal schon angemerkt habt: „Zur Erinnerung an unser Mittagsschläfchen am Strand“ würde man nicht schreiben, wenn man regelmäßig mit den Kolleginnen dort Pause macht.

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Der Text auf der Rückseite des Fotos deutet eher auf einen gemeinsamen Kurzurlaub der Frauengruppe hin, ich tippe auf das erste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts.

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Falls ihr das Fotorätsel doch noch weiter auflösen könnte, bin ich natürlich interessiert. Den unbekannten polischen Kuchen konnte ich dank eurer Hilfe jedenfalls schon nachbacken:

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Eine Kommentatorin hatte mitgeteilt, dass der Kuchen in Polen „Keks“ heißt. Es ist wohl ein Früchtekuchen, ein Keks z bakaliami (= mit Trockenobst und Nüssen). Auf deutsch habe ich  hier ein Rezept gefunden, oder hier, da werden die Früchte über nacht in O-Saft und Rum eingelegt. Die leckeren, ziemlich künstlich grün-rot leuchtenden Fruchtbestandteile meines Kuchens aus Misdroy vermisse ich für die Optik etwas. Vielleicht werde ich da ja noch hier in Berlin in polnischen Geschäften fündig. Gern nehme ich weitere Rezepte in den Kommentaren entgegen, das soll ja auch ein Weihnachts- oder Osterkuchen sein.

Zum Abschluss eine Szene aus dem Misdroy von 1899

„In Misdroy angelangt, war denn ihre erste Sorge, das Meer zu begrüßen. Die Mutter war allerdings mit diesem Ritual nicht einverstanden, sie wünschte, daß jeder beim Auspacken tüchtig mithelfe. Aber in diesem Fall hätte auch eine noch stärkere Autorität die Leidenschaft der Kinder nicht bändigen können. Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor; hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen  − da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Phantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild, diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten.“

aus Max Brods Erinnerungen  „Der Sommer, den man zurückwünscht“

Berufstätige Frauen um 1900 – #Gemeinfreitag

Welchen Berufen gingen Frauen um 1900 nach? In der Zeitschrift Berliner Leben  habe ich mich mal wieder auf die Suche gemacht und für euch Bilder herausgesucht, die Frauen bei der Arbeit zeigen.

1906-arbeittelefon-3blogFernsprechamt 1906

1904-buerokleidungkontor Kontor 1904

1907 lag der Frauenanteil im Berliner Dienstleistungssektor bei 27 %.

berliner-leben-1905aus1Modeatelier 1905

1904-stoff-2aVerkäuferin 1904

Frauen arbeiteten oft nur bis zu ihrer Verheiratung. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 verpflichete die Ehefrauen zu „Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes“. Wollten sie anderswo tätig sein, so musste der Ehemann einer Berufstätigkeit zustimmen.

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Was mir gar nicht klar war: Verheiratete Frauen wurden vom Staat nicht eingestellt. Lehrerinnen zum Beispiel wurden entlassen, wenn sie heiraten wollten.

1906-soz3-3blog 1906 Säuglingsfürsorge

1902-personalblog Gastronomie, 1902

berliner-leben-1905tier-kindermaedchen Kindermädchen 1905

berliner-leben-1905-b-3web Armenfürsorge

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Zimmer im Arbeiterinnenheim 1906

Händlerinnen

1906-soz2-5blog19061906-soz5-3ablog

berliner-leben-1905-markt1905

1900-161Waschfrauen 1900

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(Dem Klischee zum Trotz arbeiteten auch Männer im Textilgewerbe, vor allem wenn Maschinen im Spiel waren.)

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Zahlreiche Institutionen setzten sich dafür ein, Frauen unabhängig von einer Eheschließung zu machen. Beispielhaft war der Lette-Verein, der „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ .

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Zum Abschluss schmuggle ich hier noch eins meiner Lieblingsbilder aus der Zeitung hinein, arbeitende Frauen sind auch mit drauf. Vielleicht mache ich aus dem Bild noch eine Karte mit Genesungswünschen, für die hartgesottenen Kranken in meinem Umfeld.

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Dank an die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die die Jahrgänge digitalisiert hat.

Euch ein Schönes Wochenende!

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Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.

Auf den Spuren eines Strandfotos – Recherchereise nach Polen

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Falls sich noch jemand an den Rätselfall Familienalbum – ein Strandbild im Detail  erinnert: Nach dem Beitrag im letzten Sommer bekam ich eine andere hübsche Fotografie geschenkt.

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Zehn junge Frauen liegen im Sand, eine schöne Szene. Wir wissen nicht mehr dazu als die Postkarte hergibt.  Beim genauen Hinsehen stellen sich schon wieder interessante Fragen. Warum tragen sechs der jungen Damen dunkle Schirmmützen, statt  Strohhüte wie die anderen vier? Sind das vielleicht Dienstmützen? Dazu würde der handschriftlichen Gruß auf der Rückseite der Karte passen:

„Zur Erinnerung an unser Mittagsschläfchen am Strand Misdroy“

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Zehn junge Frauen machen Mittagspause, legen sich in den Sand, lassen sich fotografieren. Wann mag das gewesen sein? Was erzählt ihre Kleidung für eine Geschichte, was war damals in Misdroy los, wo ist das überhaupt?

Misdroy, oder eben heute Miedzyzdroje,  liegt ganz links oben an der 500 Kilometer langen Ostseeküste, die Polen zu bieten hat. Von Berlin ist der Ort in unter drei Stunden zu erreichen. Warum nicht mal hinfahren? Also rein ins Auto und über Stettin und Wollin nach Miedzysdroje. Ganz gespannt habe ich das mondäne Seebad im Kopf, das Misdroy um den Jahrhundertwende gewesen sein soll.

Nach der Ankunft wird schnell klar, dass sich die Zeiten natürlich sehr geändert haben.

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Der Ort und die Strandpromenade sind ein ziemlich furchtbares Gemisch aus Imbissbuden, ramschigen Verkaufszelten, Werbeschildern, Räucherfisch- und Waffelbäckerschwaden,  Menschenmengen. Die alte Häuserpracht ist nur noch teilweise zu erahnen.

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Ein Standort, zwei Blicke.

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Am Strand sieht es ungefähr so aus:

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Wenn man sich aber nur ein, zwei Kilometer vom Zentrum wegbewegt hat man den schönsten feinsten weichsten Sandstrand zusammen mit entspannten Menschen fast für sich.

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Tolles Essen findet man auch, zum Beispiel sehr gute Borschtsch mit Ente im Stella Maris.

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Insgesamt sind die Zloty-Preise in Euro umgerechnet sehr günstig. Für dieselbe Summe bekommt man sicher doppelt so viel wie zwanzig Kilometer weiter auf der anderen Seite der Grenze. Man kann sich also nach Herzenslust durch lauter neue Gerichte hindurchprobieren. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass kandierte Fruchtstückchen in so einem Teekuchen auch ganz weich und zart und feinsäuerlich-aromatisch sein können. Ich hoffe, das bekomme ich hier zuhause einmal ähnlich hin.

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Die Schokonascherei Ptasie Mleczko mag ich auch sehr gern, das ist ein bisschen wie ein fester Schokoschaumkuss ohne Waffel. Den Namen kann ich leider nicht aussprechen, übersetzt heißt das Konfekt Vogelmilch, wie schön. Polnisch ist schwer, aber auch ohne Polnischkenntnisse kamen wir ganz gut klar. Die Jüngeren verstehen meist Englisch, die Älteren Deutsch. Wenn man viel grüßt mit Dschendobri (Dzień dobry!) und Danke sagt, Tschenkuje (Dziękuję), dann unterscheidet man sich hoffentlich von so manchen anderen deutschen Urlaubern dort, die vielleicht etwas überheblich auftreten. (Oder? Gibt es polnische Lesermeinungen dazu?)

Wir fahren bestimmt wieder hin! Nur den Ort an sich und die Menschenmassen werde ich meiden, aber das gilt ja für alle Tourismushochburgen in der Welt.

Vor lauter neuen Erlebnissen bin ich jetzt mit der Detektivarbeit am neuen Strandfoto noch nicht weitergekommen. Mehr zur Mittagsrunde der jungen Frauen in Kürze! Eine Rolle werden spielen: Die Seebrücke, die weißen Blusen und ihre Ärmel, die Röcke, die Hüte, die Frisuren.

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Farblich angepasst Miedzyzdroje 2016

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Schaut für die Fortsetzung wieder vorbei! (Und, falls jemand Spezialwissen hat, wie immer gern her damit. Vielleicht liegt auf dem Foto ja jemandes Urgroßmutter im Sand?)

 

Von Putsch bis Badenixe – Neues aus dem Berliner Leben #Gemeinfreitag

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Durch einen Tweet der Berliner ZLB wurd ich darauf aufmerksam, dass die Bibliothek weitere Ausgaben der Berliner Leben – Zeitschrift für Schönheit und Kunst digitalisiert hat. Das freut mich natürlich sehr. Stichprobenhaft habe ich kurz in die 1920er Jahre hineingeschaut und gleich einiges gefunden, das man weiter untersuchen müsste. Warum zum Beispiel wurde die Nr. 11 der Zeitschrift 1920 beschlagnahmt? Vielleicht weil die inhaltliche Ausrichtung auf einmal deutlich erotischer ist?

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1926 gibt es zwei Badenummern.

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Ein mutiges Zweigespann? Wegen der Pose oder der Badeanzüge?

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Parallelen zu heute habe ich auch gefunden. Bei „Militärische Bilder der Putsch-Regierung“ wird man angesichts der Ereignisse in der Türkei natürlich aufmerksam. Im März 1920 versuchten Teile der Reichswehr und andere Kräfte mit dem der Kapp-Putsch die Weimarer Republik zu stürzen – der Versuch dauerte nur 100 Stunden. Anders als die Putschbilder vom letzten Wochenende zeigen die liegenden Soldaten in Berlin nur eine „Mittagsrast auf dem Wilhelmsplatz“.

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Fortschrittliche Bilder aus Istanbul 1928, die Mädchen und Frauen sind ganz modern gekleidet.

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1928 heißt die Zeitschrift nun Frauen-Illustrierte und kümmert sich sehr fortschrittlich um Frauenfragen.

Vorschlag: Entlohnung hausfraulicher Arbeit

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Kinderkrippe „Eines der größten Probleme für die berufstätige Frau ist die Frage, was aus ihrem Kinde wird…“

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Ohne weiter in das Thema eingestiegen zu sein fällt doch auf, dass die Ausgaben in der 1920er Jahren erstaunlich freie und moderne Haltungen vermitteln. Kaum zu glauben, welch ein Rückschritt kurz darauf dann in der Nazizeit möglich war –  die Parallen zu heute gehen mir leider nicht aus dem Kopf.

Ich habe für diesen Bericht wirklich nur Stichproben aus den Ausgaben, hier noch Funde:

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In der Sammlung gibt es natürlich viel mehr zu sehen. Alle Bilder, auch in ihrer digitalen Form, hat die Bibliothek gemeinfrei gestellt, sie sind in der Public Domain. Danke dafür!

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Für Samstag noch ein TV-Tipp: Um 17:30 kommt als Retrofernsehen wieder ein Folge „Guter Rat am Zuschneidetisch“, das ist auf jeden Fall sehenswert (leider nicht in der Mediathek. Danke an Nahtzugabe/eine Leserin für den Hinweis).

Wer in der Nähe von Potsdam ist, könnte sich noch bis Sonntag in Potsdam die kleine Ausstellung „Uni-Form“ ansehen, mir hat sie sehr gut gefallen, Nahtzugabe hat darüber berichtet.

Allen ein Schönes Wochenende!

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Unter #Gemeinfreitag stelle ich  Fundstücke aus der Public Domain vor.  Blogs wie „Textile Geschichten“ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Ich bin davon abhängig, dass Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.  Die Idee stammt von Moritz Hoffmann. Dort kann man auch mehr darüber lesen, welche riesigen Schwierigkeiten das Urheberrecht für Historiker birgt.

Basketballteams – Frauen und Sport im Wandel der Jahrzente

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Jahrbücher von US-Highschools und Colleges in den Flickr-Commons zeigen sehr schön, wie sich die Frauenkleidung im letzten Jahrhundert entwickelt hat. Als Beispiel habe ich Basketballteams in Nordamerika herausgesucht, die über eine Zeitspanne von 1903 bis 1979 posieren. Die jeweilige Jahreszahl steht netterweise oft gleich  auf dem Ball.

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Dieses Foto liebe ich besonders. Hier noch ein Ausschnitt:

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Die Sportlerinnen in den USA tragen schon um die Jahrhundertwende Pumphosen, Bloomers  genannt. Die weiten Hosen gehen auf die amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Bloomer zurück, die seit 1851 Reformkleidung für Frauen propagierte.

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Interessanterweise gilt der Pluderhosendress aber offenbar nicht für alle Schulen. In einem College in New Orleans trugen die Basketballerinnen noch bis mindestens 1913  lange Röcke.

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Die Bilder zeigen sehr schön, wie sehr man sich vor Generalisierungen hüten sollte. Nur weil ein Foto irgendwo in der Welt eine Frau in einer bestimmten Kleidung zeigt, heißt das noch lange nicht „ab dem Jahr X trugen Frauen Y in der Z-Form“. Wie heute war Mode immer ein schleichender Prozess, ganz unterschiedlich ausgeprägt je nach Region, Alter und Bevölkerungsschicht.

Miami women's basketball team 19111911

Western College on College Day 19121912

Spezielle Basketballschuhe für Frauen wurden 1907 angeboten:

basketball1907shoes1907

1917 hat das College in New Orleans dann auch die Bloomers eingeführt…

Image from page 347 of "Jambalaya [yearbook] 1917" (1917)1917
Image from page 344 of "Jambalaya [yearbook] 1917" (1917)1918

Image from page 118 of "Jambalaya [yearbook] 1922" (1922)1925

… und hängt 1925 der Entwicklung wieder hinterher, denn zur gleichen Zeit werden in Kanada schon Shorts getragen:

Edmonton Grads, 1926 Canadian Champions1926

Für die Folgejahre ist in den Commons nicht mehr so viel zu finden, das hängt mit dem Urheberrecht an den Fotos zusammen. Aber Shorts und Shirts setzen sich im Sport offenbar durch.

Aurora Athletic Club girls basketball team1933
Pierce Junior High School girl's basketball team - Pierce1936
Edmonton Grads (1940)1940

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Goshen College Women's Basketball, 19671967

Die letzten beiden Fotos sehen wie Rückschritte im Sportlook aus, auch sehr interessant. Aber ob es repräsentativ ist? Dazu bräuchte es mehr Material.

1978/1979 geht es dann weiter in die heutige Richtung:
Image from page 38 of "U and I" (1921)

Jetzt könnte ich schon fast in das Fotoalbum meiner Jugendzeit überwechseln, der Kreis wäre geschlossen.

deko6
Dieser Beitrag sollte ursprünglich zur Rubrik  Bilderfang im freien Netz – #Gemeinfreitag gehören, denn bei den Flickr-Commons steht unter jedem Bild:  „no known copyright restrictions“. Die teilnehmenden Institutionen wissen und akzeptieren das eigentlich. Wenn man dann aber zu der jeweiligen Bildquelle geht, sieht die Sache plötzlich oft ganz anders aus,  die Weiterverwendung wird beschränkt. Für Nutzer wie mich ist es nicht möglich, diese widersprüchliche Haltung jeweils zu recherchieren. Daher sind das hier vielleicht gemeinfreie Bilder, vielleicht auch nicht – für #Gemeinfreitag sind sie jedenfalls nicht geeignet.

Dennoch ist die Sammlung hoffentlich ohne Verbiegungen zu genießen!

Image from page 676 of "Outing" (1885)1910