Papier zu Stoff machen

Rechtzeitig habe ich es nach Potsdam zum Neuen Palais geschafft – in die Ausstellung „Friederisiko„. Ich bin sehr froh, dass ich sie nicht verpasst habe.  Vor allem war mir gar nicht klar, dass Raum um Raum in dem Schloss noch den alten morbiden Charme atmen. Man möchte vor den Restauratoren niederknien und sie bitten, auch doch bitte in Zukunft möglichst wenig daran zu rühren. Alles lebt  die Geschichte, bis hin zu großen roten russischen Lettern, von den Besatzern auf eine Tapete gemalt.

Besonders hatte ich mich auf die Papierkostüme der Belgierin Isabelle de Borchgrave gefreut – und war sehr begeistert. Fotos durfte man nicht machen, aber ich habe auf Flickr Bilder aus einer anderen Ausstellung gefunden, die einen  Eindruck von der Kunstfertigkeit vermitteln:

I medici - Isabelle de Borchgrave

I medici - Isabelle de Borchgrave

I medici - Isabelle de BorchgraveQuelle: fabonthemoon, CC-Linzenz

Seide sieht aus wie Seide, Samt wie Samt, Brokat wie Brokat – und es ist doch nur alles aus Papier.  Viel mehr Bilder gibt es auf der Homepage de Borchgraves, oder über eine Bildersuchmaschine.

Natürlich wollte ich wissen: Wie ist das gemacht? Abends zurück las ich mich durch zig Zeitungsartikel und Interviews, sah mir Filme an. Ein kurzer Beitrag über die Inszenierung im Neuen Palais lief im DW-TV auch auf deutsch.

Eigentlich will de Borchgrave nicht so viel dazu sagen, wie sie und ihre Helfer in ihrem Atelier die Roben herstellen. Sie erzählt mal dies, mal das. Aber ich glaube, es läuft so: Sie nimmt Schnittmusterpapier, streicht es mit weißer Acrylfarbe ein. Dann werden die Bögen bemalt, mit Acryl, Tempera, Tinte und Pigmenten, auch metallischen. Manchmal wird der „Stoff“ noch geknittert und wieder gebügelt. Ich nehme auch an, dass noch andere Oberflächenbehandlungen dazukommen.

Obwohl ich mir eine halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, um nach dieser Vorgehensweise auch Papierstoff zu machen, war ich nicht so recht erfolgreich.

Mein Versuch sieht aus und fühlt sich an wie Tyvek, überhaupt kein antiker Charme. Da das Papier aber nun recht haltbar ist, habe ich es zu einer Buchhülle gefaltet.

Ich hätte nicht mit Acrylbinder über alles drübergehen dürfen. Ein älterer Bucheinband aus gewachstem Kleisterpapier zeigt mir, dass es wohl eher in so eine Richtung gehen sollte. Feiner Glanz, angenehmes Gefühl an den Händen.

Warum sollte man Papier zu Stoff machen wollen? De Borchgrave erklärt es einleuchtend: Sie hat immer historische Kostüme geliebt, hätte aber nie die Mittel und den Mut gehabt, dafür geeignete Stoffe zu kaufen und zu zerschneiden. Also beschloss sie, mit Papier zu arbeiten.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Oktober. Neben den Papierkostümen („Der Modeaffe“) hat mich auch die  Friedrichswohnung (geht vom Muschelsaal ab) beeindruckt. Um Schlangestehen zu vermeiden ist es ratsam, sich die Karten vorher im Internet zu kaufen, man hat dann ein Zeitfenster für den Eintritt.

Passend zum Thema möchte ich noch auf einer andere Künstlerin hinweisen, die mir einmal eine Mail mit ihren Fotos geschickt hat: Susanna Cianfarini macht auch Kleidung aus Papier.

Außerdem bin ich bei meinen Recherchen noch darauf gestoßen, dass es in den 60er Jahren durchaus Mode war, für einen Partyabend ein Papierkleid zu tragen. Hier ist eine Anleitung, falls ihr das vermutlich verregnete Wochenende damit verbringen wollte, euch ein solches Kleid zu basteln.

Bis bald!

14 Gedanken zu “Papier zu Stoff machen

  1. Ich war mal an einer Hochzeit eingeladen, da trug die Braut ein herrliches Keid- aus Papier. Jeder Gast durfte am Schluß mit einem dicken Stift auf dem Kleid unterschreiben.
    Fand ich klasse. Ich habe mein Hochzeitskleid auch kein zweites Mal getragen, und mein Sohn hatte sich auch darauf verewigt mit einer dicken Ladung unentfernbaren Kakaos.
    LG
    Wiebke

    • Hihi, da wäre ein Kleid aus Küchenpapier vielleicht gut gewesen…
      Bei Borchgrave kann man auch Papierhochzeitskleider in Auftrag geben. Ich finde das auch klasse, schade,dass ich auf so eine Idee bei meiner Hochzeit nicht gekommen bin.

  2. Oh Mann, da muss ich unbedingt auch noch hin. Erst recht, wo du das mit den Papierkleidern schreibst!!
    Übrigens: in San Francisco gab es vor einiger Zeit eine Austellung der Künstlerin unter dem Namen „Pulp Fashion“. Sehr sehenswerte Seite zur Austellung – und der Katalog dümpelt schon viel zu lange auf meiner Wunschliste ;-)

    • Ja, die meisten Infos im Netz sind von dieser Ausstellung in SF, die muss toll gewesen sein. Die Amerikaner überschlagen sich vor Begeisterung. In Potsdam bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, nach einem Buch zu gucken, weil ich gar nicht wusste, wie bekannt die Künstlerin schon ist. Ich werde in Berlin mal in einer Kunstbuchhandlung schauen.

  3. Hier gibt es eine jaehrliche „Toilet Paper Wedding Dress Competition“ gesponsert von Charmin brand toilet paper. http://www.cheap-chic-weddings.com/wedding-contest-2012.html Ein typisches Stueckchen USA.
    Ich muss mal in unserer Buecherei schauen, Isabelle de Borchgrave’s Buecher sehen alle total interessant aus. Vielen Dank fuer den Tip. Uebrigens finde ich deine Papier/Stofferperimente zumindest visuell sehr gelungen. Hier regnet es heute in Stroemen, und damit waere es kein guter Tag, um in einem Klopapierkleid zu heiraten! Aber das waere sowieso mehr was fuer Las Vegas.

  4. Ach wie schön – irgendwo hatte ich auch schon mal Fotos solcher Papierkleider gepostet (von einer amerkanischen Seite, wahrscheinlich war das von dieser SF-Ausstellung – wenn ich meine Einträge ordentlich verschlagworten würde, würde ich es auch wiederfinden *augenroll*. Damals allerdings ohne mich tiefer mit der Künstlerin zu befassen).

    Und mal wieder ist Berlin einfach zu weit, ärgerärger.
    Was für eine Arbeit, wenn ich an so ein Papierkleid denke scheint mir das Nähen dagegen leicht zu sein.
    Was ist den (gewachstes) Kleisterpapier?

  5. Das sieht aus, als müsste ich auch noch da hin. Dein papier-zu-stoff-Experiment erinnert mich an alte Bettwäsche, es sieht aus, als würde es sich sogar „stoffig“ anfühlen. Wie man wohl Samt aus Papier macht? Mich wundert es nicht, dass die Künstlerin sich nicht in die Karten schauen lässt. Um Pappmache-Corsagen wie in dem ehow-Link (meinen di edas ernst?) handelt es sich sicher nicht.

    • Ich glaube, das ist so ernst gemeint wie der Toilettenpapier-Hochzeitskleid Wettbewerb bei Annekata.
      Über Samt habe ich auch schon nachgedacht. Vielleicht aufgestreute Pigmente? Es war auch einiges Irisierendes dabei, das müssen Pigmente gewesen sein.

  6. Hallo Suschna!
    Generell bei selbstbemaltem Papier gilt: Kleister, Farbe und sonstiges immer sternförmig oder in einer (der Lauf-) Richtung auftragen, damit sich das Papier nicht allzu sehr wellt. Das hat mit der Dehn- und Laufrichtung von Papier zu tun. Schau mal unter Buchinden im Internet nach, da wirst du bestimmt fündig.
    Liebe Grüße aus Bayern, Ulrike

  7. Lieben Dank, dass ich jetzt weiß, dass die Borchgraves dort rumstehen. Wir hatten gerade Friederisiko-Besuch streichen müssen, aber jetzt wohl doch eher verschoben.Um das Buch war ich schon öfter geschlichen, aber live ist schon anders. Papier ist so unerschöpflich und geduldig! Haben in Projekten mit Jugendlichen schon so Einiges probiert an kleidsamen Papieideen.Deine Idee ist gut ausbaubar!! Dieses Experimentierfeld ist einfach verlockend.
    Die Papierkleider aus den 60igern waren vom Aussehen so ein Zwischending von Tyvek und Küchenkrepp , von der Haltbarkeit aber eher das Letztere.
    Den Hochzeitskleidwettbewerb find ich heiß und wenn alle das gleiche Ausgangsmaterial haben, auch echt fordernd.

  8. Schöne Idee. Spontan würde ich ja sagen, dass die Kleider nach dem nähen bemalt sind (so würde ich das jedenfalls machen).
    Sind diese berühmten Loom-Chairs nicht auch aus Papier? Das kann ja schon sehr haltbar sein. Mein Mann erzählt jedenfalls gerne die Geschichte, dass man mit einer zusammengerollten Zeitung jemanden töten kann. Hab ich aber noch nicht versucht.

  9. Schon in den 90ern habe ich eine Ausstellung von ihr in Paris gesehen und „sabbere“ ihr seitdem hinterher. Eine Freundin, die um diese Leidenschaft weiß, schenkte mir ein hübsches Buch von Isabelle de Borchgrave „Fashion à la Mode. Eine Pop-up-Geschichte der Kostüme und Kleider“, das sehr schön und aufwändig gemacht ist, aber in keinster Weise die sinnlichen Qualitäten ihrer Arbeiten rüberbringen kann. Ach ja.

    Samt wurde und wird übrigens imitiert, indem man mustermäßig Leim (per Model) aufdruckt und auf die klebrige Fläche Fasern rieseln läßt. So wurde schon im Mittelalter Leinen „gepimpt“, wahlweise auch mit Glassplittern für den Glitzereffekt.

    Herzliche Grüße, Bele (die langsamste Verschickerin des Erdballs… ist aber nicht vergessen!)

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