Ganz frühe Fotografien – Echte Menschen um 1850

1840er, Daguerrotypie, via GettyMuseum

Bilder aus der Anfangszeit der Fotografien sehe ich mir sehr gern an. Die Menschen wirken viel lockerer und lebendiger als in den Studioaufnahmen Jahrzehnte später. Das Kind darf sich an die Mutter lehnen, das Baby lachen. Die Locken sind echt, die Stoffe geknittert, die Blicke menschlich.

1855, Daguerrotypie, via GettyMuseum

Die Geschichte der Fotografie begann um 1840. Es gab Daguerreotypie, Salzpapiertechnik und andere Verfahren. Die meisten der Bilder hier gehören zum Getty Open Content Program. (Offenbar funktioniert zur Zeit die Datenbank nicht, so dass mir Links fehlen. Die allgemeine Suche ist aber weiter möglich.)

 04552301getty1854/55, Mme Ernestine Nadar

Ernestine, die Frau des Fotografen, hat nicht so richtig Lust, als Probemodell herzuhalten. Auch bei dieser Familie ist nicht jede mit Begeisterung dabei:

04457201getty 1847, Daguerrotypie via

Man könnte eine ganze Abhandlung zu den Kleidungsstücken schreiben. Schön zu erkennen zum Beispiel die Hose des sitzenden Mannes, die unten mit einem Steg über den Schuh geht.

Endlich einmal deutlich: Frauen schminkten sich nicht.

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Da kann man die Ingres-Portraits aus derselben Zeit auch gleich einem Realitätscheck unterziehen.

Ingres, 1848, Wiki

Die Stoffe der Männerkleidung sind gut vorstellbar.

07140201getty1847, Selbstportrait eines Fotografen

??????????????????????????????????????ein lässiger Vicomte

Diesen Mantel kann man fast fühlen…

04555601gettyum 1856, via

… und über dieses Strickzeug rätseln.

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Es gibt erstaunlich viele Fotos von Arbeitern, Angestellten und Hauspersonal.

044589011847-50 Bedienstete in Holz(?)schuhen, Ausschnitt via

10597001getty1843-48, Newhaven via

Fischer mit Jungen, Frauen im Gras.

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04565501getty1860/61, Marie Laurent, via 

Méry Laurent war in Paris eine bekannte Muse und Kokotte. Auf diesem Foto posiert sie in historischer Kostümierung. Zwanzig Jahre später stand sie Manet Modell:

Manet, 1881, via

Die frühen Fotografien sind im Original ganz klein. Zum Glück kann man die Details digital heranzoomen.

???????????????????????????via 10581101gettyvia

1843-48

04599701getty1856-58, Ausschnitt, via

Screenshot_2015-04-13-00-55-25 (2)1853

Eine ganz frühe Nähmaschine, so besonders, dass sie mit aufs Foto kam. Das Bild ist ein Screenshot aus diesem Video mit ersten Fotografien.

Zur Zeit läuft in London eine Ausstellung in der Tate mit Fotografien von damals: “Salt and Silver” .

saltsilver_0

Zum Abschluss noch einen bekannten Mann: Johannes Brahms, 1953

Screenshot_2015-04-13-00-53-04 (2)Screenshot

Auch wenn man kein Klassikfan ist – Johannes blickt einen so an, dass man ein bisschen in seine Musik hineinhören muss.

Eine schöne Woche wünsche ich und hoffe, dass euch meine Funde ebenso erfreuen wie mich.

 

 

 

 

 

Ab wann trugen Frauen wirklich Hosen?

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Wandertag einer Mädchenklasse, 1955

Dieses Foto von 1955 aus dem Fotoalbum meiner Mutter ist mir aufgefallen. Meine Mutter und ihre Klassenkameradinnen tragen zum Wandern alle ausnahmslos Röcke, Wollsocken und feste Lederschnürschuhe. Schon zwanzig Jahre später wäre es für 16jährige Mädchen aber sehr seltsam gewesen, im Rock auf Wandertag zu gehen. Sie hätten Hosen, wahrscheinlich sogar Jeans getragen.

Meike von Crafteln hat vor Kurzem zwei interessante Interviews zum Thema Hosen veröffentlicht. In dem einen befragt sie ihre Mutter, die (wie meine Mutter) in den 50er Jahren zur Schule gegangen ist. Ich habe nun Meikes Fragen genommen und sie auch meiner Mutter gestellt.

Meine Mutter und die Hosen
Frage: Kannst du dich daran erinnern, wann du deine ersten Hosen getragen hast? Ich frage, weil ich die Vermutung habe, dass in den 50ern und frühen 60ern die Mädchen und Frauen eher oder nur Röcke trugen. Trug deine Mutter oder andere Frauen Hosen?

Nein, meine Mutter hat nie Hosen getragen. Ich habe wohl erst in den 60er Jahren angefangen, Hosen zu tragen. Der Hauptgrund, warum ich ziemlich lange gebraucht habe, um mich an Hosen zu gewöhnen, war: Ich habe keine Hosenfigur. Es war immer schwierig für mich, eine gut passende Hose zu finden. Inzwischen ist das anders. Die Hersteller bieten genug Auswahl für unterschiedliche Frauenfiguren an. Auf Fotos trage ich in den siebziger Jahren oft Hosen. 1980, bei unserem Tischrücken, trugen die Hälfte der Frauen Hosen, die anderen Röcke.

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1980, Tischerücken (= Hauseinweihungsparty)

Frage: War das Tragen von Hosen ein “revolutionärer Akt” eine Befreiung? Waren Hosen feministisch? Zu welcher Zeit war das und mit welchen Gefühlen war das verbunden?

Ich habe Hosentragen nicht als Befreiung empfunden. Ich habe 1959 die Schule mit 19 Jahren verlassen. Damals trugen wir noch keine Hosen. Nur eine Lehrerin . Ich vermute heute, dass sie lesbisch war, denn sie lebte mit ihrer Freundin zusammen.

Frage: Waren “Blue Jeans” wirklich eine Revolution? Ab wann trugst du Jeans und ab wann war das normal?

Jeans haben mich nicht wirklich interessiert. Irgendwann habe ich sie für Arbeiten in Haus und Garten angezogen.

radhose1977, meine Mutter im Hosenrock, ihre drei Kinder in Jeans.

Egal wo man nachliest und herumfragt, es sieht es so aus, dass in Deutschland Hosen erst ab Mitte der 70er Jahre wirklich gesellschaftsfähig wurden.  Vorher waren Frauen, die Hosen trugen, die Minderheit. Davon kann man sich mit einem Blick ins eigene Familienalbum überzeugen.  Wenn man vor 1975 Frauenhosen sieht, dann eher beim Sport, Radfahren, Wandern oder bei Gartenarbeiten. Diese Burdamodelle von 1966 zeigen nur einen Hosenschnitt – ein Skihose.  Für einen Gang in die Stadt, eine Einladung oder als Bürokleidung scheinen Frauenhosen erst seit ca. 40 Jahren akzeptiert. Das ist eine kurze Zeit, oder?  Ich habe vorhin den Besuch in einem Altenheim gleich zu weiteren Recherchen genutzt. “Hosen standen mir nicht” hörte ich auch hier. “Die ersten Frauen, die in Hosen kamen, fielen schon auf. Aber nicht als skandalös”. Eher waren diese Frauen Pionierinnen, Trendsetter, die modisch etwas wagten. Da war dann ein Hauch von Pariser Laufsteg in der Provinz.

Marlene Dietrich 1963, Wiki

Der Siegeszug der Hose scheint je nach Kulturkreis unterschiedlich vorangekommen zu sein.

  • Im Blog “American Age Fashion”, der die Modegeschichte älterer Frauen sammelt, sind auf einem Familienfoto von 1940 alle Frauen in Hosen gekleidet. Solche Freizeitkleidung wäre für meine Großmütter damals undenkbar gewesen. 1938 landete eine Frau in Los Angeles noch im Gefängnis, weil sie in Hosen im Gericht erschienen war. Das Urteil wurde aber später aufgehoben, sie durfte in Hosen aussagen.
  • Ich erinnere mich, dass ich noch Ende der 90er Jahre bei einer Konferenz in London von anderen Frauen darauf angesprochen wurde, dass mein Hosenanzug aber in diesem Umfeld unüblich sei. Es stimmte: Alle Frauen außer mir trugen Rock, Pumps und Nylonstrumpfhosen. Thatcher hatte man auch nie in Hosen gesehen – und ich nehme an, dass Merkels Hosenanzug in vielen Ländern auch heute noch gegen Kleidungscodes verstößt.
  • Im türkischen Parlament dürfen Frauen erst seit 2013 Hosen tragen.
  • Ich weiß nicht genug darüber, aber ich vermute, dass es für Frauen in osteuropäischen Ländern bis heute unüblich ist, zu offiziellen Anlässen Hosen zu tragen. Was aber vielleicht dann weniger mit “Unschicklichkeit” zu tun hat und mehr von einem anderen Weiblichkeitsbild herrührt. So wie in Frankreich die Politikerinnen  ja auch  anders aussehen als die Deutschland.

Ihr könnt ja beim Familientreffen zu Ostern mal überlegen, ob und ab wann ihr, eure Mütter oder Großmütter Hosen trugen. Spielte die Gegend und die Gesellschaftsschicht vielleicht auch eine Rolle?  Ein Extrathema ist die Jeans, die ja weiterhin eher als Freizeitlook gilt. Da macht ja meine Mutter bis heute einen Unterschied. In einer Wollhose würde sie heute sicherlich zu einem Geburtstagskaffe gehen, aber nicht in einer Jeans.

Vielen Dank meiner Mutter, Meike und allen anderen, die an dem Thema forschen!

Schöne Ostern allen, ob in Jeans oder Osterfestkleid.

 

 

Stoffspielerei März: Stickstiche aus den Anden

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“Punto Crespo” aus Peru goes Wiener Werkstätte

Heute werden hier wieder Links zur Stoffspielerei* gesammelt, Thema “seltene Techniken”. Mein eigener Beitrag ist ein Stickstich, den ich in keinem Stickbuch gefunden habe und über den sich auch im Internet kaum etwas herausfinden lässt.  Ich erkläre die Stickerei daher für selten, aber ich lasse mich gern eines besseren belehren.

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Die Vorgeschichte beginnt im letzten Sommer mit einem wunderschön bestickten Gürtel an der Jeans meiner Schwester. Der Gürtel von Smitten ist laut Firmeninfo  Kunsthandwerk aus Peru und in fairer Zusammenarbeit hergestellt. Wie immer dachte ich “och, kann ich auch selber machen” und versuchte, den auf dem Gürtel hauptsächlich verwendeten Stickstich herauszufinden. (Die anderen beiden sind Wickel- und Knötchenstich, s.u.)

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Mit Handarbeitsbüchern, Onlineseiten und vielen Testreihen bin ich zunächst kläglich gescheitert. Erst als ich die passende Andenregion – Ayacucho – und das spanische Wort für Stickstich – punto de bordadao – herausgefunden hatte stieß ich auf dieses Youtube-Video . Daraus erschließt sich, wie der “punto crespo” gemacht wird, eigentlich eine Kombination aus Knötchen- und Schlingstich.

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Gar nicht schwer, aber nirgendwo aufgeschrieben. Ich hätte geglaubt, dass Stickstiche universell sind. Sind sie aber offenbar nicht. Das ist ein eigenes Fachgebiet und wenn man anfängt bei Anne Wanners Textiles in History herumzuklicken, bekommt man einen Eindruck davon, wie wenig erschlossen das Thema ist.

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Jedenfalls finde ich den Stich, der effektiv größere Flächen abdeckt und sehr plastisch ist, ganz wunderbar. Er funktioniert am besten mit Wollfaden auf einem locker gewebten Untergrund. Für meine Version habe ich mich von den floralen Mustern der Wiener Werkstätte inspirieren lassen. Entstanden ist wieder eine kleine Decke, die Kruschelhaufen oder Polster abdeckt.

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Diese kleine Fläche zu arbeiten hat schon sehr viel Zeit gekostet, und in Gedanken war ich bei den Stickern und Stickerinnen, die die Gürtel herstellen. Wie lange sie wohl dafür brauchen? Eine Fotostrecke  über eine Web- und Stickwerkstatt zeigt die große Armut, in der die indigene Bevölkerung in der Region Ayacucho lebt. Ich hoffe mal, dass die Einnahmen über das Weben und Sticken die Lebenssituation verbessert. Die 89 Euro, die die Gürtel im Onlineshop kosten sind jedenfalls ein Minimalpreis für diese aufwendige Handwerkskunst.

Falls jemand von euch den Stich aus anderem Zusammenhang kennt, bitte melden, ich kann wirklich nicht glauben, dass er nur in der Andenregion bekannt sein soll.

Aber nun zu allen anderen Stoffspielereien.

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Claudia aus Basel (ohne Blog) hat mir schon zwei Bilder geschickt. Sie zeigen Materialstudien mit Occhi und Angelschnur. Tolle Idee (und auch gut, um Occhi zu lernen, weil sich die Angelschnur nicht so leicht verdreht wie Garn).

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Technik: Occhi/Tatting
Material: Angelschnur, Baumwollgarn. Zusammen verarbeitet.

Weitere Beiträge liste ich dann hier auf. Meldet euch auch gern in den Kommentaren,  damit ich euch finde.

Ines stickt mit der Maschine und wasserlöslischem Vlies filigrane Osterkörbchen – und zeigt seltene Näh- und Klöppelarbeiten.

Bei Griselda wird ein besonderer Lederrand geflochten – auch mithilfe überraschender Spezialwerkzeuge.

Siebensachen hat nun passend zu ihren Cocotten Sets mit Hohlsaum.

Katharina hat extra für heute einen Webbkurs gemacht ;-) und tatsächlich einen wunderschönen Teppich mit nach Haus gebracht.

123-Nadelei nutzt transparenten Stoff, um Fäden einzunähen.

Siebenschön hat sich tatsächlich in die Steinzeit zurückversetzt und Nadelbinden gelernt!

Bei Karen sind hunderte Perlen als Muster in Stulpen verstrickt, wunderbar.

Sabine hat in verschiedene Wachsarten geritzt und entfärbt – Stoffgraffitti ist entstanden.

Lila und Gelb nimmt statt Faden ganz feinen Draht und zeigt so, wie toller Schmuck entstehen kann.

Jetzt ist auch noch Klöppeln dazu gekommen: Mirellchens Bortenstücke zeigen, dass man auch schlicht und grafisch klöppeln kann.

Die Linkshänderin muss noch 13.706 Mal Erbensuppengarn verknüpfen, aber dann hat sie einen Teppich.

Malou fügt den Techniken aus der Jungsteinzeit auch noch Sprang hinzu, kombiniert  mit Weben.

Gabelhäkeln ist bei Nahtzugabe das Thema – gar nicht so einfach, aber optisch sehr interessant.

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Vormerken: Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 26. April 2015.  Lucy wird dann Beiträge zum Thema “Stoff und Farbe sammeln.

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris   Thema Knöpfe
26. Juli         SOMMERPAUSE

Kurz und vermischt: Ausstellungen, Farben, Drohnen, Street Art

Image from page 517 of "American homes and gardens" (1905)
via

Ein paar Links und Hinweise, von Twitter und anderswo.

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Als Nachtrag zum Putzmacherinnen-Artikel hier eine besondere Aktion für alle Fans der Romantik und der Zeit von Jane Austen:  Im Juni wird im Sauerland ein Tag lang eine Modehandlung von 1814 auferstehen. Das fiktive Geschäft hat reichlich Personal und wer möchte, kann vorab dorthin Post senden – im Stil von damals, bitteschön. Mehr dazu bei Kleidung um 1800, wo ihr auch wunderbar authentisch handgenähte Mode im Stil der Zeit bewundern könnt.

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Viele tolle Ausstellungen: In Hamburg hat inzwischen Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode, 20. März bis 20. September 2015, begonnen. Paris wäre eine Reise wert mit der sehr gefeierten Lanvin-Retrospektive zu der bei Arte noch kurze Filme Einblick geben. Dort in Paris könnte man sich dann gleich noch die Knopfausstellung im Musee des Arts Decoratifs und weitere Mode-Expos, z.B. Jean Paul Gaultier im Grand Palais ansehen.

Savage Beauty, V&A, via twitter

In London sicher sehenswert ist Alexander Mc Queen “Savage Beauty” , Victoria & Albert Museum.  Die Dries-van Noten Inspirationen, die letztes Jahr in Paris zu sehen waren, sind jetzt nach Antwerpen ins Modemuseum gewandert. Und in Bilbao werden die 50er gefeiert.

50er in Bilbao, via twitter

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Erst war da ja die Sache mit dem schwarz-blauen Kleid, das manche gold-weiß sahen. Dann ging ein Artikel herum

Warum die Menschheit die Farbe Blau lange nicht gesehen hat – und wir heute noch nicht alle Grüntöne erkennen können.

(Dazu gehört aber eine Ergänzung : Die Darstellung im Artikel und einer BBC-Dokumentation, der Himba-Stamm habe Grün und Blau nicht unterscheiden können, stimmt nicht. Sie haben nur etwas länger gebraucht für die Entdeckung.)

Zu dem Thema gibt es ein einstündiges Radiofeature von RadioLab – für alle, die englische Podcasts mögen und sehr faszinierend. Die Macher schaffen es, eine Stunde lebendig über Farben zu berichten – zum Teil werden die Farbtöne tatsächlich “vertont”.

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Animation wie eine Drohne webt und ein Schal, der von einer Überwachungskamera abschirmt.

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Street-Art: Spitzendecken als Abdruck auf Häuserfassaden. Ein kleiner Film der polnischen Künstlerin zeigt, wie poetisch das sein kann, die Deutsche Welle berichtet auch.

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Deutsche Auswanderer in Pennsylvania haben gern in schwarz-rot-gold dekoriert.

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Videos: Mode vor 30 Jahren, für alle, die sich an Antonia Hilkes Stimme und Zeichnungen erinnern.

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Sammlung wunderschöner Marmorpapiere.

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Kuchen, die aussehen wie mit Stoff bezogen (William Morris).

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Für Period-Drama Fans: Im BBC läuft zur Zeit Poldark, kann man über Iplayer so gucken wie man die GBSB geguckt hat.

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P1080255

Ergänzung zum kleinen Indigo-Quilt: Die Shibori-Matte hat nun noch einen schwarzen Fransenrand und Stickerei in den Kreuzungspunkten bekommen – Danke für eure Tipps in den Kommentaren, liebe Frifris und liebe Griselda.

Rosa Atlas, Daunen, Seidenhemden: Wagner und seine Putzmacherin

Wagner_Spitzer_Karikatur1via, Farbe nachtr.

Diese Karikatur zeigt Richard Wagner mit Samtbarett im Morgenrock. Er steht auf einem Ballen Stoff und misst die Ellen ab. Warum macht er das?

Wagners Feinde hatten entdeckt,  dass er einer “Anomalie” frönte: Er war ganz ungeheuer putzsüchtig. Er konnte nicht genug bekommen von himmelblauen Seidensteppdecken, Rosengirlanden und berüschten Morgenröcken. Seit etwa 1860 hatte er über viele Jahre bei seiner Putzmacherin in Wien Unmengen Stoffe, Bänder, Kunstblumen bestellt und Kleidung, Decken, Kissen, Gardinen  in Auftrag gegeben.

Sein Pech war, dass seine Bestellbriefe später in die falschen Hände gerieten. Ob sie der Putzmacherin gestohlen worden waren, oder ob sie gar aus ihrem Umfeld an die Presse verkauft wurden, blieb ungeklärt. Jedenfalls veröffentlichte ein spottlustiger Journalist (in der Karikatur oben der Herr mit der spitzen Feder) die Korrespondenz 1877 mit reichlich Häme versehen unter dem Titel “Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin“.

wagnerBrief Wagners an Bertha Goldwag mit Stoffprobe, 1865, screenshot LoC

Aus einem Brief Wagners an Bertha Goldwag, 1864

….

1. Können Sie bei Szontag einen schönen schweren Atlas von der beiliegenden hellbraunen Farbe bekommen?
2. Ebenso von dem dunkeln Rosa?
3. Ist das beiliegende helle Rosa in guter Qualität von 4 bis 5 fl. zu haben?
4. Desgleichen das blau, nur lieber noch heller, ja nicht dunkler
5. Hat Szontag noch genügenden Vorrath von dem neurothen, oder carmoisinfarbenen schweren Atlas, von welchem Sie mir den weißen Schlafrock (mit geblümtem Muster) fütterten?
6. Haben Sie noch von dem dunklen Gelb, von welchem wir die Gardinen an die kleinen Tischchen machten?

… Die Schnitte zu meinen Hauskleidern haben Sie hoffentlich noch?

Ihrer Zuschrift entgegensehend verbleibe ich achtungsvoll Ihr ergebener
Richard Wagner.

Nachschrift: Verwechseln Sie Nr. 2, das dunkle Rosa, nicht mit dem früheren Violett-Rosa, welches ich nicht meine, sondern wirkliches Rosa, aber nur sehr dunkel und feurig.

 

Wagner weiß ziemlich gut Bescheid über Materialien und nähtechnisches Vorgehen. Eine wattierte Bettdecke bestellt er sich ” sehr weich — kein enges Muster, damit sie nicht steif wird”.  Jede Quilterin versteht das sofort. Für einen neuen Hausrock gibt er 1867 genaueste Anweisungen, da wird es dann schon schwieriger:

Rosa-Atlas. Mit Eiderdaunen gefüttert und in Carrés abgenäht, wie die graue und rothe Decke, welche ich von Ihnen habe; gerade diese Stärke, leicht, nicht schwer; versteht sich Ober- und Unterstoff zusammen abgenäht. Mit leichtem weißen Atlas gefüttert. Die untere Rockweite auf sechs Bahnen Breite, also sehr weit. Dazu extra angesetzt, nicht auf das Gesteppte aufgenäht! — eine geschoppte Rüsche vom gleichen Stoff, ringsum; von der Taille an soll die Rüsche nach unten zu in einen immer breiter werdenden geschoppten Einsatz (oder Besatz) ausgehen, welcher das Vordertheil abschließt.

Sehen Sie genau hiefür die Zeichnung an: unten soll dieser Aufsatz oder Schopp, welcher besonders reich und schön gearbeitet sein muß, auf beiden Seiten sich bis zu einer halben Elle Breite ausdehnen und dann eben aufsteigend bis zur Taille sich in die gewöhnliche Breite der rings einfassenden geschoppten Rüsche verlieren. Zur Seite des Schoppes drei bis vier schöne Maschen vom Stoff. Die Aermel, wie Sie mir dieselben zuletzt in Genf gemacht haben, mit geschoppter Einfassung — reich; vorne eine Masche und eine breitere, reiche, inwendig unten am herabhängenden Theil. Dazu eine breite Schärpe von fünf Ellen Länge, an den Enden die volle Breite des Stoffes, nur in der Mitte etwas schmäler. Die Achseln schmäler, damit die Aermel nicht herabziehen: Sie wissen. Also unten sechs Bahnen Weite (gesteppt) und zu jeder Seite noch eine halbe Elle weiter Schopp vorne. Somit unten sechs Bahnen und eine Elle breit.

“Sie wissen” – ich hätte ja nichts gewusst, aber ich bin ja auch keine Putzmacherin im 19.Jahrhundert.  Aus all den Briefen wird klar: Eine Putzmacherin damals war nicht nur eine Hutmacherin (wie der Begriff heute verstanden wird). Sie nähte jede Art von “informellen” Kleidungsstücken. Wagner bestellt bei Bertha seidene Hemden, hochschließende Jacken, wattierte wärmende Beinkleider, Samtbarette, Schlafröcke, Schnupftücher, ja sogar Stiefel. Atlasstiefel in allen erdenklichen Farbnuancen fertigte die Putzmacherin in Zusammenarbeit mit einem Schuster. Die Hausschuhe waren mit Unmengen von Pelz und Watte gefüttert, wie Bertha später berichtete, Wagner fröstelte eben leicht in seinem Kabinett.

Wagner, Luzern 1868. War der Look das Werk Berthas, inklusive der Stiefel?

 

Inneneinrichtungen gehörten aber wohl nicht mehr zum Berufsfeld der Putzmacherin. Lange nach Veröffentlichung der Briefe macht ein anderer Journalist die Putzmacherin Bertha ausfindig und befragt sie zu den Briefen. Sie beschreibt ihm, wie sie für Wagner Kleidungsstücke, Kissen und Decken nähte. Dann fügt sie hinzu “Er gab mir Aufträge, die tatsächlich mit meinem Berufe nichts zu tun haben”, als sie ihm nämlich eine ganze Wohnung einrichten musste. Auf der Leiter stehen und an seidenbespannten Wänden Girlanden anbringen, das ging über die Zuständigkeit einer Putzmacherin offenbar hinaus.

Natürlich war das alles sehr teuer, und Wagner zahlt oft nur kleckerweise. 500 Gulden, Außenstände von 3000 Gulden, weil es ihm “gerade nicht möglich ist, mehr aufzutreiben”. Am Ende aber, so berichtet Bertha später, habe er alle seine Schulden beglichen.

In “Geschlecht und Gesellschaft” von 1907 wird Wagners Putzsucht als Indiz für Bisexualtität genommen. Solche detaillierten textilen Kenntnisse könnten eigentlich nur von “Frauen, die weiblich empfinden”, vorausgesetzt werden. Wagner habe hier die feminine Seite seiner sexuellen Doppelnatur ausgelebt.

Mir ist ziemlich egal, ob die Briefe kurios oder sogar skandalös sind und wie Wagner sexuell orientiert war.  Ich freue mich, dass Dank der Berühmtheit Wagners noch heute seine Aufträge sowie der Bericht der Putzmacherin existieren und in Büchern abgedruckt, sogar online einsehbar sind. Wie sonst bekäme man so einfach einen Eindruck von Nähbestellungen im vorletzten Jahrhundert, von der Beschaffenheit der Kleidung und von der Arbeitsweise einer Putzmacherin. Also, Wagner und seinen Feinden sei Dank ist ein Stück weibliche Berufsgeschichte nachweisbar geblieben.

Eine Berufsgeschichte, die bei Wikipedia bisher nicht auftaucht. Ich will gern einen Eintrag “Putzmacherin” verfassen (und nur deshalb bin ich überhaupt auf dieses Wagnerskandälchen gestoßen), aber Wikipedia ist schwerer zu bedienen als gedacht. Es dauert also noch etwas – oder vielleicht ist jemand von euch versierter und übernimmt den Eintrag? Würde mich freuen.

 

 

Seltene Techniken – einige Ideen

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In drei Wochen ist hier im Blog Station für die Stoffspielerei, dann mit dem Thema “Seltene Techniken”.  Zu dem Motto fällt mir so viel ein, unmöglich, alles zu verfolgen. Also mache ich mal meine Ideenkiste auf, vielleicht wird ja jemand inspiriert?  Wie immer sind alle Textilbegeisterten eingeladen, bei der Aktion mitzumachen, auch wenn es zum ersten Mal ist. Probiert etwas Neues aus und teilt das Ergebnis mit uns, misslungen oder nicht. Meldet euch gern hier am Sonntag, den 29. März zur Linksammlung und zum Fachsimpeln.

Und nun ein paar Techniken, die jedenfalls ich für selten halte:

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Fluffige Flächen

wie das Moos oben auf der Decke.  Die Technik dazu dürfte der Tuft  oder Velvet Stich sein. Das finde ich sooo toll!

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Klöppeln

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Steht schon lange auf meiner Ausprobier-Liste. Vor allem seit ich weiß, dass es zur Not auch mit Haushaltsgegenständen geht. Man braucht nur Stifte, Garn, Stecknadeln, ein Kissen und eine Grundanleitung. Ich finde diese Seite hier “Klöppeln für Kinder” sehr nett gemacht. Vielleicht kommt ja eine von euch weiter? Ich habe erstmal kapituliert, da braucht man viel Ruhe und Konzentration.

Diese Lampen von Van Eijk & Van der Lubbe sind übrigens geklöppelt, aus Leuchtfaden.

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Knötchenknüpfen

Quaste, 17. Jhd., Leinen, MetMuseum

wollte ich mir schon lange mal wieder vornehmen. Über diese Technik aus dem Barock habe ich schon hier einmal berichet. Mein Plan war es zu schaffen, doppelseitige Knoten aneinanderreihen, wie in L’Art du Brodeur von 1770. Mit den Knötchenreihen könnte man Schmuck machen (sieht wie feine Perlenketten aus), sie als Borten aufsticken, Quasten fertigen – oder Kunstwerke wie diese  korallenartigen Skulpturen  aus Kilometern Seidenfaden schaffen (auf der Seite kann man auch schön sehen, wie man einfach drauflos knoten kann).

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Die Nachfolge vom Knötchenknüpfen

Frivolitäten = Occhi = Tatting

Auch dazu hatte ich schon Versuche gestartet, aber richtig im Griff hatte ich es nie. Dieses Video hier scheint den Trick, dass ein Faden um einen anderen, der stramm bleibt, gedreht werden muss, ganz gut zu erklären.

http://www.youtube.com/watch?v=as2gXQ-RYeQ

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Teppich flechten oder “hooken”

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Aus Stoffresten geflochtene Teppiche – in diesem Buch (englisch, online) gesehen – dort sind auch noch andere Teppiche beschrieben, auch “Rug Hooking”.lockerscreenshot handmade factory

Links für diese “geschlaufte” Matte gibt es hier. Man zieht die Stoffschlaufen durch ein Gitternetz und sichert sie mit einem durchgezogenen Baumwollfaden.

Die Rughooking-Technik habe ich auch schon  probiert, nur ohne extra Sicherungsfaden.

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Mit Draht oder Nylon stricken und häkeln

“Just have a go – and have fun”. Nora Fok ermutigt alle, es ihr nachzutun. Sie schafft fragile Objekte aus Angelschnur, wunderbar anzusehen. Wie sie damit strickt, ist in diesem Video zu sehen.

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Richtig mega-super alte Technik: Nadelbinden, Vorläufer des Strickens. Da kann man sich in die Jungsteinzeit zurückversetzen, mit dem Video würde ich anfangen.

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Richtig mega-neue Technik: Stoff mithilfe von Bakterien züchten. Es entsteht eine Art Leder, kann man weiterverarbeiten. Ich würde das gern probieren, bloß braucht man dazu Kambucha, und das liegt nicht gerade auf meinem Einkaufsweg. Falls jemand von euch gerade Kombucha-Kulturen und Apfelessig herumstehen hat: Die Anleitung im lesenswerten Modeblog der HTW Berlin, und los gehts.

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Was bloß soll ich nun machen? Ich weiß es noch nicht. Ihr könnte euch auch etwas wünschen und noch andere seltene Techniken anstoßen, da gibt es ja unendlich viele.

Strickliesel und Häkeltrutsche – wo kommt das miese Image her?

Bieder. Reiner Omi-Zeitvertreib. Hausfrauen-Sticheln. Altmodisch. Hausmütterchen-Kleinklein. Selbstverliebter Pipikram. Häkel-Trutsche. Wohnungsdekorateuse. Blondschleiche. Strickliesel. Oma-Beschäftigung. Tantenhaft. Wollmäuse.
Unattraktives Thema, nicht salonfähig, bedient abwertende Mädchen-Klischees, trivial, spießig, eingestaubtes Image…

Das sind Worte über Stricken, Häkeln, Nähen, Sticken, gesammelt in den Medien, in letzter Zeit. Eine kleine, völlig unvollständige Sammlung.

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“Selbstverliebter Pipikram???? Komm ruhig näher.”                                       via

Da nützt auch das Umbenennen in Radical-Craftism, Yarn Bombing, DIY, Stitchn’Bitch, Upcycling, SewAlong, Knitparty und die Solidarisierung in Internetcommunities nichts. In den Köpfen der meisten Menschen gilt Handarbeiten weiterhin als uncool.  Auch denjenigen, die unter englischen Begriffen DIYen, wird dann über den Umweg “Rückzug ins Private” wieder vorgeworfen, politisch unbedarft zu sein.

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Schlagzeilen wie die folgenden bestätigen das Klischee eigentlich nur:

Von wegen, das ist nur etwas für Omis: Handarbeiten sind wieder voll im Trend. (Handelsblatt)

Neuer Trend – Deutschland strickt wieder – Handarbeit ist in Mode (FAZ)

Fleißiges Lieschen legt Hausmütterchen-Image ab  (WN)

Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?

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Nun haben inzwischen auch immer mehr Männer Spaß am Stricken, Häkeln oder Nähen. In einem Interview wünschen sie sich auch mehr Austausch und Handarbeitsbücher für Männer. Den Männerüberschuss beim englischen Nähwettbewerb hatte ich ja schon erwähnt. Im Zuge dieser Phänomene kam die Frage auf: Wird Handarbeiten jetzt salonfähig, weil Männer das machen? Lotti und Crafteln haben dazu schon etwas geschrieben. Im englischsprachigen Raum gibt es die Diskussion ebenfalls, im Quiltbereich wie z.B. hier  auch in der Variante “Wenn Männer quilten, ist das dann automatisch Kunst?”.

“Männerstricken”, Zeit Online

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Historisch ist es ziemlich klar, dass textile Arbeiten von Männer und Frauen über Jahrtausende zusammen erledigt wurden. Kleidung, Tücher, Decken, Netze, Seile waren Daseinsgrundbedürfnis und wurden in Eigenproduktion hergestellt, vom Anbau der Faser bis zum vernähten Stoff. Später wurden dann zusätzlich textile Produkte für die wohlhabenden Schichten hergestellt – auch wieder von beiden Geschlechtern. Die Wende kam  erst mit der Stärkung des Bürgertums, der Industrialisierung  und der “Versorgerehe”. Wobei sich dieses Modell nur sehr langsam durchsetzte und die Frauen dabei auch jede Menge schufteten. Je nach Größe des Haushalts und Wohlstand konnten sie bestimmte textile Tätigkeiten delegieren – dann in der Regel an Frauen. Wäscherinnen, Weißnäherinnen, Putzmacherinnen – es gab eine große Zahl erwerbstätiger Frauen mit textilen Berufen.  In den Manufakturen und Textilfabriken arbeiteten weiterhin sowohl Männer als Frauen. Die Mehrheit der Frauen war immer erwerbstätig, schlicht, weil nicht genug Geld für das Haushaltseinkommen vorhanden war. (Zu dem Bereich mehr auch bei Die Erfindung der Hausfrau : Wirklich durchgesetzt in allen Schichten der westlichen Bevölkerung hat sich das Alleinverdienermodell mit der Hausfrau und den Kindern nur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern und 1960ern.“).

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Wo kommt also unsere Vorstellung von den spießigen Handarbeiten her? So ganz klar ist mir das nicht. Sicher hat es etwas mit dem Idealbild von der züchtigen Hausfrau zu tun, nur sah die Realität eben meist anders aus. Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte? Komisch nur, dass es in den 70ern dann wieder ein Handarbeitshoch gab. Nicht unbedingt geholfen hat auch die “links-feministische Version der Trivialisierung der mütterlichen Ordnung” im Sinne von  “Eigentlich verstehe ich als emanzipierte, sprich: herdflüchtige Frau ja gar nichts von diesem ganzen Weiberkram”  (Zitat aus diesem politischen Austausch  zum Thema Hauswirtschaftsunterricht. Da sind viele Aspekte zu dem Thema angesprochen).

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Interessant ist auch, dass meiner Erfahrung nach in Frankreich, NL, Großbritannien, USA u.a. Handarbeiten nicht so sehr belächelt werden wie bei uns und die textilen Traditionen viel mehr gepflegt werden. Warum? Und dann fehlen noch die Aspekte der DDR-Lebenserfahrung: Handarbeiten/Selbermachen spielte doch beim Selbstversorgen eine große Rolle, galt doch sicher nicht als “trivial”?

Viele Fragen an einem sonnigen Samstagnachmittag, aber vielleicht hat ja jemand Ideen dazu, jetzt oder in Zukunft. Ich werde weiter in dem Gebiet herumforschen und hier hoffentlich immer wieder Mosaiksteinchen präsentieren können.

 

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Nachtrag 2.3.2015

Richtig viel tolle Gedanken zu dem Thema bei Kittykoma. Ein paar Zitate:

Bzgl. Ostdeutschland

…hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte.

bzgl. verlorenem Wissen (bloß wieso ist dann das Wissen im englischsprachigen Internet da? Weil Internet dort früher anfing?)

…Die aktuelle DIY-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.

und aus den Kommentaren bei Kitty Koma

Vielleicht darf ich Ihre Liste noch um einen Punkt ergänzen: Das westdeutsche Handarbeitsrevival der 70er/80er-Jahre hat verbrannte Erde hinterlassen. Es gibt ja nicht von ungefähr das Klischee der strickenden Latzhosenträgerin im Hörsaal. Handarbeit hatte immer auch einen demonstrativ antiintellektuellen Charakter und ist – zumindest in meiner Generation – mit einem gefühligen Differenzfeminismus assoziiert.

 

Crafteln hat inzwischen noch über die Frage nachgedacht, ob Nähen noch mehr Trend wird, und was dann passiert?

Außerdem dieser schöne Hinweis auf Twitter

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Stoffspielerei im Februar: Gestickte Chenille

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Chenille Suchbild.

Als Griselda  für die monatliche Stoffspielerei*  das Thema “Chenille” vorgeschlug, dachte ich gleich an Raupen.  “Chenille” ist das französische Wort für Raupe, was ich ganz genau weiß, weil ich in Frankreich schon einmal unsäglich unter den fliegenden Härchen der Prozessionsspinnerraupen gelitten habe, aber das ist eine andere Geschichte.

Für mein Textilprojekt hatte ich sehr netten Raupen im Kopf. Sie gehören zu Stickereien, die zwischen 1600 und 1625 in Mode waren:

cater1Ausschnitt, Jacke/Glasgow cater2Auschnitt, Met

catervuaAusschnitt,  V&A

Ohne großen Plan habe ich mit einem Stück Leinen und verschiedenen Garnarten losgelegt. Viele der Stickstiche von damals sind darauf ausgelegt, das Material hauptsächlich auf der Oberseite des Stoffes zu halten und die Stickereien plastisch wirken zu lassen. Auf dem Bild oben sind die grünen Erbsenschoten sogar aufklappbar.  Am besten hat mir der “detached buttonhole stitch” gefallen.

fig_56detached/solid buttonhole stitch, via

(Je nach Übersetzung ist das auf deutsch ein eingehängter Knopflochstich oder ein Festonstich, ich bin da nicht so tief eingestiegen. Einen guten Überblick bietet “Embroidery and Tapestry“, deutsche Übersetzungen für die Stiche sind hier . Mit vielen Lücken – das finde ich interessant, scheinbar ein schwieriges Thema. Auch mit meinen eigenen deutschen Nachschlagewerken bin ich in Sachen historischer Stickstiche nicht sehr weit gekommen).

Mein Armband sah am Anfang tatsächlich noch ganz übersichtlich aus, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören und bedeckte jeden Milimeter. Das meiste ist ziemlich schlurig ausgeführt, egal.

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An einer Stelle habe ich auch Pflauenfeder verwendet, weil ich das hier an einer gestickten Raupe gesehen hatte. Und weil man damals nicht nur mit Pfauenfeder, sondern auch mit menschlichen Haaren stickte, habe ich auch noch ein langes Mädchenhaar verarbeitet, das man natürlich gar nicht sieht.

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Ich zähle bis zu zehn Raupen, wie man will.  Es ist ein ganz bunter Hingucker, aber beim nächsten Mal sollte man doch ein etwas übersichtlicheres Layout wählen. Auf jeden Fall habe ich jetzt vielleicht ein magisches Schutzarmband gegen die Angriffe der Prozessionsspinner.

Außerdem bin ich natürlich völlig in die damalige Zeit abgeglitten und habe versucht, mehr über diese Pflanzen- und Instektenmotive auf Kleidung herauszufinden.

WikiCommons

Jacken mit solchen Mustern waren vor allem bei wohlhabenden englischen Damen beliebt. Als Stickvorlagen dienten naturgeschichtliche Bücher mit Holzschnitten, die seit Mitte des 16. Jahrhundert erschienen waren. Wie in den Büchern zeigen die Stickereien Pflanzen und Tiere in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. So gehört zum Schmetterling eben auch eine Raupe.

LaytonjacketandportraitV&A,CC-BY-SA-3.0, via

Das Victoria & Albert Museum besitzt mehrere solcher Jacken. Ein Exemplar ist sogar auf einem Portrait abgebildet.  Die Jacke ist von 1610, das Bild von 1620. Zu dieser Zeit war bereits eine höhere Taille Mode, so dass die Trägerin auf dem Bild ihr Rockteil über die Jacke hochgezogen hat, um sich dem neuen Look anzupassen.

Das Sticken meines kleinen Armbandes dauerte ewig. Wie viel Arbeit bedeutete es dann erst, ein ganzes Kleidungsstück zu fertigen!  Bestickt wurden die Schnittteile vor dem Zusammennähen – von spezialisierten Stickateliers oder auch von den Frauen selbst, wenn sie in Nadelarbeiten geschickt genug waren. In den USA hat vor ein paar Jahren ein Museum eine Jacke ähnlich der aus dem V&A nachgebildet. An den Nadelarbeiten waren über 200 Freiwillige beteiligt, die Tausende von Stunden in das Projekt steckten.  Jeder konnte mitmachen, vom Kind bis zum Stickmeister. “Kann ich bitte einen Wurm machen?” – das hätte ich wohl auch gefragt, wenn ich dort gewesen wäre – und hätte im Interesse des Projekts hoffentlich nur eine Stelle unter dem Ärmelloch zugewiesen bekommen.

 

In dem folgenden Film aus einem schottischen Museum wird eine Originaljacke vorgestellt. Die Raupen dort sind gestreift und kommen auf meinem Armband auch vor.

Hier noch hübsche Beispiele botanischer Stickereien auf Kleidung.

etwa 1606 via

Den Herrn hier mag ich besonders, mit seinem Ohrring und dem Bärtchen könnte er auch in einer Berliner Hipsterkneipe sitzen (den Spitzenkragen und die Seidenstickerei dann bitte wegdenken).

1610, via

So, nun will ich diesen Beitrag beenden. Ich nehme an, dass Griselda bei ihrem Themenvorschlag eher an einen “Chenilleeffekt” bei festgenähten und aufgeschnittene Stoffränder dachte. Dazu hätte ich etwas in der Art wie bei diesem Deckenrand beitragen können.

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Zum Beispiel hätte ich eine Borte machen können, um den Chenillefaden beim Chanel-Attrappenkleid zu ergänzen. Leider war nicht mehr genug Zeit. Daher belasse ich es für heute bei meinem wenig virtuosen Raupengewimmel und schaue mir später in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben. Das ist dann bei Griselda von Machwerke zu finden.  Vielen Dank!

 

In einem Monat, am 29. März, sehen wir uns hier zur Linksammlung der Stoffspielerei wieder.

Thema dann: Seltene Techniken.

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
29. März           Suschna,  Thema Seltene Techniken
26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris
26. Juli         SOMMERPAUSE

Nachtrag Shibori

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Bevor am Sonntag schon wieder die nächste Stoffspielerei ansteht, hier noch ein Nachtrag zum Januartermin.  Inzwischen habe ich in der Shibori-Technik noch mehr Stoffquadrate gefaltet und mit Indigo-Tusche gefärbt. Das hat gut geklappt, ebenso das Weiterverarbeiten zu einem kleinen Quilt.

Nur mit der Umrandung bin ich nicht so ganz zufrieden, da muss ich noch einmal nachbessern (zu schmal, zu braun?). Die Inspiration waren  Kacheln aus dem Rijksmuseum in Amsterdam.

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Da hätten die Quadrate bei mir ruhig ein bisschen plastischer ausfallen können. Aber egal, ich habe eine weitere kleine Decke zum Verstecken von Unordnung, das ist sehr praktisch.

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Diese Färberei mit Überraschungseffekt macht wirklich viel Spaß, kann ich nur empfehlen. Zur Vorgehensweise siehe den Eintrag von Ende Januar. Übermorgen steht bei Griselda schon der nächste Stoffspielerei-Termin an, und ich beschäftige mich mit Chenille, aber wahrscheinlich anders als gedacht. Wir werden sehen, ich muss mich ranhalten. Bis Sonntag also!

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Info für Fans des Nähwettbewerbs Great British Sewing Bee: Bei Youtube sind inzwischen die ersten drei Folgen der dritten Staffel zu sehen.

Filmbericht und Kurznachrichten VII

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Filmausschnitt “La Sirène de Faso Fani”, via

Baumwolle gehört zum wichtigsten Exportgut Afrikas. Baumwolllieferant Nummer 1 ist Burkina Faso. Das Land verarbeitet die Rohware aber nicht weiter, obwohl das bis vor zehn Jahren noch möglich war. In der 2001 geschlossenen Fabrik Faso Fani wurden hochwertige Baumwollstoffe produziert. Die Schließung der Fabrik ist wohl ein Kollateralschaden von Reformvorgaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Von dieser Fabrik, vom Stolz der Burkinesen und von den Frauen, die das Weben inzwischen einfach selbst in die Hand genommen haben handelt der Film “La Sirène de Faso Fani”, der in Berlin im Rahmen der Dokumentarsparte der Berlinale läuft und für den es auch noch Karten gibt.

(Zur Frage, warum Geldgeber nur am Rohstoff Baumwolle interessiert sind und in den afrikanischen Ländern selbst kaum Wertschöpfung stattfindet mehr auch im Film “Let’s Make Money” von 2008)

Parallel läuft auf der Berlinale eine weitere Doku über eine 2004 geschlossene Textilfabrik, diesmal in Österreich. Leider zeigt nur der Beginn des Filmes Szenen aus dem sterbenden Betrieb von 1850. Der Rest der dreistündigen Doku ist eine Landzeitstudie über das Leben entlassenen Mitarbeiter. Als Sozialstudie beeindruckend, nur eben nicht mein Thema. So konnte ich nicht widerstehen, in guter alter Berlinale-Tradition im Kinosaal ein Nickerchen zu halten.

An den Füßen hatte ich es dafür auch schön warm, wegen dieser gefütterten Schuhe mit Gamaschen, die mich ganz wunderbar durch den graukalten Berliner Winter retten.

Folgend wie immer noch eine Auswahl textiler Tweets – bei mir klappt das Einbetten technisch nicht immer, ich bastel dran. Die Links sollten aber trotzdem funktionieren. Zur Not hilft auch twitter.com/Suschna.

Auf Youtube gibt es viele schöne Einblicke in die Arbeitsprozesse der großen Couturefirmen, zum Beispiel hier von Dior oder Chanel

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Noch zur Erinnerung: Stoffspielerei in zehn Tagen, am Sonntag 22. Februar. Sammeln wird Griselda zum Thema “Chenille”.

Und heute abend wieder Great British Sewing Bee.