Strohwitwerzug und Kinderkolonie – Berlin macht Ferien 1900

1900 149

Im Herrenbad am Halensee in Berlin vernügen sich die Männer.

Die Frauen, deren Gatten es sich leisten können, sind da schon an der Küste.

Fängt ach, der heisse Juli an,
Schickt der Berliner Ehemann
Gleich fort sein Weib, wenn’s irgend geht,
Nach Heringsdorf, wo’s kühler weht,
Dass sie sich recht erholen soll…

(Aus dem  Lied Der Ehemannszug nach Heringsdorf.)

Am Wochenende besuchen die Ehemänner ihre Frauen dann mit der Bahn. Die Zeitschrift Berliner Leben von 1904 zeigt den sogenannten Strohwitwerzug kurz vor der Abfahrt nach Usedom.

1904 strohwitwer

Die Zeitung schreibt dazu

„Während der Badesaison fährt vom Stettiner Bahnhof jeden Sonnabend um 6 Uhr nachmittags herum ein Zug ab, der eine ganz besondere Physiognomie hat; seine Passagiere gehören nämlich fast ausschließlich dem stärkeren Geschlecht an. Sie rekrutieren sich sämtlich aus dem vergnüglichen Stande der Strohwitwer, und es ist für den vom gleichen Los nicht Betroffenen höchst amüsant, die verschiedenen Grade von Schnelligkeit und Eifer zu beobachten, mit dem sie dem Beförderungsmittel zustreben, das sie ihrer am sonnendurchglühten Ostseestrande weilenden besseren Hälfte zuführen soll.

Die Jungvermählten freuen sich wohl tatsächlich auf ein Wiedersehen, aber

“…man sieht auch andere, die sich mürrisch in eine Coupéecke werfen und verdrießlich an die lange Nachtfahrt im überfüllten Zuge und die Anstrengungen des kommenden Tages denken. Plötzlich fahren sie erschreckt zusammen und fassen in die linke Westentasche, wo das Symbol ihrer Gefangenschaft seit der Abreise der teuren Gattin ein verschwiegenes Dasein gefristet hat, und mit wehmütigem Seufzen stecken sie den Goldreifen an den Finger. Diese Kategorie ist besonders dadurch kenntlich, dass sie, über die erste Jugend heraus, sich einer beträchtlichen Leibesfülle erfreut, und in der Kunst, die letzten Überreste ihres ehemaligen Haupthaares so zu ordnen, dass es aussieht, als ob sie noch mehr hätten, die höchste Vollkommenheit erreicht haben.

berliner leben 1905reise

Wer sich keine Reise leisten kann, bleibt in Berlin. Für die Kinder aus den Mietskasernen gibt es die Ferien-Kolonien. Sie werden mit der Straßenbahn und per Schiff an die frische Luft, zum Baden und ins Grüne gefahren.

1904 ferein berlin bad (3)

Im Flussbad 1904 verbieten Schilder das Hinausschwimmen in die Spree und das Abseifen außerhalb der Seifzelle.

Verpflegt werden die Kinder auch.

berliner leben 1909 ga

Oben: Milchausgabe in der Ferienkolonie Blankenfelde 1909, unten: Vesper 1904.

1904 ferein berlin bad (4)

Die Jungen in der Badeanstalt könnten auch tatsächlich ein bisschen Speck auf den Rippen gebrauchen.

berliner leben 1905 ferien

 

Währenddessen in Heringsdorf: Drei Herren genießen den Strand. Einer nutzt die Pause dafür, mit einer Bartbinde seinen Schnurbart wieder in Form zu bringen.

1904 ferien hering (3)

Morgen beginnen in Berlin 2015 wieder die Ferien.

Gute Reise allen, sei es ins Stadtbad oder an den Strand!

 

———————

Bilder aus der Zeitschrift Berliner Leben, via ZLB, Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 11

8474898377_4509c885d0_zEntwurf Badekappe 1932, NAI Collection

Bei extremer Hitze  überkommt mich eine schwere Lethargie. Aber nun muss ich mich melden, denn ich möchte auf diesen netten kleinen Film hinweisen, der nur noch bis Samstag bei Arte in der Mediathek zu sehen ist:

Coutures – Über das Vichykleid und das Vichymuster. In meinem 110ten Parallelleben hätte ich gern an so einem Film mitgearbeitet. Zum Beispiel hätte ich dann vielleicht darüber recherchiert, dass bei den Balinesen ein  schwarz-weißes Vichykaro “Saput Poleng” heißt und für das Leben steht. Die weißen und schwarzen Quadrate symbolisieren Gut und Böse,  die Mischungsbereiche dazwischen die Grauzonen, die das Leben zwischen Extremen nun einmal bietet.

vichy

Vichykaros werde ich nun mit ganz anderen Augen sehen, waren sie mir doch inzwischen wegen der Fliegenpilzerisierungsmode etwas verleidet.

Und wenn ich nun schon einmal dabei bin, hier noch ein paar andere Linktipps

  • Video: Meike von hält einen mitreißenden Vortrag über Nähblogs und Wertschätzung als Währung.
  • Doku: Wie türkische Häkelspitze in Berlin gemacht wird und von Neukölln ins KaDeWe gelangt. Wenn Meret Becker nervt, bitte den Anfang überspringen.
  • Filmbesprechung “Dior und ich” von Nahtzugabe, die ich nur unterstreichen kann: “Pflichtfilm für jeden Nähnerd. Ganz, ganz großartig. Und sogar für Nicht-Modeinteressierte spannend.”  Leider läuft der Film selbst in Berlin nur in wenigen Kinos, und auch da waren wir im Kinosaal fast allein. Man wird also wohl auf die Zweitverwertung warten müssen, wenn man es nicht ins Kino geschafft hat.
  • Audio: Muriel hat schon eine Reihe schöner Podcasts für Nähbegeisterte aufgenommen. In der letzten Folge war Lucy  zu Gast.
  • Artikel: Nähmaschinen bis 1991, dann Ende der Traditionsmarke Veritas. 3000 verloren ihren Arbeitsplatz.

———————————–

Linktipps zu englischsprachigen Seiten habe ich auch. Daher zuerst noch das Resultat meiner Umfrage zum Englischproblem. Drei Viertel der Stimmen kommen danach ohne Probleme mit englischsprachigen Quellen klar, ein Viertel nicht.

poll

Nur 10 % können ganz auf englischsprachige Linkempfehlungen verzichten. Also halte ich es mal mit den anderen 90% und verlinke weiter, werde aber bei Texten/Videos/Audios in Zukunft angeben, ob das Ziel fremdsprachig ist. Dann können alle, die üben wollen, ihre Kenntnisse damit aufpolieren.

Linktipps zum Üben:

Textilkunst: Klagemauer der einsamen Socken – Wailing wall of lonely socks

Artikel: Older than bronze and as new as nanowires, textiles are technology — and they have remade our world time and again.

Artikel: Inspiration or plagiarism? Mexicans seek reparations for French designer’s look-alike blouse

marantscreenshot

Neuer Film über Martin Margiela

Audio:  Tolle Podcast-Themen über Mode und Kleidung. The Seams – In every stitch a story. Auch sonst viel Hörstoff  beim NPR, dem National Public Radio.

———————————————————–

Soweit meine Links und Lesetipps für heute. (Siehe auch Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung).

Ich verfall dann mal wieder der Hitzeträgheit.

1901 draussenmai (4)Berliner Leben 1901

Stoffspielerei im Juni: Knöpfe selbstgemacht

DSC09595

Für die heutige Stoffspielerei*  hat  Frifris das Thema “Knöpfe” vorgeschlagen.

DSC09608

Dafür habe ich ein paar Varianten probiert, Knöpfe selbst zu machen.

1.

Knöpfe, für die man nur Garn und Sticknadel braucht, nach der Anleitung für Birds Eye Buttons.

DSC09599

DSC09601

Die grauen Kugeln sind solche “Vogelaugen”, aber unten zusammen gezogen. Es ist nicht so einfach, auf diese Art regelmäßige Knöpfe herzustellen, da muss ich mehr üben.

2.

DSC09606

Übung ist auch nötig, um Plastikringe sauber zu umhäkeln, Vorgehensweise ungefähr wie hier.

3.

DSC09594

Die Ringe (gibt es in Berlin z.B. am Perlenstand Maybachmarkt) mit Stoff überzogen und ein bisschen bestickt, siehe hier.

4.

DSC09596

Wollquadrate/Kreise zusammengezogen. Das kann auch viel besser und fester aussehen, wie bei diesen Mittelalter-Stoffknöpfen.

5.

DSC09610

Bei einer früheren Stoffspielerei hatte ich diese Knöpfe mit irischer Häkelei gezeigt. Sie warten noch auf einen Einsatz an prominenter Stelle.

6.

DSC09597

Ein weiterer Schmuckknopf, aus einem bestickten Kreis gefertigt. Viel schöner und inspirierender sind aber die Stickerei-Knöpfe dieser Flickr-Serie.

Am Ende konnte ich es nicht lassen, auch noch ein Armband mit Perlmuttknöpfen zu probieren. Man benötigt nur mehrere Knöpfe und Häkelgarn + feine Häkelnadel. Ich bin ohne Anleitung vorgegangen, aber es gibt Tutorials für ähnliche Armbänder hier,  oder auch hier.

DSC09585

Nun bin ich gespannt, was  Frifris und andere mit Knöpfen probiert haben. Vielen Dank für das Thema und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

Im Juli machen wir mit den Stoffspielereien Sommerpause . Ende August sehen wir uns hier bei mir wieder. Thema ist “Es war einmal ein Oberhemd”. Das ist nur eine Inspiration, die ihr nicht so eng sehen müsst. Vielleicht reicht es euch ja, nur den Knopf eines Oberhemds verarbeiten. Wir freuen uns über jede Teilnahme!

—————————————————————————–

*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. Juli         SOMMERPAUSE
30. August – Suschna – Thema “Es war einmal ein Oberhemd”
27. September – Machwerke – Thema Falten
25. Oktober – Karen – Thema Spitze
29. November  – Nahtzugabe
27. Dezember – WINTERPAUSE

.

Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

DSC09584Link zum Tweet  *

Eine hübsche Frau auf einem Boulevard in Paris? Angeblich ist das Bild in den 1920er Jahren aufgenommen. Hundertfach geteilt auf Twitter, Pinterest und in anderen Netzwerken.

Aber Kenner merken: Das kann nicht sein. Solche Riemchen-Highheels hätte es 1920 nicht gegeben. Die Röcke sind merkwürdig kurz. Das Zeitungsdesign des Figaro sieht erst seit ein paar Jahren so aus, und die Anzeige des Mobilfunkunternehmes Bouygues-Telecom auf der Rückseite der Zeitung ist auch sehr heutig. Das Foto wurde in Wirklichkeit im Jahr 2012 für Le Figaro Madame gemacht,  im Zusammenhang mit dem Film “The Artist”, der in den 20er Jahren spielt.

Solch eine absichtliche Falschmeldung nennt man englisch Fake oder auch Hoax. Das Internet ist voller Hoaxes. Wer einen Hoax startet, hofft auf eine möglichst weite und rasante (= virale) Verbreitung. Webseiten wollen damit bekannt werden, Firmen für ihre Produkte werben und Aktivisten für ihr Anliegen.

Ich bin auch schon mehrmals auf solche falschen Informationen hereingefallen. Angeblich zeigt dieses Bild die Vorstellung von einem perfekten Körper im Jahre 1955.

twitterscreenshot

Das Modell auf dem Foto ist allerdings erst 1977 geboren – keinesfalls kann das also eine Aufnahme aus dem Time Magazine von 1955 sein.

Beim folgenden Gruppenbild wird erklärt, eine russische Frau habe in 40 Jahren eine Menge Zwillinge, Drillinge und Vierlinge bekommen. Das alles angeblich im 18. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie. twitscreenshot

Inzwischen wurde dieses Foto fast 1000 Mal geteilt! Die Geschichte ist natürlich kompletter Blödsinn. Hin und wieder melden sich auch Stimmen in den Kommentaren zu solchen Bildern, dass das ja wohl nicht sein könne. Aber diese Fake!-Rufe verhallen meist ungehört, das finde ich faszinierend. Der Wunsch, sich über eine irre Geschichte auszutauschen, ist größer als der Wunsch nach Wahrheit.

Seit 2013 kursiert ein Foto einer Frauengruppe in Männerkleidung, das angeblich eine in London 1880 gefürchtete Frauenbande namens “Clockwork Orange” zeigt.  Alles Unsinn, so eine Gang hat es nie gegeben.

hoax3screenshot

Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Hoax starten. Besonders historische Bilder von Frauen in Hosen verbreiten sich gut.

04565501getty via GettyMuseum

Dieses Foto der kostümierten Schauspielerin Mèry Laurent von 1860/61 wäre schnell mit “Erste Frau in Hosen 1700” betitelt. Oder “Erste Cross-Dresserin der Welt“, ginge bestimmt auch gut. Am besten auf Englisch, und dann bei Twitter, Tumblr, Pinterest, Instagram, Facebook oder sonstwo einstellen.  Es würde sich vielleicht rasant verbeiten, niemand würde sich dafür interessieren, ob das wirklich stimmt und wo ich das Bild herhabe.

Eine Opiumhöhle?

hoax4screenshot

Ja, aber nur als gestellte Szene, aus dem französischen Stummfilm “Dandy-Pacha” von 1920.

Empörthemen sind besonders gut geeignet für virale Kampagnen. Diese Windeltangas sind ein Gag, den viele ernst nahmen.

hoax1screenshot

Die gestickten Hilferufe von geknechteten Näharbeitern in Primark-Kleidung waren auch eine Fälschung, vielleicht eine Kampagne von Clean-Clothes Aktivisten.

hoax5 screenshot

Die Geschichte wird mir bis heute immer wieder mal erzählt, da nützen alle Dementis der Firma nichts. Solche Sachen habe ich am Anfang auch weiter geschickt, inzwischen passe ich mehr auf, aber, es ist schwer. Wenn ich Zeit habe, gucke ich bei Hoax-Aufklärern wie

Hoax of Fame /Tumblr

Picture Pedant

Hoax Eye

Museum of Hoaxes

ob das Bild dort schon zu finden ist.  Hoax-Dauerbrenner werden seit vielen Jahren auch bei der TU-Berlin aufgelistet.

Wenn nicht, bleibt nur die Rückwärts-Bildersuche und weitere Recherche. Dieses Paar zum Beispiel war “viral” unterwegs und ich wollte es eigentlich weitergeben:

hoax6screenshot

Die Bilderrückwärtssuche ergab, dass das wahlweise ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, der napoleonischen Krieg oder des Krimkriegs mit seiner Frau sein soll. Das Foto ist bei WikiCommons mit der Quelle “Archive de la Photographie 1840 1940″ vermerkt. So ein Archiv ist aber nicht auffindbar, ein Buch mit einem solchen Titel auch nicht. Ein schönes Bild, aber ob es echt ist? Ich habe nun bestimmt eine halbe Stunde danach recherchiert, aus reiner Neugier, wer macht das sonst schon.

Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.

Inzwischen bin ich so misstrauisch, dass ich auch dieses Bild nicht weiterverbreitet habe, obwohl es toll ist. (Von Kurden aus den ISIS-Gebieten befreite Frauen ziehen die schwarze Kleidung aus).

hoax7 screenshot

Zum Abschluss noch ein modernes Märchen, das mich und andere Eltern seit Jahren verfolgt. Immer und immer wieder wird in unendlichen Abwandlungen von einem weißen Lieferwagen erzählt, der Kinder mitnimmt. Bitte, bei solchen Berichten, auch mit konkreten Ortsangaben: Glaubt sie nicht! Recherchiert erst einmal selbst und forscht nach der Quelle.

hoax2 screenshot

In diesem Sinne für heute: Eine pedantische gute Nacht.

—————————————————————–

*  Nachtrag 27. Juni 2015:

Inzwischen habe ich die Info bekommen, dass die Fotografin der Modestrecke für Le Figaro Madame (Bild in diesem Beitrag ganz oben) einen Bloggerin wegen der Verwendung ihrer Fotos abgemahnt hat. Das war ziemlich teuer. Die Bloggerin hat danach ihren Blog geschlossen.  Heißt das nun, dass ich das Bild auch nicht zeigen darf? Und somit auch nicht vernünftig über missbräuliche Verwendung von Fotos aufklären kann? Verkehrte Welt im deutschen Urheberrecht, irre.

Da ich schon einmal dabei bin: Hier geht es zur Petition für die Rettung der Panoramafreiheit, damit ihr auch in Zukunft in eurem Blog noch eure Urlaubsfotos zeigen dürft.

—————————————————————-

.

Kurzwaren: Linksammlung Nr. 10 und ein Englischproblem

14784832222_72ecb90814_z

Neue Links aus der Kurzwarenhandlung

kimonobroehanscreenshot Flyer

Meine weiteren Linkempfehlungen gehen zu englischsprachigen Seiten, und dafür möchte ich vorher eine grundsätzliche Sache klären: Wie viele von euch kommen rundum gut mit Englisch klar? Ich versuche ja, Anglizismen zu vermeiden und fremdsprachige Zitate  zu übersetzen. Aber ist das hier überhaupt nötig? Vielleicht ist Englisch ja selbstverständlich für euch. Oder sind englische Texte, Videos und Audios für euch komplett uninteressant, weil ihr sie ohnehin nicht versteht?

Darüber grüble ich, seit mir eine Freundin von ihrem Englischproblem erzählt hat.  Sie erlebte den Mauerfall als Jugendliche im Ostteil Berlins und hatte in der Nachwendezeit nicht die geringste Lust, zur hastig eingerichteten Englisch-AG in ihrer Schule zu gehen. Bis heute spricht und versteht sie die Sprache gar nicht. Sie mogelt sich beruflich irgendwie durch. Auch auf Reisen und in der Freizeit ist es schwierig. Ein Karaoke-Abend? Der totale Stress für sie. Sie schämt sich eigentlich, aber hat weder Zeit noch Mut, nach all den Jahren nun einen Sprachkurs zu machen.  Erst vor kurzem hat sie mich eingeweiht und ich war für mein Teil dann sehr beschämt. Wieso gehen wir – vor allem im Internetbereich – davon aus, dass Nutzer selbstverständlich mit englischen Ausdrücken klar kommen? Wie viele  40jährige gibt es noch, die in der Schule oder danach nie die Gelegenheit hatten, die Sprache sicher zu lernen? Einer Statistik zufolge sagen rund 63 % der Deutschen von sich, sie verstünden einigermaßen gut Englisch.  Und wie ist das bei euch? Über eine Teilnahme an der Umfrage würde ich mich freuen.

————————————————–

In der Hoffnung, dass es nützt, hier eine Reihe Linkempfehlungen zu englischsprachigen Seiten:

270-c-i-didnt-know-what-to-say-card-480x528

Soweit meine Tipps für heute. (Sonst mehr bei  Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung).

Bin gespannt auf eure Stimme zum Thema Englisch!

————————————

englscreenshot

Kleine Jungen und alte Zöpfe

1782, Gainsborough, via

Die schönsten Berichte über Mode in der Geschichte  kommen doch immer von Zeitzeugen. Ich könnte nächtelang Memoiren danach durchforsten, ob dort nicht vielleicht auch ein bisschen von Kleidung und Lebensstil erzählt wird.  Letztes Jahr hatte ich schon die Briefe der Liselotte von der Pfalz nach Modethemen durchsucht. Heute kommt nun ein kleiner Ausschnitt aus den Memoiren der Henriette von Oberkirch (1754-1803). Die elsässische Baronin gehört in die Zeit Marie Antoinettes und hat damals Tagebuchaufzeichnungen verfasst, die ähnlich erfrischend sind wie Liselottes Briefe.

1783 ist die Baronin 29 Jahre alt.  Der Adel in Frankreich lebt das Leben des Ancien Régime und ahnt noch nichts von der Revolution, die sich sechs Jahre später ereignen wird. Freiheitliche Ideen schleichen sich aber schon ein, und sei es in Form einer neuen Haarmode für Kinder. Die Baronin berichtet:

1770, via

Dieses Jahr gab es eine Neuheit in der Mode für Kinder, die mir sehr gefiel. Man hatte aufgehört, ihnen den Kopf weiß zu pudern, wie es bisher üblich war. Sie waren ja gänzlich entstellt mit diesen pomadisierten Rollen, diesen Löckchen und diesem ganzen Aufzug. Nichts war lächerlicher als diese kleinen Wesen, mit Zopfbeutel, einem Hut unter dem Arm und dem Degen an der Seite. Seit sich diese Neuerung in der Haartracht durchgesetzt hat, tragen die Kinder die Haare rund und gut geschnitten, schön sauber und ohne Puder.

Diese Neuerungen in der Kindermode sind die Auswirkungen der Aufklärung. Bisher hatten die Kinder kleine Erwachsenen zu sein und wurden auch so gekleidet und frisiert. Die Haare der Jungen wurden wie bei den Männern in Löckchen gelegt, gepudert, zum Zopf gebunden und hinten in einem Beutel aus schwarzem Taft gesteckt. Dieser meist noch mit einer Schleife versehene Haarbeutel hinderte das Haar am Umherfliegen und schützte die Schultern vor dem Puder.

ca. 1750, de la Tour, via

Durch den Einfluss der Reformpädagogen des 18. Jahrhunderts wurde die Kleidung kindgerechter. Statt der steifen Erwachsenentracht trugen die Jungen jetzt einen in der Taille zusammengeknöpften lockeren Anzug, den Skeleton (frz. matelot). Für festliche Anlässe kamen noch Schärpe und Rüschenkragen hinzu. Puder, Zopf und Haarbeutel passten dazu gar nicht mehr.

Statt Degen lieber Rosen und Jojo

1789, Dauphin Louis Charles?, via

In der bürgerlichen Bevölkerung etablierte sich der Skeleton-Anzug erst ab 1800, aber die trendbewusste Königin Marie Antoinette ließ ihren ältesten Sohn schon 1784 in diesem Anzug und mit Kurzhaarschnitt malen (zusammen mit seiner Schwester):

LeBrun, via

Ebenso wie die Königin sind auch die Baronin Oberkirch und ihre Freundinnen 1983 der Ansicht, dass der alte Look nun wirklich unmöglich geworden ist. Sie stylen einen kleinen Jungen kurzerhand gegen den Willen des Vaters um.

Eines Tages brachte man den hübschesten kleinen Jungen der Welt nach Étupes, den Sohn eines Herrn aus der Nachbarschaft. Er trat wie sein Großvater gekleidet ein, hielt sich gerade, sehr beschäftigt mit seinem Degen und seinem bestickten Anzug. Völlig lächerlich, kann ich versichern. Fräulein von Domsdorf flüsterte mir zu, dass es einer Verschwörung bedürfe, um das Kind modisch auf den neusten Stand zu bringen. Sie nahm also die Mutter des kleinen Mannes mit, während der Vater seine Aufwartung machte, und stellte es so geschickt an, dass die Mutter bald ihren Wunsch teilte, den armen Erben von seiner Qual zu erlösen. Die Verschwörer, bestärkt von der Mutter, die aber so tun wollte, als ob sie davon nichts wüsste, nahmen das Kind mit in das Zimmer der Frau Hendel, wohin man den Leibfriseur der jungen Prinzen kommen ließ. In einer halben Stunde ging die ganze Verwandlung vonstatten und er erschien wieder im Salon, sehr zu seinem Vorteil verändert.
Daraufhin waren die unterschiedlichsten Ausrufe zu hören. Der Vater war zunächst ungehalten, wagte es aber nicht, die Sache zu schlecht aufzunehmen und gab schließlich zu, dass die Verwandlung auch von Vorteil war.

Bei den erwachsenen Männern dauerte es etwas länger, bis sich die Änderung in der Herrenmode durchsetzte und alle Köpfe zopflos wurden. Spätestens nach der französischen Revolution galt es, mit der Zeit zu gehen.  Goethe trug sein Haar seit 1792 offen. Der preußische Soldatenzopf wurde dagegen erst 1807 abgeschafft.  Deshalb spricht man noch heute vom “alte Zöpfe abschneiden”, wenn man längst veraltete Regeln oder Ideen überwinden will.

Madame Oberkirchs kleine Modeanekdote ist gar kein langweiliger alter Zopf,  wie ich finde. Obwohl sie eigentlich viel wichtigere Dinge erlebt hat. Sie trifft berühmte Leute ihrer Zeit, reist durch Europa und weiß vom Leben in Versailles zu berichten. Ihre Freundin Sophie Dorothee von Württemberg heiratet den späteren Zaren Paul I.  (Diese Sophie und ihr Zar sind mir vor Kurzem im Schlossmuseum Jever begegnet – das wird noch einmal eine andere Geschichte).

20150408_133857bearb

Einen Teil der Oberkirch-Memoiren hat ein begeisterter Franzose, François Vigneron, letztes Jahr ins Deutsche übersetzen lassen. Zuerst über eine erfolgreiche Start-Next Kampagne und dann noch mit viel eigenem Geld. Ich habe damals aus Interesse geholfen, ganz kleine Passagen wie die mit dem Haarschnitt für das Buch ins Deutsche zu übertragen. Natürlich war das vermessen von mir, die Profi-Übersetzung von Andrea Wurth ist tausendmal besser. Aber es hat Spaß gemacht, in die damalige Zeit einzutauchen. Wenn euch solche Berichte interessieren: Das Buch

“Memoiren der Baronin von Oberkirch: Abdruck einer schönen Seele”

ober

gibt es einmal hier als Hardcover und hier als Taschenbuch zu kaufen. Bei der Buchvorschau könnt ihr einen Eindruck vom Erzählstil der Baronin gewinnen. Ich bin noch lange nicht durch, und am Rand kleben lauter Post-Its.  Vielleicht schaffe ich es ja noch einmal, mir eine Szene vorzunehmen. Zum Beispiel aus dem Geschäft der Rose Bertin, der Stylistin von Marie Antoinette? Oder von Frisuren, in denen Vögel wippen? On verra, mal sehen. Für heute soll es gut sein.  Bon soir!

Stoffspielerei im Mai: Spirale à la Bourgeois

“Clothing is… an exercise of memory…
It makes me explore the past…
how did I feel when I wore that…”
—Louise Bourgeois

DSC09484

KaZe ist heute Gastgeberin der Stoffspielerei*, als Thema hat sie sich Inspiration Kunst (mit Quellenangabe) überlegt.

Dem komme ich sehr gern nach. Meine Quelle sind die Fabric Works von Louise Bourgeois.  Über die  Textilarbeiten dieser französisch-amerikanischen Künstlerin (die mit den Riesenspinnen aus Metall) habe hier schon berichtet. Heute mein (fast) gelungender Versuch, einen Streifenstoff neu zusammen zu setzen.

DSC09487

Das Ganze soll zum Beitrag vom letzten Monat passen. Der war auch schon von Bourgeois inspiriert.

DSC09490

Ein früheres Stück fügt sich (in echt) farblich nicht so ein, aber vielleicht ja zukünftig, wenn mehr Seiten entstanden sind. Man kann die Rechtecke einzeln aufhängen oder zu einem Buch zusammenfassen, links habe ich schon einen Stoffrand zum Zusammenklammern vorgesehen.

DSC09489

Im MOMA kann man sich Stoffbücher von Louise Bourgeois so nah heranzoomen, dass jeder Stich übergroß wird. Besonders gern mag ich  Ode à l Oubli, Ode an das Vergessen. Auf Leinenservietten mit dem Monogramm LBG (Louise Bourgeois Goldwater) sind sehr viele verschiedene textile Techniken zu entdecken. Man muss wirklich nah ran gehen. Ein scheinbar gewürfeltes Geschirrhandtuch ist in Wirklichkeit ein Patchwork aus Gazestoff, Ringe sind aufgerollte Strumpfabschnitte.

bourscreenshot

Inzwischen habe ich mir  die im Internet verfügbaren Interviews mit Louise Bourgeois bzw. ihrem Assistenten Jerry (der verwaltet jetzt ihren Nachlass) angesehen und weiß, wie und warum diese textilen Arbeiten gemacht wurden. Zusammengefasst:

  • Erst in hohem Alter, sie war über 80,  sagte sie zu Jerry: Da lagert noch sehr viel Stoff und Kleidung von früher, hol mir das mal. Sie sortierte die Kleidung und (Aussteuer-)Wäsche nach Farben.
  • Sie hatte ein bisschen Wegwerf-Phobie. Vielleicht machte sie sich Gedanken, was mit den Textilien nach ihrem Tode passieren würde. Durch die künstlerische Nutzung überleben nun wenigstens kleine Stücke davon.
  • Erst seit den 90er Jahren trug Louise immer dasselbe (schwarze “Uniform”), vorher war sie auffälliger gekleidet. Sie mochte blau, weiß, pink.
  • Zuerst nähte sie die Stücke selbst, dann konnte sie die Aufgaben nicht mehr allein bewältigen und ließ nähen. Ihr Assistent meint, die Sachen von ihr seien aufgrund der gröberen Stiche gut zu erkennen :-)
  • Als Näherin wurde 1999 die Argentinierin Mercedes Katz ausgewählt, weil sie so hervorragend feine und regelmäßige Stiche nähen konnte. Sie arbeitete 6 Tage die Woche mind. 5 Stunden für Louise. Oft kamen noch Nähhilfen dazu. Mit Nähmaschine wurde auch genäht.
  • Louises Kindheit war textil geprägt, die Familie hatte einen Betrieb für historische Textilien, ihre Mutter war Spezialistin im Restaurieren. Ihr Vater war sehr modebewusst.
  • Der Vater und die gesamte Familienkonstellation (ihr Vater brachte seine Geliebte mit in die Familie, sie lebte als Louises Englischlehrerin mit im Haus) belasteten Louise derart, dass ihre gesamte Kunst davon bestimmt war. Vielen ihrer Motive liegen Kindheitsgeschichten zugrunde. Sie erzählte das auch detailreich und offen – irgendwann gibt es sicher ein Dekodier-Lexikon für ihre Kunst.
  • Viele Motive der Stoffarbeiten beruhen auf den Zeichnungen Louise Bourgeois. Beim MoMa z.B. werden die Parallelen im Werk aufgezeigt. Sie nannte die Stoffzeichnungen entsprechend auch “Fabric Drawings”.

Ich gebe zu, ich habe immer Hemmungen, Künstler nachzumachen. Schon gar nicht bin ich der Meinung, dass man sich mit solchen Kopien stolz in die Öffentlichkeit wagen sollte. (Ich habe eine richtigen Hass auf feixende Fälscher wie Wolfgang Beltracchi, die überhaupt nicht begriffen haben, was Kunst bedeutend macht. Die tatsächlich glauben, sie seien so gut wie ein anderer, nur weil sie den Stil täuschend echt nachahmen können.)

Aber am Ende dachte ich mir: Louise wäre es herzlich egal gewesen. Außerdem kann ich meine Stücke ja kurzer Hand zu einer Bewältigungsstategie erklären: Hiermit überwinde ich die Furcht, nicht originell zu sein!

DSC09484

Jerry, der Assistent, sagt zu den Fabric Works: “Es geht um die Idee von Wiederherstellung, Versöhnung, darum, Dinge zusammenzuhalten angesichts eines drohenden Zerfalls”.

Was für schöne Worte, passend für alles Patchwork.  (Filmtipp am Rande: Zum Versuch, eine Familientragödie zu überstehen gibt es noch bis Mittwoch die wirklich berührende Doku “Die Folgen der Tat” in der ARD-Mediathek zu sehen. Vor allem die Mutter der Ex-Terroristin Susanne Albrecht hat mich sehr beeindruckt.)

———————————————–

Nun noch ein bisschen zur Praxis

Über die Machart schrieb ich schon 2013 in den Kommentaren:

“Das sind alles “Stoffkeile”, die dann kreisförmig aneinandergenäht wurden. Und zwar offenbar eher wie bei einer Applikation, nicht wie beim Paper Piecing. Beim Nachmachen würde ich es aber wie beim English Paper Piecing versuchen, das müsste gehen. Die Mitte dürfte aber ein Riesenproblem sein, die hat sie hier ja freundlicherweise abgedeckt.”

DSC09443

Genauso habe ich es gemacht,

DSC09480

und genauso ungenau ist es in der Mitte geworden. Was auf dem Foto nicht auffällt.

DSC09487

Eine Spirale statt eines Spinnennetzes. Unfreiwillig, aber eigentlich besser so, da gibt es einen Ausweg.

Später schaue ich mir in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben, freue mich schon. Die Links sind bei  Karen zu finden.  Vielen Dank!

——————————————————————————————-

——————————————————————————————-

*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
28. Juni            Frifris    Thema Knöpfe
26. Juli         SOMMERPAUSE

Runde Schönheiten 1904 und ein Kuchenstück

1904 frau2

Bei einem Schönheitswettbewerb der Zeitschrift “Berliner Leben” stimmen 1904 die meisten Leser für eine weich und sinnlich geformte Vally. Heutzutage wäre Vally ein Plus-Size Model und dürfte bei Germany’s Next Top Model wahrscheinlich noch nicht einmal durch die Tür zum Casting.

Geht man die Zeitschrift weiter durch, so sind die meisten Frauen dort  ziemlich rundlich. Nach  nach heutigen Maßstäben würden einige von ihnen wohl über eine Diät nachdenken.

berliner leben 1905 stickdec (2)

Damals aber galten sie nicht als zu dick. Vielmehr waren sie wohlgenährt und damit schön.

1901 frau2

1903 frau1a

1906 frau1

Die Zeitschrift zeigt viele Sängerinnen und Schauspielerinnen. Ich habe nicht einen einzigen “Hungerhaken” unter den Bühnenschönheiten gefunden. Man beachte auch die damals moderne Form der Gänsebrust, die mit entsprechenden Korsetts extra so geformt wurde. Heute würden alle sofort schreien: Zieh dir doch mal einen vernünftigen BH an!

1903frau2

1903 frau9

Apollo-Theater, Blumenballet aus “Frühlingsluft”.

Ein Badebild von 1906 zeigt, wie die Frauen ohne Korsett aussahen. Auf dem Steg ganz rechts sitzt die 24 Jahre alte Berliner Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary.

1906 baden

Sie wurde später eine Berühmtheit, die Massary, und Modeikone. Die weibliche Bevölkerung richtete sich nach ihrem modischen Geschmack.

wikithe (Ausschnitt, via)

Fritzi Massary 1904 auf der Bühne.

Natürlich sehen die Frauen auf den Gesellschaftsbildern der Kaiserzeit aus heutiger Sicht zum Teil ziemlich matronig aus.

1906 ferienbay

matronevia

Aber das ist eben unsere Sicht. Und auch eine Frage des Stylings, denn zu diesem Ballbild von 1904 fällt einem das Wort “Matrone” eher nicht ein.

1904 frau1

Das Foto wurde auf dem  “Rattenball” gemacht, mit dem in Berlin jährlich offiziell die Karnevalsaison eröffnet wurde. “Das Auftreten von Teilen der besten Gesellschaft” erregte 1905 vor allem in der Presse großes Aufsehen.

Festzuhalten ist also, dass vor hundert Jahren der Durchschnitt der heutigen weiblichen Bevölkerung in unserem Land ganz zufrieden vor sich hin leben könnte, jedenfalls was das Gewicht angeht. Zu Dick (was auch immer das dann war) sollte man aber auch 1904 nicht werden – wie diese Anzeige gegen Korpulenz beweist.

1903 werbu

Schon hier wird ein ominöses Verfahren mit “Keine Diät, sicherer und rascher Erfolg” beworben. Da hat sich in 100 Jahren nicht viel getan, nur die Maßstäbe für  Korpulenz haben sich verschoben.

DSC09475

Ich werde jetzt jedenfalls voller Genuss dieses Stück Rhabarberkuchen essen, und dann vielleicht noch eins und noch eins. Endlich habe ich ein weltbestes Rhabarberkuchenrezept gefunden, und zwar HIER. (Ohne Kneten, Ohne Vorheizen, Ohne Warten. Man muss nur schlau sein und den Eischnee mit Zucker ZUERST schlagen, dann kann man den Quirl ohne Abwaschen gleich weiterbenutzen. Änderungen zum Rezept: Prise Salz in den Teig, mehr Rhabarber,  Mandeln auf Baiserhaube).

Morgen ist Pfingsten, so wie schon in Berlin im Jahre 1904.

1904 pfingsten (2)

Da stehen alle an der Kaffee-Küche an. Frohe Pfingsten!

1904 pfingsten
——————————————————————————————–

Diese  Bilderserie ist nur möglich, weil die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mehrere Jahrgänge der Zeitschrift Berliner Leben digitalisiert und die Daten in die Public Domain entlassen hat. Weil die Scans gemeinfrei sind, kann ich im Blog Ausschnitte zeigen. Das erlauben noch nicht so viele Institutionen in Deutschland. Danke!

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 9

banyan1914brig

Links und Lesetipps zum Frühstück.

——————————-

Ausstellung:  Guter Stoff – Kleidung im DDR-Alltag ist nun schon vorbei.  Ich konnte meine Nase nur an der Scheibe zum gläsernen Raum plattdrücken. Hehocra war drin und berichtet.

——————————

Ausstellung: Glanz und Grauen – Mode im “Dritten Reich” im Industriemuseum Bocholt, bis 1. November 2015. Sie hinterfragt unsere Klischeevorstellungen zu Nazimode als Tracht und Dirndl. Bei Youtube gibt es einen Einblick in die Ursprungsausstellung. In Bocholt sind über 100 originale Kleidungsstücke und 500 weitere Objekte aus der NS-Zeit zu sehen.

———————————–

Ausstellung: Karl Lagerfeld, Modemethode in der Bundeskunsthalle Bonn, bis 13. September 2015. Wer Haute Couture aus der Nähe sehen möchte, hier ist das möglich. Hier bei Journelles gibt es ein paar Einblicke in die Inszenierung der mehr als 120 Looks, sieht gut aus.

——————————-

Ausstellung: Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode,  bis 20. September 2015 in Hamburg. Dazu gehört auch der interessante Blog Stilbrise. Die Ausstellung ist in allen Medien rauf und runter oft und gut besprochen worden. Fast habe ich das Gefühl , ich weiß schon alles und muss nicht mehr hingehen. Oder?

———————————–

Für ihren Blog Die Museums-Challenge besucht die Autorin ein Jahr lang Geschichtsmuseen. Inzwischen ist sie bei Nummer 18.  Ich freue mich, dass sie immer noch am Ball ist.  Über die Hamburger Ausstellung berichtet sie bei Nummer 16.

———————————-

Wie ein Tutu gemacht wird und viele andere interessante Artikel bei Fashiontwist.

———————————–

“Reisen wird überschätzt”, Inspiration deutsche Neo-Hippies u.a.. Interview mit Dries van Noten im Tagesspiegel.

————————————

Video: “Jean Paul Gaultier arbeitet” – In dieser Doku auf Arte zeigt der Designer, wie er seine Modelle entwickelt hat. (noch bis 14.7.15)

————————————

Video: Künstlerin baut Tante-Emma-Laden aus Filz, man kann dort einkaufen gehen

———————————–

Fotos: Eine japanische Künstlerin hat wunderbare Bilder von Frida Kahlos persönlichen Gegenständen gemacht, sehr berührend. Eine Prothese mit rotem bestickten Stiefel hatte Frida selbst entworfen.

———————————–

Operation Schlumpfleder” – vom wenig erfolgreichen Versuch, aus Bakterien Leder zu züchten.

———————————–

Ein Tuch mit QR-Code, in dem eine Botschaft versteckt ist. Tolle Idee und grafisch sehr ansprechend.

———————————–

Soweit meine Links und Lesetipps für heute. (Siehe auch Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung). Schönen Sonntag wünsche ich!

 um 1910, via

———————————–

Männer und Frauen an der Nadel

Stamps_of_Germany_(Berlin)_1986,_MiNr_756via

Warum gelten Handarbeiten als weiblich? Dieser Frage gehe ich hier ja nun schon eine ganze Weile nach.  Katja beschäftigt sich bei  Krachbumm auch mit weiblichen Klischeebildern. Sie hat mich gefragt, ob ich für ihre Serie “Alltagsmythen neu im Blick” einen Gastbeitrag schreiben könne.  Heute findet ihr also bei ihr meinen Zwischenstand “Über die Erfindung der Handarbeit als weiblich“. Lest gern dort weiter!

Stände Amman Der Seydensticker.pngvia

Seidensticker, Mann und Frau

Stände Amman Der Teppichmacher.pngvia
Teppichmacher, Mann und Frau

Fotothek df tg 0008631 Ständebuch ^ Beruf ^ Handwerk ^ Kleidermacher.jpgvia
Kleidermacher, Mann und Frau

Fotothek df tg 0008642 Ständebuch ^ Beruf ^ Handwerk ^ Weber ^ Tuchmacher.jpgvia
Tuchmacher, Mann und Frau

via

via 

Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238223.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten – CH-BAR – 3238223“ von Schweizerisches Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238219.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten“ Schweizerisches Bundesarchiv, Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern - CH-BAR - 3238724.tif
1914-18 „Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern“ von Schweizerisches Bundesarchiv,  Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Ich gebe zu, beim letzten Bild sind die Männer bloß die Aufseher, aber das sind tolle Fotos aus der Schweiz, oder.

Soweit diese kleine Illustration zum Thema Handarbeit, Männer, Frauen. Weiter geht es bei Krachbumm.