Bericht aus der Kleiderkammer #BloggerFuerFluechtlinge

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Überlegt ihr, bei einem Flüchtlingsheim Spenden abzugeben? Oder habt ihr schon Sachen vorbeigebracht und fragt euch, wie es danach weiter geht?

Das geht dann so:

Jemand Freiwilliges, vermutlich eine Frau, nimmt sich Tüte/Tasche/Karton, öffnet sie und schaut, was drin ist. Sie durchsucht den Inhalt schnell. Wenn nur Sachen einer Art darin sind, ist das gut, denn der Sack kann gleich in den entsprechenden Bereich zum Weitersortieren. Kinderkleidung in das Lager mit den Kindersachen zum Beispiel,  Spielzeug, Schuhe, Taschen, Schulsachen, Drogeriewaren, Geschirr und so weiter in andere Ecken.  Die Männerkleidung schaut die Freiwillige sofort genauer durch und zieht Hosen, langärmlige T-Shirts und Schuhe heraus, bringt sie nach vorn in den Raum mit der Ausgabe. Da stehen Männer aus Syrien, vom Balkan oder aus Afrika in Flipflops und suchen vergeblich nach Hosen in Größe S und Schuhen in Größe 40, 41, 42, 43.  Das Männerschuhregal ist leergefegt, während daneben Berge von Frauenschuhen noch auf eine Sortierung nach Größen warten.

Als sie gerade dabei ist, den Inhalt eines großen Reisekoffers durchzusehen, gibt ihr ein älterer Mann mit Händen und Füßen zu verstehen, dass er gern den Koffer hätte. Sie weiß schon, sie kann den nicht einfach so vergeben, das wäre ungerecht. Vielleicht ist irgendwo eine Familie, die ihn viel nötiger hat, die kommt dann mit einem Schein und darf einen Koffer oder eine Reisetasche mitnehmen – wenn denn gerade so etwas da sein sollte.

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“Wieso können die Flüchtlinge das denn nicht selbst sortieren? Die haben doch Zeit.” Das hat sie schon mehrmals gehört. Was soll sie antworten? Dass man hundert Durstigen in der Wüste nicht eine Palette Wasserflaschen hinstellt und sagt: Hier, nehmt euch?

Was toll ist: Wenn die Spender sich auf der Bedarfsliste der Initiative genau durchgelesen haben, was gebraucht wird. Wenn sie vielleicht sogar etwas von der Liste neu gekauft haben. Wenn auf den Spendentüten draußen schon drauf steht, was drin ist, am allerbesten mit Größenangabe. Wenn die Sachen heil und gewaschen sind.

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Während sie die Säcke durchgeht, kommen immer wieder neue Lieferungen an. Sie hatte sich vorgenommen, heute wenigstens die Tüten im Flur zu schaffen, aber innerhalb weniger Stunden hat sich die Menge vervierfacht. In den anderen Räumen lagern noch viel mehr Säcke, die sortiert werden müssen. Es macht sie ganz unruhig, dass da vielleicht irgendwo Sportschuhe drin sind, die die alleinreisenden Minderjährigen mit ihrem Sozialarbeiter vorhin vergeblich gesucht haben. Vielleicht ist da auch Nachschub für das letzte große Langarm-Shirt, über das sich der arabisch aussehende XL-Mann mit mehreren Luftsprüngen so sehr gefreut hat.

Viele hilfsbereite Menschen kommen vorbei und fragen, was sie tun können, das ist beeindruckend. Auf jeden Fall zum Beispiel Sortieren, sagt sie. Die Frauen (und ein Mann) wollen wiederkommen.  Ja, es genügen auch nur mal zwei Stunden, jede Hand wird gebraucht. Toll wäre, wenn sich jemand um den Raum mit den Nähmaschinen kümmern könnte. Sie sind alle funktionstüchtig, Garn, Nadeln, Scheren, Bügelbrett, Stoff ist da. Wolle, Stricknadeln gibt es auch. Die Bewohnerinnen fragen immer wieder nach, wann sie nähen können.  Aber dafür müssten erst all die Säcke aus dem Raum heraus, und jemand müsste es übernehmen, feste Nähzeiten anzubieten. Die Helfer, alle ehrenamtlich, schaffen es mit Ach und Krach, die Ausgabetermine für die Kleidung zu organisieren, mehr ist nicht drin.

Am Abend geht sie nach Hause, völlig kaputt. Sie soll alles so liegenlassen, haben die anderen gesagt, sie soll auf sich aufpassen, nicht zu viel zu machen. Sie soll auch den Kopf abschalten, aber ein Bild lässt sie nicht los: Der kleine Junge, der sich Schulsachen aussuchen durfte, weil er in einer Willkommensklasse eingeschult wird. Wie er da stand da, pfiffig und stolz in seinem Fußballshirt und seinen abgewetzten Crocs. Er konnte schon ein bisschen deutsch und wünschte sich für den Schulweg unbedingt einen “Regenschirm”, das Wort kannte er ganz genau und hielt sich den imaginären Schirm über den Kopf. Wir hatten keinen Regenschirm, nirgends.

Ich hätte ihm sehr gern einen Regenschirm gekauft. Aber dann dachte ich an die anderen Kinder an seiner zukünftigen Schule, die sich untereinander erzählen, “die Flüchtlinge haben alle ein Iphone 6” und die gespendete Schulranzen, abgewetzte Crocs und einen Regenschirm wahrscheinlich uncool finden werden. Vielleicht wird dieser kleine pfiffige Junge nicht mehr lange so stolz sein, aber vielleicht ist das nicht das Schlimmste, vielleicht holt ihn auch die Polizei aus dem Klassenzimmer, weil er zurück in sein Land soll, obwohl für all diese kleinen wachen Menschen hier genug Platz wäre.

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Ich danke an dieser Stelle einmal all den vielen Helfern, die unbeachtet von allem dem großen Gerede und Geschrei einfach anpacken und etwas tun, in welcher Form auch immer. Ganz besonderes danke ich hier mal den Frauen, die mit ihrer Tatkraft und Lebensklugheit viele solcher gemeinnützigen Einrichtungen und insbesondere die Kleiderkammern am Laufen halten.

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Wenn ihr etwas tun möchtet:  Sucht im Internet nach den Flüchtlings-Initiativen in euer Nähe, vieles läuft auch über Facebook. Oft steht im Internet, was gebraucht wird. Mailt dorthin, oder geht direkt zu den Einrichtungen und fragt nach, was ihr helfen könnt. Wenn sich gerade erst Initiativen bilden, macht mit, jetzt oder später. Tut nicht mehr, als in eurer Kraft steht. Geldspenden helfen auch sehr, denn dann können z.B. die fehlenden Turnschuhe gekauft werden. Und wenn ihr in Berlin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bei einem Nähraum mithelfen möchtet, meldet euch gern bei mir per Mail: info@textilegeschichten.net

Ein anderer Blick in eine Kleiderkammer in Berlin bei Mareice, sehr beeindruckend.

Ein Bericht mit konkreten Tipps: “Die 4 Tyen von Kleiderspendern“.

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UPDATE

Flagge zeigen und Augen öffnen! Es gibt jetzt eine Internetseite der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge mit einer Verknüpfung der teilnehmenden Blogs und einer Spendensammlung bei betterplace.org

Rätselfall Familienalbum: Ein Strandbild im Detail

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Hier seht ihr eine Strandkorbszene aus Norderney. Ganz links auf dem Bild im gestreiften Kleid steht meine Urgroßmutter Adelheid, so viel ist sicher. Aber sonst? Wer sind die anderen, und was machen sie da? Vor allem: Aus welcher Zeit stammt die Aufnahme? Auf der Suche nach Antwort auf diese Fragen habe mit detektivischer Lust heiße Sommernächte durchrecherchiert. Ich hätte nie gedacht, wie weit man allein schon über die Details der Kleidung auf einem Foto kommen kann. Aber der Reihe nach:

1. Lebensalter

Urgroßmutter Adelheid kam 1865 in Bremen als Tochter eines Kapitäns auf die Welt.  Auf dem Foto ist sie, schätze ich mal, mindestens 13 Jahre alt. 1878 wäre danach die zeitliche Untergrenze für das Strandbild.

2. Der Fotograf

Über den Fotografen Fritz Gärtner aus Hannover ist online nicht viel zu lesen. Er hatte eine Filiale in Norderney und war dort (neben anderen) als “Hofphotograph” tätig. 1892 bot er Fotos auf Ziffernblättern von Taschenuhren an, das ist diesem Buch in Snippet-Ansicht zu entnehmen.

3. Die Kleidung

Für die zeitliche Obergrenze des Fotos habe ich ein Indiz. Dazu muss ich dieses Strandfoto heranzoomen, das Norderney im Jahre 1900 zeigt.


Ein kleines Detail verrät, dass es später aufgenommen sein muss als das Bild mit Adelheid. Wenn man genau hinsieht:  Die Frauen tragen alle Kleidung mit Ballonärmeln.

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Solche Ärmel, unten eng und oben aufgeblasen, kamen als Gigots, bzw. Schinken- oder Hammelkeulenärmel um 1892 auf und blieben einige Jahre in Mode.  Meine Urgroßmutter Adelheid und die anderen Frauen auf dem Foto aber tragen noch schmale Ärmel, die allenfalls in der Höhe ein bisschen gepufft sind.

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Damit hätte ich eine erste Obergrenze für das Familienfoto: Diese schmaleren Ärmel waren nur bis ca. 1892 üblich.

Vielleicht verrät der Rest der Kleidung noch mehr? Das Streifenkleid ist ja ziemlich auffällig neben den dunklen Gewändern der drei anderen Frauen. Online sind einige Streifenkleider für die Zeit von 1880 bis 1890 zu finden, zum Beispiel dieses beim MetMuseum von 1885/88. Dort heißt es,  gestreifte Textilien seien gern beim Tennis, Segeln oder zu Strandspaziergängen getragen worden, wahrscheinlich wegen des nautischen Looks.

Dazu passt dieses schöne Foto einer britischen Ruderin von ca. 1890.

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Ich bezweifle aber, dass die Kapitänstochter Adelheid extra für den Norderney-Urlaub ein Kleid geschneidert bekommen hat. Andere Quellen zeigen, dass der Streifenlook auch alltags oder sogar als Abendlook getragen wurde.

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Streifenkleid Katalog 1882

Streifenkleid Chicago History Museum 1884, Abendkleid von Worth.

Streifenkleid ab 1885, via FloridaMemory

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Ich finde, dieses Kleid der Frau in Florida kommt Adelheids Look ziemlich nah. Für die weitere modische Einordnung muss der Blick auf die Silhouette des Rockteils fallen. In Laufe der 1880er Jahren wandelte sich die Linie dort nämlich.

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Zunächst hatte sich in den Jahren 1875-1881 nach den weiten Krinolinen eine sehr schlanke Kleiderform etabliert, die sogenannte Kürass-Taille, der Rüstung der Kürassierer nachempfunden. Die Linie war bis zu den Knien hinunter extrem schmal.

Tenniskostüm 1881

Ab 1882 wurde der Rock dann wieder etwas weiter und hinten hochsteckt (Turnüre). Diese Zeit der sogenannten 2. Turnüre dauerte bis 1890.  Der Stil wurde aber durchaus auch noch danach beibehalten, sagt eine Bachelorarbeit zur Datierung von Kleidung in Fotgrafenateliers.

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Adelheids Rock auf dem Foto sitzt an den Hüften nicht schmal wie beim Kürass-Stil, so dass ich das Bild auf nach 1882 einordnen würde. Es scheint auch, dass sie aus dem Flachmann der Dame unten im Sand ein Gläschen abbekommen hat, also dürfte sie schon etwas älter sein. Mindestens 18 Jahre (1883) würde passen.

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Ein weiteres wichtiges Detail: Adelheid trägt an der rechten Schnapsglas-Hand keinen Ehering. In den deutschsprachigen Ländern wird der Ehering aber traditionell an die rechte Hand gesteckt. (Warum das anders ist als in den anderen europäischen Ländern – ein weiteres Rätsel). Adelheids ringlose Hand dürfte danach in die Zeit vor 1887 zu datieren sein, denn 1887, mit 21 Jahren, hat sie meinen Urgroßvater geheiratet.

Aufgrund dieser Indizien tippe ich darauf, dass die Aufnahme aus der Zeit zwischen 1883 und 1886 stammt.

4. Der Strandkorb

Gab es zu der Zeit überhaupt schon Strandkörbe auf Norderney? Die Legende will, dass der erste Strandkorb 1882 in Rostock vom Korbmacher Bartelmann auf Bestellung einer älteren Dame gebaut wurde. Das kann aber nicht stimmen.

Auf Norderney sind Strandkörbe seit den 1870er Jahren dokumentiert. Und Theodor Fontane schrieb im August 1882 aus Norderney:

„Vom Kurhause ging ich an den Strand und dämmerte so von Bank zu Bank. Als ich an der Hauptstelle war, wo viele hunderte von Korbhütten stehen, in denen man die Seeluft genießt, fühlte ich mich von hinten her gepackt, und der kleine jüdische Maler-Professor Michael stand vor mir. […] Er schleppte mich an seine Korbhütte, wo ich nun der Frau Professorin […] vorgestellt wurde.“

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Strandkorbversteck 1899: “Was seh ich? – O ihr guten Geister. Mein Roderich!”

1899, via

 5. Das Kinderspielzeug
Die unbekannten Kinder halten Tennisschläger und Ball, Spaten und Eimer.

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Ein ganz ähnlicher Sandeimer ist auf einem anderen Foto aus der Zeit nach 1882 zu sehen.

via Wiki

Außerdem beachte man die helle Mütze der Dame. Solche Schirmmützen scheinen zu der Zeit am Strand Trend gewesen zu sein. Auf meinem Familienfoto sind sie gleich sechs Mal zu finden.

6. Die älteren Damen

Sie handarbeiten im Strandkorb. Eine strickt rund, die andere scheint zu nähen. Vielleicht ist die Frau mit der Nähnadel Adelheids Mutter? 1883 wäre sie 54 Jahre alt gewesen.

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7. Der Junge

Wenn das Bild tatsächlich aus der Zeit zwischen 1883 und 1886 stammt, dann kann das hier nicht, wie zunächst vermutet, Adelheids Bruder Hinrich Detmer sein. Der hat nämlich nur bis 1878 gelebt. Wer auch immer das ist, er hält demonstrativ etwas in der Hand. Heute hätte ich auf einen lapprigen kalten Hamburger getippt, aber damals? Ich überlege auch, ob der Junge einen Trauerflor am linken Ärmel trägt?

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Mit welchen Personen Adelheid da im Urlaub war, ist noch offen. Vielleicht ergibt der Vergleich mit anderen Fotos später eine Auflösung.

8. Der Ort der Aufnahme

Ein Freund hat es entdeckt: Auf dem Schild im Hintergrund des Fotos steht “Lesehalle, Leihbücherei”.

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(Und auf dem Strandkorb liegt vielleicht so ein Umhang, wie ihn die Frau im Hintergrund trägt?)

Aus einer Norderney-Chronik:

 An der Zuwegung zur Promenade stand die von Bauinspektor Nienburg entworfene und im “Schweizer Stil” erbaute Lesehalle, Buchhandlung und Leihbibliothek von Hermann Braams aus Norden.

Auf Postkarten um 1900 ist die Lesehalle abgebildet. (Im Vordergrund auch gut zu sehen: die Form der Tennisschläger. Die Damen tragen hier Pomponmützen).

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Ein Foto der Lesehalle und noch ein Blick von der Seeseite. Das Strandkorbfoto dürfte danach gleich rechts neben der Seebrücke vor der Lesehalle aufgenommen worden sein.

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Das ist nun alles, was ich bisher herausgefunden haben. Wie man merkt, habe ich mich ziemlich in die Bilderfragen hineingekniet, das war spannend. Vielleicht kommt ja jemand vorbei und weiß mehr oder kann mich korrigieren. Es würde mich freuen!

Zum Abschluss noch gemalte Strandszenen aus der vermuteten Zeit des Fotos.

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1887   via

Zeitlich ein bisschen später, aber schön für die Atmosphäre: “Sonnentag am Strand”.

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Eine gute Woche wünsche ich. Sollte jemand gerade im Strandkorb sitzen, bitte melden!

Colorierungsversuch – selbst ist die Frau mit der App

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Der Post mit den Parkbildern hat mich inspiriert, es auch einmal mit den Farben zu probieren. Es sind zwar nur virtuelle Pinsel und Kreiden, aber Malen auf dem Tablet  mit der App Line Brush macht immer noch Spaß.

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So sind nun der Berliner Tiergarten und die Dame in der Sommerfrische ein bisschen verwandelt.

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Wenn man übrigens “Colorierungsversuch” googelt, dann kommen Sexy-Manga/Airbrush/BobRossHerbstlaubbilder. Da füge ich mich nun ein.

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Stay tuned, schaut mal wieder vorbei. Mir stehen lange Zugfahrten bevor, das Tablet nehme ich mit.

Parkbilder über den Atlantik

Dame mit Tasse in Boston, 1895–97

1906 125 Berliner Dame mit Tasse, 1906

Im Mai gab es hier Parkbilder aus Berlin um 1900 zu sehen. Nun bin ich beim MetMuseum auf Aquarelle des us-amerikanischen Postimpressionisten Maurice Prendergast gestoßen, der um die Jahrhundertwende ebenfalls Szenen im Grünen eingefangen hat, nur eben auf der anderen Seite des Atlantiks. Mir gefallen die Aquarelle sehr gut. Ich musste sofort an die Berliner Aufnahmen denken. Die Fotos in Schwarz-Weiß wirken im Vergleich zur Malerei so gedrückt. Freude, frische Luft und Leichtigkeit ist schwer vorstellbar. Die Aquarelle des amerikanischen Malers geben vielleicht eine Ahnung davon, wie bunt und lebendig die sommerlichen Stunden auch in Berlin gewesen sein könnten. Daher nachfolgend eine kleine Gegenüberstellung aus beiden Welten.

Maurice Prendergast, Pedestrians in a Park, 1900-1903

Spiele auf einer Landpartie, Berlin 1901

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Auf dem Schoß in Boston, 1895–97 (Large Boston Public Garden Sketchbook)

Auf dem Schoß im Berliner Zoo, 1904

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Kinderwagen im Park in Boston, 1895–97

Kinderwagen im Berliner Tiergarten, 1898

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Unterwegs mit dem Dreirad, Boston, 1895–97

Kinderkarre in Berlin 1904

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Parkbänke mit Mädchen und Frauen. Ob die Dame in den USA mit Sonnenschirm und Handschuhe die Mutter ist? Auf der Berliner Bank im Zoo könnte es auch das Kindermädchen sein, das die Zeit zum Häkeln nutzt.

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Teiche und Fontänen

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Nach dem Spaziergang im Lokal trinken und rauchen die Herren mit ihren Zylindern auf dem Kopf, hüben wie drüben.

Frau vor einem Café, Boston,  1895–97

In der Holländischen Likörstube, Berlin 1904

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Schade, dass sich die Berliner Fotos nicht lebendiger machen lassen. Man könnte sie ja colorieren, aber das sieht eigentlich immer blöd aus. Vielleicht haben ja für heute die Aquarelle aus Übersee ein bisschen abgefärbt.

Alle Aquarelle:

Maurice Brazil Prendergast (American, St. John’s, Newfoundland 1858–1924 New York), via MetMuseum. (Bis auf das erste Bild alle Skizzen aus Large Boston Public Garden Sketchbook, 1895–97, Link=Klick aufs Bild). Derzeit läuft im Museum auch eine Ausstellung mit Prendergasts Bildern.

Alle Fotos:

Zeitschrift Berliner Leben bei der ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

P.S.

Ist zum Glück kein Aquarell: Das ganze Foto der Berliner Dame mit Tasse (oben im Beitrag als Ausschnitt). Frau Kammersänger Rothmühl ist in der Sommerfrische in Marienbad. Mit Ehemann, Flock, Flick, Lady und Bijou.

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Stoffe für die Haute Couture – Industriegeschichte in Frankreich

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Stoff hängt über einem Färbebottich, Garnrollen stehen bereit im Textilmuseum des Departements Tarn in Südfrankreich. Vielleicht ist ja jemand von euch gerade in der Gegend des Languedoc und hat Lust, sich den Weg der Stoffherstellung vom Rohstoff bis zum fertigen Tuch vorführen zu lassen. Ich war komplett begeistert von der Informationsfülle in dieser alten Textilfabrik, in der auf Initiative der ehemaligen Mitarbeiter inzwischen eine große Zahl von Maschinen und Zubehör versammelt ist.

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Auch vor hundert Jahren wurde schon recycelt. Hier wird ein roter Pullover geshreddert, um danach wieder neu versponnen zu werden.

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Mit dieser Kardiermaschine werden die Wollflusen geordnet, als Vlies ausgerichtet und in Bänder geteilt für das Spinnen vorbereitet.  Unsere Führerin setzte die Maschinen in Gang. Es war beeindruckend, alles in Aktion zu sehen und zu verstehen, wie die Prozesse ablaufen.

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Wir erlebten auch, wie rasend schnell die Vliesbänder zu Garn gezwirbelt wurden. Und bekamen einen Eindruck davon, wie gefährlich die Maschinen waren, wie unglaublich laut. Die meisten Ausstellungsstücke sind kleine Versionen von größeren Maschinen.

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Auf diesem Gestell konnten Knäuel maschinell gewickelt werden .

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Im industriellen Bereich braucht man solche großen Garnrollen, die auf französisch Fromage, Käse, heißen.

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Aus großen Holzgestellen laufen die Fäden von den Käsen zur Vorbereitung der Kette für den Webstuhl.

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Und hier wird nun gewebt. War ein gewebtes Stück fertig und abgeschnitten, so mussten Frauenhände die 1500 Kettfäden wieder verbinden. Sie arbeiteten von beiden Seiten des Webstuhls aufeinander zu bis zur Mitte. Für die eine Seite waren Linkshänderinnen besonders gut geeignet. Da sie seltener zu finden waren, wurden sie besser bezahlt.

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In diesem moderneren Webstuhl schlugen und krachten die Metallschiffchen beeindruckend schnell.

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Das Gewebe wurde anschließend auf einer Art Leuchtkasten Stück für Stück nach Webfehlern abgesucht. Unten ist so ein Webfehler zu sehen. Es war dann wieder Frauenarbeit, die fehlenden Schussfäden fein säuberlich nachträglich per Hand durch den Stoff zu weben. Da man dafür besonders geschickt sein musste, gab es auch für diesen Posten Prämien .

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Bei Textilien ist es ja wichtig, sie anfassen zu dürfen. Im Museum ist das kein Problem, es gibt sogar überall Fühlproben. So versteht man auch sofort, warum die gewebten Stoffe einer Nachbehandlung bedürfen, wenn sie weicher und glatter oder fester und filziger werden sollen.

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Ein Veredelungsschritt nach dem Weben ist die heiße Wäsche in passenden Kammern. Für Militärmäntel blieben die Stoffe viele Stunden darin, bis ein schweres, fast wasserdichtes Tuch entstand.

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Es gibt noch jede Menge andere Maschinen, die das gewebte Tuch weich machen, aufrauen, scheren, glätten, verdichten, was auch immer. Insgesamt waren 32 Arbeitsschritte notwendig, um vom Rohmaterial zum lieferfertigen Produkt zu kommen.

Komplett überrascht hat mich diese Maschine unten: Das ist eine “Ratineuse”, eine Ratinirmaschine, die soll den Stoff schön zottelig und pillig machen! In den 40er Jahren waren Mäntel aus solchen gepillten Stoffen wohl in.

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Daher reiben bei dieser Maschine Filzplatten auf dem Stoff hin und her, bis die heute unbeliebten kleinen Kügelchen entstehen.

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Ein Hit ist auch diese Rolle einer Kratzmaschine, die, mit einer riesigen Menge Distelköpfen Karden ausgestattet, Tuche schön aufflauschte. Im Anschluss an das Aufrauen waren Frauen damit beschäftigt, die im Flanell hängengebliebenen Pflanzenstückchen mit Pinzetten wieder herauszuzupfen. Nach und nach wurden die Karden in den Rauhmaschinen durch Metallhäkchen ersetzt. (Dank an Croco, die inzw. darauf hingewiesen hat, dass Karden botanisch nicht zu den Disteln gehören).

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Tuchrauher mit Kratze aus Weber”disteln”, 1695, Ausschnitt via Wikicommons

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Tuchbereiter mit Distelkarden und Tuchschere, 1611. Ausschnitt via Wikicommons

Im ersten Stock der alten Fabrik geht es um Trikotherstellung,  außerdem wird Kleidung gezeigt, die mithilfe der Textilindustrie in der Gegend entstanden ist. Die großen Couturehäuser waren bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts Kunden. Vertreter reisten mit Stoffproben immer wieder nach Paris. Es brauchte viel Mühe, bis zum Beispiel Courrège mit einem Roséton zufrieden war, der ihm eigentlich zu sehr in Richtung Himbeere ging.

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Das Muster dieses Dior-Oberteils heißt Hennentritt, “Pied-de-poule”, weil es ein kleines Muster ist.

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In der größeren Version dieses wunderbaren Mantels wird das Muster zum uns bekannten Hahnentritt, “Pied-de-coq”.

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Ein tolles Strickkleid…

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… und noch viele Utensilien, wie zum Beispiel diese Pappen für einen Plissiermaschine.

Es gab noch unendlich viel mehr zu sehen. Im obersten Stockwerk war Platz für eine kleine aber feine Ausstellung experimenteller Mode. Für alle Textilbegeisterten in der Gegend lohnt sich die Fahrt zum Museum auf jeden Fall. Leider sind die Exponate nur französisch beschriftet, aber unsere sehr nette Führerin versicherte mir, ihre Kolleginnen könnten fremdsprachigen Besuchern auch alles auf Englisch erklären.

Am Ende schwirrte mir der Kopf, eigentlich müsste ich wieder hin um noch mehr zu fragen und zu verstehen. Ich habe es auch nicht mehr zu der einzigen noch funktionierenden Stoffmanufaktur im Ort geschafft. Bei den Toiles de la Montagne Noire kann man ebenfalls in eine alte Fabrik hineinschnuppern und dort hergestellte Stoffe kaufen.

MUSEE DEPARTEMENTAL DU TEXTILE, Labastide-Rouairoux

Im Departement Tarn, Haute-Languedoc, in den Bergen Montagne Noire.

Etwas mehr zum Museum auf Englisch hier und hier.

Falls jemand im deutsprachigen Raum ein ähnlich ausgestattetes Industriemuseum kennt, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Was schon einmal jemand in der Tuchfabrik Müller in Euskirchen? Das hört sich auch gut an. Nach so einem Besuch betrachtet man einen Stoff mit sehr viel mehr Ehrfurcht.

Bon voyage allen, ob im RL oder virtuell. Bis bald!

Strohwitwerzug und Kinderkolonie – Berlin macht Ferien 1900

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Im Herrenbad am Halensee in Berlin vernügen sich die Männer.

Die Frauen, deren Gatten es sich leisten können, sind da schon an der Küste.

Fängt ach, der heisse Juli an,
Schickt der Berliner Ehemann
Gleich fort sein Weib, wenn’s irgend geht,
Nach Heringsdorf, wo’s kühler weht,
Dass sie sich recht erholen soll…

(Aus dem  Lied Der Ehemannszug nach Heringsdorf.)

Am Wochenende besuchen die Ehemänner ihre Frauen dann mit der Bahn. Die Zeitschrift Berliner Leben von 1904 zeigt den sogenannten Strohwitwerzug kurz vor der Abfahrt nach Usedom.

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Die Zeitung schreibt dazu

„Während der Badesaison fährt vom Stettiner Bahnhof jeden Sonnabend um 6 Uhr nachmittags herum ein Zug ab, der eine ganz besondere Physiognomie hat; seine Passagiere gehören nämlich fast ausschließlich dem stärkeren Geschlecht an. Sie rekrutieren sich sämtlich aus dem vergnüglichen Stande der Strohwitwer, und es ist für den vom gleichen Los nicht Betroffenen höchst amüsant, die verschiedenen Grade von Schnelligkeit und Eifer zu beobachten, mit dem sie dem Beförderungsmittel zustreben, das sie ihrer am sonnendurchglühten Ostseestrande weilenden besseren Hälfte zuführen soll.

Die Jungvermählten freuen sich wohl tatsächlich auf ein Wiedersehen, aber

“…man sieht auch andere, die sich mürrisch in eine Coupéecke werfen und verdrießlich an die lange Nachtfahrt im überfüllten Zuge und die Anstrengungen des kommenden Tages denken. Plötzlich fahren sie erschreckt zusammen und fassen in die linke Westentasche, wo das Symbol ihrer Gefangenschaft seit der Abreise der teuren Gattin ein verschwiegenes Dasein gefristet hat, und mit wehmütigem Seufzen stecken sie den Goldreifen an den Finger. Diese Kategorie ist besonders dadurch kenntlich, dass sie, über die erste Jugend heraus, sich einer beträchtlichen Leibesfülle erfreut, und in der Kunst, die letzten Überreste ihres ehemaligen Haupthaares so zu ordnen, dass es aussieht, als ob sie noch mehr hätten, die höchste Vollkommenheit erreicht haben.

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Wer sich keine Reise leisten kann, bleibt in Berlin. Für die Kinder aus den Mietskasernen gibt es die Ferien-Kolonien. Sie werden mit der Straßenbahn und per Schiff an die frische Luft, zum Baden und ins Grüne gefahren.

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Im Flussbad 1904 verbieten Schilder das Hinausschwimmen in die Spree und das Abseifen außerhalb der Seifzelle.

Verpflegt werden die Kinder auch.

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Oben: Milchausgabe in der Ferienkolonie Blankenfelde 1909, unten: Vesper 1904.

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Die Jungen in der Badeanstalt könnten auch tatsächlich ein bisschen Speck auf den Rippen gebrauchen.

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Währenddessen in Heringsdorf: Drei Herren genießen den Strand. Einer nutzt die Pause dafür, mit einer Bartbinde seinen Schnurbart wieder in Form zu bringen.

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Morgen beginnen in Berlin 2015 wieder die Ferien.

Gute Reise allen, sei es ins Stadtbad oder an den Strand!

 

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Bilder aus der Zeitschrift Berliner Leben, via ZLB, Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 11

8474898377_4509c885d0_zEntwurf Badekappe 1932, NAI Collection

Bei extremer Hitze  überkommt mich eine schwere Lethargie. Aber nun muss ich mich melden, denn ich möchte auf diesen netten kleinen Film hinweisen, der nur noch bis Samstag bei Arte in der Mediathek zu sehen ist:

Coutures – Über das Vichykleid und das Vichymuster. In meinem 110ten Parallelleben hätte ich gern an so einem Film mitgearbeitet. Zum Beispiel hätte ich dann vielleicht darüber recherchiert, dass bei den Balinesen ein  schwarz-weißes Vichykaro “Saput Poleng” heißt und für das Leben steht. Die weißen und schwarzen Quadrate symbolisieren Gut und Böse,  die Mischungsbereiche dazwischen die Grauzonen, die das Leben zwischen Extremen nun einmal bietet.

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Vichykaros werde ich nun mit ganz anderen Augen sehen, waren sie mir doch inzwischen wegen der Fliegenpilzerisierungsmode etwas verleidet.

Und wenn ich nun schon einmal dabei bin, hier noch ein paar andere Linktipps

  • Video: Meike von hält einen mitreißenden Vortrag über Nähblogs und Wertschätzung als Währung.
  • Doku: Wie türkische Häkelspitze in Berlin gemacht wird und von Neukölln ins KaDeWe gelangt. Wenn Meret Becker nervt, bitte den Anfang überspringen.
  • Filmbesprechung “Dior und ich” von Nahtzugabe, die ich nur unterstreichen kann: “Pflichtfilm für jeden Nähnerd. Ganz, ganz großartig. Und sogar für Nicht-Modeinteressierte spannend.”  Leider läuft der Film selbst in Berlin nur in wenigen Kinos, und auch da waren wir im Kinosaal fast allein. Man wird also wohl auf die Zweitverwertung warten müssen, wenn man es nicht ins Kino geschafft hat.
  • Audio: Muriel hat schon eine Reihe schöner Podcasts für Nähbegeisterte aufgenommen. In der letzten Folge war Lucy  zu Gast.
  • Artikel: Nähmaschinen bis 1991, dann Ende der Traditionsmarke Veritas. 3000 verloren ihren Arbeitsplatz.

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Linktipps zu englischsprachigen Seiten habe ich auch. Daher zuerst noch das Resultat meiner Umfrage zum Englischproblem. Drei Viertel der Stimmen kommen danach ohne Probleme mit englischsprachigen Quellen klar, ein Viertel nicht.

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Nur 10 % können ganz auf englischsprachige Linkempfehlungen verzichten. Also halte ich es mal mit den anderen 90% und verlinke weiter, werde aber bei Texten/Videos/Audios in Zukunft angeben, ob das Ziel fremdsprachig ist. Dann können alle, die üben wollen, ihre Kenntnisse damit aufpolieren.

Linktipps zum Üben:

Textilkunst: Klagemauer der einsamen Socken – Wailing wall of lonely socks

Artikel: Older than bronze and as new as nanowires, textiles are technology — and they have remade our world time and again.

Artikel: Inspiration or plagiarism? Mexicans seek reparations for French designer’s look-alike blouse

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Neuer Film über Martin Margiela

Audio:  Tolle Podcast-Themen über Mode und Kleidung. The Seams – In every stitch a story. Auch sonst viel Hörstoff  beim NPR, dem National Public Radio.

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Soweit meine Links und Lesetipps für heute. (Siehe auch Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung).

Ich verfall dann mal wieder der Hitzeträgheit.

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Stoffspielerei im Juni: Knöpfe selbstgemacht

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Für die heutige Stoffspielerei*  hat  Frifris das Thema “Knöpfe” vorgeschlagen.

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Dafür habe ich ein paar Varianten probiert, Knöpfe selbst zu machen.

1.

Knöpfe, für die man nur Garn und Sticknadel braucht, nach der Anleitung für Birds Eye Buttons.

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Die grauen Kugeln sind solche “Vogelaugen”, aber unten zusammen gezogen. Es ist nicht so einfach, auf diese Art regelmäßige Knöpfe herzustellen, da muss ich mehr üben.

2.

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Übung ist auch nötig, um Plastikringe sauber zu umhäkeln, Vorgehensweise ungefähr wie hier.

3.

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Die Ringe (gibt es in Berlin z.B. am Perlenstand Maybachmarkt) mit Stoff überzogen und ein bisschen bestickt, siehe hier.

4.

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Wollquadrate/Kreise zusammengezogen. Das kann auch viel besser und fester aussehen, wie bei diesen Mittelalter-Stoffknöpfen.

5.

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Bei einer früheren Stoffspielerei hatte ich diese Knöpfe mit irischer Häkelei gezeigt. Sie warten noch auf einen Einsatz an prominenter Stelle.

6.

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Ein weiterer Schmuckknopf, aus einem bestickten Kreis gefertigt. Viel schöner und inspirierender sind aber die Stickerei-Knöpfe dieser Flickr-Serie.

Am Ende konnte ich es nicht lassen, auch noch ein Armband mit Perlmuttknöpfen zu probieren. Man benötigt nur mehrere Knöpfe und Häkelgarn + feine Häkelnadel. Ich bin ohne Anleitung vorgegangen, aber es gibt Tutorials für ähnliche Armbänder hier,  oder auch hier.

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Nun bin ich gespannt, was  Frifris und andere mit Knöpfen probiert haben. Vielen Dank für das Thema und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

Im Juli machen wir mit den Stoffspielereien Sommerpause . Ende August sehen wir uns hier bei mir wieder. Thema ist “Es war einmal ein Oberhemd”. Das ist nur eine Inspiration, die ihr nicht so eng sehen müsst. Vielleicht reicht es euch ja, nur den Knopf eines Oberhemds verarbeiten. Wir freuen uns über jede Teilnahme!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. Juli         SOMMERPAUSE
30. August – Suschna – Thema “Es war einmal ein Oberhemd”
27. September – Machwerke – Thema Falten
25. Oktober – Karen – Thema Spitze
29. November  – Nahtzugabe
27. Dezember – WINTERPAUSE

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Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung

DSC09584Link zum Tweet  *

Eine hübsche Frau auf einem Boulevard in Paris? Angeblich ist das Bild in den 1920er Jahren aufgenommen. Hundertfach geteilt auf Twitter, Pinterest und in anderen Netzwerken.

Aber Kenner merken: Das kann nicht sein. Solche Riemchen-Highheels hätte es 1920 nicht gegeben. Die Röcke sind merkwürdig kurz. Das Zeitungsdesign des Figaro sieht erst seit ein paar Jahren so aus, und die Anzeige des Mobilfunkunternehmes Bouygues-Telecom auf der Rückseite der Zeitung ist auch sehr heutig. Das Foto wurde in Wirklichkeit im Jahr 2012 für Le Figaro Madame gemacht,  im Zusammenhang mit dem Film “The Artist”, der in den 20er Jahren spielt.

Solch eine absichtliche Falschmeldung nennt man englisch Fake oder auch Hoax. Das Internet ist voller Hoaxes. Wer einen Hoax startet, hofft auf eine möglichst weite und rasante (= virale) Verbreitung. Webseiten wollen damit bekannt werden, Firmen für ihre Produkte werben und Aktivisten für ihr Anliegen.

Ich bin auch schon mehrmals auf solche falschen Informationen hereingefallen. Angeblich zeigt dieses Bild die Vorstellung von einem perfekten Körper im Jahre 1955.

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Das Modell auf dem Foto ist allerdings erst 1977 geboren – keinesfalls kann das also eine Aufnahme aus dem Time Magazine von 1955 sein.

Beim folgenden Gruppenbild wird erklärt, eine russische Frau habe in 40 Jahren eine Menge Zwillinge, Drillinge und Vierlinge bekommen. Das alles angeblich im 18. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie. twitscreenshot

Inzwischen wurde dieses Foto fast 1000 Mal geteilt! Die Geschichte ist natürlich kompletter Blödsinn. Hin und wieder melden sich auch Stimmen in den Kommentaren zu solchen Bildern, dass das ja wohl nicht sein könne. Aber diese Fake!-Rufe verhallen meist ungehört, das finde ich faszinierend. Der Wunsch, sich über eine irre Geschichte auszutauschen, ist größer als der Wunsch nach Wahrheit.

Seit 2013 kursiert ein Foto einer Frauengruppe in Männerkleidung, das angeblich eine in London 1880 gefürchtete Frauenbande namens “Clockwork Orange” zeigt.  Alles Unsinn, so eine Gang hat es nie gegeben.

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Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Hoax starten. Besonders historische Bilder von Frauen in Hosen verbreiten sich gut.

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Dieses Foto der kostümierten Schauspielerin Mèry Laurent von 1860/61 wäre schnell mit “Erste Frau in Hosen 1700” betitelt. Oder “Erste Cross-Dresserin der Welt“, ginge bestimmt auch gut. Am besten auf Englisch, und dann bei Twitter, Tumblr, Pinterest, Instagram, Facebook oder sonstwo einstellen.  Es würde sich vielleicht rasant verbeiten, niemand würde sich dafür interessieren, ob das wirklich stimmt und wo ich das Bild herhabe.

Eine Opiumhöhle?

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Ja, aber nur als gestellte Szene, aus dem französischen Stummfilm “Dandy-Pacha” von 1920.

Empörthemen sind besonders gut geeignet für virale Kampagnen. Diese Windeltangas sind ein Gag, den viele ernst nahmen.

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Die gestickten Hilferufe von geknechteten Näharbeitern in Primark-Kleidung waren auch eine Fälschung, vielleicht eine Kampagne von Clean-Clothes Aktivisten.

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Die Geschichte wird mir bis heute immer wieder mal erzählt, da nützen alle Dementis der Firma nichts. Solche Sachen habe ich am Anfang auch weiter geschickt, inzwischen passe ich mehr auf, aber, es ist schwer. Wenn ich Zeit habe, gucke ich bei Hoax-Aufklärern wie

Hoax of Fame /Tumblr

Picture Pedant

Hoax Eye

Museum of Hoaxes

ob das Bild dort schon zu finden ist.  Hoax-Dauerbrenner werden seit vielen Jahren auch bei der TU-Berlin aufgelistet.

Wenn nicht, bleibt nur die Rückwärts-Bildersuche und weitere Recherche. Dieses Paar zum Beispiel war “viral” unterwegs und ich wollte es eigentlich weitergeben:

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Die Bilderrückwärtssuche ergab, dass das wahlweise ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, der napoleonischen Krieg oder des Krimkriegs mit seiner Frau sein soll. Das Foto ist bei WikiCommons mit der Quelle “Archive de la Photographie 1840 1940” vermerkt. So ein Archiv ist aber nicht auffindbar, ein Buch mit einem solchen Titel auch nicht. Ein schönes Bild, aber ob es echt ist? Ich habe nun bestimmt eine halbe Stunde danach recherchiert, aus reiner Neugier, wer macht das sonst schon.

Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.

Inzwischen bin ich so misstrauisch, dass ich auch dieses Bild nicht weiterverbreitet habe, obwohl es toll ist. (Von Kurden aus den ISIS-Gebieten befreite Frauen ziehen die schwarze Kleidung aus).

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Zum Abschluss noch ein modernes Märchen, das mich und andere Eltern seit Jahren verfolgt. Immer und immer wieder wird in unendlichen Abwandlungen von einem weißen Lieferwagen erzählt, der Kinder mitnimmt. Bitte, bei solchen Berichten, auch mit konkreten Ortsangaben: Glaubt sie nicht! Recherchiert erst einmal selbst und forscht nach der Quelle.

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In diesem Sinne für heute: Eine pedantische gute Nacht.

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*  Nachtrag 27. Juni 2015:

Inzwischen habe ich die Info bekommen, dass die Fotografin der Modestrecke für Le Figaro Madame (Bild in diesem Beitrag ganz oben) einen Bloggerin wegen der Verwendung ihrer Fotos abgemahnt hat. Das war ziemlich teuer. Die Bloggerin hat danach ihren Blog geschlossen.  Heißt das nun, dass ich das Bild auch nicht zeigen darf? Und somit auch nicht vernünftig über missbräuliche Verwendung von Fotos aufklären kann? Verkehrte Welt im deutschen Urheberrecht, irre.

Da ich schon einmal dabei bin: Hier geht es zur Petition für die Rettung der Panoramafreiheit, damit ihr auch in Zukunft in eurem Blog noch eure Urlaubsfotos zeigen dürft.

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Kurzwaren: Linksammlung Nr. 10 und ein Englischproblem

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Neue Links aus der Kurzwarenhandlung

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Meine weiteren Linkempfehlungen gehen zu englischsprachigen Seiten, und dafür möchte ich vorher eine grundsätzliche Sache klären: Wie viele von euch kommen rundum gut mit Englisch klar? Ich versuche ja, Anglizismen zu vermeiden und fremdsprachige Zitate  zu übersetzen. Aber ist das hier überhaupt nötig? Vielleicht ist Englisch ja selbstverständlich für euch. Oder sind englische Texte, Videos und Audios für euch komplett uninteressant, weil ihr sie ohnehin nicht versteht?

Darüber grüble ich, seit mir eine Freundin von ihrem Englischproblem erzählt hat.  Sie erlebte den Mauerfall als Jugendliche im Ostteil Berlins und hatte in der Nachwendezeit nicht die geringste Lust, zur hastig eingerichteten Englisch-AG in ihrer Schule zu gehen. Bis heute spricht und versteht sie die Sprache gar nicht. Sie mogelt sich beruflich irgendwie durch. Auch auf Reisen und in der Freizeit ist es schwierig. Ein Karaoke-Abend? Der totale Stress für sie. Sie schämt sich eigentlich, aber hat weder Zeit noch Mut, nach all den Jahren nun einen Sprachkurs zu machen.  Erst vor kurzem hat sie mich eingeweiht und ich war für mein Teil dann sehr beschämt. Wieso gehen wir – vor allem im Internetbereich – davon aus, dass Nutzer selbstverständlich mit englischen Ausdrücken klar kommen? Wie viele  40jährige gibt es noch, die in der Schule oder danach nie die Gelegenheit hatten, die Sprache sicher zu lernen? Einer Statistik zufolge sagen rund 63 % der Deutschen von sich, sie verstünden einigermaßen gut Englisch.  Und wie ist das bei euch? Über eine Teilnahme an der Umfrage würde ich mich freuen.

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In der Hoffnung, dass es nützt, hier eine Reihe Linkempfehlungen zu englischsprachigen Seiten:

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Soweit meine Tipps für heute. (Sonst mehr bei  Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung).

Bin gespannt auf eure Stimme zum Thema Englisch!

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