Strickliesel und Häkeltrutsche – wo kommt das miese Image her?

Bieder. Reiner Omi-Zeitvertreib. Hausfrauen-Sticheln. Altmodisch. Hausmütterchen-Kleinklein. Selbstverliebter Pipikram. Häkel-Trutsche. Wohnungsdekorateuse. Blondschleiche. Strickliesel. Oma-Beschäftigung. Tantenhaft. Wollmäuse.
Unattraktives Thema, nicht salonfähig, bedient abwertende Mädchen-Klischees, trivial, spießig, eingestaubtes Image…

Das sind Worte über Stricken, Häkeln, Nähen, Sticken, gesammelt in den Medien, in letzter Zeit. Eine kleine, völlig unvollständige Sammlung.

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“Selbstverliebter Pipikram???? Komm ruhig näher.”                                       via

Da nützt auch das Umbenennen in Radical-Craftism, Yarn Bombing, DIY, Stitchn’Bitch, Upcycling, SewAlong, Knitparty und die Solidarisierung in Internetcommunities nichts. In den Köpfen der meisten Menschen gilt Handarbeiten weiterhin als uncool.  Auch denjenigen, die unter englischen Begriffen DIYen, wird dann über den Umweg “Rückzug ins Private” wieder vorgeworfen, politisch unbedarft zu sein.

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Schlagzeilen wie die folgenden bestätigen das Klischee eigentlich nur:

Von wegen, das ist nur etwas für Omis: Handarbeiten sind wieder voll im Trend. (Handelsblatt)

Neuer Trend - Deutschland strickt wieder – Handarbeit ist in Mode (FAZ)

Fleißiges Lieschen legt Hausmütterchen-Image ab  (WN)

Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?

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Nun haben inzwischen auch immer mehr Männer Spaß am Stricken, Häkeln oder Nähen. In einem Interview wünschen sie sich auch mehr Austausch und Handarbeitsbücher für Männer. Den Männerüberschuss beim englischen Nähwettbewerb hatte ich ja schon erwähnt. Im Zuge dieser Phänomene kam die Frage auf: Wird Handarbeiten jetzt salonfähig, weil Männer das machen? Lotti und Crafteln haben dazu schon etwas geschrieben. Im englischsprachigen Raum gibt es die Diskussion ebenfalls, im Quiltbereich wie z.B. hier  auch in der Variante “Wenn Männer quilten, ist das dann automatisch Kunst?”.

“Männerstricken”, Zeit Online

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Historisch ist es ziemlich klar, dass textile Arbeiten von Männer und Frauen über Jahrtausende zusammen erledigt wurden. Kleidung, Tücher, Decken, Netze, Seile waren Daseinsgrundbedürfnis und wurden in Eigenproduktion hergestellt, vom Anbau der Faser bis zum vernähten Stoff. Später wurden dann zusätzlich textile Produkte für die wohlhabenden Schichten hergestellt – auch wieder von beiden Geschlechtern. Die Wende kam  erst mit der Stärkung des Bürgertums, der Industrialisierung  und der “Versorgerehe”. Wobei sich dieses Modell nur sehr langsam durchsetzte und die Frauen dabei auch jede Menge schufteten. Je nach Größe des Haushalts und Wohlstand konnten sie bestimmte textile Tätigkeiten delegieren – dann in der Regel an Frauen. Wäscherinnen, Weißnäherinnen, Putzmacherinnen – es gab eine große Zahl erwerbstätiger Frauen mit textilen Berufen.  In den Manufakturen und Textilfabriken arbeiteten weiterhin sowohl Männer als Frauen. Die Mehrheit der Frauen war immer erwerbstätig, schlicht, weil nicht genug Geld für das Haushaltseinkommen vorhanden war. (Zu dem Bereich mehr auch bei Die Erfindung der Hausfrau : Wirklich durchgesetzt in allen Schichten der westlichen Bevölkerung hat sich das Alleinverdienermodell mit der Hausfrau und den Kindern nur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern und 1960ern.“).

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Wo kommt also unsere Vorstellung von den spießigen Handarbeiten her? So ganz klar ist mir das nicht. Sicher hat es etwas mit dem Idealbild von der züchtigen Hausfrau zu tun, nur sah die Realität eben meist anders aus. Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte? Komisch nur, dass es in den 70ern dann wieder ein Handarbeitshoch gab. Nicht unbedingt geholfen hat auch die “links-feministische Version der Trivialisierung der mütterlichen Ordnung” im Sinne von  “Eigentlich verstehe ich als emanzipierte, sprich: herdflüchtige Frau ja gar nichts von diesem ganzen Weiberkram”  (Zitat aus diesem politischen Austausch  zum Thema Hauswirtschaftsunterricht. Da sind viele Aspekte zu dem Thema angesprochen).

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Interessant ist auch, dass meiner Erfahrung nach in Frankreich, NL, Großbritannien, USA u.a. Handarbeiten nicht so sehr belächelt werden wie bei uns und die textilen Traditionen viel mehr gepflegt werden. Warum? Und dann fehlen noch die Aspekte der DDR-Lebenserfahrung: Handarbeiten/Selbermachen spielte doch beim Selbstversorgen eine große Rolle, galt doch sicher nicht als “trivial”?

Viele Fragen an einem sonnigen Samstagnachmittag, aber vielleicht hat ja jemand Ideen dazu, jetzt oder in Zukunft. Ich werde weiter in dem Gebiet herumforschen und hier hoffentlich immer wieder Mosaiksteinchen präsentieren können.

 

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Nachtrag 2.3.2015

Richtig viel tolle Gedanken zu dem Thema bei Kittykoma. Ein paar Zitate:

Bzgl. Ostdeutschland

…hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte.

bzgl. verlorenem Wissen (bloß wieso ist dann das Wissen im englischsprachigen Internet da? Weil Internet dort früher anfing?)

…Die aktuelle DIY-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.

und aus den Kommentaren bei Kitty Koma

Vielleicht darf ich Ihre Liste noch um einen Punkt ergänzen: Das westdeutsche Handarbeitsrevival der 70er/80er-Jahre hat verbrannte Erde hinterlassen. Es gibt ja nicht von ungefähr das Klischee der strickenden Latzhosenträgerin im Hörsaal. Handarbeit hatte immer auch einen demonstrativ antiintellektuellen Charakter und ist – zumindest in meiner Generation – mit einem gefühligen Differenzfeminismus assoziiert.

 

Crafteln hat inzwischen noch über die Frage nachgedacht, ob Nähen noch mehr Trend wird, und was dann passiert?

Außerdem dieser schöne Hinweis auf Twitter

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Stoffspielerei im Februar: Gestickte Chenille

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Chenille Suchbild.

Als Griselda  für die monatliche Stoffspielerei*  das Thema “Chenille” vorgeschlug, dachte ich gleich an Raupen.  “Chenille” ist das französische Wort für Raupe, was ich ganz genau weiß, weil ich in Frankreich schon einmal unsäglich unter den fliegenden Härchen der Prozessionsspinnerraupen gelitten habe, aber das ist eine andere Geschichte.

Für mein Textilprojekt hatte ich sehr netten Raupen im Kopf. Sie gehören zu Stickereien, die zwischen 1600 und 1625 in Mode waren:

cater1Ausschnitt, Jacke/Glasgow cater2Auschnitt, Met

catervuaAusschnitt,  V&A

Ohne großen Plan habe ich mit einem Stück Leinen und verschiedenen Garnarten losgelegt. Viele der Stickstiche von damals sind darauf ausgelegt, das Material hauptsächlich auf der Oberseite des Stoffes zu halten und die Stickereien plastisch wirken zu lassen. Auf dem Bild oben sind die grünen Erbsenschoten sogar aufklappbar.  Am besten hat mir der “detached buttonhole stitch” gefallen.

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(Je nach Übersetzung ist das auf deutsch ein eingehängter Knopflochstich oder ein Festonstich, ich bin da nicht so tief eingestiegen. Einen guten Überblick bietet “Embroidery and Tapestry“, deutsche Übersetzungen für die Stiche sind hier . Mit vielen Lücken – das finde ich interessant, scheinbar ein schwieriges Thema. Auch mit meinen eigenen deutschen Nachschlagewerken bin ich in Sachen historischer Stickstiche nicht sehr weit gekommen).

Mein Armband sah am Anfang tatsächlich noch ganz übersichtlich aus, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören und bedeckte jeden Milimeter. Das meiste ist ziemlich schlurig ausgeführt, egal.

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An einer Stelle habe ich auch Pflauenfeder verwendet, weil ich das hier an einer gestickten Raupe gesehen hatte. Und weil man damals nicht nur mit Pfauenfeder, sondern auch mit menschlichen Haaren stickte, habe ich auch noch ein langes Mädchenhaar verarbeitet, das man natürlich gar nicht sieht.

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Ich zähle bis zu zehn Raupen, wie man will.  Es ist ein ganz bunter Hingucker, aber beim nächsten Mal sollte man doch ein etwas übersichtlicheres Layout wählen. Auf jeden Fall habe ich jetzt vielleicht ein magisches Schutzarmband gegen die Angriffe der Prozessionsspinner.

Außerdem bin ich natürlich völlig in die damalige Zeit abgeglitten und habe versucht, mehr über diese Pflanzen- und Instektenmotive auf Kleidung herauszufinden.

WikiCommons

Jacken mit solchen Mustern waren vor allem bei wohlhabenden englischen Damen beliebt. Als Stickvorlagen dienten naturgeschichtliche Bücher mit Holzschnitten, die seit Mitte des 16. Jahrhundert erschienen waren. Wie in den Büchern zeigen die Stickereien Pflanzen und Tiere in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. So gehört zum Schmetterling eben auch eine Raupe.

LaytonjacketandportraitV&A,CC-BY-SA-3.0, via

Das Victoria & Albert Museum besitzt mehrere solcher Jacken. Ein Exemplar ist sogar auf einem Portrait abgebildet.  Die Jacke ist von 1610, das Bild von 1620. Zu dieser Zeit war bereits eine höhere Taille Mode, so dass die Trägerin auf dem Bild ihr Rockteil über die Jacke hochgezogen hat, um sich dem neuen Look anzupassen.

Das Sticken meines kleinen Armbandes dauerte ewig. Wie viel Arbeit bedeutete es dann erst, ein ganzes Kleidungsstück zu fertigen!  Bestickt wurden die Schnittteile vor dem Zusammennähen – von spezialisierten Stickateliers oder auch von den Frauen selbst, wenn sie in Nadelarbeiten geschickt genug waren. In den USA hat vor ein paar Jahren ein Museum eine Jacke ähnlich der aus dem V&A nachgebildet. An den Nadelarbeiten waren über 200 Freiwillige beteiligt, die Tausende von Stunden in das Projekt steckten.  Jeder konnte mitmachen, vom Kind bis zum Stickmeister. “Kann ich bitte einen Wurm machen?” – das hätte ich wohl auch gefragt, wenn ich dort gewesen wäre – und hätte im Interesse des Projekts hoffentlich nur eine Stelle unter dem Ärmelloch zugewiesen bekommen.

 

In dem folgenden Film aus einem schottischen Museum wird eine Originaljacke vorgestellt. Die Raupen dort sind gestreift und kommen auf meinem Armband auch vor.

Hier noch hübsche Beispiele botanischer Stickereien auf Kleidung.

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Den Herrn hier mag ich besonders, mit seinem Ohrring und dem Bärtchen könnte er auch in einer Berliner Hipsterkneipe sitzen (den Spitzenkragen und die Seidenstickerei dann bitte wegdenken).

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So, nun will ich diesen Beitrag beenden. Ich nehme an, dass Griselda bei ihrem Themenvorschlag eher an einen “Chenilleeffekt” bei festgenähten und aufgeschnittene Stoffränder dachte. Dazu hätte ich etwas in der Art wie bei diesem Deckenrand beitragen können.

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Zum Beispiel hätte ich eine Borte machen können, um den Chenillefaden beim Chanel-Attrappenkleid zu ergänzen. Leider war nicht mehr genug Zeit. Daher belasse ich es für heute bei meinem wenig virtuosen Raupengewimmel und schaue mir später in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben. Das ist dann bei Griselda von Machwerke zu finden.  Vielen Dank!

 

In einem Monat, am 29. März, sehen wir uns hier zur Linksammlung der Stoffspielerei wieder.

Thema dann: Seltene Techniken.

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
29. März           Suschna,  Thema Seltene Techniken
26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris
26. Juli         SOMMERPAUSE

Nachtrag Shibori

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Bevor am Sonntag schon wieder die nächste Stoffspielerei ansteht, hier noch ein Nachtrag zum Januartermin.  Inzwischen habe ich in der Shibori-Technik noch mehr Stoffquadrate gefaltet und mit Indigo-Tusche gefärbt. Das hat gut geklappt, ebenso das Weiterverarbeiten zu einem kleinen Quilt.

Nur mit der Umrandung bin ich nicht so ganz zufrieden, da muss ich noch einmal nachbessern (zu schmal, zu braun?). Die Inspiration waren  Kacheln aus dem Rijksmuseum in Amsterdam.

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Da hätten die Quadrate bei mir ruhig ein bisschen plastischer ausfallen können. Aber egal, ich habe eine weitere kleine Decke zum Verstecken von Unordnung, das ist sehr praktisch.

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Diese Färberei mit Überraschungseffekt macht wirklich viel Spaß, kann ich nur empfehlen. Zur Vorgehensweise siehe den Eintrag von Ende Januar. Übermorgen steht bei Griselda schon der nächste Stoffspielerei-Termin an, und ich beschäftige mich mit Chenille, aber wahrscheinlich anders als gedacht. Wir werden sehen, ich muss mich ranhalten. Bis Sonntag also!

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Info für Fans des Nähwettbewerbs Great British Sewing Bee: Bei Youtube sind inzwischen die ersten drei Folgen der dritten Staffel zu sehen.

Filmbericht und Kurznachrichten VII

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Filmausschnitt “La Sirène de Faso Fani”, via

Baumwolle gehört zum wichtigsten Exportgut Afrikas. Baumwolllieferant Nummer 1 ist Burkina Faso. Das Land verarbeitet die Rohware aber nicht weiter, obwohl das bis vor zehn Jahren noch möglich war. In der 2001 geschlossenen Fabrik Faso Fani wurden hochwertige Baumwollstoffe produziert. Die Schließung der Fabrik ist wohl ein Kollateralschaden von Reformvorgaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Von dieser Fabrik, vom Stolz der Burkinesen und von den Frauen, die das Weben inzwischen einfach selbst in die Hand genommen haben handelt der Film “La Sirène de Faso Fani”, der in Berlin im Rahmen der Dokumentarsparte der Berlinale läuft und für den es auch noch Karten gibt.

(Zur Frage, warum Geldgeber nur am Rohstoff Baumwolle interessiert sind und in den afrikanischen Ländern selbst kaum Wertschöpfung stattfindet mehr auch im Film “Let’s Make Money” von 2008)

Parallel läuft auf der Berlinale eine weitere Doku über eine 2004 geschlossene Textilfabrik, diesmal in Österreich. Leider zeigt nur der Beginn des Filmes Szenen aus dem sterbenden Betrieb von 1850. Der Rest der dreistündigen Doku ist eine Landzeitstudie über das Leben entlassenen Mitarbeiter. Als Sozialstudie beeindruckend, nur eben nicht mein Thema. So konnte ich nicht widerstehen, in guter alter Berlinale-Tradition im Kinosaal ein Nickerchen zu halten.

An den Füßen hatte ich es dafür auch schön warm, wegen dieser gefütterten Schuhe mit Gamaschen, die mich ganz wunderbar durch den graukalten Berliner Winter retten.

Folgend wie immer noch eine Auswahl textiler Tweets – bei mir klappt das Einbetten technisch nicht immer, ich bastel dran. Die Links sollten aber trotzdem funktionieren. Zur Not hilft auch twitter.com/Suschna.

Auf Youtube gibt es viele schöne Einblicke in die Arbeitsprozesse der großen Couturefirmen, zum Beispiel hier von Dior oder Chanel

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Noch zur Erinnerung: Stoffspielerei in zehn Tagen, am Sonntag 22. Februar. Sammeln wird Griselda zum Thema “Chenille”.

Und heute abend wieder Great British Sewing Bee.

Nähende Soldaten

ROYAL AIR FORCE: 2ND TACTICAL AIR FORCE, 1943-1945.Ein “Sewing machinist”, Royal Air Force, 1943-1945. © IWM (CH 20555)

Am letzten Donnerstag fieberten auch in Deutschland viele “Nähmaschinistinnen” dem Beginn der dritten Staffel Great British Sewin Bee (GBSB) entgegen. Diesmal sind gleich vier Männer beim Nähwettbewerb in London dabei, davon einer  – Traum aller Nähcastingagenturen – Colonel bei der britischen Armee. Noch dazu scheint er ganz gut nähen zu können,  hat also Chancen, nicht gleich rauszufliegen.

Weil deshalb sogar mein auf Ballerfilme und Fußballsendungen abonnierter Mitbewohner für Sekundenbruchteile Interesse an der Sendung zeigte, habe ich mich unter dem Stichwort “Nähende Soldaten” auf Bildersuche gemacht.

Feldnähzeug der persönlichen Ausrüstung von Soldaten der Bundeswehr:

Bundeswehr Feldnaehzeugvon BWikipedianer0001 CC BY 3.0 via WikiCommons

Russische Kriegsgefangene nähen deutsche Uniformen, 1916:

kreigs

Stiefelreparaturen, England 1914-18:

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The Home Front in Britain, 1914-1918 © IWM (Q 33291)

Nähen im Artilleriegefecht:

heavyAusschnitt, “Heavy Artillery”, 1919

Sowjetunion, Vormarsch zum Dnjestr – Deutscher Soldat im Unterhemd an Nähmaschine sitzend, im Hintergrund Kavallerie, Juli 1941:

Bundesarchiv B 145 Bild-F016199-22, Russland, Soldat an NähmaschineBundesarchiv, B 145 Bild-F016199-22 / CC-BY-SA 3.0 

Deutsche Kriegsgefangene in Großbritannien reparieren Kleidung, UK, 1945:
GERMAN PRISONERS OF WAR IN BRITAIN: EVERYDAY LIFE AT A GERMAN POW CAMP, UK, 1945
© IWM (D 26733)

 US-Army, Reparaturen an Uniformen, Irak 2010:
Flickr - The U.S. Army - Uniform repair in Iraq

Hauptsächlich geht es bei den Nähaktionen wohl um Reparaturen an der Ausrüstung.

Soldat! Achte auf deine Sachen!

nypl.digitalcollections.510d47de-83e2-a3d9-e040-e00a18064a99.001.rRussisches Plakat, 1917-1921, via DPLA, CC BY 3.0 License.

Die Uniformen für den Krieg 1914-18 wurden eher von Frauen an der Heimatfront genäht:

Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern - CH-BAR - 3238724.tif
Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern“, Schweizerisches Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 ch über WikiCommons.

Männer übernehmen die Aufsicht.

Frauen bei der Arbeit in einer improvisierten Uniformschneiderei - CH-BAR - 3241193.tif
Frauen bei der Arbeit in einer improvisierten Uniformschneiderei – CH-BAR – 3241193“, Schweizerisches Bundesarchiv,  CC BY-SA 3.0 ch via WikiCommons.

 

Der Colonel beim britischen Nähwettbewerb GBSB hat auch schon Brautkleider und Kostüme genäht. Am kommenden Donnerstag gibt es die nächste Folge GBSB. Wenn man eine passende Ip-Adresse hat, kann man sie beim BBC2 direkt schauen, ansonsten kann man es über andere Portale versuchen oder hoffen, dass die Folge bei Youtube  hochgeladen wird. Die erste Episode ist schon da, und Crafteln hat gleich darüber berichtet.  In den Kommentaren dort wird auch die niederländische Version der Sewing Bee empfohlen. Sie heißt “Door het oog van de naald” und läuft zur Zeit ebenfalls Donnerstags. Na, mal sehen, wann es hier in Deutschland so weit ist.

Zum Abschluss mein allerschönster Fund, von einem britischen Schiff, 1942. Fast zu schön, um wahr zu sein, oder?

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LIFE AT SEA ON BOARD HMS ALCANTARA, MARCH 1942 © IWM (CBM 1049)

Bilder: Männer, Stoff und Fäden gehörten schon immer zusammen

Seidenhändler in Samarkand, via LibraryCongress
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14. Jhd. Seidenkleidermacher via
Image from page 218 of "Yarn and cloth making; an economic study; a college and normal schools text preliminary to fabric study, and a reference for teachers of industrial history and art in secondary and elementary schools" (1918)Vorbereitung der Kettfäden zum Weben, via
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1629, Schneider, via
Weber, 1698, via
Sticker, 1568, via

Ich aber kan wol Seyden stickn /
Mit Gold die brüst vnd Ermel rückn /
Versetzet mit Edlem gestein /
Auch mach ich güldin Hauben rein /

Krentz vnd harband von perlein weiß /
Künstlich Mödel mit hohem fleiß /
Auch Kirchen greht Meßgwant vnd Albn
Kan ich wol schmückn allenthalben.
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(Mehr wunderbare Abbildungen aus diesen Hausbüchern waren schon bei “Männer, Fäden, Stoff und Wolle” zu sehen).

Seidensticker, via

Image from page 93 of "History of American textiles : with kindred and auxiliary industries (illustrated)" (1922)via

Strumpfstricker, via
Der strickende Vorposten, via
Stricker, Indien ca. 1826

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Korsettmacher, via

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Nähende Häftlinge, Wellcome Library,  CC BY 4.0 via Wikimedia Commons.

 

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Nächstes Mal dann: Männer und Frauen und Stoffe gehörten schon immer zusammen.

Schönes Wochenende!

Gedenktag

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Draußen an der Schule sind die Flaggen heute auf Halbmast. Die meisten Schüler wissen nicht, warum. Mit dem Begriff Auschwitz können laut einer Umfrage 20 Prozent aller Deutschen unter Dreißig nichts anfangen.

Eva Fahidi, Auschwitz-Überlebende, sagt im Radio: “Es gibt nur ein einziges Ding auf der Erde, das wir nicht noch einmal haben können, wenn wir es verloren haben, das ist das Leben”. Sie sagt auch, es habe sie “entsetzlich erfreut”, dass man sie in den 1980er Jahren als Zeitzeugin wieder nach Deutschland eingeladen hat.

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Damals in den 1980er Jahren sitze ich im Büro der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt. Der freundliche ältere Rabbi zerrt an einem Stapel großer Papierbögen, ganz unten in einem Büroschrank, begraben unter anderen Akten und Unterlagen. Er legt die handbeschriebenen Blätter auf den Tisch. Es sind die Deportationslisten der bis 1945 abtransportierten Juden. Seit damals bin ich scheinbar die Erste, die hineinschauen will.

Ich bin Schülerin und recherchiere das Schicksal der jüdischen Familien in dem Ort, in dem ich lebe. In dem auch meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern schon gelebt haben. Die Älteren wissen noch ganz genau, welche Geschäfte jüdisch waren, wer wo gewohnt hat – irgendwann waren sie nicht mehr da. Wo sind sie geblieben? Die Jüngeren, die Generation meiner Eltern, sind erstaunt, dass sie sich diese Frage noch nicht gestellt haben. Auch mein Geschichtslehrer, bärtiger 68er, ist verwundert, als ich ihm meine Projektidee präsentiere. Selbstverständlich darf ich das für den Leistungskurs erforschen.  Ich habe Glück. Es ist noch nicht lange her, da galt das “schreckliche Mädchen” in Passau als Nestbeschmutzerin, weil sie in der Vergangenheit herumstocherte.

Über Monate interviewe ich Zeitzeugen, schaue Fotoalben an, durchforste die Adressbücher und Akten im Staatsarchiv, suche auf dem jüdischen Friedhof. Internet, Computer, Digitalkameras gibt es noch lange nicht. Zum Schluss sitze ich im Büro des Rabbis vor den Deportationslisten. Es wird klar: Diejenigen, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten, sind alle tot. Bis auf eine Tochter, Rosa, sie hat das Lager überlebt. Später schreibe ihr in die USA, aber es kommt keine Antwort.

Der Rabbi hat andere Sorgen. Er fragt, ob ich nicht mitmachen möchte in der Gemeinde. Er braucht Nachwuchs.

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Was ich herausgefunden habe, schreibe ich mit der Schreibmaschine auf. Es erscheint noch ein Artikel in der Lokalzeitung, irgendwann richtet der AntifFa-Arbeitskreis einen Stadtrundgang zu dem Thema ein. Da bin ich längst weg. Andere nehmen sich der Sache an. Heute gibt es Stolpersteine und sogar ein Buch.

Und es gibt wieder Jugendliche, die lernen sollen, was damals geschehen ist. Dabei ist es inzwischen gar nicht mehr möglich, so wie zu meiner Schulzeit ins Detail zu gehen. Die Welt ist viel größer geworden, wir müssen so viel mehr Weltwissen beachten. Neue Länder, neue Fronten, neue Kriege, neue Verbrechen. In der Klasse meiner Tochter sitzen Kinder vieler Nationalitäten und vieler Religionen, Christen, Juden, Muslime. Jede Herkunft, jede Kultur hat ihre eigene Geschichte. Gerade sprechen sie viel über den Islam.

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Ich kann verstehen, wenn Jugendliche zwar vom Holocaust wissen aber mit dem Namen “Auschwitz” nichts anfangen können und ich werfe das auch den Eltern und Lehrern nicht als Versagen vor. Für die ältere Generation ist das sicher schwer zu akzeptieren. Meine Tochter hat viel gelesen, wir haben geredet, Museen und Mahnmale besucht. Sie versteht das alles, aber es ist so unendlich weit weg und fremd, nicht real. So fern, wie einem die Zeit der Urgroßeltern eben ist. Wir haben damals alle “Nacht und Nebel” in der Schule gesehen. Ich weiß nicht, ob dieser Film noch auf dem Lehrplan steht.

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Für mich bleibt das Thema emotional schwierig, gerade an Tagen wie heute. In den letzten Jahre bin ich regelmäßig zum Gleis 17 gegangen, einem Mahnmal hier in Berlin beim Bahnhof Grunewald, von wo damals viele Deportationen ausgingen.

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Über die Jahreszeiten habe ich dort Pflanzenteile gesammelt und sie aus Textilien nachgearbeitet.  Vielleicht blühte damals im Mai 1942 auch der Löwenzahn, vielleicht lagen schon im Herbst 1944 bunte Ahornblätter auf den nassen Gleisen.

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Daraus ist eine Installation geworden, die ich im letzten Jahr dann ausgestellt habe.  Die Jahre vorher sind in Internetnotizen festgehalten: What Remains. Meine Gefühle zu der Aktion bleiben ambivalent. Darf ich das überhaupt?

Konservieren hat etwas Unbarmherziges. Vielleicht ist auch das große Vergessen nichts als ein würdevolles Aufheben, wo sonst grausames Aufbewahren stattfindet.
K. Hagena

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Bei meiner Tochter in der Schule lesen sie gerade “Krieg: Stell dir vor, er wäre hier” von Janne Teller. Ein kleines Büchlein, in dem die Kinder sich vorstellen können, sie seien im eigenen Land verfolgt. Deutschland ist eine faschistische Diktatur, Europa im Krieg. Sie müssen versuchen, sich in eine fremde Kultur zu retten, in der sie nicht willkommen sind. Ein sehr gutes kleine Buch, das ich allen Jugendlichen und Eltern empfehlen kann. Es hilft im Moment vielleicht mehr dafür dass “so etwas” nicht noch einmal passieren kann, als zusätzliche Geschichtsstunden.  In der Sporthalle neben der Schule mit den Halbmast-Flaggen sind seit Dezember 200 Flüchtlinge untergebracht. Das gutbürgerliche Wohngebiet drumherum hat alle willkomen geheißen, der betreuende ASB war von der Hilfsbereitschaft der Anwohner überwältigt.

P.S.
Heute abend werde ich mir im Radio das Gedenkkonzert aus der Philharmonie anhören, in dem auch Geigen der Ermordeten erklingen werden. Die Hoffnung:

Wenn ihr Klang überlebt, sind auch die Seelen derjenigen nicht vergessen, die sie einst gespielt haben.

 

Stoffspielerei im Januar: Ecken

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An diesem Sonntag sammelt Frifris  im Rahmen der Aktion Stoffspielerei*  Beiträge zum Thema “Ecken”.

Meine Ecken sind gefärbte Ecken als Teil eines Shibori-Versuchs. Shibori, die uralte japanische Färbetechnik,  wollte ich schon immer einmal probieren. Dabei wird der Stoff vor dem Färben abgebunden oder gefaltet, so dass Stellen ungefärbt bleiben und ein Muster entsteht. Traditionell wird Indigo als Farbstoff verwendet, jede andere Farbe geht natürlich auch.

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Zum Üben habe ich Papier genommen, und zwar sowohl Krepppapier als auch japanisches Papier, das zum Bespannen von Wänden gedacht war. Leider weiß ich nicht, wie dieses Papier genau heißt. Jedenfall sind beide Papierarten dehnbar und reißfest, daher stoffähnlich.

Man kann falten, wie man möchte. Hier habe ich ein Quadrat erst wie eine Zieharmonika quer gefaltet, dann eingeklappt und dieses Päckchen mit Klemmen festgehalten.

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Dann habe ich das Päckchen erst kurz in Wasser getunkt und die Ecken mit meiner Lieblingstinte bepinselt, Indigo von Sennelier.  Der schwerste Teil: Trocknen lassen. Man möchte das noch feuchte Päckchen so gern schon mal kurz aufmachen, um zu gucken. Dann verläuft es aber! Lieber erst das knochentrockene Paket vorsichtig aufklappen und sich über das entstandene Muster freuen.

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Kinder würden da bestimmt auch gern mitmachen. Jede Faltung, jede Klemmvariante, jeder Farbauftrag ergibt ein anderes Bild. Bei Kinderbeteiligung müsste man wohl nur zu auswaschbarer Tinten überwechseln, denn es ist eine tropfende Angelegenheit. Meine Shiboriquadrate habe ich zu Klappkarten gemacht, teilweise dabei noch mit Goldbronze experimentiert, siehe oben.

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Diagonale Faltungen mit Encre Sennelier, Farbton Bistre. Hier ist das Papier in der Mitte gerissen, die Tinte hat doch zu sehr geklebt.

Mit Stoffquadraten ist das dann kein Problem. Und die Tinte benimmt sich auch auf Baumwolle sehr gut. Dabei gilt wie immer: Je höher die Fadendichte des Stoffes, desto schöner die Ergebnisse.

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Eine Handwäsche lauwarm hat der gefärbte Stoff ausgehalten.

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Wollte man auf diese Weise größere Stücke färben, müsste man sich natürlich Farben für Stoffe besorgen. Ich fürchte da immer den Aufwand, zumal ich vor Indigofärbungen seit meinem Farbworkshop im Sommer ein Heidenrespekt habe. Anleitungen für das Shiborifärben mit Stoff findet ihr hier bei DesignSponge. Dort habe ich auch diese überfärbten Servietten gesehen, die meine Inspiration waren.

Nun bin ich gespannt, was sich Frifris und anderen für diesen Monat ausgedacht haben. Vielen Dank für das Thema – ohne dich wäre ich nicht zu meinen schönen Karten gekommen –  und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
22. Februar     Griselda,  Thema Chenille
29. März           Suschna,  Thema Seltene Techniken
26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris,   Thema Knöpfe / Voluminöses
26. Juli         SOMMERPAUSE

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Maskenball

N53026345_JPEG_1_1DM Guérard, Bal de l’Opéra. Source: gallica.bnf.fr

Kostümbälle waren im Frankreich des 18. Jahrhunderts die große Mode. Der Bal de l’Opera, der Opernball in Paris gehörte zu den berühmtesten. Er wurde 1715 vom Regenten (Liselottes Sohn) als öffentlicher Ball für zahlende Gäste eingeführt und fand die folgenden 200 Jahre immer zur Karnevalszeit statt, bis am Ende der Boden in der Oper durchgetanzt war.

Nastjusha näht sich gerade ein Kleid für einen Kostümball im Theater.

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Da nutze ich die Gelegenheit und gehe ein paar Fragen zum Thema nach, die mich schon länger interessieren. Solche Kostümfeste und Maskeraden haben in Europa eine bis ins Mittelalter zurückgehende Tradition. Wie war das im 18. Jahrhundert und wie stellen wir uns heute ein Rokokokostüm vor? Malen wir uns dafür rote runde Wangen und schwarze Punkte ins Gesicht, setzen eine Maske auf?

1. Maske

Männer und Frauen trugen zur Kostümierung Masken und ließen sich auch gern damit portraitieren. Der Einfluss des venezianischen Karnevals und der italienischen Commedia dell’arte ist deutlich.

Lisiewski Bildnis Henriette von Lüderitz
Bildnis Henriette von Lüderitz mit Karnevalsmaske, Lisiewski,WikiCommons

Die Masken war aus Pappe, Leder oder auch Holz. Es gab ganze Masken oder halbe Visiere, mit oder ohne Nase.

Madame Royer.jpgMadame Royer, ca. 1750, Nattier, WikiCommons

Mme Rieux, unten, hält eine “Loup” genannte  Augenmaske in der Hand. (Man beachte: Mantel und Haube sind bei Mme Rieux und Mme Royer fast identisch).

Madame de Rieux in Ballkleidung, 1742, de La Tour, via WikiCommons
Lampi Stanislaus Augustus with a maskStanislaus Augustus, 1788, Lampi, WikiCommons

Eine Maske konnte aber nicht nur Teil eines Kostüms sein. Es gibt Berichte aus dem 16. und 17. Jahrhundert, dass Frauen sich unterwegs mit Masken vor der Sonne oder fremden Blicken schützten.

Wenceslas Hollar - Winter (State 2) 2Frau in Winterkleidung, ca. 1647, Wenceslas Hollar, WikiCommons

Was ich mich schon immer gefragt habe: Wie blieben Masken eigentlich vor dem Gesicht, wenn sie weder Band noch Stab hatten? (Siehe oben Bildnis Madame Royer).  Musste man sie die ganze Zeit krampfhaft vor das Gesicht halten?.

Es hat gedauert, bis ich eine Antwort gefunden habe, die Forschung scheint auch noch überrascht. Einige wenige Funde hier und hier zeigen, dass an der Mundöffnung eine Perle befestigt war, die man zwischen die Zähne nahm und so das Visier festhielt. Reden war dann natürlich nicht wirklich möglich, was aber ja bei einem Inkognito-Auftritt auch nicht unbedingt schadet.

2. Kleid

Auf den ersten Blick würden man nicht denken, dass Elisabeth von Russland auf diesem Portrait für einen Maskenball gekleidet ist.

Elizabeth of Russia in masquerade dress by Grooth (1748, Tretyakov gallery).jpgElisabeth von Russland im Domino-Kostüm mit Maske, 1748, Grooth, wikiCommons

Sie trägt ein “Domino” genanntes Kostüm. Der Domino war ein langer weiter Mantel mit Kapuze, bekannt aus dem venezianischen Karneval. Ursprünglich zitierte der Domino die Tracht italienischer Kirchenleute und wurde gern von Frauen benutzt, die ihre Identität verbergen wollten.

Wer heute auf einen Maskenball geht, stellt sich wohl eher eine Art Marie-Antoinette oder einen Amadeus als Kostüm vor.

baroScreenshot

Das ist dann der Schrecken aller Reenactment-Puristen.  Hoch aufgetürmte schillernd weiße Nylonperücke, glänzendes Polyesterkleid in Pink mit Reißverschluss, Reifrock, überladen mit Schleifen, Rüschen, Tortenspitzen.

Wer so nicht auftreten möchte liest am besten bei Marquise.de nach, was gar nicht geht und schaut sich ihr Gruselkabinett an. Gerade die bekannte Turmfrisur und der überbreite Reifrock waren eine Spezialität des französischen Hof und hielten sich nur wenige Jahre, sind also keinesfalls beispielhaft für die Zeit des Spätbarock bzw. Rokoko.

Es spricht natürlich nichts dagegen, solche Formelemente als Kostümierungen aufzugreifen und weiterzuentwickeln (sei es in Nylon oder Polyester), wie es damals durch die Jahrhunderte ja auch gemacht wurde.

3. Schminke

Sicher ist, dass es Frauen und Männer gab, die sich schminkten. Aber wer genau, wie verbreitet, wie stark, wann – dazu habe ich inzwischen so viele verschiedene Geschichten gelesen, auch von akademischer Seite, dass ich mich da lieber raushalte. Es gab auf jeden Fall Rouge und Lippenstift sowie weiße Puder und Pasten. Die Cremes waren zum Teil bleihaltig und schädlich. Augenmakeup spielte keine Rolle, dafür wurden lieber die Augenbrauen betont nachgezogen. Angeblich gab es sogar künstliche Brauen aus Mäusefell. Nur eine Legende?  Ich weiß es nicht.  Bisher weiß ich bloß aus Liselottes Briefen, dass sie kein Fan von “Rodt” und “Geschmer” war, ihr Mann sich aber schminkte.  Sie schrieb auch von blau nachgemalten Adern, aber wer weiß, ob das nicht ein bisschen übetriebene Sensationsberichterstattung ihrerseits war.

4. Schönheitspflaster

Unklar ist mir auch, wie weit verbreitet die kleinen schwarzen Punkte, die künstlichen Schönheitsflecken waren, die wir alle mit dem Rokoko-Look verbinden. Solche Flecken hießen “Mouchen” (frz=Fliegen). Auf der Maske der Elisabeth von Russland sind Mouchen in gemalter Form zu sehen, ein Punkt und ein Halbmond:

elisausschnittElisabeth s.o., Ausschnitt

Diese schwarzen Schönheitspfästerchen waren aus Stoff, Leder oder Papier und sollten ins Gesicht und in den Ausschnitt geklebt werden. Ebenso wie die weiße Schminke konnten sie auch dazu dienen, Pockennarben und andere Hautprobleme zu verdecken.

Schaut man sich aber Portraits aus dem 18. Jahrhundert an, findet man so gut wie kein Gesicht, das Mouchen zeigt. Und wenn, dann handelt es sich bei der Abgebildeten eher um eine Kurtisane, wie  bei dieser Schönheit, Grace Elliot.  (Deren Karriere übrigens damit begonnen haben soll, dass sie auf einem Maskenball einen Marquis kennenlernte). Auch in frivolen Toilettenszenen sieht man Gesichter mit schwarzen Punkten, außerdem deutlich Rouge, weiße Grundierung und nachgezogene Augenbrauen:

moucheLa Toilette (Ausschnitt), 1742,  Boucher, Wiki

Weil es nicht leicht ist, passende Gemälde für unsere heutigen Vorstellung vom Rokokogesicht  zu finden, wird dann wohl manchmal per Photoshop der Geschichtsschreibung nachgeholfen. Bei diesem Bild (offenbar aus einem Buch) sind die Schönheitsflecken wohl nachträglich aufgemalt worden. Die schöne Dame in Blau von Gainsborough trägt in Wirklichkeit gar keine Mouchen (sieht aber geschminkt aus).

um 1780. Wiki

Von Schminke und Mouchen aus Sicht des Bürgertums erzählt Johanna Schopenhauer (1766-1838), die Mutter Arthur Schopenhauers, in ihren Jugenderinnerungen. Pariser Moden wurden in ihrer Heimat Danzig begierig aufgenommen, nur “Roth auflegen” war nicht so gern gesehen. Schminken galt als “sündlich”, geschah allenfalls heimlich und wurde von der Kanzel aus gerügt.  Von Mouchen, auf deutsch damals auch “Muschen” oder “englisches Pflaster genannt”, weiß sie noch:

Dagegen hatte eine andere Mode bei unsern eleganten Damen allgemeinen Eingang gefunden, die so abgeschmackt war, daß ich die Möglichkeit ihrer Existenz bezweifeln würde, hätte das länglich platte, im Deckel mit einem kleinen Spiegel versehene Döschen von Perlmutter mir nicht oft zum Spielzeug gedient, das alle Damen immer, und auch meine Mutter, zur Hand hatten, um daraus, im Fall eine Musche unberufen ihren Platz verließe, die dadurch entstehende Lücke gleich wieder ausfüllen zu können. Diese aus schwarzem, sogenanntem englischen Pflaster geschlagenen, winzig kleinen volle und halbe Monde, Sternchen und Herzchen, sollten mit Auswahl und Geschmack im Gesicht angebracht, die Reize desselben erhöhen, den Ausdruck des Mienenspiels beleben. Eine Reihe kleinster, bis zu etwas größeren steigender Monde, im äußern Augenwinkel, diente dazu, die Augen größer erscheinen zu lassen, und ihren Glanz zu erhöhen; ein paar Sternchen im Mundwinkel sollten dem Lächeln etwas bezaubernd Schalkhaftes geben, eine am rechten Orte auf der Wange angebrachte Musche auf ein Grübchen in derselben deuten. Es gab auch Muschen in etwas größerem Format, Sonnen, Täubchen, Liebesgötterchen sogar. Diese hießen vorzugsweise Assassins, vermuthlich wegen ihrer mörderischen Wirkung auf die Herzen.

aus Jugendleben und Wanderbilder, Kapitel 24.

Irgendwie erinnert mich diese Schilderung an die “Nail Art” unserer Tage. Ein lustiger modischer Zeitvertreib, in ein paar Jahren wieder passé.

nailartScreenshot

So, jetzt mache ich den Vorhang zu, obwohl noch haufenweise Fragen offen sind. Viel Spaß allen beim Verkleiden und Schminken, egal wie.

Kurznachrichten VI

Unbedingt anschauen, nur noch kurz zu sehen:

Diese tolle Doku räumt mit allen Mythen auf, die sich um Dirndl und Lederhose ranken. Danach hätte ich nun fast Lust, auch einmal ein Dirndl zu besitzen.  Handelte es sich bei dieser Tracht doch schon von Anfang an nur um eine (von der Obrigkeit vorgegebene) Kostümierung. Der erste Teil der Doku ist wohl nur noch heute in der Mediathek zu sehen, der zweite Teil ab heute abend eine Woche lang. (Dank an Sab. für den Tipp).

Von einem Modedesigner extra entworfen: Die Nobelpreisträgerin May Britt Moser trug zur Preisverleihung ein mit ihrem Forschungsgebiet besticktes Kleid.

Die Geschichte der Unterwäsche im Mittelalter muss neu geschrieben werden, denn es gab, anders als gedacht, damals schon BHs:

“Normcore” fiel mir zuerst im Sommer auf: Zwei junge hübsche langbeinige Mädchen trugen auf der Strandpromenade an der Ostsee schlichte T-Shirt und kurze Shorts – dazu uncoole Turnschuhe und hochgezogene Socken. Es war klar, dass sie das absichtlich gemacht hatten – sie zitierten den Spießerlook der Beigejacken-Flanierer im Rentenalter. Schwer zu erklären, aber wenn man solche “unpassenden” Elemente sieht, dann erkennt man den Code – sofern man sich überhaupt solche Gedanken macht, natürlich.

Soweit eine kleine Auswahl von textilen Kurznachrichten, mehr bei @Suschna

Nicht vergessen:

Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 25. Januar. Die Beiträge sammelt Frifris,  das Thema ist “Ecken”.