Stoffspielerei Januar: Perlenversuche

Für die heutige Stoffspielerei*  hat  Frifris das Thema “Perlen” vorgeschlagen.

Bei mir seht ihr heute nur verzweifelt fahrige Versuche, eine Fülle an Internet-Inspirationen umzusetzen. Zum Glück ist die Stoffspielerei ausdrücklich auch ein Termin für Berichte über das Scheitern.

Scheitern Nr. 1:  Sehr gern wollte ich ähnliche Perlenbroschen wie die der Französin Marianne Batlle machen.

batlle1viaMarianne Batlle

Die finde ich richtig schön und witzig. Wie ich schnell feststellte, braucht es dazu aber noch einiges mehr als nur eine Vorlage, einen Stickrahmen und Perlen!

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Von dem Kopf der Preußischen Prinzessin ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ein bisschen sieht sie ja nun nach Picasso aus.

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Kleinere Perlen wären wohl nötig gewesen, aber die hatte ich nicht.

Daher versuchte ich die nächste Idee: Perlen aus Recyclingmaterial. Rechts neben dem Kopf oben seht ihr Pailletten aus gebügelter Lufpolsterfolie und ausgestanztem Teelicht-Alu, dann noch mit dem Bügeleisen eingeschweißte Reste von Christbaumschmuck.

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Die Plastikperlmutt-Pailetten fand ich gar nicht so schlecht. Auch die Idee, das schön Glas des kaputten Sterns durch die Kunststoffummantelung nun aufnähen zu können, gefiel mir.

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DSC00022 (2)(Licht schon zu schlecht)

Ich träumte schon davon, mir wie bei Chanel einen ganzen Kragen damit zu besetzen. Bei  Chanel und Dior zum Beispiel werden immer wieder ganz wunderbare kleine Making-of-Videos ins Netz gestellt, die die Herstellung der aufwendigen Applikationen zeigen. Holzteile, Perlen, Federn, feine Stoffe werden gefärbt und einzeln aufgenäht, unglaublich schön.

Na, es ist ziemlich sinnlos, da nachziehen zu wollen. Eine unfassbare Arbeit. So war es wohl ein Glück, dass inzwischen ein Teil meiner vorbereiteten Müll-Applikationen mutmaßlich beim Saubermachen entsorgt wurde.

Jedenfalls habe ich keine Erfolge zu berichten und schiebe als Trost zum Abschluss zwei Werke meiner Tochter vor, die sie in jungen Jahren aus Bügelperlen gelegt hat. Wenn man die Perlen sehr schön platt mit dem Bügeleisen verschmilzt, dann kann man das Motiv nachher mit der Maschine auf Stoff aufnähen.

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Hier sind zwei Taschen daraus geworden, die sich sogar waschen lassen. Der Rest der Aufnäher wartet nun schon viele Jahre auf eine Weiterverarbeitung in der Bügelperlenkiste.

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Ich hoffe, heute gibt es noch andere Aktionen mit Bügelperlen zu sehen, aber natürlich nicht nur. Mehr  können wir bei  Frifris erfahren. Vielen Dank für das Thema und das Sammeln der Links, liebe Frifris!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

28. Februar hier bei mir, Thema “Es war einmal ein Tuch”
27. März bei Griselda, Thema “Verschlungen und verflochten”
24. April bei Nahtzugabe, Thema “Plissee”
29. Mai bei Karen , Thema “Schrift im/in/auf Textil”

 

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 14

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Zu viel herumgetänzelt, es hat sich ganz schön was angesammelt in meinem Kurznachrichten-Ordner. Daher heute nur die dringendsten Links und Infos zu Textilthemen.

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Ausstellung:  Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,  In Mode. Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock

gnm    bis 06.03.2016

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Ausstellung:  Deutsches  Hygiene-Museum, Dresden,  Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode
bis 3. Juli 2016    (Gastausstellung des MKG Hamburg)

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Ausstellung: Textilfabrik Cromford, Ratingen, LVR Industriemuseen
Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik
bis 30.10.2016

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bis 3. April 2016 verlängert: Haus der Geschichte, Stuttgart
Auf nackter Haut – Leib. Wäsche. Träume.
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20 Ausstellungen zu Modethemen in 2016 weltweit – Top 20 Fashion Exhibitions in 2016!

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In Lyon soll das wichtige Textilmuseum Musée des Tissus de Lyon eingespart werden. Gegen die Schließung haben schon über 80.000 eine Petition unterzeichnet:

NON À LA FERMETURE DU MUSÉE DES TISSUS DE LYON

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Filme, zur Zeit im Kino:

Carol

Danish Girl

True Cost

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Am Sonntag ist wieder Stoffspielerei, Thema ist  “Perlen” und Frifris sammelt alle Beiträge. Sie hat als Inspiration vorab Buchtipps und Videoempfehlungen zum Thema Perlen und Textilien gepostet.

Die nächsten Stoffspielerei-Termine

31. Januar: “Perlen” bei frifris
28. Februar: “Es war einmal ein Tuch” hier bei mir, Suschna
27. März: “Verschlungen und verflochten” bei Griselda  

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Und nun möchte ich die Leser meines Buches – Verflixt und Zugenäht! – noch um Mithilfe bitten. Falls ihr Schreib- oder andere Fehler gefunden habt: Jetzt wäre der Moment, mir das mitzuteilen, ich kann das dann in der 2. Auflage korrigieren. Größere Eingriffe in den Text oder das Layout sind nicht möglich, es muss ja dasselbe Buch bleiben. Aber Kleinigkeiten oder Formalien kann ich anpassen. Falls euch etwas aufgefallen ist, gern Info per Mail oder hier in den Kommentaren. (Auch über sonstige Kritik/Verbesserungsvorschläge freue ich mich natürlich, das nutzt mir dann für die spätere Buchprojekte.)

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Eislaufabbildungen aus: Skating with Bror Meyer, 1921

Feine Leibwäsche zum Sterben mit Kleist

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Im November 1811 wird hier, in der Nähe des Berliner Wannsees, ein Untersuchungsbericht verfasst. Eine Manns- und eine Weibsperson sind am Ufer tot aufgefunden worden. Der Mann hat offenbar erst die Frau erschossen, dann sich selbst.

Der Bericht vom 22. November 1811 beschreibt die Kleidung der beiden genau.

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Die Mannsperson war mit einem “braun tuchenen Überrock, weißer Battist-Musselin-Weste, grauen, tuchenen Hosen, und runden Schlappstiefeln” bekleidet. Nur um den Mund herum hatte er ein wenig Blut.

Bei der Frauensperson in einem “weißen Batist-Kleide, blau tuchenen feinen Überrock, und weißen glassé-Handschuhen” sah man einen blutigen Fleck von der Größe eines Talers unter der linken Brust auf dem Kleid, “welches an dieser Stelle auch verbrannt zu seyn schien.”

Das Paar hatte in einem nahen Gasthaus übernachtet und in ihren Zimmern Abschiedsbriefe hinterlassen. Kein Zweifel: Sie wollten gemeinsam sterben. Der Ehemann der toten Frau eilt herbei. Sie wird obduziert. Das Protokoll beschreibt weitere Details ihrer Kleidung:

“…feine weiße baumwollene Strümpfe, schwarze corduane Schuh mit schwarzen Band um den Fuß gebunden … und blaue seidene schmale Strumpfbänder”.

Dann heißt es noch: “Übrigens war sie mit Unterziehbeinkleidern bekleidet, und hatte sehr feine Leibwäsche.”

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Mann um den Dichter Heinrich von Kleist, bei der Frau um die vermutlich schwer an Krebs erkrankte Henriette Vogel. Wohl kein Liebespaar, nein, nur zwei in Todessehnsucht vereinte romantische Seelen. Kleist war schon länger auf der Suche nach einer Partnerin gewesen, die sich mit ihm zusammen das Leben nehmen würde. In Henriette, die verheiratete Mutter einer Tochter, hatte er eine des Lebens überdrüssige Gefährtin gefunden.

Wie könnte die Kleidung nun ausgesehen haben, die sie für ihren letzten Ausflug anlegten?

Der Mann im Überrock aus braunem Tuch, mit weißer Weste, grauen Hosen und Schlappstiefeln* ähnelte vielleicht diesen Herren:

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boilly18031803

moritz18081808

(* Schlappstiefel, besser Schlaffstiefel, ein Stiefel, dessen Beinleder keine Steife hat, schlapp oder schlaff herabhängt, wie ein nicht aufgebundener Strumpf.     Krünitz, 1827)

schlapp11800

Wie die Französin auf dem Bild unten trug Henriette sicher eines der zu Beginn des 19. Jahrhunderts modernen weißen Kleider in antiken Stil, dazu weiße Glacéhandschuhe. Glacé war ein sehr weiches und glänzendes Ziegenleder, das mit Talkum noch geweißt werden konnte. Wegen seines “glasierten” Aussehens wurde es Glacé genannt (von frz. glacé = eisig).

Laure-bro-de-comeres1818-1820

Die “corduanen” Schuhe waren aus Corduanleder gefertigt, einem ebenfalls durch spezielle Gerbung sehr feinen, weichen Leder, das damals für Taschen oder Damenschuhe verwendet wurde. “Mit schwarzem Band um den Fuß gebunden” sind auch die Schuhe bei dieser Frau im blauen Mantel aus dem Journal des Dames et des Modes von 1808.

journaldesdamesnov18o8BNF, 1808

Henriettes Überrock aus blauem Tuch könnte ähnlich ausgesehen haben.

Der Bericht findet es erwähnenswert, dass Henriette Unterhosen trug – eben weil das damals noch ungewöhnlich war. Beinkleider galten als männliches Kleidungsstück und waren für Frauen eigentlich gewagt. In einem satirischen Stich von 1810 über Neuerungen in der Mode wird eine Frau in Unterhosen gezeigt, richtig durchsetzen konnten sie sich aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts.

gillray1810nach Gillray 1810

Wahrscheinlich hatte besonders Henriette sich für den Tod ausgesucht schön gekleidet. Ihre feine Leibwäsche mag ein Hemd gewesen sein, das sie unter einem Mieder trug, aber Einzelheiten sind schwer zu wissen, weil die Unterwäschefrage bei den Kleidern im Empirestil unklar ist. Die weißen Baumwollstrümpfe könnten wie diese im Metmuseum ausgesehen haben und die blauen Strumpfbänder, mit denen die Strümpfe über oder unter dem Knie festgebunden wurden, ähnelten vielleicht dem Exponat unten aus Schweden. Nur waren sie wohl etwas zierlicher, denn der Untersuchungsbericht erwähnt extra “schmale Strumpfbänder”.

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Wie Zeugen berichten, waren Henriette und Heinrich vor ihrem Tod sehr heiter gestimmt. Sie ließen sich einen Tisch und Stühle ins Freie bringen, bestellten viel Wein und Rum, sprangen gut gelaunt herum.

Heute führt zum Grab am Ort ihres Doppel-Selbstmords ein gut ausgeschilderter Weg, den man vom S-Bahnhof Wannsee aus beginnen kann. Im Sommer gibt es sogar einen Rundgang mit Hörspiel. Ob darin auch die Kleidung der beiden erwähnt wird? Ich habe mir fest vorgenommen, das in diesem Jahr noch herauszufinden.

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Der deutsche Sonderweg bei den Bettdecken

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Maikäfer laufen über die pralle Bettdecke von Onkel Fritze in Max und Moritz, 1865. So schlafen die Deutschen: Unter einem gefüllten Inlett, das mit Bettwäsche bezogen ist.

Ein großer Teil der restlichen Welt bedeckt sich stattdessen lieber mit einem Laken, das um eine flache Decke aus Wolle oder Kunstfaser geschlagen wird.

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Beim Anblick eines solchen Hotelzimmers habe ich ja sofort das Bedürfnis, das festgestopften Umschlaglaken unter der Matratze herauszureißen. Das Phänomen des “Tütenbetts” in Frankreich hat das Magazin Karambolage bis ins Detail erklärt, hier nachzulesen. Für Deutsche ist das eng gezurrte Kuvert ein Gräuel, weil sie sich nicht einkuscheln können und sich in Folge ihres Bewegungsdrangs im Laufe der Nacht meist unter der kratzigen Wolldecke wiederfinden, während das Laken als Knäuel auf den Boden oder in den Fußbereich verschwunden ist.

Das in Deutschland (und Skandinavien) traditionell übliche bezogene Deckbett stößt aber bei Besuchern aus dem Oberlaken-Ausland ebenso auf Skepsis und Probleme. Und das schon seit mehreren Jahrhunderten!

Ein britischer Reisender beschreibt 1749 die sonderbare Art der Westfalen, sich zu betten: “Eine Sache ist sehr speziell bei ihnen. Sie decken sich nicht mit Bettwäsche zu, sondern legen ein Federbett über sich und eins unter sich. ” (The Grand Tour, Thomas Nugent)

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(Karikatur von James Gillray, 1800, “Deutscher Luxus”, zeigt schön den Aufbau eines deutschen Bettes damals, einschließlich der erwähnten zwei Federbetten. Das untere diente der Polsterung der harten Matratze.)

Was der Berichterstatter Thomas Nugent nicht wusste: Es gab durchaus Bettwäsche, bloß waren statt eines Oberlakens eben die Federbetten selbst mit Bezügen versehen. Laken braucht man dann nur noch als Unterlage auf der Matratze. In den Inventarlisten von damals heißen diese Bettbezüge  Ziehen oder Bühren.  Ein Ehemann schreibt 1784 aus Norddeutschland an seine Frau: “Zu den Gesindebetten hat man hier nur ein Laken, da die Federbetten, unter denen fast alles hier Winters und Sommers schläft, mit Bühren überzogen sind.”

Das Missverständnis von der fehlenden Bettwäsche taucht heute noch bei Touristen aus Laken-Ländern auf. Ein Artikel in der SZ hat sich in Reiseforen umgesehen und  Beschwerden über die mangelnde Hygiene des deutschen Bettensystems gefunden.”Da ihnen das Neubeziehen des Inletts sehr kompliziert erscheint, zweifeln sie öffentlich daran, dass das Hotelpersonal sich diese Mühe für jeden neuen Gast macht.”

Generell wird das fehlende Oberlaken als unbequem empfunden. Ein Forist berichtet: »Im ›City Hilton‹ in München fand ich die Bettwäsche sehr ungewöhnlich: Auf einer Doppelmatratze gab es zwei schmale Bett­decken, jede mit einem Überzug aus Bettlakenstoff. Andere Laken gab es überhaupt nicht! Nachts wurde es warm im Zimmer, und dann konnte man nur entweder unter der viel zu warmen Decke liegen oder ganz unbedeckt schlafen. Das Hotel war ansonsten sehr schön, aber das hat mich doch sehr gestört.«

Auch Thomas Nugent konnte vor 300 Jahren nicht verstehen, wie man es im Sommer unter den Federbetten aushalten sollte: “This is comfortable enough in winter, but how can they bear their feather-beds over them in summer, as is generally practised, I cannot conceive.”

Weil die Oberdecke meist mit Federn gefüllt war, hieß sie auch Duvet (von frzs.  für Daune) oder Plumeau (von frz. für Feder). Heute noch ist der Begriff “Plümo” in einigen Gegenden gebräuchlich. Die Redensart “in die Federn gehen” erinnert ebenfalls an die Daunenbetten.

1866 wandert eine Engländerin mit ihrem Skizzbuch durch die Alpen. In ihrem Bericht beschwert sie sich gleich mehrmals über fehlende Decken in den Herbergen. Immer gab es nur duvets!

bett4In einer Herberge in Tirol, 1869

“Die duvets waren klein und rutschig. Wenn wir sie bis zum Kinn hochzogen, lagen die Füße bloß. Wenn wir die Füße bedeckten, fröstelten unsere Schultern und wir hatten das unangenehme Gefühl von kaltem Wasser, das einem beständig den Rücken hinunterläuft. Wenn man sich zu einem Ball einrollte, fiel das duvet ganz herunter.”

Der englische Designer Terence Conran berichtet, er habe diese seltsame Art zu schlafen in den 1960iger Jahren in Schweden kennengelernt. Er beschloss, Daunendecken mit Bezügen über seine Marke Habitat in England anzubieten. Seitdem ist das nordische Bettdeckensystem auch in Großbritannien auf dem Siegenszug. Aus Frankreich kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass immer weniger Hotels nach alter Art kühle Laken um raue Decken schlagen. Bezüge sind auf dem Vormarsch! Es tut mir schon fast leid. Ikea soll schuld sein an diesem Betten-Mainstream. Es bietet seine Bettwaren unverdrossen in allen Ländern  an. Und die Menschen lernen offenbar inzwischen überall die Vorzüge einer bezogenen Bettdecke zu schätzen.

Warum das Bettensystem historisch so verschieden ist, habe ich nicht herausgefunden. Angeblich soll es mit der Kälte in einem Land zu tun haben – das erklärt dann aber nicht, warum Großbritannien und die Benelux-Länder traditionell Laken hatten, obwohl es bei ihnen nicht viel wärmer ist als bei uns.

bed1Bär unter englischem Laken, 1899

Überhaupt ist es schwierig, solche scheinbar banalen Kulturfragen zu klären, da ist mal wieder wenig erforscht. Vielleicht könnte ihr ja mal berichten, wo ungefähr die Duvet-Grenze verläuft? Wie sieht es zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern aus? Bettbezug oder Umschlaglaken?

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Eine andere Frage, die ich mir stelle: Haben wir vielleicht wegen unserer bezogenen Oberbetten keine Quilttradition? Wie die Steppdecke unter dem Bezug aussieht, ist für uns ja egal.

Fragen über Fragen, aber für heute ist Schluss.

quiltPatchwork-Quilt in einem US-Kinderbuch, 1873

Ist so kalt der Winter

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Junge Frau wärmt ihre Hände über heißen Kohlen, Winter-Allegorie (Ausschnitt), um 1644/48

“Minus 7 Grad in Neu-Globsow”, meldet das Radio in Berlin. Keine Ahnung, wo Neu-Globsow liegt, aber an meinem Arbeitsplatz unterm Dach ist auch ziemlich kalt. Draußen pfeift der Wind. Ich trage sogar Bison-Handschuhe beim Tippen. Dann denke ich an die Menschen früher, als es noch keine Zentralheizung und keine Hightech-Thermoklamotten gab. Wie haben sie das ausgehalten?

horaeadusumDetail Horae ad Usum parisiensem, BnF

Im Mittelalter schützte ein Lagen-Look aus Fell, Leder, Wolle und Leinen  vor der Winterkälte. Das  Feuer im Kamin wärmte nicht nur Hände und Füße, manchmal kam der ganze blanke Unterkörper an die heiße Luft.

tacuinumDetail Tacuinum Sanitatis, BNF

tresrichesheuresDetail Tres Riches Heures, 1412/16

Wie man sieht: Unterhosen waren unüblich.

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Auf dem Weg ins Haus zum Feuer schon einmal die Hände mit dampfendem Atem anhauchen:

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200 Jahre später im Barock geht es auf den niederländischen Eislaufbildern recht entspannt zu.

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Winterlandschap met schaatsers, Hendrick Avercamp , ca. 1608

Die Bilder beim Rijksmuseum sind wahre Wimmelszenen mit vielen interessanten Details. Zum Glück lässt das Museum uns ganz nah heranzoomen.

skate3Schlittschuhkufen werden an die Schuhe geschnallt. Die feinen Leute haben sich mit ihren Spitzenkragen herausgeputzt, die ärmeren tragen Wollumhang und Filzkappe.

Beliebtes Motiv: Frau fällt “zufällig” so unglücklich hin, dass ihr blanker Hintern frei liegt. (Immer noch ohne Unterhosen). Die vielen Rocklagen hielten wahrscheinlich ganz gut warm.

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1625, ein anderer Künstler will mit dem nackten Pomotiv  witzig sein (links). Die reiche Frau in der Mitte trägt Muff und Pelzumhang. Rechts wird “Kolf” gespielt, eine Mischung zwischen Golf und Eishockey.

1630/79 Auch auf diesem Bild unten sind Kolfschläger zu sehen. Wohlhabende stehen in Stiefeln auf dem Eis, die anderen mit Pantinen und dicken Socken. Das Pferd hat Spikes unter den Hufen.

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Mehrere Personen sind im Eis eingebrochen, aber Hilfe naht schon.

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(oben und unten Details Averkamp 1610)

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Hände kann man auch unter der Kleidung warmhalten.

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Meine (vom Mann geliehenen) Bisonhandwärmer lassen mich an Liselotte von der Pfalz im Winter 1721 denken. Ihre Strümpfe aus Castor (Biberhaar) sahen vielleicht ähnlich aus.

… nach halb 6 bin ich auffgestanden, habe mich ahngezogen, ein par gutte Strümpff von castor ahngethan, einen tugendten [tuchenen]  Unterrock und über dieß alles einen langen, gutten, wattenen nachts-rock, welchen ich mitt einen großen, breytten Gürttel fest mache.

Nach wie vor sind mir vor allen Hightech-Materialien die tierischen Wärmespender am liebsten. Meine superwarmen Wollstrümpfe habe ich mit Ledersohlen verbessert.

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Die Hüttenschuhsohlen zum Annähen kann man z.B. bei Hobby Rüther kaufen. Sehr praktisch und sehr gemütlich, wenn auf dem Dachfenster das Eis liegt.

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Euch allen warme Finger und Zehen, bis bald!

aver(Detail Averkamp 1610)

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Nachtrag, gerade bei Twitter via Stella (@daskleinehaus) gefunden: Was man mit den Haaren seiner Haustiere so alles stricken kann

Alles Gute für 2016!

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Das vergangene Jahr 2015 war für mich ein ganz tolles, mit dem Höhepunkt zum Schluss. Die erste Auflage des erst zwei Monate alten Buches ist nun schon vergriffen. Nur bei Amazon und bei Machwerk liegen noch einige Exemplare.

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Lucy von Nahtzugabe spricht mit ihren Worten auch für mich: “Ich bin ganz geplättet (!) von dieser Resonanz und habe noch nicht ganz realisiert, was in den vergangenen gut 8 Wochen passiert ist. Damit hatte ich so nicht gerechnet, und Susanne, glaube ich, auch nicht.”

Tatsächlich reibe ich mir immer noch die Augen. Im neuen Jahr ziehe ich dann mal eine kleine Bilanz und überlege, wie es weitergehen soll. Allein der Ausdruck geplättet  ist ja schon wieder eine Steilvorlage. Ideen gibt es genug!

Ich werde den guten Ausgang des aufregenden Experiments heute feiern und auf einer Tanzfläche dankbar sein. Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass ich noch auf der Welt bin und Kraft über habe. Danke allen, die mir bis hierher geholfen haben!

Euch allen ein gutes Jahresende und die besten Wünsche für 2016!

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Alle Bilder aus La Guirlande 1919/20

Adventskalender Nr. 24 und ein paar Feiertagstipps

Heute öffnet sich das letzte Türchen zum Buch “Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt“.
(Für die anderen Türen aus dem Redensarten-Adventskalender siehe  Woche 1 und Woche 2 und Woche 3)

 

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Durch die Weihnachtstür blicken wir in einen Stall

delaTourdetailde La Tour, Detail, ca. 1645

Wer weiß, ob Jesus nicht vielleicht schief gewickelt war? Das Wickeln (oder auch Fatschen) von Säuglingen war seit der Antike üblich und kam erst im 18. Jahrhundert langsam aus der Mode. Das feste Einbinden von Körper und Gliedmaßen des Kindes wurde damit begründet, der Körper sei noch weich und formbar und bedürfe daher festen Halts.

„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.

(Zitat von 1668, siehe den ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema).

De Wikkellkinderen1617

Wer als Baby nicht korrekt und gerade eingepackt war, der war auf das Leben schlecht vorbereitet und bekam Probleme – er war schief gewickelt.

Wie bei vielen Redensarten gibt es aber auch noch andere Erklärungen für den Ausdruck. Wenn zum Beispiel eine Garnrolle nicht gleichmäßig aufgespult = schief gewickelt ist, dann gibt es beim Abrollen Probleme.

Damit ist der Adventskalender zu Ende, der hoffentlich ein paar Schlaglichter in die 150 textilen Redewendungen meines Buches geworfen hat.

ende1

Mit dem Erstdruck des Buches haben wir zum Jahresende fast eine Punktlandung geschafft. Es sind noch ein paar Restexemplare bei mir und ich werde die Zeit nutzen, über eine 2. Auflage nachzudenken. Bis dahin feiere ich Weihnachten, ganz traditionell im großen Familienkreis. Wir sind eine eingespielte Truppe und wissen das hier geschickt zu umschiffen:

xmascrisis

Wenn ihr ein bisschen flüchten müsst, hier vier Links zum Zeitvertreib

1.
Unbedingt empfehlenswerte Serie auf Arte

Die ersten Folgen sind nicht mehr lange online. (Wegen der Kleidungsfragen ist z.B. Seurats “Die Badenden in Asnières” sehr interessant)

2.
Sehr amüsant: Die Webserie The Impossibilities, die man kostenlos ansehen kann (auf Englisch)

3.
Besonders geeignet wenn Kinder zugegen sind: Bei  Little Drummertoy  kann man sich seinen Weihnachtssound zusammenklicken

4.
Als Kontrast ein wunderbares Stück des Berliner Solistenchors, das auf einem Marienlied von 1400 beruht. Vor zwei Tagen habe ich mich auf einem Konzert des Chors schon weihnachtlich eingestimmt.

Bis dann, es war mir ein Vergnügen!

Redensarten – Adventskalender – Woche 3

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Bonusmaterial zu meinem Buch “Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt“.

(Hier geht es zu  Woche 1 und Woche 2)

 

tag23

gulliver

Ist eine bessere Illustration des Wortes Umgarnen denkbar?

 

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Het spinnen, het scheren van de ketting, en het weven 1594-1596

Das Spinnen, das Schneiden der Kette und das Weben, ein Bild von Isaac Claesz. van Swanenburg aus dem Museum de Lakenhal im niederländischen Leiden. Das Bild ist Teil eines Zyklus, der die Wollverarbeitung zeigt. Allein schon in diesem Gemälde sind die Ursprünge zahlreicher Redensarten vereint, zum Beispiel

anzetteln, verzetteln, den Bogen raus haben, gut in Schuss sein, Shuttle, nach Strich und Faden, kungeln, Klüngel, Spinner, spindeldürr, verhaspeln, alter Knacker…

Wenn man das Bild heranzoomt, finden sich viele interessante Details textiler Techniken, die bis heute ihre Spuren in der Sprache hinterlassen haben.

kungeleiBerlinerMoPo 19.12.15

 

tag21

kanal
Mit welcher Redensart diese Frau zu tun hat, das wissen aufmerksame Buchleser:

Leine ziehen
Dieser Ausdruck kommt wahrscheinlich aus dem Lastenziehen in der Schifffahrt. Früher wurden Transportkähne auf Flüssen vom Ufer aus mit Menschenkraft vorwärts gezogen. Männer und Frauen schleppten das Boot an einem Seil, das sie meist um den Oberkörper gebunden hatten, gegen den Strom. Diese Fortbewegungsart wurde Treideln genannt. Der Treidelpfad am Fluss entlang hieß auch Leinpfad. Rief man »Zieh Leine!«, musste der Leinenzieher sich auf den Weg machen und das Schiff stromaufwärts ziehen. (S. 116)

 

tag20

Der rote Faden

redthread

Der rote Faden als Leitmotiv hat seinen Ursprung nicht nur im Faden der Ariadne, der durch ein Labyrinth führt. Goethe dachte in “Die Wahlverwandtschaften” eher an das Tauwerk der britischen Marine, das als Erkennungszeichen einen roten Faden eingearbeitet hatte:

Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.

Seither ist das Bild des roten Faden als Grundthema nicht nur im Deutschen, sondern u.a. auch im Niederländischen, Französischen und Schwedischen bekannt. Dafür fehlt in der englischen Sprache ein red thread – stattdessen kann man dort aber leitmotif sagen.

farbwerkewurm Kopieklein

Die beiden Wollbündel sind übrigens aus  einem Musterbuch,  in dem Mottenlarven mit eingescannt wurden. (Oder ist das hier ein anderes Insekt?)

 

tag19

Am Gängelband
Wer am Gängelband hängt, oder wer gegängelt wird, über den wird bestimmt. Das Gängelband war früher eine Art Laufgeschirr für Kinder. Auf vielen früheren Kinderbildnissen sieht man Kleinkinder, an deren Kleidung unterhalb der Arme lange Stoffbänder befestigt sind, die von der Amme oder den Eltern gehalten werden.
Rembrandt Sheet of Studies, with a Woman Teaching a Child to WalkRembrandt, 1646

(Auf der Zeichnung wird das Kind nicht nur am Gängelband geführt, es trägt auch einen Fallhut, der es vor Stoßverletzungen am Kopf bewahren soll).

tag18

Ruhm der Nadel

“Der Faden verdankt seinen Ruhm der Nadel.”

“Eine Nadel kann einen Schneider ernähren.”

“Wenn eine Nadel die andere sticht, so nähen sie nicht.”

 

CPcX0KvXAAEFzGt.jpg large(Die Anzeige preist leicht einzufädelnde Spezialnadeln für Junggesellen, Blinde, Im-Dunkeln-Näher, Seeleute… )

 

tag17

Weil ich mich etwas verzettelt* habe, schiebe ich dieses hübsche Bild aus einer Handschrift um 1460/70  ein:

Ein Mann ist einer Frau ins Netz gegangen!

welchsergastQuelle UB Heidelberg, CC-BY-SA 3.0 DE

*verzetteln fehlt im Buch – es hätte zum Eintrag “Etwas anzetteln” gehört. Wie das anzetteln kommt auch das verzetteln in der Webersprache vor.  Grob gesagt: Wenn es mit dem Zettel, den Längsfäden beim Weben, Probleme gab, dann hatte man sich verzettelt. Die Ursprungsform verzetten bedeutete ausbreiten, verbreiten, etwas verlieren. (Kann man schön im Wörterbuch der Brüder Grimm nachlesen, eine meiner Lieblingsquellen).

 

tag16

Verheddern – noch ein Wort aus der Flachsverarbeitung.

Hede hießen die kurzen, wirren Fasern, die in der Hechel nach dem Durchziehen der Büschel zurückblieben. Hede wurde vor allem als Dämm- und Dichtungsmaterial benutzt. 1778 wird sogar berichtet, der Flachs werde für künstliche Haarknoten verkauft: »Ist es Ihnen unbekannt geblieben, dass jährlich über hundert Centner Hede zu Chignons verbraucht werden?*«

chignon

Von der Hede, die unordentlich und durchei­nander in der Hechel zurückbleibt, kommt verheddern im Sinne von verwirrt sein. Wenn man sich im Text verheddert, so hat man den Faden verloren im Gewirr der Worte.

 

tag15

gemeinsamstricken

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In einigen Tagen erhalten die Flüchtlingsinitiativen unseres Bezirks einen Integrationspreis. Statt großer Reden gibt es bei der Preisverleihung Fotos aus den Gruppen, verbunden mit einem “Gemeinsam…”-Spruch. Unser Nähatelier im Flüchtlingsheim ist jetzt seit zwei Monaten regelmäßig geöffnet.  Wir sind neben dem praktischen Angebot der Kleidungsherstellung und -reparatur auch ein bisschen eine Anlaufstelle für Frauen geworden, die sonst ihre Zimmer nicht verlassen würden.  So zeigen wir nicht nur, wie die Nähmaschinen funktionieren und wie man strickt, wir üben auch gemeinsam Deutsch und beschäftigen die Kinder.

gemeinsamspitze

Wer nicht glauben will, dass Helfer weiterhin helfen: Die Zeit hatte eine Onlineumfrage gestartet, “Wir schaffen das, immer noch“.

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Nachtrag
Hier ein paar Links zu Berichten von Handarbeitsaktionen in Flüchtlingsunterkünften:
Karlsruhe Nähen-Stricken-Häkel Nachmittag in der Flüchtlingsunterkunft
Berlin  Ablauf einen Nähnachmittags – Nähen und Basteln mit Flüchtlingen
Berlin regelmäßiger Stricktreff -Stricken im KunstAsyl
Oberhavel Frauencafé im Begegnungshaus

Wer hat noch Links?

 

Redensarten – Adventskalender – Woche 2

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch “Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt“.

(Für Woche 1 hier klicken)

 

tag14

Nautischer Knoten. 

Der Knoten ist auch ein Geschwindigkeitsmaß in der Seefahrt. Wenn ein Schiff in einer Stunde eine Seemeile zurücklegt, dann ist es 1 Knoten schnell. Das entspricht in etwa 1,8 Kilometer in der Stunde.
Der Name dieser nautischen Einheit kommt tatsächlich daher, dass für die Messung ein Seil notwendig war, in das in regelmäßigen Abständen Knoten geknüpft waren. Der für die Messung zuständige Seemann an Bord warf das am Ende mit einem Holzstück beschwerte Seil ins Wasser und zählte die Knoten, die durch seine Hand glitten, während eine Sanduhr lief. Je schneller das Holzstück mit dem Seil im Wasser abtrieb, desto mehr Knoten liefen durch die Hand, desto schneller fuhr das Schiff. (Auszug S. 109)

Loch à plateau

Logscheit mit Leine, Logglas (Sanduhr) und Logrolle. Auf der Rolle ist einer der Knoten erkennbar.

© Rémi Kaupp, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

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“Mit nur einer Hand lässt sich kein Knoten knüpfen.”
Russisches Sprichwort

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“Durchschneide nie, was du auch aufknoten kannst.”
Portugiesisches Sprichwort

(Hört sich immer ganz schön an, wenn so ein Sprichwort einer Region zugeordnet wird. Das obere soll wahlweise auch aus der Mongolei stammen, das letzere ein Spruch des Franzosen Joseph Joubert sein.)

 

tag12

“Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Fusselbart.”  Sven Regener

Flausen, Flusen, Fusseln und Flausch sind sprachlich verwandt und meinen lose Fadenenden oder flockige Wolle. Wer Flausen im Kopf hat, dem fliegen also allerhand lose Dinge im Kopf herum.

In der Internetsprache wird ein Kuschelverhalten augenzwinkernd *flausch* genannt. Wer in sozialen Netzwerken Flausch weitergibt, der dankt, lobt, beglückwünscht oder will trösten.

 

 

tag11

zettel
Quelle Twitter

Etwas anzetteln – ein Ausdruck aus dem Weberhandwerk.

“Um ein Stück Stoff zu weben, müssen auf dem Webstuhl zunächst lange Fäden, die sogenannten Kettfäden, gespannt werden, durch die dann später quer hindurchgewebt wird. Diese Längsfäden werden Zettel genannt. Am Anfang einer Webarbeit steht also immer der Zettel, ohne diese gespannten Kettfäden kann das eigentlich Weben nicht beginnen. Wer etwas anzettelt, setzt damit die Startpunkte für eine Entwicklung.”  (Auszug S. 52)

 

tag10

Ins Garn gehen

Garn war früher ein anderes Wort für Netze, die beim Fischfang und in der Vogeljagd benutzt wurden.

“Es gab Fischgarn und Vogelgarn als Fangnetze. Mit Vogelgarn waren verschiedene Arten von Fallen gemeint, die vor allem für kleinere Vögel gedacht waren. Geht also jemand ins Garn, dann geht er in die Falle wie ein Vogel, der gefangen wird. Damit zusammen hängt auch die Redewendung jemandem auf den Leim kriechen. Eine Variante der Vogelfallen bestand aus einer mit Leim bestrichenen Rute, an der die Vögel hängen blieben. Die Vögel waren auf den Leim und damit auch ins Garn gegangen.” (Auszug S. 101)

neuer orbis pictus 1832vogelgarnVogelfänger mit Vogelgarn – im Baum hängen auch noch Fallen. (Abbildung wieder aus Neuer Orbis Pictus – eine wunderbare Fundgrube)

 

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„Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen“
―Horace Mann

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Tyne & Wear Archives & Museums via Flickr

 

tag9

Nun sind wir schon in der zweiten Woche und kehren zu den Schneidern auf ihren Tischen zurück. Inzwischen habe ich  im ersten Bilderlexikon für Kinder, dem Orbis Pictus (Die Welt in Bildern) eine Schneiderszene aus dem Jahr 1658 gefunden. Rechts neben dem Ofen wird zugeschnitten, und links auf dem runden Tisch wird genäht. Wie man sieht, gibt es dreibeinige Hocker, die am Tisch anlehnen. Ein Schneidersitz ist nicht nötig. Deutlich ist aber, dass der Stoff auf den Knien aufliegen soll.

sartororbispictus1

Auch hier kann etwas unter den Tisch fallen…

Unter den Tisch fallen

Der Ausdruck kommt aus dem Schneiderhandwerk. Früher brachten die Auftraggeber das Tuch, das sie vernäht haben wollten, selbst zum Schneider. Stoffe waren sehr teuer und es war wichtig, dass der Schneider mit dem Stoff des Auftraggebers sparsam umging und ihn nicht betrog. Der unredliche Schneider konnte versuchen, möglichst viele Reste für sich zu behalten. Unter seinem Arbeitstisch hatte er einen Behälter, in den er die Stoffreste warf. War dem Schneider viel unter den Tisch gefallen, so hatte er viel vom Stoff des Auftraggebers für sich selbst behalten. Der Kunde musste mit dem Schwund leben. (Auszug S. 83)

Nachtrag: Aus einer 200 Jahre späteren Version des Orbis Pictus (1832) noch eine Tischszene, die Nähgesellen sind ans Fenster gerückt, der Schneider nimmt Maß.neuer orbis pictus schneider1832

Redensarten – Adventskalender – Woche 1

Täglich bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch “Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt“.

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tag7

Spinnrocken, Kunkel: Der Stab mit dem Bündel Rohfasern, aus dem der Faden gesponnen wird. Spinnen war meist Gemeinschaftsarbeit und wurde traditionell den Frauen zugeschrieben. Ein Spinnrocken in der Hand galt als weibliches Attribut.

distaffvia

Von der Kunkel kommt das Kungeln

Wurde Wolle, Hanf oder Flachs um den Stab gedreht, der das abzuspinnende Material halten sollte, so hieß dieses Herumdrehen und -wickeln regional auch kunkeln. Kungeln bezieht sich also zum einen auf etwas Zusammengedrehtes. Zum anderen wurden auch die Gemeinschaften in den Spinnstuben danach benannt, sie hießen Kunkelgesellschaften. In einem Gedicht von 1821 klingt das vertrauliche Zusammensitzen beim Spinnen an: »Leis im Frauenkreise flüstert bei der Kunkel guter Rath.« Das Kungeln ist also auch das Ergebnis vom heimlichen Zusammentreffen in den Spinnstuben. (Auszug S. 20)

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tag6

santavia LNSW

Schönen Nikolaus-Sonntag wünsche ich! Und ich habe sogar einen Bezug zum Thema:

Der Nikolausmantel ist mit Pelz verbrämt. Verbrämung nennt man die Verzierung der Kanten eines Kleidungsstücks. Eine Jacke kann mit Fell verbrämt sein, ein Rocksaum mit einer Borte. Das Wort kommt vom frühniederdeutschen Brame für Rand oder auch Waldrand. Heute wird im übertragenen Sinne eine schlechte Nachricht verbrämt, indem man sie harmlos verpackt übermittelt. Sie wird derart verziert umschrieben, dass sich das Übel nicht direkt zeigt.

(Mein Buchlager ist übrigens schon arg dezimiert, ähnelt dem Vorrat auf dem Foto oben. Ich hoffe, die Menge reicht noch für alle Weihnachtswünsche. Danke für die Unterstützung!)

 

tag5

„Der Scherz ist wie das Garn, das zerreißt, wenn es zu fein gesponnen wird.“
―Napoléon Bonaparte
Napoleon - 2

 

tag4

hechelnvia

Zwei junge Männer beim Flachshecheln. Das Bild macht deutlich, warum Flachsen bis heute in unserer Sprache im Sinne von spaßig Herumreden erhalten ist. Flachsgewinnung war Gemeinschaftsarbeit und ein langweiliger, gleichförmiger Prozess – bestens geeignet für Unterhaltungen. Seltsamerweise gehen die bisherigen Redewendungsbüchern immer davon aus, dass nur Frauen geflachst und gehechelt haben und schreiben die Redensarten schwatzhaften Frauen zu. Eine von vielen Klischeevorstellungen, die wir der Altherren-Geschichtsschreibung verdanken.

flaxvia

tag3

Vor Beginn des Industriezeitalters spielte der Flachsanbau in Deutschland eine sehr große Rolle. Bis heute hat die Flachsverarbeitung Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen.  So sind zum Beispiel tadelnde Reden in Form von Rüffeln und Durchhecheln auf Arbeitsschritte bei der Fasergewinnung zurückzuführen. Mit den Werkzeugen Riffel und Hechel wurden die Flachsfasern gesäubert und gekämmt.

hackleHechel

Die spitzen Zinken der Hechel standen als Bild für scharfe Zungen, die sich über ein Thema austauschen. Schon im Simplicissimus aus dem 17.  Jahrhundert hört der Erzähler bei einer Hochzeit betagten Mütterlein zu, wie sie »allerlei Leut, Ledige und Verheiratete … durch die Hechel zogen« und über die Kleidung der Gäste tratschten.(Auszug S. 31)

riffelRiffel (trennt die Leinsamen ab)

Wie bei der Hechel, die zum tratschenden Durchhecheln führte, wurde aus der Riffel der Rüffel, mit dem jemand gerügt wird.

tag2

„Schneider sind die klügsten Menschen, weil sie immer wieder von den Menschen Maß nehmen, statt sich auf die alten Angaben zu verlassen.“
―George Bernard Shaw

tag1

Schneidersitz

schneidersitzvia NLI

Warum sitzen Schneider mit gekreuzten Beinen?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Wer im Schneidersitz arbeitet, braucht weniger Platz und kein zusätzliches Mobiliar. Der Stoff kann im Schoß zusammengefasst oder über die Knie ausgebreitet werden, so dass das Gewicht des Tuches nicht beim Nähen stört und die Gefahr geringer ist, mit Schmutz und Staub in Berührung zu kommen. Gerundete Partien wie Kragen oder Armausschnitte können über ein Knie geformt leichter bearbeitet werden.
Auf manchen Abbildungen sieht man Männer im Schneidersitz auch auf einer Tischplatte direkt am Fenster arbeiten. So waren sie besonders nah am Tageslicht und konnten die Nähte besser sehen. Frauen sitzen auf Abbildungen eher auf Stühlen. Der Schneidersitz war wohl weniger schicklich für sie. (Auszug S. 81)

Fallen euch noch andere Gründe ein? Auf dem Bild oben liegt das Tuch auf dem Boden und wird sicher schmutzig. Rechts am Ofen bügelt einer der Näher, auch auf den Dielen (und nah an der Kohle).