Runde Schönheiten 1904 und ein Kuchenstück

1904 frau2

Bei einem Schönheitswettbewerb der Zeitschrift “Berliner Leben” stimmen 1904 die meisten Leser für eine weich und sinnlich geformte Vally. Heutzutage wäre Vally ein Plus-Size Model und dürfte bei Germany’s Next Top Model wahrscheinlich noch nicht einmal durch die Tür zum Casting.

Geht man die Zeitschrift weiter durch, so sind die meisten Frauen dort  ziemlich rundlich. Nach  nach heutigen Maßstäben würden einige von ihnen wohl über eine Diät nachdenken.

berliner leben 1905 stickdec (2)

Damals aber galten sie nicht als zu dick. Vielmehr waren sie wohlgenährt und damit schön.

1901 frau2

1903 frau1a

1906 frau1

Die Zeitschrift zeigt viele Sängerinnen und Schauspielerinnen. Ich habe nicht einen einzigen “Hungerhaken” unter den Bühnenschönheiten gefunden. Man beachte auch die damals moderne Form der Gänsebrust, die mit entsprechenden Korsetts extra so geformt wurde. Heute würden alle sofort schreien: Zieh dir doch mal einen vernünftigen BH an!

1903frau2

1903 frau9

Apollo-Theater, Blumenballet aus “Frühlingsluft”.

Ein Badebild von 1906 zeigt, wie die Frauen ohne Korsett aussahen. Auf dem Steg ganz rechts sitzt die 24 Jahre alte Berliner Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary.

1906 baden

Sie wurde später eine Berühmtheit, die Massary, und Modeikone. Die weibliche Bevölkerung richtete sich nach ihrem modischen Geschmack.

wikithe (Ausschnitt, via)

Fritzi Massary 1904 auf der Bühne.

Natürlich sehen die Frauen auf den Gesellschaftsbildern der Kaiserzeit aus heutiger Sicht zum Teil ziemlich matronig aus.

1906 ferienbay

matronevia

Aber das ist eben unsere Sicht. Und auch eine Frage des Stylings, denn zu diesem Ballbild von 1904 fällt einem das Wort “Matrone” eher nicht ein.

1904 frau1

Das Foto wurde auf dem  “Rattenball” gemacht, mit dem in Berlin jährlich offiziell die Karnevalsaison eröffnet wurde. “Das Auftreten von Teilen der besten Gesellschaft” erregte 1905 vor allem in der Presse großes Aufsehen.

Festzuhalten ist also, dass vor hundert Jahren der Durchschnitt der heutigen weiblichen Bevölkerung in unserem Land ganz zufrieden vor sich hin leben könnte, jedenfalls was das Gewicht angeht. Zu Dick (was auch immer das dann war) sollte man aber auch 1904 nicht werden – wie diese Anzeige gegen Korpulenz beweist.

1903 werbu

Schon hier wird ein ominöses Verfahren mit “Keine Diät, sicherer und rascher Erfolg” beworben. Da hat sich in 100 Jahren nicht viel getan, nur die Maßstäbe für  Korpulenz haben sich verschoben.

DSC09475

Ich werde jetzt jedenfalls voller Genuss dieses Stück Rhabarberkuchen essen, und dann vielleicht noch eins und noch eins. Endlich habe ich ein weltbestes Rhabarberkuchenrezept gefunden, und zwar HIER. (Ohne Kneten, Ohne Vorheizen, Ohne Warten. Man muss nur schlau sein und den Eischnee mit Zucker ZUERST schlagen, dann kann man den Quirl ohne Abwaschen gleich weiterbenutzen. Änderungen zum Rezept: Prise Salz in den Teig, mehr Rhabarber,  Mandeln auf Baiserhaube).

Morgen ist Pfingsten, so wie schon in Berlin im Jahre 1904.

1904 pfingsten (2)

Da stehen alle an der Kaffee-Küche an. Frohe Pfingsten!

1904 pfingsten
——————————————————————————————–

Diese  Bilderserie ist nur möglich, weil die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mehrere Jahrgänge der Zeitschrift Berliner Leben digitalisiert und die Daten in die Public Domain entlassen hat. Weil die Scans gemeinfrei sind, kann ich im Blog Ausschnitte zeigen. Das erlauben noch nicht so viele Institutionen in Deutschland. Danke!

Kurzwaren: Links und Infos Nummer 9

banyan1914brig

Links und Lesetipps zum Frühstück.

——————————-

Ausstellung:  Guter Stoff – Kleidung im DDR-Alltag ist nun schon vorbei.  Ich konnte meine Nase nur an der Scheibe zum gläsernen Raum plattdrücken. Hehocra war drin und berichtet.

——————————

Ausstellung: Glanz und Grauen – Mode im “Dritten Reich” im Industriemuseum Bocholt, bis 1. November 2015. Sie hinterfragt unsere Klischeevorstellungen zu Nazimode als Tracht und Dirndl. Bei Youtube gibt es einen Einblick in die Ursprungsausstellung. In Bocholt sind über 100 originale Kleidungsstücke und 500 weitere Objekte aus der NS-Zeit zu sehen.

———————————–

Ausstellung: Karl Lagerfeld, Modemethode in der Bundeskunsthalle Bonn, bis 13. September 2015. Wer Haute Couture aus der Nähe sehen möchte, hier ist das möglich. Hier bei Journelles gibt es ein paar Einblicke in die Inszenierung der mehr als 120 Looks, sieht gut aus.

——————————-

Ausstellung: Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode,  bis 20. September 2015 in Hamburg. Dazu gehört auch der interessante Blog Stilbrise. Die Ausstellung ist in allen Medien rauf und runter oft und gut besprochen worden. Fast habe ich das Gefühl , ich weiß schon alles und muss nicht mehr hingehen. Oder?

———————————–

Für ihren Blog Die Museums-Challenge besucht die Autorin ein Jahr lang Geschichtsmuseen. Inzwischen ist sie bei Nummer 18.  Ich freue mich, dass sie immer noch am Ball ist.  Über die Hamburger Ausstellung berichtet sie bei Nummer 16.

———————————-

Wie ein Tutu gemacht wird und viele andere interessante Artikel bei Fashiontwist.

———————————–

“Reisen wird überschätzt”, Inspiration deutsche Neo-Hippies u.a.. Interview mit Dries van Noten im Tagesspiegel.

————————————

Video: “Jean Paul Gaultier arbeitet” – In dieser Doku auf Arte zeigt der Designer, wie er seine Modelle entwickelt hat. (noch bis 14.7.15)

————————————

Video: Künstlerin baut Tante-Emma-Laden aus Filz, man kann dort einkaufen gehen

———————————–

Fotos: Eine japanische Künstlerin hat wunderbare Bilder von Frida Kahlos persönlichen Gegenständen gemacht, sehr berührend. Eine Prothese mit rotem bestickten Stiefel hatte Frida selbst entworfen.

———————————–

Operation Schlumpfleder” – vom wenig erfolgreichen Versuch, aus Bakterien Leder zu züchten.

———————————–

Ein Tuch mit QR-Code, in dem eine Botschaft versteckt ist. Tolle Idee und grafisch sehr ansprechend.

———————————–

Soweit meine Links und Lesetipps für heute. (Siehe auch Suschnas Twitter-Kurzwarenhandlung). Schönen Sonntag wünsche ich!

 um 1910, via

———————————–

Männer und Frauen an der Nadel

Stamps_of_Germany_(Berlin)_1986,_MiNr_756via

Warum gelten Handarbeiten als weiblich? Dieser Frage gehe ich hier ja nun schon eine ganze Weile nach.  Katja beschäftigt sich bei  Krachbumm auch mit weiblichen Klischeebildern. Sie hat mich gefragt, ob ich für ihre Serie “Alltagsmythen neu im Blick” einen Gastbeitrag schreiben könne.  Heute findet ihr also bei ihr meinen Zwischenstand “Über die Erfindung der Handarbeit als weiblich“. Lest gern dort weiter!

Stände Amman Der Seydensticker.pngvia

Seidensticker, Mann und Frau

Stände Amman Der Teppichmacher.pngvia
Teppichmacher, Mann und Frau

Fotothek df tg 0008631 Ständebuch ^ Beruf ^ Handwerk ^ Kleidermacher.jpgvia
Kleidermacher, Mann und Frau

Fotothek df tg 0008642 Ständebuch ^ Beruf ^ Handwerk ^ Weber ^ Tuchmacher.jpgvia
Tuchmacher, Mann und Frau

via

via 

Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238223.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten – CH-BAR – 3238223“ von Schweizerisches Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238219.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten“ Schweizerisches Bundesarchiv, Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern - CH-BAR - 3238724.tif
1914-18 „Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern“ von Schweizerisches Bundesarchiv,  Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Ich gebe zu, beim letzten Bild sind die Männer bloß die Aufseher, aber das sind tolle Fotos aus der Schweiz, oder.

Soweit diese kleine Illustration zum Thema Handarbeit, Männer, Frauen. Weiter geht es bei Krachbumm.

Berliner Leben im Mai vor hundert Jahren

berliner leben 1905tier1905 im Berliner Tiergarten

Hier in Berlin blühen die Bäume, es ist warm, das frische Grün leuchtet – die schönste Zeit.  Passend dazu habe ich euch ein paar Frühlingsszenen aus der Stadt vor 100 Jahren herausgesucht. Die Serie ist nur möglich, weil die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mehrere Jahrgänge der Zeitschrift Berliner Leben digitalisiert und die Daten in die Public Domain entlassen hat. Nur weil die Scans gemeinfrei sind, kann ich im Blog Ausschnitte zeigen. Das erlauben noch nicht so viele Institutionen in Deutschland.

Hier nun also Eindrücke aus Stadt und Park im Berlin der Kaiserzeit.

berliner leben 1905 markt (4)

1905, aus “Unsere exotischen Mitbürger”.  Vielleicht ein Kindermädchen aus Kaiser-Wilhelms-Land, der deutschen Kolonie in Neuguinea? Indonesien könnte sein, Südostasien?

berliner leben 1905 werder (2)

Baumblütenfest in Werder 1905. Der kleine Junge links trägt vielleicht die Jacke eines größeren Bruders.

berliner leben 1905 werder

Mythos Korsett und Wespentaille: Ich bitte nur einmal kurz die Silhouette der Dame rechts anzusehen. Deutlich zeichnet sich das Mieder ab. Weit entfernt von Wespe und Einschnürung, es geht der Frau ganz gut. Ohnehin ist die Reformkleidung schon im Kommen. 1897 fand in Berlin eine erste Ausstellung dazu statt.

berliner leben 1905 werder (3)

Gegen Stolpern und schmutzige Rocksäume werden die Stofflagen hochgerafft.

Hier auch, auf der Promenade.

1899 104

Kindermädchen, Ammen und ihre Schützlinge an der frischen Luft.

berliner leben 19 (3)

Die Ammen mit den weißen Hauben waren sorbische und wendische Frauen aus dem Spreewald. Sie galten als zuverlässiges Personal mit gesunder Muttermilch und wurden im Berlin der Kaiserzeit bald zum Statussymbol wohlhabender Familien. Eine Berlinerin  erinnert sich  an ihre Amme: „Kein Ausgang … ohne Haube. Sie war sozusagen das Markenzeichen, das nicht nur die Trägerin, sondern auch die Familie erst ins rechte Licht rückte, die sich ein solches Prachtexemplar leisten konnte.“

berliner leben 1905 sommer

Spreewaldammen 1905

Öffentliches Stillen beobachtete Heinrich Zille:

„Wenn in’n Tiergarten de Ammen

Unscheniert die kleenen Strammen

Frische Nahrung lassen ziehn –

Denn is Frühling in Berlin!“

Um das Jahr 1900 soll es in Berlin rund 1000 Ammen gegeben haben. Teilweise ließen sie ihre eigenen Kinder in der Heimat zurück, weil sie auf das Geldverdienen in der Großstadt angewiesen waren. Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich manches Dienstmädchen von anderswo Haube und Tracht besorgte, um als “Spreewaldamme” durchzugehen und eine bessere Stelle zu bekommen. (Zum Thema Stillen historisch siehe auch ganz frisch “Mythos natürliches Stillen“).

1898 118 1898

Interessant die Kinderwagen und sonstigen Transportgeräte. Motorfahrräder und Rikschas gibt es in Berlin heute wieder, leider ähneln die Rikschas für Touristen inzwischen eher großen Plastikeiern. So eine Nostalgie-Tour wäre vielleicht auch eine Idee.

1899 1361899

Selten in der Zeitschrift: “Eine Scene aus dem Elend der Weltstadt. Landung eines Selbstmörders an der Gertraudenbrücke.” Heute würde so eine Foto wohl nicht mehr abgedruckt, wegen der Werther-Effekts und der Selbstverpflichtung der Presse.

1900 411900

Das waren für heute nur ein paar Ausschnitte, ich wühle mich bald weiter durch die Ausgaben.  Da sind noch feine Sachen, nächste Folge vielleicht mal die arbeitende Bevölkerung, oder skurrile Werbung?  Dank an alle Museen, Bibliotheken und Archive, die ihre Schätze mit der Allgemeinheit teilen.

Jetzt gehe ich noch ein bisschen an Blütenbäumen schnuppern und höre in die Beiträge der Republica 2015 hinein. Diese Konferenz zu Internetthemen läuft gerade hier, im Berlin des Jahres 2015.

Schöne Maitage und bis bald!

DSC09409

Helden der Flickenkiste – Maigrün, Lilo Pulver und Fast Fashion

Neues aus der Serie “Helden der Flickenkiste”, Aktion von Frifris. Sie hat heute rote und blaue Textilien gerettet, bei mir überlebte eine Wolldecke in Maigrün.

DSC08110 DSC09405

In Zürcher Verlobung von 1957 trägt Liselotte Pulver eine grüne kastige Jacke. Die gefiel mir und ich fotografierte sie vom Bildschirm ab. (Der Film ist inhaltlich zu vernachlässigen, aber wegen der Mode interessant, weil dort die Umbruchzeit 50er/60er  gut zu erkennen ist.)

Für die Jacke nahm ich aus der Flickenkiste eine Wolldecke ins Visier, die zwei große unentfernbare Teeflecken hatte. (Was nebenbei bemerkt beweist, dass Tee und Wolle ein gutes Färbepaar sind.) Die Decke hatte ich schon 20 Jahre, sie war einmal sehr mohairig und schon immer mit bad Vibrations aufgeladen, weil die Verkäuferin in dem Einrichtungsladen, in dem ich sie gekauft hatte, unglaublich arrogant war.

DSC09396

Jedenfalls habe ich wieder meinen Allroundschnitt (Vogue 1981 B) genommen, der auch schon Grundmuster des Hausmantels à la Diderot war.  Ich wollte unbedingt die Fransen der Decke behalten, also verlängerte und begradigte ich die Vorderkanten.

DSC09365

Man kann die Jacke sehr weit offen tragen oder ganz hoch geschlossen (mithilfe einer Haarspange). Seit mehreren Monaten wohne ich quasi darin. Beim derzeitigen Übergangswetter ist sie auch gut geeignet für den schnellen Fahrradritt zum Supermarkt.

DSC09399

Nicht gut gelöst sind bisher die offenen Kanten unten und an den Ärmeln. Es franst schon ein bisschen. Ich dachte an dünnes Leder als Einfasskante, aber natürlich gibt es so etwas nicht in Maigrün. Stoff- oder Samtkante habe ich auch probiert, sieht blöd aus.

Das andere Problem ist, dass die Wolldecke schon ziemlich räudig war. Neben mir sitzt man zur Zeit wie neben einem zottigen Hund.  Dunkel erinnere ich mich, dass man solche Mohairstoffe auch wieder fluffig bekommen kann. War das im Trockner? Vielleicht hat jemand Erfahrung dazu.

So oder so freue ich mich, dass ich eine Textilie vor dem Müll gerettet habe. Womit ich beim weiteren Thema bin: Wie steht es mit der Fast Fashion hier im Hause? Bei Gewissensfrage Klamottenkauf  hatte ich ja im Herbst eine Mutter-Tochter Challenge ausgerufen und wollte für mich prüfen, wie ökologisch und ökonomisch unkorrekt unsere Herbsteinkäufe waren. Was ist draus geworden?

Ich habe losrecherchiert, ja. Viel gelesen, viele Filme geschaut. Und musste feststellen, dass am Ende  immer eine Unsicherheit und Grauzone bleibt, wenn man nicht bei ausgewiesenen Fair-Labels kauft. Hinter den großen Kleidungsmarken stehen dieselben Konzerne, arbeiten dieselben Fabriken. Ob Zara, COS oder Uniqlo, wo wir als Familie hauptsächlich einkaufen, es gibt sich nicht viel. Zwar reagieren viele Konzerne inzwischen aufgeschlossener, weil sie gemerkt haben, dass “Fast Fashion” ein Imageproblem bekommt. Sie können aber nie den Nachweis erbringen, dass bis ins letzte Glied der Herstellungskette alles mit rechten Dingen zugeht. Läuft etwas schief, verweisen sie darauf, ein Sub-Sub-Subunternehmer habe ganz allein ohne Wissen des Konzerns etwas Illegales gemacht. Das sei bedauerlich, man werde sich kümmern, aber das sei eben schwer zu überwachen.

Bei meinen Recherchen bin ich auf den Blog “Ich Kauf Nix” von Nunu Kaller gestoßen, die auch bei Greenpeace aktiv ist. Bei ihr habe ich alle meine Fragen beantwortet gefunden. Ich empfehle euch den Blog sehr, wenn ihr für dieses Thema affin seid.

In dem Beitrag Etwas wissen und danach handeln: zwei Paar Schuh zitiert sie aus einer Studie, in der Teenager nach ihrem Klamottenkauf gefragt wurden. Zwei ihrer Screenshots daraus:

Bemerkenswert niedrig: Der Anteil des Selbermachens bei den “Bezugsquellen”. Bemerkenswert sind außerdem Stellungnamen von H&M bei Nunu Kaller. Ich finde es toll zu sehen, wieviel man mit Öffentlichkeitsarbeit auch via Blog erreichen kann.

Was tun?

Wie informieren?

  • Facts-Seite bei Nunu Kaller – Die moderne konventionelle Bekleidungswirtschaft vom Saatgut zum Müllberg
  • Liste mit Dokus zu Fast-Fashion. (Habe ich angelegt, könnt gern Ergänzungen empfehlen).

Hier noch ein beeindruckender Kurzfilm aus Indien, wo unsere Altkleider recycelt werden. Eine Arbeiterin erzählt, was sie über die Menschen im Westen denken. “Wir glauben, Wasser ist dort teurer als Kleidung, daher werfen sie einmal Getragenes weg, statt zu waschen.”

Über zwei Halstücher brauchen sie sich in Indien nicht zu wundern, die werden nämlich nicht dort auftauchen. Die Tücher sind jetzt Vorder- und Rückseite eines Kissens, eine Sache von 5 Minuten.

DSC09402 DSC09401

Danke, Frifris für den Anstoß. Ich gehe dann gleich mal die vier Jeanshosen mit Rissen an, die in der Flickenkiste liegen. Die brauchen eigentlich nur ein paar Zickzackstiche mit blauem Garn.

Stoffspielerei im April: Wilde Naturfarben

DSC09196
3x gefärbte Seide: Indigo, Rhabarber, Krapp

Lucy von Nahtzugabe hat für die monatliche Stoffspielerei*  das Thema Stoff+Farbe vorgegeben.  Ein guter Grund, endlich die mit Pflanzen gefärbten Stoffe von einem Workshop zu verarbeiten.  Für die abstrakten Kompositionen hier habe ich Seidenstücke zusammengestellt.  Blau=Indigo, Gelb=Rhabargerwuzel, Rot=Krappwurzel. Das Schwarz ist eigentlich ein Lila-Anthrazit,  aus einer wilden Mischung von Galläpfeln und Weinstein/Eisenvitriol als Beize entstanden, wenn ich mich recht erinnere.

Einen ersten Versuch, per Hand genäht, seht ihr oben. Weitere Kompositionen für einen Wandbehang sind in Planung. Ich bin immer wieder begeistert davon, wie mit Pflanzen gefärbte Stoffe untereinander harmonieren. Im Computerfoto ist das ja nur ansatzweise darstellbar.

20150422_092656 20150422_091221

20150421_200829

Welche Variante wäre wohl am besten? Oder ganz anders, regelmäßiger?

Nachfolgend noch ein bisschen Info zum Workshop und zu Naturfarben.

Was Färben angeht bin ich ja eher der Typ Hexenküche, und das haben wir beim Workshop auch so gehandhabt.

P1070736

Mit einer Ausnahme: Beim Indigo ging es sehr exakt zu, mit Thermometer, Waage, Messbecher und lange vorher angesetzter Färbelösung. Die Meisterin hatte ihr Handwerk in Indien gelernt.

P1070745“Stammküpe INDIGO / nicht schütteln!”

P1070773Meine Ausbeute.

P1070762

Am besten färben organische Materialien: Seide und Wolle

P1070771

Indigo. Mehrmals überfärben gibt immer intensiveres Blau.

P1070775

P1070760

Hier ist gut zu sehen, dass der Stoff im Indigotopf erst nach dem Herausnehmen an der Luft die Blaufärbung erhält. Der Stoff muss sehr langsam herausgezogen werden, damit möglichst wenig Luft in den Topf gerät.

Mir hat gut gefallen zu sehen, dass man Färben auch ohne großes Herumüberlegen betreiben kann. Bei früheren “freien” Versuchen bekam ich nur fleckige Graubrauntöne. Aber mit den richtigen Pflanzen klappt es. Stoff rein, fertig. Beizen ist schon besser, muss aber nicht sein. Die letzten Hemmungen nahm mir dieses Interview mit der amerikanischen Naturfarbspezialistin Jenny Dean. Sie rät auch dazu, einfach loszulegen.

– fast jeder Farbton ist mit Naturfarben zu erzielen.

– tausende von Jahren wurden alle Farben aus Naturmaterialien gewonnen. Erst 1850 ging es mit synthetischen Farben los.

– nicht irgendwas pflücken, sondern nach Färbepflanzen suchen.

– mit den richtigen Pflanzen gibt es auch nicht so ein Problem mit Lichtechtheit.

– Probieren, probieren! Nicht sklavisch nach Anleitungen richten, jeder Fall ist anders.

Färbepflanzen sind zahlreich. Allein mit dem, was in unserem Garten zu finden ist, könnte ich eine ganze Farbpalette abbilden. Als Hilfestellung habe ich mir Jenny Deans Buch schenken lassen und Ostern auch gleich einen Sud aus Osterglockenblüten hergestellt. Gibt – ohne jede Beize – ein zartes Gelb.

DSC09199

Linker Streifen Seide/Rote Beete+Essig, rechter Streifen Leinen/Osterglockenblüten

Bei weiteren Versuchen werde ich eher Seide nutzen. Organisches Material nimmt die Farbe einfach viel besser an. Leider ist mein Seidenvorrat nun aufgebraucht, und neue zu kaufen ist ganz schön teuer. Falls jemand eine gute Quelle für weiße Seide weiß…

Im Netz gibt es auch auf deutsch viele Blogs, die von Färbeversuchen berichten. Das ist ganz hilfreich. Griselda hatte auch einmal eine Versuchsreihe gepostet. Aber, wie gesagt, es geht nichts über die eigenen Erfahrungen. Jenny Dean meint, viele Bücher und Anleitungen verbreiten ungeprüft Falschinformationen weiter.

Im Interview lobt die Autorin das Korallrot des Waldmeisters, und den haben wir gerade massenhaft. Außerdem blüht der Löwenzahn, das soll Gelb ergeben. Rhabarberblätter landen zukünftig bei mir nicht mehr auf dem Kompost, sondern im Kochtopf. (Endlich ist die Oxalsäure im Rhabarber mal zu etwas gut, die beizt).  Gar nicht klar war mir, wie toll Baumrinden sind. Ich bin ein ziemlicher Spaziergangmuffel, aber die Aussicht auf ein Rosé von Birkenrinde treibt mich sogleich hinaus.

In diesem Sinne: Einen schönen Sonntag allen!

Später schaue ich mir in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben. Die Links sind bei  Lucy zu finden.  Vielen Dank!

——————————————————————————————-

*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris    Thema Knöpfe
26. Juli         SOMMERPAUSE

“Wir nähten von morgens bis zur Nacht” – Broterwerb mit Nadel und Faden

krokerKrøyer, 1881, (Ausschnitt) via

Warum gelten Nadelarbeiten als weiblich und banal? Dieser Frage gehe ich in einer Reihe von Beiträgen nach.

Heute geht es noch einmal darum, das Idealbild der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert zu hinterfragen. Die Vorstellung von der sittsamen Ehefrau und Tochter, die sich die Zeit mit dekorativen Handarbeiten vertreibt, hat das Image der Nadelarbeiten nachhaltig verdorben. Dabei ist dieses Bild ein Mythos, denn damals konnte sich nur ein kleiner Kreis  der oberen Gesellschaftsschicht  solchen demonstrativen Müßiggang leisten. Die große Mehrheit der Frauen musste im eigenen Haushalt, als Heimarbeiterin oder außerhalb des Hauses in Geschäften, Fabriken und als Dienstpersonal arbeiten.

Auf der Suche nach der nähenden Wirklichkeit der Frauen im 19. Jahrhundert bin ich auf die Memoiren der Wanda von Sacher-Masoch gestoßen. Die 1845 geborene Schriftstellerin und Ehefrau des Leopold Sacher-Masoch (Namensgeber für den Masochismus) berichtet aus ihrer Jugendzeit. Als verarmte Frauen der besseren Gesellschaft sind für sie und ihre Mutter Nähen und Stricken der einzige Ausweg aus Armut und  Hunger.

Folgend einige Auszüge ab ca. 1860.

Im fünfzehnten Jahre besuchte ich eine Nähschule, die von den Töchtern nur der besten Familien der Stadt frequentiert wurde.

via

Einige Monate später mußte ich die Nähschule verlassen. Meine Eltern waren ganz verarmt und hatten nicht mehr die Mittel, für meine Erziehung Geld auszugeben, ja, ich mußte daran denken, selber Geld zu verdienen.

Der Vater verlässt die Familie. Mutter und Tochter sind mittellos.

Ich versuchte, mit Sticken etwas Geld zu gewinnen, aber es war kaum der Rede wert. Daß ich meiner armen Mutter nicht ausgiebiger helfen konnte, drückte mich ganz nieder.

Wir mieteten uns ein kleines Zimmer in dem billigsten, d.h. ärmsten Stadtteil, da, wo Armut mit Laster und Verbrechen Tür an Tür wohnt. Wir verkauften und verpfändeten unsere Wäsche und Kleider bis aufs äußerste – und litten Hunger. Meine Mutter empfand unsere Lage nicht wie ein Unglück, sondern wie eine Schande. Anstatt bei unsern zahlreichen Freunden und Bekannten Rat und Hilfe zu suchen, floh sie sie und verbarg sich vor ihnen. Damit war unser Schicksal besiegelt.

Sie nähen Sodatenwäsche.

Wir waren dem Verhungern ziemlich nahe, als meine Mutter auf den Gedanken kam, Soldatenwäsche zu nähen. Da sich jeder diese Arbeit leicht verschaffen kann, saßen wir bald dabei und nähten von morgens bis zur Nacht und waren glücklich, wenn wir zusammen zwei Gulden und achtzig Kreuzer in der Woche verdient hatten.

14783041432_c57e0f3ebb_zvia

Die Stube war trüb und feucht; an meiner Bettwand wuchsen Schwämme, und die wenigen Möbel, die wir noch hatten, fielen in Stücke. Ich hatte keine Kleider mehr und ging nie mehr aus; alles, was draußen zu besorgen war, tat meine Mutter.

Einige Jahre gingen in dieser Weise hin. Dann trat unerwartet eine Veränderung ein.

Die Mutter hilft einer erkrankten Nachbarin.

Aus Erkenntlichkeit für die erhaltene Pflege, erbot sich die Frau, mich das Handschuhnähen zu lehren, mit dem sie sich ihren Unterhalt verdiente und das besser bezahlt wurde als Soldatenwäsche. Auch verpflichtete sie sich, mich in das Geschäft einzuführen, für das sie arbeitete und in dem auch ich gewiß das ganze Jahr Beschäftigung finden würde.
Ich nahm das Anerbieten um so lieber an, als das Handschuhnähen eine delikate feine Arbeit ist, die mir mehr zusagte, als das Nähen von grober Leinwand.
Ich verdiente damit sechzig Kreuzer täglich, und da meine Mutter weiter Soldatenwäsche nähte, waren wir beinahe reich.

Handschuhe bei Tageslicht, abends Strickarbeit.

Da man bei Licht nicht Handschuhe nähen kann, und um die Abendstunden nicht unbeschäftigt zu sein, bewarb ich mich bei den vielen Parteien im Hause um Strickarbeit, die ich, da mir die Hausmeisterin zur Seite stand, auch bald und reichlich erhielt. In diesem Hause, in dem alle Bewohner sehr freundlich zu mir waren, bekam ich auch Zeitungen und Bücher geliehen, und da ich zum Stricken nur meine Hände, die Augen aber fast gar nicht brauchte, hatte ich, wenn ich strickend und lesend bei der Lampe saß, genußreiche Stunden.

glove

Keine Kleidung, um auf die Straße zu gehen.

Das Handschuhnähen hatte das Unangenehme für mich daß es mich zwang, einmal in der Woche auszugehen: ich mußte die fertige Arbeit abliefern und andere nehmen.
Das war nicht nur mit Kosten verbunden, denn ich mußte wieder die notwendigsten Kleider haben, sondern es wurde mir auch dadurch peinlich, daß ich ganz entwöhnt war, unter Menschen zu gehen und immer in Angst und Aufregung geriet, wenn ich durch belebte Straßen mußte.

Die Militärverwaltung braucht keine Wäsche mehr.

Wir hatten etwa ein Jahr da gewohnt, als ein frühzeitiger und sehr strenger Winter begann. Ich hatte nichts Warmes anzuziehen, auch fehlte es mir an Schuhen. In meiner Not nahm ich ein Paar weiße Atlasschuhe, die ich noch aus frühern Zeiten hatte, schwärzte sie mit Tinte und zog sie an, so oft ich ausgehen mußte. Es war mir, als ginge ich mit nackten Füßen auf dem Pflaster. Bald hatte ich mich stark erkältet und ein schmerzhaftes Magenleiden stellte sich ein. Da ich mich nicht pflegen konnte und weiter arbeiten und ausgehen mußte, wurde es immer schlimmer. Ich konnte mich um so weniger schonen, da die Militärverwaltung die Wäscheausgabe eingestellt hatte und meine Mutter schon seit Wochen ohne Arbeit war.

Es brachen furchtbare Zeiten für uns an.

Darüber kam das Weihnachtsfest. Am heiligen Abend war es das erstemal, daß meine Mutter sich beklagte: der Gedanke, die Feiertage ohne Nahrung zu verbringen, entlockte ihr Tränen. Ich konnte das nicht ertragen, und, all meine Kräfte und all meinen Mut zusammennehmend, stand ich auf und setzte mich an die Maschine, um wenigstens ein Paar Handschuhe zu nähen, damit sie nur Brot habe.

Aus:

Meine Lebensbeichte. Memoiren von Wanda von Sacher-Masoch 1845 – 1906

via

Später geht es wieder bergauf: Die Erzählerin lernt Leopold von Sacher-Masoch kennen, heiratet ihn 1873 und übernimmt in ihrer Ehe und in ihrer Literatur die Rolle der  Protagonistin von “Venus im Pelz“.  Wer weiß, ob sie die Schilderungen in ihren Memoiren vielleicht übertrieben hat – jedenfalls decken sie sich mit anderen Berichten zur Heimarbeit in der damaligen Zeit.

1900 sind in der deutschen Bekleidungsindustrie mehr als 200.000 Heimarbeiterinnen tätig.

Heimarbeiterin bearbeitet Handschuhe, New York 1908, via Library of Congress

Ganz frühe Fotografien – Echte Menschen um 1850

1840er, Daguerrotypie, via GettyMuseum

Bilder aus der Anfangszeit der Fotografien sehe ich mir sehr gern an. Die Menschen wirken viel lockerer und lebendiger als in den Studioaufnahmen Jahrzehnte später. Das Kind darf sich an die Mutter lehnen, das Baby lachen. Die Locken sind echt, die Stoffe geknittert, die Blicke menschlich.

1855, Daguerrotypie, via GettyMuseum

Die Geschichte der Fotografie begann um 1840. Es gab Daguerreotypie, Salzpapiertechnik und andere Verfahren. Die meisten der Bilder hier gehören zum Getty Open Content Program. (Offenbar funktioniert zur Zeit die Datenbank nicht, so dass mir Links fehlen. Die allgemeine Suche ist aber weiter möglich.)

 04552301getty1854/55, Mme Ernestine Nadar

Ernestine, die Frau des Fotografen, hat nicht so richtig Lust, als Probemodell herzuhalten. Auch bei dieser Familie ist nicht jede mit Begeisterung dabei:

04457201getty 1847, Daguerrotypie via

Man könnte eine ganze Abhandlung zu den Kleidungsstücken schreiben. Schön zu erkennen zum Beispiel die Hose des sitzenden Mannes, die unten mit einem Steg über den Schuh geht.

Endlich einmal deutlich: Frauen schminkten sich nicht.

?????????????????????????????

Da kann man die Ingres-Portraits aus derselben Zeit auch gleich einem Realitätscheck unterziehen.

Ingres, 1848, Wiki

Die Stoffe der Männerkleidung sind gut vorstellbar.

07140201getty1847, Selbstportrait eines Fotografen

??????????????????????????????????????ein lässiger Vicomte

Diesen Mantel kann man fast fühlen…

04555601gettyum 1856, via

… und über dieses Strickzeug rätseln.

06868801getty

Es gibt erstaunlich viele Fotos von Arbeitern, Angestellten und Hauspersonal.

044589011847-50 Bedienstete in Holz(?)schuhen, Ausschnitt via

10597001getty1843-48, Newhaven via

Fischer mit Jungen, Frauen im Gras.

06716701getty

 

04565501getty1860/61, Marie Laurent, via 

Méry Laurent war in Paris eine bekannte Muse und Kokotte. Auf diesem Foto posiert sie in historischer Kostümierung. Zwanzig Jahre später stand sie Manet Modell:

Manet, 1881, via

Die frühen Fotografien sind im Original ganz klein. Zum Glück kann man die Details digital heranzoomen.

???????????????????????????via 10581101gettyvia

1843-48

04599701getty1856-58, Ausschnitt, via

Screenshot_2015-04-13-00-55-25 (2)1853

Eine ganz frühe Nähmaschine, so besonders, dass sie mit aufs Foto kam. Das Bild ist ein Screenshot aus diesem Video mit ersten Fotografien.

Zur Zeit läuft in London eine Ausstellung in der Tate mit Fotografien von damals: “Salt and Silver” .

saltsilver_0

Zum Abschluss noch einen bekannten Mann: Johannes Brahms, 1953

Screenshot_2015-04-13-00-53-04 (2)Screenshot

Auch wenn man kein Klassikfan ist – Johannes blickt einen so an, dass man ein bisschen in seine Musik hineinhören muss.

Eine schöne Woche wünsche ich und hoffe, dass euch meine Funde ebenso erfreuen wie mich.

 

 

 

 

 

Ab wann trugen Frauen wirklich Hosen?

DSC08383
Wandertag einer Mädchenklasse, 1955

Dieses Foto von 1955 aus dem Fotoalbum meiner Mutter ist mir aufgefallen. Meine Mutter und ihre Klassenkameradinnen tragen zum Wandern alle ausnahmslos Röcke, Wollsocken und feste Lederschnürschuhe. Schon zwanzig Jahre später wäre es für 16jährige Mädchen aber sehr seltsam gewesen, im Rock auf Wandertag zu gehen. Sie hätten Hosen, wahrscheinlich sogar Jeans getragen.

Meike von Crafteln hat vor Kurzem zwei interessante Interviews zum Thema Hosen veröffentlicht. In dem einen befragt sie ihre Mutter, die (wie meine Mutter) in den 50er Jahren zur Schule gegangen ist. Ich habe nun Meikes Fragen genommen und sie auch meiner Mutter gestellt.

Meine Mutter und die Hosen
Frage: Kannst du dich daran erinnern, wann du deine ersten Hosen getragen hast? Ich frage, weil ich die Vermutung habe, dass in den 50ern und frühen 60ern die Mädchen und Frauen eher oder nur Röcke trugen. Trug deine Mutter oder andere Frauen Hosen?

Nein, meine Mutter hat nie Hosen getragen. Ich habe wohl erst in den 60er Jahren angefangen, Hosen zu tragen. Der Hauptgrund, warum ich ziemlich lange gebraucht habe, um mich an Hosen zu gewöhnen, war: Ich habe keine Hosenfigur. Es war immer schwierig für mich, eine gut passende Hose zu finden. Inzwischen ist das anders. Die Hersteller bieten genug Auswahl für unterschiedliche Frauenfiguren an. Auf Fotos trage ich in den siebziger Jahren oft Hosen. 1980, bei unserem Tischrücken, trugen die Hälfte der Frauen Hosen, die anderen Röcke.

aaa
1980, Tischerücken (= Hauseinweihungsparty)

Frage: War das Tragen von Hosen ein “revolutionärer Akt” eine Befreiung? Waren Hosen feministisch? Zu welcher Zeit war das und mit welchen Gefühlen war das verbunden?

Ich habe Hosentragen nicht als Befreiung empfunden. Ich habe 1959 die Schule mit 19 Jahren verlassen. Damals trugen wir noch keine Hosen. Nur eine Lehrerin . Ich vermute heute, dass sie lesbisch war, denn sie lebte mit ihrer Freundin zusammen.

Frage: Waren “Blue Jeans” wirklich eine Revolution? Ab wann trugst du Jeans und ab wann war das normal?

Jeans haben mich nicht wirklich interessiert. Irgendwann habe ich sie für Arbeiten in Haus und Garten angezogen.

radhose1977, meine Mutter im Hosenrock, ihre drei Kinder in Jeans.

Egal wo man nachliest und herumfragt, es sieht es so aus, dass in Deutschland Hosen erst ab Mitte der 70er Jahre wirklich gesellschaftsfähig wurden.  Vorher waren Frauen, die Hosen trugen, die Minderheit. Davon kann man sich mit einem Blick ins eigene Familienalbum überzeugen.  Wenn man vor 1975 Frauenhosen sieht, dann eher beim Sport, Radfahren, Wandern oder bei Gartenarbeiten. Diese Burdamodelle von 1966 zeigen nur einen Hosenschnitt – ein Skihose.  Für einen Gang in die Stadt, eine Einladung oder als Bürokleidung scheinen Frauenhosen erst seit ca. 40 Jahren akzeptiert. Das ist eine kurze Zeit, oder?  Ich habe vorhin den Besuch in einem Altenheim gleich zu weiteren Recherchen genutzt. “Hosen standen mir nicht” hörte ich auch hier. “Die ersten Frauen, die in Hosen kamen, fielen schon auf. Aber nicht als skandalös”. Eher waren diese Frauen Pionierinnen, Trendsetter, die modisch etwas wagten. Da war dann ein Hauch von Pariser Laufsteg in der Provinz.

Marlene Dietrich 1963, Wiki

Der Siegeszug der Hose scheint je nach Kulturkreis unterschiedlich vorangekommen zu sein.

  • Im Blog “American Age Fashion”, der die Modegeschichte älterer Frauen sammelt, sind auf einem Familienfoto von 1940 alle Frauen in Hosen gekleidet. Solche Freizeitkleidung wäre für meine Großmütter damals undenkbar gewesen. 1938 landete eine Frau in Los Angeles noch im Gefängnis, weil sie in Hosen im Gericht erschienen war. Das Urteil wurde aber später aufgehoben, sie durfte in Hosen aussagen.
  • Ich erinnere mich, dass ich noch Ende der 90er Jahre bei einer Konferenz in London von anderen Frauen darauf angesprochen wurde, dass mein Hosenanzug aber in diesem Umfeld unüblich sei. Es stimmte: Alle Frauen außer mir trugen Rock, Pumps und Nylonstrumpfhosen. Thatcher hatte man auch nie in Hosen gesehen – und ich nehme an, dass Merkels Hosenanzug in vielen Ländern auch heute noch gegen Kleidungscodes verstößt.
  • Im türkischen Parlament dürfen Frauen erst seit 2013 Hosen tragen.
  • Ich weiß nicht genug darüber, aber ich vermute, dass es für Frauen in osteuropäischen Ländern bis heute unüblich ist, zu offiziellen Anlässen Hosen zu tragen. Was aber vielleicht dann weniger mit “Unschicklichkeit” zu tun hat und mehr von einem anderen Weiblichkeitsbild herrührt. So wie in Frankreich die Politikerinnen  ja auch  anders aussehen als die Deutschland.

Ihr könnt ja beim Familientreffen zu Ostern mal überlegen, ob und ab wann ihr, eure Mütter oder Großmütter Hosen trugen. Spielte die Gegend und die Gesellschaftsschicht vielleicht auch eine Rolle?  Ein Extrathema ist die Jeans, die ja weiterhin eher als Freizeitlook gilt. Da macht ja meine Mutter bis heute einen Unterschied. In einer Wollhose würde sie heute sicherlich zu einem Geburtstagskaffe gehen, aber nicht in einer Jeans.

Vielen Dank meiner Mutter, Meike und allen anderen, die an dem Thema forschen!

Schöne Ostern allen, ob in Jeans oder Osterfestkleid.

 

 

Stoffspielerei März: Stickstiche aus den Anden

DSC09180
“Punto Crespo” aus Peru goes Wiener Werkstätte

Heute werden hier wieder Links zur Stoffspielerei* gesammelt, Thema “seltene Techniken”. Mein eigener Beitrag ist ein Stickstich, den ich in keinem Stickbuch gefunden habe und über den sich auch im Internet kaum etwas herausfinden lässt.  Ich erkläre die Stickerei daher für selten, aber ich lasse mich gern eines besseren belehren.

DSC09184

Die Vorgeschichte beginnt im letzten Sommer mit einem wunderschön bestickten Gürtel an der Jeans meiner Schwester. Der Gürtel von Smitten ist laut Firmeninfo  Kunsthandwerk aus Peru und in fairer Zusammenarbeit hergestellt. Wie immer dachte ich “och, kann ich auch selber machen” und versuchte, den auf dem Gürtel hauptsächlich verwendeten Stickstich herauszufinden. (Die anderen beiden sind Wickel- und Knötchenstich, s.u.)

P1070299

Mit Handarbeitsbüchern, Onlineseiten und vielen Testreihen bin ich zunächst kläglich gescheitert. Erst als ich die passende Andenregion – Ayacucho – und das spanische Wort für Stickstich – punto de bordado – herausgefunden hatte, stieß ich auf dieses Youtube-Video . Daraus erschließt sich, wie der “punto crespo” gemacht wird, eigentlich eine Kombination aus Knötchen- und Schlingstich.

DSC09174

Gar nicht schwer, aber nirgendwo aufgeschrieben. Ich hätte geglaubt, dass Stickstiche universell sind. Sind sie aber offenbar nicht. Das ist ein eigenes Fachgebiet und wenn man anfängt bei Anne Wanners Textiles in History herumzuklicken, bekommt man einen Eindruck davon, wie wenig erschlossen das Thema ist.

20150328_150521

Jedenfalls finde ich den Stich, der effektiv größere Flächen abdeckt und sehr plastisch ist, ganz wunderbar. Er funktioniert am besten mit Wollfaden auf einem locker gewebten Untergrund. Für meine Version habe ich mich von den floralen Mustern der Wiener Werkstätte inspirieren lassen. Entstanden ist wieder eine kleine Decke, die Kruschelhaufen oder Polster abdeckt.

DSC09185

Diese kleine Fläche zu arbeiten hat schon sehr viel Zeit gekostet, und in Gedanken war ich bei den Stickern und Stickerinnen, die die Gürtel herstellen. Wie lange sie wohl dafür brauchen? Eine Fotostrecke  über eine Web- und Stickwerkstatt zeigt die große Armut, in der die indigene Bevölkerung in der Region Ayacucho lebt. Ich hoffe mal, dass die Einnahmen über das Weben und Sticken die Lebenssituation verbessert. Die 89 Euro, die die Gürtel im Onlineshop kosten sind jedenfalls ein Minimalpreis für diese aufwendige Handwerkskunst.

Falls jemand von euch den Stich aus anderem Zusammenhang kennt, bitte melden, ich kann wirklich nicht glauben, dass er nur in der Andenregion bekannt sein soll.

Aber nun zu allen anderen Stoffspielereien.

—————————————-

Claudia aus Basel (ohne Blog) hat mir schon zwei Bilder geschickt. Sie zeigen Materialstudien mit Occhi und Angelschnur. Tolle Idee (und auch gut, um Occhi zu lernen, weil sich die Angelschnur nicht so leicht verdreht wie Garn).

tattin_materialstudie2_Low tatting_materialstudie1_Low
Technik: Occhi/Tatting
Material: Angelschnur, Baumwollgarn. Zusammen verarbeitet.

Weitere Beiträge liste ich dann hier auf. Meldet euch auch gern in den Kommentaren,  damit ich euch finde.

Ines stickt mit der Maschine und wasserlöslischem Vlies filigrane Osterkörbchen – und zeigt seltene Näh- und Klöppelarbeiten.

Bei Griselda wird ein besonderer Lederrand geflochten – auch mithilfe überraschender Spezialwerkzeuge.

Siebensachen hat nun passend zu ihren Cocotten Sets mit Hohlsaum.

Katharina hat extra für heute einen Webbkurs gemacht ;-) und tatsächlich einen wunderschönen Teppich mit nach Haus gebracht.

123-Nadelei nutzt transparenten Stoff, um Fäden einzunähen.

Siebenschön hat sich tatsächlich in die Steinzeit zurückversetzt und Nadelbinden gelernt!

Bei Karen sind hunderte Perlen als Muster in Stulpen verstrickt, wunderbar.

Sabine hat in verschiedene Wachsarten geritzt und entfärbt – Stoffgraffitti ist entstanden.

Lila und Gelb nimmt statt Faden ganz feinen Draht und zeigt so, wie toller Schmuck entstehen kann.

Jetzt ist auch noch Klöppeln dazu gekommen: Mirellchens Bortenstücke zeigen, dass man auch schlicht und grafisch klöppeln kann.

Die Linkshänderin muss noch 13.706 Mal Erbensuppengarn verknüpfen, aber dann hat sie einen Teppich.

Malou fügt den Techniken aus der Jungsteinzeit auch noch Sprang hinzu, kombiniert  mit Weben.

Gabelhäkeln ist bei Nahtzugabe das Thema – gar nicht so einfach, aber optisch sehr interessant.

Nachzügler Frifris verdient unbedingt einen Besuch: Plastische Persianer-Kopfhörer gestickt!

.

Vormerken: Der nächste Termin für die Stoffspielerei ist Sonntag, der 26. April 2015.  Lucy wird dann Beiträge zum Thema “Stoff und Farbe sammeln.

——————————-

*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:

26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris   Thema Knöpfe
26. Juli         SOMMERPAUSE