Textilmüll und Afrika – Stoffspielerei

Ein Stoff, gefunden am Strand einer Nordseeinsel. Die alte LKW-Plane muss schon sehr lange im Schlick der Brandung vergraben gewesen sein. Die Kinder buddelten sie Ostern 2019 auf Juist aus.

Später puzzelte ich die Stücke dann mit Nadel und Faden zusammen, applizierte sie auf Nesselstoff zu einem Erinnerungsbild.

Im Moment fehlt mir noch der passende Keilrahmen, um es aufzuziehen, aber am Ende soll es ein quadratisches Bild mit den Maßen 80×80 cm werden. Mir gefallen die Farbe und das Muster, der Stoff erinnert mich an unsere Familienurlaube an den Nordseestränden, die ich sehr liebe.

Aber was hat das alles mit Afrika zu tun? Um Afrika geht es schließlich beim heutigen Thema der monatlichen Stoffspielerei*, organisiert von MadewithBlümchen. „Entdecke dein eigenes Afrika“ gibt sie als Devise aus. Bei meiner Stoffspielerei aus Textilmüll dachte ich nicht nur an die Nordsee, sondern auch an afrikanische Länder, die unter unseren Textilabfällen besonders leiden – dazu unten mehr.

Zuerst noch ein paar Bilder vom Müll am Nordseestrand. Auf den Inseln werden inzwischen Sammelboxen aufgestellt, in denen Spaziergänger angespülten Abfall hineinwerfen können.

Nach meinem Eindruck gehörte der größte Teil der Funde in den Textilsektor.

Polster, Teppiche, Matratzen, Decken, Netze, Seile, Kleidung – meist aus Kunststoffen.

Die Inhalte der verschiedener Müllboxen ähnelten sich. Kinderanoraks in Rosa und Hellblau fielen auf – da war wohl irgendwo eine ganz Lieferung über Bord gegangen.

Textilmüll ist weltweit ein riesiges Problem – egal ob vernichtete Neuware, Abfälle aus der Produktion oder nicht mehr verwertbare Altkleider. Nachfolgend verlinke ich eine ganze Reihe Texte, das ist eigentlich zu viel. Aber wer mehr wissen will, kann ja irgendwann mal in die Detail gehen.

73 Prozent der Kleidung weltweit (inklusive Verschnitt und Überproduktion) landen entweder auf Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen.

Es kann gut sein, dass wir in Kürze für die Entsorgung unserer Altkleider zahlen müssen. Zitate dazu aus der Branche der deutschen Textilrecycler:

  • In Deutschland beträgt das Altkleideraufkommen etwa 1,01 Millionen Tonnen pro Jahr.
  • Laut Greenpeace Studie liegt 40 Prozent unserer Kleidung ungetragen im Schrank, und Marie Kondo ermutigt uns dazu, uns endlich davon zu trennen.
  • „Die Container quellen über, die Sammelmengen steigen stetig, die Läger sind voll mit Alttextilien“
  •  Aufgrund der immer schlechterer Qualität der Sammelware wird das Geschäft ruinös: „Die Textildiscounter und Fast Fashion Anbieter bringen in immer schnelleren Zyklen Mode in zunehmend schlechterer Qualität auf den Markt, die immer schneller entsorgt werden muss. Billige Synthetik-Fasern und Mischstoffe sind für die weitere Verwendung jedoch nur sehr eingeschränkt nutzbar … Sie eignen sich weder für den Second-Hand-Bereich noch für die Putzlappenherstellung oder die Faserrückgewinnung.“
  • „Der Recycler muss selbst dafür aufkommen, dass der unverwertbare Rest für etwa 200 Euro pro Tonne in der Verbrennungsanlage landet“
  • Am Ende kostet das Einsammeln mehr als es an Erlös bringt.
  • Rund 50 Prozent der weltweit gesammelten Textilien (dies betrifft in Deutschland etwa 70 Prozent aller gebrauchten Bekleidung) werden über Altkleidersammlungen in einkommensschwächere Drittländer für eine weitere Nutzung verkauft. In diesen Ländern ist der häufigste Entsorgungsweg für Abfälle die (oft unkontrollierte) Deponie oder das offene Feuer.
  • Dabei entstehen giftige Gase. So kann zum Beispiel die Rauchentwicklung bei der Verbrennung von Gore-Tex-Membranen tödlich sein.

Ein Drittel der weltweit entsorgten Kleidung endet in Afrika. Nachdem China seit 2018 einen Importstopp für Textilabfall verhängt hat, planten auch einige ostafrikanische Länder ein Importverbot.  Weil aber die USA mit Konsequenzen drohten, erhöhten Uganda, Ruanda und Tansania lediglich ihre Steuern auf importierte Secondhandkleidung, Kenia hält sich noch zurück. Bereits vor Jahren haben einige Länder den Import von Secondhand-Kleidung verboten, darunter Nigeria, Äthiopien und Südafrika.  In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, gilt das Importverbot für Altkleidung seit 1970 . Durch den Schmuggel über Nachbarländer gelangt sie dennoch ins Land. Weltweit haben 42 Staaten aus Afrika, Süd-Amerika und Asien den Import von Altkleidern nach Angaben von Greenpeace inzwischen beschränkt oder verboten.

Lixeira de Hulene (18649590058)Mozambik, MOPA Maputo  [CC BY-SA 2.0]

Auch in den afrikanischen Ländern landen unverkäufliche Altkleider auf Mülldeponien und werden verbrannt. Meine LKW-Plane fällt noch nicht einmal in die Rubrik Kleidung. Bezieht man solche Industrietextilien (oder Polster, Teppiche,…) mit ein, wird die weltweite Bilanz sicher noch viel schlimmer.

Was also tun? Wir wissen es alle: Am besten ist es, wenig zu kaufen, seine Kleidung so lange wie möglich zu tragen, Möbel zu behalten. Wenn man noch Tragbares weggeben möchte, ist trotz allem der Altkleidercontainer die richtige Adresse, am besten ein legal aufgestellter (was aber gar nicht so einfach herauszufinden ist). Bei Kleiderkammern vorher anfragen, was genommen wird! Nicht mehr Tragbares gehört auf den Recyclinghof, im Ausnahmefall (Lumpen) in den Restmüll.
Oder eben an die Wand. Ich habe im Müllfund sogar Schönheit gefunden – und ein bisschen Meeresrauschen.
Passt auch zu meinen Kissen aus afrikanischem Waxprint. Über die Geschichte dieser Stoffe hatte ich hier und hier schon einmal geschrieben.

Schönen Sonntag euch, ruht euch aus, wenn ihr könnt – hier ist es schon jetzt südlich heiß. Schaut bei MadewithBlümchen vorbei und klickt euch durch die anderen Beiträge! Das werde ich jetzt auch tun.

Danke an Gabi von MadewithBlümchen für das Thema und Linksammeln. Sie hatte 2017 die Organisation der Stoffspielerei übernommen. Durch sie und die anderen treuen Mitspielerinnen läuft alles super weiter. Das freut mich und hat mich diesmal auch aus der Blogstarre gelockt! So ein „Abgabetermin“ aktiviert doch immer sehr, kann ich nur empfehlen.

 


*

Die Stoffspielereien:

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Die nächsten Termine:
29.09.2019: „Miniatur“ bei Feuerwerk bei Kaze
27.10.2019: „Handweben“ bei Schnitt für Schnitt
24.11.2019: (Thema noch nicht fix) bei Nähzimmerplaudereien

Einen Überblick über die bisherigen Stoffspielereien findet Ihr bei „Siebensachen zum Selbermachen“. Meine Beiträge zu den Stoffspielereien sind hier versammelt.

19 Kommentare

    • Danke! Leider ist die Sendung wohl nicht mehr anzusehen. Vielleicht stellt sie ja noch jemand auf youtube oder sie wird wiederholt, ich schau mal.

  1. Oh toll, Susanne, danke für die ausführliche Linksammlung! Ich denke mir auch manchmal: Im Kleiderschrank sind die ungeliebten Kleider noch besser aufgehoben als auf dem globalen Markt. Das Aufräumen und Entrümpeln mag ich eigentlich, aber wenn es so zum Hype wird wie jetzt gerade, bekommt das wieder Auswüchse und Auswirkungen, an die vorher keiner gedacht hat… Schön, dass Du zu diesem Anlass aus der Blogstarre erwacht bist, ich freu mich sehr darüber. lg, Gabi

    • Seit ich in Kleiderkammern mitgeholfen habe ist mir klar geworden, dass den Großteil der Altkleider wirklich niemand mehr braucht. Das dauert nur, bis dieser Umstand bei einem selbst und den anderen ankommt.

  2. Auch mich freut es, zum Thema mal wieder von Dir zu lesen. Man kennt das Thema, allerdings wirkt es mit Deinen zusammen getragenen Fakten und Zusammenhängen beängstigend. Durch die „innovativen“ Materialzusammensetzungen ist es wie mit dem Plastikmüll. Auch die Kondo-welle hat 2 Seiten, ist doch Aufräumen und Platz machen oft willkommener Anlass für neue Anschaffungen.
    All das fasst Deine gestrandete Kunst zusammen. Wer Deinen Beitrag hier gelesen hat sieht mehr als grafische Muster.
    LG Ute

  3. Liebe Susanne, einen tollen Artikel hast du geschrieben. Danke für die ausführliche Recherche und das Wachrütteln, im eigenen Verhalten anzufangen und den Konsum zurückzuschrauben. Bei vielen Trends geht es immer wieder darum, durch die Hintertür den den Kosum weiter anzustacheln, damit einige wenige noch mehr verdienen.
    Sehr spannend und leider sehr aktuell.
    Liebe Grüße
    Ute

  4. Liebe Susanne,
    es ist faszinierend, was Du aus dem Strandfund geschaffen hast!
    Einerseits eine Urlaubserinnerung, andrerseits eine Mahnung bezüglich unserer Alltagsgewohnheiten.
    Als ich mit einem Bekannten über das Thema „Afrika“ sprach, nannte er auch zuallererst die Kleiderspenden, welche die lokalen Geschäfte in den Empfängerländern ruinieren.
    Ich gebe nichts mehr bei Kleidersammlungen ab, Selbstgenähtes ist qualitätvoller und haltbarer als der Billigramsch, den man beim Discounter kaufen kann. Ich kenne Leute, die solche Textilien (in diesem Fall Vorhänge), nicht einmal waschen, sondern neu kaufen!
    Mich freut es auch sehr, Dich bei den Stoffspielereien wieder einmal anzutreffen.
    Herzliche Grüße
    Tyche

  5. Vielen Dank für deinen ausführlichen Artikel, es ist gut, immer wieder an das Thema zu erinnern, zumal die Textilbranche weiterhin von hohen Wachstumschancen ausgeht. Aber es hier so wie bei vielen anderen Themen: mit Konsumverzicht wäre viel gewonnen. Weniger Auto fahren statt E-Autos, weniger fliegen, weniger kaufen, etc. Leider nicht so medienwirksam wie Flugtaxis.
    Dein Meeresrauschen ist toll, sehr wirkungsvoll!
    Liebe Grüße Christiane

  6. Danke, dass du dieses Thema so angegangen bist. Dieses Problem rüttelt an die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt. Dieses Modell propagiert Produktivitivität und Gewinne um jeden Preis und das ist das Ergebnis. Was dabei für Handwerk in den letzten 30 Jahren auf der Strecke geblieben ist, wissen wir beide nur zu genau!
    Und Kondo ist keine Lösung, das ist nur das schicke Kaschieren einer Krankhiet, ohne die Ursachen anzugehen bzw. anzugeben.
    viele Grüße, Karen

  7. Ein starkes Thema, das du von einer ganz berührenden und bewegenden SEite angegangen bist, denn hier kann sich jeder an die eigene Nase fassen. Wie viel Trends und Kurzzeittragbares brauchen wir wirklich und geht es nicht auch mit viel viel weniger? Danke für diese Einblicke und dass du euren Fund als Erinnerung und irgendwie ja auch als Mahnung vernäht hast. ER hat eine tolle Wirkung bekommen und gerade im SChlichten gefällt er mir sehr gut. LG. Susanne

  8. Ein tolles Fundstück, auch wenn oder gerade weil es die unbedachten oder ignorierten Folgen von Alttextilien zeigt. Schön, dass Du es gefunden, gezeigt, diskutiert und ihm nun einen wertschätzenden Platz gewährst. (PS: ich las in einem der Blogkommentare, dass es für Dich wohl technisch schwierig sei auf blogspot-Blogs zu kommentieren – ich habe das auch für mich festgestellt. Meine Lösung ist: vom Google-Konto abmelden und in den erweiterten Einstellungen „keine Cookies blockieren“ auswählen. Nach dem Kommentieren setze ich dann alles wieder zurück. Vielleicht hilft es Dir.) Liebe Grüße!

    • Wow, Danke, das Kommentieren hat nun geklappt! Aber was für ein Aufwand. Kommentare über die Platformen hinweg sind offenbar wirklich nicht erwünscht.

  9. Das ist ein herrlich morbides Stück, da hast du das Potential super erkannt und in Szene gesetzt.

    Bei Gelegenheit werde ich mich noch durch ein paar der Links klicken, das hast du wieder toll recherchiert und aufbereitet. Vieles hat mich dann doch überrascht, der Müll an und in den Meeren aber leider nicht.

    Du glaubst nicht wie es unter den Ankerplätzen der Safariboote im roten Meer ausschaut. Aber immer mehr Taucher packen am Ende der Tauchgänge alle Taschen voll mit Joghurtbechern, Zündkerzen und allerlei Plastikmüll. Das hilft zumindest gegen das Gefühl der Machtlosigkeit.
    Und ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein tatsächlich zunimmt, das sieht man ja auch an den gut gefüllten Sammelboxen am Nordseestrand.
    Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.

  10. Ich danke Dir von Herzen für diesen tollen, aufrüttelnden Blogpost! Großartig, dass du damit den Bogen nach Afrika gespannt hast. Die „Texilfrage“ treibt mich total um – ich liebe die Meere und ihre Bewohner und für mich ist jedes Stück Plastik oder Müll am Strand ein Stich ins Herz. So sprichst Du mir mit Deinen Worten natürlich aus der Seele… Aber ich bin auch angetan von deinem Planestück bzw. wie Du es künstlerisch verarbeitest, was für ein schönes „2. Leben“. Liebe Grüße! Karin

  11. Wie schön, dass Du wieder einen so gut recherchieren Artikel geschrieben hast. Ich bin auch immer sehr zerrissen, was ich mit den Altkleider (und bei sechs Personen gibt es da einiges… ) tun soll. Wir versuchen zwar, alles möglichst lange zu tragen und haben wenig Schrankleichen, aber irgendwann bleibt halt doch ein Rest übrig.
    Als mein Mann vor über 20 Jahren in Tansania war, sagte man ihm, dass die Kleiderspenden nötig sind, das die Bevölkerung sonst frieren würde. Ob das heute auch noch gilt? Oder wurden dadurch eher jegliche Anfänge eigener Textilproduktion im Keim erstickt? Ich werde mich gerne durch deine Links klicken!
    Liebe Grüße
    Ines

  12. Super geschrieben, Deinen Text sollte man einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen um wachzurütteln.
    Auf die Idee aus einer alten Plane ein Wandbild zu machen, muss man erstmal kommen. Das sieht super aus!
    Ich bin beeindruckt.
    viele Grüße Margot

  13. Von meinen Reisen nach Westafrika weiß ich, dass Altkleider und getragene Schuhe dort wirklich benötigt werden…..kein normaler Mensch kann sich da neue Klamotten leisten, gekauft wird gebraucht vom Markt. LG Tizia

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