Woher kommt „blau machen“ und „blau sein“? – Rätselhafte Redensarten II

Gerade ist die Berliner Polizei in den Schlagzeilen, weil sie ein bisschen zu viel gefeiert hat.

Als Strafe wurden die Hundertschaften vor ihrem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg wieder zurück nach Berlin geschickt. Manche mutmaßten, sie wollten „blaumachen“.

Blau machen, blau sein – wieso sagt man das?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Ausdruck hat nichts mit Blaufärben zu tun, auch wenn das oft erzählt wird. Blau machen hängt wahrscheinlich mit dem blauen Montag zusammen, der ganz früher zunächst ›guter Montag‹ hieß. Dieser gute Montag ist schon seit dem 14. Jahrhundert als freier Tag für die Handwerksgesellen belegt, später wird er dann auch blauer Montag genannt. Ein Handwerker durfte vier blaue, also freie Montage im Jahr haben – einen je Quartal (die waren übrigens hart erkämpft). Zum Hintergrund habe ich in „Am Rockzipfel“ geschrieben:

Warum dieser Montag blau genannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht spielen die Farben der verschiedenen Zeitabschnitte im Kirchenjahr eine Rolle. So hieß der Montag vor Beginn der Fastenzeit, der uns als Rosenmontag bekannt ist, lange Zeit blauer Montag. Andere Namen waren Fraßmontag oder Narrenkirchweih – schließlich wollte man sich vor Beginn der Fastenzeit noch einmal richtig gehen lassen. Der blaue Montag wurde dann zum Begriff für alle Tage, an denen man außer der Reihe feierte. »Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen« heißt es über ein Fest Ende des 19. Jahrhunderts. (Am Rockzipfel, S. 85)

Neben dieser Erklärung sehen manche auch noch eine Verbindung zum jiddischen Wort belo = „nichts, ohne“. Daraus könnte das Blaumachen als „Nichtstun“ entstanden sei.

Und wieso ist man blau, wenn man besoffen ist? Auch hier gibt es wieder mehrere mögliche Erklärungen, zum Beispiel wurde „er ist blau“ auch noch bis ins letzte Jahrhundert als „er ist dumm“ verstanden. Bei Schwindel hieß es früher „mir wird blau vor Augen“, heute ist daraus „schwarz vor Augen“ geworden.

Blau sein für ›betrunken sein‹ ist erst sehr viel später belegt als der blaue freie Tag der Gesellen. Es ist durchaus möglich, dass sich die jungen Männer vor ihren freien Tagen besonders betranken und prügelten – vielleicht sogar blau prügelten. Oder sie waren so hinüber, dass ihnen schummrig ›blau vor Augen‹ war. (Am Rockzipfel, S. 86)

 

Das Blaumachen und der blaue Montag haben also nicht viel mit Textilien zu tun, auch wenn eine populäre Erklärung eine Verbindung zu den Blaufärbern im Mittelalter sieht. Der beliebten Legende zufolge mussten die Gesellen der Blaufärber viel Alkohol trinken, weil für den Gärungsprozess der Farbstoffe Urin notwendig war. Außerdem sollen sie sich am Montag den ganzen Tag ausgeruht haben, um der Farbe Zeit zum Oxydieren, zum Blauwerden zu lassen.

Dyeing British Library Royal MS 15.E.iii, f. 269 14821482

Diese Erklärung wird aber von der Sprachforschung widerlegt. (Wer sich selbst ein Bild machen will, kann in dieser Dissertation stöbern: Etymologie der Farbworte.) Dass das mit dem Oxidieren so nicht stimmen kann weiß man aber auch, wenn man schon einmal selbst mit Indigo oder Färberwaid gefärbt hat. Der Farbton entwickelt sich schnell, wenn er mit Luft in Verbindung kommt. Warum sollte das Blaumachen außerdem ausgerechnet an einem Montag sein, warum mussten die Gesellen für eine große Menge Urin unbedingt Alkohol trinken? Mit ein bisschen Überlegung landet die populäre Geschichte vom Blaumachen der Blaufärber schnell im Bereich der Legende.

Dyers' Quarters, Kanda LACMA M.66.35.171857

Die Blaufärber haben übrigens auch nichts mit dem Wort einbläuen zu tun. Einbläuen kommt nicht von der Farbe, sondern vom althochdeutschen Wort blinwan im Sinne von ›wild gebärden, prügeln‹.

Damit haben wir den Kreis geschlossen zu den Berliner Hundertschaften. (Die im übrigen nach ihrer Rückkehr in die Heimat gar nicht blau machen konnten, sondern gleich wieder gefordert waren – wegen eines Stromausfalls in einem Stadtteil.)

 

Unentdeckte Textilmuseen – Industriedenkmal Nordwolle #perlenfischen

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Blick in das Turbinenhaus auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst bei Bremen. Hier ist eines der größten Industriedenkmäler Europas zu besichtigen.

Nach Museumsperlen fischen – dazu hat der Blog Museumsperlen aufgerufen. Anlass für mich, endlich einmal vom Besuch eines untergegangen Textilstandorts in Niedersachsen zu berichten. In dem Industriekomplex zwischen Bremen und Oldenburg wurde früher Wolle aufbereitet und Garn gesponnen.

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Das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur bietet einen sehr fundierten Einblick in die Firmengeschichte der Nordwolle. Man bekommt ein Gefühl für Arbeit und Leben in einer Fabrik über hundert Jahre hinweg, von 1880 bis 1980.

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Zu den besten Zeiten der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei arbeiteten auf dem Gelände 4.000 Menschen. Das Gebiet war eine Stadt in der Stadt mit Arbeiterhäusern, Krankenanstalt, Speisehaus und Badeanstalt.

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Der Zylinder für den Chef, die Melone für den Angestellten, die Mütze für den Arbeiter – nur drei Exponate, und die Hierarchie in der Fabrik ist geklärt.

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Als ob der Bürostuhl nur kurz verlassen wurde.

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Gang durch die Produktionsschritte.

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Maschinen in Aktion: Das Spinnen ist unglaublich laut.

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„Ein Kopftuch ist kleidsam und schützt vor Gefahr“.

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„Ordnungssinn bringt Gewinn“.

Ganz nebenbei erzählt der Rundgang auch ein Geschichte von Gastarbeit und Einwanderung.

NWK = Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei

Gegründet hat das Textilimperium die Bremer Kaufmannsfamilie Lahusen. Das Museum erzählt auch die Geschichte vom Aufstieg und Fall dieser Unternehmerdynastie, Räume sind anschaulich nachgebaut.

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Der Zusammenbruch des größen europäischen Woll-Imperiums nach Bilanzbetrügereien war ein Skandal. Die Pleite im Jahre 1931 riss mehrere Banken mit in den Abgrund, weltweit verloren 20.000 Menschen ihre Arbeit und viele Sparer ihr Geld.

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Zu diesem Aspekt hat Radio Bremen gutes Material zusammengetragen. In einer ARD-Doku der wird der Fall spannend erzählt: Der große Crash Die Wirtschaftskrise von 1929 in Deutschland. Aus den Akten des Prozesses um die Pleite entwickelte die Bremer Shakespeare Company ein Theaterstück.

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Die Nordwolle konnte sich in Nachfolgegesellschaften noch bis in die 1980er Jahren halten, gab dann aber auf. Textilien waren in Asien längst günstiger zu produzieren, die Arbeitsplätze in Delmenhorst fielen der Globalisierung zum Opfer. Der Stadt ging es nicht besonders gut, auch während meiner norddeutschen Kindheit hatte sie nicht den besten Ruf. Umso überraschter war ich, inzwischen dort heute so eine Sehenswürdigkeit zu finden. Das Museum bietet auch Führungen und Aktionen an, das Stadtmuseum nebenan bringt zusätzliche Einblicke in die Geschichte Delmenhorsts.

Das Gelände gehört zur Europäischen Route der Industriekultur und ist auf jeden Fall einen Abstecher wert. Bis zum 20. August 2017 läuft außerdem eine Sonderausstellung mit textilen Schätzen chinesischer Bergvölker.

Danke für die Blogparade #perlenfischen vom Infopoint Museen & Schlösser in Bayern – ohne diesen Anstupser hätten es meine Fotos und mein Bericht vielleicht nie in den Bog geschafft.

Nach dem Museumsbesuch noch schnell ein Gang in eine andere unerwartet schöne Ecke der Stadt, die Graftanlagen – dazu läuft „Delmenhorst“ von Element of Crime.

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Element of Crime

Delmenhorst 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
Und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
Und wo zu sein, wo du nie warst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der in die Ochtum sich ergießt 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 
Sag Bescheid, wenn du mich liebst

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Hinter Huchting ist ein Graben 
Der ist weder breit noch tief 
Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann 

Sag Bescheid, wenn du mich liebst.

Von der Anprobe zur Paketabteilung – Pariser Modehäuser 1910 im Bild

„Auf der Suche nach einem neuen Modell“ ist das Foto betitelt,  der Modeschöpfer inszeniert sich als Künstler, dirigiert mit dem Stock, wohin die Stoffbahnen gesteckt werden sollen.

Die Mannequins des Modehauses sind dafür angestellt, den Kundinnen die Modelle im Verkaufsraum vorzuführen. Hier kleiden und frisieren sich die jungen Frauen, wählen Haarteile aus, eine liest.

Auf einem Foto versammelt, bereit für die nächste Kundenpräsentation.

Im Verkaufsraum.

Wohlhabende Kundinnen sehen sich um, während ein Page scheinbar schicksalsergeben wartet.

Die Greifvögel an der Wand fügen sich gut in diese Mode zwischen Historismus und Jugendstil.

Eine Kundin in der Anprobe.

Nun geht es hinter die Kulissen in die oberen Etagen, die Werkstätten.

Für die Oberkleidung sind Männer zuständig, die Tailleurs.

Die Blusen für untendrunter sind Frauensache.

Unter dem Dach wird genäht.

Ein Saal für die Stickerinnen, die Fenster weit offen – es scheint warm zu sein.

Die Zeichner bringen die Entwürfe aufs Papier.

Mit dem schwarzen, angelartigen Gerät links wird das Papier der Vorlage mit kleinen Löchern perforiert, um dann mit Kreide das Muster auf den Stoff durchpausen zu können. (Falls ich mich irre, bitte melden).

Maschinell wird auch schon gestickt, vorn rechts sind zwei Stickmaschinen zu erkennen, oder?

Dieses Foto mag ich auch sehr gern, so viele Federn bei den Hutmacherinnen:

Es war die Zeit der Wagenrad-Hüte, die gut zur schlanken Kleidersilhouette passten. (Wobei sich meist nur die modischen Damen mit großem Portemonnaie diesen Look leisteten).

Was geschieht hier unten, im Rücken der Dame mit dem weißen Federschmuck? Wieso hängt am Hut hinten ein dreieckiges Gebilde dran, in das eine andere zeichnet oder schneidet? Merkwürdig.

Die Lampen sind mit viel Stoff bezogen, auch in der Pelzwerkstatt:

Gegessen wird an langen Tafeln, es gibt gerade Käse, Brot und Wein.

Es scheint den Angestellten ganz gut zu gehen, sie sind auch gut gekleidet – aber wer weiß, wie inszeniert die Fotos sind.

Im Stofflager…

und der Verpackungsabteilung.

Auslieferung, das wars.

Die Bilder (Ausschnitte von mir) stammen aus Les Createurs de la Mode von 1910, einer Sonderausgabe der Zeitung Figaro. Ich konnte ich mich gar nicht sattsehen, so viel Blick hinter die Kulissen ist selten und ich zeige auch nur einen kleinen Teil. (Gefunden über Messynessychic).

Tagesablauf einer Kaufmannstochter um 1820

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Wie war das Leben  als junges Mädchen um 1820? Zum Glück haben manche Frauen ihre Erinnerungen für uns aufgeschrieben. Fanny Lewald, geboren 1811, hing als Dreizehnjährige ziemlich herum, nachdem ihre Privatschule in eine andere Stadt gezogen war:

Die ersten Paar Wochen, nach dem Verlassen der Schule, gingen mit allerlei Versuchsbeschäftigungen hin. Die Mutter wußte mich nicht recht zu verwenden, ich trieb mich also ziemlich planlos in den Stuben umher, bis ich irgend ein Buch erwischte und mich in einen Winkel hinsetzte, um zu lesen. Das lag jedoch gar nicht in meines Vaters Absichten, und eines schönen Morgens, kurz vor dem ersten Oktober, überraschte er mich mit folgendem, von ihm selbst aufgesetzten Stundenplan, den ich seitdem oft mit lächelnder Rührung betrachtet habe und den ich der Originalität wegen hersetze:

Stundenzettel

für

Fanny Marcus,

entworfen Ende September, gültig bis zur veränderten Jahreszeit und bis andere Lehrstunden eintreten.

Allgemeine Bestimmung:

Des Morgens wird spätestens um 7 Uhr aufgestanden, damit um 71/2 Uhr das Ankleiden völlig beendet sei.

Der folgende Tagesablauf ist ziemlich streng und beengt, dennoch habe ich Lust, die Vorgaben einmal probeweise zu erfüllen (Handarbeiten ist dabei). Aus etwas nervigen Gründen bin ich morgen sowieso ans Haus gebunden, also bietet es sich an, mich ein bisschen in Fannys Tag hineinzuversetzen. Ich trage dann hier immer weiter ein, was ich erlebe. Schaut also gern wieder vorbei, lassen wir uns überraschen.

Bis morgen früh, völlig beendet angekleidet!

8:23

Ich liege schon 23 Minuten zurück im Zeitplan, hatte natürlich nicht bedacht, dass ich selbst eigentlich einem Backfisch-Haushalt vorstehe und keine Dienstboten habe, die das Frühstück vorbereiten und frische Socken aus dem Waschkeller holen. Aber nun weiter in Fannnys Tagesplan.

von 8 – 9 Uhr Clavierstunde. Uebung neuer Stücke.

Oje, ich habe unser Klavier bestimmt ein Jahr nicht benutzt und brauche Musik, die damals aktuell war. Zum Glück schreibt Fanny auch über Lieder, die sie auf Ausflügen sang:

Da zwischen kam auch das Lied des Kosacken, die sogenannte »schöne Minka« vor, und diese Lieder waren von einer solchen Wirkung, von einer solchen belebenden Kraft nicht nur auf mich, sondern auf alle meine Geschwister, daß sie uns immer wieder erschütterten und erhoben, und wir einen wirklichen Genuß davon hatten, sie mitzusingen.

Dazu habe ich die Noten, und die werde ich nun probieren. Bis später!

9:52

Erst fühlte ich mich ja wie ein Kind zum Üben gezwungen, aber dann kam doch ein Flow. Klavierspielen ist schön entspannend und entrückend, das hatte ich vergessen. Aber nun weiter, ich liege sehr zurück im Plan.

“ 9 – 12 “ Handarbeit, gewöhnliches Nähen und Stricken.

Drei Stunden Handarbeit! Und zwar gewöhnliche, für den Haushalt und Kleidung nützliche Arbeiten wie Stopfen, Ausbessern und Strümpfestricken. Fanny steht da ziemlich unter Druck

Wenig Tage vergingen, an denen mir die Mutter nicht vorhielt, daß Nichts widerwärtiger und unbrauchbarer sei, als ein gelehrtes unpraktisches Frauenzimmer, und daß ich alle Aussicht hätte, ein solches zu werden; wenig Wochen, in denen der Vater mich nicht daran erinnerte, daß wir unvermögend wären, daß die Haushälterin so bald als möglich abgeschafft, und ich der Mutter, deren Gesundheit sehr schwankend war, eine Hilfe werden müßte.

Dann sehe ich mich mal nach Stopfanleitungen von 1800 um. Bis später!

10:46

Gar nicht leicht, so alte Handarbeitsbücher zu finden. Das Wasch-Bleich-Platt-Naeh-Buch von 1796 zum Selbstunterricht für Damen ist deshalb sehr spannend.

Und hat auch einen schönen 220 Jahre alten Deckel.

Ich gebe zu, statt gewöhnliche Handarbeiten hat mich nun ein PC-Problem beschäftigt. Aber das Waschbuch ist eine Goldgrube, zum Beispiel steht dort genau, wie man Monogrammvorlagen auf Stoff übertragen soll – ein Problem, das wir hier schon oft in all seinen Varianten hatten, und das noch einmal einen eigenen Beitrag wert wäre.

12:04

Ok, ich habe einen Hosenknopf angenäht, ein Stück weniger im Ausbesser-Korb. Das Waschbuch empfiehlt wöchentliches Flicken, damit sich nicht alles ansammelt und das jährliche oder halbjähliche Waschfest dadurch ein noch verdrießlicheres Geschäft wird. Jungere, muntere Waschweiber werden auch empfohlen.

Das Waschbuch betont im Nähteil, dass lange Übung und ein gutes Auge notwendig sind, „damit eine Person gut Säumen könne“. Der Faden muss immer im richtigen Abstand, mit der richtigen Spannung und in derselben Stichlänge ausgeführt werden. Dazu fiel mir ein großes Bettlaken aus meinem Fundus ein, das in der Mitte aus zwei Leinenbahnen zusammengesetzt ist. Die Webkanten sind nur ganz knapp mit einer Handnaht verbunden. Ob die Naht (und das Mongramm) Gnade gefunden hätten?

Ich selbst hätte heute vormittag sicher Ärger bekommen, denn der Kater ist mit seinen dreckigen Pfoten über meine Dauerstickerei gelaufen – die Unterschriften-Gästebuchdecke.

“ 12 – 1 “ Nachlesen der alten Lehrbücher, als: Französisch, Geographie, Geschichte, Deutsch, Grammatik u.s.w.

“ 1 – 21/2 “ Erholung und Mittagessen.

Ok, das mache ich jetzt alles. Ich nehme mir ein bisschen den ungelesenen Zeitungsstapel vor und koche mir nebenher eine „Wassersuppe“, wie sie bei Fannys Familie üblich war, wenn die Geschäfte des Kaufmannsvaters mal wieder nicht so gut gingen.

13:19

Gerade gelernt: Meine Hühnerbrühe aus teurem Fleisch ist eigentlich gar keine Wassersuppe. Der Begriff für das Arme-Leute-Essen bezog sich nur auf Suppen aus Wasser, Salz, Kräutern und Stärke (z.B. Gries, Brot oder Reis). Butter und Ei kamen auch hinein, wenn es die Finanzen hergaben, aber Brühen aus Fleisch oder Fisch waren eine andere Liga.

“ 21/2 – 5 “ Handarbeit gleich oben.

Oje, da bin ich gar nicht in Stimmung. Schon wieder Sticheln, zweieinhalb Stunden. Och nöööö.

Fünf Stunden an jedem Tag saß ich in der Wohnstube an einem bestimmten Platz am Fenster und erlernte Strümpfe zu stopfen, Wäsche auszubessern und beim Schneidern und andern Arbeiten Hand anzulegen.

Ganz interessant, unsere gängige Vorstellung von der Bürgerstochter im Müßiggang mit Stickrahmen im Salon wird hier ins Wanken gebracht. Nadelarbeit war eine lästige, aber nützliche Arbeit.

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Fanny hatte noch in der Schule „eine große Lust zu feinen Handarbeiten bekommen“, nur war das im Haus nicht so gebraucht. Schade, mich würden ja zum Beispiel diese merkwürdigen Gebilde, Stickvorlagen aus einem Buch von 1795, in der Umsetzung interessieren.

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Ob ich schummle? Unnütze Stickerei statt Haushalt? Mal sehen.

16:59

Ja, geschummelt, eines der unnützen Wesen von oben entsteht gerade auf meinem Stickrahmen. Zeige ich, wenn es fertig ist.

(Nachtrag: Hier ist eine der „Chinoiserien“, das fliegendes Blattgebilde mit Tannenbaum drin, in Seidenfaden umgesetzt.

Hat ganz schön lang gedauert, über mehrere Tage.)

Vom Stopfen konnte ich mich leichten Herzens abwenden, als ich mich an dieses fadenscheiniges Damasthandtuch erinnerte, das an mindestens acht Stellen ziemlich grob geflickt ist.20170321_150431 (1024x576)

Dem Monogramm nach gehörte es meiner Großmutter – und oje, da hatte jemand aber ÜBERHAUPT keine Lust zum Kunsstopfen.

“ 5 – 6 “ Clavierstunde bei Herrn Thomas.

Dafür sieht es nun schlecht aus, denn ich konnte  die Netflix-Guckerinnen im Wohnzimmer nicht vertreiben, die sich dort von ihrem Schultag erholen. Sie schlugen mir vor, die Aktion hier nicht so eng zu sehen :) Ok.
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“ 6 – 7 “ Schreibeübung.

Was damit gemeint ist? „Gedichtabschreiben zur Uebung der Handschrift.“

An dieser Stelle tippe ich noch ein bisschen weiter Fannys Stundenplan ab. Montag bis Sonnabend sind ziemlich gleich durchgetaktet, nur der Sonntag ist „frei“.

Sonntag wird völlig der Bestimmung von Fanny anheimgestellt, mit Ausnahme der Clavierübung von 8–9 Uhr; jedoch müssen die wöchentlich unnöthig versäumten Lektionen nachgeholt, und die Stunden, welche am Clavier durch Ausgehen oder durch Besuche versäumt worden, genau ersetzt werden.

Fanny wird durch pünktliche Erfüllung dieses Stundenzettels und durch sonstiges gutes Betragen sich bemühen, ihren Eltern den Beweis zu geben, daß sie würdig sei, noch anderweitigen Unterricht zu erhalten, und von ihrem Vater für ihre Erholungsstunden gute Lesebücher zu bekommen.

Besuch außer dem Hause wird wöchentlich einmal, und nur ausnahmsweise zweimal stattfinden.

So so. Der Vater macht es ihr extra langweilig,  interessanten Unterricht und bessere Bücher muss sie sich als Belohnung erst verdienen.

Fanny fand den Wochenplan in Ordnung.

Diese Anordnung mit ihrer befehlenden Kürze erschien mir weder auffallend, noch hart. Ich war von Kindheit auf an eine sehr bestimmte Zeiteintheilung und Zucht gewöhnt, und ich bin gewiß, daß der Stundenzettel meiner Mutter damals ebenso wie mir eine Erleichterung gewährte. Er nahm ihr die Sorge, was sie mich thun lassen solle, und enthob mich dem Unbehagen, das in mir durch ihre wechselnden Versuche, mich zu beschäftigen, erzeugt worden war. Aber langweilig wurde dieser Winter mir im höchsten Grade.

21:00

Am Abend hatte Fanny das niederschlagende Gefühl,

den Tag über nichts Rechtes gethan zu haben, und einen brennenden Neid auf meine Brüder, welche ruhig in ihr Gymnasium gingen, ruhig ihre Lektionen machten, und an denen also lange nicht so viel herumerzogen werden konnte als an mir. Ihr ganzes Dasein erschien mir vornehmer als das meine, und mit der Sehnsucht nach der Schule regte sich in mir das Verlangen, womöglich Lehrerin zu werden und so zu einem Lebensberuf zu kommen, bei dem mich nicht immer der Gedanke plagte, daß ich meine Zeit unnütz hinbringen müsse.

Fanny wurde dann Schriftstellerin. Es gelang ihr, durch das Schreiben wirtschaftlich unabhängig zu sein und ohne familiäre Zwänge heiraten zu können. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der Frauenemanzipation und lebte noch lang, bis 1889.

Das Thema Mädchenerziehung und weibliche Nadelarbeit hatten wir hier schon einmal. Bei Wohin das Herz uns treibt kam auch die Frage auf: Hat die Befreiung der Frau zum Niedergang eines Kulturgutes geführt?

In Fannys Fall ist es jedenfalls gut, dass ihre Erinnerungen dank ihres Berufs 200 Jahre überdauert haben.

Das wars für heute, guten Abend und gute Nacht!

Zitate aus: Fanny Lewald, Meine Lebensgeschichte, Erster Teil, Berlin 1861

Bildquellen

  1. William Edward Frost, Girl with a Bow, Drawing, ab 1810, NGA
  2.  Ausschnitt, In het weeshuis te Katwijk-Binnen, David Adolph Constant Artz, ca. 1870 – 1890, Rijksmuseum
  3. Willem van der Kooi, Het gestoorde pianospel, 1813 Rijksmuseum

Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

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Zum Fest habe ich noch eine Handarbeits-Weihnachtsgeschichte ausgegraben. Dafür begeben wir uns in das Jahr 1810, und zwar wieder zu Heinrich von Kleist. Im Dezember 1810 beschreibt Kleist für die Zeitung eine Verkaufsausstellung. Wenig begüterte Männer und Frauen, „verschämte Arme“, haben die schönsten Dinge hergestellt und hoffen jetzt auf reiche Käuferinnen. Kleist beschreibt das Angebot so liebevoll!  „… Man möchte ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Tränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen…“

Aber lest selbst:

Berliner Abendblätter, den 18ten December 1810

W e i h n a c h t s a u s s t e l l u n g.
Eine der interessantesten Kunstausstellungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, werth, daß man sie besuche und auch wohl, daß man etwas darin kaufe, ist vielleicht die Waarenausstellung der, zum Besten der verschämten Armen beiderlei, doch vorzüglich weiblichen Geschlechts errichteten Kunst- und Industriehandlung , von Mad. Henriette Werkmeister Oberwallstraße No. 7.

Es hat etwas Rührendes, daß man nicht beschreiben kann, wenn man in diese Zimmer tritt; Schaam, Armuth und Fleiß haben hier, in durchwachten Nächten, beim Schein der Lampe, die Wände mit Allem was prächtig oder zierlich oder nützlich sein mag, für die Bedürfnisse der Begüterten, ausgeschmückt.

kerstingKersting, 1825

Es ist, als sähe man die vielen tausend kleinen niedlichen Hände sich regen, die hier, vielleicht aus kindlicher Liebe, eines alten Vaters oder einer kranken Mutter wegen, oder aus eigner herben dringenden Noth, geschäfftigt waren: und man möge ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Thränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen, und an die Verfertigerinnen, denen die Sachen doch wohl am Besten stehen würden, zurückzuschenken.

sample-book-trims1Musterbuch

      Zu den vorzüglichsten Sachen gehören:

1) Ein Korb mit Blumen, in Chenille gestickt, mit einer Einfassung; etwa als Caminschirm zu gebrauchen. Die Stickerei ist, auf taftnem Grund, eine Art von bas relief; ein Büschel Rosen tritt, fast einen Zoll breit, so voll und frisch, das man meint, er duftet, aus dem Taftgrunde hervor. Zu wünschen bleibt, daß auch die anderen Blumen und Blätter, die aus dem Korb vorstrebend, darin verwebt sind, verhältnißig hervorträten, das würde das Bild eines ganz lebendigen Blumenstraußes geben. Eine edle Dame hat dies Kunst- und Prachtwerk bereits für 15 Louid´ or erkauft; und nur auf die Bitte der Vorsteherinn befindet es sich noch hier, um die Ausstellung, während des Weihnachtsfestes, als das wahre Kleinod derselben, zu schmücken.

firescreen-mfa1Kaminschirm, ca. 1801-1810

2) Eine Garnitur geklöpfelter Uhrbänder. Die Medaillen an dem Ende der Bänder, stellen, in Seide gewirkt, Köpfe, Thiere und Blumen dar; so fein und zierlich, daß man sie für eine Art von Miniatur Mosaik halten mögte.

3) Ein, in Wolle, angeblich ohne Zeichnung gestickter, Fußteppich. Ein ganzer Frühling voll Rosen schüttet sich, in der lieblichsten Unordnung, darauf aus; und auch die Arabeskeneinfassung ist zierlich und geschmackvoll.

4) Ein Rosenstrauß, auf englischem Manschester gemahlt, mit einer Einfassung von Winden, gleichfalls als Caminschirm zu gebrauchen.

5) Ein ganz prächtiges Taufzeug.

taufkappemetTaufkappe, frühes 19. Jhd.

Vieler Kleider, unter welchen ein gesticktes Musselinkleid oben an, Tücher, Hauben, eine immer schöner als die andere, Strick, Geld- und Tabacks-Beutel, in allen Provinzen des Reiches zusammengearbeitetet, das Ganze mehr den 10 000 Thl. an Werth, nicht zu erwähnen. –

Wir laden die jungen Damen der Stadt, die Begüterten so wohl als die Unbegüterten ein, diese Anstalt zu besuchen, und glauben verbürgen zu können, daß sie diesen Gang weder in dem einen noch in dem andern Fall, umsonst thun werden.

hk.

 

(Stickmuster 19 Jhd.)

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Gern hätte ich für alle Gegenstände Beispiele gesucht, aber nun ist mir die Zeit davongelaufen, wie immer und sicher auch bei den meisten vor dem 24.  Vielleicht kann ich später auch noch den offenen Fragen nachgehen – Manchester ist eine Art Samt gewesen, oder? Mit Kaminschirmen schützten die Damen ihr Gesicht? Was waren  die genannten Summen, Thaler, Louisd’or 1810 in Berlin wert? (1815 berichtet eine Zeitung, für einen Lehnstuhl Bonapartes seien ungeheure 100 Louis d’or gezahlt worden, ein Obristenleutnant habe als Zeichen besonderer Zufriedenheit ein Geschenk im Wert von 50 Louisd’or erhalten – die edle Dame hat mit den 15 Louis d’or für den Kaminschrim also sicher nicht zu wenig gezahlt).

Ich wünsche uns allen ein friedliches Weihnachtsfest! Wir hier in Berlin, jedenfalls die Menschen in meinem Umfeld, haben die Ereignisse mit ruhiger Gelassenheit getragen. Angst ist nicht zu spüren, obwohl auch wir sehr leicht hätten betroffen sein können. Das macht mich froh und mutig und euch hoffentlich auch. Bis bald!

Luise auf dem Weihnachtsmarkt„Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“

 

 

 

Berufstätige Frauen um 1900 – #Gemeinfreitag

Welchen Berufen gingen Frauen um 1900 nach? In der Zeitschrift Berliner Leben  habe ich mich mal wieder auf die Suche gemacht und für euch Bilder herausgesucht, die Frauen bei der Arbeit zeigen.

1906-arbeittelefon-3blogFernsprechamt 1906

1904-buerokleidungkontor Kontor 1904

1907 lag der Frauenanteil im Berliner Dienstleistungssektor bei 27 %.

berliner-leben-1905aus1Modeatelier 1905

1904-stoff-2aVerkäuferin 1904

Frauen arbeiteten oft nur bis zu ihrer Verheiratung. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 verpflichete die Ehefrauen zu „Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes“. Wollten sie anderswo tätig sein, so musste der Ehemann einer Berufstätigkeit zustimmen.

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Was mir gar nicht klar war: Verheiratete Frauen wurden vom Staat nicht eingestellt. Lehrerinnen zum Beispiel wurden entlassen, wenn sie heiraten wollten.

1906-soz3-3blog 1906 Säuglingsfürsorge

1902-personalblog Gastronomie, 1902

berliner-leben-1905tier-kindermaedchen Kindermädchen 1905

berliner-leben-1905-b-3web Armenfürsorge

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Zimmer im Arbeiterinnenheim 1906

Händlerinnen

1906-soz2-5blog19061906-soz5-3ablog

berliner-leben-1905-markt1905

1900-161Waschfrauen 1900

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(Dem Klischee zum Trotz arbeiteten auch Männer im Textilgewerbe, vor allem wenn Maschinen im Spiel waren.)

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Zahlreiche Institutionen setzten sich dafür ein, Frauen unabhängig von einer Eheschließung zu machen. Beispielhaft war der Lette-Verein, der „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ .

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Zum Abschluss schmuggle ich hier noch eins meiner Lieblingsbilder aus der Zeitung hinein, arbeitende Frauen sind auch mit drauf. Vielleicht mache ich aus dem Bild noch eine Karte mit Genesungswünschen, für die hartgesottenen Kranken in meinem Umfeld.

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Dank an die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die die Jahrgänge digitalisiert hat.

Euch ein Schönes Wochenende!

deko6

Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.