Über die Erfindung der Handarbeiten als weiblich

Der folgende Artikel ist vor einiger Zeit bei Krachbumm als mein Gastbeitrag zur Reihe „… hat es nie gegeben“  erschienen. Zum internationalen Frauentag poste ich ihn hier noch einmal. Gegen das Klischee.

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Stoffe, Nähen, Sticken, Stricken war schon immer Domäne der Frauen? Alles Textile urweiblich?

Stimmt nicht.

Schon vor 5000 Jahren trug Ötzi, die Gletscherleiche aus der Steinzeit, eine Art Nähset bei sich. Funde aus der Jungsteinzeit belegen, dass Spinnen und Weben bekannt waren. Aber ob diese Textilarbeiten vorrangig von Frauen ausgeführt wurden? Das kann man nicht sicher wissen. Die Vorstellungen der Archäologie dazu sind in den letzten Jahren ganz schön ins Wanken gekommen. Bisher waren Wissenschaftler mit einem vorgefertigten Rollenbild im Kopf davon ausgegangen, dass eine Spindel in einem Urzeitgrab selbstverständlich zu einer Frau gehörte. In Tonscherben eingeritzte Strichmännchen mit Spinnwirtel und Webrahmen wurden als Frauenfiguren interpretiert, weil die Forscher solche textilen Tätigkeiten stereotyp mit Frauen verbanden. Ein Zirkelschluss! Heute weiß man, dass Frauen und Männer zusammen jagten und auch Frauen und Kinder schwere körperliche Arbeiten verrichteten. Die Vorstellung von den Steinzeitmännern als Jägern und den Frauen, die am Feuer die Kinder versorgten, entstammt den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts und ist überholt. Auch wenn Spinnen und Weben mythologisch meist mit Frauenfiguren verbunden wird, heißt das nicht, dass Männer nicht mit Textilien arbeiteten. “So gehen in Ägypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, wogegen die Männer zu Hause sitzen und weben” berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot 400 v.Chr.

Weber, ca. 1425, via

Für das Mittelalter lässt sich gut belegen, dass Männer, Frauen und Kinder gemeinsam Fasern, Garne und Gewebe herstellten. Textilien waren ja nicht nur als Körperschutz in Form von Kleidung, Zelten und Matten lebensnotwendig. Auch für den Alltag, die Jagd und den Fischfang wurden Seile, Netze, Beutel und so weiter gebraucht. Der Anbau von Flachs und Hanf wurde gemeinsam erledigt, das Ernten, das Brechen der Fasern, Scheren der Schafe, Säubern, Weben und Nähen oblag beiden Geschlechtern. Nur das Spinnen scheint traditionell mit der Frau verbunden gewesen zu sein. Der Spinnrocken ist auf vielen mittelalterlichen Abbildungen Symbol für die Frau.

Die aus dem Mittelalter bis heute erhaltenen prachtvollen Altardecken und liturgischen Gewänder wurden von Männern und Frauen gleichermaßen ausgeführt. 1330 arbeiteten in einer englischen Stickwerkstatt 70 männliche und 42 weibliche Sticker an mehreren Prunkdecken, die für das Königshaus in Auftrag gegeben worden waren.

Mathilda stickt den Bayeux Teppich, via

Auch der weltbekannten Teppich von Bayeux, ein mittelalterliches 70 Meter langes Stickkunstwerk, wurde in solchen professionellen Werkstätten hergestellt. Dennoch behaupteten Historiker lange Zeit, die englische Königin Mathilda oder Nonnen hätten den Teppich bestickt. Mit den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts im Kopf kam es ihnen nicht in den Sinn, dass vielleicht auch Männer beteiligt gewesen sein konnten.

Zu Zeiten der Zünfte waren die textilen Berufe ausdrücklich Männersache. Strumpfstricker, Tuchmacher, Bändermacher, Schneider, Sticker, Färber – alles Männer.

seidenSeidensticker 1625, via

Was nicht heißt, dass die Frauen aus der Sache raus waren. Sie arbeiteten arbeitsteilig mit oder betrieben das Handwerk auch selbst. In der Zunftordnung der Wollweber aus dem 14.Jahrhundert heißt es: „Wer Webmeister oder -meisterin ist, der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr.“

bortenBortenmacher 1725, via

Im 17. und 18. Jahrhundert gab es vor allem bei der ländlichen Bevölkerung weiterhin keine festgeschriebene Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen. Männer und Frauen erledigten quer durch alle Altersgruppen gleichermaßen die Textilarbeiten, die zum Eigenbedarf oder zum Verkauf nötig waren. Aus der Zeit um 1750 berichtet ein Bauerssohn: „Mein Vater probierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letztere kämbeln [kämmen], Strümpfstricken, u.d.g. Aber keins warf damals viel Lohn ab.“

In Preußen stellten Waisenknaben im 18. Jahrhundert unter der Anleitung von Spinn- und Strickmeistern Garn her und strickten Strümpfe für Auftraggeber. Häftlingen erging es nicht anders. Und auch Soldaten mussten spinnen. Den Langen Kerls des Soldatenkönigs oblag es, für den Garnnachschub in Preußens Manufakturen zu sorgen. Jedes neue Haus in Potsdam musste damals eine Stube enthalten, in der vier Soldaten schlafen konnten und in die noch vier Spinnräder passten. Die Soldaten nutzen das Wachehalten außerdem zum Stricken, wie Carl Spitzweg mehrfach im Bild festgehalten hat.

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Abbildungen von strickenden Schäfern sind zahlreich. 1785 heißt es in einem Reisebericht aus Norddeutschland: „Alles strickt hier, was nur Hände hat, Bauer und Bäuerin, Kinder, Knechte und Mägde.“
1855, strickender Schäfer, via

Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Heimarbeit. Es gab auch hier beim Spinnen und Weben im sogenannten Verlagswesen keine feste geschlechtsspezifische Trennung. Lediglich die Stickerei wurden inzwischen eher von Frauen und Mädchen durchgeführt. Im Erzgebirge klöppelten Frauen, Kinder und auch Männer im Akkord. Zunehmend wurde die Arbeit dann in Manufakturen und Fabriken zentralisiert.

1825, Der Schullehrer als Handwerker (Der Lehrer näht für ein Zubrot, bzw. er ist Schneider und unterrichtet nebenher)

In sogenannten Industrieschulen erlernten sowohl Mädchen als auch Jungen handwerklichen Tätigkeiten wie die Gewinnung von Leinenfasern, Garnspinnen, Zwirnen, Nähen, Wäschezeichnen, Stricken und Klöppeln. Zunehmend erfolgte aber eine Einteilung der Gruppen nach Geschlecht. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurden in Erwerbsschulen nur noch die Mädchen in Handarbeiten unterrichtet. Sie lernten die sogenannten groben Arbeiten (Spinnen, Stricken, Nähen, Stopfen) und, wenn sie geschickt waren, die feineren „Putz- und Prunkarbeiten“.

Der weitaus größte Teil der Frauen und Männer damals arbeitete als Dienstpersonal, in Fabriken und in der Landwirtschaft. Die Textilfabriken brauchten für Spinnmaschinen und Webstühlen alle, Männer, Frauen und Kinder geschlechtsübergreifend. Beim Dienstpersonal gehörte es für den Kammerdiener zur Aufgabe, Flickarbeiten zu erledigen. Auch im selbständigen Nähbereich waren sowohl Männer als auch Frauen tätig. Die Männer nannten sich Schneider, die Frauen Putzmacherinnen und Weißnäherinnen.

Anker, 1894, via

Wie kommt es dann überhaupt dazu, dass wir heute textile Arbeiten mit (Haus)fraulichkeit verbinden?

Das hängt mit dem Klischeebild zusammen, das die bürgerlichen Wertvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert fest in unseren Köpfen verankert haben. Krachbumm hat unter  „Die Erfindung der Hausfrau“ und „Die Erfindung der Mutter“ ja schon beschrieben, wie sich in dieser Zeit unser heutige Frauenbild gebildet hat. Das Image der Handarbeiten läuft mit dieser Entwicklung parallel.
In Adelskreisen und Klöstern war es schon seit dem Mittelalter für Frauen üblich, sich mit kunstvollen Nadelarbeiten zu beschäftigen. Pflicht war das aber nicht. Liselotte von der Pfalz notierte 1719 am Hofe Ludwig des XIV., sie schreibe lieber und finde „nichts langweiligers in der Welt, als eine Nähnadel einzustecken und wieder herauszuziehen“. Feine Nadelarbeiten galten jedenfalls als vornehme Tätigkeit und aus den Klöstern heraus gab es auch Initiativen, Mädchen in Handarbeiten zu unterrichten. Mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken des Bürgertums strebte die bürgerliche Schicht danach, sich dem Lebenstil der Aristokratie anzunähern. Gleichzeitig machte es die Industrialisierung möglich, Textilien günstig und in großer Menge zu produzieren. Kleidung und andere Textilien konnten nun eingekauft werden. Die Eigenversorgung mit Stoffen und Kleidung war nicht mehr lebensnotwendig. Erst im Zuge dieses industriellen Fortschritts, der verbreiteten Lohnarbeit und der Neuverteilung der Rollen zwischen Mann (aushäusig, berufstätig) und Frau (häuslich, Mutter) wurden Handarbeiten wie Sticken und Stricken zu typisch weiblichen Beschäftigungen und der Handarbeitsunterricht zu einem Schulfach nur für Mädchen.

Liebermann, 1876, via

Die Frau, die zu Hause bleibt, sich um Kinder und Haushalt kümmert, tugenhaft ist und repräsentiert, wird zum Idealbild des Bürgertums. Portraits aus der Zeit zeigen die weiblichen Familienmitglieder oft mit einer Nadelarbeit auf dem Schoß, Ausdruck von Häuslichkeit, Fleiß und Anstand. Kenntnisse in Handarbeiten gehörte als Statussymbol zur standesgemäßen Ausbildung einer höheren Tochter. Dieses Bild der zum Zeitvertreib vor sich hin häkelnden Bürgersfrau hat sich bis heute als Klischee in unseren Köpfen verankert, obwohl das Alltagsleben bürgerlicher Frauen diesem Bild gar nicht entsprach.

Nur eine kleine wohlhabende Schicht Frauen mit ausreichend Dienstpersonal konnte es sich leisten, Nadelarbeiten als „demonstrativen Müßiggang“ zu sehen. Unsere Vorstellung von der sittsam stickenden Hausfrau ist ein Zerrbild, das in der Realität oft nur mühsam aufrecht erhalten werden konnte. „Zwischen Repräsentationszwang und der Tugend der Sparsamkeit“ heißt ein Kapitel in einer Untersuchung, die einen genauen Blick auf die handarbeitenden Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wirft. Allein schon aus finanziellen Gründen mussten die Frauen sich an dem Aufwand der Hauswirtschaft beteiligen, nach außen hin wurde das aber verschleiert. Besuche in Bürgerhaushalten kündigte man vorher an, damit die Hausfrau nicht bei der Hausarbeit überrascht wurde. Gleichzeitig bedeuteten die Handarbeitskenntnisse aber auch ein Befreiung: Mit Nadelarbeiten Geld zu verdienen war eine der wenigen für Frauen des Bürgertums schicklichen Erwerbsquellen. Handarbeiten konnten auch im öffentlichen Raum Anerkennung bringen, wenn Frauen sich beispielsweise sozial in der Mädchenbildung engagierten oder für den Wohltätigkeitsbereich strickten und nähten, wie zu Kriegszeiten an der Heimatfront.

Wie „Die Erfindung der Hausfrau“ schon beschrieben, setzte sich die sogenannte Hausfrauenehe erst nach den Kriegen in allen Schichten der westlichen Bevölkerung durch und begann Ende der 1960er auch schon wieder zu bröckeln. Mit dem Handarbeitsunterricht ging es entsprechend in den 1970er Jahren zu Ende. So ideologisch belastet schien dieses textile Fach, dass es bis heute nicht rehabilitiert ist. Dabei spricht nichts dagegen, dass es wieder ganz normal wird, wenn Männer und Frauen nähen, stricken und sticken. Es ist schließlich nützlich und macht viel Spaß, diese Techniken zu beherrschen und textile Dinge selbst herstellen oder reparieren zu können.

Wer mehr dazu lesen möchte kann hier im Blog die Kategorie  „Handarbeit, Männer, Frauen“ durchsehen, zum Beispiel

Strickliesel und Häkeltrusche – wo kommt das miese Image her?

Dort findet ihr auch noch viel mehr Bilder von Männern mit Stoff, Nadel und Faden hier und hier sowie Nähenden Soldaten

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8 Kommentare

  1. . . . vielen Dank für diese umfassende Untersuchung. Als aufwendige Stickereien Mode waren und gut bezahlt wurden, haben in der Mehrheit männliche Sticker dies erledingt, Hofsticker seiner Majestät zu sein war ein angesehener Beruf. Frauen haben ihnen nur zugearbeitet. Vielleicht ist es so wie mit den Meisterköchen? Der Maitre ist immer ein Mann. Das alltägliche Kochen besorgt die Frau. Zumindest in der Vorstellung. Aber du führst ja sogar aus, dass dieses Cliché der handarbeitenden Frau in unseren Köpfen nicht unbedingt stimmen muss . . . (Habe ich nicht was Ahnliches mal zu einem anderen Post von dir geschrieben, wenn ja, dann sorry für die Wiederholung, habe grade ein Dejavu)

    • Das Dejavu ist schon richtig, die Themen bleiben ja immer gleich und es ist ganz schwer, diesen Handwerkszweig unbefangen zu betrachten. Was zum Beispiel auch immer mitschwingt (und mich eigentlich stört): Die Betonung darauf, dass früher feine Nadelarbeiten nicht unmännlich waren, schafft Aufmerksamkeit und wertet die Tätigkeit sogleich auf – irre, oder? Und das zählt auch nur für unseren Kulturkreis. Der Anblick stickender Männer im heutigen Indien scheint dagegen „normal“.
      Eigentlich wäre es mir lieber, man könnte den Wert der Nadelarbeiten per se wieder mehr anerkennen, unabhängig von Geschlechterfragen. Ein bisschen geschieht das gerade in der Haute Couture bei Lagerfeld u.Co., hoffe ich.

      • Ich beobachte es auch beim Thema Reiten, als Pferde und nicht Motorräder oder Raumschiffe das Nonplusultra in Sachen Mobilität waren, haben sich Jungs fürs Reiten begeistert. Jetzt haben es die Mädchen übernommen. Ich hoffe auch, dass in der textilen Welt noch ein Paradigmenwechsel stattfindet. Aber möglicherweise dauert das noch.

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