Stoffspielerei: Kopfputz (fast) 20er Jahre

federn

Strass, Federn, Haarreif, Chenille, Silbergarn – das sind die Zutaten für meinen Kopfputz passend zum Thema der heutigen Stoffspielerei* in der Faschingszeit. Gastgeberin ist Gabi von Made with Blümchen aus Graz. In Österreich ist der Faschingsdienstag wichtiger als der Rosenmontag, habe ich von ihr gelernt.

1922

Weil ich schon länger vom Kopfputzthema wusste, konnte ich es gleich für eine Mottoparty nutzen.  Kleiderordnung waren die 20er Jahre, Boheme. „Federn und Glitzer im Haar!“ dachte ich, ohne groß zu recherchieren, und suchte einen alten Haarreif heraus. Den umwand ich mit fransigen Kreppstoffstreifen, legte ein Stück Strassband und etwas weißes Chenillegarn auf. Die ganze Deko fixierte ich dann mit Silbergarn, in schmalen Abständen um den Reif herumgewickelt.

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Zum Schluss mit drangebunden sind eine antike altrosa Straußenfeder (?) und etwas dunkles Gefieder, das eher an eine Jagdmütze passen würde. Der Reif hielt den ganzen Abend gut. Leider habe ich keine richtigen Tragefotos, alles verwackelt.

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Der Look bestand aus schmalem schwarzen Abendkleid, Federboa und einem echt alten Morgenrock von meiner Großmutter, der so edel aussieht, dass er locker als Abendmantel durchgeht. Das Material ist schon sehr mürbe und reißt bei der kleinsten Belastung, aber das war mir egal. Was sollen all diese Dinge immer in Kisten herumliegen. Ist doch toll, dass meine Oma nun quasi auf einer Party in einem Berliner Restaurant war, auch wenn es ihr wohl etwas zu queer gewesen wäre.

morgen

Mein Look entsprach eher Fantasie-20ern, das war mir auch klar.  Erst nach dem Fest, von dem ich total begeistert war, fing ich richtig an, mich mit der Mode der Zeit zu beschäftigen. Erstes Fazit: Federn sind gar nicht so richtig 20er Jahre – zum Test habe ich die Jahrgänge der Berliner Leben durchgesehen. Federschmuck am Kopf fand ich nur bis 1919 (Revuegirls ausgenommen). Federboas gar nicht.

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An dem Abend hatten sich alle sehr viel Mühe mit ihrer Kleidung gegeben, der Ort war toll dekoriert- man trat ein, sah die weißgedeckten Tische, die geschmückten Menschen, weiße Hemdbrüste leuchteten, Perlenketten und Paillettenkleider glitzerten, viele schräge Boheme-Charaktere dazwischen.  Am Tresen eine Art Theo Lingen im Frack mit Monokel und Champagnerglas. Wie schön ist es doch, wenn sich alle wirklich feingemacht haben, wie viel herausragender wird das Ereignis!

Je mehr ich schaute, desto mehr fielen mir aber auch die auf, die sich (wie ich) in eine Art Klischee-20er gestürzt hatten, mit einer Fransenborte am Kleid und einer Indianerfeder im Stirnband. Dazu las ich bei den Partyveranstaltern Boheme Sauvage, was auf den Vintage-Festen unerwünscht ist: „kitschig glitzernde und geschmacklose Karnevalskostüme, Plastikartikel, schrille Perrücken, pinke Federboas und alles was der Zeit zwischen 1890 und 1930 ganz offensichtlich nicht angemessen ist. Wir apellieren ganz ausdrücklich an Ihren Sinn für Stil und Ästhetik. Auch das Tragen von offenem langem Haar ist leider in den Zwanziger Jahren absolut umodisch.“

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So ein Haarnetz wäre besser als ein Federreif gewesen! Ich finde es ja auch lustig, dass man bei 20er Jahre immer an die Flapper-Girls denkt, junge schicke und vor allem dünne Frauen. Wenn ich mir alte Fotos anschaue, dann finde ich fast nie solche Elfen – im Gegenteil, die meisten Frauen in den 20ern wirken sehr gestanden. Einen Ausdruck für Flapper-Girls gibt es auf Deutsch auch gar nicht.

1928kleidabends1928

Jedenfalls weiß ich jetzt für meine nächste Boheme-Party sehr viel besser Bescheid, was Kleidung, Frisuren und Schminke und Nagellack angeht. Eine Federboa aus Hühnerfedern wie meine (erkennbar an den kleinen kurzen Federn) ist auch nicht so toll. Für Männer ist es ebenfalls nicht einfach. Zum Beispiel heißt eine Fliege nicht Fliege, sondern Schleife und muss auf jeden Fall selbst gebunden sein.

1926damenbart

Das Phänomen der Vintage-Parties erklärt eine Professorin in diesem Zeit-Artikel mit einer Reaktion darauf, dass wir uns inzwischen eher im Netz in Szene setzen. Die Straße ist anders als früher keine Bühne mehr ist. Anonymität und Unauffälligkeit sind wichtig, der Blick des anderen spielt in der Stadt keine Rolle mehr.

Demgegenüber zeichnet sich schon jetzt eine neue Sehnsucht nach geschützten analogen Öffentlichkeiten ab, in denen Mode kein Verstoß gegen den guten Ton ist. In größeren Städten sind historische Kostümfeste en vogue. Man kleidet sich im Stil der Zwanziger und agiert die Höflichkeitsformen und Manierismen versunkener Epochen aus.

Soweit für heute – vielen Dank an Gabi, die heute die Links sammelt. Schaut bei ihr vorbei – ich bin gespannt, was andere aus dem Thema gemacht haben.

Der nächste Termin ist der 26. März bei Karen, mit dem Thema: Shibori.

Schönen Sonntag allen, und ganz schnell noch ein Fund aus der Berliner Leben von 1926 (knüpft an den vorherigen Beitrag über Luises Halsbinde an) – in dieser Theaterszene ist Luise nämlich an ihrem Signature-Style-Kopfputz gut erkennbar:

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*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

15 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Beitrag und ich kann Dir da nur beipflichten: eine Veranstaltung, bei der alle sich viel Mühe geben (und das schließt die Gäste ein), ist kaum zu übertreffen und äußerst famos!

    Ich bin sicher, dass Omas Morgenmantel sich köstlich amüsiert hat und Abenteuer sind eben immer mit Blessuren verbunden ;)

    Hab‘ schönen Dank für den fabelhaften Beitrag und einen netten Sonntag :)

  2. Da wahrscheinlich alle Mitfeiernden Federn mit den 20ern in Verbindung bringen hast du für die Party erst mal alles richtig gemacht. Gut schaust du aus, die Cocoon-Silhouette ist stimmig! :)
    Aber nach diesem wie immer sehr informativen Artikel kannst du als Fachfrau wohl nicht mehr so auf einer 20er-Party erscheinen…..
    (Btw: Ist eine Berliner Mottoparty grundsätzlich anders als eine Faschingsveranstaltung? Homogener kostümiert? Kulitivierter?)

    • Als Fasching würde sich z.B. die Boheme Sauvage sicher nicht verstehen – das geht eher so in Richtung Reenactment, also die Epoche als Gesamtkonzept, sich selbst in eine andere Zeit träumen.

  3. Herrlich, das verwackelte Handybild mit „20er Jahre-Dame“ mit Handy in der Hand! Danke für den Einblick in die 20er Jahre und Deinen sehr feinen Kopfschmuck. Mir fallen auch die gerade geschnittenen Kleider dieser Zeit ein. Kam die Taillierung erst später? Gab es da auch die ersten kurz geschnittenen „Bubiköpfe“?
    Aus unserer Gegend hier kenne ich keine Kostümparties – das wäre ja fast ein grund, nach Berlin zu reisen!
    Liebe Grüße
    Ines

    • Wegen der Bubiköpfe habe ich einen Berlicht in der Berliner Leben von 1926 gefunden, wo sie als „Neuheit“ berichtet werden. In unserer Vorstellung müsste das ja eigentlich schon viel früher verbreitet gewesen sein! Ja, und die Taille kam dann später langsam wieder, die Fau in den 30er sah ja schon wieder anders aus.

  4. Ich finde dieses nebelige Wackelbild sehr schön und beneide dich ein wenig um diesen Abend. Ich liebe die 20er. Wie selten hat man noch so ein Ereignis bei dem die Beteiligten auch mit sich selbst Mühe geben und wie genußvoll man das erlebt. Ich bin als junges Mädchen oft mit meiner Mama im Theater gewesen, da wechselte man an der Garderobe noch zusätzlich das Schuhwerk. Heute unterscheidet sich die Graderobe recht selten von der im Alltag.Man kannn alles übertreiben, aber ich bin auch der Meinung, dass man selbst das Ereignis intenisver erlebt, wenn man sich dafür extra anders kleidet.
    Den Morgenmantel deiner Großmama kannst du uns ja mal separat vorstellen. Er hat mich neugierig gemacht.
    Viele Grüße ganz ohne Zigarettenspitze
    Karen

  5. Ich mag es sehr, wenn ein Motto vorgegeben ist, leider findet sich das bei uns sehr selten. Als Teenie bin ich mal im Charlston-Look zur Fastnacht gegangen mit eben so einem Haarreif aufgepeppt mit Federn. Ob der noch bei meinen Eltern schlummert, weiß ich gar nicht. Dein Beitrag ist auf jeden Fall wieder sehr interessant, vielen Dank dafür.
    LG Mirella

  6. Naja, den Begriff Rosenmontag gibt es bei uns schon auch, aber die meisten Faschingsumzüge finden am Faschingsdienstag statt. Und auch den Begriff Karneval kennt die durchschnittliche Österreicherin natürlich, und in Faschingshochburgen wie Villach in Kärnten wird auch kräftig gefeiert, gibt es Faschingsgilden etc. Nur ich bin eine Faschings-Ignorantin, außer Kinderkostüme nähen passiert bei mir nicht viel.

    Ach, ein Perlen-Haarnetz! Spannend, dass das auch hier auftaucht! Und so ein Fransenkleid bilde ich mir ein letztens bei Europeana Fashion gesehen und mir gemerkt zu haben. Schon bemerkenswert, was sich innerhalb so weniger Jahre damals in der Damenmode getan hat, oder? Von der Korsettschneiderei, die noch in der „tüchtigen Hausfrau“ gezeigt wird, hin zu diesen geraden, taillenlosen, kurzen Kleidern. Aufgebauschte Hochsteckfrisuren voher, Bubkopf nachher?
    Spannend, von solchen Vintage-Parties hatte ich noch nie gehört, aber ich stelle mir das auch toll vor. Deine Aufmachung dafür sieht jedenfalls sehr edel aus. Hab vielen Dank für diesen Einblick! lg, Gabi

    • Ok, habe den Text oben angepasst :) Will ja nichts falsches behaupten, ich preußische Ignorantin.
      Ja, der Modewandel war bemerkenswert – wenn man den 1. WK mitdenkt, ist er aber nachvollziehbar. Ähnliche Wirkung wie bei der französischen Revolution.

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