Mit Kleist in der Weihnachtsausstellung

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Zum Fest habe ich noch eine Handarbeits-Weihnachtsgeschichte ausgegraben. Dafür begeben wir uns in das Jahr 1810, und zwar wieder zu Heinrich von Kleist. Im Dezember 1810 beschreibt Kleist für die Zeitung eine Verkaufsausstellung. Wenig begüterte Männer und Frauen, „verschämte Arme“, haben die schönsten Dinge hergestellt und hoffen jetzt auf reiche Käuferinnen. Kleist beschreibt das Angebot so liebevoll!  „… Man möchte ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Tränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen…“

Aber lest selbst:

Berliner Abendblätter, den 18ten December 1810

W e i h n a c h t s a u s s t e l l u n g.
Eine der interessantesten Kunstausstellungen für das bevorstehende Weihnachtsfest, werth, daß man sie besuche und auch wohl, daß man etwas darin kaufe, ist vielleicht die Waarenausstellung der, zum Besten der verschämten Armen beiderlei, doch vorzüglich weiblichen Geschlechts errichteten Kunst- und Industriehandlung , von Mad. Henriette Werkmeister Oberwallstraße No. 7.

Es hat etwas Rührendes, daß man nicht beschreiben kann, wenn man in diese Zimmer tritt; Schaam, Armuth und Fleiß haben hier, in durchwachten Nächten, beim Schein der Lampe, die Wände mit Allem was prächtig oder zierlich oder nützlich sein mag, für die Bedürfnisse der Begüterten, ausgeschmückt.

kerstingKersting, 1825

Es ist, als sähe man die vielen tausend kleinen niedlichen Hände sich regen, die hier, vielleicht aus kindlicher Liebe, eines alten Vaters oder einer kranken Mutter wegen, oder aus eigner herben dringenden Noth, geschäfftigt waren: und man möge ein Reicher sein, um das ganze Putzlager, mit allen Thränen, die darauf gefallen sein mögen, zu kaufen, und an die Verfertigerinnen, denen die Sachen doch wohl am Besten stehen würden, zurückzuschenken.

sample-book-trims1Musterbuch

      Zu den vorzüglichsten Sachen gehören:

1) Ein Korb mit Blumen, in Chenille gestickt, mit einer Einfassung; etwa als Caminschirm zu gebrauchen. Die Stickerei ist, auf taftnem Grund, eine Art von bas relief; ein Büschel Rosen tritt, fast einen Zoll breit, so voll und frisch, das man meint, er duftet, aus dem Taftgrunde hervor. Zu wünschen bleibt, daß auch die anderen Blumen und Blätter, die aus dem Korb vorstrebend, darin verwebt sind, verhältnißig hervorträten, das würde das Bild eines ganz lebendigen Blumenstraußes geben. Eine edle Dame hat dies Kunst- und Prachtwerk bereits für 15 Louid´ or erkauft; und nur auf die Bitte der Vorsteherinn befindet es sich noch hier, um die Ausstellung, während des Weihnachtsfestes, als das wahre Kleinod derselben, zu schmücken.

firescreen-mfa1Kaminschirm, ca. 1801-1810

2) Eine Garnitur geklöpfelter Uhrbänder. Die Medaillen an dem Ende der Bänder, stellen, in Seide gewirkt, Köpfe, Thiere und Blumen dar; so fein und zierlich, daß man sie für eine Art von Miniatur Mosaik halten mögte.

3) Ein, in Wolle, angeblich ohne Zeichnung gestickter, Fußteppich. Ein ganzer Frühling voll Rosen schüttet sich, in der lieblichsten Unordnung, darauf aus; und auch die Arabeskeneinfassung ist zierlich und geschmackvoll.

4) Ein Rosenstrauß, auf englischem Manschester gemahlt, mit einer Einfassung von Winden, gleichfalls als Caminschirm zu gebrauchen.

5) Ein ganz prächtiges Taufzeug.

taufkappemetTaufkappe, frühes 19. Jhd.

Vieler Kleider, unter welchen ein gesticktes Musselinkleid oben an, Tücher, Hauben, eine immer schöner als die andere, Strick, Geld- und Tabacks-Beutel, in allen Provinzen des Reiches zusammengearbeitetet, das Ganze mehr den 10 000 Thl. an Werth, nicht zu erwähnen. –

Wir laden die jungen Damen der Stadt, die Begüterten so wohl als die Unbegüterten ein, diese Anstalt zu besuchen, und glauben verbürgen zu können, daß sie diesen Gang weder in dem einen noch in dem andern Fall, umsonst thun werden.

hk.

 

(Stickmuster 19 Jhd.)

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Gern hätte ich für alle Gegenstände Beispiele gesucht, aber nun ist mir die Zeit davongelaufen, wie immer und sicher auch bei den meisten vor dem 24.  Vielleicht kann ich später auch noch den offenen Fragen nachgehen – Manchester ist eine Art Samt gewesen, oder? Mit Kaminschirmen schützten die Damen ihr Gesicht? Was waren  die genannten Summen, Thaler, Louisd’or 1810 in Berlin wert? (1815 berichtet eine Zeitung, für einen Lehnstuhl Bonapartes seien ungeheure 100 Louis d’or gezahlt worden, ein Obristenleutnant habe als Zeichen besonderer Zufriedenheit ein Geschenk im Wert von 50 Louisd’or erhalten – die edle Dame hat mit den 15 Louis d’or für den Kaminschrim also sicher nicht zu wenig gezahlt).

Ich wünsche uns allen ein friedliches Weihnachtsfest! Wir hier in Berlin, jedenfalls die Menschen in meinem Umfeld, haben die Ereignisse mit ruhiger Gelassenheit getragen. Angst ist nicht zu spüren, obwohl auch wir sehr leicht hätten betroffen sein können. Das macht mich froh und mutig und euch hoffentlich auch. Bis bald!

Luise auf dem Weihnachtsmarkt„Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“

 

 

 

Über die Erfindung der Handarbeiten als weiblich

Der folgende Artikel ist vor einiger Zeit bei Krachbumm als mein Gastbeitrag zur Reihe „… hat es nie gegeben“  erschienen. Zum internationalen Frauentag poste ich ihn hier noch einmal. Gegen das Klischee.

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Stoffe, Nähen, Sticken, Stricken war schon immer Domäne der Frauen? Alles Textile urweiblich?

Stimmt nicht.

Schon vor 5000 Jahren trug Ötzi, die Gletscherleiche aus der Steinzeit, eine Art Nähset bei sich. Funde aus der Jungsteinzeit belegen, dass Spinnen und Weben bekannt waren. Aber ob diese Textilarbeiten vorrangig von Frauen ausgeführt wurden? Das kann man nicht sicher wissen. Die Vorstellungen der Archäologie dazu sind in den letzten Jahren ganz schön ins Wanken gekommen. Bisher waren Wissenschaftler mit einem vorgefertigten Rollenbild im Kopf davon ausgegangen, dass eine Spindel in einem Urzeitgrab selbstverständlich zu einer Frau gehörte. In Tonscherben eingeritzte Strichmännchen mit Spinnwirtel und Webrahmen wurden als Frauenfiguren interpretiert, weil die Forscher solche textilen Tätigkeiten stereotyp mit Frauen verbanden. Ein Zirkelschluss! Heute weiß man, dass Frauen und Männer zusammen jagten und auch Frauen und Kinder schwere körperliche Arbeiten verrichteten. Die Vorstellung von den Steinzeitmännern als Jägern und den Frauen, die am Feuer die Kinder versorgten, entstammt den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts und ist überholt. Auch wenn Spinnen und Weben mythologisch meist mit Frauenfiguren verbunden wird, heißt das nicht, dass Männer nicht mit Textilien arbeiteten. “So gehen in Ägypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, wogegen die Männer zu Hause sitzen und weben” berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot 400 v.Chr.

Weber, ca. 1425, via

Für das Mittelalter lässt sich gut belegen, dass Männer, Frauen und Kinder gemeinsam Fasern, Garne und Gewebe herstellten. Textilien waren ja nicht nur als Körperschutz in Form von Kleidung, Zelten und Matten lebensnotwendig. Auch für den Alltag, die Jagd und den Fischfang wurden Seile, Netze, Beutel und so weiter gebraucht. Der Anbau von Flachs und Hanf wurde gemeinsam erledigt, das Ernten, das Brechen der Fasern, Scheren der Schafe, Säubern, Weben und Nähen oblag beiden Geschlechtern. Nur das Spinnen scheint traditionell mit der Frau verbunden gewesen zu sein. Der Spinnrocken ist auf vielen mittelalterlichen Abbildungen Symbol für die Frau.

Die aus dem Mittelalter bis heute erhaltenen prachtvollen Altardecken und liturgischen Gewänder wurden von Männern und Frauen gleichermaßen ausgeführt. 1330 arbeiteten in einer englischen Stickwerkstatt 70 männliche und 42 weibliche Sticker an mehreren Prunkdecken, die für das Königshaus in Auftrag gegeben worden waren.

Mathilda stickt den Bayeux Teppich, via

Auch der weltbekannten Teppich von Bayeux, ein mittelalterliches 70 Meter langes Stickkunstwerk, wurde in solchen professionellen Werkstätten hergestellt. Dennoch behaupteten Historiker lange Zeit, die englische Königin Mathilda oder Nonnen hätten den Teppich bestickt. Mit den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts im Kopf kam es ihnen nicht in den Sinn, dass vielleicht auch Männer beteiligt gewesen sein konnten.

Zu Zeiten der Zünfte waren die textilen Berufe ausdrücklich Männersache. Strumpfstricker, Tuchmacher, Bändermacher, Schneider, Sticker, Färber – alles Männer.

seidenSeidensticker 1625, via

Was nicht heißt, dass die Frauen aus der Sache raus waren. Sie arbeiteten arbeitsteilig mit oder betrieben das Handwerk auch selbst. In der Zunftordnung der Wollweber aus dem 14.Jahrhundert heißt es: „Wer Webmeister oder -meisterin ist, der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr.“

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Im 17. und 18. Jahrhundert gab es vor allem bei der ländlichen Bevölkerung weiterhin keine festgeschriebene Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen. Männer und Frauen erledigten quer durch alle Altersgruppen gleichermaßen die Textilarbeiten, die zum Eigenbedarf oder zum Verkauf nötig waren. Aus der Zeit um 1750 berichtet ein Bauerssohn: „Mein Vater probierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letztere kämbeln [kämmen], Strümpfstricken, u.d.g. Aber keins warf damals viel Lohn ab.“

In Preußen stellten Waisenknaben im 18. Jahrhundert unter der Anleitung von Spinn- und Strickmeistern Garn her und strickten Strümpfe für Auftraggeber. Häftlingen erging es nicht anders. Und auch Soldaten mussten spinnen. Den Langen Kerls des Soldatenkönigs oblag es, für den Garnnachschub in Preußens Manufakturen zu sorgen. Jedes neue Haus in Potsdam musste damals eine Stube enthalten, in der vier Soldaten schlafen konnten und in die noch vier Spinnräder passten. Die Soldaten nutzen das Wachehalten außerdem zum Stricken, wie Carl Spitzweg mehrfach im Bild festgehalten hat.

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Abbildungen von strickenden Schäfern sind zahlreich. 1785 heißt es in einem Reisebericht aus Norddeutschland: „Alles strickt hier, was nur Hände hat, Bauer und Bäuerin, Kinder, Knechte und Mägde.“
1855, strickender Schäfer, via

Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Heimarbeit. Es gab auch hier beim Spinnen und Weben im sogenannten Verlagswesen keine feste geschlechtsspezifische Trennung. Lediglich die Stickerei wurden inzwischen eher von Frauen und Mädchen durchgeführt. Im Erzgebirge klöppelten Frauen, Kinder und auch Männer im Akkord. Zunehmend wurde die Arbeit dann in Manufakturen und Fabriken zentralisiert.

In sogenannten Industrieschulen erlernten sowohl Mädchen als auch Jungen handwerklichen Tätigkeiten wie die Gewinnung von Leinenfasern, Garnspinnen, Zwirnen, Nähen, Wäschezeichnen, Stricken und Klöppeln. Zunehmend erfolgte aber eine Einteilung der Gruppen nach Geschlecht. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurden in Erwerbsschulen nur noch die Mädchen in Handarbeiten unterrichtet. Sie lernten die sogenannten groben Arbeiten (Spinnen, Stricken, Nähen, Stopfen) und, wenn sie geschickt waren, die feineren „Putz- und Prunkarbeiten“.

Der weitaus größte Teil der Frauen und Männer damals arbeitete als Dienstpersonal, in Fabriken und in der Landwirtschaft. Die Textilfabriken brauchten für Spinnmaschinen und Webstühlen alle, Männer, Frauen und Kinder geschlechtsübergreifend. Beim Dienstpersonal gehörte es für den Kammerdiener zur Aufgabe, Flickarbeiten zu erledigen. Auch im selbständigen Nähbereich waren sowohl Männer als auch Frauen tätig. Die Männer nannten sich Schneider, die Frauen Putzmacherinnen und Weißnäherinnen.

Anker, 1894, via

Wie kommt es dann überhaupt dazu, dass wir heute textile Arbeiten mit (Haus)fraulichkeit verbinden?

Das hängt mit dem Klischeebild zusammen, das die bürgerlichen Wertvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert fest in unseren Köpfen verankert haben. Krachbumm hat unter  „Die Erfindung der Hausfrau“ und „Die Erfindung der Mutter“ ja schon beschrieben, wie sich in dieser Zeit unser heutige Frauenbild gebildet hat. Das Image der Handarbeiten läuft mit dieser Entwicklung parallel.
In Adelskreisen und Klöstern war es schon seit dem Mittelalter für Frauen üblich, sich mit kunstvollen Nadelarbeiten zu beschäftigen. Pflicht war das aber nicht. Liselotte von der Pfalz notierte 1719 am Hofe Ludwig des XIV., sie schreibe lieber und finde „nichts langweiligers in der Welt, als eine Nähnadel einzustecken und wieder herauszuziehen“. Feine Nadelarbeiten galten jedenfalls als vornehme Tätigkeit und aus den Klöstern heraus gab es auch Initiativen, Mädchen in Handarbeiten zu unterrichten. Mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken des Bürgertums strebte die bürgerliche Schicht danach, sich dem Lebenstil der Aristokratie anzunähern. Gleichzeitig machte es die Industrialisierung möglich, Textilien günstig und in großer Menge zu produzieren. Kleidung und andere Textilien konnten nun eingekauft werden. Die Eigenversorgung mit Stoffen und Kleidung war nicht mehr lebensnotwendig. Erst im Zuge dieses industriellen Fortschritts, der verbreiteten Lohnarbeit und der Neuverteilung der Rollen zwischen Mann (aushäusig, berufstätig) und Frau (häuslich, Mutter) wurden Handarbeiten wie Sticken und Stricken zu typisch weiblichen Beschäftigungen und der Handarbeitsunterricht zu einem Schulfach nur für Mädchen.

Liebermann, 1876, via

Die Frau, die zu Hause bleibt, sich um Kinder und Haushalt kümmert, tugenhaft ist und repräsentiert, wird zum Idealbild des Bürgertums. Portraits aus der Zeit zeigen die weiblichen Familienmitglieder oft mit einer Nadelarbeit auf dem Schoß, Ausdruck von Häuslichkeit, Fleiß und Anstand. Kenntnisse in Handarbeiten gehörte als Statussymbol zur standesgemäßen Ausbildung einer höheren Tochter. Dieses Bild der zum Zeitvertreib vor sich hin häkelnden Bürgersfrau hat sich bis heute als Klischee in unseren Köpfen verankert, obwohl das Alltagsleben bürgerlicher Frauen diesem Bild gar nicht entsprach.

Nur eine kleine wohlhabende Schicht Frauen mit ausreichend Dienstpersonal konnte es sich leisten, Nadelarbeiten als „demonstrativen Müßiggang“ zu sehen. Unsere Vorstellung von der sittsam stickenden Hausfrau ist ein Zerrbild, das in der Realität oft nur mühsam aufrecht erhalten werden konnte. „Zwischen Repräsentationszwang und der Tugend der Sparsamkeit“ heißt ein Kapitel in einer Untersuchung, die einen genauen Blick auf die handarbeitenden Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wirft. Allein schon aus finanziellen Gründen mussten die Frauen sich an dem Aufwand der Hauswirtschaft beteiligen, nach außen hin wurde das aber verschleiert. Besuche in Bürgerhaushalten kündigte man vorher an, damit die Hausfrau nicht bei der Hausarbeit überrascht wurde. Gleichzeitig bedeuteten die Handarbeitskenntnisse aber auch ein Befreiung: Mit Nadelarbeiten Geld zu verdienen war eine der wenigen für Frauen des Bürgertums schicklichen Erwerbsquellen. Handarbeiten konnten auch im öffentlichen Raum Anerkennung bringen, wenn Frauen sich beispielsweise sozial in der Mädchenbildung engagierten oder für den Wohltätigkeitsbereich strickten und nähten, wie zu Kriegszeiten an der Heimatfront.

Wie „Die Erfindung der Hausfrau“ schon beschrieben, setzte sich die sogenannte Hausfrauenehe erst nach den Kriegen in allen Schichten der westlichen Bevölkerung durch und begann Ende der 1960er auch schon wieder zu bröckeln. Mit dem Handarbeitsunterricht ging es entsprechend in den 1970er Jahren zu Ende. So ideologisch belastet schien dieses textile Fach, dass es bis heute nicht rehabilitiert ist. Dabei spricht nichts dagegen, dass es wieder ganz normal wird, wenn Männer und Frauen nähen, stricken und sticken. Es ist schließlich nützlich und macht viel Spaß, diese Techniken zu beherrschen und textile Dinge selbst herstellen oder reparieren zu können.

Wer mehr dazu lesen möchte kann hier im Blog die Kategorie  „Handarbeit, Männer, Frauen“ durchsehen, zum Beispiel

Strickliesel und Häkeltrusche – wo kommt das miese Image her?

Dort findet ihr auch noch viel mehr Bilder von Männern mit Stoff, Nadel und Faden hier und hier sowie Nähenden Soldaten

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Männer und Frauen an der Nadel

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Warum gelten Handarbeiten als weiblich? Dieser Frage gehe ich hier ja nun schon eine ganze Weile nach.  Katja beschäftigt sich bei  Krachbumm auch mit weiblichen Klischeebildern. Sie hat mich gefragt, ob ich für ihre Serie „Alltagsmythen neu im Blick“ einen Gastbeitrag schreiben könne.  Heute findet ihr also bei ihr meinen Zwischenstand „Über die Erfindung der Handarbeit als weiblich„. Lest gern dort weiter!

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Seidensticker, Mann und Frau

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Teppichmacher, Mann und Frau

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Kleidermacher, Mann und Frau

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Tuchmacher, Mann und Frau

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Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238223.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten – CH-BAR – 3238223“ von Schweizerisches Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten - CH-BAR - 3238219.tif1914-18
Schneiderwerkstätten der Endetappe Olten“ Schweizerisches Bundesarchiv, Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern - CH-BAR - 3238724.tif
1914-18 „Die Armeeschneiderwerkstätte in Bern“ von Schweizerisches Bundesarchiv,  Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 ch über Wikim.

Ich gebe zu, beim letzten Bild sind die Männer bloß die Aufseher, aber das sind tolle Fotos aus der Schweiz, oder.

Soweit diese kleine Illustration zum Thema Handarbeit, Männer, Frauen. Weiter geht es bei Krachbumm.

„Wir nähten von morgens bis zur Nacht“ – Broterwerb mit Nadel und Faden

krokerKrøyer, 1881, (Ausschnitt) via

Warum gelten Nadelarbeiten als weiblich und banal? Dieser Frage gehe ich in einer Reihe von Beiträgen nach.

Heute geht es noch einmal darum, das Idealbild der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert zu hinterfragen. Die Vorstellung von der sittsamen Ehefrau und Tochter, die sich die Zeit mit dekorativen Handarbeiten vertreibt, hat das Image der Nadelarbeiten nachhaltig verdorben. Dabei ist dieses Bild ein Mythos, denn damals konnte sich nur ein kleiner Kreis  der oberen Gesellschaftsschicht  solchen demonstrativen Müßiggang leisten. Die große Mehrheit der Frauen musste im eigenen Haushalt, als Heimarbeiterin oder außerhalb des Hauses in Geschäften, Fabriken und als Dienstpersonal arbeiten.

Auf der Suche nach der nähenden Wirklichkeit der Frauen im 19. Jahrhundert bin ich auf die Memoiren der Wanda von Sacher-Masoch gestoßen. Die 1845 geborene Schriftstellerin und Ehefrau des Leopold Sacher-Masoch (Namensgeber für den Masochismus) berichtet aus ihrer Jugendzeit. Als verarmte Frauen der besseren Gesellschaft sind für sie und ihre Mutter Nähen und Stricken der einzige Ausweg aus Armut und  Hunger.

Folgend einige Auszüge ab ca. 1860.

Im fünfzehnten Jahre besuchte ich eine Nähschule, die von den Töchtern nur der besten Familien der Stadt frequentiert wurde.

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Einige Monate später mußte ich die Nähschule verlassen. Meine Eltern waren ganz verarmt und hatten nicht mehr die Mittel, für meine Erziehung Geld auszugeben, ja, ich mußte daran denken, selber Geld zu verdienen.

Der Vater verlässt die Familie. Mutter und Tochter sind mittellos.

Ich versuchte, mit Sticken etwas Geld zu gewinnen, aber es war kaum der Rede wert. Daß ich meiner armen Mutter nicht ausgiebiger helfen konnte, drückte mich ganz nieder.

Wir mieteten uns ein kleines Zimmer in dem billigsten, d.h. ärmsten Stadtteil, da, wo Armut mit Laster und Verbrechen Tür an Tür wohnt. Wir verkauften und verpfändeten unsere Wäsche und Kleider bis aufs äußerste – und litten Hunger. Meine Mutter empfand unsere Lage nicht wie ein Unglück, sondern wie eine Schande. Anstatt bei unsern zahlreichen Freunden und Bekannten Rat und Hilfe zu suchen, floh sie sie und verbarg sich vor ihnen. Damit war unser Schicksal besiegelt.

Sie nähen Sodatenwäsche.

Wir waren dem Verhungern ziemlich nahe, als meine Mutter auf den Gedanken kam, Soldatenwäsche zu nähen. Da sich jeder diese Arbeit leicht verschaffen kann, saßen wir bald dabei und nähten von morgens bis zur Nacht und waren glücklich, wenn wir zusammen zwei Gulden und achtzig Kreuzer in der Woche verdient hatten.

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Die Stube war trüb und feucht; an meiner Bettwand wuchsen Schwämme, und die wenigen Möbel, die wir noch hatten, fielen in Stücke. Ich hatte keine Kleider mehr und ging nie mehr aus; alles, was draußen zu besorgen war, tat meine Mutter.

Einige Jahre gingen in dieser Weise hin. Dann trat unerwartet eine Veränderung ein.

Die Mutter hilft einer erkrankten Nachbarin.

Aus Erkenntlichkeit für die erhaltene Pflege, erbot sich die Frau, mich das Handschuhnähen zu lehren, mit dem sie sich ihren Unterhalt verdiente und das besser bezahlt wurde als Soldatenwäsche. Auch verpflichtete sie sich, mich in das Geschäft einzuführen, für das sie arbeitete und in dem auch ich gewiß das ganze Jahr Beschäftigung finden würde.
Ich nahm das Anerbieten um so lieber an, als das Handschuhnähen eine delikate feine Arbeit ist, die mir mehr zusagte, als das Nähen von grober Leinwand.
Ich verdiente damit sechzig Kreuzer täglich, und da meine Mutter weiter Soldatenwäsche nähte, waren wir beinahe reich.

Handschuhe bei Tageslicht, abends Strickarbeit.

Da man bei Licht nicht Handschuhe nähen kann, und um die Abendstunden nicht unbeschäftigt zu sein, bewarb ich mich bei den vielen Parteien im Hause um Strickarbeit, die ich, da mir die Hausmeisterin zur Seite stand, auch bald und reichlich erhielt. In diesem Hause, in dem alle Bewohner sehr freundlich zu mir waren, bekam ich auch Zeitungen und Bücher geliehen, und da ich zum Stricken nur meine Hände, die Augen aber fast gar nicht brauchte, hatte ich, wenn ich strickend und lesend bei der Lampe saß, genußreiche Stunden.

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Keine Kleidung, um auf die Straße zu gehen.

Das Handschuhnähen hatte das Unangenehme für mich daß es mich zwang, einmal in der Woche auszugehen: ich mußte die fertige Arbeit abliefern und andere nehmen.
Das war nicht nur mit Kosten verbunden, denn ich mußte wieder die notwendigsten Kleider haben, sondern es wurde mir auch dadurch peinlich, daß ich ganz entwöhnt war, unter Menschen zu gehen und immer in Angst und Aufregung geriet, wenn ich durch belebte Straßen mußte.

Die Militärverwaltung braucht keine Wäsche mehr.

Wir hatten etwa ein Jahr da gewohnt, als ein frühzeitiger und sehr strenger Winter begann. Ich hatte nichts Warmes anzuziehen, auch fehlte es mir an Schuhen. In meiner Not nahm ich ein Paar weiße Atlasschuhe, die ich noch aus frühern Zeiten hatte, schwärzte sie mit Tinte und zog sie an, so oft ich ausgehen mußte. Es war mir, als ginge ich mit nackten Füßen auf dem Pflaster. Bald hatte ich mich stark erkältet und ein schmerzhaftes Magenleiden stellte sich ein. Da ich mich nicht pflegen konnte und weiter arbeiten und ausgehen mußte, wurde es immer schlimmer. Ich konnte mich um so weniger schonen, da die Militärverwaltung die Wäscheausgabe eingestellt hatte und meine Mutter schon seit Wochen ohne Arbeit war.

Es brachen furchtbare Zeiten für uns an.

Darüber kam das Weihnachtsfest. Am heiligen Abend war es das erstemal, daß meine Mutter sich beklagte: der Gedanke, die Feiertage ohne Nahrung zu verbringen, entlockte ihr Tränen. Ich konnte das nicht ertragen, und, all meine Kräfte und all meinen Mut zusammennehmend, stand ich auf und setzte mich an die Maschine, um wenigstens ein Paar Handschuhe zu nähen, damit sie nur Brot habe.

Aus:

Meine Lebensbeichte. Memoiren von Wanda von Sacher-Masoch 1845 – 1906

via

Später geht es wieder bergauf: Die Erzählerin lernt Leopold von Sacher-Masoch kennen, heiratet ihn 1873 und übernimmt in ihrer Ehe und in ihrer Literatur die Rolle der  Protagonistin von „Venus im Pelz„.  Wer weiß, ob sie die Schilderungen in ihren Memoiren vielleicht übertrieben hat – jedenfalls decken sie sich mit anderen Berichten zur Heimarbeit in der damaligen Zeit.

1900 sind in der deutschen Bekleidungsindustrie mehr als 200.000 Heimarbeiterinnen tätig.

Heimarbeiterin bearbeitet Handschuhe, New York 1908, via Library of Congress

Rosa Atlas, Daunen, Seidenhemden: Wagner und seine Putzmacherin

Wagner_Spitzer_Karikatur1via, Farbe nachtr.

Diese Karikatur zeigt Richard Wagner mit Samtbarett im Morgenrock. Er steht auf einem Ballen Stoff und misst die Ellen ab. Warum macht er das?

Wagners Feinde hatten entdeckt,  dass er einer „Anomalie“ frönte: Er war ganz ungeheuer putzsüchtig. Er konnte nicht genug bekommen von himmelblauen Seidensteppdecken, Rosengirlanden und berüschten Morgenröcken. Seit etwa 1860 hatte er über viele Jahre bei seiner Putzmacherin in Wien Unmengen Stoffe, Bänder, Kunstblumen bestellt und Kleidung, Decken, Kissen, Gardinen  in Auftrag gegeben.

Sein Pech war, dass seine Bestellbriefe später in die falschen Hände gerieten. Ob sie der Putzmacherin gestohlen worden waren, oder ob sie gar aus ihrem Umfeld an die Presse verkauft wurden, blieb ungeklärt. Jedenfalls veröffentlichte ein spottlustiger Journalist (in der Karikatur oben der Herr mit der spitzen Feder) die Korrespondenz 1877 mit reichlich Häme versehen unter dem Titel „Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin„.

wagnerBrief Wagners an Bertha Goldwag mit Stoffprobe, 1865, screenshot LoC

Aus einem Brief Wagners an Bertha Goldwag, 1864

….

1. Können Sie bei Szontag einen schönen schweren Atlas von der beiliegenden hellbraunen Farbe bekommen?
2. Ebenso von dem dunkeln Rosa?
3. Ist das beiliegende helle Rosa in guter Qualität von 4 bis 5 fl. zu haben?
4. Desgleichen das blau, nur lieber noch heller, ja nicht dunkler
5. Hat Szontag noch genügenden Vorrath von dem neurothen, oder carmoisinfarbenen schweren Atlas, von welchem Sie mir den weißen Schlafrock (mit geblümtem Muster) fütterten?
6. Haben Sie noch von dem dunklen Gelb, von welchem wir die Gardinen an die kleinen Tischchen machten?

… Die Schnitte zu meinen Hauskleidern haben Sie hoffentlich noch?

Ihrer Zuschrift entgegensehend verbleibe ich achtungsvoll Ihr ergebener
Richard Wagner.

Nachschrift: Verwechseln Sie Nr. 2, das dunkle Rosa, nicht mit dem früheren Violett-Rosa, welches ich nicht meine, sondern wirkliches Rosa, aber nur sehr dunkel und feurig.

 

Wagner weiß ziemlich gut Bescheid über Materialien und nähtechnisches Vorgehen. Eine wattierte Bettdecke bestellt er sich “ sehr weich — kein enges Muster, damit sie nicht steif wird“.  Jede Quilterin versteht das sofort. Für einen neuen Hausrock gibt er 1867 genaueste Anweisungen, da wird es dann schon schwieriger:

Rosa-Atlas. Mit Eiderdaunen gefüttert und in Carrés abgenäht, wie die graue und rothe Decke, welche ich von Ihnen habe; gerade diese Stärke, leicht, nicht schwer; versteht sich Ober- und Unterstoff zusammen abgenäht. Mit leichtem weißen Atlas gefüttert. Die untere Rockweite auf sechs Bahnen Breite, also sehr weit. Dazu extra angesetzt, nicht auf das Gesteppte aufgenäht! — eine geschoppte Rüsche vom gleichen Stoff, ringsum; von der Taille an soll die Rüsche nach unten zu in einen immer breiter werdenden geschoppten Einsatz (oder Besatz) ausgehen, welcher das Vordertheil abschließt.

Sehen Sie genau hiefür die Zeichnung an: unten soll dieser Aufsatz oder Schopp, welcher besonders reich und schön gearbeitet sein muß, auf beiden Seiten sich bis zu einer halben Elle Breite ausdehnen und dann eben aufsteigend bis zur Taille sich in die gewöhnliche Breite der rings einfassenden geschoppten Rüsche verlieren. Zur Seite des Schoppes drei bis vier schöne Maschen vom Stoff. Die Aermel, wie Sie mir dieselben zuletzt in Genf gemacht haben, mit geschoppter Einfassung — reich; vorne eine Masche und eine breitere, reiche, inwendig unten am herabhängenden Theil. Dazu eine breite Schärpe von fünf Ellen Länge, an den Enden die volle Breite des Stoffes, nur in der Mitte etwas schmäler. Die Achseln schmäler, damit die Aermel nicht herabziehen: Sie wissen. Also unten sechs Bahnen Weite (gesteppt) und zu jeder Seite noch eine halbe Elle weiter Schopp vorne. Somit unten sechs Bahnen und eine Elle breit.

„Sie wissen“ – ich hätte ja nichts gewusst, aber ich bin ja auch keine Putzmacherin im 19.Jahrhundert.  Aus all den Briefen wird klar: Eine Putzmacherin damals war nicht nur eine Hutmacherin (wie der Begriff heute verstanden wird). Sie nähte jede Art von „informellen“ Kleidungsstücken. Wagner bestellt bei Bertha seidene Hemden, hochschließende Jacken, wattierte wärmende Beinkleider, Samtbarette, Schlafröcke, Schnupftücher, ja sogar Stiefel. Atlasstiefel in allen erdenklichen Farbnuancen fertigte die Putzmacherin in Zusammenarbeit mit einem Schuster. Die Hausschuhe waren mit Unmengen von Pelz und Watte gefüttert, wie Bertha später berichtete, Wagner fröstelte eben leicht in seinem Kabinett.

Wagner, Luzern 1868. War der Look das Werk Berthas, inklusive der Stiefel?

 

Inneneinrichtungen gehörten aber wohl nicht mehr zum Berufsfeld der Putzmacherin. Lange nach Veröffentlichung der Briefe macht ein anderer Journalist die Putzmacherin Bertha ausfindig und befragt sie zu den Briefen. Sie beschreibt ihm, wie sie für Wagner Kleidungsstücke, Kissen und Decken nähte. Dann fügt sie hinzu „Er gab mir Aufträge, die tatsächlich mit meinem Berufe nichts zu tun haben“, als sie ihm nämlich eine ganze Wohnung einrichten musste. Auf der Leiter stehen und an seidenbespannten Wänden Girlanden anbringen, das ging über die Zuständigkeit einer Putzmacherin offenbar hinaus.

Natürlich war das alles sehr teuer, und Wagner zahlt oft nur kleckerweise. 500 Gulden, Außenstände von 3000 Gulden, weil es ihm „gerade nicht möglich ist, mehr aufzutreiben“. Am Ende aber, so berichtet Bertha später, habe er alle seine Schulden beglichen.

In „Geschlecht und Gesellschaft“ von 1907 wird Wagners Putzsucht als Indiz für Bisexualtität genommen. Solche detaillierten textilen Kenntnisse könnten eigentlich nur von „Frauen, die weiblich empfinden“, vorausgesetzt werden. Wagner habe hier die feminine Seite seiner sexuellen Doppelnatur ausgelebt.

Mir ist ziemlich egal, ob die Briefe kurios oder sogar skandalös sind und wie Wagner sexuell orientiert war.  Ich freue mich, dass Dank der Berühmtheit Wagners noch heute seine Aufträge sowie der Bericht der Putzmacherin existieren und in Büchern abgedruckt, sogar online einsehbar sind. Wie sonst bekäme man so einfach einen Eindruck von Nähbestellungen im vorletzten Jahrhundert, von der Beschaffenheit der Kleidung und von der Arbeitsweise einer Putzmacherin. Also, Wagner und seinen Feinden sei Dank ist ein Stück weibliche Berufsgeschichte nachweisbar geblieben.

Eine Berufsgeschichte, die bei Wikipedia bisher nicht auftaucht. Ich will gern einen Eintrag „Putzmacherin“ verfassen (und nur deshalb bin ich überhaupt auf dieses Wagnerskandälchen gestoßen), aber Wikipedia ist schwerer zu bedienen als gedacht. Es dauert also noch etwas – oder vielleicht ist jemand von euch versierter und übernimmt den Eintrag? Würde mich freuen.

 

 

Strickliesel und Häkeltrutsche – wo kommt das miese Image her?

Bieder. Reiner Omi-Zeitvertreib. Hausfrauen-Sticheln. Altmodisch. Hausmütterchen-Kleinklein. Selbstverliebter Pipikram. Häkel-Trutsche. Wohnungsdekorateuse. Blondschleiche. Strickliesel. Oma-Beschäftigung. Tantenhaft. Wollmäuse.
Unattraktives Thema, nicht salonfähig, bedient abwertende Mädchen-Klischees, trivial, spießig, eingestaubtes Image…

Das sind Worte über Stricken, Häkeln, Nähen, Sticken, gesammelt in den Medien, in letzter Zeit. Eine kleine, völlig unvollständige Sammlung.

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„Selbstverliebter Pipikram???? Komm ruhig näher.“                                       via

Da nützt auch das Umbenennen in Radical-Craftism, Yarn Bombing, DIY, Stitchn’Bitch, Upcycling, SewAlong, Knitparty und die Solidarisierung in Internetcommunities nichts. In den Köpfen der meisten Menschen gilt Handarbeiten weiterhin als uncool.  Auch denjenigen, die unter englischen Begriffen DIYen, wird dann über den Umweg „Rückzug ins Private“ wieder vorgeworfen, politisch unbedarft zu sein.

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Schlagzeilen wie die folgenden bestätigen das Klischee eigentlich nur:

Von wegen, das ist nur etwas für Omis: Handarbeiten sind wieder voll im Trend. (Handelsblatt)

Neuer Trend – Deutschland strickt wieder – Handarbeit ist in Mode (FAZ)

Fleißiges Lieschen legt Hausmütterchen-Image ab  (WN)

Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?

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Nun haben inzwischen auch immer mehr Männer Spaß am Stricken, Häkeln oder Nähen. In einem Interview wünschen sie sich auch mehr Austausch und Handarbeitsbücher für Männer. Den Männerüberschuss beim englischen Nähwettbewerb hatte ich ja schon erwähnt. Im Zuge dieser Phänomene kam die Frage auf: Wird Handarbeiten jetzt salonfähig, weil Männer das machen? Lotti und Crafteln haben dazu schon etwas geschrieben. Im englischsprachigen Raum gibt es die Diskussion ebenfalls, im Quiltbereich wie z.B. hier  auch in der Variante „Wenn Männer quilten, ist das dann automatisch Kunst?“.

„Männerstricken“, Zeit Online

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Historisch ist es ziemlich klar, dass textile Arbeiten von Männer und Frauen über Jahrtausende zusammen erledigt wurden. Kleidung, Tücher, Decken, Netze, Seile waren Daseinsgrundbedürfnis und wurden in Eigenproduktion hergestellt, vom Anbau der Faser bis zum vernähten Stoff. Später wurden dann zusätzlich textile Produkte für die wohlhabenden Schichten hergestellt – auch wieder von beiden Geschlechtern. Die Wende kam  erst mit der Stärkung des Bürgertums, der Industrialisierung  und der „Versorgerehe“. Wobei sich dieses Modell nur sehr langsam durchsetzte und die Frauen dabei auch jede Menge schufteten. Je nach Größe des Haushalts und Wohlstand konnten sie bestimmte textile Tätigkeiten delegieren – dann in der Regel an Frauen. Wäscherinnen, Weißnäherinnen, Putzmacherinnen – es gab eine große Zahl erwerbstätiger Frauen mit textilen Berufen.  In den Manufakturen und Textilfabriken arbeiteten weiterhin sowohl Männer als Frauen. Die Mehrheit der Frauen war immer erwerbstätig, schlicht, weil nicht genug Geld für das Haushaltseinkommen vorhanden war. (Zu dem Bereich mehr auch bei Die Erfindung der Hausfrau : Wirklich durchgesetzt in allen Schichten der westlichen Bevölkerung hat sich das Alleinverdienermodell mit der Hausfrau und den Kindern nur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern und 1960ern.„).

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Wo kommt also unsere Vorstellung von den spießigen Handarbeiten her? So ganz klar ist mir das nicht. Sicher hat es etwas mit dem Idealbild von der züchtigen Hausfrau zu tun, nur sah die Realität eben meist anders aus. Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte? Komisch nur, dass es in den 70ern dann wieder ein Handarbeitshoch gab. Nicht unbedingt geholfen hat auch die „links-feministische Version der Trivialisierung der mütterlichen Ordnung“ im Sinne von  „Eigentlich verstehe ich als emanzipierte, sprich: herdflüchtige Frau ja gar nichts von diesem ganzen Weiberkram“  (Zitat aus diesem politischen Austausch  zum Thema Hauswirtschaftsunterricht. Da sind viele Aspekte zu dem Thema angesprochen).

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Interessant ist auch, dass meiner Erfahrung nach in Frankreich, NL, Großbritannien, USA u.a. Handarbeiten nicht so sehr belächelt werden wie bei uns und die textilen Traditionen viel mehr gepflegt werden. Warum? Und dann fehlen noch die Aspekte der DDR-Lebenserfahrung: Handarbeiten/Selbermachen spielte doch beim Selbstversorgen eine große Rolle, galt doch sicher nicht als „trivial“?

Viele Fragen an einem sonnigen Samstagnachmittag, aber vielleicht hat ja jemand Ideen dazu, jetzt oder in Zukunft. Ich werde weiter in dem Gebiet herumforschen und hier hoffentlich immer wieder Mosaiksteinchen präsentieren können.

 

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Nachtrag 2.3.2015

Richtig viel tolle Gedanken zu dem Thema bei Kittykoma. Ein paar Zitate:

Bzgl. Ostdeutschland

…hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte.

bzgl. verlorenem Wissen (bloß wieso ist dann das Wissen im englischsprachigen Internet da? Weil Internet dort früher anfing?)

…Die aktuelle DIY-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.

und aus den Kommentaren bei Kitty Koma

Vielleicht darf ich Ihre Liste noch um einen Punkt ergänzen: Das westdeutsche Handarbeitsrevival der 70er/80er-Jahre hat verbrannte Erde hinterlassen. Es gibt ja nicht von ungefähr das Klischee der strickenden Latzhosenträgerin im Hörsaal. Handarbeit hatte immer auch einen demonstrativ antiintellektuellen Charakter und ist – zumindest in meiner Generation – mit einem gefühligen Differenzfeminismus assoziiert.

 

Crafteln hat inzwischen noch über die Frage nachgedacht, ob Nähen noch mehr Trend wird, und was dann passiert?

Außerdem dieser schöne Hinweis auf Twitter

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