Klöppeln im Billiglohnland

 

Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters lernt 1840 im Erzgebirge Heimarbeiterinnen kennen. Sie schreibt daraufhin das Gedicht „Die Klöpplerinnen“.

Klöpplerinnen

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Die Wangen bleich und die Augen rot!
Sie mühen sich ab für einen Bissen,
Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,
Sie wartet, bis sie der Tod befreit –
Im stillen Gebet sie die Hände windet:
Gott schütz‘ uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände,
Die Klöppel fliegen hinab, hinauf,
Der Müh‘ und Sorge kein Ende, keine Ende!
Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die Jungfrauen all, daß Gott sich erbarme,
Sie ahnen nimmer der Jugend Lust –
Das Elend schließt sie in seine Arme,
Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,
Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:
Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen
Euch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,
Genießt das Leben in Saus und Braus,
Indessen sie vor Hunger sterben,
Gott dankend, daß die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und redet noch schön von Gottvertraun?
Ihr habt es aus ihrer Seele gerissen,
Weil sie Euch selber gottlos schaun!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit,
Dann werde Euer Sterbekissen
Der Armut Fluch und all ihr Leid!

via Wortblume


Das Gedicht wird 1840 im Erzgebirge in einer Lokalzeitung veröffentlicht und löst wegen seines sozialkritischen Inhalts große Empörung aus.

Dazu passt dieser Holzstich, der  klöppelnde Kinder im Erzgebirge Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt.

Leider darf ich die Abbildung aus dem Bildarchiv preußischer Kulturbesitz aufgrund der Nutzungsbedingungen nicht ohne vorherige Anfrage zeigen.  Die Library of Congress in den USA bietet dagegen zum Glück gemeinfreie Bilderdatenbanken. Dort habe ich viele Fotos zur Heimarbeit Anfang des letzten Jahrhunderts gefunden.  Geklöppelt zu Niedrigstlohn wurde  auch dort.

04111v

Mutter und 13jährige Tochter klöppeln in Heimarbeit in New York, 1911 Quelle

15 Gedanken zu “Klöppeln im Billiglohnland

  1. Handarbeit ist ja in unseren Kreisen nur positiv besetzt, gut dass du das mal die Wurzeln etwas kritischer zeigst.
    Bei Kinderarbeit jeder Richtung fehlen mir schlichtweg die Worte.
    Irgendwann um 1850 wurde Kinderarbeit ja offiziell verboten, aber was in Heimarbeit geschehen ist hat dann doch niemand mehr kontrollieren wollen.
    Und können.

    Im Englischunterricht haben wir mal einen Artikel über Untertagebergbau im England des18 Jahrhundert gelesen, das war eine der schrecklichsten Schulstunden meines Lebens.
    Und Dickens? Kann ich nicht lesen, ehrlich.

    Dass Kinderarbeit noch lange nicht Geschichte ist wissen wir ja.
    Und wir sind doch relativ machtlos.

    • Tja, Heimarbeit war dann quasi die Folge des Verbots – weil es kaum kontrolliert werden konnte. Und inzwischen habe ich auch traurige Bilder von Kindern in der Industrie in Webereien und Spinnereien um 1900 gefunden. Sowas hatten wir aber nie in der Schule, hm.

  2. sehr interessant, und ein sehr gutes gedicht !
    auch bei uns auf dem dorf ist es immer noch üblich das auch kleinere kinder in der hopfenernte die sich über einen zeitraum von 6 wochen zieht mithelfen.und zwar richtig..nicht nur ein stündchen mal am mittag…gerne auch vor der schule…das ist zwar weit entfernt von kinderarbeit im 19.jahrhundert, aber auch eine glimpflichere variante.

    kein vergleich zu den großen industrien die wegen der globalisierung verschlungene wege der kinderarbeit immer noch beschreiteten, und jeder es eigentlich auch weiß, und trotzdem kauft…
    interessante themen greifst du immer wieder auf, die einen zum nachdenken bringen !

    liebe grüße
    stella

    • Finde ich interessant, mit der Feldarbeit. Kenne ich von meinem Mann auch aus Erzählungen, z.B. Weinernte. Bei all diesen Sachen ist ja auch die Frage, wo ist die Grenze?

  3. Oh ja, wir/ich wohne/n ja nah am Klöppelursprung.
    Danke für deinen Beitrag.

    Die jüngste meiner Töchter ist zwar schon erwachsen, aber als Kind hat sie noch in der Schule bei ihrer Direktorin das Klöppeln gerlernt – und ich, die Mama, versuchte sich auch … :-) (mit sehr mäßigem Erfolg!).

    Sozialpolitisch gesehen hatte es damals wirklich sein großes Weh und Ach.
    <3liche Grüße von Gisa.

    • Hallo und vielen Dank! Gibt doch beim Kommentarformular bei mir einfach deine Blogadresse als Url/Website an, dann müsste alles o.k. sein.

  4. Ich habe noch bei einem alten Erzgebirgler und seiner Tochter klöppeln gelernt, die sich freuten, mir ihr Wissen vermitteln zu können (also, Bruchteile davon…), aber auch erzählten, dass das zur üblichen Kinder-Winterarbeit gehörte. Das müssen die 1920-40er Jahre gewesen sein. Alles gar nicht so weit weg.
    LG, Bele

  5. Schön, was du wieder ausgegraben hast.ich denke, dass wir insgesamt noch gar nicht so lange davon weg sind. Wenn man „Herbstmilch“ liest, wird das auch ganz deutlich, aber heute wird auch länger zur Schule gegangen.Meine Oma war mit 14 schon in Stellung, wie das in Preussen hieß. Wer kein Geld für höhere Schulbildung hatte, mußte ran.
    Vor Jahren gab es in Pillnitz eine Ausstellung mit Tüchern und Bändern in so etwas wie Nadelspitze (eine art Mischtechnik) , die waren so fein, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wer das gemacht hat. Sehr junge Mädchen stand da!!! ich hätte eine lupe gebraucht.Sie waren für den italienischen Markt bestimmt.was sich in den geschlossenen Räumen einer familie abspielt, steht nie im öffentlichen Mittelpunkt .
    Kinderarbeit in England im 19.Jh.in den Fabriken konnte man anprangern, sie war sichtbar! Heimarbeit ist es nicht.

    Wollte mir das Schicken sparen der Formen, aber war zu optimistisch.
    kennst du den backblog der Französin, der verlinkt war?

    LG kaze

  6. Esther Copley, eine englische Schriftstellerin des 19. Jh., die u.a. Bücher zur sparsamen Haushaltsführung und zum Stricken geschrieben hat, schrieb in ihrem Buch über die Haushaltsführung (sinngemäß) „wenn Du mit Handarbeiten etwas dazuverdienen willst, dann stricke Strümpfe etc., denn für’s Klöppeln gibt es nur einen Hungerlohn“
    Hier ein Artikel zu Esther Copley:
    https://penguinunearthed.wordpress.com/2009/01/25/487/

    Dort gibt es auch den Link zu dem Buch, in dem ich das gefunden habe (sorry für das lange Ding):
    https://books.google.com.au/books?id=InAEAAAAYAAJ&dq=%22cottage+comforts%22+%22esther+copley%22&printsec=frontcover&source=bl&ots=KJRwEKfnZJ&sig=cyPIVq1ej0TW1wex00jyQ1fzOzE&hl=en&sa=X&oi=book_result&ct=result#v=onepage&q=%22cottage%20comforts%22%20%22esther%20copley%22&f=false

    Wenn man sich den das erste Kapitel über die Moral spart, ist das ein unheimlich interessanter Einblick in die Lebensbedingungen (relativ) armer Leute im ländlichen England des 19. Jh.

    • Ah, ich hab die Stelle wiedergefunden:
      Kapitel 6, Nr. 85 (das ist auf Seite 41):
      Lace-making I call a dead penny indeed; the poor women who live by it look like walking spectres. I have been assured by a family who were all brought up to lace-making, that the whole of their diet consisted of potatoes and tea – that they never rose from their pillow even to take a meal – but that the first thing in the morning, their mother put on the tea-kettle and the ‚tatoe pot and brought them some whenever they were ‚a hungered‘, filling up the teapot as often as it became empty; throughout the day; and that by this close and ruinous application they earned barely enough for this wretched supply of food and just a Sunday’s gown once in two years or so.
      The appearance and wardrobe of that family and lace-makers in general confirms the statement.

      I do not, of course, recommend lace-making to eke out the income of the cottager’s wife.“
      Dann geht es weiter unter Punkt 86: „of knitting I think very differently.“
      Viel Spaß beim Lesen :-)

      • Toll, vielen Dank. Das Thema will ich auf jeden Fall noch weiterverfolgen und merke mir den Lesehinweis. Auf Englisch ist alles so vergleichsweise gut dokumentiert, ich wünschte, es gäbe auch mehr Forschung für den deutschsprachigen Raum. Falls du da etwas weißt, bin ich sehr interessiert. (Berichte von Zeitgenossen u.a.)
        Danke auch für deinen Kommentar beim Handarbeitsimage, das Thema ist immer wieder aktuell – zum Glück fand Frau Copley wenigstens Strümpfestricken sinnvoll.

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