Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II

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Vor einiger Zeit bekam dieser kleine Nischenblog eine Menge Aufmerksamkeit, weil ich über Falschmeldungen geschrieben hatte: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung. Der Artikel wurde viel geteilt, am Ende gab ich dann ZDFinfo auch noch ein Interview zum Thema (mit dem schönen Kostümverleih in Adlershof als Kulisse).

Das ist jetzt ein Jahr her und wenn ich zurückblicke, kann ich es kaum glauben, wie sehr der Umgang mit gefälschten Bildern oder irreführendem Kontext zum Alltag geworden ist. Wo ich damals immer noch versuchte, die Fehler aufzuzeigen, habe ich lange resigniert – ja, ich scheue sogar davor zurück, als Besserwisserin den anderen den „Spaß“ zu verderben.

Hier zum Beispiel juckte es mir eigentlich in den Fingern, dem Tweet von Women’s Art zu widersprechen. Der Teppich von Bayeux wurde von Frauen gestickt?

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Nein, oder jedenfalls nicht nur. Wahrscheinlich ist, dass die beauftragten Stickwerkstätten sowohl Männer als auf Frauen beschäftigten (siehe auch die Erfindung der Handarbeiten als Weiblich und Heißbegehrter Teppich von Bayeux ). Aber spielt dieses kleine Detail für die Fans der Sammlung von Women’s Art eine Rolle? Ist das wichtig? Eigentlich nicht, es geht ja nur um das große Anliegen, vergessene Kunst von Frauen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hinter dem stehe ich ja auch.

Die folgende Bildüberschrift ist kompletter Quark: „1921 zogen sich frühe Suffragetten oft Badeanzüge an und aßen in großen Gruppen Pizza, um Männer zu nerven“

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Diese Frau essen weder Pizza noch sind sie (schon gar keine frühen) Suffragetten oder wollen Männern nerven. Das war im Original einfach nur ein Wettbewerb im Pie-Essen!

Ach, waren die Passanten doch früher viel besser angezogen! denkt man beim Anblick des Regenfotos.

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Ist das hier ein gut gestyltes Paar im Regen? Ja, aber kein Schnappschuss, sondern ein gestelltes Modefoto für Mary Quant im Seventeen Magazine.

Auch das hier ist nicht Coco Chanel 1913, sondern eine Schauspielerin 2008 in einem Film von Karl Lagerfeld:

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Und ist das hier ist auch nicht die echte Marie Curie.

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Nein, das Foto von 2001 zeigt ebenfalls eine Schauspielerin. Sie spielt Marie Curie in einem Theaterstück. Das falsch betitelte Foto ist so beliebt, dass mehrere afrikanische Länder es sich als Vorlage für Briefmarken  genommen haben.

Die gestellten Fotos und Verwechslungen mit Schauspielerinnen sind harmlos im Vergleich zu mit politischem Kalkül manipulierten Fotos.

Besonders T-Shirtaufdrucke lassen sich ganz wunderbar abändern. Dem Sänger der Gruppe Rammstein wurde hier ein Putin auf die Brust gephotoshopt.

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Auf dem Originalfoto dieser Trumpanhängerinnen steht auf dem Shirt der mittleren Frau nicht WHITE  sondern GREAT.

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Keine Seite der Aktivisten ist mit solchen Mitteln zimperlich. Schnell lässt sich mit Photoshop manipulieren, wer die amerikanische Flagge mit Füßen tritt.

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Bei mir ist es so weit, dass ich keinem solcher Fotos, ja keiner Extremmeldung mehr auf Anhieb glaube. Was mir wirklich wichtig ist, dem gehe ich nach und überprüfe es selbst. Die Seite Snopes ist meine regelmäßige Anlaufstelle. Dort werden populäre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt und mein innerer Empörungsmensch wird ständig zurückgepfiffen. So las ich dort gerade, dass das angebliche Leninisten-Zitat von Steve Bannon nur auf einer vagen Erinnerung eines Journalisten beruht und von keiner weiteren Quelle gedeckt ist. Auch die Behauptung, Trump habe im Weißen Haus einen Dresscode für Frauen vorgegeben, ist unbewiesen. Mir ist klar, dass die Gegenseite noch viel schlimmere Propaganda verbreitet. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Eigentlich möchte ich meinen bevorzugten Nachrichtenquellen trauen können, leider machen auch die nun oft überstürzt beim Lauffeuer mit.  Johnny Haeusler schreibt dazu jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an und bestätigt, dass es (wie bei allen von mir gezeigten Falschinformationen) eigentlich um Klicks und Geld geht:

Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Nur darum geht es.

Obwohl ich das weiß,  fällt es mir zur Zeit sehr schwer, mich dem Informationsstrom aus den von mir sehr geschätzten USA zu entziehen. Man glaubt, einer gruselig-spannenden Politserie mit lauter Cliffhangern zu folgen, nur dass alles echt ist. Wie echt? Was stimmt? Schwer zu sagen. „Fakten haben im politischen Streit keine Bedeutung per se. Sie erlangen sie durch moralische Interpretation“ sagt eine Sprachforscherin. Ich muss nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die Ideologie der Ecke, die sich darauf beruft.
Was für ein Jahr! Aus den Aufregern der Hoaxes und Fake-News ist Begleitmusik geworden. Eine Hoax-Sammlung III werde ich wohl nicht für nötig halten.
Dennoch zum Abschluss wieder hilfreiche Links, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

Heimatlose und Fahrendes Volk vor 150 Jahren #Gemeinfreitag

Gerade bin ich nicht so richtig gut gelaunt, daher hier ein paar Fotos von Menschen, die zur Zeit der Aufnahmen auch nicht in Hochstimmung waren.

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Wir sind in den 1850er Jahren und haben die seltene Gelegenheit, echte Menschen aus dem ärmeren Teil des Volkes zu sehen. Die Fotos im Schweizerischen Bundesarchiv  verdanken wir einer Fahndungsmaßnahme der Schweizer Polizei. Sogenannte Heimatlose, die zum fahrenden Volk gehörten oder aus anderen Gründen kein Bürgerrecht in der Schweiz hatten, sollten registriert und entweder (zwangs-)eingebürgert oder ausgewiesen werden. Der Fotograf Carl Durheim machte die Aufnahmen 1852-1853 auf Salzpapier. Die Sammlung zeigt den wohl weltweit frühesten Bestand an Polizeifotos.

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Man bekommt einen Eindruck davon, wie Menschen vor 150 Jahren gekleidet waren, die sich (anders als die bürgerlichen Familien in diesem Beitrag) keinen Fotografenbesuch leisten konnten.

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Oft ist gut zu erkennen, wie Knie, Ellenbogen, Knopfleisten und Jackenkanten abgenutzt sind oder wie alles zu eng ist.

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Dieser Junge mit der stark geflickten Jacke und Hose hat laut Bildunterschrift 4 Aliasnahmen: „Bossard, Karl, alias Johann Peter Feible, Karl Johann Feible, Karl Knobel, Johann Stössel“.

Auf den Betroffenen lastete der „Fluch der Heimatlosigkeit“, gern verschleierten sie ihre Identität. Die Ermittler beschwerten sich über „das Verbergen der Papiere, … die stete Namensänderung und das konsequente Läugnen und Verschweigen der Verhältnisse“.

Heimatlos konnten man leicht werden und war dann zu einer fahrenden Lebensweise gezwungen. Gemeinden entzogen Bürgern aus verschiedenen Gründen das Heimatrecht, zum Beispiel aufgrund längerer Abwesenheit, einer Straftat oder einer Heirat in eine andere Konfession hinein. Insgesamt waren die Gründe für die nicht-sesshafte Lebensweise vielfältig und die Gruppe der „Vaganten“ nicht homogen – erwähnt seien nur die Randgruppen Jenische und Sinti.  (Mehr dazu bei Stiftung Fahrende, der Radgenossenschaft und Wikipedia.)

Crescentia Scherr - CH-BAR - 30313978

Manche Frauen haben gemusterte Decken auf den Knien, Tücher in der Hand oder Körbe im Arm – Requisiten, die vielleicht vom Fotografen gestellt wurden, der sich normalerweise mit bürgerlicher Portraitfotografie beschäftigte.

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Bei Männern spielen Hüte und Pfeifen als Beiwerk eine Rolle. André Matthey auf dem Foto unten hat seinen eigenen Hut in der Hand, auf dem Tisch liegt eine Schirmmütze – offensichtlich nur als Staffage.

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Die Schirmmütze taucht auf einem anderen Foto wieder auf, neben einem Buch – als weitere bloße Dekoration, ist zu vermuten, denn die fotografierten Menschen waren eher Analphabeten.

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Viele Männer tragen auf den Fotos weite gefältelte Kittel.

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Diese Art Kittel waren meist blau und in vielen europäischen Regionen in der arbeitenden Bevölkerung verbreitet.  Sie haben eine eigene interessante Geschichte (vermutlich kamen sie durch französische Fuhrsleute in Mode).
Tracht Hinterland 2003Hessischer Kuhhirt

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Waren die Kittel auf den Fahnungsfotos wie eine Kostümierung inszeniert, um den Anschein der bäuerlichen Sesshaftigkeit geben? (Wird in einem Beitrag zum Thema vermutet). Ich kann das nicht so recht glauben, jedenfalls sind die Kittel sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise bestickt. Da hätte der Fotograf schon eine große Kostümkiste haben müssen. Dennoch erinnern die Bilder auch an die inszenierten Einwandererfotos von Ellis Island.

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Manchmal sind unter zu den Bildern auch Berufe angegeben: Korber, Geschirrhändler, Köhler, Tagelöhner, Holzschnitzer, Wedelmacher, Schauspieler.

Joseph Körbler - CH-BAR - 30313904
Beruf: Vogelfänger

Als Frauenberufe kommen vor: Geschirrhefterin, Seiltänzerin, Nähterin. Heimatlose hatten keine Papiere und keine Rechte, sie konnten nicht legal heiraten – weshalb auf vielen Fotos die Frauen als „Beihälterin des …“ bezeichnet werden, also als Beischläferin.

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„Duardt, Elisabeth Personalien: 47 Jahre alt, Beihälterin des nun verstorbenen Lorenz Vetter von Bendorf“

Spitznamen sind Teil der Beschreibung – Sternengugger, Specksepp, Springinsfeld, seidene Clara, Hopsapudels – manchmal verbunden mit körperlichen Merkmalen, wie hier:

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„Grether, Marx … vulgo Krebsscheeren“

Suter, Eulogius, genannt Stülzfuss

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Oder die Anmerkung: „Kennzeichen – ohne Hände“

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Die Fotos wurden nachgezeichnet und als Litografien im «Album schweizerischer Heimatloser»  in den Kantonen zur Nachforschung verteilt.

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Oben rechts Bernhard Ostertag mit Pfeife, unten das Foto dazu:

Bernhard Ostertag - CH-BAR - 30313956

Und ein Blick in das improvisierte Fotostudio:

Johannes Nater - CH-BAR - 30313949

Hinter dem Herrn mit gestreifter Weste sieht man auf dem Boden den Ständer der Kopfstütze – die war wegen der langen Belichtungszeit notwendig, um den Kopf still zu halten.

Die Geschichte der Heimatlosen ist vielschichtig und schwierig. Bei einer Beschreibung der Zwangseinbürgerungen fühlt man sich an die Verteilung von Asylsuchenden heute erinnert: „Viele Behörden gingen bis vor das Bundesgericht, um die Unerwünschten einem anderen Kanton oder einer Nachbargemeinde zuzuschieben. Manchen heimatlosen Familien zahlten sie auch die Überfahrt nach Amerika, um sie loszuwerden.“
In der Schweiz gab es noch bis in die 1970er Jahre die private Fürsorgestiftung «Pro Juventute» mit dem Ziel, fahrende Kinder umzuerziehen. Sie wurden ihren Eltern weggenommen und in Heimen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Kindern wie Eltern drohten Arbeitsanstalten oder die Psychatrie. Die ganze Geschichte ist mit viel Leid verbunden. Mehr zur Problematik  (die es im übrigen in Deutschland auch gab, wie gerade der Film Nebel im August thematisiert hat).

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Die Fotos hat das Schweizerische Bundesarchiv  in Wikicommons hochgeladen und gemeinfrei gestellt. Nur durch diesen Schritt war es mir möglich, die Fotos zu durchforsten, Ausschnitte zu machen, sie aufzuarbeiten, die Hintergrundgeschichte zu recherchieren und hier zu präsentieren – ich hoffe, wie immer bei der Aktion #Gemeinfreitag,  dass auch andere Institutionen im deutschsprachigen Raum sich einen Ruck geben und ihre Datenschätze der Öffentlichkeit gemeinfrei zur Verfügung stellen. Es gibt immer welche wie mich, die sich aus reiner Privatbegeisterung einer Sache annehmen.

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Privatbegeisterung werde ich auch weiterhin brauchen. Meine gedämpfte Laune hängt mit dem vorläufigen Jahresabschluss meiner Buchunternehmungen zusammen. Sie verkaufen sich nach wie vor gut, die beiden Werke, aber die Marge, die Marge…. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Das Ergebnis lässt mich mit weiteren Projekten zögern – obwohl ich so viele gute Ideen habe und voller Tatendrang ins neue Jahr gestartet bin! Wir werden sehen.

Top und Flop im Urlaub

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Brandneue Schuhe und uralte Katzenspuren. Nachfolgend eine geballte Ladung Urlaubserinnerungen – kann gern auch in kleinen Stücken genossen werden.

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Urban Crochet in Llanca, Costa Brava

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Dort wurden sogar Kajaks eingehäkelt – komischerweise aber nannten sie es Urban Knitting.

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Portbou

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Hier in der spanischen Grenzstadt gleich neben Frankreich nimmt sich 1940  der Philosoph Walter Benjamin in einem Hotel das Leben. Er fürchtet die Auslieferung an die Deutschen, seit sieben Jahren ist er bereits auf den Flucht vor den Nazis. Heute führen in seinem Gedenken Stufen endlos ins Meer – ein sehr beeindruckendes Denkmal.

Walter Benjamin beschäftigte sich auch mit der Mode, denn er war überzeugt davon, dass sich in ihr zukünftige Entwicklungen ablesen lassen:

„Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge. Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im Voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzesbücher, Kriege und Revolutionen.“

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Häkelgarn ist so wichtig wie ein Taschenmesser

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Mein Knäuel leistete so gute Dienste! Die Hüte bekamen Bänder gegen das Wegfliegen im Tramontane-Wind, der Rock wurde mit dem Garn zur Hängegardine, der flatternde Sonnenschirm am Strand konnte an Steine gebunden und gesichert werden.

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Burkini

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Hin und wieder hatte ich W-Lan und konnte den Aufschrei verfolgen, der außerhalb Frankreichs durch den Burkini-Bann an französischen Stränden ausgelöst wurde. Vor Ort sah die Sache ganz anders aus und ich wunderte mich über die platte und verfälschte Berichterstattung im Ausland. Wieso will niemand wissen, was in Frankreich anders ist, warum ein so irrationales Verbot einen so breiten Konsens in einer eigentlich ganz vernünftigen Bevölkerung haben kann – nicht nur unter Rechten? Wenn ich das Verbot auch nicht gutheißen konnte, so konnte ich doch nachempfinden, warum die Menschen an der vom Terrorismus so hart getroffenen Mittelmeerküste jedenfalls im Moment am „Tatort“ keine Zeichen eines konservativen Islam sehen wollen, Pietät verletzt sehen. Aber das ist nicht alles, und mehr dazu sprengt hier den Rahmen…

tag5   Hotelkissen à la Louise Bourgeois – ein Zukunftsprojekt!

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Cloître Saint-Trophime in Arles mit in Stein gehauenen Textilien.

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Musee des Tissus in Lyon

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Die größte Enttäuschung des Urlaubs. Ich hätte (wie damals in Bayeux) fast geheult, als ich nach langer Anreise endlich die abgedunkelten Räume in dem altem Stadtpalais in Lyon betrat und merkte: Der ganze Aufwand wird sich nicht lohnen. Große kostbare Stoffbahnen hinter Glas mit langwierigen Erklärungen in winziger Schrift, die ich auch mit Lesebrille nur mit Mühe entziffern, geschweige denn verstehen konnte. Mein Französisch ist alltagstauglich, aber für die gedrechselten Bandwurmsätze reichte es nicht. Übersetzungen in andere Sprachen? Fehlanzeige. Wie in allen Museen, die den Schuss noch nicht gehört haben, verhindert ein Fotografierverbot, dass man wichtige Details später zuhause nachrecherchieren kann.

Das Museum mit einer der größten Stoffsammlungen der Welt (von der man nicht viel zu sehen bekommt) stand aus Finanzierungsgründen kurz vor der Schließung, ich hatte hier darüber berichtet und auch eine Petition für die Rettung unterzeichnet. Sicher hängt das rückständige Konzept auch mit Geldmangel zusammen, daher muss man die 10 Euro für den Eintritt schlucken und sich mit der visuellen Schönheit der alten Seiden (und einiger fein restaurierter Kostüme) begnügen.

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Wie eine gute Vermittlung aussehen kann zeigt das Monastère Royale de Brou in Bourg en Bresse. Ein Zufallsstop, der mich hellauf begeistert hat. Das spätmittelalterliche Kloster ist eine einzige große Liebeserklärung einer starken Frau an ihren nach nur kurzer Ehe verstorbenen Mann. Margarete von Österreich wurde als 24 jährige schon zum zweiten Mal Witwe, nach nur zwei Jahren Ehe mit Philibert dem Schönen. Sie heiratete nie wieder und ließ für die Grabstätte ein großes Kloster mit einzigartigen Steinmetzarbeiten errichten. Die Ornamentik ist übersäht mit durch Kordeln verschnürten Initialen, P&M für Philibert und Margarete, aus Stein gehauenen Margeritenblüten (ihre Blume), Federn (weil sie eine gebildete Frau war) und ziselierten Grünkohlblättern (warum, weiß das jemand?).

Sie war wirklich eine Motto-Queen, denn ihren Wahlspruch, ein Wortspiel:

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„Fortune Infortune fort une“, findet man zigfach aus Stein und auf Glas verewigt. Ich übersetze es mir mit  „Glück und Unglück macht Eine stark“. Ich hätte noch viel länger dort bleiben können. Der Audioguide auf Deutsch erklärte alles sehr gut und mit der Möglichkeit, bei Bedarf auch immer weiter ins Detail zu gehen.

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Vom spätgotischen Prunk nun ein starker Schwenk in die französischen Pyrenäen, dort lief ich ein bisschen ganz allein auf dem Jakobsweg. Auf Zeichen der höheren Mächte musste ich nicht lang warten. Zuerst lag ein Museum am Wegesrand, das Musee de Cerdagne, ein alter Hof mit sprechendem Gemüsegarten und Erklärungen der örtlichen Traditionen wie der Schafzucht. Dort lernte ich, dass schwarze Schafe eigentlich gar nicht schwarz sind – die weißen und braunen Socken auf dem Foto sind aus ungefärbter Schafwolle gestrickt.

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Das nächste göttliche Zeichen auf meinem Mini-Jakobsweg war dann ganz eindeutig: Irgendwo auf einem Hügel erhielt ich die Nachricht, dass in der Heimat Riesenbuchbestellungen eingingen (juhu!), aber logistische Probleme zu meistern waren.

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So saß ich da auf der Hochebene und verschickte Orga-SMS. Es hat dann alles gut geklappt, irdischen guten Geistern sei Dank.

Damit ist die Sache ist klar! Ich mach dann mal so weiter…

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Der deutsche Sonderweg bei den Bettdecken

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Maikäfer laufen über die pralle Bettdecke von Onkel Fritze in Max und Moritz, 1865. So schlafen die Deutschen: Unter einem gefüllten Inlett, das mit Bettwäsche bezogen ist.

Ein großer Teil der restlichen Welt bedeckt sich stattdessen lieber mit einem Laken, das um eine flache Decke aus Wolle oder Kunstfaser geschlagen wird.

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Beim Anblick eines solchen Hotelzimmers habe ich ja sofort das Bedürfnis, das festgestopften Umschlaglaken unter der Matratze herauszureißen. Das Phänomen des „Tütenbetts“ in Frankreich hat das Magazin Karambolage bis ins Detail erklärt, hier nachzulesen. Für Deutsche ist das eng gezurrte Kuvert ein Gräuel, weil sie sich nicht einkuscheln können und sich in Folge ihres Bewegungsdrangs im Laufe der Nacht meist unter der kratzigen Wolldecke wiederfinden, während das Laken als Knäuel auf den Boden oder in den Fußbereich verschwunden ist.

Das in Deutschland (und Skandinavien) traditionell übliche bezogene Deckbett stößt aber bei Besuchern aus dem Oberlaken-Ausland ebenso auf Skepsis und Probleme. Und das schon seit mehreren Jahrhunderten!

Ein britischer Reisender beschreibt 1749 die sonderbare Art der Westfalen, sich zu betten: „Eine Sache ist sehr speziell bei ihnen. Sie decken sich nicht mit Bettwäsche zu, sondern legen ein Federbett über sich und eins unter sich. “ (The Grand Tour, Thomas Nugent)

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(Karikatur von James Gillray, 1800, „Deutscher Luxus“, zeigt schön den Aufbau eines deutschen Bettes damals, einschließlich der erwähnten zwei Federbetten. Das untere diente der Polsterung der harten Matratze.)

Was der Berichterstatter Thomas Nugent nicht wusste: Es gab durchaus Bettwäsche, bloß waren statt eines Oberlakens eben die Federbetten selbst mit Bezügen versehen. Laken braucht man dann nur noch als Unterlage auf der Matratze. In den Inventarlisten von damals heißen diese Bettbezüge  Ziehen oder Bühren.  Ein Ehemann schreibt 1784 aus Norddeutschland an seine Frau: „Zu den Gesindebetten hat man hier nur ein Laken, da die Federbetten, unter denen fast alles hier Winters und Sommers schläft, mit Bühren überzogen sind.“

Das Missverständnis von der fehlenden Bettwäsche taucht heute noch bei Touristen aus Laken-Ländern auf. Ein Artikel in der SZ hat sich in Reiseforen umgesehen und  Beschwerden über die mangelnde Hygiene des deutschen Bettensystems gefunden.“Da ihnen das Neubeziehen des Inletts sehr kompliziert erscheint, zweifeln sie öffentlich daran, dass das Hotelpersonal sich diese Mühe für jeden neuen Gast macht.“

Generell wird das fehlende Oberlaken als unbequem empfunden. Ein Forist berichtet: »Im ›City Hilton‹ in München fand ich die Bettwäsche sehr ungewöhnlich: Auf einer Doppelmatratze gab es zwei schmale Bett­decken, jede mit einem Überzug aus Bettlakenstoff. Andere Laken gab es überhaupt nicht! Nachts wurde es warm im Zimmer, und dann konnte man nur entweder unter der viel zu warmen Decke liegen oder ganz unbedeckt schlafen. Das Hotel war ansonsten sehr schön, aber das hat mich doch sehr gestört.«

Auch Thomas Nugent konnte vor 300 Jahren nicht verstehen, wie man es im Sommer unter den Federbetten aushalten sollte: „This is comfortable enough in winter, but how can they bear their feather-beds over them in summer, as is generally practised, I cannot conceive.“

Weil die Oberdecke meist mit Federn gefüllt war, hieß sie auch Duvet (von frzs.  für Daune) oder Plumeau (von frz. für Feder). Heute noch ist der Begriff „Plümo“ in einigen Gegenden gebräuchlich. Die Redensart „in die Federn gehen“ erinnert ebenfalls an die Daunenbetten.

1866 wandert eine Engländerin mit ihrem Skizzbuch durch die Alpen. In ihrem Bericht beschwert sie sich gleich mehrmals über fehlende Decken in den Herbergen. Immer gab es nur duvets!

bett4In einer Herberge in Tirol, 1869

„Die duvets waren klein und rutschig. Wenn wir sie bis zum Kinn hochzogen, lagen die Füße bloß. Wenn wir die Füße bedeckten, fröstelten unsere Schultern und wir hatten das unangenehme Gefühl von kaltem Wasser, das einem beständig den Rücken hinunterläuft. Wenn man sich zu einem Ball einrollte, fiel das duvet ganz herunter.“

Der englische Designer Terence Conran berichtet, er habe diese seltsame Art zu schlafen in den 1960iger Jahren in Schweden kennengelernt. Er beschloss, Daunendecken mit Bezügen über seine Marke Habitat in England anzubieten. Seitdem ist das nordische Bettdeckensystem auch in Großbritannien auf dem Siegenszug. Aus Frankreich kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass immer weniger Hotels nach alter Art kühle Laken um raue Decken schlagen. Bezüge sind auf dem Vormarsch! Es tut mir schon fast leid. Ikea soll schuld sein an diesem Betten-Mainstream. Es bietet seine Bettwaren unverdrossen in allen Ländern  an. Und die Menschen lernen offenbar inzwischen überall die Vorzüge einer bezogenen Bettdecke zu schätzen.

Warum das Bettensystem historisch so verschieden ist, habe ich nicht herausgefunden. Angeblich soll es mit der Kälte in einem Land zu tun haben – das erklärt dann aber nicht, warum Großbritannien und die Benelux-Länder traditionell Laken hatten, obwohl es bei ihnen nicht viel wärmer ist als bei uns.

bed1Bär unter englischem Laken, 1899

Überhaupt ist es schwierig, solche scheinbar banalen Kulturfragen zu klären, da ist mal wieder wenig erforscht. Vielleicht könnte ihr ja mal berichten, wo ungefähr die Duvet-Grenze verläuft? Wie sieht es zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern aus? Bettbezug oder Umschlaglaken?

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Eine andere Frage, die ich mir stelle: Haben wir vielleicht wegen unserer bezogenen Oberbetten keine Quilttradition? Wie die Steppdecke unter dem Bezug aussieht, ist für uns ja egal.

Fragen über Fragen, aber für heute ist Schluss.

quiltPatchwork-Quilt in einem US-Kinderbuch, 1873

Von Stolpersteinen und Tuchgroßhandlungen

Clara Weiss Stolperstein DresdenPaulae CCBYSA3.0

Zwei Stolpersteine in Dresden: Clara Weiss und Eva Weiss, Mutter und Tochter. Beide starben in Auschwitz. Ihr Ehemann und Vater, Hermann Weiss, hatte sich schon 1937 das Leben genommen, nachdem der Familie die Flucht ins Ausland nicht gelungen war. Als ich letztes Jahr um diese Zeit etwas über die textilen Codes der Nazizeit schrieb, meldete sich eine Leserin bei mir, die seit längerem die Geschichte der Famlie Weiss recherchiert. „Die Familie hatte eine Tuchgroßhandlung, und ich möchte brennend gern wissen, wie genau so ein Geschäft funktioniert hat.“

Ich war auch sehr dafür, dieser Frage ein bisschen nachzugehen. Was war ein Tuchgroßhandel, wie sah es vielleicht dort aus?

Die Weiss hatten ihr Geschäft in der Gewandhausstraße in Dresden. Der Straßenname ist hier passend: Die Bezeichnung Gewand steht für Tuch/Stoff. Gewand war die Handelsware der Wandschneider, die zu Ballen gefaltetet (gewendet) aufbewahrtes Tuch einkauften und in Abschnitten weitergaben. Gewandschneider waren also Tuchhändler – sie handelten mit Stoffen. Die Zünfte waren meist wohlhabend und nutzten für ihre Verkaufsstände repräsentative Gebäude. Diese früheren Messegebäude für die Tuchhändler tragen oft bis heute den Namen Gewandhaus oder Tuchhalle.

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Im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts sah das Büro einer Tuchgroßhandlung vielleicht so aus:

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Im Lager waren sicher auf hohen Regalen die Stoffballen vorrätig. Bis heute ist die Mindestgröße der im Tuchgroßhandel=Stoffgroßhandel verkauften  Ware in der Regel ein ganzer Ballen.

Fotothek df roe-neg 0006287 001 Stoffballen in einem TextilwarenladenStoffballen in einem Textilwarenladen in Leipzig, 1952 (Deutsche Fotothek CCBYSA3.0)

Großhändler für Textilwaren belieferten Einzelhandel und Kaufhäuser, exportierten aber auch Stoffe an Abnehmer im Ausland. In den 1930er Jahren hatten die jüdischen Unternehmer einen großen Anteil an der Textilindustrie und dem Tuchgroßhandel. In Sachsen waren damals 36 % der Unternehmer in der Textilbranche jüdischer Herkunft.

Sicher besuchte der Inhaber eines Stoffgroßhandels auch Messen, um sich über neue Produkte zu informieren.

Fotothek df roe-neg 0006514 029 Besucher der Herbstmesse 1953 an einer Glasvitrine mit Stoffbahnen sowie StoffbaBesucher der Herbstmesse Leipzig 1953 (Deutsche Fotothek CCBYSA3.0)

Katalog eines Vertreters für Seidengaze.

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Wie sahen die Stoffmuster in den 30er Jahren aus? Vielleicht führten die Weiss ähnliche Stoffproben im Sortiment:

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Sample book - Google Art Project (6821783)1930

Nur ein Mitglied der Familie Weiss hat überlebt. Der Sohn Horst, Evas Bruder, konnte 1936 mithilfe einer Bürgschaft emigrieren. Damals wie heute wurde zuerst der Sohn losgeschickt. Horsts Nachkommen leben heute in Übersee und sind sehr froh darüber, dass sich in Deutschland jemand an die Verwandten erinnert, denen die Flucht nicht gelang. Jedes Jahr vor allem am 9. November bin auch ich froh darüber, dass es die Stolpersteine gibt, um uns an die Einzelschicksale zu erinnern.

Vielleicht liest hier jemand mit, der mehr erzählen kann? Zum Beispiel darüber, wie eine Tuchhandlung in den 30er Jahren aussah und geführt wurde. Meldet euch gern in den Kommentaren!

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Einwandern und Auswandern

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Mehr als 16 Millionen Menschen erreichten zwischen 1892 und 1954 die Einwanderungsstation Ellis Island in den USA. Die kleine Insel vor New York wurde auch „Insel der Tränen“ genannt, weil sich dort entschied, ob man einreisen durfte oder in die Heimat zurückkehren musste. Ein Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde, Augustus Sherman, begann 1905 damit, die Neuankömmlinge zu fotografieren. Der Amateurfotograf inszenierte die Bilder sorgfältig und bat die Menschen, ihre mitgebrachten Trachten anzulegen.

Der Kleidung nach kommen die drei niederländischen Frauen aus der Provinz Zeeland und sind, das zeigt die Form der Hauben, protestantischen Glaubens.

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Die zwei Rechtecke, die da Biene-Maja-artig vorn am Kopf zu sehen sind, gehören zu metallenen Kopfspangen, mit denen die Hauben gehalten wurden. Im Met-Museum gibt es ein ähnliches Stück aus Silber zu sehen.

Ein exotischer Einwanderer aus Bayern posiert ebenfalls für den Fotografen:

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nKinder aus Lappland

g hFrau aus Italien

h Frau mit Kindern, Slowakei

jjDeutscher blinder Passagier

Alle Bilder: The New York Public Library Digital Collections, Augustus Sherman

Zu dieser Migrationsgeschichte gibt es ein tolles Museum, ein Erlebnismuseum für die ganze Familie: Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Über 7 Millionen Menschen starteten im letzten und vorletzten Jahrhundert von der Nordseeküste in Bremerhaven nach Übersee. Im Museum wird man am Anfang des Rundgangs zu einer dieser Millionen Menschen und verfolgt die individuelle Auswanderungsgeschichte. Man wartet in der Wartehalle, steht am Kai bei der Verabschiedungsszene, ist auf dem Schiff unterwegs.

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Am Ende kommt man in Ellis Island an, muss die Registrierung zwischen Käfigwänden abwarten, bis sich einem das Grand Central Terminal in New York öffnet.

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Auf einer zweiten Reise geht es dann im Jahr 1973 weiter, Deutschland hat gerade den Anwerbestopp für Gastarbeiter beschlossen. Der Besucher wird zu einem Einwanderer in Deutschland und folgt einer von 15 Biographien.

In der momentanen Situation hilft es sehr, sich immer wieder der Geschichte zu erinnern. 1907 wurden täglich bis zu 5.000 Einwanderer auf Ellis Island registriert. 1992 hat Deutschland 400.000 Asylanträge bewältigt. Dieses Mal werden es sehr viel mehr, ja, aber ein Grund für Angst? Seit einem Jahr lebe ich in Laufweite verschiedener Notunterkünfte, in denen Platz für inwischen mehr als 2.500 Menschen ist. Wenn ich nicht hin und wieder dort mithelfen würde, hätte ich im Alltag kaum etwas von dieser Veränderung bemerkt.

Als Mutmacher nehme ich Artikel wie diesen: „Flüchtlinge in einer Kleinstadt – Lüchow schafft das„.  Nürnbergs Oberbürgermeister hat in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel  vernünftige Vorschlägen, wie es gehen könnte. Er zitiert dazu den Soziologen Bude:

Wer Angst hat, verkennt das Wirkliche, vermeidet das Unangenehme und verpasst das Mögliche.

Einfacher noch ein Motto aus dem Auswandererhaus, dem ich hier folgen will:

Aus Angst wird Neugier.

 

 

 

Rätselfall Familienalbum: Ein Strandbild im Detail

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Hier seht ihr eine Strandkorbszene aus Norderney. Ganz links auf dem Bild im gestreiften Kleid steht meine Urgroßmutter Adelheid, so viel ist sicher. Aber sonst? Wer sind die anderen, und was machen sie da? Vor allem: Aus welcher Zeit stammt die Aufnahme? Auf der Suche nach Antwort auf diese Fragen habe mit detektivischer Lust heiße Sommernächte durchrecherchiert. Ich hätte nie gedacht, wie weit man allein schon über die Details der Kleidung auf einem Foto kommen kann. Aber der Reihe nach:

1. Lebensalter

Urgroßmutter Adelheid kam 1865 in Bremen als Tochter eines Kapitäns auf die Welt.  Auf dem Foto ist sie, schätze ich mal, mindestens 13 Jahre alt. 1878 wäre danach die zeitliche Untergrenze für das Strandbild.

2. Der Fotograf

Über den Fotografen Fritz Gärtner aus Hannover ist online nicht viel zu lesen. Er hatte eine Filiale in Norderney und war dort (neben anderen) als „Hofphotograph“ tätig. 1892 bot er Fotos auf Ziffernblättern von Taschenuhren an, das ist diesem Buch in Snippet-Ansicht zu entnehmen.

3. Die Kleidung

Für die zeitliche Obergrenze des Fotos habe ich ein Indiz. Dazu muss ich dieses Strandfoto heranzoomen, das Norderney ca. im Jahre 1900 zeigt.


Ein kleines Detail verrät, dass es später aufgenommen sein muss als das Bild mit Adelheid. Wenn man genau hinsieht:  Die Frauen tragen alle Kleidung mit Ballonärmeln.

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Solche Ärmel, unten eng und oben aufgeblasen, kamen als Gigots, bzw. Schinken- oder Hammelkeulenärmel um 1892 auf und blieben einige Jahre in Mode.  Meine Urgroßmutter Adelheid und die anderen Frauen auf dem Foto aber tragen noch schmale Ärmel, die allenfalls in der Höhe ein bisschen gepufft sind.

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Damit hätte ich eine erste Obergrenze für das Familienfoto: Diese schmaleren Ärmel waren nur bis ca. 1892 üblich.

Vielleicht verrät der Rest der Kleidung noch mehr? Das Streifenkleid ist ja ziemlich auffällig neben den dunklen Gewändern der drei anderen Frauen. Online sind einige Streifenkleider für die Zeit von 1880 bis 1890 zu finden, zum Beispiel dieses beim MetMuseum von 1885/88. Dort heißt es,  gestreifte Textilien seien gern beim Tennis, Segeln oder zu Strandspaziergängen getragen worden, wahrscheinlich wegen des nautischen Looks.

Dazu passt dieses schöne Foto einer britischen Ruderin von ca. 1890.

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Ich bezweifle aber, dass die Kapitänstochter Adelheid extra für den Norderney-Urlaub ein Kleid geschneidert bekommen hat. Andere Quellen zeigen, dass der Streifenlook auch alltags oder sogar als Abendlook getragen wurde.

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Streifenkleid Katalog 1882

Streifenkleid Chicago History Museum 1884, Abendkleid von Worth.

Streifenkleid ab 1885, via FloridaMemory

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Ich finde, dieses Kleid der Frau in Florida kommt Adelheids Look ziemlich nah. Für die weitere modische Einordnung muss der Blick auf die Silhouette des Rockteils fallen. In Laufe der 1880er Jahren wandelte sich die Linie dort nämlich.

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Zunächst hatte sich in den Jahren 1875-1881 nach den weiten Krinolinen eine sehr schlanke Kleiderform etabliert, die sogenannte Kürass-Taille, der Rüstung der Kürassierer nachempfunden. Die Linie war bis zu den Knien hinunter extrem schmal.

Tenniskostüm 1881

Ab 1882 wurde der Rock dann wieder etwas weiter und hinten hochsteckt (Turnüre). Diese Zeit der sogenannten 2. Turnüre dauerte bis 1890.  Der Stil wurde aber durchaus auch noch danach beibehalten, sagt eine Bachelorarbeit zur Datierung von Kleidung in Fotgrafenateliers.

1886

Adelheids Rock auf dem Foto sitzt an den Hüften nicht schmal wie beim Kürass-Stil, so dass ich das Bild auf nach 1882 einordnen würde. Es scheint auch, dass sie aus dem Flachmann der Dame unten im Sand ein Gläschen abbekommen hat, also dürfte sie schon etwas älter sein. Mindestens 18 Jahre (1883) würde passen.

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Ein weiteres wichtiges Detail: Adelheid trägt an der rechten Schnapsglas-Hand keinen Ehering. In den deutschsprachigen Ländern wird der Ehering aber traditionell an die rechte Hand gesteckt. (Warum das anders ist als in den anderen europäischen Ländern – ein weiteres Rätsel). Adelheids ringlose Hand dürfte danach in die Zeit vor 1887 zu datieren sein, denn 1887, mit 21 Jahren, hat sie meinen Urgroßvater geheiratet.

Aufgrund dieser Indizien tippe ich darauf, dass die Aufnahme aus der Zeit zwischen 1883 und 1886 stammt.

4. Der Strandkorb

Gab es zu der Zeit überhaupt schon Strandkörbe auf Norderney? Die Legende will, dass der erste Strandkorb 1882 in Rostock vom Korbmacher Bartelmann auf Bestellung einer älteren Dame gebaut wurde. Das kann aber nicht stimmen.

Auf Norderney sind Strandkörbe seit den 1870er Jahren dokumentiert. Und Theodor Fontane schrieb im August 1882 aus Norderney:

„Vom Kurhause ging ich an den Strand und dämmerte so von Bank zu Bank. Als ich an der Hauptstelle war, wo viele hunderte von Korbhütten stehen, in denen man die Seeluft genießt, fühlte ich mich von hinten her gepackt, und der kleine jüdische Maler-Professor Michael stand vor mir. […] Er schleppte mich an seine Korbhütte, wo ich nun der Frau Professorin […] vorgestellt wurde.“

Norderney 1881, via

Strandkorbversteck 1899: „Was seh ich? – O ihr guten Geister. Mein Roderich!“

1899, via

 5. Das Kinderspielzeug
Die unbekannten Kinder halten Tennisschläger und Ball, Spaten und Eimer.

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Ein ganz ähnlicher Sandeimer ist auf einem anderen Foto aus der Zeit nach 1882 zu sehen.

via Wiki

Außerdem beachte man die helle Mütze der Dame. Solche Schirmmützen scheinen zu der Zeit am Strand Trend gewesen zu sein. Auf meinem Familienfoto sind sie gleich sechs Mal zu finden.

6. Die älteren Damen

Sie handarbeiten im Strandkorb. Eine strickt rund, die andere scheint zu nähen. Vielleicht ist die Frau mit der Nähnadel Adelheids Mutter? 1883 wäre sie 54 Jahre alt gewesen.

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7. Der Junge

Wenn das Bild tatsächlich aus der Zeit zwischen 1883 und 1886 stammt, dann kann das hier nicht, wie zunächst vermutet, Adelheids Bruder Hinrich Detmer sein. Der hat nämlich nur bis 1878 gelebt. Wer auch immer das ist, er hält demonstrativ etwas in der Hand. Heute hätte ich auf einen lapprigen kalten Hamburger getippt, aber damals? Ich überlege auch, ob der Junge einen Trauerflor am linken Ärmel trägt?

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Mit welchen Personen Adelheid da im Urlaub war, ist noch offen. Vielleicht ergibt der Vergleich mit anderen Fotos später eine Auflösung.

8. Der Ort der Aufnahme

Ein Freund hat es entdeckt: Auf dem Schild im Hintergrund des Fotos steht „Lesehalle, Leihbücherei“.

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(Und auf dem Strandkorb liegt vielleicht so ein Umhang, wie ihn die Frau im Hintergrund trägt?)

Aus einer Norderney-Chronik:

 An der Zuwegung zur Promenade stand die von Bauinspektor Nienburg entworfene und im „Schweizer Stil“ erbaute Lesehalle, Buchhandlung und Leihbibliothek von Hermann Braams aus Norden.

Auf Postkarten um 1900 ist die Lesehalle abgebildet. (Im Vordergrund auch gut zu sehen: die Form der Tennisschläger. Die Damen tragen hier Pomponmützen).

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Ein Foto der Lesehalle und noch ein Blick von der Seeseite. Das Strandkorbfoto dürfte danach gleich rechts neben der Seebrücke vor der Lesehalle aufgenommen worden sein.

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Das ist nun alles, was ich bisher herausgefunden haben. Wie man merkt, habe ich mich ziemlich in die Bilderfragen hineingekniet, das war spannend. Vielleicht kommt ja jemand vorbei und weiß mehr oder kann mich korrigieren. Es würde mich freuen!

Zum Abschluss noch gemalte Strandszenen aus der vermuteten Zeit des Fotos.

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1887   via

Zeitlich ein bisschen später, aber schön für die Atmosphäre: „Sonnentag am Strand“.

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Eine gute Woche wünsche ich. Sollte jemand gerade im Strandkorb sitzen, bitte melden!

Stoffe für die Haute Couture – Industriegeschichte in Frankreich

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Stoff hängt über einem Färbebottich, Garnrollen stehen bereit im Textilmuseum des Departements Tarn in Südfrankreich. Vielleicht ist ja jemand von euch gerade in der Gegend des Languedoc und hat Lust, sich den Weg der Stoffherstellung vom Rohstoff bis zum fertigen Tuch vorführen zu lassen. Ich war komplett begeistert von der Informationsfülle in dieser alten Textilfabrik, in der auf Initiative der ehemaligen Mitarbeiter inzwischen eine große Zahl von Maschinen und Zubehör versammelt ist.

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Auch vor hundert Jahren wurde schon recycelt. Hier wird ein roter Pullover geshreddert, um danach wieder neu versponnen zu werden.

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Mit dieser Kardiermaschine werden die Wollflusen geordnet, als Vlies ausgerichtet und in Bänder geteilt für das Spinnen vorbereitet.  Unsere Führerin setzte die Maschinen in Gang. Es war beeindruckend, alles in Aktion zu sehen und zu verstehen, wie die Prozesse ablaufen.

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Wir erlebten auch, wie rasend schnell die Vliesbänder zu Garn gezwirbelt wurden. Und bekamen einen Eindruck davon, wie gefährlich die Maschinen waren, wie unglaublich laut. Die meisten Ausstellungsstücke sind kleine Versionen von größeren Maschinen.

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Auf diesem Gestell konnten Knäuel maschinell gewickelt werden .

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Im industriellen Bereich braucht man solche großen Garnrollen, die auf französisch Fromage, Käse, heißen.

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Aus großen Holzgestellen laufen die Fäden von den Käsen zur Vorbereitung der Kette für den Webstuhl.

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Und hier wird nun gewebt. War ein gewebtes Stück fertig und abgeschnitten, so mussten Frauenhände die 1500 Kettfäden wieder verbinden. Sie arbeiteten von beiden Seiten des Webstuhls aufeinander zu bis zur Mitte. Für die eine Seite waren Linkshänderinnen besonders gut geeignet. Da sie seltener zu finden waren, wurden sie besser bezahlt.

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In diesem moderneren Webstuhl schlugen und krachten die Metallschiffchen beeindruckend schnell.

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Das Gewebe wurde anschließend auf einer Art Leuchtkasten Stück für Stück nach Webfehlern abgesucht. Unten ist so ein Webfehler zu sehen. Es war dann wieder Frauenarbeit, die fehlenden Schussfäden fein säuberlich nachträglich per Hand durch den Stoff zu weben. Da man dafür besonders geschickt sein musste, gab es auch für diesen Posten Prämien .

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Bei Textilien ist es ja wichtig, sie anfassen zu dürfen. Im Museum ist das kein Problem, es gibt sogar überall Fühlproben. So versteht man auch sofort, warum die gewebten Stoffe einer Nachbehandlung bedürfen, wenn sie weicher und glatter oder fester und filziger werden sollen.

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Ein Veredelungsschritt nach dem Weben ist die heiße Wäsche in passenden Kammern. Für Militärmäntel blieben die Stoffe viele Stunden darin, bis ein schweres, fast wasserdichtes Tuch entstand.

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Es gibt noch jede Menge andere Maschinen, die das gewebte Tuch weich machen, aufrauen, scheren, glätten, verdichten, was auch immer. Insgesamt waren 32 Arbeitsschritte notwendig, um vom Rohmaterial zum lieferfertigen Produkt zu kommen.

Komplett überrascht hat mich diese Maschine unten: Das ist eine „Ratineuse“, eine Ratinirmaschine, die soll den Stoff schön zottelig und pillig machen! In den 40er Jahren waren Mäntel aus solchen gepillten Stoffen wohl in.

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Daher reiben bei dieser Maschine Filzplatten auf dem Stoff hin und her, bis die heute unbeliebten kleinen Kügelchen entstehen.

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Ein Hit ist auch diese Rolle einer Kratzmaschine, die, mit einer riesigen Menge Distelköpfen Karden ausgestattet, Tuche schön aufflauschte. Im Anschluss an das Aufrauen waren Frauen damit beschäftigt, die im Flanell hängengebliebenen Pflanzenstückchen mit Pinzetten wieder herauszuzupfen. Nach und nach wurden die Karden in den Rauhmaschinen durch Metallhäkchen ersetzt. (Dank an Croco, die inzw. darauf hingewiesen hat, dass Karden botanisch nicht zu den Disteln gehören).

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Tuchrauher mit Kratze aus Weber“disteln“, 1695, Ausschnitt via Wikicommons

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Tuchbereiter mit Distelkarden und Tuchschere, 1611. Ausschnitt via Wikicommons

Im ersten Stock der alten Fabrik geht es um Trikotherstellung,  außerdem wird Kleidung gezeigt, die mithilfe der Textilindustrie in der Gegend entstanden ist. Die großen Couturehäuser waren bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts Kunden. Vertreter reisten mit Stoffproben immer wieder nach Paris. Es brauchte viel Mühe, bis zum Beispiel Courrège mit einem Roséton zufrieden war, der ihm eigentlich zu sehr in Richtung Himbeere ging.

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Das Muster dieses Dior-Oberteils heißt Hennentritt, „Pied-de-poule“, weil es ein kleines Muster ist.

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In der größeren Version dieses wunderbaren Mantels wird das Muster zum uns bekannten Hahnentritt, „Pied-de-coq“.

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Ein tolles Strickkleid…

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… und noch viele Utensilien, wie zum Beispiel diese Pappen für einen Plissiermaschine.

Es gab noch unendlich viel mehr zu sehen. Im obersten Stockwerk war Platz für eine kleine aber feine Ausstellung experimenteller Mode. Für alle Textilbegeisterten in der Gegend lohnt sich die Fahrt zum Museum auf jeden Fall. Leider sind die Exponate nur französisch beschriftet, aber unsere sehr nette Führerin versicherte mir, ihre Kolleginnen könnten fremdsprachigen Besuchern auch alles auf Englisch erklären.

Am Ende schwirrte mir der Kopf, eigentlich müsste ich wieder hin um noch mehr zu fragen und zu verstehen. Ich habe es auch nicht mehr zu der einzigen noch funktionierenden Stoffmanufaktur im Ort geschafft. Bei den Toiles de la Montagne Noire kann man ebenfalls in eine alte Fabrik hineinschnuppern und dort hergestellte Stoffe kaufen.

MUSEE DEPARTEMENTAL DU TEXTILE, Labastide-Rouairoux

Im Departement Tarn, Haute-Languedoc, in den Bergen Montagne Noire.

Etwas mehr zum Museum auf Englisch hier und hier.

Falls jemand im deutsprachigen Raum ein ähnlich ausgestattetes Industriemuseum kennt, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Was schon einmal jemand in der Tuchfabrik Müller in Euskirchen? Das hört sich auch gut an. Nach so einem Besuch betrachtet man einen Stoff mit sehr viel mehr Ehrfurcht.

Bon voyage allen, ob im RL oder virtuell. Bis bald!

Strohwitwerzug und Kinderkolonie – Berlin macht Ferien 1900

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Im Herrenbad am Halensee in Berlin vernügen sich die Männer.

Die Frauen, deren Gatten es sich leisten können, sind da schon an der Küste.

Fängt ach, der heisse Juli an,
Schickt der Berliner Ehemann
Gleich fort sein Weib, wenn’s irgend geht,
Nach Heringsdorf, wo’s kühler weht,
Dass sie sich recht erholen soll…

(Aus dem  Lied Der Ehemannszug nach Heringsdorf.)

Am Wochenende besuchen die Ehemänner ihre Frauen dann mit der Bahn. Die Zeitschrift Berliner Leben von 1904 zeigt den sogenannten Strohwitwerzug kurz vor der Abfahrt nach Usedom.

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Die Zeitung schreibt dazu

„Während der Badesaison fährt vom Stettiner Bahnhof jeden Sonnabend um 6 Uhr nachmittags herum ein Zug ab, der eine ganz besondere Physiognomie hat; seine Passagiere gehören nämlich fast ausschließlich dem stärkeren Geschlecht an. Sie rekrutieren sich sämtlich aus dem vergnüglichen Stande der Strohwitwer, und es ist für den vom gleichen Los nicht Betroffenen höchst amüsant, die verschiedenen Grade von Schnelligkeit und Eifer zu beobachten, mit dem sie dem Beförderungsmittel zustreben, das sie ihrer am sonnendurchglühten Ostseestrande weilenden besseren Hälfte zuführen soll.

Die Jungvermählten freuen sich wohl tatsächlich auf ein Wiedersehen, aber

„…man sieht auch andere, die sich mürrisch in eine Coupéecke werfen und verdrießlich an die lange Nachtfahrt im überfüllten Zuge und die Anstrengungen des kommenden Tages denken. Plötzlich fahren sie erschreckt zusammen und fassen in die linke Westentasche, wo das Symbol ihrer Gefangenschaft seit der Abreise der teuren Gattin ein verschwiegenes Dasein gefristet hat, und mit wehmütigem Seufzen stecken sie den Goldreifen an den Finger. Diese Kategorie ist besonders dadurch kenntlich, dass sie, über die erste Jugend heraus, sich einer beträchtlichen Leibesfülle erfreut, und in der Kunst, die letzten Überreste ihres ehemaligen Haupthaares so zu ordnen, dass es aussieht, als ob sie noch mehr hätten, die höchste Vollkommenheit erreicht haben.

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Wer sich keine Reise leisten kann, bleibt in Berlin. Für die Kinder aus den Mietskasernen gibt es die Ferien-Kolonien. Sie werden mit der Straßenbahn und per Schiff an die frische Luft, zum Baden und ins Grüne gefahren.

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Im Flussbad 1904 verbieten Schilder das Hinausschwimmen in die Spree und das Abseifen außerhalb der Seifzelle.

Verpflegt werden die Kinder auch.

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Oben: Milchausgabe in der Ferienkolonie Blankenfelde 1909, unten: Vesper 1904.

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Die Jungen in der Badeanstalt könnten auch tatsächlich ein bisschen Speck auf den Rippen gebrauchen.

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Währenddessen in Heringsdorf: Drei Herren genießen den Strand. Einer nutzt die Pause dafür, mit einer Bartbinde seinen Schnurbart wieder in Form zu bringen.

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Morgen beginnen in Berlin 2015 wieder die Ferien.

Gute Reise allen, sei es ins Stadtbad oder an den Strand!

 

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Bilder aus der Zeitschrift Berliner Leben, via ZLB, Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Kleine Jungen und alte Zöpfe

1782, Gainsborough, via

Die schönsten Berichte über Mode in der Geschichte  kommen doch immer von Zeitzeugen. Ich könnte nächtelang Memoiren danach durchforsten, ob dort nicht vielleicht auch ein bisschen von Kleidung und Lebensstil erzählt wird.  Letztes Jahr hatte ich schon die Briefe der Liselotte von der Pfalz nach Modethemen durchsucht. Heute kommt nun ein kleiner Ausschnitt aus den Memoiren der Henriette von Oberkirch (1754-1803). Die elsässische Baronin gehört in die Zeit Marie Antoinettes und hat damals Tagebuchaufzeichnungen verfasst, die ähnlich erfrischend sind wie Liselottes Briefe.

1783 ist die Baronin 29 Jahre alt.  Der Adel in Frankreich lebt das Leben des Ancien Régime und ahnt noch nichts von der Revolution, die sich sechs Jahre später ereignen wird. Freiheitliche Ideen schleichen sich aber schon ein, und sei es in Form einer neuen Haarmode für Kinder. Die Baronin berichtet:

1770, via

Dieses Jahr gab es eine Neuheit in der Mode für Kinder, die mir sehr gefiel. Man hatte aufgehört, ihnen den Kopf weiß zu pudern, wie es bisher üblich war. Sie waren ja gänzlich entstellt mit diesen pomadisierten Rollen, diesen Löckchen und diesem ganzen Aufzug. Nichts war lächerlicher als diese kleinen Wesen, mit Zopfbeutel, einem Hut unter dem Arm und dem Degen an der Seite. Seit sich diese Neuerung in der Haartracht durchgesetzt hat, tragen die Kinder die Haare rund und gut geschnitten, schön sauber und ohne Puder.

Diese Neuerungen in der Kindermode sind die Auswirkungen der Aufklärung. Bisher hatten die Kinder kleine Erwachsenen zu sein und wurden auch so gekleidet und frisiert. Die Haare der Jungen wurden wie bei den Männern in Löckchen gelegt, gepudert, zum Zopf gebunden und hinten in einem Beutel aus schwarzem Taft gesteckt. Dieser meist noch mit einer Schleife versehene Haarbeutel hinderte das Haar am Umherfliegen und schützte die Schultern vor dem Puder.

ca. 1750, de la Tour, via

Durch den Einfluss der Reformpädagogen des 18. Jahrhunderts wurde die Kleidung kindgerechter. Statt der steifen Erwachsenentracht trugen die Jungen jetzt einen in der Taille zusammengeknöpften lockeren Anzug, den Skeleton (frz. matelot). Für festliche Anlässe kamen noch Schärpe und Rüschenkragen hinzu. Puder, Zopf und Haarbeutel passten dazu gar nicht mehr.

Statt Degen lieber Rosen und Jojo

1789, Dauphin Louis Charles?, via

In der bürgerlichen Bevölkerung etablierte sich der Skeleton-Anzug erst ab 1800, aber die trendbewusste Königin Marie Antoinette ließ ihren ältesten Sohn schon 1784 in diesem Anzug und mit Kurzhaarschnitt malen (zusammen mit seiner Schwester):

LeBrun, via

Ebenso wie die Königin sind auch die Baronin Oberkirch und ihre Freundinnen 1983 der Ansicht, dass der alte Look nun wirklich unmöglich geworden ist. Sie stylen einen kleinen Jungen kurzerhand gegen den Willen des Vaters um.

Eines Tages brachte man den hübschesten kleinen Jungen der Welt nach Étupes, den Sohn eines Herrn aus der Nachbarschaft. Er trat wie sein Großvater gekleidet ein, hielt sich gerade, sehr beschäftigt mit seinem Degen und seinem bestickten Anzug. Völlig lächerlich, kann ich versichern. Fräulein von Domsdorf flüsterte mir zu, dass es einer Verschwörung bedürfe, um das Kind modisch auf den neusten Stand zu bringen. Sie nahm also die Mutter des kleinen Mannes mit, während der Vater seine Aufwartung machte, und stellte es so geschickt an, dass die Mutter bald ihren Wunsch teilte, den armen Erben von seiner Qual zu erlösen. Die Verschwörer, bestärkt von der Mutter, die aber so tun wollte, als ob sie davon nichts wüsste, nahmen das Kind mit in das Zimmer der Frau Hendel, wohin man den Leibfriseur der jungen Prinzen kommen ließ. In einer halben Stunde ging die ganze Verwandlung vonstatten und er erschien wieder im Salon, sehr zu seinem Vorteil verändert.
Daraufhin waren die unterschiedlichsten Ausrufe zu hören. Der Vater war zunächst ungehalten, wagte es aber nicht, die Sache zu schlecht aufzunehmen und gab schließlich zu, dass die Verwandlung auch von Vorteil war.

Bei den erwachsenen Männern dauerte es etwas länger, bis sich die Änderung in der Herrenmode durchsetzte und alle Köpfe zopflos wurden. Spätestens nach der französischen Revolution galt es, mit der Zeit zu gehen.  Goethe trug sein Haar seit 1792 offen. Der preußische Soldatenzopf wurde dagegen erst 1807 abgeschafft.  Deshalb spricht man noch heute vom „alte Zöpfe abschneiden“, wenn man längst veraltete Regeln oder Ideen überwinden will.

Madame Oberkirchs kleine Modeanekdote ist gar kein langweiliger alter Zopf,  wie ich finde. Obwohl sie eigentlich viel wichtigere Dinge erlebt hat. Sie trifft berühmte Leute ihrer Zeit, reist durch Europa und weiß vom Leben in Versailles zu berichten. Ihre Freundin Sophie Dorothee von Württemberg heiratet den späteren Zaren Paul I.  (Diese Sophie und ihr Zar sind mir vor Kurzem im Schlossmuseum Jever begegnet – das wird noch einmal eine andere Geschichte).

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Einen Teil der Oberkirch-Memoiren hat ein begeisterter Franzose, François Vigneron, letztes Jahr ins Deutsche übersetzen lassen. Zuerst über eine erfolgreiche Start-Next Kampagne und dann noch mit viel eigenem Geld. Ich habe damals aus Interesse geholfen, ganz kleine Passagen wie die mit dem Haarschnitt für das Buch ins Deutsche zu übertragen. Natürlich war das vermessen von mir, die Profi-Übersetzung von Andrea Wurth ist tausendmal besser. Aber es hat Spaß gemacht, in die damalige Zeit einzutauchen. Wenn euch solche Berichte interessieren: Das Buch

„Memoiren der Baronin von Oberkirch: Abdruck einer schönen Seele“

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gibt es einmal hier als Hardcover und hier als Taschenbuch zu kaufen. Bei der Buchvorschau könnt ihr einen Eindruck vom Erzählstil der Baronin gewinnen. Ich bin noch lange nicht durch, und am Rand kleben lauter Post-Its.  Vielleicht schaffe ich es ja noch einmal, mir eine Szene vorzunehmen. Zum Beispiel aus dem Geschäft der Rose Bertin, der Stylistin von Marie Antoinette? Oder von Frisuren, in denen Vögel wippen? On verra, mal sehen. Für heute soll es gut sein.  Bon soir!