Von Stolpersteinen und Tuchgroßhandlungen

Clara Weiss Stolperstein DresdenPaulae CCBYSA3.0

Zwei Stolpersteine in Dresden: Clara Weiss und Eva Weiss, Mutter und Tochter. Beide starben in Auschwitz. Ihr Ehemann und Vater, Hermann Weiss, hatte sich schon 1937 das Leben genommen, nachdem der Familie die Flucht ins Ausland nicht gelungen war. Als ich letztes Jahr um diese Zeit etwas über die textilen Codes der Nazizeit schrieb, meldete sich eine Leserin bei mir, die seit längerem die Geschichte der Famlie Weiss recherchiert. „Die Familie hatte eine Tuchgroßhandlung, und ich möchte brennend gern wissen, wie genau so ein Geschäft funktioniert hat.“

Ich war auch sehr dafür, dieser Frage ein bisschen nachzugehen. Was war ein Tuchgroßhandel, wie sah es vielleicht dort aus?

Die Weiss hatten ihr Geschäft in der Gewandhausstraße in Dresden. Der Straßenname ist hier passend: Die Bezeichnung Gewand steht für Tuch/Stoff. Gewand war die Handelsware der Wandschneider, die zu Ballen gefaltetet (gewendet) aufbewahrtes Tuch einkauften und in Abschnitten weitergaben. Gewandschneider waren also Tuchhändler – sie handelten mit Stoffen. Die Zünfte waren meist wohlhabend und nutzten für ihre Verkaufsstände repräsentative Gebäude. Diese früheren Messegebäude für die Tuchhändler tragen oft bis heute den Namen Gewandhaus oder Tuchhalle.

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Im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts sah das Büro einer Tuchgroßhandlung vielleicht so aus:

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Im Lager waren sicher auf hohen Regalen die Stoffballen vorrätig. Bis heute ist die Mindestgröße der im Tuchgroßhandel=Stoffgroßhandel verkauften  Ware in der Regel ein ganzer Ballen.

Fotothek df roe-neg 0006287 001 Stoffballen in einem TextilwarenladenStoffballen in einem Textilwarenladen in Leipzig, 1952 (Deutsche Fotothek CCBYSA3.0)

Großhändler für Textilwaren belieferten Einzelhandel und Kaufhäuser, exportierten aber auch Stoffe an Abnehmer im Ausland. In den 1930er Jahren hatten die jüdischen Unternehmer einen großen Anteil an der Textilindustrie und dem Tuchgroßhandel. In Sachsen waren damals 36 % der Unternehmer in der Textilbranche jüdischer Herkunft.

Sicher besuchte der Inhaber eines Stoffgroßhandels auch Messen, um sich über neue Produkte zu informieren.

Fotothek df roe-neg 0006514 029 Besucher der Herbstmesse 1953 an einer Glasvitrine mit Stoffbahnen sowie StoffbaBesucher der Herbstmesse Leipzig 1953 (Deutsche Fotothek CCBYSA3.0)

Katalog eines Vertreters für Seidengaze.

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Wie sahen die Stoffmuster in den 30er Jahren aus? Vielleicht führten die Weiss ähnliche Stoffproben im Sortiment:

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Nur ein Mitglied der Familie Weiss hat überlebt. Der Sohn Horst, Evas Bruder, konnte 1936 mithilfe einer Bürgschaft emigrieren. Damals wie heute wurde zuerst der Sohn losgeschickt. Horsts Nachkommen leben heute in Übersee und sind sehr froh darüber, dass sich in Deutschland jemand an die Verwandten erinnert, denen die Flucht nicht gelang. Jedes Jahr vor allem am 9. November bin auch ich froh darüber, dass es die Stolpersteine gibt, um uns an die Einzelschicksale zu erinnern.

Vielleicht liest hier jemand mit, der mehr erzählen kann? Zum Beispiel darüber, wie eine Tuchhandlung in den 30er Jahren aussah und geführt wurde. Meldet euch gern in den Kommentaren!

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13 Gedanken zu “Von Stolpersteinen und Tuchgroßhandlungen

  1. Mir fallen dazu natürlich sofort die wunderschönen Tuchhallen in Krakau ein (die einzigen, die ich kenne…), an der Pracht des Gebäudes innen wie außen kann man gut ablesen was für eine Bedeutung der Handel mit Stoffen früher hatte. https://de.wikipedia.org/wiki/Krakauer_Tuchhallen
    Leider habe ich auf die Schnelle wenig/nichts Historisches zum Gebäude und der Arbeit dort (als es noch echte Tuchhallen waren) gefunden.

    Und dann denke ich zum Thema Stolpersteine: Wie schade, dass Charlotte Knobloch keine Befürworterin der Stolpersteine ist (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/debatte-um-stolpersteine-gedenken-das-entzweit-1.2170096). Ich finde die Erinnerungssteine eine wirklich gute und wichtige Sache… wer würde sich ohne diese Anregung Gedanken über die Weiss‘ machen? Hätte ich mit den Kindern schon so oft über den Holocaust gesprochen, wenn wir hier nicht häufiger darüber „stolpern“ würden? Aber das ist ja nun ein ganz anderes Thema und führt hier definitiv zu weit.
    Danke für einen wieder mal sehr schönen und interessanten Beitrag!

    • Tut mir leid, dass der Kommentar erst nicht kam, er war in der Moderierschleife wegen der Links. Ich muss da wohl mal einen automatisierten Hinweis machen, dass man nicht so in die Irre gerät als Kommentierende. Jedenfalls danke für den Hinweis auf Krakau, jetzt habe ich direkt mehr Lust, hinzufahren. Und die Bedenken gegen die Steine werden jedenfalls von den Angehörigen meist nicht geteilt, die sind eher froh, dass die Namen bleiben. Es gibt ja auch viele, die die Steine putzen, und wenn die dann so Gold blinken – das ist schon schön.

      • Ach danke, jetzt weiß ich Bescheid! Ich dachte schon ich bin ganz deppert. Entschuldige die vielen Varianten, die ich losgeschickt habe, du kannst gerne den vorletzten Beitrag löschen, den ohne Links. Und ja, Krakau ist wunderschön! Auch wenn ich zwanzig Jahre nicht dort war, es lohnt sich sicher immer noch, auch die Umgebung.

  2. Hallo Suschna,
    das Thema Stolperstein ist für mich auch gerade sehr wichtig.
    Von der Idee zur Umsetzung ist vieles zu bedenken.
    Es ist schön auf einem Kreativblog auch einmal darüber zu lesen. Ich finde es ist wichtig zu sagen das Mutter und Tochter nicht in Auschwitz gestorben sind, sondern das die beiden in Auschwitz ermordet wurden. So steht es ja auch auf dem Stein geschrieben.
    Ich bin nun dabei einen Stolperstein setzen zu lassen, für die Freundin meiner Mutter. Sie hat es gottseidank geschafft auf geradezu abenteuerliche Weise zu überleben und konnte dann später nach dem Krieg nach Amerika auswandern.
    Das Schicksal der vielen jüdischen Menschen macht mich immer sehr betroffen und traurig.
    Liebe Grüsse von Conny

    • Liebe Conny, gut, dass du dich auch engagieren konntest. Soviel ich weiß wird der Begriff „ermordet in“ von Günter Demnig standardmäßig benutzt. Für mich wäre das nicht nötig. Gestorben in Auschwitz klingt für mich nicht weniger schlimm. Bei Mutter und Tochter Weiss gibt es Berichte, dass sich die beiden im Lager das Leben genommen haben. Egal wie, Hauptsache wir erinnern uns, finde ich, Gerade auch im Hinblick darauf, dass viele gar keine Stolpersteine wollen.

      • Ich finde es vollkommen richtig und absolut notwendig, dass die Stolpersteine mit „Ermordet in …“ beschriftet sind. Denn dieser harte und klare Begriff lässt keine Interpretationen zu. Er sagt, dass hier Menschen einen anderen vorsätzlich und absichtsvoll mit Gewalt zu Tode gebracht haben. Die Nennung des Ortes Auschwitz allein reicht nicht als eindeutiges Signum des Verbrechens in seiner ganzen Dimension aus. Vor allem deshalb, weil Generationen nachwachsen, denen die Chiffren, die wir noch mühelos deuten können, kaum oder nicht bekannt sind. Um das Verbrechen für jeden Menschen auch noch in hundert Jahren klar erkennbar zu machen, muss die Tat eindeutig beim Namen genannt werden.

        Und gerade heute, wo wir so frisch unter dem Eindruck des Massakers von Paris stehen, wird der Unterschied zwischen sterben und ermordet werden sehr deutlich. Die Menschen in Paris sind am 13. November nicht einfach gestorben – sie wurden als Opfer eines Gewaltaktes grausam und gewaltsam ermordet.

        Beste Grüße
        Ralf

      • Ja, für die Stolpersteine bin ich dabei. Ich meine bloß hier, bei mir oben im Text, könnte ich zwar – wie Conny meint – das „gestorben“ ändern, ich muss es aber nicht, nur weil auf dem Stein etwas anders steht. Ich habe ja versucht auszudrücken, dass alle, die überhaupt noch gedenken, lieber zusammenhalten sollten, statt sich an Worten oder Gedenkformen aufzuhalten..

  3. Ja, hier in Dresden gibt es viele Stolpersteine .Ich gehe da niemals drauf. Es ist gut, dass es sie gibt.
    Zuallererst habe ich auch an die Tuchhallen in Krakau gedacht. Stoff war wertvoll und mußte mehr geschützt werden, vor Wetter, Motten, Mäusen etc. als andere Dinge, die man in Markthallen oder unter freiem Himmel verkauft hat und die schneller den Besitzer wechselten. Ich denke es war wie ein Großhandel heuet auch.der einzelhändler kam und konnte sehen,befühlen und kaufte. Ob es Mindestmengen gab?
    In Görlitz gibt es Häuser, die Tuchhändlern gehörten, die quadratisch aufgebaut sind mit einem Lichthof, frei bis unters Dach, auf jeder Etage Geländer. Von dort konnte man die Stoffe nach unten hängen lassen zum Ansehen für die Kunden.. Es war trocken, gutes Licht und abschließbar.
    Viele Grüße Karen

  4. Es ist so gut, dass die Stolpersteine wahre Geschichten ans Licht bringen, so dass an diesen die Judenverfolgung an ganz konkreten Biografien nachvollziehbar wird und wir immer wieder erinnert, darauf gestoßen werden. Danke. Auch dafür: „Damals wie heute wurde zuerst der Sohn losgeschickt.“… Lieben Gruß Ghislana (Dein Büchlein ist angekommen, so ein schönes, feines, „richtiges“ Buch…, da wünsch ich mir doch gern noch weitere Babys ;-))

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