Stoffe für die Haute Couture – Industriegeschichte in Frankreich

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Stoff hängt über einem Färbebottich, Garnrollen stehen bereit im Textilmuseum des Departements Tarn in Südfrankreich. Vielleicht ist ja jemand von euch gerade in der Gegend des Languedoc und hat Lust, sich den Weg der Stoffherstellung vom Rohstoff bis zum fertigen Tuch vorführen zu lassen. Ich war komplett begeistert von der Informationsfülle in dieser alten Textilfabrik, in der auf Initiative der ehemaligen Mitarbeiter inzwischen eine große Zahl von Maschinen und Zubehör versammelt ist.

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Auch vor hundert Jahren wurde schon recycelt. Hier wird ein roter Pullover geshreddert, um danach wieder neu versponnen zu werden.

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Mit dieser Kardiermaschine werden die Wollflusen geordnet, als Vlies ausgerichtet und in Bänder geteilt für das Spinnen vorbereitet.  Unsere Führerin setzte die Maschinen in Gang. Es war beeindruckend, alles in Aktion zu sehen und zu verstehen, wie die Prozesse ablaufen.

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Wir erlebten auch, wie rasend schnell die Vliesbänder zu Garn gezwirbelt wurden. Und bekamen einen Eindruck davon, wie gefährlich die Maschinen waren, wie unglaublich laut. Die meisten Ausstellungsstücke sind kleine Versionen von größeren Maschinen.

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Auf diesem Gestell konnten Knäuel maschinell gewickelt werden .

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Im industriellen Bereich braucht man solche großen Garnrollen, die auf französisch Fromage, Käse, heißen.

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Aus großen Holzgestellen laufen die Fäden von den Käsen zur Vorbereitung der Kette für den Webstuhl.

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Und hier wird nun gewebt. War ein gewebtes Stück fertig und abgeschnitten, so mussten Frauenhände die 1500 Kettfäden wieder verbinden. Sie arbeiteten von beiden Seiten des Webstuhls aufeinander zu bis zur Mitte. Für die eine Seite waren Linkshänderinnen besonders gut geeignet. Da sie seltener zu finden waren, wurden sie besser bezahlt.

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In diesem moderneren Webstuhl schlugen und krachten die Metallschiffchen beeindruckend schnell.

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Das Gewebe wurde anschließend auf einer Art Leuchtkasten Stück für Stück nach Webfehlern abgesucht. Unten ist so ein Webfehler zu sehen. Es war dann wieder Frauenarbeit, die fehlenden Schussfäden fein säuberlich nachträglich per Hand durch den Stoff zu weben. Da man dafür besonders geschickt sein musste, gab es auch für diesen Posten Prämien .

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Bei Textilien ist es ja wichtig, sie anfassen zu dürfen. Im Museum ist das kein Problem, es gibt sogar überall Fühlproben. So versteht man auch sofort, warum die gewebten Stoffe einer Nachbehandlung bedürfen, wenn sie weicher und glatter oder fester und filziger werden sollen.

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Ein Veredelungsschritt nach dem Weben ist die heiße Wäsche in passenden Kammern. Für Militärmäntel blieben die Stoffe viele Stunden darin, bis ein schweres, fast wasserdichtes Tuch entstand.

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Es gibt noch jede Menge andere Maschinen, die das gewebte Tuch weich machen, aufrauen, scheren, glätten, verdichten, was auch immer. Insgesamt waren 32 Arbeitsschritte notwendig, um vom Rohmaterial zum lieferfertigen Produkt zu kommen.

Komplett überrascht hat mich diese Maschine unten: Das ist eine „Ratineuse“, eine Ratinirmaschine, die soll den Stoff schön zottelig und pillig machen! In den 40er Jahren waren Mäntel aus solchen gepillten Stoffen wohl in.

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Daher reiben bei dieser Maschine Filzplatten auf dem Stoff hin und her, bis die heute unbeliebten kleinen Kügelchen entstehen.

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Ein Hit ist auch diese Rolle einer Kratzmaschine, die, mit einer riesigen Menge Distelköpfen Karden ausgestattet, Tuche schön aufflauschte. Im Anschluss an das Aufrauen waren Frauen damit beschäftigt, die im Flanell hängengebliebenen Pflanzenstückchen mit Pinzetten wieder herauszuzupfen. Nach und nach wurden die Karden in den Rauhmaschinen durch Metallhäkchen ersetzt. (Dank an Croco, die inzw. darauf hingewiesen hat, dass Karden botanisch nicht zu den Disteln gehören).

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Tuchrauher mit Kratze aus Weber“disteln“, 1695, Ausschnitt via Wikicommons

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Tuchbereiter mit Distelkarden und Tuchschere, 1611. Ausschnitt via Wikicommons

Im ersten Stock der alten Fabrik geht es um Trikotherstellung,  außerdem wird Kleidung gezeigt, die mithilfe der Textilindustrie in der Gegend entstanden ist. Die großen Couturehäuser waren bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts Kunden. Vertreter reisten mit Stoffproben immer wieder nach Paris. Es brauchte viel Mühe, bis zum Beispiel Courrège mit einem Roséton zufrieden war, der ihm eigentlich zu sehr in Richtung Himbeere ging.

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Das Muster dieses Dior-Oberteils heißt Hennentritt, „Pied-de-poule“, weil es ein kleines Muster ist.

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In der größeren Version dieses wunderbaren Mantels wird das Muster zum uns bekannten Hahnentritt, „Pied-de-coq“.

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Ein tolles Strickkleid…

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… und noch viele Utensilien, wie zum Beispiel diese Pappen für einen Plissiermaschine.

Es gab noch unendlich viel mehr zu sehen. Im obersten Stockwerk war Platz für eine kleine aber feine Ausstellung experimenteller Mode. Für alle Textilbegeisterten in der Gegend lohnt sich die Fahrt zum Museum auf jeden Fall. Leider sind die Exponate nur französisch beschriftet, aber unsere sehr nette Führerin versicherte mir, ihre Kolleginnen könnten fremdsprachigen Besuchern auch alles auf Englisch erklären.

Am Ende schwirrte mir der Kopf, eigentlich müsste ich wieder hin um noch mehr zu fragen und zu verstehen. Ich habe es auch nicht mehr zu der einzigen noch funktionierenden Stoffmanufaktur im Ort geschafft. Bei den Toiles de la Montagne Noire kann man ebenfalls in eine alte Fabrik hineinschnuppern und dort hergestellte Stoffe kaufen.

MUSEE DEPARTEMENTAL DU TEXTILE, Labastide-Rouairoux

Im Departement Tarn, Haute-Languedoc, in den Bergen Montagne Noire.

Etwas mehr zum Museum auf Englisch hier und hier.

Falls jemand im deutsprachigen Raum ein ähnlich ausgestattetes Industriemuseum kennt, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Was schon einmal jemand in der Tuchfabrik Müller in Euskirchen? Das hört sich auch gut an. Nach so einem Besuch betrachtet man einen Stoff mit sehr viel mehr Ehrfurcht.

Bon voyage allen, ob im RL oder virtuell. Bis bald!

24 Kommentare

  1. Hier in Reutlingen gibt es das Industriemagazin http://www.reutlingen.de/industriemagazin. Dort sind fast alle hier vorgestellten Maschinen und noch einige mehr zu sehen.

    An Samstagen finden auch Vorführungen statt.

    Besonders beeindruckend fand ich die Jacquard Webstühle. Vor der Industriealsierungen standen Kinder auf Brettern über dem Webstuhl. Der Weber hat eine Nummer gerufen und das Kind hat den entsprechenden Litzenfaden hochgezogen.

    Es gibt auch noch uralte Webstühle, eine Kardiermaschine, Spinnmaschine, Strickmaschinen etc..

  2. In Forst gibt es ein Textilmuseum, in dem der erste Teil der Stoffproduktion – bis zur Veredelung – gezeigt wird. Die Maschinen fürs Filzen und Aufrauhen haben sie dort nicht. Und die Produktion war nie auf hochwertige Stoffe ausgerichtet, es wurden Stoffe für Uniformen und die Konfektion hergestellt. 2010 hatte ich darüber mal geschrieben: http://nahtzugabe.blogspot.de/2010/09/brandenburgisches-textilmuseum-forst.html Das Museum ist aber recht klein, sicher nicht zu vergleichen mit dem französischen. Ich muss den nächsten Urlaub nähnerd-strategisch planen, scheint mir!

  3. Sehr schöner Post. Und ich habe sofort gedacht, dass ist ja fast wie in Chemnitz, wo ich vor ein paar Jahren im Sächsischen Industriemuseum war.
    http://web.saechsisches-industriemuseum.com
    Das kann ich unbedingt weiterempfehlen! Vor allem für die ganze Familie gibt es viel Interessantes zu entdecken. Am besten fand ich jedoch, dass die meisten Maschinen von erfahrenen Leuten vorgeführt wurden. Auszug aus der Homepage:
    „Versäumen Sie keinesfalls den Gang ins Untergeschoss. Dort erhalten Sie Einblicke in den lange Zeit wichtigsten Bereich der sächsischen Wirtschaft, die Textilindustrie. Eine solche Auswahl voll funktionsfähiger Textilmaschinen, die zum Teil noch aus dem späten 19.Jahrhundert stammen, finden Sie an kaum einem anderen Ort. Hier können Sie auch selbst experimentieren und ausgewählte Maschinen in Aktion erleben.“
    Die ehemalige Tuchfabrik der Gebr. Pfau im benachbarten Crimmitschau ist ebenfalls sehenswert. Hier wurde noch bis 1990 unter sehr einfachen Bedingungen gearbeitet.
    Diese neuen Museen sind echt ne Reise wert!
    Herzliche Grüße von Andrea aus Nordsachsen

  4. Bandweberei Kafka für wunderschöne Webbänder in Wuppertal – nach vorheriger Anmeldung kann man die Weberei besichtigen.

  5. Ich war schon einmal im Industriemuseum in Euskirchen. Wir haben damals eine Führung gemacht und die haben von der Baumwolle bis zum fertigen Stoff auch alle Maschinen da. Da wurde auch Kleidung für das Militär hergestellt. Der Besitzer der Fabrik hat damals von heute auf morgen den Betrieb eingestellt und deswegen ist da noch alles so, wie es damals ausgesehen hat.
    Es lohnt sich auf jeden Fall!
    Deine Infos über das französiche Museum hören sich allerdings etwas ausführlicher an. Das Museum in Euskirchen ist kleiner, aber auf jeden Fall die Reise wert!

    Liebe Grüße
    mei

  6. Danke allen! Ich hätte ja nie gedacht, dass es so viele Ausstellungen zur Textilindustrie gibt, bzw. dass sich ein Besuch lohnt. Ich mache auf jeden Fall ein Liste. Wenn jemand einen Ort besichtigt hat und empfehlen kann, ist das so viel mehr wert als nur ein Hinweis bei einem Tourismusbüro. (Davon kann ich zur Zeit ein Lied singen, was die Communes in F und ESP so alles zum Highlight aufblasen, irre.)
    Also, falls jemand noch mehr Tips hat für den deutschsprachigen Raum, immer her damit!

  7. Sehr interessanter Beitrag. Lustig dass es hier gerade einen Roséwein aus dem langeduec von Blancville
    Zu probieren gibt.
    Weiter einen schönen Urlaub.
    LGschurrmurr

  8. Das ist ein Superbericht, Suschna. Das ist dort wirklich sehr umfassend ausgestellt, wenn die Maschinen dann noch in Betrieb genommen werden können ist das umso plastischer. Und toll auch für Kinder!

    Wenn ich das hier in den Kommentaren so lese scheint es in Deutschland fast mehr Textilmuseen als wirklich relevante Textilbetriebe zu geben…..
    Ich steuere nämlich noch das Maschenmuseum Albstadt bei, das hat sich mehr auf Strickerei spezialisiert, aber auch etwas Konfektion ist dort zu sehen. Und frühe Industriegeschichte mit einer mächtigen Dampfmaschine, die das damals alles am Laufen gehelten hat!

  9. Feiner Beitrag! Toll dass es das dort so konzentriert gibt. Vieles kam mir sehr bekannt vor. Du findest in deutschen Landen viele Museen, aber eben verteilt zu bestimmten und speziellen textilen Bereichen.Lycy muß ich widersprechen, dass in Forst nicht hochwertiger Stoff produziert worden ist, Kann man sicher nicht mit italienischen Tuchen für die Savile Row vergleichen, aber es waren auch sehr gute Wollgewebe dabei.Eben nur nicht Masse. Chemnitz kann ich auch unbedingt empfehlen.
    An die Sichtkästen kann ich mich auch noch erinnern, als ich vor dem Studium Industrieschneider gelernt habe.Ich fand es total krass 8 Stunden auf eine Fläche zu starren und Fehler entdecken zu müssen.
    Die Wiederverwertbarkeit heute wird aber immens boykottiert, weil alles vermischt wird mit Chemischen Fasern, damit stirbt die klassische Aufarbeitung und irgendwelche neuartigen Verfahren müssen erst entwickelt werden, um das neu zu verwerten.
    Viele Grüße karen

  10. Danke für die tollen Bilder und den sehr schönen Beitrag. Man macht sich wirklich zu selten Gedanken darüber welche Arbeit hinter solchen Stoffen steht.

  11. Viel kleiner und doch interessant: das Baskenmützenmuseum in Nay an den Pyrenäen.
    Und natürlich alles im Original: die Inseln Harris und Lweis als Geburtsstätte des Tweed
    http://croco.myblog.de/croco/art/6756543/Webfimmel
    Eine kleine Anmerkung: die Karden gehören botanisch nicht zu den Distel sondern zu den Kardengewãchsen. Ich lasse immer ein paar stehen im Garten, zum Andenken an das Kardätschen ;)

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