Strohwitwerzug und Kinderkolonie – Berlin macht Ferien 1900

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Im Herrenbad am Halensee in Berlin vernügen sich die Männer.

Die Frauen, deren Gatten es sich leisten können, sind da schon an der Küste.

Fängt ach, der heisse Juli an,
Schickt der Berliner Ehemann
Gleich fort sein Weib, wenn’s irgend geht,
Nach Heringsdorf, wo’s kühler weht,
Dass sie sich recht erholen soll…

(Aus dem  Lied Der Ehemannszug nach Heringsdorf.)

Am Wochenende besuchen die Ehemänner ihre Frauen dann mit der Bahn. Die Zeitschrift Berliner Leben von 1904 zeigt den sogenannten Strohwitwerzug kurz vor der Abfahrt nach Usedom.

1904 strohwitwer

Die Zeitung schreibt dazu

„Während der Badesaison fährt vom Stettiner Bahnhof jeden Sonnabend um 6 Uhr nachmittags herum ein Zug ab, der eine ganz besondere Physiognomie hat; seine Passagiere gehören nämlich fast ausschließlich dem stärkeren Geschlecht an. Sie rekrutieren sich sämtlich aus dem vergnüglichen Stande der Strohwitwer, und es ist für den vom gleichen Los nicht Betroffenen höchst amüsant, die verschiedenen Grade von Schnelligkeit und Eifer zu beobachten, mit dem sie dem Beförderungsmittel zustreben, das sie ihrer am sonnendurchglühten Ostseestrande weilenden besseren Hälfte zuführen soll.

Die Jungvermählten freuen sich wohl tatsächlich auf ein Wiedersehen, aber

„…man sieht auch andere, die sich mürrisch in eine Coupéecke werfen und verdrießlich an die lange Nachtfahrt im überfüllten Zuge und die Anstrengungen des kommenden Tages denken. Plötzlich fahren sie erschreckt zusammen und fassen in die linke Westentasche, wo das Symbol ihrer Gefangenschaft seit der Abreise der teuren Gattin ein verschwiegenes Dasein gefristet hat, und mit wehmütigem Seufzen stecken sie den Goldreifen an den Finger. Diese Kategorie ist besonders dadurch kenntlich, dass sie, über die erste Jugend heraus, sich einer beträchtlichen Leibesfülle erfreut, und in der Kunst, die letzten Überreste ihres ehemaligen Haupthaares so zu ordnen, dass es aussieht, als ob sie noch mehr hätten, die höchste Vollkommenheit erreicht haben.

berliner leben 1905reise

Wer sich keine Reise leisten kann, bleibt in Berlin. Für die Kinder aus den Mietskasernen gibt es die Ferien-Kolonien. Sie werden mit der Straßenbahn und per Schiff an die frische Luft, zum Baden und ins Grüne gefahren.

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Im Flussbad 1904 verbieten Schilder das Hinausschwimmen in die Spree und das Abseifen außerhalb der Seifzelle.

Verpflegt werden die Kinder auch.

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Oben: Milchausgabe in der Ferienkolonie Blankenfelde 1909, unten: Vesper 1904.

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Die Jungen in der Badeanstalt könnten auch tatsächlich ein bisschen Speck auf den Rippen gebrauchen.

berliner leben 1905 ferien

 

Währenddessen in Heringsdorf: Drei Herren genießen den Strand. Einer nutzt die Pause dafür, mit einer Bartbinde seinen Schnurbart wieder in Form zu bringen.

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Morgen beginnen in Berlin 2015 wieder die Ferien.

Gute Reise allen, sei es ins Stadtbad oder an den Strand!

 

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Bilder aus der Zeitschrift Berliner Leben, via ZLB, Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

7 Kommentare

  1. Suschna, ich liebe deine Zeitreisen.
    Vielen Dank für die Geschichten aus dem Alltag, die in den Schulbüchern nicht mal angeschnitten werden.
    (Eine alte Dame hat mir vor vielen Jahren mit glühender Begeisterung von den Reisen mit der Hitlerjugend erzählt, sie war da wohl oft an der Küste und einmal sogar in Norwegen. Dass diese Verschickungen keine Erfindung der Nazis waren, das wusste ich nicht. Ich hatte immer mit dem Zynismus zu kämpfen- erdst wurden die Kleinen in die Sommerfrische geschickt und dann ein paar Jahre später an die Front.)

    • Über diese kolonien hätte ich gern noch mehr recherchiert. Es gab auch halbferien?-kolonien, schwer, etwas dazu zu finden.

  2. Oh wie prima die Fotos und dazu deine Feststellungen. Das Leben ist kein Ponyhof…aber Jugend setzt sich durch und hat -wenns sein muss- überall ihren Spaß. Natürlich bestand eine sichtbare Notwendigkeit, die Kinder an die Luft zu schicken und tatsächlich aufzupäppeln.
    Von den Usedom-Zügen habe ich schon gehört, da gab es damals noch eine Brücke übers polnische Haff und damit eine schnelle durchgehende Verbindung. Toll der ironische Kommentar von damals…
    Für heute würde ich es mir anders wünschen: Männer und Kinder ab an die See, Frauen können zuhause in Ruhe arbeiten und abends in schöne Modefilme ins Kino oder Nähnerdtreffen open end…………Mir persönlich ermangelt es dabei an verschickungswürdigen Kindern, sind alle erwachsen und können schon alleine am Strand surfen.
    lg Carmen

  3. Liebe Suschna, wie wunderbar! Wir kommen eben aus Herinsdorf … und nun geh ich in Ruhe lesen. Danke-danke-danke — und dir ganz liebe Grüße! von Gisa.

  4. Schön, was du wieder für Bilddokumente aufgetrieben hast.Für die Berliner war die See erreichbar ab Jahrhundertwende. Weiter südlich war das dann schon zu weit. da hat man dann Sommerfrische in der Nähe gemacht. Wie die Jungen im Bad, sahen die Kinder zu meiner Schwimmbadzeit auch aus.
    Die komplette Garderobe auch in HochSommerzeiten fasziniert mich immer wieder. Wir gehen heute in Unterwäsche auf die Strasse sozusagen. Zeitreisende würden wohl einen Schock erleiden.
    Schöner Sommerbeginn!
    Viele Grüße Karen

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