Einwandern und Auswandern

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Mehr als 16 Millionen Menschen erreichten zwischen 1892 und 1954 die Einwanderungsstation Ellis Island in den USA. Die kleine Insel vor New York wurde auch „Insel der Tränen“ genannt, weil sich dort entschied, ob man einreisen durfte oder in die Heimat zurückkehren musste. Ein Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde, Augustus Sherman, begann 1905 damit, die Neuankömmlinge zu fotografieren. Der Amateurfotograf inszenierte die Bilder sorgfältig und bat die Menschen, ihre mitgebrachten Trachten anzulegen.

Der Kleidung nach kommen die drei niederländischen Frauen aus der Provinz Zeeland und sind, das zeigt die Form der Hauben, protestantischen Glaubens.

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Die zwei Rechtecke, die da Biene-Maja-artig vorn am Kopf zu sehen sind, gehören zu metallenen Kopfspangen, mit denen die Hauben gehalten wurden. Im Met-Museum gibt es ein ähnliches Stück aus Silber zu sehen.

Ein exotischer Einwanderer aus Bayern posiert ebenfalls für den Fotografen:

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nKinder aus Lappland

g hFrau aus Italien

h Frau mit Kindern, Slowakei

jjDeutscher blinder Passagier

Alle Bilder: The New York Public Library Digital Collections, Augustus Sherman

Zu dieser Migrationsgeschichte gibt es ein tolles Museum, ein Erlebnismuseum für die ganze Familie: Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Über 7 Millionen Menschen starteten im letzten und vorletzten Jahrhundert von der Nordseeküste in Bremerhaven nach Übersee. Im Museum wird man am Anfang des Rundgangs zu einer dieser Millionen Menschen und verfolgt die individuelle Auswanderungsgeschichte. Man wartet in der Wartehalle, steht am Kai bei der Verabschiedungsszene, ist auf dem Schiff unterwegs.

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Am Ende kommt man in Ellis Island an, muss die Registrierung zwischen Käfigwänden abwarten, bis sich einem das Grand Central Terminal in New York öffnet.

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Auf einer zweiten Reise geht es dann im Jahr 1973 weiter, Deutschland hat gerade den Anwerbestopp für Gastarbeiter beschlossen. Der Besucher wird zu einem Einwanderer in Deutschland und folgt einer von 15 Biographien.

In der momentanen Situation hilft es sehr, sich immer wieder der Geschichte zu erinnern. 1907 wurden täglich bis zu 5.000 Einwanderer auf Ellis Island registriert. 1992 hat Deutschland 400.000 Asylanträge bewältigt. Dieses Mal werden es sehr viel mehr, ja, aber ein Grund für Angst? Seit einem Jahr lebe ich in Laufweite verschiedener Notunterkünfte, in denen Platz für inwischen mehr als 2.500 Menschen ist. Wenn ich nicht hin und wieder dort mithelfen würde, hätte ich im Alltag kaum etwas von dieser Veränderung bemerkt.

Als Mutmacher nehme ich Artikel wie diesen: „Flüchtlinge in einer Kleinstadt – Lüchow schafft das„.  Nürnbergs Oberbürgermeister hat in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel  vernünftige Vorschlägen, wie es gehen könnte. Er zitiert dazu den Soziologen Bude:

Wer Angst hat, verkennt das Wirkliche, vermeidet das Unangenehme und verpasst das Mögliche.

Einfacher noch ein Motto aus dem Auswandererhaus, dem ich hier folgen will:

Aus Angst wird Neugier.

 

 

 

18 Kommentare

  1. liebe Suschna, danke für diesen wertvollen artikel. ja, es ist gut, sich zu erinnern, ja, es ist gut, mal die perspektiven zu wechseln. an die vielen amerikafahrer denke ich dieser tage auch so oft… unter anderem. also noch mal: danke

  2. Vielen vielen Dank. Bin auf dem Weg ins Bett, daher etwas wenige Worte.
    Es wäre einfach schön, wenn du die Titelseiten der BILD der nächsten Tage und Wochen umgestalten dürftest. In einer besseren Welt…

    • Die ganzen miesen Meldungen lese ich nur sehr dosiert. Immer nur soviel, wie Kraft da ist, genau wie bei der Hilfe.
      Nun gute Nacht allen für heute, danke fürs Vorbeischauen.

  3. Tolle Sachen was du da immer findest…! Immer deutlicher findet ja Geschichtsvergessen statt, da ist es gut wenn es mal jemand wieder hochschreibt.
    Das Thema beschäftigt mich doch auch sehr, bin ich doch in einem traurigen Flüchtlingshaushalt aufgewachsen, der nie damit abschließen konnte. ..Pommernland ist abgebrannt. ..das war sehr schön da als Kind, aber rückblickend auch eine spürbare unendliche Trauer um den Verlust der Heimat.
    Gibt es etwas schlimmeres in der Entwicklung eines Menschen als der Verlust der Wurzeln? Wie wichtig Wurzeln sind erfahre ich ja auch immer wieder in meiner Arbeit.
    Schlimm wenn man das alte kappen muss, und nicht neu wieder Wurzeln schlagen zu können.
    So war es auch bei meinen Großeltern. Fremde und Anders bis zum Schluss .

    • Darüber denke ich inzwischen auch mehr nach. Bin selber verwurzelt und sehe die Unterschiede zu denen, die eine andere Familiengeschichte haben, auch. Aber in Berlin fällt das kaum auf, weil alle von woanders sind.

  4. Bei uns geht die lokale Presse eigentlich sehr gut mit der Problematik um, da ist wenig Platz für Hetze.
    Das stört aber viele Bürger, die schon von Zensur reden und unreflektiert Ängste haben. Das ist in Leipzig ( da bin ich am Wochenende etwas erschrocken) noch schlimmer als hier. Aber bei anderen mit Vorurteilen aufzuräumen ist so mühsam. Und unwillkommen.
    Gerade deshalb ist es immer wieder gut, Artikel wie den deinen zu lesen, vielen Dank!

    (Das Museum in Bremerhaven guck ich mit im April mal an!)

  5. Sehr gut und wichtig dein Beitrag, viele Menschen scheinen im Vergessen groß und ignorant zu sein und im hineinfühlen solcher Situationen sowieso. Ich wünschte Tausende und aber Tausende würden hier lesen!!!
    Dieses Museum möchte ich gern mal in natura sehen.Danke!

  6. Interessant finde ich vor allem auch den Aspekt, dass die Menschen, die ja sicher nur ganz wenig Habe mit aufs Schiff nehmen konnten und offenbar in Alltagstauglicherer Kleidung gereist waren, ihre Trachten für so „bewahrenswert“ erachteten, dass sie lieber diese anstelle von anderen Dingen einpackten und damit ein Stück ihrer Identität mit in das große unbekannte Abenteuer nahmen.
    Im Grunde besteht ja halb Amerika aus „Wirtschaftsflüchtlingen“ (ein ganz schreckliches Wort) oder Menschen, die aus religiösen Gründen aus Europa flüchteten. Das darf man nie vergessen… LG mila

  7. Der Vergleich mit Ellis Island hinkt ein bisschen – denn da war von unregistrierter Massenmigration keine Spur, da wurde sehr genau gesiebt, wer einreisen darf und wer nicht – eine gewisse finanzielle Basis und Gesundheit wurden z. B. vorausgesetzt. Ellis Island war im Prinzip eine Transitzone mit sofort erfolgender Abschiebung bei denen, die die Kriterien nicht erfüllten. Das Museum auf Ellis Island ist übrigens sehr, sehr empfehlenswert und interessant!

    • Hier geht es ja eher übergreifend um Migration und die Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Wenn du mehr über Ellis Island weißt: War es üblich, dass die Auswanderer Trachten, Hauben etc. im Gepäck mitbrachten?

      • Ich kann mich nicht mehr so gut erinnern, aber meine, in der Ausstellung von Migrantengepäck Trachten bzw. Teile davon gesehen zu haben. Was es wohl gab, war eine Charityorganisation von Frauen, die den Kulturschock für die armen, armen vorausgezogenen Männer lindern wollten, indem sie den neu ankommenden Ehefrauen in Ellis Island zeigten, wie sie sich aufhübschen konnten (also: kein trachtig-provinzielles Kopftuch, schickeres Haarstyling). Ich habe leider keine Ahnung mehr, wo ich das gelesen habe.

  8. danke für deinen informativen und wichtigen bericht! ich bin auch für lisas vorschlag!!
    das auswanderhaus in bremerhaven hab ich mir auch schon für einen besuch vorgemerkt.
    lieben gruß von mano

  9. […] Ganz ohne ein bestimmtes Thema zu meinen, möchten wir hier noch eingermaßen dringend ein wirklich schönes Blog zum Thema empfehlen, die “Textilen Geschichten” von Suschna. Man lernt etwas, man wird bestens unterhalten, so macht Kulturgeschichte Spaß. Und von diesem Blog aus kann man wieder zu einem anderen aktuellen Thema überleiten, zu Flucht und Migration. Es gibt dazu nämlich einen interessanten Text im Blog und ja, es hat auch etwas mit Mode zu tun. […]

  10. […] Ganz ohne ein bestimmtes Thema zu meinen, möchten wir hier noch eingermaßen dringend ein wirklich schönes Blog zum Thema empfehlen, die “Textilen Geschichten” von Suschna. Man lernt etwas, man wird bestens unterhalten, so macht Kulturgeschichte Spaß. Und von diesem Blog aus kann man wieder zu einem anderen aktuellen Thema überleiten, zu Flucht und Migration. Es gibt dazu nämlich einen interessanten Text im Blog und ja, es hat auch etwas mit Mode zu tun. […]

  11. […] Waren die Kittel auf den Fahnungsfotos wie eine Kostümierung inszeniert, um den Anschein der bäuerlichen Sesshaftigkeit geben? (Wird in einem Beitrag zum Thema vermutet). Ich kann das nicht so recht glauben, jedenfalls sind die Kittel sehr unterschiedlich ausgestaltet, teilweise bestickt. Da hätte der Fotograf schon eine große Kostümkiste haben müssen. Dennoch erinnern die Bilder auch an die Einwandererfotos von Ellis Island. […]

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