Woher kommt „blau machen“ und „blau sein“? – Rätselhafte Redensarten II

Gerade ist die Berliner Polizei in den Schlagzeilen, weil sie ein bisschen zu viel gefeiert hat.

Als Strafe wurden die Hundertschaften vor ihrem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg wieder zurück nach Berlin geschickt. Manche mutmaßten, sie wollten „blaumachen“.

Blau machen, blau sein – wieso sagt man das?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Ausdruck hat nichts mit Blaufärben zu tun, auch wenn das oft erzählt wird. Blau machen hängt wahrscheinlich mit dem blauen Montag zusammen, der ganz früher zunächst ›guter Montag‹ hieß. Dieser gute Montag ist schon seit dem 14. Jahrhundert als freier Tag für die Handwerksgesellen belegt, später wird er dann auch blauer Montag genannt. Ein Handwerker durfte vier blaue, also freie Montage im Jahr haben – einen je Quartal (die waren übrigens hart erkämpft). Zum Hintergrund habe ich in „Am Rockzipfel“ geschrieben:

Warum dieser Montag blau genannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht spielen die Farben der verschiedenen Zeitabschnitte im Kirchenjahr eine Rolle. So hieß der Montag vor Beginn der Fastenzeit, der uns als Rosenmontag bekannt ist, lange Zeit blauer Montag. Andere Namen waren Fraßmontag oder Narrenkirchweih – schließlich wollte man sich vor Beginn der Fastenzeit noch einmal richtig gehen lassen. Der blaue Montag wurde dann zum Begriff für alle Tage, an denen man außer der Reihe feierte. »Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen« heißt es über ein Fest Ende des 19. Jahrhunderts. (Am Rockzipfel, S. 85)

Neben dieser Erklärung sehen manche auch noch eine Verbindung zum jiddischen Wort belo = „nichts, ohne“. Daraus könnte das Blaumachen als „Nichtstun“ entstanden sei.

Und wieso ist man blau, wenn man besoffen ist? Auch hier gibt es wieder mehrere mögliche Erklärungen, zum Beispiel wurde „er ist blau“ auch noch bis ins letzte Jahrhundert als „er ist dumm“ verstanden. Bei Schwindel hieß es früher „mir wird blau vor Augen“, heute ist daraus „schwarz vor Augen“ geworden.

Blau sein für ›betrunken sein‹ ist erst sehr viel später belegt als der blaue freie Tag der Gesellen. Es ist durchaus möglich, dass sich die jungen Männer vor ihren freien Tagen besonders betranken und prügelten – vielleicht sogar blau prügelten. Oder sie waren so hinüber, dass ihnen schummrig ›blau vor Augen‹ war. (Am Rockzipfel, S. 86)

 

Das Blaumachen und der blaue Montag haben also nicht viel mit Textilien zu tun, auch wenn eine populäre Erklärung eine Verbindung zu den Blaufärbern im Mittelalter sieht. Der beliebten Legende zufolge mussten die Gesellen der Blaufärber viel Alkohol trinken, weil für den Gärungsprozess der Farbstoffe Urin notwendig war. Außerdem sollen sie sich am Montag den ganzen Tag ausgeruht haben, um der Farbe Zeit zum Oxydieren, zum Blauwerden zu lassen.

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Diese Erklärung wird aber von der Sprachforschung widerlegt. (Wer sich selbst ein Bild machen will, kann in dieser Dissertation stöbern: Etymologie der Farbworte.) Dass das mit dem Oxidieren so nicht stimmen kann weiß man aber auch, wenn man schon einmal selbst mit Indigo oder Färberwaid gefärbt hat. Der Farbton entwickelt sich schnell, wenn er mit Luft in Verbindung kommt. Warum sollte das Blaumachen außerdem ausgerechnet an einem Montag sein, warum mussten die Gesellen für eine große Menge Urin unbedingt Alkohol trinken? Mit ein bisschen Überlegung landet die populäre Geschichte vom Blaumachen der Blaufärber schnell im Bereich der Legende.

Dyers' Quarters, Kanda LACMA M.66.35.171857

Die Blaufärber haben übrigens auch nichts mit dem Wort einbläuen zu tun. Einbläuen kommt nicht von der Farbe, sondern vom althochdeutschen Wort blinwan im Sinne von ›wild gebärden, prügeln‹.

Damit haben wir den Kreis geschlossen zu den Berliner Hundertschaften. (Die im übrigen nach ihrer Rückkehr in die Heimat gar nicht blau machen konnten, sondern gleich wieder gefordert waren – wegen eines Stromausfalls in einem Stadtteil.)

 

Top und Flop im Urlaub

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Brandneue Schuhe und uralte Katzenspuren. Nachfolgend eine geballte Ladung Urlaubserinnerungen – kann gern auch in kleinen Stücken genossen werden.

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Urban Crochet in Llanca, Costa Brava

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Dort wurden sogar Kajaks eingehäkelt – komischerweise aber nannten sie es Urban Knitting.

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Portbou

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Hier in der spanischen Grenzstadt gleich neben Frankreich nimmt sich 1940  der Philosoph Walter Benjamin in einem Hotel das Leben. Er fürchtet die Auslieferung an die Deutschen, seit sieben Jahren ist er bereits auf den Flucht vor den Nazis. Heute führen in seinem Gedenken Stufen endlos ins Meer – ein sehr beeindruckendes Denkmal.

Walter Benjamin beschäftigte sich auch mit der Mode, denn er war überzeugt davon, dass sich in ihr zukünftige Entwicklungen ablesen lassen:

„Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge. Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im Voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzesbücher, Kriege und Revolutionen.“

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Häkelgarn ist so wichtig wie ein Taschenmesser

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Mein Knäuel leistete so gute Dienste! Die Hüte bekamen Bänder gegen das Wegfliegen im Tramontane-Wind, der Rock wurde mit dem Garn zur Hängegardine, der flatternde Sonnenschirm am Strand konnte an Steine gebunden und gesichert werden.

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Burkini

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Hin und wieder hatte ich W-Lan und konnte den Aufschrei verfolgen, der außerhalb Frankreichs durch den Burkini-Bann an französischen Stränden ausgelöst wurde. Vor Ort sah die Sache ganz anders aus und ich wunderte mich über die platte und verfälschte Berichterstattung im Ausland. Wieso will niemand wissen, was in Frankreich anders ist, warum ein so irrationales Verbot einen so breiten Konsens in einer eigentlich ganz vernünftigen Bevölkerung haben kann – nicht nur unter Rechten? Wenn ich das Verbot auch nicht gutheißen konnte, so konnte ich doch nachempfinden, warum die Menschen an der vom Terrorismus so hart getroffenen Mittelmeerküste jedenfalls im Moment am „Tatort“ keine Zeichen eines konservativen Islam sehen wollen, Pietät verletzt sehen. Aber das ist nicht alles, und mehr dazu sprengt hier den Rahmen…

tag5   Hotelkissen à la Louise Bourgeois – ein Zukunftsprojekt!

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Cloître Saint-Trophime in Arles mit in Stein gehauenen Textilien.

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Musee des Tissus in Lyon

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Die größte Enttäuschung des Urlaubs. Ich hätte (wie damals in Bayeux) fast geheult, als ich nach langer Anreise endlich die abgedunkelten Räume in dem altem Stadtpalais in Lyon betrat und merkte: Der ganze Aufwand wird sich nicht lohnen. Große kostbare Stoffbahnen hinter Glas mit langwierigen Erklärungen in winziger Schrift, die ich auch mit Lesebrille nur mit Mühe entziffern, geschweige denn verstehen konnte. Mein Französisch ist alltagstauglich, aber für die gedrechselten Bandwurmsätze reichte es nicht. Übersetzungen in andere Sprachen? Fehlanzeige. Wie in allen Museen, die den Schuss noch nicht gehört haben, verhindert ein Fotografierverbot, dass man wichtige Details später zuhause nachrecherchieren kann.

Das Museum mit einer der größten Stoffsammlungen der Welt (von der man nicht viel zu sehen bekommt) stand aus Finanzierungsgründen kurz vor der Schließung, ich hatte hier darüber berichtet und auch eine Petition für die Rettung unterzeichnet. Sicher hängt das rückständige Konzept auch mit Geldmangel zusammen, daher muss man die 10 Euro für den Eintritt schlucken und sich mit der visuellen Schönheit der alten Seiden (und einiger fein restaurierter Kostüme) begnügen.

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Wie eine gute Vermittlung aussehen kann zeigt das Monastère Royale de Brou in Bourg en Bresse. Ein Zufallsstop, der mich hellauf begeistert hat. Das spätmittelalterliche Kloster ist eine einzige große Liebeserklärung einer starken Frau an ihren nach nur kurzer Ehe verstorbenen Mann. Margarete von Österreich wurde als 24 jährige schon zum zweiten Mal Witwe, nach nur zwei Jahren Ehe mit Philibert dem Schönen. Sie heiratete nie wieder und ließ für die Grabstätte ein großes Kloster mit einzigartigen Steinmetzarbeiten errichten. Die Ornamentik ist übersäht mit durch Kordeln verschnürten Initialen, P&M für Philibert und Margarete, aus Stein gehauenen Margeritenblüten (ihre Blume), Federn (weil sie eine gebildete Frau war) und ziselierten Grünkohlblättern (warum, weiß das jemand?).

Sie war wirklich eine Motto-Queen, denn ihren Wahlspruch, ein Wortspiel:

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„Fortune Infortune fort une“, findet man zigfach aus Stein und auf Glas verewigt. Ich übersetze es mir mit  „Glück und Unglück macht Eine stark“. Ich hätte noch viel länger dort bleiben können. Der Audioguide auf Deutsch erklärte alles sehr gut und mit der Möglichkeit, bei Bedarf auch immer weiter ins Detail zu gehen.

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Vom spätgotischen Prunk nun ein starker Schwenk in die französischen Pyrenäen, dort lief ich ein bisschen ganz allein auf dem Jakobsweg. Auf Zeichen der höheren Mächte musste ich nicht lang warten. Zuerst lag ein Museum am Wegesrand, das Musee de Cerdagne, ein alter Hof mit sprechendem Gemüsegarten und Erklärungen der örtlichen Traditionen wie der Schafzucht. Dort lernte ich, dass schwarze Schafe eigentlich gar nicht schwarz sind – die weißen und braunen Socken auf dem Foto sind aus ungefärbter Schafwolle gestrickt.

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Das nächste göttliche Zeichen auf meinem Mini-Jakobsweg war dann ganz eindeutig: Irgendwo auf einem Hügel erhielt ich die Nachricht, dass in der Heimat Riesenbuchbestellungen eingingen (juhu!), aber logistische Probleme zu meistern waren.

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So saß ich da auf der Hochebene und verschickte Orga-SMS. Es hat dann alles gut geklappt, irdischen guten Geistern sei Dank.

Damit ist die Sache ist klar! Ich mach dann mal so weiter…

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Meisterwerken auf die Naht gefühlt

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Die Flügelhaube dieser jungen Frau von ca. 1440 wird mit Nadeln gehalten. Zum Glück haben Maler wie Rogier van der Weyden genau hingeschaut, so dass wir eine Menge aus den Kleidungsdetails in alten Bildern lernen können. Für den Gesamtanblick könnt ihr zum Bildnis einer jungen Frau bei Wikimedia/Google Art Project gehen.rogiervanderWeyden1aGA

Manche Bilder dort sind so hochauflösend fotografiert worden, dass auch große Werke wie Die Gesandten (1533) von Hans Holbein dem Jüngeren bis in jeden kleinen Pinselstrich betrachtet werden können. Hier drei Ausschnitte:

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Hans Holb younger amba3GATotal faszinierend finde ich diese Strukturen und Texturen, die kleinen Fäden, die aus dem Teppichrand hängen, die Verschlussdetails .

Noch einmal Rogier van der Weyden bzw. seine Werkstatt, Porträt Isabella von Portugal, (1450/1500). Das Gewebe im Detail:

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Bei  Charles de Solier hat Holbein sich ganz genau um die aufgestickten Schnüre des schwarzen Gewands gekümmert:

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Auch bei Holbeins Porträt von Heinrich VIII. , ca. 1537,  blitzt das Hemd schön weiß aus den Schlitzen hervor:

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An der Schulternaht des Hemdes  sieht man ein kleines schwarzes Stickmuster.  Blackwork-Stickerei mit schwarzem Seidenfaden auf weißen Grund war sehr populär zur Zeit Heinrich VIII.  Bei den Ärmelabschlüssen von Jane Seymour hat Holbein d. J. 1536 jeden einzelnen Stich der Schwarzstickerei dargestellt:

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Jane Seymour trägt roten Samt mit goldenem Netzwerk. Die Fixierung des Vorderteils blitzt in goldenen Punkten hervor, die Perlen reflektieren auf dem Stoff, um den Glanz des Samtes malerisch zu erfassen.

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Beim Porträt des Sohns von Heinrich VIII. und Jane Seymour, Edward VI. als Kind,  hat Hans Holbein d. J. jeden Faden in der Borte am Halsausschnitt ausgearbeitet :

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Einige Jahre später auf dem Kontinent malt Lucas Cranach der Ältere  Martin Luther:

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Das schwarze Band ist hier die einzige Zier. Bei Cranachs Bild Judith mit dem Kopf von Holofernes halten schwarze Bänder die Teile des Ärmels über dem Hemd zusammen.

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Für heute genug. Hoffentlich erfreuen euch diese Entdeckungen genau so wie mich? Mir haben sie den grauen Sonntag etwas aufgehellt. Noch einen schönen Tag also und bis bald!

 

 

Über die Erfindung der Handarbeiten als weiblich

Der folgende Artikel ist vor einiger Zeit bei Krachbumm als mein Gastbeitrag zur Reihe „… hat es nie gegeben“  erschienen. Zum internationalen Frauentag poste ich ihn hier noch einmal. Gegen das Klischee.

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Stoffe, Nähen, Sticken, Stricken war schon immer Domäne der Frauen? Alles Textile urweiblich?

Stimmt nicht.

Schon vor 5000 Jahren trug Ötzi, die Gletscherleiche aus der Steinzeit, eine Art Nähset bei sich. Funde aus der Jungsteinzeit belegen, dass Spinnen und Weben bekannt waren. Aber ob diese Textilarbeiten vorrangig von Frauen ausgeführt wurden? Das kann man nicht sicher wissen. Die Vorstellungen der Archäologie dazu sind in den letzten Jahren ganz schön ins Wanken gekommen. Bisher waren Wissenschaftler mit einem vorgefertigten Rollenbild im Kopf davon ausgegangen, dass eine Spindel in einem Urzeitgrab selbstverständlich zu einer Frau gehörte. In Tonscherben eingeritzte Strichmännchen mit Spinnwirtel und Webrahmen wurden als Frauenfiguren interpretiert, weil die Forscher solche textilen Tätigkeiten stereotyp mit Frauen verbanden. Ein Zirkelschluss! Heute weiß man, dass Frauen und Männer zusammen jagten und auch Frauen und Kinder schwere körperliche Arbeiten verrichteten. Die Vorstellung von den Steinzeitmännern als Jägern und den Frauen, die am Feuer die Kinder versorgten, entstammt den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts und ist überholt. Auch wenn Spinnen und Weben mythologisch meist mit Frauenfiguren verbunden wird, heißt das nicht, dass Männer nicht mit Textilien arbeiteten. “So gehen in Ägypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, wogegen die Männer zu Hause sitzen und weben” berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot 400 v.Chr.

Weber, ca. 1425, via

Für das Mittelalter lässt sich gut belegen, dass Männer, Frauen und Kinder gemeinsam Fasern, Garne und Gewebe herstellten. Textilien waren ja nicht nur als Körperschutz in Form von Kleidung, Zelten und Matten lebensnotwendig. Auch für den Alltag, die Jagd und den Fischfang wurden Seile, Netze, Beutel und so weiter gebraucht. Der Anbau von Flachs und Hanf wurde gemeinsam erledigt, das Ernten, das Brechen der Fasern, Scheren der Schafe, Säubern, Weben und Nähen oblag beiden Geschlechtern. Nur das Spinnen scheint traditionell mit der Frau verbunden gewesen zu sein. Der Spinnrocken ist auf vielen mittelalterlichen Abbildungen Symbol für die Frau.

Die aus dem Mittelalter bis heute erhaltenen prachtvollen Altardecken und liturgischen Gewänder wurden von Männern und Frauen gleichermaßen ausgeführt. 1330 arbeiteten in einer englischen Stickwerkstatt 70 männliche und 42 weibliche Sticker an mehreren Prunkdecken, die für das Königshaus in Auftrag gegeben worden waren.

Mathilda stickt den Bayeux Teppich, via

Auch der weltbekannten Teppich von Bayeux, ein mittelalterliches 70 Meter langes Stickkunstwerk, wurde in solchen professionellen Werkstätten hergestellt. Dennoch behaupteten Historiker lange Zeit, die englische Königin Mathilda oder Nonnen hätten den Teppich bestickt. Mit den Rollenbildern des 19. Jahrhunderts im Kopf kam es ihnen nicht in den Sinn, dass vielleicht auch Männer beteiligt gewesen sein konnten.

Zu Zeiten der Zünfte waren die textilen Berufe ausdrücklich Männersache. Strumpfstricker, Tuchmacher, Bändermacher, Schneider, Sticker, Färber – alles Männer.

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Was nicht heißt, dass die Frauen aus der Sache raus waren. Sie arbeiteten arbeitsteilig mit oder betrieben das Handwerk auch selbst. In der Zunftordnung der Wollweber aus dem 14.Jahrhundert heißt es: „Wer Webmeister oder -meisterin ist, der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr.“

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Im 17. und 18. Jahrhundert gab es vor allem bei der ländlichen Bevölkerung weiterhin keine festgeschriebene Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen. Männer und Frauen erledigten quer durch alle Altersgruppen gleichermaßen die Textilarbeiten, die zum Eigenbedarf oder zum Verkauf nötig waren. Aus der Zeit um 1750 berichtet ein Bauerssohn: „Mein Vater probierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letztere kämbeln [kämmen], Strümpfstricken, u.d.g. Aber keins warf damals viel Lohn ab.“

In Preußen stellten Waisenknaben im 18. Jahrhundert unter der Anleitung von Spinn- und Strickmeistern Garn her und strickten Strümpfe für Auftraggeber. Häftlingen erging es nicht anders. Und auch Soldaten mussten spinnen. Den Langen Kerls des Soldatenkönigs oblag es, für den Garnnachschub in Preußens Manufakturen zu sorgen. Jedes neue Haus in Potsdam musste damals eine Stube enthalten, in der vier Soldaten schlafen konnten und in die noch vier Spinnräder passten. Die Soldaten nutzen das Wachehalten außerdem zum Stricken, wie Carl Spitzweg mehrfach im Bild festgehalten hat.

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Abbildungen von strickenden Schäfern sind zahlreich. 1785 heißt es in einem Reisebericht aus Norddeutschland: „Alles strickt hier, was nur Hände hat, Bauer und Bäuerin, Kinder, Knechte und Mägde.“
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Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Heimarbeit. Es gab auch hier beim Spinnen und Weben im sogenannten Verlagswesen keine feste geschlechtsspezifische Trennung. Lediglich die Stickerei wurden inzwischen eher von Frauen und Mädchen durchgeführt. Im Erzgebirge klöppelten Frauen, Kinder und auch Männer im Akkord. Zunehmend wurde die Arbeit dann in Manufakturen und Fabriken zentralisiert.

In sogenannten Industrieschulen erlernten sowohl Mädchen als auch Jungen handwerklichen Tätigkeiten wie die Gewinnung von Leinenfasern, Garnspinnen, Zwirnen, Nähen, Wäschezeichnen, Stricken und Klöppeln. Zunehmend erfolgte aber eine Einteilung der Gruppen nach Geschlecht. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurden in Erwerbsschulen nur noch die Mädchen in Handarbeiten unterrichtet. Sie lernten die sogenannten groben Arbeiten (Spinnen, Stricken, Nähen, Stopfen) und, wenn sie geschickt waren, die feineren „Putz- und Prunkarbeiten“.

Der weitaus größte Teil der Frauen und Männer damals arbeitete als Dienstpersonal, in Fabriken und in der Landwirtschaft. Die Textilfabriken brauchten für Spinnmaschinen und Webstühlen alle, Männer, Frauen und Kinder geschlechtsübergreifend. Beim Dienstpersonal gehörte es für den Kammerdiener zur Aufgabe, Flickarbeiten zu erledigen. Auch im selbständigen Nähbereich waren sowohl Männer als auch Frauen tätig. Die Männer nannten sich Schneider, die Frauen Putzmacherinnen und Weißnäherinnen.

Anker, 1894, via

Wie kommt es dann überhaupt dazu, dass wir heute textile Arbeiten mit (Haus)fraulichkeit verbinden?

Das hängt mit dem Klischeebild zusammen, das die bürgerlichen Wertvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert fest in unseren Köpfen verankert haben. Krachbumm hat unter  „Die Erfindung der Hausfrau“ und „Die Erfindung der Mutter“ ja schon beschrieben, wie sich in dieser Zeit unser heutige Frauenbild gebildet hat. Das Image der Handarbeiten läuft mit dieser Entwicklung parallel.
In Adelskreisen und Klöstern war es schon seit dem Mittelalter für Frauen üblich, sich mit kunstvollen Nadelarbeiten zu beschäftigen. Pflicht war das aber nicht. Liselotte von der Pfalz notierte 1719 am Hofe Ludwig des XIV., sie schreibe lieber und finde „nichts langweiligers in der Welt, als eine Nähnadel einzustecken und wieder herauszuziehen“. Feine Nadelarbeiten galten jedenfalls als vornehme Tätigkeit und aus den Klöstern heraus gab es auch Initiativen, Mädchen in Handarbeiten zu unterrichten. Mit dem Beginn der Aufklärung und dem Erstarken des Bürgertums strebte die bürgerliche Schicht danach, sich dem Lebenstil der Aristokratie anzunähern. Gleichzeitig machte es die Industrialisierung möglich, Textilien günstig und in großer Menge zu produzieren. Kleidung und andere Textilien konnten nun eingekauft werden. Die Eigenversorgung mit Stoffen und Kleidung war nicht mehr lebensnotwendig. Erst im Zuge dieses industriellen Fortschritts, der verbreiteten Lohnarbeit und der Neuverteilung der Rollen zwischen Mann (aushäusig, berufstätig) und Frau (häuslich, Mutter) wurden Handarbeiten wie Sticken und Stricken zu typisch weiblichen Beschäftigungen und der Handarbeitsunterricht zu einem Schulfach nur für Mädchen.

Liebermann, 1876, via

Die Frau, die zu Hause bleibt, sich um Kinder und Haushalt kümmert, tugenhaft ist und repräsentiert, wird zum Idealbild des Bürgertums. Portraits aus der Zeit zeigen die weiblichen Familienmitglieder oft mit einer Nadelarbeit auf dem Schoß, Ausdruck von Häuslichkeit, Fleiß und Anstand. Kenntnisse in Handarbeiten gehörte als Statussymbol zur standesgemäßen Ausbildung einer höheren Tochter. Dieses Bild der zum Zeitvertreib vor sich hin häkelnden Bürgersfrau hat sich bis heute als Klischee in unseren Köpfen verankert, obwohl das Alltagsleben bürgerlicher Frauen diesem Bild gar nicht entsprach.

Nur eine kleine wohlhabende Schicht Frauen mit ausreichend Dienstpersonal konnte es sich leisten, Nadelarbeiten als „demonstrativen Müßiggang“ zu sehen. Unsere Vorstellung von der sittsam stickenden Hausfrau ist ein Zerrbild, das in der Realität oft nur mühsam aufrecht erhalten werden konnte. „Zwischen Repräsentationszwang und der Tugend der Sparsamkeit“ heißt ein Kapitel in einer Untersuchung, die einen genauen Blick auf die handarbeitenden Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wirft. Allein schon aus finanziellen Gründen mussten die Frauen sich an dem Aufwand der Hauswirtschaft beteiligen, nach außen hin wurde das aber verschleiert. Besuche in Bürgerhaushalten kündigte man vorher an, damit die Hausfrau nicht bei der Hausarbeit überrascht wurde. Gleichzeitig bedeuteten die Handarbeitskenntnisse aber auch ein Befreiung: Mit Nadelarbeiten Geld zu verdienen war eine der wenigen für Frauen des Bürgertums schicklichen Erwerbsquellen. Handarbeiten konnten auch im öffentlichen Raum Anerkennung bringen, wenn Frauen sich beispielsweise sozial in der Mädchenbildung engagierten oder für den Wohltätigkeitsbereich strickten und nähten, wie zu Kriegszeiten an der Heimatfront.

Wie „Die Erfindung der Hausfrau“ schon beschrieben, setzte sich die sogenannte Hausfrauenehe erst nach den Kriegen in allen Schichten der westlichen Bevölkerung durch und begann Ende der 1960er auch schon wieder zu bröckeln. Mit dem Handarbeitsunterricht ging es entsprechend in den 1970er Jahren zu Ende. So ideologisch belastet schien dieses textile Fach, dass es bis heute nicht rehabilitiert ist. Dabei spricht nichts dagegen, dass es wieder ganz normal wird, wenn Männer und Frauen nähen, stricken und sticken. Es ist schließlich nützlich und macht viel Spaß, diese Techniken zu beherrschen und textile Dinge selbst herstellen oder reparieren zu können.

Wer mehr dazu lesen möchte kann hier im Blog die Kategorie  „Handarbeit, Männer, Frauen“ durchsehen, zum Beispiel

Strickliesel und Häkeltrusche – wo kommt das miese Image her?

Dort findet ihr auch noch viel mehr Bilder von Männern mit Stoff, Nadel und Faden hier und hier sowie Nähenden Soldaten

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Adventskalender Nr. 24 und ein paar Feiertagstipps

Heute öffnet sich das letzte Türchen zum Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.
(Für die anderen Türen aus dem Redensarten-Adventskalender siehe  Woche 1 und Woche 2 und Woche 3)

 

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Durch die Weihnachtstür blicken wir in einen Stall

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Wer weiß, ob Jesus nicht vielleicht schief gewickelt war? Das Wickeln (oder auch Fatschen) von Säuglingen war seit der Antike üblich und kam erst im 18. Jahrhundert langsam aus der Mode. Das feste Einbinden von Körper und Gliedmaßen des Kindes wurde damit begründet, der Körper sei noch weich und formbar und bedürfe daher festen Halts.

„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.

(Zitat von 1668, siehe den ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema).

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Wer als Baby nicht korrekt und gerade eingepackt war, der war auf das Leben schlecht vorbereitet und bekam Probleme – er war schief gewickelt.

Wie bei vielen Redensarten gibt es aber auch noch andere Erklärungen für den Ausdruck. Wenn zum Beispiel eine Garnrolle nicht gleichmäßig aufgespult = schief gewickelt ist, dann gibt es beim Abrollen Probleme.

Damit ist der Adventskalender zu Ende, der hoffentlich ein paar Schlaglichter in die 150 textilen Redewendungen meines Buches geworfen hat.

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Mit dem Erstdruck des Buches haben wir zum Jahresende fast eine Punktlandung geschafft. Es sind noch ein paar Restexemplare bei mir und ich werde die Zeit nutzen, über eine 2. Auflage nachzudenken. Bis dahin feiere ich Weihnachten, ganz traditionell im großen Familienkreis. Wir sind eine eingespielte Truppe und wissen das hier geschickt zu umschiffen:

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Wenn ihr ein bisschen flüchten müsst, hier vier Links zum Zeitvertreib

1.
Unbedingt empfehlenswerte Serie auf Arte

Die ersten Folgen sind nicht mehr lange online. (Wegen der Kleidungsfragen ist z.B. Seurats „Die Badenden in Asnières“ sehr interessant)

2.
Sehr amüsant: Die Webserie The Impossibilities, die man kostenlos ansehen kann (auf Englisch)

3.
Besonders geeignet wenn Kinder zugegen sind: Bei  Little Drummertoy  kann man sich seinen Weihnachtssound zusammenklicken

4.
Als Kontrast ein wunderbares Stück des Berliner Solistenchors, das auf einem Marienlied von 1400 beruht. Vor zwei Tagen habe ich mich auf einem Konzert des Chors schon weihnachtlich eingestimmt.

Bis dann, es war mir ein Vergnügen!

Bilder: Männer, Stoff und Fäden gehörten schon immer zusammen

Seidenhändler in Samarkand, via LibraryCongress

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14. Jhd. Seidenkleidermacher via
Image from page 218 of
Vorbereitung der Kettfäden zum Weben, via
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Seidenfadenspinner, via
1629, Schneider, via
Weber, 1698, via
Sticker, 1568, via

Ich aber kan wol Seyden stickn /
Mit Gold die brüst vnd Ermel rückn /
Versetzet mit Edlem gestein /
Auch mach ich güldin Hauben rein /

Krentz vnd harband von perlein weiß /
Künstlich Mödel mit hohem fleiß /
Auch Kirchen greht Meßgwant vnd Albn
Kan ich wol schmückn allenthalben.
1626, Sticker, via

(Mehr wunderbare Abbildungen aus diesen Hausbüchern waren schon bei „Männer, Fäden, Stoff und Wolle“ zu sehen).

Seidensticker, via (Photograph shows a man embroidering with silk)

Image from page 93 of via

Strumpfstricker, via
Der strickende Vorposten, via
Stricker, Indien ca. 1826

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Korsettmacher, via

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Men in prisoner's uniform are sitting in a room sewing large Wellcome V0041190.jpg
Nähende Häftlinge, Wellcome Library,  CC BY 4.0 via Wikimedia Commons.

Close-up of Joe working on a garment

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Barry Leving, a tailor in the cooperative garment factory

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U.S.S. Brooklyn, ship’s tailor

via

U.S.S. New York, ship’s tailor

via

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Nächstes Mal dann: Männer und Frauen und Stoffe gehörten schon immer zusammen.

Schönes Wochenende!