Gugel

„Kostümgeschichte des Mittelalters“ – bei diesem Unikurs mache ich mit. Eine Hausaufgabe war: Nähen einer Gugel.

Die Gugel ist eine Kopfbedeckung, die im Mittelalter schon vor 1200  von der arbeitenden Bevölkerung zum Schutz gegen Regen und Kälte getragen wurde.  Sie besteht aus einer Art Kapuze mit Schulterkragen.  Im Lauf der Zeit erhielt die Gugel hinten einen langen Zipfel, wie auf diesem Bild der Menschen beim Ernten auf dem Feld gut zu sehen ist:

Ab 1300 wurde es dann Mode, die Öffnung der Gugel, die eigentlich für das Gesicht bestimmt war, oben auf den Kopf zu setzen und das Schulterteil nach hinten hängen zu lassen. Diese Kopfbedeckung nannte man Chaperon.  Mit dem Zipfel konnte dann schön gespielt werden:

Mitte des 15. Jahrhunderts ist das Chaperon ein Kleidungsstück der höheren Schichten geworden und auf vielen Porträts in verschiedenen Tragweisen zu sehen.

Meine Gugel entspricht in etwas diesem Schnittmuster, wobei das Kopfteil mit Zipfel bei mir ganze 150 Zentimeter lang ist.

Keine Sorge, ich gerate jetzt nicht in die Reenactmentszene und setze mich als Brunhild mit einer Spindel auf einen Mittelaltermarkt. (Obwohl ich solchen historischen Nachstellungen durchaus etwas abgewinnen kann. Ich würde mir dann aber z.B. lieber das Biedermeier oder die 20er Jahre aussuchen).

Das umfassendste Buch für ein Studium der mittelalterlichen Bekleidungstechniken ist „Kleidung im Mittelalter“ von Katrin Kania aus dem Jahre 2010.  Leider zum Kaufen zu teuer, aber in spezialisierten Bibliotheken ist es hoffentlich bald einsehbar. Hochspannend! Ich hätte jetzt noch Lust, mir ein paar Schuhe nach mittelalterlichem Vorbild zu nähen. Mal sehen.

Der passend patinierte Stoff für die Gugel stammt übrigens von einem verblichenen Vorhang, den die Vorbesitzer unseres Hauses hängen gelassen hatten. Ich weiß, es liegt nicht im Trend, aber ich kann nur immer wieder sagen: Leute, hebt auf, was ihr aufheben könnt!  Jedes Ding findet seine zweite Chance.

(Quelle für die historischen Abbildungen: Wikimedia Commons)

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10 Gedanken zu “Gugel

  1. Das ist ja ein spannender Kurs.
    Das „falsche“ Aufsetzen der Gugel, das zu einem neuen Trend führte, finde ich besonders faszinierend. (Das haben sich bestimmt Pubertierende als erstes einfallen lassen ) Ich habe mich immer gefragt, was das für Stoffhaufen da auf den Köpfen sind.
    Wie fühlst du dich mit deiner Gugel? Alltagstauglich? Oder hängt einem der Zipfel bei der Feldarbeit ständig vor der Nase rum?

    Lass uns bitte weiterhin an deinen Erkenntnissen aus dem Kurs teilhaben.
    Und auf die Schuhe bin ich ja mal gespannt.

    LG
    Wiebke

  2. nun, das erste Photo ist molto grandioso gnädige Frau! Und das Ganze wieder einmal eine schöne Geschichte!
    Bin gespannt, ob du das gute Stück nun etwas öfter trägst, als winterliche Variante ja durchaus denkbar.
    An den Schuhen kommst du ja jetzt schon nicht mehr vorbei, ich bin ebenfalls sehr neugierig und ie Schuhe mit den langen Spitzen (und den Schellen) vorne fand ich schon immer sehr klasse!

    Liebe Grüße!

  3. Das „falsche“ Aufsetzen kommt ganz bestimmt von der Jugend, wie Wiebke sagt. Es erinnert an das heute verkehrt herum Aufsetzten der Schirmmützen/Basecaps. Als Du erzählt hast, das du eine Kopfbedeckung nähen musst, habe ich eher an einen Hut gedacht. Die Gugel ist sehr interessant, für die kalten Tage ist bestimmt das „richtige“ Aufsetzen günstiger.

  4. Wie lange hast du für d e n Gesichtsausdruck geübt?
    Spannend das Thema auf alle Fälle und wer sich da auskennt, kann so allerhand festtellen in gemälden allein über die Kleiderordnung, was an sich ein komisches Wort ist.
    Schön zu wissen, dass zu jeder Zeit Dinge bewußt anders benutzt worden sind.
    eleiv eßürg von karen

  5. Molto grandioso an dem ersten Foto ist nur Photoshop – ein Mausklick genügt. Eigentlich wollte ich ja Cindy Shermans History Portraits nachmachen, aber mit der heutigen Technik nimmt man dann doch den leichteren Weg.
    Sehr schön, die Idee mit den Pubertierenden und den Basecaps. Ich kann mir auch vorstellen, wie in 700 Jahren ein Unikurs versucht, tiefhängende Jeanshosen nachzunähen.
    Eine der Dozentinnen meint, das Ding sei auch alltagstauglich. Zusammen mit Gugel und Kolchosenmantel könnte ich dann endgültig ins Reich der Fabelwesen entschwinden.

  6. Hi, und da sage Einer die Nordlichter verständen nichts vom Fasching!.. Bei dieser Fotoserie samt Kommentaren fehlt nur eine handfeste Musikunterlage, dann geehhttss llooss…..
    Sehr unterhaltsam eure Vor- und Rückschauen auf nähende Studenten. Allein diese Vorstellung scheint ulkig.
    lg Carmen, bekennende Karnevalistin

  7. Was fuer einen tollen Kurs du da belegt hast. Ich wusste ja noch nicht mal, dass Gugel, Gugel heisst und kannte nur die klassisch getragene Variante. Ich hatte auch keine Ahnung, dass die Kopfbedeckung mit dem Zipfel an der Seite die gleiche ist, wie die Gugel. Ein sehr variantenreiches Kleidungsstueck und bestimmt richtig schoen warm. Vielleicht kannst du einen neuen Trend in Berlin ausloesen mit der Gugel auf dem Kopf.
    Das Buch habe ich auch direkt mal „gebookmarked“, das klingt wirklich hochinteressant, wird allerdings schwer sein hier zu bekommen.

  8. Dieser Blogbeitrag hat hier im Hause angeregtes gemeinsames Blättern in Kunstbildbänden mit Kopfbedeckungsvergleichen nach sich gezogen. Die Mode scheint schon immer ein Grundbedürfnis gewesen zu sein, nicht nur die praktischen Aspekte von Kleidung. Wobei ich mir die Gugel, „richtig“ aufgesetzt, gut jetzt hier im Winter in Berlin vorstellen kann. Sehr interessant das alles, und ein toller Kurs, wenn man nicht nur theoretisch arbeitet, sondern auch näht!

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