Der heißbegehrte Teppich von Bayeux

Der Teppich von Bayeux. Unesco-Welterbe. Ein sagenumwobener Mittelaltercomic, 70 Meter lang, mit Wolle auf Leinen gestickt.

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Normandie, Frankreich,  im August 2014.  Besuch im Musee de la Tapisserie de Bayeux:

Die deutsche Stimme in meinem Audiguide spricht ohne Punkt und Komma, rast durch den Text. Wir Urlauber müssen uns in einer hastigen Prozession im Dunkeln an einer langen Glasvitrine entlang schieben. Der Herr an meinem Ohr soll mir die gestickten Szenen erklären, aber das Gerät lässt sich nicht stoppen. Er ist schon bei „Wilhelms Leute schlagen Bäume, um die Schiffe für die Invasion der Normannen in England vorzubereiten“, während ich noch drei Meter davor zwischen sonnenverbrannten Touristen in Strandkleidung stecke.

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Bäume für die Schiffe werden geschlagen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Ich verabschiede mich von der lang gehegten Hoffnung, tausend Jahre alte Stickstiche, Wolle und Leinen genau betrachten zu können. Ich gebe den Plan auf, die vielen kleinen Details in der langen Bildergeschichte entdecken zu können. Einer sehr lebendigen Bildergeschichte die davon erzählt, wie Wilhelm der Eroberer von seinem Schwager um Englands Krone betrogen wird. Wie er deshalb von Frankreich nach England übersetzt und sich den Königstitel in einem blutigen Kampf sichert.

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Landung in England. Die Normannen reiten nach Hastings, um Proviant zu besorgen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Es ist es ein Wunder, dass es dieses Werk unbekannter mittelalterlicher Zeichen- und Stickkünstler überhaupt noch gibt. Ob der Teppich in Frankreich oder England hergestellt wurde, von wem er wozu in Auftrag gegeben wurde, dazu gibt es nur Vermutungen. Und in den vielen hundert Jahren seit seiner Entstehung hätte er unzählige Male verloren gehen oder zerstört werden können. Nicht nur Napoleon und Hitler hatten ihr Auge darauf geworfen. Nur durch immer wieder glückliche Umstände ist er noch erhalten.

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Grillfest vor der Schlacht: Hühnchen am Spieß, die Soldaten essen auf ihren Schildern. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.)

Ich werde sehr wütend. Wir sind erst über 1000 Kilometer gefahren, habe ein Hotel in der Nähe gesucht, einen Parkplatz gefunden, 25 Euro Eintritt für die Familie gezahlt, eine Stunde in der Schlange gewartet – und nun müssen wir bloß schnell schnell an dem siebzig Meter langen Leinenbanner entlanglaufen, damit die Bayeuxbesucher hinter uns auch bald dran kommen.

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Die Schlacht ist in vollem Gange. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild)

Der Teppich von Bayeux, das ist ganz offensichtlich eine der Touristenattraktionen, die es gilt abzuhaken. So wie das Selfie vor der Mona Lisa. Nur dass wir hier überhaupt nicht fotografieren dürfen. Wir sollen lieber ein paar Postkarten kaufen.

Am Ende pfeffere ich den Audioguide in die Holztruhe, bei der schon die gelangweilten Betreuerinnen der Massenabfertigung mit ihrem Desinfektonsspray warten. Im Museumsshop könnte ich hässliche Industriewebereien mit Motiven des Teppichs erwerben, Tassen oder eine Handvoll Postkarten, die natürlich nicht im geringsten die Details zeigen, die mich interessieren.

Zum Glück gibt es auf einer zweiten Ebene des Museumsgebäudes noch eine Vitrine zu den verwendeten Materialen und den Stickstichen. Ein Film bietet außerdem die Gelegenheit, wirklich etwas über die Geschichte des Teppichs zu erfahren und Details erklärt zu bekommen.
Im Kinosaal ist es leer. Diejenigen, die bloß ein Touristenhighlight abhaken wollten, sind längst am Strand.

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Der Verräter Harald fällt. Im unteren Bereich die Plünderung der Gefallenen – die Rüstungen werden abgezogen. (Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.)

 

Nachtrag sechs Wochen später:
Wir können uns wirklich glücklich schätzen, den Teppich überhaupt noch sehen zu können.  Wer sich dafür interessiert: Dieses Buch von Carola Hicks über die Geschichte des Teppichs liest sich spannend wie ein Krimi.

Die technischen Details habe ich natürlich auch genau studiert, wenn auch eben leider nicht ausreichend am Original. Vor allem die Füllstiche hatten mich gewundert, sie sahen fast aus wie gewebt. Im Prinzip sind das lange Stiche nebeneinander, die dann quer fixiert werden, diese Querstiche werden wiederum mit kleinen Stichen gesichert. Auf der Rückseite erscheint bei dieser Technik, die aus der Goldstickerei kommt, nur sehr wenig Material.

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Die Flächen sind mit dem „Bayeuxstich“ gefüllt. Via WikiCommons, Link = Klick aufs Bild.

Die Wollfäden wurden mit den Pflanzenfarben Resede (gelb), Waid (blau) und Krapp (rot) gefärbt, und zwar so sorgfältig, dass die mittelalterlichen Farben heute weniger ausgeblichen sind als die synthetischen Farben, die im 19. Jahrhundert bei Reparaturen verwendet wurden.  Das alltägliche Material, Leinen und Wolle statt Gold und Silber, hat die Stickerei über die Jahrhunderte auch vor Plünderung bewahrt.

Der technische Aspekt des Teppichs hat mich so interessiert, dass ich Wochen nach dem Besuch in Berlin einen Färbeworkshop mitgemacht habe, in dem wir auch mit Indigo (ähnlich dem Waid) und Krapp gefärbt haben. Gestickt habe ich auch noch.  Dazu dann hoffentlich ein anderes Mal mehr.

Als Fazit freue ich mich darüber, dass das Stickwerk noch existiert und  der Allgemeinheit zugänglich ist. Auch wenn der Andrang dann die Zugeständnisse erfordert, über die ich mich geärgert habe. Ein Traum wären natürlich Extratermine für die WIRKLICH Interessierten – aber wie ließe sich das umsetzen. Eingangstests? Referenzen hätte ich ja nicht groß vorzuweisen gehabt. Am Ende fahre ich vielleicht noch nach Reading in England, wo es eine orignalgetreue Replik des Teppichs gibt.  Die Höhlenmalereien der Grotten in Lascaux gibt es inzwischen ja auch doppelt.  Einmal „in echt“ für Fachleute und einmal als Kopie für Touristen.

Sicher hätte man jetzt Ende Oktober in Bayeux auch mehr Chancen, den Teppich in Ruhe anzusehen. Vielleicht war ja noch jemand da und kann berichten?

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13 Kommentare

  1. Schöne Geschichte, sehr gut geschrieben.
    Da hatte ich ja Glück, als ich 1992 in der Normandie unterwegs war. Wir waren auch im Museum, allerdings konnten wir den Teppich in Ruhe ansehen, weil niemand Schlange stand. Ich konnte jedenfalls mit meinen damals noch etwas frischeren Lateinkenntnissen die Beschriftung des Teppichs in Ruhe entziffern und meinem Kumpel vorstammeln. Das war allerdings auch im späten September, wenn ich mich richtig erinnere. Vielleicht sollte ich ihn mir heute nochmal ansehen, im Winter vielleicht, wenn die Normandie einsam ist und das Wetter schlecht.

  2. Ja, der Teppich ist toll. wir waren im Juni vor 6 Jahren da und hatten wohl Glück. Viele, aber nicht sooo viele Leute. Ich habe meinen ‚Erzähler‘ schnell ignoriert und mich auch einfach nicht schieben lassen, sondern mir alles in Ruhe angesehen. Du glaubst ja gar nicht wie schlecht mein Französisch sein kann wenn es sein muss :-))
    Schön fand ich dazu auch den Roman ‚Der geheime Faden‘ von K. Fitzpatrick.
    LG
    Sabine

  3. Du hattest es ja schon angedeutet- schade dass du im Pulk durchgeschoben wurdest. War der Teppich klimatisiert hinter Glas?

    Falls du irgendwann mal nach Köln in die Domschatzkammer kommen solltest- da hat es einen Raum mit unglaublichen liturgischen Gewändern. Das waren die aufwändigsten Stickereien die ich jemals gesehen habe. Handwerklich ist das schlichtweg perfekt ausgeführt.
    Leider hat es trotz des bemerkenswerten Ambientes im Keller unter dem Dom wohl nicht die Ausstrahlung der Teppichs in Frankreich.
    Zuviel Gold- zuviel Protz. Aber perfekt gemacht.

    ( Der Teppich war übrigens auch für Rebecca Gablés „Das zweite Königreich“ Ideengeber :)
    Autorin müsste man sein, da hätte man sicher andere Zugangsvoraussetzungen. )

    • Hinter dem Glas war es sicher klimatisiert, aber genau weiß ich es nicht. In wie viel fauligen Kellern der schon gelegen hat!
      Das Ungelenke der gestickten Illustrationen trägt sicher zum Reiz bei, denke ich. Aber ohne Erklärungen läuft man wohl auch in Bayeux dran vorbei, wie bei all diesen alten Sachen.

  4. Ich war noch nicht da, aber nach dem, was ich jetzt nachgelesen und angeschaut habe, möchte ich auch mal hin und den Besucherauflauf vergrößern. Es ist faszinierend, wie unmittelbar sich die Szenen auch fast 1000 Jahre später noch erschließen (und faszinierend, dass die Kenntnisse aus meinem Discount-Latinum ausreichen, um den Text zu verstehen).
    Was mittelalterliche Textilien betrifft, lohnt sich mal ein Ausflug nach Brandenburg an der Havel. Im Dommuseum gibt es ein gesticktes Hungertuch – weiße Seide auf weißem Leinen, so fein, ich dachte zuerst, das wäre gewebt – aus dem späten 13. Jh, das kann man sich quasi stundenlang angucken, ohne von einem einzigen anderen Besucher gestört zu werden.

  5. ich hatte das glück, den teppich vor über 30 jahren anschauen zu können. damals waren wir alleine dort und hatten alle zeit der welt. manchmal ist werbung für ein museum nicht gerade förderlich…
    kennst du die wunderbaren bildteppiche von wienhausen? unter kloster-wienhausen.de findest du alle infos. im winter ist allerdings geschlossen. und wie voll es dort ist, weiß ich nicht, weil es auch hier schon lang her ist, dass ich die teppiche sah. am besten ist es wohl im oktober mit einer (hoffentlich besseren) audioführung. und das heidekloster isenhagen bei hankensbüttel hat noch eine paramentenwerkstatt. ab und zu gibt es dort auch führungen.
    liebe grüße, mano

  6. Vielen Dank all für die Reise- und Buchtipps. Stecke schon die Karte ab, Brandenburg, Wienhausen, Köln.
    Um historische Romane mache ich immer noch einen Bogen, wahrscheinlich zu unrecht. Aber die sehen oft vom Cover her schon so aus, als ob sie für eine andere Zielgruppe gemacht seien. Und bei Hillary Mantel bin ich auch stecken geblieben. Ich gebe der Abteilung dann beim nächsten Besuch in der Buchhandlung noch mal eine Chance.

  7. Ach, mir ging es mit dem „book of Kells“ in Dublin ganz ähnlich. Absolute Massenabfertigung, nichts zum Verweilen, ruhigen Bestaunen… Dafür war dann die Bibliothek, in der das berühmte Buch unten ausgestellt war, sehenswert.
    Interessant finde ich den Aspekt mit der Farbe. Dass die Original-Farbe viel „neuer“ aussieht, als die der neumodischeren Ausbesserung… LG mila

  8. Wochen später habe ich zufällig diesen Beitrag entdeckt. Wir waren auch diesen Sommer in Bayeux. Ich bin mit der Familie einmal den Gang mit Audioguide im vorgegebenen Tempo abgegangen. Dann bin ich einfach hinter den anderen Besuchern wieder zurück und habe punktuell einzelne Dinge nochmal genauer angesehen. Das ging einigermaßen. Allerdings hatten unsere Kinder weniger Ausdauer als ich…
    Sehr interessant fand ich, auf dem Teppich den selben Stich zu entdecken, den ich vor vielen Jahren im Studium auf einer Exkursion ins Kloster Wienhausen kennengelernt habe und den wir dann auch ausprobiert haben. Wir haben diesen Flächenstich damals unter der Bezeichnung ‚Klosterstich‘ gelernt.

    Viele Grüße
    füßchenbreit

  9. Ich habe den Teppich zweimal besucht, einmal 1989, bevor es diese Durchschiebestation gab und das zweite Mal vor zwei Jahren. In der Tat wird man im Schnelldurchlauf durchgeschoben, ich habe mich verweigert. Allerdings hatten wir auch das Glück, in der 2. Septemberhälfte dort zu sein, gen Mittag an einem Werktag. Bei mir ließ sich der Audioguide durchaus anhalten und ich bin mehrfach zurückgegangen, weil ich noch einmal schauen wollte, ähnlich wie füßchenbreit. Kein Problem… und ich habe mich auch nicht schieben lassen. Ich möchte allerdings nicht in der Hochsaison dorthinein!

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