Woher kommt „blau machen“ und „blau sein“? – Rätselhafte Redensarten II

Gerade ist die Berliner Polizei in den Schlagzeilen, weil sie ein bisschen zu viel gefeiert hat.

Als Strafe wurden die Hundertschaften vor ihrem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg wieder zurück nach Berlin geschickt. Manche mutmaßten, sie wollten „blaumachen“.

Blau machen, blau sein – wieso sagt man das?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Ausdruck hat nichts mit Blaufärben zu tun, auch wenn das oft erzählt wird. Blau machen hängt wahrscheinlich mit dem blauen Montag zusammen, der ganz früher zunächst ›guter Montag‹ hieß. Dieser gute Montag ist schon seit dem 14. Jahrhundert als freier Tag für die Handwerksgesellen belegt, später wird er dann auch blauer Montag genannt. Ein Handwerker durfte vier blaue, also freie Montage im Jahr haben – einen je Quartal (die waren übrigens hart erkämpft). Zum Hintergrund habe ich in „Am Rockzipfel“ geschrieben:

Warum dieser Montag blau genannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht spielen die Farben der verschiedenen Zeitabschnitte im Kirchenjahr eine Rolle. So hieß der Montag vor Beginn der Fastenzeit, der uns als Rosenmontag bekannt ist, lange Zeit blauer Montag. Andere Namen waren Fraßmontag oder Narrenkirchweih – schließlich wollte man sich vor Beginn der Fastenzeit noch einmal richtig gehen lassen. Der blaue Montag wurde dann zum Begriff für alle Tage, an denen man außer der Reihe feierte. »Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen« heißt es über ein Fest Ende des 19. Jahrhunderts. (Am Rockzipfel, S. 85)

Neben dieser Erklärung sehen manche auch noch eine Verbindung zum jiddischen Wort belo = „nichts, ohne“. Daraus könnte das Blaumachen als „Nichtstun“ entstanden sei.

Und wieso ist man blau, wenn man besoffen ist? Auch hier gibt es wieder mehrere mögliche Erklärungen, zum Beispiel wurde „er ist blau“ auch noch bis ins letzte Jahrhundert als „er ist dumm“ verstanden. Bei Schwindel hieß es früher „mir wird blau vor Augen“, heute ist daraus „schwarz vor Augen“ geworden.

Blau sein für ›betrunken sein‹ ist erst sehr viel später belegt als der blaue freie Tag der Gesellen. Es ist durchaus möglich, dass sich die jungen Männer vor ihren freien Tagen besonders betranken und prügelten – vielleicht sogar blau prügelten. Oder sie waren so hinüber, dass ihnen schummrig ›blau vor Augen‹ war. (Am Rockzipfel, S. 86)

 

Das Blaumachen und der blaue Montag haben also nicht viel mit Textilien zu tun, auch wenn eine populäre Erklärung eine Verbindung zu den Blaufärbern im Mittelalter sieht. Der beliebten Legende zufolge mussten die Gesellen der Blaufärber viel Alkohol trinken, weil für den Gärungsprozess der Farbstoffe Urin notwendig war. Außerdem sollen sie sich am Montag den ganzen Tag ausgeruht haben, um der Farbe Zeit zum Oxydieren, zum Blauwerden zu lassen.

Dyeing British Library Royal MS 15.E.iii, f. 269 14821482

Diese Erklärung wird aber von der Sprachforschung widerlegt. (Wer sich selbst ein Bild machen will, kann in dieser Dissertation stöbern: Etymologie der Farbworte.) Dass das mit dem Oxidieren so nicht stimmen kann weiß man aber auch, wenn man schon einmal selbst mit Indigo oder Färberwaid gefärbt hat. Der Farbton entwickelt sich schnell, wenn er mit Luft in Verbindung kommt. Warum sollte das Blaumachen außerdem ausgerechnet an einem Montag sein, warum mussten die Gesellen für eine große Menge Urin unbedingt Alkohol trinken? Mit ein bisschen Überlegung landet die populäre Geschichte vom Blaumachen der Blaufärber schnell im Bereich der Legende.

Dyers' Quarters, Kanda LACMA M.66.35.171857

Die Blaufärber haben übrigens auch nichts mit dem Wort einbläuen zu tun. Einbläuen kommt nicht von der Farbe, sondern vom althochdeutschen Wort blinwan im Sinne von ›wild gebärden, prügeln‹.

Damit haben wir den Kreis geschlossen zu den Berliner Hundertschaften. (Die im übrigen nach ihrer Rückkehr in die Heimat gar nicht blau machen konnten, sondern gleich wieder gefordert waren – wegen eines Stromausfalls in einem Stadtteil.)

 

Rätselhafte Redensarten – Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

Am Rockzipfelfrage1

Nachdem ich euch Am Rockzipfel vorgestellt habe, will ich auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Bei der Recherche für das Buch hat mich immer wieder umgetrieben, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.

aus der waesche1

Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung konnte ich aber nicht mit in mein Buch aufnehmen:

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab 1980 wirklich verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen. Mündlich schon früher, z.B. in einem Buch von 1950 als wörtliche Rede. 1976 ist die Wendung im Buch „Moderne deutsche Idiomatik“ gelistet). Gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

(aus: Am Rockzipfel, S. 116)

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

lauandry

1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

dsc01482Heinz mit Krücken

1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

Washing Line of Uniforms in Afghanistan MOD 45150637OGL

Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

kleider-desinfizieren

Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

coats

Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Adventskalender Nr. 24 und ein paar Feiertagstipps

Heute öffnet sich das letzte Türchen zum Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.
(Für die anderen Türen aus dem Redensarten-Adventskalender siehe  Woche 1 und Woche 2 und Woche 3)

 

tag24

Durch die Weihnachtstür blicken wir in einen Stall

delaTourdetailde La Tour, Detail, ca. 1645

Wer weiß, ob Jesus nicht vielleicht schief gewickelt war? Das Wickeln (oder auch Fatschen) von Säuglingen war seit der Antike üblich und kam erst im 18. Jahrhundert langsam aus der Mode. Das feste Einbinden von Körper und Gliedmaßen des Kindes wurde damit begründet, der Körper sei noch weich und formbar und bedürfe daher festen Halts.

„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.

(Zitat von 1668, siehe den ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema).

De Wikkellkinderen1617

Wer als Baby nicht korrekt und gerade eingepackt war, der war auf das Leben schlecht vorbereitet und bekam Probleme – er war schief gewickelt.

Wie bei vielen Redensarten gibt es aber auch noch andere Erklärungen für den Ausdruck. Wenn zum Beispiel eine Garnrolle nicht gleichmäßig aufgespult = schief gewickelt ist, dann gibt es beim Abrollen Probleme.

Damit ist der Adventskalender zu Ende, der hoffentlich ein paar Schlaglichter in die 150 textilen Redewendungen meines Buches geworfen hat.

ende1

Mit dem Erstdruck des Buches haben wir zum Jahresende fast eine Punktlandung geschafft. Es sind noch ein paar Restexemplare bei mir und ich werde die Zeit nutzen, über eine 2. Auflage nachzudenken. Bis dahin feiere ich Weihnachten, ganz traditionell im großen Familienkreis. Wir sind eine eingespielte Truppe und wissen das hier geschickt zu umschiffen:

xmascrisis

Wenn ihr ein bisschen flüchten müsst, hier vier Links zum Zeitvertreib

1.
Unbedingt empfehlenswerte Serie auf Arte

Die ersten Folgen sind nicht mehr lange online. (Wegen der Kleidungsfragen ist z.B. Seurats „Die Badenden in Asnières“ sehr interessant)

2.
Sehr amüsant: Die Webserie The Impossibilities, die man kostenlos ansehen kann (auf Englisch)

3.
Besonders geeignet wenn Kinder zugegen sind: Bei  Little Drummertoy  kann man sich seinen Weihnachtssound zusammenklicken

4.
Als Kontrast ein wunderbares Stück des Berliner Solistenchors, das auf einem Marienlied von 1400 beruht. Vor zwei Tagen habe ich mich auf einem Konzert des Chors schon weihnachtlich eingestimmt.

Bis dann, es war mir ein Vergnügen!

Redensarten – Adventskalender – Woche 3

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Bonusmaterial zu meinem Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

(Hier geht es zu  Woche 1 und Woche 2)

 

tag23

gulliver

Ist eine bessere Illustration des Wortes Umgarnen denkbar?

 

tag22

Het spinnen, het scheren van de ketting, en het weven 1594-1596

Das Spinnen, das Schneiden der Kette und das Weben, ein Bild von Isaac Claesz. van Swanenburg aus dem Museum de Lakenhal im niederländischen Leiden. Das Bild ist Teil eines Zyklus, der die Wollverarbeitung zeigt. Allein schon in diesem Gemälde sind die Ursprünge zahlreicher Redensarten vereint, zum Beispiel

anzetteln, verzetteln, den Bogen raus haben, gut in Schuss sein, Shuttle, nach Strich und Faden, kungeln, Klüngel, Spinner, spindeldürr, verhaspeln, alter Knacker…

Wenn man das Bild heranzoomt, finden sich viele interessante Details textiler Techniken, die bis heute ihre Spuren in der Sprache hinterlassen haben.

kungeleiBerlinerMoPo 19.12.15

 

tag21

kanal
Mit welcher Redensart diese Frau zu tun hat, das wissen aufmerksame Buchleser:

Leine ziehen
Dieser Ausdruck kommt wahrscheinlich aus dem Lastenziehen in der Schifffahrt. Früher wurden Transportkähne auf Flüssen vom Ufer aus mit Menschenkraft vorwärts gezogen. Männer und Frauen schleppten das Boot an einem Seil, das sie meist um den Oberkörper gebunden hatten, gegen den Strom. Diese Fortbewegungsart wurde Treideln genannt. Der Treidelpfad am Fluss entlang hieß auch Leinpfad. Rief man »Zieh Leine!«, musste der Leinenzieher sich auf den Weg machen und das Schiff stromaufwärts ziehen. (S. 116)

 

tag20

Der rote Faden

redthread

Der rote Faden als Leitmotiv hat seinen Ursprung nicht nur im Faden der Ariadne, der durch ein Labyrinth führt. Goethe dachte in „Die Wahlverwandtschaften“ eher an das Tauwerk der britischen Marine, das als Erkennungszeichen einen roten Faden eingearbeitet hatte:

Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.

Seither ist das Bild des roten Faden als Grundthema nicht nur im Deutschen, sondern u.a. auch im Niederländischen, Französischen und Schwedischen bekannt. Dafür fehlt in der englischen Sprache ein red thread – stattdessen kann man dort aber leitmotif sagen.

farbwerkewurm Kopieklein

Die beiden Wollbündel sind übrigens aus  einem Musterbuch,  in dem Mottenlarven mit eingescannt wurden. (Oder ist das hier ein anderes Insekt?)

 

tag19

Am Gängelband
Wer am Gängelband hängt, oder wer gegängelt wird, über den wird bestimmt. Das Gängelband war früher eine Art Laufgeschirr für Kinder. Auf vielen früheren Kinderbildnissen sieht man Kleinkinder, an deren Kleidung unterhalb der Arme lange Stoffbänder befestigt sind, die von der Amme oder den Eltern gehalten werden.
Rembrandt Sheet of Studies, with a Woman Teaching a Child to WalkRembrandt, 1646

(Auf der Zeichnung wird das Kind nicht nur am Gängelband geführt, es trägt auch einen Fallhut, der es vor Stoßverletzungen am Kopf bewahren soll).

tag18

Ruhm der Nadel

„Der Faden verdankt seinen Ruhm der Nadel.“

„Eine Nadel kann einen Schneider ernähren.“

„Wenn eine Nadel die andere sticht, so nähen sie nicht.“

 

CPcX0KvXAAEFzGt.jpg large(Die Anzeige preist leicht einzufädelnde Spezialnadeln für Junggesellen, Blinde, Im-Dunkeln-Näher, Seeleute… )

 

tag17

Weil ich mich etwas verzettelt* habe, schiebe ich dieses hübsche Bild aus einer Handschrift um 1460/70  ein:

Ein Mann ist einer Frau ins Netz gegangen!

welchsergastQuelle UB Heidelberg, CC-BY-SA 3.0 DE

*verzetteln fehlt im Buch – es hätte zum Eintrag „Etwas anzetteln“ gehört. Wie das anzetteln kommt auch das verzetteln in der Webersprache vor.  Grob gesagt: Wenn es mit dem Zettel, den Längsfäden beim Weben, Probleme gab, dann hatte man sich verzettelt. Die Ursprungsform verzetten bedeutete ausbreiten, verbreiten, etwas verlieren. (Kann man schön im Wörterbuch der Brüder Grimm nachlesen, eine meiner Lieblingsquellen).

 

tag16

Verheddern – noch ein Wort aus der Flachsverarbeitung.

Hede hießen die kurzen, wirren Fasern, die in der Hechel nach dem Durchziehen der Büschel zurückblieben. Hede wurde vor allem als Dämm- und Dichtungsmaterial benutzt. 1778 wird sogar berichtet, der Flachs werde für künstliche Haarknoten verkauft: »Ist es Ihnen unbekannt geblieben, dass jährlich über hundert Centner Hede zu Chignons verbraucht werden?*«

chignon

Von der Hede, die unordentlich und durchei­nander in der Hechel zurückbleibt, kommt verheddern im Sinne von verwirrt sein. Wenn man sich im Text verheddert, so hat man den Faden verloren im Gewirr der Worte.

 

tag15

gemeinsamstricken

gemeinsamaendern1

In einigen Tagen erhalten die Flüchtlingsinitiativen unseres Bezirks einen Integrationspreis. Statt großer Reden gibt es bei der Preisverleihung Fotos aus den Gruppen, verbunden mit einem „Gemeinsam…“-Spruch. Unser Nähatelier im Flüchtlingsheim ist jetzt seit zwei Monaten regelmäßig geöffnet.  Wir sind neben dem praktischen Angebot der Kleidungsherstellung und -reparatur auch ein bisschen eine Anlaufstelle für Frauen geworden, die sonst ihre Zimmer nicht verlassen würden.  So zeigen wir nicht nur, wie die Nähmaschinen funktionieren und wie man strickt, wir üben auch gemeinsam Deutsch und beschäftigen die Kinder.

gemeinsamspitze

Wer nicht glauben will, dass Helfer weiterhin helfen: Die Zeit hatte eine Onlineumfrage gestartet, „Wir schaffen das, immer noch„.

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Nachtrag
Hier ein paar Links zu Berichten von Handarbeitsaktionen in Flüchtlingsunterkünften:
Karlsruhe Nähen-Stricken-Häkel Nachmittag in der Flüchtlingsunterkunft
Berlin  Ablauf einen Nähnachmittags – Nähen und Basteln mit Flüchtlingen
Berlin regelmäßiger Stricktreff -Stricken im KunstAsyl
Oberhavel Frauencafé im Begegnungshaus

Wer hat noch Links?

 

Redensarten – Adventskalender – Woche 2

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

(Für Woche 1 hier klicken)

 

tag14

Nautischer Knoten. 

Der Knoten ist auch ein Geschwindigkeitsmaß in der Seefahrt. Wenn ein Schiff in einer Stunde eine Seemeile zurücklegt, dann ist es 1 Knoten schnell. Das entspricht in etwa 1,8 Kilometer in der Stunde.
Der Name dieser nautischen Einheit kommt tatsächlich daher, dass für die Messung ein Seil notwendig war, in das in regelmäßigen Abständen Knoten geknüpft waren. Der für die Messung zuständige Seemann an Bord warf das am Ende mit einem Holzstück beschwerte Seil ins Wasser und zählte die Knoten, die durch seine Hand glitten, während eine Sanduhr lief. Je schneller das Holzstück mit dem Seil im Wasser abtrieb, desto mehr Knoten liefen durch die Hand, desto schneller fuhr das Schiff. (Auszug S. 109)

Loch à plateau

Logscheit mit Leine, Logglas (Sanduhr) und Logrolle. Auf der Rolle ist einer der Knoten erkennbar.

© Rémi Kaupp, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

tag13

„Mit nur einer Hand lässt sich kein Knoten knüpfen.“
Russisches Sprichwort

rope

„Durchschneide nie, was du auch aufknoten kannst.“
Portugiesisches Sprichwort

(Hört sich immer ganz schön an, wenn so ein Sprichwort einer Region zugeordnet wird. Das obere soll wahlweise auch aus der Mongolei stammen, das letzere ein Spruch des Franzosen Joseph Joubert sein.)

 

tag12

„Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Fusselbart.“  Sven Regener

Flausen, Flusen, Fusseln und Flausch sind sprachlich verwandt und meinen lose Fadenenden oder flockige Wolle. Wer Flausen im Kopf hat, dem fliegen also allerhand lose Dinge im Kopf herum.

In der Internetsprache wird ein Kuschelverhalten augenzwinkernd *flausch* genannt. Wer in sozialen Netzwerken Flausch weitergibt, der dankt, lobt, beglückwünscht oder will trösten.

 

 

tag11

zettel
Quelle Twitter

Etwas anzetteln – ein Ausdruck aus dem Weberhandwerk.

„Um ein Stück Stoff zu weben, müssen auf dem Webstuhl zunächst lange Fäden, die sogenannten Kettfäden, gespannt werden, durch die dann später quer hindurchgewebt wird. Diese Längsfäden werden Zettel genannt. Am Anfang einer Webarbeit steht also immer der Zettel, ohne diese gespannten Kettfäden kann das eigentlich Weben nicht beginnen. Wer etwas anzettelt, setzt damit die Startpunkte für eine Entwicklung.“  (Auszug S. 52)

 

tag10

Ins Garn gehen

Garn war früher ein anderes Wort für Netze, die beim Fischfang und in der Vogeljagd benutzt wurden.

„Es gab Fischgarn und Vogelgarn als Fangnetze. Mit Vogelgarn waren verschiedene Arten von Fallen gemeint, die vor allem für kleinere Vögel gedacht waren. Geht also jemand ins Garn, dann geht er in die Falle wie ein Vogel, der gefangen wird. Damit zusammen hängt auch die Redewendung jemandem auf den Leim kriechen. Eine Variante der Vogelfallen bestand aus einer mit Leim bestrichenen Rute, an der die Vögel hängen blieben. Die Vögel waren auf den Leim und damit auch ins Garn gegangen.“ (Auszug S. 101)

neuer orbis pictus 1832vogelgarnVogelfänger mit Vogelgarn – im Baum hängen auch noch Fallen. (Abbildung wieder aus Neuer Orbis Pictus – eine wunderbare Fundgrube)

 

tag9a

„Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen“
―Horace Mann

tyrell
Tyne & Wear Archives & Museums via Flickr

 

tag9

Nun sind wir schon in der zweiten Woche und kehren zu den Schneidern auf ihren Tischen zurück. Inzwischen habe ich  im ersten Bilderlexikon für Kinder, dem Orbis Pictus (Die Welt in Bildern) eine Schneiderszene aus dem Jahr 1658 gefunden. Rechts neben dem Ofen wird zugeschnitten, und links auf dem runden Tisch wird genäht. Wie man sieht, gibt es dreibeinige Hocker, die am Tisch anlehnen. Ein Schneidersitz ist nicht nötig. Deutlich ist aber, dass der Stoff auf den Knien aufliegen soll.

sartororbispictus1

Auch hier kann etwas unter den Tisch fallen…

Unter den Tisch fallen

Wenn man bei einer Reihe von Angelegenheiten, vor allem bei einer Besprechung, etwas vergisst, dann fällt die Sache unter den Tisch. Es gab auch die Redensart »Dem Schneider ist viel unter den Tisch gefallen«. Früher brachten die Auftraggeber das Tuch, das sie vernäht haben wollten, selbst zum Schneider. Stoffe waren sehr teuer und es war wichtig, dass der Schneider mit dem Stoff des Auftraggebers sparsam umging und ihn nicht betrog. Der unredliche Schneider konnte versuchen, möglichst viele Reste für sich zu behalten. Unter seinem Arbeitstisch hatte er einen Behälter, in den er die Stoffreste warf. War dem Schneider viel unter den Tisch gefallen, so hatte er viel vom Stoff des Auftraggebers für sich selbst behalten. Der Kunde musste mit dem Schwund leben. (Auszug S. 83)

Nachtrag : Aus einer 200 Jahre späteren Version des Orbis Pictus (1832) noch eine Tischszene, die Nähgesellen sind ans Fenster gerückt, der Schneider nimmt Maß.neuer orbis pictus schneider1832

Redensarten – Adventskalender – Woche 1

Täglich bis zum 24. Dezember Auszüge und Bonusmaterial rund um das Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

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tag7

Spinnrocken, Kunkel: Der Stab mit dem Bündel Rohfasern, aus dem der Faden gesponnen wird. Spinnen war meist Gemeinschaftsarbeit und wurde traditionell den Frauen zugeschrieben. Ein Spinnrocken in der Hand galt als weibliches Attribut.

distaffvia

Von der Kunkel kommt das Kungeln

Wurde Wolle, Hanf oder Flachs um den Stab gedreht, der das abzuspinnende Material halten sollte, so hieß dieses Herumdrehen und -wickeln regional auch kunkeln. Kungeln bezieht sich also zum einen auf etwas Zusammengedrehtes. Zum anderen wurden auch die Gemeinschaften in den Spinnstuben danach benannt, sie hießen Kunkelgesellschaften. In einem Gedicht von 1821 klingt das vertrauliche Zusammensitzen beim Spinnen an: »Leis im Frauenkreise flüstert bei der Kunkel guter Rath.« Das Kungeln ist also auch das Ergebnis vom heimlichen Zusammentreffen in den Spinnstuben. (Auszug S. 20)

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tag6

santavia LNSW

Schönen Nikolaus-Sonntag wünsche ich! Und ich habe sogar einen Bezug zum Thema:

Der Nikolausmantel ist mit Pelz verbrämt. Verbrämung nennt man die Verzierung der Kanten eines Kleidungsstücks. Eine Jacke kann mit Fell verbrämt sein, ein Rocksaum mit einer Borte. Das Wort kommt vom frühniederdeutschen Brame für Rand oder auch Waldrand. Heute wird im übertragenen Sinne eine schlechte Nachricht verbrämt, indem man sie harmlos verpackt übermittelt. Sie wird derart verziert umschrieben, dass sich das Übel nicht direkt zeigt.

(Mein Buchlager ist übrigens schon arg dezimiert, ähnelt dem Vorrat auf dem Foto oben. Ich hoffe, die Menge reicht noch für alle Weihnachtswünsche. Danke für die Unterstützung!)

 

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„Der Scherz ist wie das Garn, das zerreißt, wenn es zu fein gesponnen wird.“
―Napoléon Bonaparte
Napoleon - 2

 

tag4

hechelnvia

Zwei junge Männer beim Flachshecheln. Das Bild macht deutlich, warum Flachsen bis heute in unserer Sprache im Sinne von spaßig Herumreden erhalten ist. Flachsgewinnung war Gemeinschaftsarbeit und ein langweiliger, gleichförmiger Prozess – bestens geeignet für Unterhaltungen. Seltsamerweise gehen die bisherigen Redewendungsbüchern immer davon aus, dass nur Frauen geflachst und gehechelt haben und schreiben die Redensarten schwatzhaften Frauen zu. Eine von vielen Klischeevorstellungen, die wir der Altherren-Geschichtsschreibung verdanken.

flaxvia

tag3

Vor Beginn des Industriezeitalters spielte der Flachsanbau in Deutschland eine sehr große Rolle. Bis heute hat die Flachsverarbeitung Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen.  So sind zum Beispiel tadelnde Reden in Form von Rüffeln und Durchhecheln auf Arbeitsschritte bei der Fasergewinnung zurückzuführen. Mit den Werkzeugen Riffel und Hechel wurden die Flachsfasern gesäubert und gekämmt.

hackleHechel

Die spitzen Zinken der Hechel standen als Bild für scharfe Zungen, die sich über ein Thema austauschen. Schon im Simplicissimus aus dem 17.  Jahrhundert hört der Erzähler bei einer Hochzeit betagten Mütterlein zu, wie sie »allerlei Leut, Ledige und Verheiratete … durch die Hechel zogen« und über die Kleidung der Gäste tratschten.(Auszug S. 31)

riffelRiffel (trennt die Leinsamen ab)

Wie bei der Hechel, die zum tratschenden Durchhecheln führte, wurde aus der Riffel der Rüffel, mit dem jemand gerügt wird.

tag2

„Schneider sind die klügsten Menschen, weil sie immer wieder von den Menschen Maß nehmen, statt sich auf die alten Angaben zu verlassen.“
―George Bernard Shaw

tag1

Schneidersitz

schneidersitzvia NLI

Warum sitzen Schneider mit gekreuzten Beinen?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Wer im Schneidersitz arbeitet, braucht weniger Platz und kein zusätzliches Mobiliar. Der Stoff kann im Schoß zusammengefasst oder über die Knie ausgebreitet werden, so dass das Gewicht des Tuches nicht beim Nähen stört und die Gefahr geringer ist, mit Schmutz und Staub in Berührung zu kommen. Gerundete Partien wie Kragen oder Armausschnitte können über ein Knie geformt leichter bearbeitet werden.
Auf manchen Abbildungen sieht man Männer im Schneidersitz auch auf einer Tischplatte direkt am Fenster arbeiten. So waren sie besonders nah am Tageslicht und konnten die Nähte besser sehen. Frauen sitzen auf Abbildungen eher auf Stühlen. Der Schneidersitz war wohl weniger schicklich für sie. (Auszug S. 81)

Fallen euch noch andere Gründe ein? Auf dem Bild oben liegt das Tuch auf dem Boden und wird sicher schmutzig. Rechts am Ofen bügelt einer der Näher, auch auf den Dielen (und nah an der Kohle).