Redensarten – Adventskalender – Woche 3

Jeden Tag bis zum 24. Dezember Bonusmaterial zu meinem Buch „Verflixt und Zugenäht – Textile Redewendungen, gesammelt und erklärt„.

(Hier geht es zu  Woche 1 und Woche 2)

 

tag23

gulliver

Ist eine bessere Illustration des Wortes Umgarnen denkbar?

 

tag22

Het spinnen, het scheren van de ketting, en het weven 1594-1596

Das Spinnen, das Schneiden der Kette und das Weben, ein Bild von Isaac Claesz. van Swanenburg aus dem Museum de Lakenhal im niederländischen Leiden. Das Bild ist Teil eines Zyklus, der die Wollverarbeitung zeigt. Allein schon in diesem Gemälde sind die Ursprünge zahlreicher Redensarten vereint, zum Beispiel

anzetteln, verzetteln, den Bogen raus haben, gut in Schuss sein, Shuttle, nach Strich und Faden, kungeln, Klüngel, Spinner, spindeldürr, verhaspeln, alter Knacker…

Wenn man das Bild heranzoomt, finden sich viele interessante Details textiler Techniken, die bis heute ihre Spuren in der Sprache hinterlassen haben.

kungeleiBerlinerMoPo 19.12.15

 

tag21

kanal
Mit welcher Redensart diese Frau zu tun hat, das wissen aufmerksame Buchleser:

Leine ziehen
Dieser Ausdruck kommt wahrscheinlich aus dem Lastenziehen in der Schifffahrt. Früher wurden Transportkähne auf Flüssen vom Ufer aus mit Menschenkraft vorwärts gezogen. Männer und Frauen schleppten das Boot an einem Seil, das sie meist um den Oberkörper gebunden hatten, gegen den Strom. Diese Fortbewegungsart wurde Treideln genannt. Der Treidelpfad am Fluss entlang hieß auch Leinpfad. Rief man »Zieh Leine!«, musste der Leinenzieher sich auf den Weg machen und das Schiff stromaufwärts ziehen. (S. 116)

 

tag20

Der rote Faden

redthread

Der rote Faden als Leitmotiv hat seinen Ursprung nicht nur im Faden der Ariadne, der durch ein Labyrinth führt. Goethe dachte in „Die Wahlverwandtschaften“ eher an das Tauwerk der britischen Marine, das als Erkennungszeichen einen roten Faden eingearbeitet hatte:

Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.

Seither ist das Bild des roten Faden als Grundthema nicht nur im Deutschen, sondern u.a. auch im Niederländischen, Französischen und Schwedischen bekannt. Dafür fehlt in der englischen Sprache ein red thread – stattdessen kann man dort aber leitmotif sagen.

farbwerkewurm Kopieklein

Die beiden Wollbündel sind übrigens aus  einem Musterbuch,  in dem Mottenlarven mit eingescannt wurden. (Oder ist das hier ein anderes Insekt?)

 

tag19

Am Gängelband
Wer am Gängelband hängt, oder wer gegängelt wird, über den wird bestimmt. Das Gängelband war früher eine Art Laufgeschirr für Kinder. Auf vielen früheren Kinderbildnissen sieht man Kleinkinder, an deren Kleidung unterhalb der Arme lange Stoffbänder befestigt sind, die von der Amme oder den Eltern gehalten werden.
Rembrandt Sheet of Studies, with a Woman Teaching a Child to WalkRembrandt, 1646

(Auf der Zeichnung wird das Kind nicht nur am Gängelband geführt, es trägt auch einen Fallhut, der es vor Stoßverletzungen am Kopf bewahren soll).

tag18

Ruhm der Nadel

„Der Faden verdankt seinen Ruhm der Nadel.“

„Eine Nadel kann einen Schneider ernähren.“

„Wenn eine Nadel die andere sticht, so nähen sie nicht.“

 

CPcX0KvXAAEFzGt.jpg large(Die Anzeige preist leicht einzufädelnde Spezialnadeln für Junggesellen, Blinde, Im-Dunkeln-Näher, Seeleute… )

 

tag17

Weil ich mich etwas verzettelt* habe, schiebe ich dieses hübsche Bild aus einer Handschrift um 1460/70  ein:

Ein Mann ist einer Frau ins Netz gegangen!

welchsergastQuelle UB Heidelberg, CC-BY-SA 3.0 DE

*verzetteln fehlt im Buch – es hätte zum Eintrag „Etwas anzetteln“ gehört. Wie das anzetteln kommt auch das verzetteln in der Webersprache vor.  Grob gesagt: Wenn es mit dem Zettel, den Längsfäden beim Weben, Probleme gab, dann hatte man sich verzettelt. Die Ursprungsform verzetten bedeutete ausbreiten, verbreiten, etwas verlieren. (Kann man schön im Wörterbuch der Brüder Grimm nachlesen, eine meiner Lieblingsquellen).

 

tag16

Verheddern – noch ein Wort aus der Flachsverarbeitung.

Hede hießen die kurzen, wirren Fasern, die in der Hechel nach dem Durchziehen der Büschel zurückblieben. Hede wurde vor allem als Dämm- und Dichtungsmaterial benutzt. 1778 wird sogar berichtet, der Flachs werde für künstliche Haarknoten verkauft: »Ist es Ihnen unbekannt geblieben, dass jährlich über hundert Centner Hede zu Chignons verbraucht werden?*«

chignon

Von der Hede, die unordentlich und durchei­nander in der Hechel zurückbleibt, kommt verheddern im Sinne von verwirrt sein. Wenn man sich im Text verheddert, so hat man den Faden verloren im Gewirr der Worte.

 

tag15

gemeinsamstricken

gemeinsamaendern1

In einigen Tagen erhalten die Flüchtlingsinitiativen unseres Bezirks einen Integrationspreis. Statt großer Reden gibt es bei der Preisverleihung Fotos aus den Gruppen, verbunden mit einem „Gemeinsam…“-Spruch. Unser Nähatelier im Flüchtlingsheim ist jetzt seit zwei Monaten regelmäßig geöffnet.  Wir sind neben dem praktischen Angebot der Kleidungsherstellung und -reparatur auch ein bisschen eine Anlaufstelle für Frauen geworden, die sonst ihre Zimmer nicht verlassen würden.  So zeigen wir nicht nur, wie die Nähmaschinen funktionieren und wie man strickt, wir üben auch gemeinsam Deutsch und beschäftigen die Kinder.

gemeinsamspitze

Wer nicht glauben will, dass Helfer weiterhin helfen: Die Zeit hatte eine Onlineumfrage gestartet, „Wir schaffen das, immer noch„.

—————-
Nachtrag
Hier ein paar Links zu Berichten von Handarbeitsaktionen in Flüchtlingsunterkünften:
Karlsruhe Nähen-Stricken-Häkel Nachmittag in der Flüchtlingsunterkunft
Berlin  Ablauf einen Nähnachmittags – Nähen und Basteln mit Flüchtlingen
Berlin regelmäßiger Stricktreff -Stricken im KunstAsyl
Oberhavel Frauencafé im Begegnungshaus

Wer hat noch Links?

 

11 Gedanken zu “Redensarten – Adventskalender – Woche 3

  1. Ich bin begeistert, so konkret und wunderbar und wirklich Gemeinsamkeit fördernd, auf dass die Fremde ein klein wenig heimatlich wird. Und die Einsicht, dass Zukunft nur gemeinsam und nicht abgeschottet nur für einen kleinen Teil der Menschen gedacht werden kann, kommt bei euren „Gemeinsam“-Texten und Bildern so gut heraus. Wir leben in einer Umbruchzeit. Es hilft nicht, das nicht wahrhaben zu wollen sondern nur ihn mitzugestalten. Große Freude und Respekt, und liebe Adventsgrüße Ghislana

  2. Das hört sich gut an! Tolle Idee mit den Fotos. In unserer Nachbarschaft ist grad ein neues Heim für Geflohene entstanden( extra für paare und Familien, 60% Kinder) und wir wollen etwas ähnliches dort etablieren. Die Räumlichkeiten sind ideal für gemeinsames Werkeln und Handarbeiten. Kann ich irgendwo weiterlesen, wie Ihr das Miteinander strukturiert habt?
    Lieben Lisagruß durch den viel zu warmen Adventsmorgen

  3. Verzetteln, verheddern, verhaspeln – fürs große Durcheinander sind scheints immer die Textilen zuständig. Mir gefallen deine Anekdötchen zum Buch.
    Herzliche Grüße,
    Malou

  4. Vielen Dank für die weitere Sammelei auf allen Ebenen.
    Auch in Köln gibt es ein entsprechendes Nähtreff (meines Wissens initiiert von „Willkommen in Agnes“); ich muss mal schauen, ob es irgendwo etwas „Offizielles“ dazu gibt.
    Und nein, das ist keine Hülle einer Mottenlarve. Da die Probe aus Baumwolle ist, wäre das auch sehr ungewöhnlich. Bei der Insektenbestimmung muss ich allerdings passen (Entomologe anyone?). Lustig, was so alles eingescannt wird…
    Herzliche Grüße, Bele

  5. Pingback: Adventskalender Nr. 24 und ein paar Feiertagstipps | Textile Geschichten

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