Textile Codes des Dritten Reichs

Beim Anblick bestimmter Farben, Formen und  Zusammenstellungen an die Nazizeit zu denken oder nicht – das scheint eine Altersfrage zu sein. In letzter Zeit häufen sich die Fälle, in denen Firmen und Institutionen offenbar unbeabsichtigt ungute Assoziationen hervorrufen.

1. Fall

Dieses Foto von den Vorbereitungen zum Mauerfalljubiläum muss ich zeigen, obwohl die Sparkasse in Berlin super reagiert und die Fahne sofort wieder abgenommen hat.

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In den Kommentaren zu der Dekopanne taucht auch  die (ernstgemeinte) Frage auf: „Wieso, was habt ihr denn? Verstehe nicht. Wo ist das Problem?“

Allen, die es nicht wissen: Eine lang herabhängende rote Fahne mit eine weißen Kreis erinnert sofort an die Naziparaden vor dem Brandenburger Tor.

parascreenshot GoogleBilder

2. Fall

Das ZDF-Morgenmagazin berichtet am 28. Oktober über die Hooligan-Krawalle in Köln. Offenbar stören sich Zuschauer am braunen Hemd des Moderators. Das ZDF-Morgenmagazin entschuldig sich bei Facebook und Twitter für die Farbe des Hemdes. Daraufhin bricht ein Entrüstungssturm los, weil sich das ZDF für so eine Lappalie überhaupt entschuldigt. Niemand versteht, was das soll. Lächerlich, Kinderkram, darf jetzt niemand mehr braun tragen… Auch Stern und Focus machen sich in Glossen über die Entschuldigung des Morgenmagazins lustig.

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Beim Anblick des Moderators ist mir sofort klar, woran  manche Zuschauer sich da wohl gestoßen haben. Bin ich die einzige, die das erkennt?  Ich habe nicht alle der hunderte Kommentare auf Twitter und Facebook und sonstwo gelesen, aber den Grund für das Unwohlsein scheint keiner zu vestehen. Das Morgenmagazin im übrigen wohl auch nicht:

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Ein olivgründes Hemd hätte natürlich dieselbe ungute Assoziation hervorgerufen, und zwar diese:

WikiCommons

Es ist nicht das Hemd, das stören kann, es ist das Hemd in Kombination mit der langen schwarzen Krawatte. Und in Kombination mit den rechten Krawallen. Ich störe mich nicht an dem Look des Moderators. Ich verstehe aber, dass es Menschen gibt, die beim Anblick eines olivbraunen Hemdes mit schwarzer Krawatte schwer schlucken müssen.

3. Fall

Schockierender war dieses Hemd der Modekette Zara, über das ich hier schon berichtet habe.

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Für alle, denen zu dem Foto vom Zara-T-Shirt nichts einfällt,  füge ich zwei historischen Bilder an.

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Kleidung Konzentrationslager Sachsenhausen, WikiCommons

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Kleidung Konzentrationslager Auschwitz, WikiCommons

Hier bei der Jewish News findet ihr noch eine bessere bildliche Gegenüberstellung.  Im Zuge des Aufruhrs um das Zara-Shirt wurde auch der Verdacht geäußert, der Konzern habe dieses Design absichtlich gewählt. Ein kalkulierter Skandal, um in die Schlagzeilen zu kommen? Ich glaube das nicht. Ich glaube tatsächlich, dass in der Designabteilung einfach niemand mehr diese mit der Nazizeit verbundenen Codes sieht.

Ich frage mich allerdings, warum ich diese Zeichen noch erkenne, obwohl ich zur Enkelgeneration gehöre. Auch meine Eltern haben die Zeit des Nationalsozialismus gar nicht mehr bewusst miterlebt, sie sind erst zu Beginn des Kriegs geboren. Wieso habe ich dieses visuelle Gedächtnis, die nachfolgende Generation aber nicht? Auch bei mir kann das Wissen ja nur aus Filmen, Büchern, Museen und dem Geschichtsunterricht kommen. Die mögliche Erklärung ist, dass das Thema in meiner Jugend eben doch viel präsenter war. Die Zeit war erst halb so weit weg.  Und ich bin zum großen Teil von Lehrern der 68er Generation unterrichtet worden, da zog sich die Aufarbeitung des Dritten Reichs wie ein roter Faden durch die Schulfächer.

Mir ist klar, dass die Zielgruppe für solche „visuellen Übersetzungen“  nicht unbedingt hier mitliest, aber vielleicht ist die Gegenüberstellung der Bilder ja doch jemandem nützlich. Vor einiger Zeit hätte ich noch davor zurückgeschreckt, Hakenkreuze (noch dazu im selben Beitrag mit gelben Sternen) zu zeigen. Aber die Vorfälle zeigen mir, dass ganz andere Zeiten kommen. Aufklärung ist wichtiger als Zurückhaltung. Wird fortgeführt – ich nehme auch gern Anregungen entgegen.

Vielleicht haben ja Marketing- und Designabteilungen bald einen Rat der Erinnerungsweisen, die solche irritierenden Signale noch entdecken können. Geschäftsidee: Beratungsagentur „Visuelles Geschichtswissen“.  Oder vielleicht entwickelt ja jemand eine Bilderkennungsapp „kulturelle Codes“?  Andererseits erledigen sich solche Differenzen auch durch Zeitablauf.  In meiner Jugend waren zum Beispiel Ältere noch von Lasershows am Nachthimmel verstört – es erinnerte sie an Flakscheinwerfer.  Heute dürfte diese Assoziation selten sein.

P.S.  Für die ganz Jungen ist das hier auch nur ein grün-weißes Auto.

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Nachtrag: In den Kommentaren weist Jana noch auf einen weiteren Fall hin. Mango verkauft eine Bluse mit Blitzmuster/Runen-S  und dem Slogan „Ich möchte den total Look“

Noch ein Hinweis, von Frifris: Davidstern mit Totenkopf, hat H&M sofort wieder aus den Geschäften genommen, „Leider waren unsere Kontrollroutinen diesmal nicht ausreichend“.

Und ergänzend:

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31 Gedanken zu “Textile Codes des Dritten Reichs

  1. Ich bin vierzig und für mich ist das nicht ein grün-weißes Auto ;-)
    Nein, im Ernst, ich habe deinen letzten post zu diesem Thema auch schon gelesen und ich wundere mich einfach. So ein Banner oder Shirt entsteht ja nicht im luftleeren Raum. Es durchläuft doch viele, viele Stationen, angefangen vom Entwurf, über jemanden, der es absegnet, mehrere Leute, die es produzieren, fotografieren, bewerben, bis hin zu demjenigen, der es aufhängt oder im Schaufenster der Puppe überzieht. Und da sollen überall nur tumbe Küken frei von jeglichem Geschichtswissen am Werk sein? Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber woran liegt es dann, dass solche Pannen (?) passieren?
    Interessanterweise (also zumindest für mich) bin ich gestern auf der Suche nach Quilts durchs Netz gesurft und habe so einige Quilts gesehen, die Muster hatten, bei denen ich sofort an minimal gedrehte Hakenkreuze dachte…
    Herzliche Grüße und auch ein Danke für deine so oft sehr interessanten Themen,
    Kathrin :-)

  2. Nein, dass siehst nicht nur du so… auch ich als Mittdreißigerin erschrecke bei den Bildern, beim Moderator kommt zusammen mit dem hochgeknöpften Hemd und der blonden Kurzhaarfrisur natürlich SOFORT die Assoziation. Um Himmels willen, und dann noch bei so einem Beitrag… Auch die Sparkassenfahne und natürlich das Zara-Shirt, ich verstehe wie auch Kathrin nicht, wie so ein Shirt alle Entstehungsstationen durchlaufen kann ohne dass jemandem etwas auffällt.
    Woran das liegen kann? Und sich alle über die Entschuldigung empören? Genauso wie diese „Nicht-Schuldigen“ vom Thema genervt sind, bin ich von ihrer grenzenlosen Dummheit und Ignoranz genervt und enttäuscht. Keine Ahnung, ob´s an der Vermittlung in der Schule oder an der fehlenden Thematisierung in den Elternhäusern liegt. Ich persönlich finde jedenfalls, das Andenken an die Opfer gehört gewahrt und die Verantwortung, dass sowas nie wieder passiert, liegt bei uns. Fertig.
    Danke für deinen Beitrag. Es war mir nicht klar, wie wenig diese Zeichen noch in den Köpfen der Menschen verhaftet sind.

  3. Gib mal Mango ss in google ein, da findest du von der Modefirma Mango eine schöne Bluse mit Blitzdesign, dass stark an die SS-Symbolik erinnert. Auch da mal wieder ein totaler Fehlgriff :-(

  4. Ich stimme dir in ALLEM vollkommen zu! Aber das liegt wahrscheinlich an meiner intensiven Beschäftigung mit der brauen Vergangenheit. Das hat mich nachhaltig sensibilisiert.
    Die Debatte um das Hemd des Moderators hatte ich nur am Rande mitbekommen und mir auch gedacht: „Na ja, braun ist nun nicht unbedingt schlimm. Da wurde wieder überreagiert.“ Aber als ich jetzt das Bild hier im Blog sah, hatte ich sofort die Assoziation: SA! Die Farbe, die schwarze Krawatte und der Schnitt mit dem engen hohen Kragen – für mich ganz eindeutige Zeichen. Auch die Ikonografie des Sparkassenplakats verband ich sofort an Reichsparteitag und Leni Riefenstahl. Ich vermute, das hat eine Agentur entworfen. Und ich würde wetten, dass die GrafikerInnen, die sich das ausgedacht hatten, so was ähnliches mal auf alten Bildern gesehen hatten, das irgendwie gut fanden, sich aber nicht mehr an den Kontext erinnern konnten.
    In GrafikdesignerInnen bräuchten dringend ein Unterrichtsfach „Faschistische Ikonografie – und warum die überhaupt nicht geht“

  5. Und was ich noch vergessen hatte zum Thema Braunhemd: Die Frisur des Moderators ergänzt das Uniformteil ganz harmonisch. Fehlen nur noch die kurzgeschorenen Seiten über den Ohren. Die Farbe allein wäre also kein Problem gewesen.

  6. Großes Erstaunen ob solcher Vorkommnisse hier auch immer. Zumindest die letztendlichen „Entscheider“ dürften doch in herkömmlich strukturierten Firmen ältere Herrschaften sein, die eine ähnliche Prägung mitbekommen haben wie wir.
    Gut nur, dass es zumindest noch Diskussionen auslöst und daher wieder ins (auch visuelle) Gedächtnis geholt wird.

  7. Warum diese Assoziationen niemandem – auch „älteren“ Herrschaften“ – nicht aufgefallen sind, mag wohl an sog. „Betriebsblindheit“ liegen: Man ist so auf die Sache an sich fokussiert, hat alles x-mal durch, dass man auch beim 10.Mal durchgehen Fehler völlig übersieht. Nichts desto trotz ist es natürlich furchtbar, wenn es passiert. Daher empfinde ich das Vorgehen der Sparkasse als einzige Möglichkeit den Fauxpas aus der Welt zu schaffen.

    Und zur Sensibilität Jüngerer gegenüber der Nazi-Vergangenheit: Wir als Enkelgeneration hatten noch die Möglichkeit, mit unseren Großeltern, die den Krieg sehr intensiv selbst mit erleben mussten, persönlich über ihre Empfindungen zu sprechen. Persönliche Erinnerungen, die wir mit geliebten Menschen verbinden, prägen sich m.E. tiefer ins Gedächtnis ein als es jeder Geschichtsunterricht oder Film es vermag. Unsere Kinder, also die Urenkelgeneration hat diese Möglichkeit nicht mehr.

  8. Ich bin ja irgendwie auch dankbar darum, wenn solche Fehler gemacht werden und es jemandem überhaupt auffällt. Es gerät so viel in Vergessenheit.
    Ob es das heute mehr gibt als früher, diese grafischen Fehlgriffe? Auf alle Fälle ist eine große Bild-Öffentlichkeit gut, denn dann wird auch offen darüber gesprochen.
    Und ich befürchte dass es einfach zunehmend weniger hochqualifizierte Kontroll- und Abnahmeinstanzen gibt, das ist sicher einigen Firmen zu teuer – das wird es erst wieder geben, wenn zu viel eingestampft und rückgerufen werden muss. Ob das noch kommt?

    Noch ein Beispiel hab ich gefunden: http://www.focus.de/kultur/mode/modischer-fauxpas-h-m-zieht-shirt-mit-davidstern-und-totenkopf-zurueck_id_3723577.html

    Manche Grafiker suchen wohl einfach nur nach modischen Stichworten (hier wohl: „Stern“ und „Totenkopf“) und basteln einfach ohne Sinn und Verstand zusammen. Schlimm.

  9. Und jetzt muss ich noch was hinzufügen, was nicht mit Bildersprache, sondern mit dem gesprochenen/geschriebenen Wort zu tun hat, dort findet sich dieses Problem natürlich auch. Mein Mann hat mich kürzlich zurecht darauf hingewiesen, dass ich ohne Nachzudenken den Ausdruck „Jedem das Seine“ (http://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/42761/jedem-das-seine?p=all) verwendet habe, mir war der historische Hintergrund überhaupt nicht bewusst. Es ist wirklich gut, wenn so etwas diskutiert wird, denn daran kann man doch ganz gut sehen, wie oberflächlich die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in manchen Bereichen doch geblieben bist, und wie prägend dieses Gedanken- und Bildgut war/ist.

    • Nein, das wusste ich auch nicht. Noch dazu verstand ich unter „Jedem das Seine“ eher „Jeder, wie es ihm gefällt“. Sprache ist ohnehin ein Minenfeld, da kriegt man ja auf Twitter viel mit, wie man (frau!) da aufpassen müsste. Viele der Fettnäpfchen kenne ich bes. im Genderbereich offenbar gar nicht. Und in dem von dir verlinkten Artikel ist das „Dritte Reich“ in Anführungsstriche gesetzt. Da müsste ich mich eigentlich jetzt gleich informieren gehen…

  10. Ich glaube mittlerweile, dass solche Assoziationen bewusst gewählt, bzw. bewusst geduldet werden. Marketing ist wohl ein knallhartes Geschäft und die negative Aufregung reicht den Firmen, um in die öffentliche Aufmerksamkeit zu gelangen und das schraubt dann doch die Verkaufszahlen hoch?!
    lg Carmen

  11. Ich muss gestehen, bei dem Sparkassenplakat wusste ich zuerst auch nicht, was das Problem ist. In dem Moment war ich aber, glaube ich, einfach in der DDR-Denkrille und hab den Zusammenhang nicht gesehen. Als dann jemand meinte: „Rotes, langes Banner, weißer Kreis?“, da kamen dann schon entsprechende Assoziationen vor mein geistiges Auge.
    Bei dem Zara-Shirt dachte ich seinerzeit auch: „Äh, wie kann einer das NICHT auffallen“. Jetzt bin ich mit meinem Unverständnis, dass jemand das nicht sieht, etwas vorsichtiger. Da hilft nur erklären, erklären, erklären.

    Vielen Dank für diesen sehr anschaulichen Beitrag!

  12. Ehrlich gesagt möchte ich nicht daran glaben das es marketingstratisches Kalkül bei einigen Firmen ist.Ein Stück Betriesblindheit bei dem inzwischen rasanten Ablauf vom Entwurf bis Laden, kann durchausaus vorkommen.Und weil dinge fernab von Europa produziert werden., wenn dieses Shirt in deutschlang genäht worden wäre, wäre das viel eher aufgefallen. Wenn Farbe und Form in einer ähnlichen Konstellation (verhältnis)zueinander stehen, dann werden Vergleiche wohl immer anstehen. Wenn der Moderator ein schwarze Lockenkopf gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich überhaupt kein Aufhebens gegeben, obwohl Hemd und Schlips Assoziationen zulassen, aber der blonde Haarschopf in der Kürze war dann das, was das Bild „rund“ gemacht hat. ich trage auch Braun und Schwarz als Kombi und bin noch nie auf vergleichende Gedanken gekommen.
    nachdenkliche Grüße

  13. Super Post! Danke
    Ich habe diese visuellen Erinnerungen auch, trotz des noch späteren Jahrgangs, aber bereits bei uns gab es Gestöhne im Geschichtsunterricht „Orr, schon wieder 2. Weltkrieg.“ „Damit haben wir doch nichts mehr zu tun“ und solche Sachen. Ich finde, man sollte das alles wirklich bis zum Erbrechen durchkauen, damit sowas nicht wieder passiert.
    Allerdings habe ich bei dem Bus jetzt auch kein Bild. Der ist wohl an mir vorbei gegangen.
    LG

    • Das Auto war mal ein Mercedes Transporter der Polizei, aber diese genaue Form gab es wohl nur in den 80ern, habe kein ganz entsprechendes Bild gefunden. Grün-weiße Polizeifahrzeuge habe ich vorhin noch am Zoo gesehen, das wird wohl nur langsam umgestellt.

  14. da stockt mir der Atem!
    So sehr, daß ich ohne Brille gleich mal eine Swastika im Sparkassen „S“ lese, und bei dem Moderatior läuft es mir kalt den Rücken runter. Ich bin 57 und ein ausgeprägt visueller Mensch mit photografischem Gedächtnis; ich reagiere da wohl etwas schneller.
    Ich vermute, gerade im Mode-/Designbereich sind die Entscheider doch relativ jung und hatten auch eher selten Geschichts-, Politik- oder SoWi-Leistungskurse. Die mangelnde Sensibilität, die durch fehlenden Schulunterricht entsteht, sollte aber auf jeden Fall in der beruflichen Ausbildung hergestellt werden.
    Es gab doch vor geraumer Zeit noch den Fall mit der in China produzierten romantischen Blümchentasse, wo im Hintergrund ein Hitlerportrait schimmerte. Erinnert sich jemand?

  15. Ich erkannte alle diese Codes sofort, bin aber auch eher ein visueller Mensch mit großem historischen Interesse. Offensichtlich muss man einfach damit rechnen, dass das Erkennen dieser Codes Wissen ist, das verloren geht – genauso, wie wir die Trauerkleidung aus dem 19. Jh. nicht mehr besonders gut dekodieren können. Für unsere Enkelkinder ist vielleicht ein blauweißes Ringelshirt mit Stern ein blauweißes Ringelshirt mit Stern, und das war’s dann. Die Codes ändern sich,das halte ich auch nicht für ein Zeichen mangelnder Sensibilität sondern für ein Zeichen dafür, dass die Zeit vergeht. (Viel mehr schreckt mich, wenn jemand z. B. Naziuniformen als ironisches Zitat verwendet, wie vor einigen Jahren die Mädels aus Singapur, die so verkleidet zum Fasching gingen. Das halte ich tatsächlich für sehr unsensibel).
    Ansonsten schlage ich mich da ausnahmsweise auf die Anti-Entschuldigungsseite. Mir scheint, die postwendende Entschuldigung ist zu einem Reflex verkommen, der halt automatisch eintritt, ohne viel nachzudenken. Am Schlimmsten mit der Kombi „…wir wollten niemandes Gefühle verletzen…“. Es gibt in Deutschland denke ich nur mehr ganz wenige Leute, die tatsächlich aus eigenem Erleben so traumatisiert von der Kombi blondes Kurzhaar-braunes Hemd-schwarze Krawatte sind, dass man sich bei ihnen entschuldigen sollte, weil man ihr Trauma hochgeholt haben könnte. Die überwiegende Mehrheit ist aber nicht in dieser Situation, darum sehe ich nicht, warum die eine Entschuldigung für irgendwas bräuchten. Bei mir muss sich jedenfalls niemand entschuldigen, dass er zur falschen Hemd/Krawattenkombi gegriffen hat – das ist letztlich eine Lappalie und macht auch den schwächer, der eben NICHT traumatisiert wird, dem man aber nicht zutraut, ohne Schock und seelische Pein einen Moderator im unglückselig gewählten Outfit zu sehen. Ich HABE die seelische Stärke, wenn Ihr Euch unbedingt ernsthaft und von Herzen für etwas entschuldigen müsst, fiele mir z. B. das unterirdische Programm ein, das wir mit Zwangsabgaben finanzieren…und dann sollten Taten tätiger Reue folgen, worauf man im Fall Hemd/Krawatte wohl auch lange warten kann – es sei denn, der Moderator übergäbe unter Blitzlichgewittern sein Olivgrünhemd der Altkleidersammlung. Oder so.

  16. Oh je, ganz besonders schlimm finde ich das Runen-Blitz-Muster und den gewählten Slogan mit „total“. Hallo?! Das kann kein Zufall sein. Da fand sich offensichtlich Jemand lustig. Und ein rotes Banner mit weißem Kreis am Brandenburger Tor, wie verblendet muss man sein, um den Zusammenhang nicht zu sehen? Und das kurz vor dem neunten November, der Reichskristallnacht, nein, da glaube ich nicht an Zufälle. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt passen diese Beispiele alle in eine Zeit, die die Vergangenheit endlich abhaken will und lieber ganz schnell in Kz-Gedenkstätten auch an das DDR-Regime erinnert, ein Abwasch, dann können wir jetzt aber auch endlich wieder so richtig stolz sein. Ach, was könnte ich mich wieder aufregen. Trotzdem danke ich dir für diese Art von Postings, die mich zum Nachdenken bringen. LG mila

  17. Das ist schon verrückt. dass diese Dinge von so vielen Leuten vorher gesehen werden, bevor sie veröffentlich oder produziert werden und dennoch merkt das manchmal keiner.

  18. Irgendwie laesst mich das Thema nicht los und immer wieder stosse ich auf Texte, Bilder etc., die mich in Gedanken hierher zurueckkehren lassen. und deswegen hier auch mein letzter Fund bei http://wildgans.wordpress.com/: es passt wie „angegossen“

    Secondhand

    Langer Mantel solide
    klassisch geschnitten
    schwarzes schweres Tuch
    tadellos verarbeitet
    Passt

    Ich drehe mich im Spiegel
    perfekt
    einen Mantel wollte ich
    schon lange

    Als ich in die Taschen greife
    fühl ich ein Tuch und ziehe
    eine Hakenkreuzbinde
    sorgfältig gefaltet
    gebügelt

    Erschrecken am Es
    und Schock über meine Begeisterung
    für den Mantel
    und wie er passte
    wie angegossen

    (Otto Jägersberg. In: Heimliche Gedichte. Ausgewählt von Daniel Keel und Daniel Kampa. Diogenes Zürich 2007)

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