Stoffspielerei im Mai: Spirale à la Bourgeois

“Clothing is… an exercise of memory…
It makes me explore the past…
how did I feel when I wore that…”
—Louise Bourgeois

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KaZe ist heute Gastgeberin der Stoffspielerei*, als Thema hat sie sich Inspiration Kunst (mit Quellenangabe) überlegt.

Dem komme ich sehr gern nach. Meine Quelle sind die Fabric Works von Louise Bourgeois.  Über die  Textilarbeiten dieser französisch-amerikanischen Künstlerin (die mit den Riesenspinnen aus Metall) habe hier schon berichtet. Heute mein (fast) gelungender Versuch, einen Streifenstoff neu zusammen zu setzen.

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Das Ganze soll zum Beitrag vom letzten Monat passen. Der war auch schon von Bourgeois inspiriert.

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Ein früheres Stück fügt sich (in echt) farblich nicht so ein, aber vielleicht ja zukünftig, wenn mehr Seiten entstanden sind. Man kann die Rechtecke einzeln aufhängen oder zu einem Buch zusammenfassen, links habe ich schon einen Stoffrand zum Zusammenklammern vorgesehen.

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Im MOMA kann man sich Stoffbücher von Louise Bourgeois so nah heranzoomen, dass jeder Stich übergroß wird. Besonders gern mag ich  Ode à l Oubli, Ode an das Vergessen. Auf Leinenservietten mit dem Monogramm LBG (Louise Bourgeois Goldwater) sind sehr viele verschiedene textile Techniken zu entdecken. Man muss wirklich nah ran gehen. Ein scheinbar gewürfeltes Geschirrhandtuch ist in Wirklichkeit ein Patchwork aus Gazestoff, Ringe sind aufgerollte Strumpfabschnitte.

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Inzwischen habe ich mir  die im Internet verfügbaren Interviews mit Louise Bourgeois bzw. ihrem Assistenten Jerry (der verwaltet jetzt ihren Nachlass) angesehen und weiß, wie und warum diese textilen Arbeiten gemacht wurden. Zusammengefasst:

  • Erst in hohem Alter, sie war über 80,  sagte sie zu Jerry: Da lagert noch sehr viel Stoff und Kleidung von früher, hol mir das mal. Sie sortierte die Kleidung und (Aussteuer-)Wäsche nach Farben.
  • Sie hatte ein bisschen Wegwerf-Phobie. Vielleicht machte sie sich Gedanken, was mit den Textilien nach ihrem Tode passieren würde. Durch die künstlerische Nutzung überleben nun wenigstens kleine Stücke davon.
  • Erst seit den 90er Jahren trug Louise immer dasselbe (schwarze „Uniform“), vorher war sie auffälliger gekleidet. Sie mochte blau, weiß, pink.
  • Zuerst nähte sie die Stücke selbst, dann konnte sie die Aufgaben nicht mehr allein bewältigen und ließ nähen. Ihr Assistent meint, die Sachen von ihr seien aufgrund der gröberen Stiche gut zu erkennen :-)
  • Als Näherin wurde 1999 die Argentinierin Mercedes Katz ausgewählt, weil sie so hervorragend feine und regelmäßige Stiche nähen konnte. Sie arbeitete 6 Tage die Woche mind. 5 Stunden für Louise. Oft kamen noch Nähhilfen dazu. Mit Nähmaschine wurde auch genäht.
  • Louises Kindheit war textil geprägt, die Familie hatte einen Betrieb für historische Textilien, ihre Mutter war Spezialistin im Restaurieren. Ihr Vater war sehr modebewusst.
  • Der Vater und die gesamte Familienkonstellation (ihr Vater brachte seine Geliebte mit in die Familie, sie lebte als Louises Englischlehrerin mit im Haus) belasteten Louise derart, dass ihre gesamte Kunst davon bestimmt war. Vielen ihrer Motive liegen Kindheitsgeschichten zugrunde. Sie erzählte das auch detailreich und offen – irgendwann gibt es sicher ein Dekodier-Lexikon für ihre Kunst.
  • Viele Motive der Stoffarbeiten beruhen auf den Zeichnungen Louise Bourgeois. Beim MoMa z.B. werden die Parallelen im Werk aufgezeigt. Sie nannte die Stoffzeichnungen entsprechend auch „Fabric Drawings“.

Ich gebe zu, ich habe immer Hemmungen, Künstler nachzumachen. Schon gar nicht bin ich der Meinung, dass man sich mit solchen Kopien stolz in die Öffentlichkeit wagen sollte. (Ich habe eine richtigen Hass auf feixende Fälscher wie Wolfgang Beltracchi, die überhaupt nicht begriffen haben, was Kunst bedeutend macht. Die tatsächlich glauben, sie seien so gut wie ein anderer, nur weil sie den Stil täuschend echt nachahmen können.)

Aber am Ende dachte ich mir: Louise wäre es herzlich egal gewesen. Außerdem kann ich meine Stücke ja kurzer Hand zu einer Bewältigungsstategie erklären: Hiermit überwinde ich die Furcht, nicht originell zu sein!

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Jerry, der Assistent, sagt zu den Fabric Works: „Es geht um die Idee von Wiederherstellung, Versöhnung, darum, Dinge zusammenzuhalten angesichts eines drohenden Zerfalls“.

Was für schöne Worte, passend für alles Patchwork.  (Filmtipp am Rande: Zum Versuch, eine Familientragödie zu überstehen gibt es noch bis Mittwoch die wirklich berührende Doku „Die Folgen der Tat“ in der ARD-Mediathek zu sehen. Vor allem die Mutter der Ex-Terroristin Susanne Albrecht hat mich sehr beeindruckt.)

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Nun noch ein bisschen zur Praxis

Über die Machart schrieb ich schon 2013 in den Kommentaren:

„Das sind alles “Stoffkeile”, die dann kreisförmig aneinandergenäht wurden. Und zwar offenbar eher wie bei einer Applikation, nicht wie beim Paper Piecing. Beim Nachmachen würde ich es aber wie beim English Paper Piecing versuchen, das müsste gehen. Die Mitte dürfte aber ein Riesenproblem sein, die hat sie hier ja freundlicherweise abgedeckt.“

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Genauso habe ich es gemacht,

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und genauso ungenau ist es in der Mitte geworden. Was auf dem Foto nicht auffällt.

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Eine Spirale statt eines Spinnennetzes. Unfreiwillig, aber eigentlich besser so, da gibt es einen Ausweg.

Später schaue ich mir in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben, freue mich schon. Die Links sind bei  Karen zu finden.  Vielen Dank!

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Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
28. Juni            Frifris    Thema Knöpfe
26. Juli         SOMMERPAUSE

20 Kommentare

  1. Oh, und ich dachte eine Spirale wäre die Absicht gewesen… Gefällt mir mit Ausweg sehr viel besser als ein Spinnennetz! Bei Spinnennetz wären Paspeln als Grundgerüst (oder wie nennt man die Halteseile) eine Möglichkeit.

    • Wer weiß, vielleicht war es ja unterbewusste Absicht :-) Nolens Volens. Und ja, mit Schnurapplikationen o.ä. ließe sich viel machen, da habe ich auch schon Ideen. Danke!

  2. Was Kunst bedeutend macht ?
    Ich denke das bestimmt der Zeitgeist und persönlicher Geschmack.
    Viele Dinge sind sicherlich sehr bedeutend interessieren aber niemand die Bohne.
    So ist das doch oft.
    Erst wenn Geld im Spiel ist, wächst das Interesse daran oft schneller als die angebliche Bedeutsamkeit des Kunstwerke. Ich denke das ist die Wahre Mission des Herrn Beltracci. Er macht sich lustig und führt den angeblichen Kunstkenner vor.
    Ich finde ihn sehr interessant, er erinnert mich an Til Eulenspiegel…:)

    Dein Stoffstück ist sehr schön geworden, ich dachte beim ersten Betrachten wow so toll genäht das das aneinander passt….!
    Manchmal denkt man sich was aus, und es kommt doch anders…das ist in der Kunst wie im Leben immer wieder erlebbar…
    Liebe Grüße
    Stella

    • Hast du den Film gesehen über Beltracchi? Da bin ich sauer geworden. Der glaubt wirklich, er sei so genial wie die, die er kopiert hat. Dem überdrehten Kunstbetrieb den Spiegel vorhalten meinetwegen, aber es geht doch darum, das Kunstwerk im Zusammenhang mit der Person zu sehen, die es geschaffen hat (+ die Epoche). Das ist ja das Problem vor allem mit moderner Kunst, dass man den größten Teil erst einschätzen kann, wenn man ganz viel weiß. Das ist schon ein Spezialgebiet für Kenner, die es interessiert. Ich konnte mit den Papierzeichungen von Bourgeois nicht viel anfangen, aber wenn man sie dechiffrieren kann, dann wird es spannend. Mit Kunst aus dem Mittelalter war es ähnlich bei mir.
      Wahrscheinlich ist das Problem, dass wir alle Kunst über einen Kamm scheren. Es gibt eben Spitzenkunst und Mittelfeldkunst usw., alles ok, nur sollten sich Kleinkünstler nicht gekränkt fühlen, wenn sie weniger Beachtung finden. Ein weites Feld! Danke für die Vorlage :-)

      • Eben, den Film habe ich gesehen, und da hab ich gedacht:
        So ein Fuchs !!
        Allerdings sehe ich das echt im Zusammenhang mit dem Kunstmarkt, und losgelöst vom Künstler der die jeweiligen Bilder gemalt haben.
        Natürlich ist es in keinerlei Relation zu sehen was grosse Künstler sich für Wege geebnet haben und neue Dinge auf den Weg gebracht haben und zum grossen Teil auch die jeweilige Ordnung ja auch nachhaltig gestört und in Frage gestellt haben.
        Aber es ging ja auch Beltracci eher auch um die Kunstkenner und Kritiker und den Leuten in den Kunstbegriff die entscheiden was ist echt und gut und wichtig und was nicht..natürlich ist es Betrug und anmaßend.
        Aber das ist Betrug immer, sonst wäre es ja keiner.
        Allerdings bin ich auch kein Kunstkenner. Sondern nur ein kleines Lichtlein :)))

  3. Super, ich finde ja deine Recherchen zu Louise Bourgeois super interessant. Ich kenne sie ja nur aus deinem Blog, sonst haben deine Arbeiten ja bislang nicht meinen Weg gekreuzt, aber ich finde ihre Arbeiten toll.
    Begeistert bin ich auch von den links zum Moma, so wünscht man sich doch die Webseiten von Museen, zoomen bis ins kleinste Detail, herrlich. Und so schön egalitär, mehr als einen Internetzugang braucht man dafür ja nicht.

    Deine Schnecke finde ich toll und ich glaube ich finde das auch optisch interessanter als die Spinne, die ist eigentlich doch zu symmetrisch – so ein kleines Eckchen anders ist viel spannender.
    Und noch mal danke für deine Tipps zu diesem Thema. Ich bin gescheitert am Inspirieren-Lassen, und mein Wunschprojekt habe ich aus rechtlichen Gründen lieber sein lassen (Stickerei nach Angie Lewin).

    Achso, und noch eine Verständnisfrage: hatte sie eine Wegwerf-Phobie oder -Manie? Wenn so wenig übrig ist, dachte ich eher an letzteres. Wegwerf-phobie ist das was ich habe :)

    Ganz liebe Grüße! frifris

    • Jerry: „She had this phobia of throwing things out“.
      Da sie diese Stoffsachen auch als Editionen gemacht hatte, gab es zum Teil wohl am Ende zu wenig Material in ihrem Fundus und sie musste „fremden“ Stoff nachkaufen. Der wurde dann wohl sogar digital noch mit Alternungsspuren versehen… Das habe ich aber nur aus einer Hörensagenquelle.

  4. Es ist so schön, dass du gerade Luise ausgewählt hast. Beim Anblick des Originals voriges Jahr in Wolfsburg, dachte ich sofort, welche verrückte Möglichkeiten sich eröffnen, wenn man Streifen zerschneidet. Sie hat den ganz schlichten Dingen eine Sprache gegeben.Sie hat jedem Stoffschnipsel Leben geschenkt, kein einziger ist weggeworfen worden, denke ich! Die Fakten zu ihrer eigenen Kleidung kannte ich noch nicht. Danke!
    Schon jegliche aneinander genähte Streifen in Keilform wäre Inspi gewesen!
    Mit deinem Beitrag zu den seltenen Techniken warst du sowieso schon voll beim Thema.
    Wenn wir unsere textilen Monatsseiten damals schon in Buchform gedacht hätten, haben wir ja teilweise,da entsteht schon was. schön, dass du es jetzt so anlegst. Alles braucht seine Zeit und es ist immer ein Prozess.
    Zu Beltracchi: es gibt immer mehr Handwerker, als kreative Köpfe. Kunst ist eben eine Spur mehr als Handwerk.
    gestreifte Grüße, karen

  5. Als Spirale finde ich das noch viel bermerkenswerter als als Netz. Ich stelle mir das Zusammenfügen ausgesprochen fitzelig vor.
    Es ist toll wie der gebrochenen Farben harmonieren, das ist mir schon bei den Pflanzenfärbungen aufgefallen. Du hast da ja sicher auch noch ein paar selbstgefärbte Stücke Stoff zuhause, die klannst du dann zu vielen unterschiedlichen Sachen verarbeiten.
    Die im großen Zusammenhang dann trotzdem zueinander finden.
    Ich bin sehr gespannt was da noch kommt!
    (Das grenzt dann schon an textile Konzeptkunst wie bei Louise Bourgeois. Danke übrigens für die genauere Vorstellung!)

  6. Ich glaube auch, der kleine Bruch macht die Seite interessanter, als sie es als perfektes Spinnennetz gewesen wäre. Toll, dass die Stoffbücher-Seiten von Bourgeois in so einer guten Qualität eingescannt sind, da gibt es wirklich viel zu entdecken. Also danke insgesamt für diesen lesenswerten Beitrag. Das Biographische und dass sie zuerst buntere Kleider trug, war mir alles nicht so klar, ich kenne nur Fotos von ihr aus dem Alter.

  7. Die Spirale als Zufallsergebnis finde auch ich besser als Spinnennetz.
    Spannend zu verfolgen, wie sich bei Dir die Dinge von Monat zu Monat zusammen fügen.
    Ist mal wieder ein spannend zu lesender Beitrag bei dem man sich in Links dahin treiben lassen kann.
    LG Ute

  8. Du hast wieder viele interessante Informationen zusammengetragen. Danke dafür. Bei Louise habe ich mich wieder an Noa Eshkol erinnert gefühlt. Deine Interpretationen der Vorlagen sprechen mich sofort an, allein schon weil ich alles Grafische mag. Auf dein geplanten „Buch“ bin ich schon gespannt.
    LG
    Siebensachen

  9. Dein Streifenexperiment gefällt mir ausgesprochen gut. Die Hintergrundinformationen, die du immer ausgräbst sind ausgesprochen spannend und nicht selten hangele ich mich dann noch durch verlinkte Texte und Bilder und vergesse die Zeit.
    Herzliche Grüße,
    Malou

  10. vielen dank für deine ausführlichen infos zu louise bourgeois‘ fabric works. ich durfte einige ihrer arbeiten schon in museen betrachten und finde viele davon großartig. deinen tipp mit dem moma werde ich noch ausgiebig nutzen.
    deine arbeit zum thema ist dir wunderbar gelungen und da ist es mir egal, ob es ein spinnennetz oder eine spirale geworden ist!
    herzliche grüße, mano

  11. Ich verehre die Bourgeois und finde ihre Werke aus ihren alten Kleidern einfach nur atemberaubend.
    Übrigens habe ich ja an einen Sonnenschirm denken müssen, als ich den Streifenwerk sah, kann aber auch an der derzeitigen Hitze liegen… LG mila

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