Runde Schönheiten 1904 und ein Kuchenstück

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Bei einem Schönheitswettbewerb der Zeitschrift „Berliner Leben“ stimmen 1904 die meisten Leser für eine weich und sinnlich geformte Vally. Heutzutage wäre Vally ein Plus-Size Model und dürfte bei Germany’s Next Top Model wahrscheinlich noch nicht einmal durch die Tür zum Casting.

Geht man die Zeitschrift weiter durch, so sind die meisten Frauen dort  ziemlich rundlich. Nach  nach heutigen Maßstäben würden einige von ihnen wohl über eine Diät nachdenken.

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Damals aber galten sie nicht als zu dick. Vielmehr waren sie wohlgenährt und damit schön.

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Die Zeitschrift zeigt viele Sängerinnen und Schauspielerinnen. Ich habe nicht einen einzigen „Hungerhaken“ unter den Bühnenschönheiten gefunden. Man beachte auch die damals moderne Form der Gänsebrust, die mit entsprechenden Korsetts extra so geformt wurde. Heute würden alle sofort schreien: Zieh dir doch mal einen vernünftigen BH an!

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Apollo-Theater, Blumenballet aus „Frühlingsluft“.

Ein Badebild von 1906 zeigt, wie die Frauen ohne Korsett aussahen. Auf dem Steg ganz rechts sitzt die 24 Jahre alte Berliner Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary.

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Sie wurde später eine Berühmtheit, die Massary, und Modeikone. Die weibliche Bevölkerung richtete sich nach ihrem modischen Geschmack.

wikithe (Ausschnitt, via)

Fritzi Massary 1904 auf der Bühne.

Natürlich sehen die Frauen auf den Gesellschaftsbildern der Kaiserzeit aus heutiger Sicht zum Teil ziemlich matronig aus.

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Aber das ist eben unsere Sicht. Und auch eine Frage des Stylings, denn zu diesem Ballbild von 1904 fällt einem das Wort „Matrone“ eher nicht ein.

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Das Foto wurde auf dem  „Rattenball“ gemacht, mit dem in Berlin jährlich offiziell die Karnevalsaison eröffnet wurde. „Das Auftreten von Teilen der besten Gesellschaft“ erregte 1905 vor allem in der Presse großes Aufsehen.

Festzuhalten ist also, dass vor hundert Jahren der Durchschnitt der heutigen weiblichen Bevölkerung in unserem Land ganz zufrieden vor sich hin leben könnte, jedenfalls was das Gewicht angeht. Zu Dick (was auch immer das dann war) sollte man aber auch 1904 nicht werden – wie diese Anzeige gegen Korpulenz beweist.

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Schon hier wird ein ominöses Verfahren mit „Keine Diät, sicherer und rascher Erfolg“ beworben. Da hat sich in 100 Jahren nicht viel getan, nur die Maßstäbe für  Korpulenz haben sich verschoben.

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Ich werde jetzt jedenfalls voller Genuss dieses Stück Rhabarberkuchen essen, und dann vielleicht noch eins und noch eins. Endlich habe ich ein weltbestes Rhabarberkuchenrezept gefunden, und zwar HIER. (Ohne Kneten, Ohne Vorheizen, Ohne Warten. Man muss nur schlau sein und den Eischnee mit Zucker ZUERST schlagen, dann kann man den Quirl ohne Abwaschen gleich weiterbenutzen. Änderungen zum Rezept: Prise Salz in den Teig, mehr Rhabarber,  Mandeln auf Baiserhaube).

Morgen ist Pfingsten, so wie schon in Berlin im Jahre 1904.

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Da stehen alle an der Kaffee-Küche an. Frohe Pfingsten!

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Diese  Bilderserie ist nur möglich, weil die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mehrere Jahrgänge der Zeitschrift Berliner Leben digitalisiert und die Daten in die Public Domain entlassen hat. Weil die Scans gemeinfrei sind, kann ich im Blog Ausschnitte zeigen. Das erlauben noch nicht so viele Institutionen in Deutschland. Danke!

18 Gedanken zu “Runde Schönheiten 1904 und ein Kuchenstück

  1. Vielen Dank fürs ie Bilder…natürlich ist „dick“ immer auch eine Frage des Zeitgeistes. Und nach den heutigen Maßstäben ist heute der reich , der dünn ist, weil er Zeit hat sich zu optimieren, das War damals andersherum. Und natürlich gibt es auch weniger 40 er Jahre Bildchen mit dicken Frauen, es gab ja logischerweise nichts zu essen. Matronenhaft finde ich per se nicht schlimm, bedeutet für mich aber halt auch : jenseits von schick und sexy. Das war eher das was ich sagen wollte..:)
    Und dick und dünn ist immer auch eine Modeerscheinung und/oder eine kulturelle Haltung ( Naturvölker z.B.)
    Hätte ich das alles schon als junges Mädchen durchschaut und begriffen wären mir wohl einige Tränchen erspart geblieben.

    Vielen Dank du inspirierst mich immer sehr !!!
    Ganz liebe Grüße
    Stella

    • Tja, ab wann ist jemand dick, darüber denke ich schon so lange nach. Folgende Definition habe ich aus vielen aufgeschnappten Bemerkungen gezogen:
      Dick sind in der Regel die, die dicker sind als man selbst :-)
      Und wegen Matrone, da ist mir bei diesem Beitrag erst aufgegangen, dass ALT und dick das eigentliche Problem ist, aber das ist ein anderer Kriegschauplatz.

  2. Super, vielen vielen Dank mal wieder. Ich finde es toll dass du den Anlass genutzt hast und dafür extra recherchiert hast. Tolle Bilder!

    Und ich bereue es gerade sehr, keinen Rhabarber im Haus zu haben :)

    • Anlassbloggen macht einfach viel mehr Spaß.
      Und ja, das mit dem Kuchen war blöd getimed, brauch jetzt selber auch noch mehr Rhabarber #kuchenaufgegessen

  3. In einem Kochbuch aus dem 50er Jahren, das bei meinen Eltern im Regal stand, gab es im Diätkapitel nicht nur eine Diät zum Abnehmen, sondern auch einen Diätplan zum Zunehmen. Mehr muss man eigentlich nicht wissen, um zu erkennen, dass sich die Maßstäbe gewaltig verschoben haben. Und beim Blättern durch Prager Zeitungen der 1910er Jahre kam es mir so vor, als würden die Anzeigen für Stärkungsmittel „zur Kraftigung der Figur“ weit überwiegen gegenüber Mittelchen zur Gewichtsabnahme – ganz zu schweigen von den Inseraten für raffiniert gepolsterte Korsetts „für eine volle Büste“. Herrliche Bilder übrigens hier im Beitrag – und eine gute Erinnerung, dass die Modezeichnungen auch um 1900 weit entfernt von der Realität waren.
    Schöne Pfingsten!

  4. …Kräftigungsmittel zum Appetitanregen… Das braucht heute wohl niemand/niefraud mehr.
    Ein schöner Beitrag!! Früher war es eben so, dass man viel schneller an Krankheiten gestorben ist. Da waren ein paar Pfunde mehr auf den Rippen eine Lebensversicherung.

    Frohe Pfingsten!
    Petra

    • Ich glaube, ein paar Pfunde mehr auf den Rippen kann auch heute noch eine Lebensversicherung sein, wenn man an einer zehrenden Krankheit leidet; oder weniger dramatisch: früher hätte mir mit meinem Untergewicht eine starke Erkältung mehr ausgemacht als heute, wo ich jetzt zwar ein kleines Bäuchlein habe, aber mich ansonsten mit meinem etwas höheren Gewicht im großen und ganzen wohlfühle. Ich glaube auch, der Wunsch nach Schick- und Sexysein war um die Jahrhundertwende noch gar nicht so bekannt, sondern dass diese Attribute erst so um die 50er Jahre herum an Bedeutung gewannen. Wobei ich persönlich Sexiness ziemlich überbewertet finde. Eine selbstsichere und gelassene Ausstrahlung finde ich für mich erstrebenswerter, und diese Ausstrahlung finde ich auf diesen Fotos zum großen Teil wieder.

      • Gerade habe ich in derselben Berliner Zeitschrift, Ausgabe 1904, in einer Kurzgeschichte aufgeschnappt, was damals als sexy galt :-)
        Beschreibung einer Frau auf der Straße:
        „Donnerwetter, ein feudales Frauenzimmer! Dieses hübsche, frische Gesicht – diese Formen – dieser elastische, vornehme Gang – sein Blut kam in Wallung.“

  5. Liebe Schuschna,
    vielen Dank für diesen Beitrag und die Modeikone Fritzi Massary. Heute morgen kam im NDR eine Sendung, da musste ich an diesen Text und an deinen blog denken. Es ging um fahrradfahrenden Damen um 1900. Worüber die sich Gedanken machen mussten! Rock oder Hose (Skandal!), welchen Hut bei Gegenwind? Und wo zieh ich mich um, denn mit der Pluderhose spazierengehen, undenkbar! Ich hatte gehofft, dass es eine Podcasrauszeichnung davon gibt, die ich dir schicken kann, aber es wird nur heute nachmittag wiederholt. Der Beitrag heißt: Wie das „Damenfahren“ seinen Anfang nahm (1897/98) und wird gelesen von Donata Höffer. Hier das Programm von heute: https://www.ndr.de/info/programm/
    Vielleicht kann man das noch irgendwo auftreiben…
    Schöne Pfingsten noch,
    Scherbensammlerin

    • Vielen Dank für den Tipp. Ich habe es als Audiodatei auch nicht gefunden, schade. Heute nachmittag kann ich es leider nicht anhören.
      Dir auch einen schönen Pfingsmontag. Allen, die das hier lesen!

  6. Die Fotos zeigen schön, dass es schon immer eine Diskrepanz zwischen Modejournal und Realität gab. Die Kleidung ermöglichte aber doch schön Frau zu sein, denn sie entspricht dem weiblichen Körper. Ich denke sehr, dass mit der Veränderung der Kleidung auch ein neues Körperbild entstanden ist. Man hatte plötzlich weniger Stoff am Leib und ganz andere Teile werden betont. Viele Frauen, die wir heute als dick empfinden, würden in einem Kleid dieser Art nicht dick wirken. Aber Hosen, vorallem Jeans sind vom Schnitt meist konträr zum weiblichen Körper von der Form..
    Und es es bestimmt richtig, dass man sich erst mit dem Stand der heutigen Medizin leisten kann, dauerhaft sehr dünn zu sein ohne großen Schaden zu nehmen.
    lieben Gruß Karen

  7. Ich bin erst heute dazugekommen, deinen Post zu lesen – wunderbar. Und beachtenswert finde ich die Ausstrahlung, die Vally hat, gerade weil auch ihr Gesicht nicht so dürr ist. Das macht doch Mut, nicht immer nur ans Gewicht zu denken. Beim DRübernachdenken fällt mir ein, dass unsere liebste Tante die war, die uns verstand, die modern war. Figürlich gesehen war sie nicht attraktiv, aber uns Kinder verstand und einfach super war – Figur war egal.
    LG Ines

  8. Mal wieder spannend, dein Denkanstoss mit den Bildern. Interessanterweise galt dieses fülligere Schönheitsideal nicht im viktorianischen England (ging ja bis zur Jahrhundertwende.) Da gehörte es für die Damen der feinen Gesellschaft durchaus dazu, sich ätherisch runterzuhungern. Wie dies in Deutschland ein paar Jahre/ Jahrzehnte vor „deinen“ Bildern wohl aussah?

  9. Hallo Suschna,
    was für schöne Fotos! Und fast zum Schluss das Beste – Baiserkuchen!
    Vielen Dank für die tolle Bildauswahl.
    Liebe Grüße,
    Ulli

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